Entelechie

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Nov 132015
 

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu bestimmen. Das naturalistische Weltbild hat mit der Perfektion der kausalistischen Welterkenntnis und Welterklärung in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur durch die konsequente Anwendung  eines naturalistisch-materiellen Begriffs von Ursache und Wirkung und daraus folgend von kausaler Geschlossenheit der Wirklichkeit als ganzer sind die gewaltigen Erfolge und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik möglich und verständlich geworden.

Das, was ist, wird somit als ein bestimmtes Ergebnis einer Kette von Ursachen verstanden. Genaue Aussagen über die Zukunft sind dann und insofern möglich, wenn alle Ursachen, die auf etwas einwirken, bekannt sind. Pierre-Simon Laplace hat dies Prinzip präzise formuliert; es wurde als Metapher vom „Laplaceschen Dämon“ bekannt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ (1814, zitiert nach Wikipedia)

Dass die Kenntnis aller möglichen Ursachen einer Tatsache in offenen Systemen unmöglich ist (volkstümlich veranschaulicht durch den Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Sturm auslöst; den Sack Reis, der in China umfällt usw.), kann das Laplacesche Prinzip nicht widerlegen. Es gilt tatsächlich für alle Labor-Bedingungen und naturwissenschaftlichen Experimente: Die Versuchsanordnung (= geschlossenes System) soll nur exakt bestimmte Bedingungen als Ursachen zulassen und alle Nebenbedingungen (Störungen) möglichst ausschließen oder zumindest mit Hilfe von Durchschnittswerten heraus rechnen. Insofern ist das Kausalitätsprinzip das bestimmende Prinzip aller naturwissenschaftlich begründeten Forschung und Wissenschaft geworden.

Über das Entstehen wird also als Wirkungen infolge von Ursachen etwas ausgesagt. Nicht in gleicher Weise wird jedoch etwas über das Vergehen gesagt oder gewusst. Die Beendigung eines Zustandes aufgrund äußerer Störungen oder aufgrund des Wegfalls konstitutiver Bedingungen und wesentlicher Ursachen ist nicht dasselbe. Der Begriff Vergehen bezeichnet ein Geschehen, das etwas anderes ist als nur Deprivation, also das Fehlen von etwas. Das Sterben ist noch anders zu beschreiben und zu verstehen als nur als das Aufhören von etwas. Der Tod ist zwar das Ende des Lebens, aber das Sterben als Prozess eines Abnehmens und Vergehens hat noch „Aktiva“ in sich, die dann am Ende, im Tod, endgültig aufhören. Auch thermodynamisch ist wachsende Entropie durchaus ein aktiv zu verstehender und nicht bloß ein defizitärer Prozess. Die höchste Form der Entropie kann als Kulminationspunkt größtmöglicher Information verstanden werden (vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker). Interpretiert man Leben als Entropie-Aufschub, so ist Sterben sich wieder durchsetzende Entropie: Auch ‚Abnehmen‘ hat seine Ursachen, die aber umgekehrt zum Prozess des Entstehens verlaufen. Bei biologischen Systemen ist der programmierte Zelltod (Apoptose) konstitutiv. Was aber führt zum Entstehen, was zum Vergehen? Diese Frage berührt nicht nur Lebewesen, sondern ebenso bloße Materie: Was bringt die Sonne zum Erglühen und Verglühen?

Kausalität als solche hat noch keine Richtung. Sie konstruiert nur eine Verkettung von Dingen und Ereignissen in der Abfolge von Ursachen und Wirkungen. Eine Richtung kommt erst durch den Gedanken der unumkehrbaren Zeit und der Evolution hinzu. Der Evolutionsgedanke ist geradezu die Verknüpfung von Kausalität mit der gerichteten Zeit. Nun werden auch kausal verknüpfte Dinge und Sachverhalte in einer zeitlich nach „vorne“ offenen Abfolge angeordnet. Nur im Rückblick ergibt sich ein verstehbarer Zusammenhang, der als Entwicklung beschrieben werden kann. Auch diese gilt nicht nur für biologische Gegebenheiten, sondern ebenso für kosmologische Prozesse. Der Evolutionsgedanke ist zum vielleicht mächtigsten Werkzeug des Verstehens in den vergangenen hundert Jahren geworden. Der Kosmos und das Leben entwickeln sich nach allgemein gültigen Naturgesetzen von einem Keim (Urknall, Urzelle) zu hoch komplexen energetisch-materiellen bzw. bio-chemischen Zuständen, die in sich als dynamische Systeme unterschiedlicher Art beschreibbar sind. In der Biologie bestimmen Variation und Selektion den Fortgang der Entwicklung, in der Kosmologie sind es letztlich die Gesetze der Thermodynamik, welche die Richtung vorgeben. Dasjenige, was als Naturgesetz erkannt ist, liefert gewissermaßen die Regeln, nach denen kausal verknüpfte Entwicklung hier wie dort verläuft. Äußere Einflüsse und Zufälle (kontingent: nicht notwendig, aber möglich) bestimmen dabei die Entscheidungspunkte, ab denen eine Entwicklung so oder anders verlaufen kann. Ist Variabilität so etwas wie der bunte und vielfältige Bio-Baukasten der Natur, so bestimmt Selektion die konkrete Auswahl in einer gegebenen Situation. In der Kosmologie muss man dagegen von Wechselwirkungen, Überlagerungen und Potentialen sprechen, welche die (makro-) physikalischen Prozesse beeinflussen. Rückwärts gesehen ist jede Entwicklung kausal mit einem vorhergehenden Zustand verknüpft und also nachvollziehbar, sobald man alle Entwicklungsstufen kennt. Spannend sind dann die kontingenten Ereignisse, die eine Entwicklung bestimmen und in eine neue Richtung lenken. Weiterer Hypothesen bedarf es nicht, um Entwicklungen naturalistisch zu verstehen. Schon der erwähnte Simon-Pierre Laplace erklärt auf die Frage nach Gott: „Eine solche Hypothese brauche ich nicht.“

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KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe's Urworte Orphisch 1912

KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe’s Urworte Orphisch 1912

Aber ist die Geschlossenheit kausaler Verknüpfungen in einer evolutionären Abfolge, die, was die Zukunft angeht, letztlich vom Zufall bestimmt ist, wirklich überzeugend? Auch der Zufall kann immerhin noch deterministisch verstanden werden, das „Zufallsprinzip“ hat sehr unterschiedliche Aspekte. Kausale Nichterklärbarkeit muss sowohl von Unberechenbarkeit wie von Unvorhersagbarkeit begrifflich abgegrenzt werden. Andererseits rechnen Vertreter der Quantenphysik (z.B. Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall) durchaus mit dem „echten“ Zufall (Nichtvorhersagbarkeit) in einer nicht-deterministischen Welt der Quanten. Wie offen ist also die Zukunft und wie zufällig? Reichen zum Begreifen der Wirklichkeit kausale Verknüpfungen in einer evolutionär durch Variation und Selektion bestimmten biologischen Welt aus? Man darf durchaus so fragen, denn auch Theorien wie die Evolutionstheorie, das Kausalitätsprinzip, die deterministischen Naturgesetze beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, die nicht weiter ableitbar, also „axiomatisch“ sind. Diese Voraussetzungen sollen möglichst überzeugend gewählt und vernünftig nachvollziehbar sein, um zu positiven, konsistenten Ergebnissen zu gelangen. Darum noch einmal: Ist das bisherige naturwissenschaftlich begründete kausal geschlossene Weltbild überzeugend?

