Aug 152016
 

Ziele werden nicht zufällig erreicht. Das Finale könnte es als notwendig erweisen, das Mögliche anders zu denken. – 

I.

Das Mögliche einmal anders gedacht? Mal sehen. In der physikalischen Welt scheint es recht einfach zu sein. Ereignisse haben Ursachen. Kräfte, Felder, Massen, was auch immer, wechselwirken und verursachen neue Ereignisse und Zustände. Die Gegenwart ist mit der Vergangenheit und mit der Zukunft fest verknüpft durch die Kausalketten. Das Eintreten mancher Ereignisse oder Zustände kann zwar nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, das ist aber nur eine andere Form des Determinismus. Die physikalische Welt ist demnach kausal geschlossen und deterministisch.

Für die Kosmologie bedeutet das: Aufgrund vorhandener Daten kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Ursprung und das Zustandsbild des Kosmos zu einem x-beliebigen früheren Zeitpunkt geschlossen werden. Dank der Laufzeit des Lichts können Objekte beobachtet werden, deren Alter Einblick in die Frühzeit des Kosmos geben können. Verlängert man die Entwicklungstendenzen des Kosmos in die Zukunft und berücksichtigt man die bekannten Kräfte, Energien und Massen, dann können Szenarien der Zukunft und des möglichen Endes des Kosmos mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Ein Beispiel dafür sind die sehr anregenden und wohl begründeten Überlegungen von Roger Penrose 1) über die „Zyklen der Zeit“. Dass seine Theorien nicht unwidersprochen geblieben sind, zeigt, dass noch zu viele Unbekannte in die jeweilige Prognose für die kosmische Entwicklung eingehen, die durch mehr oder weniger plausible Annahmen ersetzt werden müssen.

Nasa Hubble

NASA’s Hubble Looks to the Final Frontier (c) NASA

Die biologische Welt ist evolutionär bestimmt. Man könnte die Theorie der Evolution als eine Ausweitung der Prinzipien der Kausalität und des Determinismus auf die Entwicklung des Lebendigen ansehen. Die biologische Entwicklung ist demnach durch Mutation und Selektion bestimmt, die eine Anpassung an die jeweils erforderlichen Lebensbedingungen ermöglichen. So ergibt sich ein Verständnis der Evolution als Prinzip des Überlebens der am besten Angepassten (Survival of the Fittest). Die „Synthetische Evolutionstheorie“ erweitert  die klassische Theorie Darwins insbesondere um die Erkenntnisse der Genetik samt aktueller Epigenetik. Durch zufällige Mutation und natürliche Selektion lassen sich kaum Prognosen für zukünftige biologische Zustände treffen, da die Rahmenbedingungen von Umwelt und Populationsentwicklungen allenfalls vage beschrieben werden können. Insgesamt gilt der Prozess der Evolution aber als im Grunde zufällig und schon deswegen im Ergebnis als nicht vorhersehbar, wenngleich er in allen Einzelprozessen (Physik, Chemie, Biologie) als streng deterministisch verstanden werden kann.

In dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften sind die Theorien und Interpretationen ebenso zahlreich, wie die Zahl der Randbedingungen und Einzelgegenstände nahezu unbegrenzt ist. Das Auffinden eindeutiger Ursachen und auch nur ungefährer Voraussagen zukünftiger Verhältnisse und Zustände sind kaum unmöglich. Allenfalls lassen sich Tendenzen aufgrund eines ausgewählten Datenbestandes in Modellen berechnen. Doch wie weit Modell und Wirklichkeit einmal zur Deckung kommen, bleibt unbestimmt und ist eher zufällig. Da sind die kausalen Determinanten der Physik schon sehr viel klarer.

