Okt 122016
 

Über Volker Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche.

I.

Fast zeitgleich haben zwei Berliner Philosophen das Thema „rationale Theologie“ neu aufgeworfen: Volker Gerhardt, Der Sinn des Sinns, 2014, 2015 und Holm Tetens, Gott denken, 2015 . Es könnte wie ein Zwiegespräch zwischen Humboldt – (Gerhardt) und Freier (Tetens) Universität aussehen, aber beide Entwürfe sind eigenständig; Tetens ist nicht unbedingt als Antwort auf Gerhardt zu verstehen, obwohl man ihn in mancher Hinsicht so lesen könnte. Unvergleichlich ist allerdings der jeweilige Textumfang: Während Gerhardt ein 350 Seiten starkes Buch vorgelegt hat, ist Tetens 90 seitiges Reclamheft eine hochkonzentrierte Exposition des Themas. Beiden gemeinsam ist das Anliegen, gegen die Dominanz naturwissenschaftlichen Denkens auch in der Philosophie und der generellen Diskreditierung jedweder Metaphysik wieder ausdrücklich Metaphysik zu betreiben und darin eben auch eine rationale Gotteslehre zu begründen. Den konzentriert geführten Gedankengang vom Holm Tetens habe ich bereits in einem Blogbeitrag dargestellt und rezensiert. Diesmal wird es um die umfangreiche Arbeit von Volker Gerhardt gehen. Sein Buch hat eingeschlagen, immerhin wurde es 2015 bereits in dritter Auflage gedruckt.

Sinn des Sinns

Gerhardts Arbeit beeindruckt nicht nur durch den Umfang, sondern auch durch die Fülle der Gedanken und Bezüge, die er oft unausgesprochen zu anderen philosophischen Entwürfen und Autoren herstellt (er ist ausgesprochen sparsam mit Anmerkungen). Er nennt seine Darstellungsweise eine „narrative Rekonstruktion“ (36) 1). Dieser Methode ist es vielleicht geschuldet, dass Gerhardt sehr breit und ausladend darstellt und eine Redundanz bietet, die bisweilen ermüdet. Seine Grundthesen werden wieder und wieder formuliert und umformuliert, als wolle er den Leser durch Wiederholung überreden. Aber das kann ja nicht sein, darum hätte dem Buch eine stärkere Straffung gut getan. Andererseits sind zumindest zwei Kapitel so eigenständig, dass man sie getrost herausnehmen und als selbständige Aufsätze lesen könnte: Das dritte Kapitel einer historischen und systematischen Darstellung des Begriffes „Sinn“ und das vierte Kapitel zum Thema „Glauben und Wissen“. Vor allem die Entfaltung des Sinn – Begriffs gehört zu den Highlights des Buches. Das zweite Kapitel, das den historischen Zusammenhang zum Thema „Rationale Theologie“ herstellen möchte, beschränkt sich auf die Vorsokratiker Heraklit und Parmenides, Platon und dann vor allem Immanuel Kant. Es handelt sich dabei also nicht um einen historischen Abriss der Problemgeschichte einer philosophischen Gotteslehre, sondern um eine historisch-systematische Auswahl, die strikt auf Gerhardts eigene Position hinführen soll. Sie ist in der Anlage des Buches unerlässlich. Überhaupt muss man schon vorweg festhalten: Die gestellte Aufgabe ist groß und das Ziel ambitioniert, immerhin gilt es, einen über hundertjährigen Traditionsabbruch aufzuarbeiten, naheliegend, dass Gerhardt darum bei Nietzsche ansetzt. Damit verbunden äußert er eine persönliche Erfahrung, die er sachlich wendet:

[Heutige Philosophie werde mit] der autoritativen Feststellung … eingeleitet, dass Gott tot sei. Gott … sei in der Philosophie kein Thema mehr. Den Verlust, den das für ein Fach bedeutet, das aus der Beschäftigung mit Gott erwachsen ist und das sich, wie kein anderes, mehr als zweitausendfünfhundert Jahre mit Gott befasst, konnten die Studienanfänger nicht ermessen. Doch das Armutszeugnis … hätte kaum größer ausfallen können. (15)

Dieser Ausgangspunkt bei der philosophischen Tradition und Gerhardts Selbstverpflichtung auf einen „humanitären Naturalismus“, „ohne Berührungsängste gegenüber der Metaphysik, einen empirisch ansetzenden existenziellen Rationalismus“ werden begleitet von dem persönlichen Bekenntnis, dass er sich als rationaler Philosoph und nur als Philosoph verstehe, aber nichtsdestoweniger nach früherer Trennung seinen Weg in die (evangelische) Kirche zurück gefunden habe „mit dem Glück eines Menschen, der etwas Verlorenes wiedergefunden hat“ (11). Man wird sehen, wie das den inhaltlichen Gang der Argumentation beeinflusst.