Der Gedanke der Entelechie kann etwas in die Diskussion einbringen, das im alltäglichen Denken und in den heutigen wissenschaftlichen Kategorien weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist zunächst die einfache Idee, dass der Wirk-Ursache auch eine Zweck-Ursache entsprechen könnte. Anders gesagt: Die Frage, worauf hin etwas geschieht, könnte ebenso erhellend und vernünftig sein wie die Frage danach, wodurch verursacht etwas geschieht. Die philosophische Verunglimpfung dieses teleologischen Gedankens („Es regnet, weil die Wiese nass werden soll – haha!“) sollte nicht davon abhalten, ihn metaphysisch erneut – und neu zu denken. Es geht um das Potential eines teleologischen Denkens, darum, geeignete Denkformen und Begriffe für eine immanente Teleologie zu finden, die neu gewonnen und weiter entwickelt werden müssen. Die Philosophiegeschichte stellt dafür zwar einiges bereit, an das man anknüpfen kann, aber das reicht gewiss nicht aus. Dennoch ist die Idee der Entelechie ein sehr spannender Gedanke. Aristoteles hat ihn gedacht in seiner Metaphysik im Zusammenhang von Akt und Potenz, Form und Substanz. Sein Gedanke spiegelt sich in Goethes „Urworte. Orphisch“: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Eine diesbezügliche Darstellung der Metaphysik des Aristoteles wäre ein eigenes, lohnendes Thema. Hier sei aber nur in einer ersten Annäherung skizziert, was mich an diesen Gedanken fasziniert.

Der aristotelische Form-Begriff wäre heute vielleicht am besten mit Struktur oder sogar System zu übersetzen, je nach Zusammenhang. Im Unterschied zur Substanz, modern gesprochen im Unterschied zum Ausgang vom Subjekt und vom Einzelding, kann der Gedanke der Form als dasjenige verstanden werden, dass etwas von vornherein nur im Zusammenhang mit anderem, nur innerhalb einer Struktur, nur aufgrund der Konstitutionsbedingungen eines Systems, womöglich sozial bestimmt innerhalb eines autopoietischen Systems (Luhmann), verstanden werden kann. Dieser Denkansatz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann, siehe Autopoiesis) ist über den Ausgangspunkt bei der „Substanz“ (dem Subjekt, dem Individuum, dem Einzelding) hinaus gegangen und ordnet das konkrete Einzelne gewissermaßen als nachrangig innerhalb der „Form“, d.h. der konstitutiven Systembeziehungen oder der Verflechtung innerhalb einer bestimmten Struktur bzw. eines Netzwerks (nodes, hubs) ein. In diesem Sinne bringt erst die „Form“ zum Vorschein, was der Gehalt, die Funktion, das Potential (idealistisch „das Wesen“) eines Etwas ist, das sich nur dem Zusammenhang des Systems, anders gesagt den strukturellen Konstitutionsbedingungen verdankt. Warum sollen solche Systeme und Strukturen, Netzwerke und Überlagerungen nur innerhalb geschlossener Kausalität denkbar sein? Vielleicht enthält das strukturierte System mit seinen Rand- und Konstitutionsbedingungen, mit seinen Verschränkungen und Überlagerungen, darum auch mit seinen Ambiguitäten und Bifurkationen selbst etwas teleologisches, also eine Art Ziel, das der Struktur inhärent ist. Hier greift kein „Geist“ von außen ein, sondern jenseits der Schranke geschlossener Kausalität öffnen sich Möglichkeiten, dass sich systemimmanente Tendenzen und Neigungen (bias) eben nicht zu jeder beliebigen, sondern zu ganz bestimmten neuen Formen weiter entwickeln. So hatten die Quantenfluktuationen unmittelbar nach dem „Urknall“ einen seltsamen Hang (Symmetriebrechung) zu einem Überwiegen der Materie vor der Antimaterie, so dass allein die Materie vorherrschend wurde.  In der biologischen Evolution finden sich viele Beispiele dafür, dass, metaphorisch gesprochen, ‚die Natur bestimmte Entwicklungen bevorzugt‘, sprich dass sich bestimmte biologische Formen (z.B. Auge) mehrfach und mit fast identischem Ergebnis heraus bildeten. Dieses sind nur Hinweise darauf, dass sich ein teleologisches Denkmodell durchaus anbieten würde, um natürliche Phänomene besser, das heißt angemessener im Blick auf die in ihnen selbst liegenden Potentiale und Wirkmöglichkeiten (wem der Begriff Zweck-Ursache zu sperrig ist) zu sehen, die zur Verwirklichung kommen / drängen? Genau darum geht es: Ob sich in der vorhandenen Wirklichkeit statt zufälliger Entwicklungen und kontingenter Entscheidungen auch eine strukturelle Zielstrebigkeit finden und denken ließe, die eben eine bestimmte Entwicklung bevorzugt oder als sachlich, d.h. der ‚Form‘ angemessenes Potential umsetzen kann. Der Begriff der Entelechie betont die Immanenz einer solchen Zielführung: Die „Form“ trägt die Gestalt der Verwirklichungen fortwährend in sich und lässt das konkrete Einzelne als eine verwirklichte Möglichkeit an der Tendenz, dem Gefälle, der Zielrichtung des gesamten Systems / der Struktur / des Netzwerkes teilhaben. Die Autopoiesis muss nicht ziellos und rekursiv gedacht werden, sondern kann durchaus auch zielgerichtet und tendenziös verstanden werden. Das Wort „Ziel“ sollte dabei mit aller Vorsicht gebraucht werden, denn es suggeriert ein klar bestimmtes ‚Endprodukt‘, wohingegen das ‚telos‘ der Entelechie selbst noch einmal als offen, als bestenfalls erkennbare Tendenz begriffen werden sollte.

Diese Tendenz aber ist mehr und anderes als Zufall, als deterministisch bestimmt und kausal begrenzt. Es kann das durchaus auch sein, aber die Möglichkeiten, die Potentiale gehen darüber hinaus. Nur an den Kipppunkten kann es deutlich werden, wo statt Zufall eine bestimmte Tendenz, eine Orientierung am Telos, wirksam und sichtbar wird. Es ist das Telos, das dem System usw. selber eigen ist, das darin nur seine Möglichkeiten realisiert und in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Eigentlich wird auch die Evolution des Lebens so viel besser verständlich, weil Variation und Selektion geradezu Paradebeispiele sein könnten dafür, wie sich Tendenzen in Alternativen und Ambiguitäten durchsetzen, als zielgerichtete Selbstorganisation der ‚Form‘ ihre ‚Substanz‘ geben. „Entstehen und Vergehen“ wird unter teleologischen Gesichtspunkten im Zusammenhang verständlich: Apoptose als gezielte Programmierung, Chancen auf systemische Erneuerung, Ermöglichung alternativer Systeme, Rekombination globaler Systeme und Strukturen usw. Zum Beispiel das nahezu vollständige Erlöschen des Lebens auf der Erde vor 485 Mio Jahren („Eisball-Erde“) und weitere nachgewiesene Massensterben während der Erdgeschichte sind dann nicht nur als deterministischer Unfall zu verstehen.  Ich finde es überraschend, wie sehr sich der Gedanke der Entelechie als anschlussfähig heraus stellt hinsichtlich heutiger philosophischer, kosmologischer, evolutionsbiologicher, systemtheoretischer und netzwerkorientierter Denkmodelle. Es scheint sich in jedem Falle zu lohnen, den Begriffen der Teleologie und Entelechie weiter nach zu spüren, um die Sache, die in diesen alten Begriffen enthalten ist, neu zu fassen und sinnvoll zum Leuchten zu bringen. Es wird ein längerer Weg sein, denn er schließt ein, einige Dogmen der bisherigen materialistisch-kausalistischen Weltanschauung über Bord zu werfen. Die Zeit könnte dafür reif sein.