Es wird deutlich, dass in allen angeführten Bereichen der Zufall irgend eine Rolle spielt, wenn nicht eine wesentliche. Der kausalen Geschlossenheit in der Physik scheint eine unvorhersehbare Offenheit tatsächlicher Entwicklungen bei Tier, Mensch und Gesellschaft gegenüberzustehen. Aber ist der Zufall – Zufall? Der Gegensatz zum Zufall ist nicht der Determinismus, weil sich beide durchaus zusammen vertragen. Das Gegenstück ist vielmehr eine zugrunde gelegte Finalität. Dass Kosmos und menschliche Welt auf ein Ziel hin ausgerichtet sein könnten, gilt als ein typisch ideologisches oder religiös bedingtes Produkt des jeweiligen Weltbildes. Das muss nicht so sein. Man muss es nur anders denken.

II.

Bei der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft (einschließlich Politik, Technik, Wissenschaft) wird sich kaum eine Zielgerichtetheit ausmachen lassen. Zu sehr ist hier die Handlungsfreiheit des Menschen ausschlaggebend dafür, welche Richtung sich durchsetzen wird. Dabei wirken in einem Beziehungsgeflecht von steigender Komplexität die unterschiedlichsten Motive und Interessen zusammen. Entscheidungen und Handlungen einzelner mögen rational sein, aber immer wirken zugleich irrationale und emotionale Motive mit. Im Gesamtbild global vernetzter Gesellschaften dürften sich immer wieder chaotische Verläufe erkennen lassen. Wer dort bestimmte Tendenzen am Werk sieht, folgt meist einem internalisierten Weltbild oder einer vorgefassten Meinung über den Fortschritt, ‚Höherentwicklung‘ usw. Auch die gegenteilige Auffassung einer Degeneration ist einem Weltbild verhaftet, in diesem Falle einem negativen. Allerdings hat das schiere Wachstum der Größe der Weltbevölkerung tendenziell qualitative Aus- und Rückwirkungen, die hier nicht zu diskutieren sind.

Anders könnte es im Bereich der Biologie, d.h. der Entstehung des Lebens und seiner Formen insgesamt aussehen. Ob die evolutionäre Entwicklung tatsächlich zufällig verläuft und Bewusstsein ein kontingentes Ereignis ist, scheint mehr eine Glaubenssache als eine gesicherte Erkenntnis zu sein. Manche Philosophen wie Thomas Nagel gebrauchen die Metapher, dass das Universum im Menschen die Augen aufgeschlagen hat und so seiner selbst bewusst geworden ist 2). In dieser Sicht wären zwar nach wie vor die Prinzipien der Evolutionstheorie (Mutation & Selektion) gültig, aber darüber legte sich eine Tendenz, ein bias, die Leben als notwendige Voraussetzung für Bewusstsein ansieht und letztlich das Selbst- und Weltbewusstsein intelligenter Wesen als ein Ziel der Evolution erkennt. Leben und Bewusstsein wären dann nicht mehr kontingente Ereignisse, sondern notwendige Formen der Emergenz, die zu einem geistbegabten Kosmos führen. Diese so spekulativ klingenden Ansichten führen unmittelbar zum kosmologischen Problem des „Anthropischen Prinzips“.

Die Vertreter des „Anthropischen Prinzips“ (AP) sehen sich zwar immer wieder dem Ideologieverdacht oder dem Vorwurf religiöser Vereinnahmung ausgesetzt, wenn sie das Anthropische Prinzip teleologisch interpretieren, aber die nicht-teleologische Interpretation ist ebenfalls so voller spekulativer Annahmen, dass sie kaum als beleghaft gesichert gelten kann. Das AP besagt, „besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ 3). Die Argumentation unterscheidet sich bei verschiedenen Vertretern in „schwache“ und „starke“ Versionen des AP, aber sie laufen knapp gesagt darauf hinaus, dass die Rahmenbedingungen von physikalischem Kosmos und biologischer Evolution so angelegt sind, dass intelligentes, bewusstes Leben emergent entstehen konnte (schwaches AP), wenn nicht gar mit Notwendigkeit entstehen musste (starkes AP) – und dass dies eben kein Zufall war. Die Schwierigkeit der Annahme dieses Prinzips ist es, dass hier unzulässigerweise vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Andererseits – wie anders als auf der Basis des tatsächlichen Lebens mit seiner belegbaren Vorgeschichte kann auf eine faktische Entwicklungsrichtung bzw. Teleologie geschlossen werden? Es ist der Zirkel, in dem jede menschliche Erkenntnis steckt: sich selbst in seiner Geschichte zum Gegenstand der Erklärung und der Erkenntnis zu machen.