II.

Seine Grundgedanken führt Gerhardt im ersten, fünften und sechsten Kapitel aus: Über das Ganze („Das Ganze lässt sich nicht vergessen. Systematischer Impuls vor aktuellem Hintergrund“), den Sinn („Der Sinn des Sinns. Das Göttliche als Bedeutung der Welt“) und Gott („Das Göttliche, Gott und das Menschliche der christlichen Botschaft“).

In drei Schritten entfaltet Gerhardt die Notwendigkeit, im denkenden Zugriff auf die Welt, also in ihrer begrifflichen Vergegenständlichung, das Ganze mitzudenken. Ohne einen Rückgriff auf das Ganze ist nach Gerhardt überhaupt kein sinnvoller Begriff von irgendetwas möglich, sofern es in die weltlichen Zusammenhänge eingebettet ist. Jede begriffliche Analyse, die sich auf die vorhandene Welt bezieht, setzt schon einen Begriff des Ganzen voraus, selbst auf der Basis reiner Empirie. Gerhardt fordert das Ganze als einen notwendigen Begriff des Denkens, selbst wenn dieser Begriff „nur ein im Begreifen erzeugter Schein“ (S. 43) ist. Dieser Schritt ist notwendig, weil erst im distanzierenden Vergegenständlichen (Empirie) die Dinge als Dinge der Welt hervortreten. Daraus folgt unmittelbar der zweite Schritt im Hinblick auf denjenigen, der den Begriff des Ganzen denkt. Es ist der Mensch, der sich als Person im Gegenüber zu anderen Menschen bzw. der Menschheit und zugleich gegenüber den Dingen der Welt im Modus der bewussten Wahrnehmung und der Verantwortung konstituiert. Nur so vermag er seine Existenz zu sichern. Das Personsein ist ebenfalls eine begriffliche Konstruktion eines Ganzen, das sich in den individuellen und sozialen Lebensvollzügen als Einheit darstellt. Beide Ganzheiten greifen über die immer unabgeschlossene Erfahrung hinaus. Was man aber nicht vollständig denken könne, müsse man glauben. Darum lassen wir uns „von dem noch leiten, was an den Grenzen unseres Wissens liegt. Und wir finden es als «Ganzes» oder als «Eines», oft auch als «All», als «Totalität», als «Sein», als «Natur» oder als «Wirklichkeit» bezeichnet.“ (44) Dies entspreche von Alters her der Weise, wie der Mensch seine Existenz in der Welt erfasst und deutet. 2)

Damit ist von Gerhardt auch schon der dritte Schritt intoniert. Das notwendig zu denkende Ganze, Eine, das begrifflich die Grenzen der erkennbaren gegenständlichen Welt überschreitet und nur im Vertrauen auf das Ganze (Glauben) erfasst werden kann, ist im philosophischen Denken traditionell das Göttliche. Und so folgt die Zentralaussage Gerhardts:

„In Gott begegnet der sich als ein Ganzes begreifende Mensch dem Ganzen überhaupt, das ihm mit eben den Mitteln entgegenkommt, mit denen er sich ihm zu nähern sucht. … Gott ist das Maß, von dem der Mensch nicht absehen kann.“ (47) – „Das göttliche Ganze ist das Ganze der Welt — potenziert durch das Ganze, als das sich der Mensch versteht. … Gott ist die Einheit, in der sich Mensch und Welt gegenüberstehen.“ (48)

Der Gedanke Gottes bzw. des Göttlichen (s.u.) ist darum gerade für die Selbsterkenntnis des Menschen wesentlich – ebenso wie für seine Welterkenntnis. Nur vom Denken des Ganzen her erschließen sich Selbst und Welt. Genau den Zusammenhang dieser drei Schritte ‚Welt – Selbst – Ganzes‘ ausführlich darzulegen, ist die Aufgabe einer rationalen Theologie. Gott rational zu denken hat darüber hinaus einen vergewissernden, sinnstiftenden Wert, aber es ist ein „mundaner“, ein innerweltlicher Sinn als „Steigerung des Selbst- und Weltverhältnisses“ Der Gedanke Gottes als „Sinn des Sinns“ gehört zur Immanenz: „Denn Gott wird in der Welt benötigt!“ (54)