Experiment und Regularität

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Jul 092014
 

 Naturwissenschaft auf dem philosophischen Prüfstand (4)

[Philosophie, Naturwissenschaft]

Das heutige naturwissenschaftliche Weltbild hat vielerlei Voraussetzungen und Implikationen. Dazu habe ich einiges bereits in den letzten drei Blogbeiträgen ausgeführt. Ich werde in diesem und den nächsten Beiträgen drei weitere Aspekte betrachten: die Objektivität im Experiment, die Organisation im Zufall, die Offenheit der Erfahrung, und möchte daraufhin  – vielleicht ein wenig zusammenfassend – Wissenschaft überhaupt als Sinnstiftung auf dem Hintergrund der Erfahrung kontingenter Zusammenhangslosigkeit verstehen.

Spannend nachzuvollziehen ist das geschichtliche Auftreten des Experiments bei dem Bemühen, die Dinge der Welt, insbesondere der Natur, besser zu verstehen. Galilei war der erste, der dies programmatisch tat, und er knüpfte damit in mancher Hinsicht an Archimedes an, den großen Techniker und Konstrukteur. Ganz anders war die klassische, griechisch-römische Behandlung der Natur verfahren. Ebenso wie den frühen Naturphilosophen ging es Aristoteles wesentlich um Beschreibung der Natur, gewonnen aus der Beobachtung und durch Begriffe und Kategorien geordnet. Dies blieb lange Zeit so. Noch in den Enzyklopädien des 17. Jahrhunderts zeigt sich die Freude am rein deskriptiven Auflisten all dessen, was es gibt und was man kennt. Zusammenhänge waren solche der gestifteten Ordnung (Taxonomien), weniger der Begründung oder gar der kausalen Verknüpfung. Das Experiment war etwas Neues; es stellte den Dingen der Natur gewissermaßen ‚Aufgaben‘. Ein natürliches Verhalten, ein Bewegungsablauf (das Pendel zum Beispiel), sollte nicht nur beschrieben, sondern aufgrund von klar definierten Rahmenbedingungen hergestellt werden. Diese Rahmen- oder Ausgangsbedingungen garantierten die Regelmäßigkeit dessen, was beim Experiment auftritt. Die stets gleiche und unter gegebenen Bedingungen jederzeit wiederholbare Regelmäßigkeit konnte dann als „Gesetz“ gefasst und mathematisch formuliert werden. Dass die Mathematik selber in der Geometrie die Anschauung von Regelmaß und Harmonie lieferte, kam erleichternd und erklärend hinzu. Das Wechselspiel der Regelmäßigkeit natürlicher Bewegungen (Planeten, Pendel usw.) und mathematisch abgebildeter Harmonie oder Symmetrie (Gleichungen) ließ zur Beobachtung und Beschreibung etwas Neues hinzu treten: die Erklärung. Das im Experiment erkundete Naturgesetz lieferte nun auch die logische wie sachliche Erklärung dafür, warum es sich in der Natur eben so und nicht anders verhielt. Wenn dieser Zusammenhang einmal erkannt war, konnte der naturgesetzliche Sachverhalt  auch zur berechnenden Voraussage (Planetenbewegung, Kalender) und zur technischen Reproduktion und „Anwendung“ genutzt werden. Der Schritt von der Beobachtung zur Erklärung (= kausalen Herleitung) eröffnete der technischen Handhabung und Nutzung der Naturkräfte allererst ihre vielfältigen Möglichkeiten. Zugleich bewies die technische Konstruktion die Richtigkeit der naturgesetzlich formulierten Regularität.

Archimedes-Schrauben CC by  John Firth

Archimedes-Schrauben CC by John Firth

Aber was war nun eigentlich das so entdeckte Naturgesetz? Was verstehen wir heute darunter ¹) ? Nach wie vor ist das Experiment entscheidend für die Formulierung eines Naturgesetzes, nach wie vor ist die Mathematik die ausgefeilte Sprache, in der ein Naturgesetz formuliert wird, und nach wie vor deutet eine das Experiment begleitende Theorie das so erhobene naturgesetzliche Verhalten in einer möglichst kohärenten Anschauung, einem Weltbild, Paradigma oder „Standardmodell“. Thomas S. Kuhn hat in seiner Arbeit über die wissenschaftlichen Revolutionen auf die jeweilige Konvention verwiesen, die ein Paradigma in der Gruppe der Wissenschaftler begründet und die ein Paradigmenwechsel über den Haufen werfen muss. Konvention ist aber eine soziale Kategorie dessen, was zu einer gegebenen Zeit unter gegebenen Umständen üblich und zu erwarten ist. Wie kann aber eine Konvention zur Formulierung von Naturgesetzen führen? Sie kann es genau dann, wenn es sich bei den sogenannten Naturgesetzen weniger um von einem Gott erlassene „Gesetze“ handelt als vielmehr um die übereinstimmenden Regeln und konkreten Bedingungen (wenn – dann) eines experimentellen Vollzugs. Nimmt man diese Verknüpfung von Experiment und Regularität ernst, dann ist ein daraus gewonnenes „Gesetz“ eine Verallgemeinerung, die aus einer Regieanweisung für einen Einzelfall (Experiment) abgeleitet wird. Die große Frage ist sogleich, was zu dieser Verallgemeinerung berechtigt, was also den experimentellen Einzelfall zu einer Instantiierung eines Allgemeinen, einer Universalie, macht. Hier zeigt sich eine weitere, sehr weit reichende und grundsätzliche Voraussetzung dessen, was „Naturgesetz“ genannt wird, nämlich die Annahme eines realen Allgemeinen, womöglich einer natürlichen Universalität und Ganzheit, deren konkrete Einzelfälle in den Experimenten „entdeckt“ werden können. Wenn man einen solchen naturalistischen Idealismus (!) bezweifelt, dann ist die Frage berechtigt, ob aus den Regularien einzelner Experimente, deren „reine“, also störungsfreie, abgeschottete Laborbedingungen die Reproduzierbarkeit garantieren, überhaupt auf Allgemeingültiges in naturgegebenen Zusammenhängen geschlossen werden darf. Es erhebt sich also das Grundproblem aller Induktion, dass sie nur Aussagen über Einzelfälle und Wahrscheinlichkeiten zulässt.