Noch kritischer ist allerdings die nicht-teleologische Interpretation des AP zu sehen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt aus der Wikipedia:

Die nichtteleologische Interpretation hat die Intention, als Unwahrscheinlichkeiten empfundene Gegebenheiten in der Kosmologie durch Selektionseffekte bei möglichen Beobachtungen zu erklären, welche durch die zur Existenz des Beobachters notwendigen Bedingungen verursacht werden. Insbesondere zusammen mit Viele-Welten-Modellen oder einem als unendlich (oder zumindest hinreichend groß) angenommenen Universum ist das anthropische Prinzip in der Lage, solche scheinbar teleologisch wirkenden Unwahrscheinlichkeiten nichtteleologisch zu erklären, und hat damit einen ausgesprochen antiteleologischen Charakter. Beispielsweise kann in einem unendlichen Universum mit räumlich variierenden physikalischen Konstanten ein Beobachter nur in solchen Bereichen existieren, und deshalb lokal nur solche Bereiche beobachten, in welchen diese Konstanten bewusstes Leben zulassen. Selbst ein Universum, das überwiegend lebensfeindlich ist, könnte so für einen Beobachter wie „gemacht“ für Leben erscheinen. – Der gegenwärtige Entwicklungsstand der Stringtheorie beinhaltet die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit des Nebeneinander-Existierens sehr vieler naturgesetzlich verschiedener Universen (typische Schätzungen nennen die astronomische Zahl von ca. 10500). Sollte sich diese noch spekulative Möglichkeit erhärten, wäre dies ein starkes Argument für die nichtteleologische Interpretation, eine dieser vielen Welten sei zufällig „lebensfreundlich“.

Der Text spricht für sich: Er enthält pure Spekulation. Das ist als solches nicht zu verurteilen, nur ist eine solche Auffassung um keinen Deut besser oder überzeugender oder beleghaft abgesicherter als die angegriffene teleologische Interpretation. Selbst hartgesottene Materialisten unter den Naturalisten können sich über die Plausibilität von Viele-Welten-Theorien und diverser String-Theorien kaum einigen. Es sind faszinierende (mathematische) Modelle – aber eben Modelle mit spekulativen, d.h. nicht belegbaren Grundannahmen, die ‚idealistischer‘ sind, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Was also spricht sonst noch gegen eine teleologische Interpretation?

Es ist im Grunde die Gleichsetzung einer teleologischen Interpretation mit einem religiösem Weltbild und der These vom „intelligent design“. Hinter dem Telos vermutet man sogleich den göttlichen Schöpfer, und die Lehre (als solche müsste man sie bezeichnen) vom intelligent design gilt als eine pseudowissenschaftliche Theorie des Kreationismus. Nur – wer legt hier fest, was genau ‚wissenschaftlich‘ heißt 4)? Auch die Viele-Welten-Theorie kann man nur ‚glauben‘, auch wenn sie manchen Kosmologen mathematisch plausibel erscheinen sollte. Vielleicht kann aber noch eine andere Ansicht Plausibilität gewinnen. Eine teleologische Interpretation des AP muss nicht zwingend religiös oder kreationistisch sein, – und das AP für sich genommen hat eine Menge Plausibilität, wenn man sich die Details hinsichtlich der Feinabstimmung der Naturkonstanten 5) und der als kontingent schwer verständlichen Entstehung von Leben und Bewusstsein ansieht. Es wäre eine Teleologie zu denken, die nicht von außen als „fremder“, göttlicher Wille übergestülpt erscheint, sondern als eine Finalität, die in der unbelebten und belebten Natur selber enthalten ist.

