Dez 222013
 

[Philosophie]

Thomas S. Kuhn hat in seiner Studie „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ aus dem Jahre 1962 den Begriff des Paradigmas geprägt. Als „Paradigmenwechsel“ ist es in die Gegenwartssprache eingegangen, um einen grundlegenden Wechsel der Perspektiven oder Strategien anzuzeigen. So verallgemeinert kann der Begriff des Paradigmas auf viele Bereiche der Politik oder der Zeitgeschichte übertragen werden. Ursprünglich hat Kuhn ihn benutzt, um hauptsächlich für die Naturwissenschaften den Stand der „normalen Wissenschaft“ oder anders gesagt der Schulwissenschaft zu definieren.

… die Rolle dessen in der wissenschaftlichen Forschung zu erkennen, was ich seitdem „Paradigmata“ nenne. Darunter verstehe ich allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zweit einer Gemeinschaft von Fachleuten maßgebende Probleme und Lösungen liefern. (S. 10)

[Es handelt sich um Grundprinzipien einer Forschungsgemeinschaft, die] „denselben Regeln und Normen für die wissenschaftliche Praxis verbunden [ist]. Diese Bindung und die offenbare Übereinstimmung, die sie hervorruft, sind Voraussetzungen für eine normale Wissenschaft, d. h. für die Entstehung und Fortdauer einer bestimmten Forschungstradition. (S. 26)

Paradigmata begründen Theorien, Gesetze, Regeln und Standpunkte. Das ist bemerkenswert. Nach Kuhn sind Paradigmata so etwas wie der grundlegende Forschungsrahmen, der allererst Theorien und Gesetzmäßigkeiten erkennen lässt. Er definiert Fragestellungen und Problemlösungen. Auf dem Feld der Naturwissenschaften gehört ein Paradigma zur Bedingung erfolgreich verlaufender Forschung.

In seinem Buch geht es Kuhn vor allen Dingen um die Beschreibung und Kennzeichnung dessen, was „wissenschaftliche Revolution“ genannt wird. Dafür arbeitet er gewissermaßen als Hintergrundfolie das Paradigma heraus, die Normalwissenschaft mit ihren Leistungen. Erst wenn sich Anomalien häufen, wenn Beobachtungen zu Tage treten, die unerwartet sind, weil sie in den Kontext der bisherigen Fragen und Problemlösungen nicht hinein passen, wenn Versuchsanordnungen zufällig Ergebnisse hervor bringen, die niemand vorher gesehen hatte (z. B. Röntgen-Strahlung), kommt es zu einer Änderung der Regeln und Fragestellungen und, wenn die Änderungserfordernis groß genug ist, zu einem Wechsel des Paradigmas. Die Grundeinstellungen werden aufgrund neuer Tatsachen neu justiert. Interessant ist dabei, dass daraufhin auch frühere, als gesichert geltende Ergebnisse überprüft werden müssen, ob sie im Licht der neuen Paradigmata noch Bestand haben. Ein Paradigmenwechsel verändert also die gesamte wissenschaftliche Landschaft einer bestimmten Forschung. Alte Erklärungen werden revidiert, neue Fragen und Probleme tauchen auf und warten auf vertiefende Erforschung. Das neue Paradigma bildet sich aus (z. B. Maxwell – Gleichungen; Plancks Wirkungsquantum).

Die Beispiele zeigen: Kuhn bezieht sich als früherer Physiker in erster Linie auf die Naturwissenschaften, bezieht aber immer wieder auch die Sozialwissenschaften in seine Überlegungen ein. Sein Ansatz ist wissenschaftsgeschichtlich orientiert. In den vergangenen zwei bis drei Jahrhunderten haben naturwissenschaftliche Paradigmata das wissenschaftliche Weltbild entscheidend geprägt. Kuhns Erkenntnisse über das Paradigma und einen Paradigmenwechsel sind aber mit gewissen Modifikationen auf andere Bereiche der Wissenschaften übertragbar. Paradigmata machen eine ungeheure Vertiefung und Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Erkenntnis in Fachdisziplinen möglich.

Mich interessiert aber derzeit mehr, wie weit wissenschaftliche Paradigmata (oder wie wir heute zu sagen pflegen „Paradigmen“) den Blick verengen und neue Erkenntnisse für eine lange Zeit geradezu verhindern. Fachdisziplinen und Schulmethoden zementieren auch die Blickrichtung von Fragestellungen und Lösungsansätzen für Probleme („Rätsel“, „Puzzle“ nennt es Kuhn). Problemlösungen werden nur dann als richtig anerkannt, wenn sie das erwartete Gesamtbild ergeben – wie beim Puzzle. Genau so scheint mir die Lage bei den Neurowissenschaften zu sein, ähnlich auch bei den heutigen Entwürfen einer Theory of Mind oder bei grundlegenden Ansätzen der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie. Man weiß allzu genau, was erwartbar ist und was nicht. Andere Beobachtungen und Einstellungen werden ignoriert. Wenn meine Vermutung nicht ganz falsch ist, dann könnte in diesen Feldern der Wissenschaft ein Wechsel der Paradigmen bevor stehen.

Wer sich nicht den etwas obskur anmutenden Out-of-Body – Erlebnissen eines Thomas Metzinger als Beispiel einer neurophysiologischen Bewusstseinstheorie anvertrauen möchte; wer den Streit über Qualia oder Emergenz nicht als der Weisheit letzten Schluss in der analytischen Philosophie und Neuropsychologie ansehen kann; wer den Konstruktivismus welcher Schattierung auch immer nicht als die selbstverständliche Basis vernünftiger Theoriebildung überhaupt etablieren möchte; wer die kosmologische Selbstgewissheit eines Stephen Hawking zwar für geistreich, aber kaum für mehr als Spekulation halten kann – der gerät heute sehr schnell an die Grenzen der anerkannten Wissenschaften. Oder sollte ich sagen: an die anerkannten und für unabänderlich gehaltenen Grenzen der Wissenschaft? Paradigmen ändern sich, wenn sich standardwissenschaftliche Anomalien häufen oder tatsächliche Phänomene überhaupt nicht mehr erfasst werden. Dies ist aus meiner Sicht heute der Fall. Darum drängt sich ein allmählicher Wechsel der Perspektiven und damit der Paradigmen auf. Das materialistische, physikalistische Paradigma gerät sehr deutlich an seine Grenzen.

Der Altmeister der angelsächsischen philosophischen Diskussion der letzten Jahrzehnte, Thomas Nagel (klassisch sein Aufsatz „What is it like to be a bat?“ 1974) hat in seinem jüngsten Buch „Mind and Cosmos“ (2012, deutsch: Geist und Kosmos 2013) sehr einleuchtend begründet, „warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ (Untertitel). Da wird an einem mächtigen Paradigma sehr heftig gerüttelt. Seine Schrift ist zwar insbesondere im US-amerikanischen Kontext zu verstehen, aber ebenso gut für die „kontinentale“ Diskussion hierzulande wertvoll. Peter Bieri ist hier schon länger eingeführt als ein Mahner und Warner vor einem weltanschaulich – naturwissenschaftlichen Paradigma. Es gibt weit mehr Beispiele dafür, dass sich etwas bewegt. Noch nie war die wissenschaftliche Erkenntnis verbunden mit einer bestimmten Grundüberzeugung, Kuhn nennt es Paradigma, endgültig. Paradigmenwechsel kündigen sich langsam an. Wir sind anscheinend im Übergang begriffen. Noch fehlt der Zündfunke.