Als Regieanweisung für experimentelle Verfahren und daraus zu gewinnende Befunde geben die sogenannten Naturgesetze also viel weniger her, als im naturwissenschaftlichen Weltbild behauptet wird. Sie sind weniger „ehern“ als vielmehr konventionell, das heißt nach übereinstimmenden Verfahren erwartete Regularitäten, die jeweils dann verändert werden, wenn unerwartete Befunde (Planck) oder neue theoretische Modelle (Einstein) einen „besseren“ Zusammenhang der Regularitäten und ihrer Deutung stiften. Dabei wird auch klar, dass hinsichtlich der Naturgesetzlichkeiten die technische Machbarkeit, das experimentelle Arrangement und die weiter gehende technische Nutzung („Umsetzung“, „Anwendung“) aufs engste miteinander verknüpft sind. Man wird hier von einem Wechselverhältnis sprechen können, das die reproduzierbaren Regularitäten, mathematischen Formulierungen und technischen Konstruktionen verbindet und von einander abhängen lässt. Jedenfalls liegt hier ein konstruktivistisches Denk- und Weltmodell sehr viel näher als ein universalien-realistisches, das Naturgesetze objektiv als Tatsachen vorstellt. So gesehen steht das objektivistische naturwissenschaftliche Weltbild auf recht tönernen Füßen. Eine Weltanschauung lässt sich damit schon gar nicht begründen, es sei denn man hat sie bereits.

Eine weitere Einschränkung der Objektivität im Experiment geschieht durch den beteiligten Beobachter. Die Interaktion von Beobachter und Beobachtetem ist besonders in der Quantenphysik bei der Beschreibung von Superpositionen (siehe den Messprozess in der Quantenmechanik) prominent geworden. Hier ist die im Experiment erhobene Messgröße nicht unabhängig vom Beobachter, der misst; die Messung selber wird komplementärer Teil des Experiments. Was in der Quantenmechanik als Interaktion innerhalb eines physikalischen Systems, zu dem der Experimentator dazu gehört, beschrieben wird, gilt in abgewandelter Form aber für jedes Experiment. Die experimentelle Anordnung im Labor ist gewissermaßen die Frage des Experimentators an ein konkretes Naturverhalten, und zwar eine Frage, die eine bestimmte Antwort erwartet bzw. erwartbar macht, auf die hin eben das Experiment angelegt ist. Interessant sind dann die Fälle, in denen die Antwort gar nicht oder unerwartet erfolgt. Dennoch lässt das Experiment aufgrund seiner genau vorgegebenen Bedingungen nicht jedes mögliche Ergebnis zu („ergebnisoffen“), sondern nur diejenigen Ergebnisse, die im Rahmen der Laborbedingungen und der zugrunde liegenden Theorie des Experimentators überhaupt auftreten können. Im Idealfall ist das Labor ein physikalisch geschlossenes System, in dem nur bestimmte Wirkungen passieren und entsprechend gemessen werden können. Unter natürlichen Bedingungen kommen solche geschlossenen Systeme allerdings nicht vor. Es lässt sich daher fragen, inwiefern die auf diese experimentelle Weise gewonnenen Resultate überhaupt unter offenen, natürlichen Bedingungen allgemein gültig sein können, so dass daraus ein Gesetz abgeleitet werden kann. Darüber hinaus muss gefragt werden, inwieweit die Interpretation eines Experiments auch immer den Experimentator mit seinen Bedingungen und Fragestellungen berücksichtigt. Der Beobachter ist in jedem Experiment beteiligt, also Teil des Systems. Diese Verschränkung von beobachtendem Subjekt und beobachtetem Objekt (ohne diese Differenzierung hier noch weiter zu problematisieren) gilt für jedes Experiment und macht die darin gewonnenen Ergebnisse nur sehr begrenzt für Verallgemeinerungen zugänglich. Zusätzlich zum Problem der Induktion kommt hier die notwendige Beteiligung der experimentellen Interaktion, also der Wechselwirkung zwischen Beobachter und Beobachtetem, hinzu, die eine unmittelbare Verallgemeinerung und Objektivierung erschwert oder gar unmöglich macht.

Es wird jetzt vielleicht deutlich, dass die alltägliche Rede von Naturgesetzen, die eben „da draußen“ in der Natur gelten, äußerst problematisch ist. Auch der Begriff der Regularität, wie ich ihn gebraucht habe, müsste noch genauer erläutert werden. Er soll hier nur das gängige Vorverständnis beim Begriff „Naturgesetz“ vermeiden helfen. Allerdings scheint mir die Redeweise von Regularien oder Regularitäten aus einem bestimmten Grunde recht gut geeignet zu sein, um das zu beschreiben, was naturwissenschaftlich und experimentell überhaupt erkannt und verstanden werden soll: Regularitäten haben mit Mustern zu tun. Ich werde später darauf zurück kommen.

1.) vgl. dazu Michael Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs, 2007

Der Anfang der Naturwissenschaft

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Jun 092014
 

Über Wirklichkeit, Weltanschauung und andere Möglichkeiten

[Philosophie]

Naturwissenschaft ist Wissenschaft schlechthin. So stellt es sich für uns heute dar. Im Englischen wird dieser Anspruch durch den exklusiven Begriff „science“ ausgedrückt. Dem entspricht das weithin geteilte Selbstverständnis, der Mensch habe mit der Naturwissenschaft ein zuverlässiges, allgemein gültiges Instrument zur Erfassung, Beschreibung und Erklärung der Wirklichkeit gewonnen. Was immer „wirklich“ zu sein beansprucht, muss sich am naturwissenschaftlichen Anspruch messen lassen. Gelingt dies, kann es als Tatsache anerkannt werden.

Die klassischen Werkzeuge der Naturwissenschaft sind Theorie und Experiment. Die Theorie muss in einer exakten Sprache verfasst sein, die allgemein gültig, d.h. regelgeleitet und für jedermann rational nachprüfbar ist. Diese Sprache ist die Mathematik. Im Experiment werden postulierte Zusammenhänge oder Wirkungen in einer bestimmten, genau dokumentierten Versuchsanordnung verifiziert. Auch hier gilt das Prinzip der Allgemeingültigkeit, dass unter den gegebenen Ausgangsbedingungen dieselben Ergebnisse an jedem Ort zu jeder Zeit erzielt werden können. Ein Verhalten von Dingen, das nicht im Labor nachgestellt werden kann, muss durch genaue Beobachtung beschrieben werden. Für das Beobachtungsverfahren wird wiederum strikte Rationalität und Nachvollziehbarkeit verlangt..

testing tube, flickr

testing tube – photo by wader on Flickr

Diese wenigen Regeln klingen sehr einfach. Sie sind nicht zuletzt deswegen so überzeugend, weil durch sie eine überwältigende Menge an wissenschaftlichen Ergebnissen und Befunden zu Tage gefördert wurde. Auf diese Weise hat die Naturwissenschaft sehr erfolgreich den Rahmen (die Norm) dafür gesetzt, dass unser Wissen über die Natur und also über die Wirklichkeit exponential gestiegen ist und weiterhin steigt. Dieser unglaubliche Erfolg lässt jede Kritik an diesem Wissensmodell als naiv, vorwissenschaftlich, irrational und darum letztlich als dumm erscheinen. Andererseits ist gerade der universelle Totalitätsanspruch der modernen Naturwissenschaft verdächtig. Menschliches Wissen ist begrenzt und irrtumsfähig. Der Verdacht der Ideologie und des Dogmatismus liegt durchaus nicht fern. Aber rational nachvollziehbar und allgemein verständlich muss auch eine solche Kritik formuliert sein.