Aristoteles hat in dieser Richtung gedacht. Er unterschied zwischen Wirkursache (causa efficiens) und Zweckursache (causa finalis), wobei sich Wirkursachen auf Handlungen und Zweckursachen auf Ereignisse beziehen, Man kann die causa finalis auch als Funktion natürlicher Gegebenheiten interpretieren. Aristoteles verankert seine Lehre von den verschiedenen Ursachen ontologisch in seiner Lehre von Substanz und Form. Daraus konnte später eine komplexe theistische Theorie der zielbestimmten Form werden, in der sich der Wille Gottes verwirklicht (→ Scholastik) oder ein lebensphilosophischer Ansatz, wie J.W. v. Goethe ihn formuliert: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Urworte Orphisch). So weit muss man nicht folgen, wie es auch mehr darum gehen sollte, Gedanken des Aristoteles als Denkanstöße aufzunehmen.

Man kann es so denken, dass die Entwicklung von Kosmos und Mensch, vom Materie und Energie, Kräften und Feldern ebenso wie von Lebensformen pflanzlicher, pilzlicher und tierischer Art bis hin zur Entwicklung von Bewusstsein (nicht nur, aber vor allem) beim Menschen einem von Anfang an bestehenden Gefälle folgt, einer Drift, einem bias, der in entgegengesetzter Richtung auch als Attraktor gelesen werden kann. Eine solche Drift muss auch nicht panpsychistisch aufgelöst werden – eine weitere vermeidbare Spekulation. Die Wirklichkeit kann durchaus in verschiedenen Seinsbereichen („Sinnfeldern“ bei Markus Gabriel) interpretiert werden, die nicht monistisch, dualistisch oder universalistisch in einer „GUT“, einer Grand Unifying Theory, zu vereinheitlichen sind. Dennoch könnte man eine solche Drift in verschiedensten Formen in den jeweiligen Seinsbereichen entdecken: energetisch in der asymmetrischen Richtung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik ebenso wie in der Ausbildung eines hochentwickelten reflexiven Bewusstsein aus früheren Stufen der anfänglichen Bewusstheit. Auch die Entstehung des Lebens wäre in dieser Sichtweise nicht einem kontingenten Ereignis des Eintrags kosmischer „Bausteine des Lebens“ und / oder einer zufälligen Emergenz zu verdanken, sondern einer Tendenz von Molekülen und Makromolekülen, sich zu eben diesen Bausteinen des Lebens aus den verschiedensten Eiweißen zusammen zu fügen. Das Datenmaterial, auf das sich die Interpretation stützt, bleibt dasselbe. Der Unterschied zur Ansicht einer zufälligen, willkürlichen Entwicklung besteht darin, dass nun dem Kosmos insgesamt eine Tendenz und Richtung zugesprochen wird, die aus den in ihm enthaltenen Möglichkeiten Notwendigkeiten werden lässt. Leben und Bewusstsein, Quantentheorie und Geistesentwicklung usw. folgen einer gemeinsamen Richtung und Linie, die zu intelligentem Leben in einer intelligiblen Welt führt.

Was nun das angestrebte Ziel betrifft, wenn von einer teleologischen Interpretation mit einer zu entfaltenden teleologischen Ontologie die Rede ist, dann wird man sehr zurückhaltend sein müssen. Nichts ist so unbekannt wie die Zukunft. Ob der Mensch in der jetzigen Form, der Kosmos in seiner heute wahrnehmbaren Gestalt und die Erkenntnis gemäß ihrer heutigen Fähigkeit und Möglichkeit bereits das Ende der Leiter sind, – ob es weitere Leitern gibt oder wir schon dabei sind, auf unserer Leiter abzustürzen, um anderen Lebensformen einen Aufstieg zu ermöglichen, ist unergründlich. Das Telos ist etwas, dem sich eine Entwicklung allenfalls asymptotisch anlehnt, vielleicht tatsächlich, ohne es je zu erreichen. Vielleicht zielt aber „alles“ auch auf das Finale, was auch immer das sein mag und das uns ebenso wenig und genau bekannt ist, wie das, was wir mit dem „Big Bang“ umschreiben. Jedenfalls bleibt eine solche teleologische Interpretation auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Datenmaterials, ohne sich dadurch apriori auf „Zufall“ oder „Materialismus“ festlegen zu lassen. Eine teleologische Beschreibung von Mensch und Kosmos ist zudem wahrscheinlich dem Alltagsverstand viel näher, als es die Abstraktion auf die Wirkung des Zufalls zum Beispiel in der Evolution verlangt.