Auch wenn die moderne Wissenschaft ihren Anspruch und ihre Gültigkeit gemäß natürlicher Vernunft als selbstverständlich setzt, so hat sie doch auch ihre eigene Geschichte. Wissenschaft = Naturwissenschaft, das war nicht immer so. Es ist eine „Erfindung“ der Neuzeit. Zwar wird oft auf die Vorläufer in der frühen griechischen Naturphilosophie verwiesen wie auch auf die genauen astronomischen Kenntnisse der Babylonier und – sehr viel später – der arabisch-persischen Wissenschaftler. Doch das waren methodisch ganz andere Herangehensweisen, die meist sehr konkrete lebensweltliche Anlässe hatten (Bewässerung, Steuern, Kalender, Schifffahrt) und von einer allgemeinen Theorie weit entfernt waren. Dies gilt sogar noch für das mittelalterliche Wissen im christlich-katholischen Kulturraum. Man wusste durch Aristoteles vieles über die Natur, ohne allgemein gültige Regeln des Wissenserwerbs zu formulieren und daraus eine umfassende Theorie abzuleiten, das ein neues „Paradigma“ (Kuhn), ein neues Weltbild bedeutet hätte.

Das änderte sich offenkundig erst mit Galileo Galilei (†1642). Trotz des Inquisitionsverfahrens, eigentlich gerade durch die Art und Argumente in diesem Verfahren zeigte sich, dass die Zeit für eine neue Sicht der Naturdinge reif war. Kopernikus` ideales Bild heliozentrischer Kreisbahnen war mehr durch eine metaphysische Sicht der Welt als durch genaue Beobachtung begründet. Seine Berechnungen galten so lange als willkommen, als sie eine bessere Berechnung des kirchlichen Kalenders ermöglichten – und das war keineswegs immer der Fall. Sein Weltbild mit der Sonne in der Mitte galt nicht als Ketzerei, sondern schlicht als Unsinn. Im Übrigen war Kopernikus ein äußerst frommer, von himmlischen Harmonien träumender Theologe. Erst mit Tycho Brahe und vor allem durch Johannes Kepler wurden die Beobachtungen genauer und die Berechnungen (Ellipse statt Kreis) exakter. Auch diese beiden früh-modernen „Naturwissenschaftler“ waren noch weit entfernt davon, ihre Sicht der Astronomie zu einem Weltbild auszubauen. Kepler war ein überzeugte Anhänger der hermetischen Weisheit und der religiösen Lehren der Pythagoräer. Aus heutiger Sicht war sein Weltbild alles andere als „naturwissenschaftlich“. Das gilt übrigens auch noch für Isaac Newton, der lebenslang der Alchemie und der Zahlenmystik  anhing.

Bei Galilei aber kündigt sich offen etwas Neues an. Das kommt in einem berühmten Zitat zum Ausdruck:

„Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick ständig offen liegt. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Wort davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“ (aus: Il Saggiatore, zit. nach Wikipedia)

Die Mathematik als die einzig mögliche Sprache, die Wirklichkeit der Natur zu „entziffern“, also sie zu verstehen und zu beschreiben, das war keine Nebenbemerkung, das war ein rationelles Programm. Und ein Zweites leistete Galilei: Neben die Mathematik zur Beschreibung natürlicher Gegebenheiten stellte er das Experiment, durch das sich Naturgesetze formulieren und beweisen ließen (siehe Galileis schiefe Ebene und die Analyse der Fallgesetze). Damit waren die Grundprinzipien der modernen Wissenschaft ausgesprochen. Auch Galilei blieb ein frommer Mann, wollte er doch, wie er im Prozess ausdrückte, die heilige Kirche nur von einem Irrtum bewahren, der sich verhängnisvoll auswirken könnte. Allerdings prallten zwischen Galilei und seinem Gegner, dem Kardinal Bellarmin, zwei grundlegend verschiedene „Weltanschauungen“ aufeinander. Für Bellarmin stand die Wahrheit der Kirche und die Freiheit Gottes über allem. Ihn überzeugte zudem nicht, welchen Vorteil eine einfachere Berechnung haben sollte, wenn doch eine kompliziertere (die „Schleifen“ der Planeten) auch zu guten Ergebnissen führte. Im Übrigen war auch für Bellarmin alles solange denkmöglich, wie es als bloße Hypothese galt. Noch deutlicher trat der Unterschied im „Dialog über die zwei Weltsysteme“ hervor, in dem Galilei es nur noch als Narretei („Simplicio“) darstellen kann, wenn man bestreitet, dass Experimente eine Theorie bewahrheiten. Genau diese Meinung vertrat Papst Urban VIII: Gott könne jeden Effekt auf alle möglichen anderen Weisen hervorbringen als nur in einem beliebigen Experiment. Die klare Stellungnahme Galileis in dieser Frage (experimenteller Beweis der Wahrheit, nicht mehr nur Hypothese über die Wirklichkeit) machte ihn zum ersten öffentlichen Vertreter der neuen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die Welt sollte beobachtet, gemessen und berechnet werden, nicht mehr von religiösen oder metaphysischen Einsichten überformt sein.

Im gleichen Zeitraum trat Galilei ein ganz anderer Philosoph zur Seite, der auf seine Weise einem neuen Weltbild Raum schuf: René Descartes. Durch seine strikte Trennung des Geistes (res cogitans) von allen anderen räumlichen Dingen (res extensa) stellte er die gesamte „ausgedehnte“ natürliche Welt der Dinge und Tatsachen dem forschenden und Erkenntnis suchenden Geist als Objekt zur Verfügung. Erst seit Descartes gibt es eine vom Subjekt getrennte Sachlichkeit, die sich zur allumfassenden Wirklichkeit aufschwingt. Das weite Feld der neu formulierten Wissenschaft ist Brachland, das es aufzubrechen und zu nutzen galt. Kein Wunder also, dass einer neuen Weltsicht eine neue Ökonomie entsprach – und umgekehrt. In der Folgezeit verbreiterten die englischen Empiristen (John Locke, David Hume) die Basis der neuen, nun allein als Wissenschaft geltenden Entdeckung der Wirklichkeit. Die Rationalisten, insbesondere in ihrer kritischen Gestalt (Immanuel Kant), brachten den Verstand als ein dem Menschen gemäßes, zur bedingungslosen Verfügung stehendes und alles bestimmendes Werkzeug zur Geltung. Selbst Raum und Zeit waren nun nicht mehr der metaphysische Rahmen alles Seins, sondern selber als „reine Formen der Anschauung“ Produkt und Grundlage der menschlichen Vernunft in einem. Der Mensch als rationales Subjekt konnte sich nun der Welt als Begriff und als Wert (Ware) bemächtigen. Denn die Wissenschaft selber begründet und definiert, was wirklich und wertvoll ist: das, was berechnet, gemessen und als Tatsache fest gestellt werden kann.

Noch stand der naturwissenschaftlich erfassten Welt der forschende Geist gegenüber. Was aber würde geschehen, wenn der menschliche Geist selber zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung würde? Nun, das war abzusehen, und es geschah und geschieht in der Hirn- und Bewusstseinsforschung nichts anderes, als was in aller wissenschaftlichen Forschung geschieht. Jetzt wird die menschliche Subjektivität selber zum Objekt des mathematischen Kalküls und der physiologischen und psychologischen Analyse, der Daten und der Algorithmen. Man könnte sich fragen oder auch vermuten, dass diese Wendung eine Veränderung der bisherigen wissenschaftlich Weltanschauung einleiten könnte. Wir werden das hier nicht weiter verfolgen, aber es bleibt auf dem Schirm: man wird sehen.