Wer mag, kann diesen Ansatz, Wirklichkeit anders zu denken, nämlich in einer teleologischen Dynamik als notwendige Realisierung angelegter Möglichkeiten, auch als eine Wiederaufnahme Hegels verstehen. Man kann sie auch theistisch beerben und religiös weiterführen. Diese Interpretation ist in verschiedenen Hinsichten und in unterschiedlichen Richtungen anschlussfähig. Das macht aus meiner Sicht ihre Stärke aus. Ihre Plausibilität gewinnt sie allerdings nur dann, wenn einen die nicht- oder antiteleologischen Verbote nicht schrecken. 6)

 


Anmerkungen

1) Roger Penrose, Zyklen der Zeit. Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums, 2011 [zurück]

2) Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2013, S. 125: „Jedes einzelne Leben bei uns ist ein Teil des langwierigen Prozesses, in dem das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird.“ [zurück]

3) zitiert nach Wikipedia, Anthropisches Prinzip (Fassung 08-2016); vgl. dazu insgesamt Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, 2008 [zurück]

4) vgl. dazu sehr erhellend Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. Eine späte Erwiderung auf Ansgar Beckermann, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2016 / 64(1) S. 20 – 44 „Es ist also nicht so, dass keine empirischen Daten für übernatürliche Phänomene vorlägen, und daher angenommen würde, es gäbe nur „Natürliches“, sondern tatsächlich so, dass Naturalisten aufgrund ihres methodischen Apriori auf natürliche Entitäten und naturwissenschaftliche Erklärungen festgelegt sind.“ S. 26 [zurück]

5) Im Einzelnen zählen hierzu unter anderen die weder mathematisch noch physikalisch in ihren konkreten Werten abzuleitenden Größen der Lichtgeschwindigkeit, des Planckschen Wirkungsquantums und der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante 1/137, ferner das Zusammenspiel der Naturkonstanten in der sogenannten Feinabstimmung. [zurück]

6) Es wäre noch einiges Genauere zu den Modalverhältnissen zu sagen, ebenso bleiben reflexive (sog. „selbstlernende“) und fraktale Systeme unerwähnt, – vielleicht einmal an anderer Stelle. [zurück]

Jul 202014
 

Naturwissenschaft auf dem philosophischen Prüfstand (5)

[PhilosophieNaturwissenschaft]

Das nicht-theistische Weltbild kennt keinen Gesetzgeber. Es grenzt sich als allein wissenschaftlich korrekt von anderen zum Beispiel theistischen oder spezifisch religiösen Weltbildern ab. Aus dieser wissenschaftlichen (d.h. nicht-theistischen, naturalistischen) Sicht enthalten andere Weltbilder kein vernünftiges Wissen. Aus theistischer Sicht dagegen verkennt die moderne Naturwissenschaft, dass Wissen weiter gefasst werden muss, als es die Prinzipien der Rationalität und der Kausalität zulassen. Ein kausal geschlossenes Weltmodell kann per definitionem keine nicht-natürlichen, gemeint ist: keine nicht-materiellen Ursachen anerkennen. Die Annahme nicht-physikalischer Ursachen führt bloß zu einer Überbestimmtheit. Diese kontroverse Diskussion ist in der angelsächsischen philosophy of mind während der vergangenen fünfzig Jahre erschöpfend und letztlich ziemlich fruchtlos geführt worden.