Denn eines dürfte klar sein: Das gegenwärtig herrschende naturwissenschaftliche Denk- und Weltmodell beruht auf Voraussetzungen, die geprüft werden müssen, und zwar umso genauer, je umfassender der Anspruch der Wissenschaft auf ein allein zuverlässiges und darum zulässiges Weltverständnisses erhoben wird. Die Voraussetzungen sind weder selbstverständlich noch unmittelbar gegeben oder trivial. Es sind sehr bedeutende und weitreichende Voraussetzungen, deren Gültigkeit oder auch nur Praktikabilität sich ständig neu bewähren muss, sollen sie sich nicht in Dogmatismus verwandeln. Darüber hinaus stehen uns nun, nach einigen Jahrhunderten „Wissenschaft und Technik“ eine Menge Erfahrungen zur Verfügung, welche die Begründer dieses Weltbildes noch nicht hatten, nicht haben konnten. In wenigen Jahrzehnten (rund zwei Dutzend) hat die Menschheit, ausgestattet mit dem neuen Modell des Wissens, mit der Macht der Technik und dem Schmiermittel des Geldes, den Planeten Erde und die darauf und davon lebenden Gesellschaften mehr umgestaltet und beeinflusst als alle menschlichen Generationen vorher. Wir müssen also sowohl auf die Voraussetzungen als auch auf die Auswirkungen schauen, die die wissenschaftliche Welterklärung und die darauf fußende technische Weltgestaltung bewirkt haben. Dann darf man nach genauer Prüfung, auch Selbstprüfung, mit Berechtigung fragen: Ist es gut so? Haben wir das so gewollt? Wer sind die Nutznießer, wer die Verlierer? Wollen wir dies Modell unverändert beibehalten?

So wird Erkenntnistheorie im Handumdrehen zur Ethik.

Natur und Weltbild

 Anthropologie, Kosmos, Natur, Weltbild  Kommentare deaktiviert für Natur und Weltbild
Mai 292014
 

Welches Weltbild, welche Weltanschauung treibt uns?

[Natur, Kosmos]

Sprache zeigt unser Denken. Man muss jetzt nicht entscheiden, was zuerst ist. Sprache und Denken hängen jedenfalls engstens zusammen. Wie wir sprechen macht deutlich, wie wir denken. Dies gilt insbesondere für die großen Dinge, für die allgemeinen Zusammenhänge, in denen Menschen sich bewegen. Wie man davon spricht zeigt, wie man sich darin orientiert. Umgekehrt gilt auch: Was man sprachlich vermeidet oder gar nicht ausdrückt, kann oder will man nicht denken. Die Grenzen der Sprache sind zwar nicht die Grenzen der Wirklichkeit, wie Wittgenstein meinte, aber immerhin die Grenzen unseres Denkens. Sofern Menschen mit der Sprache ihre Welt erfassen und beschreiben, zeigt Sprache die Grenzen der jeweils eigenen Welt auf. Die Betrachtung des Ganzen unserer Welt führt zu dem, was wir Weltbild oder Weltanschauung nennen.

In unserem Weltbild manifestiert sich der historisch und soziokulturell vermittelte Blickwinkel, aus dem wir innerhalb einer Epoche unsere Welt wahrnehmen. Während man bei dem Begriff „Weltbild“ eher das begrenzt Konstruierte, perspektivisch Bedingte und theoretisch Postulierte im Unterschied zur dahinter liegenden Wirklichkeit im Bewusstsein hat, bezieht sich das Wort „Weltanschauung“ mehr auf ein ideologisches Gesamtverständnis des Zusammenhangs, Sinns und Zwecks von Mensch und Welt. Das „Weltbild“ ist bescheidener. Man spricht von dem ptolemäischen oder dem kopernikanischen Weltbild, die jeweiligen Bahnen der Gestirne wirklich als Bild zeichnend, und andererseits von einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Das Weltbild beschreibt nur einen zum Beispiel kosmologischen Teilbereich der Wirklichkeit. Die Weltanschauung aber gibt die zulässigen Regeln und den möglichen Gegenstandsbereich der Erkenntnis von Wirklichkeit überhaupt an. Was diesen Regeln nicht genügt, kann nicht „wirklich“ sein. Weltanschauung ist also nicht nur ein umfassenderer Begriff als der Begriff Weltbild, sondern auch ein normativer. Ein „Weltbild“ kann auch bloß zeitweise eine brauchbare heuristische Funktion erfüllen (das Bild des Bohrschen Atommodells), während eine Weltanschauung einen totaleren und allgemein gültigen Anspruch erhebt.

Die eben angeführten Beispiele sind nicht zufällig. Während uns bestimmte Weltbilder näher oder ferner, bekannter oder unbekannter sein können, folgen wir in unserem Denken doch stets einer mehr oder weniger bewusst wirkenden Weltanschauung. Obwohl das kopernikanische Weltbild als allgemein anerkannte Selbstverständlichkeit gilt, zeigen Befragungen doch immer wieder erstaunliche Ergebnisse, und zwar nicht nur der Uninformiertheit, sondern auch des willentlich nicht Anerkennens, zum Beispiel aus religiösen Gründen. Anders sieht es beim Bohrschen Atommodell aus, dessen Weltbild (Atome als Planetensystem im Kleinen) zwar anschaulich, aber im Grunde falsch weil sachlich unangemessen ist. Was in der Chemie noch passen mag, stimmt in der Teilchenphysik längst nicht mehr. Solche theoretischen Modellierungen weisen auf die Grenzen von Welt-Bildern hin: Es sind sprachliche Modelle und visuelle Bilder, die nicht die Abstraktion aufrecht erhalten können, die eine mathematische Beschreibung vermittelt. Sofern das für den Alltag irrelevant ist, bleibt der Streit um die Angemessenheit bestimmter Weltbilder – von den inzwischen offensichtlichen einmal abgesehen – eine Sache von Spezialisten. Ob die Big-Bang-Theorie zutreffend ist, mag für Kosmologen und Astrophysiker spannend sein, für das alltägliche Leben ist die Frage des „richtigen“ kosmologischen Weltbildes völlig irrelevant. Die Naturwissenschaftler sprechen heute statt von Weltbildern lieber vom jeweiligen „Standardmodell“.

Ganz anders sieht es bei Weltanschauungen aus. Ihre umfassende Interpretationskraft und ihr allgemeiner Gültigkeitsanspruch sowohl hinsichtlich der Tatsachen als auch hinsichtlich der zu deren Gewinnung angewandten Werte und Normen machen ihre Wirksamkeit totalitärer. Sie prägen oftmals mehr unbewusst als bewusst die gesamte Art und Weise, wie Menschen einer Epoche innerhalb eines Kulturkreises ihre Welt insgesamt wahrnehmen und deuten. Wird der eigene Lebenszusammenhang in den Kontext einer so umfassenden Vermittlung und Schau der Welt mit eingebracht, dann ist der Schritt zur Ausprägung einer Religion nur ein kleiner. In der Religion wird dasjenige in rituelle Praxis und kultische Bekräftigung von Ordnung überführt, was eine Weltanschauung als Wirklichkeits- und Sinnzusammenhang ausmacht. Insofern ist Religion mehr als nur eine Weltanschauung, aber jede Religion enthält eine bestimmte Weltanschauung in sich. Ebenso kann eine Weltanschauung auch unabhängig von einer jeweilig mit ihr verbundenen religiösen Praxis betrachtet und analysiert werden. Offen bleibt zudem, ob jede Weltanschauung gar notwendig eine Religion oder eine bestimmte religiöse Lebensweise zur Folge hat. Jedenfalls gibt es zumindest im westlich-abendländischen Kulturkreis ein Selbstverständnis, das Weltanschauung und Religion unterscheidet und von einander trennt. Im Gefolge dieser neuzeitlichen Sichtweise kommt es mir hier nur auf die Weltanschauung an.