Die andere kontroverse Diskussion zwischen materialistischen Naturwissenschaften und den Vertretern eines intelligent design wird zwar auch überwiegend im angelsächsischen Raum geführt, hat aber darüber hinaus Auswirkungen auf die europäische Diskussion. Derzeit ist diese Diskussion mangels prominenter Stellungnahmen zwar abgeebbt, sie kann aber jederzeit wieder aktuell werden. Die Stärke der Vertreter eines intelligent design (also der Position, Zufall allein könne die Naturphänomene nicht erklären, sondern diese verwiesen auf ein intelligentes Ordnungsprinzip jenseits der Naturgesetze) liegt darin, auf offensichtliche Schwächen eines geschlossenen kausalen materialistischen Weltbildes hinzuweisen. Zuletzt hat der US-Philosoph Thomas Nagel die Gründe dieser beiden Positionen übersichtlich dargestellt und abgewogen (Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2012 (en); 2013 (de), bes. S. 26 – 54). Nagel schlägt die Öffnung des naturalistischen Weltmodells auf eine teleologische, also zielorientierte Modalität hin vor. Vielleicht liegt aber der eigentliche Knackpunkt des Streites über die Wissenschaften noch ganz woanders, nämlich in der Bedeutung und Funktion des Zufalls.

Naturwissenschaftliches Denken ist längst nicht mehr auf kausalen Determinismus fest gelegt. Besonders durch die Evolutionstheorie im Bereich der Entstehung des Lebens und der Entwicklung der verschiedenen Lebensformen (Arten nannte es Ch. Darwin) ist der Zufall der Veränderung neben dem kausalen Druck der Anpassung zu einem ausschlaggebenden Faktor geworden. Genauer durchdacht und theoretisch gefasst wird diese Bedeutung des Zufalls in Chaostheorien und Theorien der Selbstorganisation. Hier haben mathematische und komputationale Ansätze das Denken in Richtung Systemtheorie wesentlich voran gebracht. Ein Blick in die (englische) Wikipedia zum Stichwort self-organization zeigt allerdings auch, in wie vielen unterschiedlichen Wissensbereichen dieser Begriff heute gebraucht wird und Lösungen verspricht. Er scheint zu einer Art Schlüsselbegriff neuerer wissenschaftlicher Theoriebildung geworden zu sein. In ihm werden Kausalität, Determination und Zufall zusammen gebunden. Kein Wunder also, dass sich Selbstorganisation als Lösungsansatz für die verschiedensten Wissensbereiche und Theoriemodelle anbietet, denn der Zufall ist es ja, der die deterministischen Kausalitätsargumente stört – und ihnen andererseits einen wirklichkeitsnahen Ausweg bietet. Es lohnt sich daher, genauer auf diese Begrifflichkeit einzugehen.

Geht man von der Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit aus, dann hat der Begriff Zufall den Gottesbegriff beerbt. Vermittler ist hierbei der Begriff Natur. Spinoza hat durch seine berühmte Formel deus sive natura zunächst die Austauschbarkeit beider Begriffe gezeigt und in der weiteren Entwicklung die Ersetzung des Gottesbegriffs durch einen umfassenden Naturbegriff ermöglicht. Der ist aber bis heute weitgehend diffus geblieben, unpräzise, wird schon gar nicht im Sinne Spinozas als umfassender Substanzbegriff verwandt, sondern eher als Stellvertreter für eine Lücke. Man kann durchaus mit einiger Berechtigung fragen, ob der heutige Naturbegriff überhaupt eine konkrete Extension hat, also ob er überhaupt etwas Abgrenzbares bedeutet. Umgangssprachlich ist die Natur entweder gleichbedeutend mit dem „Grünen draußen“ – im Unterschied zur Stadt – als Erholungsraum oder als Produktionsgebiet unserer Lebensmittel. Das Wort Natur wird aber auch in einem umfassenderen Sinne gebraucht für alles, was nicht vom Menschen gemacht, sondern eben natürlich vorhanden ist. Natur wird darin als etwas dem Menschen Widerständiges erfahren und beschrieben. Naturgewalten sind bedrohlich, die Natur holt sich zurück, was der Mensch frei gibt. Gegen die Natur kann keiner. Natur ist das, was uns letztlich bestimmt und sich auch gegen uns am Ende durchsetzt. Der Tod ist unser natürliches Ende. Andererseits ist „Mutter Natur“ Spenderin alles Guten, vor allem des Lebens usw. In fast all diesen Ausdrücken und Verwendungen des Begriffs Natur wird diese personalisiert. Sie erscheint dann als etwas Einheitliches, Abgrenzbares, Bestimmtes, aktiv Handelndes und Wollendes zu sein – eigentlich ein Wesen wie Gott.

Recht unterschiedlich von diesem summarischen und personalistischen Gebrauch des Wortes Natur im Allgemeinverständnis ist der Begriff Natur in der Wissenschaft. Natur ist hier das Materiell-Wirkliche schlechthin. Natur ist gewissermaßen das Gesamt aller Teilchen, Kräfte, und Felder, aus denen sich die Welt aufbaut, wie sie in Physik, Astronomie, Chemie und Biologie präzise zu beschreiben und kohärent zu erklären versucht wird. Dabei hat sich eine streng deterministische Sicht der Zusammenhänge als nicht ausreichend gezeigt. Die Wirklichkeit ist offenbar komplexer. In der Evolutionsbiologie und in der Quantenmechanik spielt auf einmal der Zufall eine wesentliche Rolle. Die eindeutige Vorhersagbarkeit, wie man es bis dahin von Experimenten her kannte, gab und gibt es nicht mehr. Neue Theoriebildungen mussten hinzu gezogen werden, welche die funktionale Bedeutung des Zufalls berücksichtigten. Der Zufall aber ist und bleibt auch hier ein ungeliebter Hilfsbegriff. „Kontingent“ sagt der Wissenschaftler, wenn er etwas zwar Mögliches, aber nicht kausal Notwendiges meint. Aber wer oder was steuert dann diesen Zufall eigentlich? Im nicht-theistischen Weltbild ist der ungeschützte, fast personal gebrauchte Begriff Natur obsolet. Zufall beschreibt aber eher eine Lücke des Verständnisses. Hier hilft nun das Theorem der Selbstorganisation. Das „… selbst“ wird zum Subjekt aller nicht-deterministischen, chaotischen, bifurkativen Prozesse. Der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine hat hier im Bereich der Naturwissenschaften, insbesondere der Thermodynamik, neue Verständniswege beschritten (zur Dynamik dissipativer Systeme). System-, Spiel- und Chaostheorie haben die mathematischen Grundlagen dafür bereitet. Bei Manfred Eigen (Eigen / Winkler, Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall, 1975) werden Spieltheorie und Selbstorganisation für das Verständnis dynamischer Ordnungszustände fruchtbar gemacht. Heutige komputationale Modelle (in der Anwendung zum Beispiel Wettermodelle, Klimamodelle) „rechnen“ fest mit dem Zufall, bzw. mit den chaotischen Prozessen der Selbstorganisation komplexer Systeme. Die Systemtheorie wird gewissermaßen zum Schweizer Messer aktueller wissenschaftlicher Methodik. Voraussagbarkeit ist hier ganz entscheidend eine Frage der Rechenkapazität, die allerdings nur Näherungen bieten kann. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Dennoch bleibt die unbequeme Frage: Wer ist eigentlich das „Selbst“ in aller Selbst-Organisation von Natur, Prozess, System?