Eine Weltanschauung zu beschreiben, in der man fast selbstverständlich lebt und die einen wie die Luft zum Atmen umgibt, ist etwas schwierig. Es setzt eine Distanzierung und Objektivierung voraus, die nur in Grenzen möglich, aber systematisch notwendig ist. Ähnlich wie die Religionswissenschaft bei der Betrachtung von Religionen distanziert-kritisch verfährt und darum eben nicht „Theologie“ sein kann, so muss auch eine distanziert-kritische Betrachtung der bei uns allgemein gültigen Weltanschauung quasi von einem neutralen Außen erfolgen. Das ist natürlich eine methodische Konstruktion, denn de facto bleibt jede aktuelle Betrachtung den Bedingungen und Kriterien der jeweiligen Zeit und der jeweiligen Kultur unterworfen. Dennoch ist diese methodische Distanzierung möglich und nötig, will man den Schleier des allzu Selbstverständlichen lüften. In früherer Begrifflichkeit könnte man von der Notwendigkeit einer Ideologiekritik sprechen, die selber nicht wieder ideologisch sein darf und nur eine Weltanschauung mit einer neuen vertauscht. Dies muss beachtet werden.

Die Weltanschauung unserer Zeit und gewissermaßen unserer globalisierten Welt ist die naturwissenschaftlich-technische. Welche Begriffe von Wissenschaft, von Natur, von Technik, darüber hinaus von Wirklichkeit und Wahrheit, zumindest Validierung, von Welt und Mensch dieser Weltanschauung zugrunde liegen, gilt es zu bestimmen. Ein solches Projekt fängt nicht bei Null an, denn es kann sich auf eine Vielzahl von Analysen und Beschreibungen, kritischen Darstellungen und Aufarbeitungen von Teilaspekten stützen, die längst vorhanden sind. Ich möchte auch in weiteren Blog-Beiträgen einige dieser Aspekte thematisieren. Gerade angesichts einer Entwicklung, in der sich durch die Digitalisierung und Vernetzung (big data) der Zugriff auf die Wirklichkeit, die technischen Möglichkeiten und das Bild (!) von Mensch und Welt, also die Erscheinungsweisen aller sozialen und kulturellen Bereiche dramatisch verändern, ist eine solche kritische Distanzgewinnung vonnöten. Diese rasante Veränderung steht jedenfalls im Hintergrund meines Interesses. Um das Ausmaß dieser Veränderung zu verstehen und einzuschätzen, sollte man schon auf die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen eingehen, die zu unserer heutigen Entwicklung geführt haben. Es geht dabei um die Frage nach der Denkweise, die sich in den heutigen naturwissenschaftlich-technischen Umwälzungen ausdrückt. Man wird dabei auch auf die Herkunft dieses Denkens, auf historische Zusammenhänge achten müssen. Ziel ist es zu fragen, ob und wenn ja, welche Alternativen es zur heutigen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation gibt. Ist etwas anderes überhaupt denkbar, überhaupt realistisch? Eine ‚alternativlose‘ Kultur wäre allerdings zugleich das Ende der Freiheit. Die bisherige kulturelle Entwicklung des Menschen bestand ja gerade darin, oft erstaunlicherweise, oft auch erschreckenderweise ‚anders‘ zu können. Oder ist die globale Digitalisierung (mit Totalerfassung und Verhaltens-Prädiktion) das Ende der Alternativen?

Sprachlich ist es bezeichnend, wie wir unsere Welt in Worte fassen. Wir sprechen vom Urknall, von einer anfänglichen Singularität, aus der heraus sich Energie in Materie ausbildete und in den noch unstrukturierten Dichteschwankungen den Keim für Sternensysteme legte. Wir verstehen noch nicht, welche Kräfte das bewirkten, was überhaupt unsere vorhandene Materie gegenüber der „dunklen Materie“ bevorzugte. Wir datieren die Entstehung des Sonnensystems und sind uns recht sicher über den Zeitraum, innerhalb dessen auf dem Planeten Erde Leben entstand. Vielleicht sagen wir auch lieber „sich entwickelte“ in Anlehnung an das lateinische Wort Evolution. Im Zeitraffer tauchen quasi unerklärliche Einzelereignisse auf: da: big bang; da: Materie; da: Sterne; da: Sternensysteme; da: Planeten; da: die Erde; da: Leben; da: der Mensch. Wir verbinden diese Ereignisse mit dem Begriff der Evolution: es entwickelte sich – und verhüllen damit mehr als wir erklären. Es entwickelt sich: was? warum? woher? wohin? Wir formulieren selbst-reflexiv. Eine andere, frühere Weltanschauung sprach indikativisch, sogar imperativ: Eine(r) schuf, machte, „es werde“, vollendete. „Schaffen“ spricht und denkt in Brüchen, „entwickelt sich“ spricht und denkt in einem Kontinuum. Das bleibt ein Gegensatz, solange die reflexiv-passive Form kein Subjekt hat, nur „es“. Dies durchzuhalten fällt schwer, darum sprechen wir oft davon, „die Natur“ hätte dies und das bewirkt und hervor gebracht. Aber wer oder was ist „die Natur“? Die Erde hat Leben hervor gebracht, sagen wir, sie hat sich durch und durch belebt – aber wer oder was ist die Erde, symbolisch als Gaia bezeichnet? Wenn man also genauer hinschaut, erklärt hier unsere Sprache, wenn sie von „Evolution“ spricht, gar nichts; sie verhüllt Leerstellen. Darum könnte es gehen: Diese Leerstellen ein wenig aufzuklären, den Zusammenhang von anscheinend innerer Notwendigkeit (Evolution) und äußerem Antrieb (technischer Instrumentalisierung) begrifflich und sachlich zu erhellen.

Man sieht: Mit dem Nichtwissen verhält es sich ähnlich wie mit der dunklen Materie: 96 % unserer Welt besteht daraus. Ein bisschen Aufklärung kann also nicht schaden.

Der Descartes – Code

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Dez 292013
 

[Philosophie]

Im Gegensatz zum fiktiv-geheimnisvollen Da Vinci – Code klingt der Descartes – Code ganz einfach: cogito ergo sum. Allerdings, was einfach klingt, muss nicht einfach sein. Die kurze lateinische Formel gehört zwar fast zur Allgemeinbildung, die Voraussetzungen und Implikationen aber weniger. Bewunderung für diesen frühen Denker der neuzeitlichen Rationalität mischt sich mit vereinzelter Kritik. Am grundsätzlichsten ist diese vielleicht von Martin Heidegger formuliert. Descartes hat allerdings immer noch Konjunktur, Heidegger weniger.