Wenn sich Naturprozesse und vor allem Gesetzlichkeiten von selbst organisieren, so spielt das Selbst hier vor allem auf die Realität des Zufalls an: Niemand, kein Gott, hat diese Gesetze geplant oder gewollt oder auferlegt. Sie sind auch nicht Ausdruck einer organischen Funktionalität und Reflexivität, sondern sie haben sich »von selbst« ergeben, ohne auferlegt worden zu sein oder aus einer der Natur immanenten Notwendigkeit zu resultieren. (M. Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs, 2007 S. 130)

Die von Hampe zuvor angeführte Analogie der „von selbst“ ins Schloss fallenden Tür hinkt offensichtlich, denn hier ist es ja der Wind oder die Schwerkraft, die das „von selbst“ auslöst. Sich selber organisierende Prozesse sind aber gerade solche, auf die keine weitere Ursache „von außen“ einwirkt. Dann ist das Selbst in der Selbstorganisation aber doch wieder entweder der Zufall oder – irgend etwas anderes.

Hyperwürfel

„8-cell“ by Jason Hise – Wikimedia

Diese Antwort mag unbefriedigend sein. Selbstorganisation soll ja gerade einen immanenten dynamischen Prozess bezeichnen, der sich nur auf sich selbst bezieht und auch die Dynamik aus sich selbst gewinnt. Bei fraktalen Mustern mag das noch überzeugen, aber schon im Bereich der biologischen Evolution, gar der Entstehung und Evolution des Lebens überhaupt, ist „Selbstorganisation“ nur eine Chiffre für Zufall, und dieser wiederum ein Glaubenssatz, den man mit gleichem Recht auch durch „Gott“ ersetzen könnte – womit wir wieder bei der strittigen Diskussion um das intelligent design wären. Ich persönlich halte das Konzept des intelligent design für einen Kurzschluss, für einen allzu bequemen und in sich gleichfalls nicht logischen Ausweg (siehe das Problem der Überbestimmtheit). Das Theorem der Selbstorganisation führt zwar entscheidend weiter, hält aber längst nicht alles, was es verspricht. Ein logisches Modell wie das „Game of Life“ ist zwar eine verblüffende und einleuchtende Simulation von Selbstorganisation (zellulärer Automat), aber es ist eben nur ein mathematisches Spiel. Der Zufall in der Quantendynamik oder in der Evolution ist aber von anderer Qualität. Er bezeichnet eher etwas, was einfach noch nicht recht verstanden ist. Nur mathematisch lässt sich der Zufall mit Wahrscheinlichkeiten in den Griff bekommen. Vielleicht weist dies aber in die Richtung einer besseren Lösung.

Es könnte sein, dass der in der Natur herrschende Zufall mehr im Auge des Betrachters liegt. Wenn Wissenschaft als das Bemühen beschrieben werden kann, ‚Ordnung in das Chaos‘ der vielfältigen Erscheinungen in der Welt um uns und in uns zu bringen, dann ist es in erster Linie der betrachtende, ordnende und erklärende Mensch, der mit seiner Vernunft nach Mustern und Strukturen sucht, die die Phänomene der Natur möglichst angemessen beschreiben. Offenbar reichen die Muster der Determination und der Kausalität nicht aus, eine den natürlichen Erscheinungen adäquatere Ordnung zu etablieren. Aber ebenso wie es in der Mathematik gelang, mit Unendlichkeiten zu arbeiten (Infinitesimalrechnung), mit n-dimensionalen funktionalen Räumen zu operieren (Hilbert-Raum) und nicht-euklidische Geometrien zu entwerfen (Riemann), was sich insgesamt als geeignete Werkzeugkiste für die Relativitätstheorie und die Quantenphysik erwies, so lässt die Stochastik und die Chaosforschung nichtlinearer Dynamiken Muster der Beschreibung und des Verstehens erkennen, die das, was wir sonst Zufall nennen, als eine andersartige, vielleicht im Wortsinne eigen-artige Organisation natürlicher Erscheinungen zum Vorschein bringt. Dann müsste der Zufall nicht die unerklärliche, sich „von selbst“ ereignende Lücke bezeichnen, wie er das in Alltag und Umgangssprache mit hinreichender Anschaulichkeit tut. In der wissenschaftlichen Theorie aber könnten nichtlineare Muster und dynamische Formen vielleicht dasjenige sein, was sich in den komplexen Phänomenen der Natur hinter der ‚Organisation des Zufalls‘ verbirgt.