Descartes Bestimmung der drei allem Erkennen vorauslaufenden Ideen der unendlichen, der endlichen und denkenden sowie der endlichen und ausgedehnten Substanz (Gott – Geist – Körper) hat das Denken in der Folgezeit derart beeinflusst wie wenige andere „Ideen“ der neueren Philosophiegeschichte. Die Idee der unendlichen Substanz, also Gottes, wurde im Laufe der Zeit beseitigt, indem sie faktisch auf die beiden anderen Ideen rückgeführt wurde, eine erste folgenreiche Reduktion. Die neuzeitliche Metaphysik sollte, wenn sie überhaupt noch eine Berechtigung hatte, ohne den Gedanken einer unendlichen Substanz auskommen. Schon bei Descartes ist ihre Funktion und Begründung umstritten. Übrig bleiben das „Ding“ denkendes Ich (res cogitans) und alle ausgedehnten Dinge (res extensae), wir würden heute sagen die Gegenstände und Tatsachen der Raumzeit.

Sofern die res cogitans mit dem Geist identifiziert wird, ist die heutige, überwiegend analytisch bestimmte Philosophie dabei, diese „Idee“ ebenfalls zu reduzieren auf die pure res extensae. Der Geist ist nach verbreitetem Verständnis nur ein Resultat von Hirntätigkeiten, die physiologisch erklärt werden können. Unterschiedlich wird allenfalls die Art und Weise dieses Resultats beschrieben als supervenient, funktional, eliminativ, repräsentational oder identisch, um die wichtigsten Varianten einer theory of mind anzudeuten. Das „Ausgedehnte“, das heißt die körperliche, physikalisch beschreibbare und erklärbare Welt ist als alleinige „Substanz“ übrig geblieben. Da steht dann allenfalls noch das Ich (ego) etwas erratisch im Wege.

Der cartesianische Code hat sich verwandelt in die Pseudo-Dualität von Subjekt und Objekt. „Pseudo“ deswegen, weil auch das Subjekt für die wissenschaftliche Erkenntnis nur ein Objekt unter anderen ist. Das „ausgedehnte Ding“ ist die gesamte Wirklichkeit in Raum und Zeit mit allen Gegenständen und Tatsachen, die in dieser ausgedehnten Welt vorkommen. Darin kommt eben auch das Ich als ein etwas besonderes Ding vor, das allerdings grundsätzlich ebenfalls „objektiv“ verstanden werden kann.

Man kann zurecht die im engeren Sinne philosophische Frage stellen, ob und wieweit dies Konzept des neuzeitlichen Weltbildes vollständig, überzeugend und plausibel ist oder ob es Gegenstände, Tatsachen und Verhaltensweise gibt, die sich diesem Raster nicht fügen bzw. unten durch fallen. Thomas Nagel hat zuletzt in seinem Buch „Geist und Kosmos“ gut begründete Einwände erhoben; ich habe in meinem vorigen Blogbeitrag darauf hin gewiesen. Dabei bleibt auch Nagel noch dem Descartes – Code verhaftet, nur dass er sich gegen den physikalistischen Reduktionismus wehrt und die Intentionalität des Geistes behaupten möchte. Damit stellt er dem Prinzip der Kausalität im Bereich der Dinge das Prinzip der Teleologie im Bereich des Geistes zur Seite. Beides möchte er in einer künftigen Theorie, die es seiner Meinung nach noch nirgendwo gibt, unlösbar verbunden wissen. Es wäre die Lösung desjenigen Knotens, den schon Descartes, allerdings mit Hilfe seiner unendlichen Substanz, hat lösen wollen.

Um den Descartes – Code zu knacken, ist allerdings mehr nötig als Philosophie und Erkenntnistheorie. Viel zu tief ist unser Alltagsdenken von ihm geprägt. Kaum aufzuzählen sind Redewendungen, die unseren eigenen Körper als einen Gegenstand unseres Ichs distanzieren: Man will seinem Körper etwas Gutes tun – eigentlich will man ja sich selbst etwas Gutes tun. Wenn man die Seele baumeln lässt, möchte man einfach nur entspannen. Wenn wir uns etwas merken wollen, sprechen wir davon, etwas im Gedächtnis abzuspeichern, – der Computer lässt grüßen. Man ist auch nicht einfach krank, sondern der Magen ist erkrankt oder der Hals oder oder. Der Finger zeigt (nicht: Ich zeige mit dem Finger), die Beine laufen, das Hirn denkt. Und ich? – agiere aus dem Bauch heraus.

Bei Ausdrücken dieser Art hat man das Gefühl, da stünde gleichsam das Ich als Beobachter neben sich und betrachtete den eigenen Körper von außen, was der so tut und macht und leidet und will. Unsere gesamte Medizin denkt so, wenn sie den Körper als physikochemische Maschine behandelt, der man mit bestimmten Substanzen beikommt. Damit steht sie in bester Descartes-Tradition, der seinerseits den Körper der Lebewesen nur als sich selbst bewegende Maschinen beschreiben konnte – und mechanisch nachbauen wollte. Da steht dann die „Schulmedizin“ in einem (vermeintlichen ?) Gegensatz zu einer „ganzheitlichen“ Medizin, die mehr auf das „Psychosomatische“ setzt und den psychophysischen Zusammenhang in den Blick nimmt.

Wir haben in unserem Weltbild und in unserem Selbstverständnis den Descartes – Code völlig verinnerlicht. Das Ich ist irgendwie ein Männchen oder Weibchen innen drin, das den eigenen Körper beobachtet und bisweilen steuert. Bisweilen, denn eigentlich agieren ja der Körper und seine Teile, so denken wir. Nur was wir derart zum körperlichen Objekt machen können, ist wirklich real, ist wirklich. Dabei wissen wir auch recht genau, dass das so nicht stimmt, dass es viel zu vieles gibt, das in dieses Schema nicht hinein passt. Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt in seinem neuesten Blogbeitrag sehr schön, wie sehr uns sogar besonders dasjenige als unbezweifelbar real gilt, was wir mit unseren Sinnen gar nicht erfassen können: die unsichtbare Welt im Mikro- und Makrokosmos. Verrückte Verkehrung!

Ich beginne mich selber dabei zu beobachten, ob und wann ich so gegenständlich von mir selber spreche oder denke. Ich möchte mehr von mir selbst denken, reden, und als unteilbares Ich handeln. Ich möchte die Zerrissenheit in Körperwelt und inneres Ich überwinden, weil ich es zunehmend als eine fatale Chimäre sehe. Das ist gar nicht Zweierlei, da ist unbedingt EINES. Da bist Du, da bin Ich, da ist die Welt, wie sie sich mir und dir, manchmal sogar übereinstimmend, zeigt. Meine Welt ist ja das, was für mich Bedeutung hat. Wenn es nicht auch zu großen Teilen eine Welt ist, die auch für einen anderen Bedeutung hat, könnten wir nicht einmal gemeinsam darüber reden. Wir können aber. So entdecken wir verschiedene Welten, sofern sie unsere gleichen und ebenso unsere verschiedenen Wirklichkeiten bedeuten.

Der Descartes – Code ist verführerisch einfach und wirkungsvoll. Er ist das Grundgesetz der Neuzeit. Er hat uns die Welt in unglaublicher Weise in Natur und Technik erschlossen. Aber es ist nicht der einzige Code, der die Welt zusammen hält. Vielleicht ist er nicht einmal richtig. Gewiss hat er Nebenwirkungen, die wir bisher allenfalls als collateral damage unserer naturwissenschaftlich-technischen Kultur in den Blick nehmen. Noch hat der Descartes – Code längst nicht ausgedient. Aber es wird Zeit, über Alternativen nachzudenken.