Damit ist das Denken Gottes die „Bedingung eines jeden möglichen Sinns, den der Einzelne aus guten Gründen zu verfolgen sucht.“ Höher geht es nicht. Nach Gerhardt ist sowohl der Gedanke des Ganzen notwendig, um Dinge der Welt und sich selbst zu erkennen, das Ganze aber doch nur als eine Forderung des Verstandes begriffen, der sich der Mensch im Glauben vertrauensvoll hingibt. So kann er den Sinn seines eigenen Lebens wie auch den Sinn des Ganzen erkennen. Gott ist somit der hypertrophe Gedanke eines „Sinn des Sinns“. Es ist mehr als der Wille zu nüchterner Erkenntnis, den Gerhardt umtreibt, sondern die Suche nach Sinn und Erfüllung der menschlichen Existenz, die ohne Trost und Hoffnung nicht auskommt. Insofern ist sein philosophischer Entwurf seinem Anspruch nach rational, aber seinem Zweck nach existenzial, sofern der Gedanke Gottes für jeden Menschen rational möglich, vom Ganzen her notwendig und existenzial tröstlich ist. Gott gehört untrennbar zur menschlichen Existenz hinzu.

In der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts gibt es einen ähnlichen Denkansatz innerhalb der protestantischen Theologie, die „existenziale Interpretation“: Gott ist dasjenige, was mich unbedingt angeht (Paul Tillich, ähnlich Eberhard Jüngel). Gerhardt entwirft eine rationale Theologie in existenzialphilosophischer Absicht. Die Verknüpfung der Erkenntnis seiner selbst und der Welt als Ganzer mit dem Gottesbegriff, der Welt und Selbst allererst erschließt, sei „auf den ersten Blick zirkulär“, aber nichtsdestoweniger notwendig und sinnvoll als „ein Akt der gleichermaßen intellektuellen wie affektiven Konzentration auf das uns im Dasein Wesentliche.“ (53) Sowohl im philosophiegeschichtlichen Rekurs als auch durch eine Analyse des Begriffs ‚Sinn‘ will Gerhardt seinen Grundgedanken in den folgenden Kapiteln plausibel machen.

Vermitteln Heraklit und Parmenides für Gerhardt den Gedanken des göttlichen Ganzen als der Einheit des Seins und Plato die positive Grundierung des Einen als des „Guten, Wahren, Schönen“, so liefert erst Kant die Möglichkeit, Gott als Transzendenz in der Immanenz zu denken, nämlich als „ transzendentale Bedingung des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses“. Die Voraussetzung dafür ist „die produktive Zerstörung der Gegenständlichkeit Gottes“ (95). Der Gottesgedanke erweist sich dadurch als eine „Transzendentalie“ (267) des Denkens.

Kants Destruktion der Gottesbeweise bringt den „Kategorienfehler“ an den Tag, Gott oder das Göttliche als ein Ding unter den Bedingungen dieser Welt zu denken. „Das Wissen aufzuheben, um dem Glauben Platz zu machen“ ist dabei die eigentliche Pointe Kants (96). Ist Gott zwar kein Gegenstand der reinen Vernunft, so wird er zum eminenten Postulat der praktischen Vernunft, auf der sich die Moral gründet. Kant unternimmt es in seiner Religionsphilosophie, der „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793/94), Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als Postulate der praktischen Vernunft neu zu begründen. Dabei geht es um den moralischen Anspruch, angesichts all des Bösen an den endlichen Sieg des Guten zu glauben. Hieran knüpft Gerhardt ausdrücklich an. Das gelingt zwar nicht im Bereich des Wissens, aber umso mehr im Bereich des Glaubens als dem Bereich größter subjektiver Verbindlichkeit. Das Postulat Gottes erhält keine objektiv dingliche Notwendigkeit, dafür aber eine subjektiv moralische Verbindlichkeit. Gerhardt stimmt dem von der späteren Religionskritik oft zitierten Sätzen Kants zu:

[W]ir machen uns einen Gott. […] Es klingt zwar bedenklich, ist aber keineswegs verwerflich, zu sagen: daß jeder Mensch sich einen Gott mache, ja nach moralischen Begriffen […] sich einen solchen selbst machen müsse, um an ihm den, der ihn gemacht hat, zu verehren. (REL 6, 168 f.) (109)

Insofern „gibt“ es Gott nicht, wie Gerhardt betont, aber als Gegenüber zur Welt ist der Gottesgedanke zwingend erforderlich, um das Gute zu gewährleisten. Der Einzelne kann daraufhin „die Erwartung hegen, im Fortgang der Geschichte der Menschheit der Realisierung der Ziele der Vernunft näher zu kommen und … durch eigenes Handeln einen Beitrag zur Annäherung an das Gute beisteuern zu können.“ (106) Schon hier fällt auf, dass das „es gibt“ merkwürdig eingeschränkt auftaucht, die Frage nach der Existenz Gottes in der Schwebe bleibt. Gott ist zwar kein Gegenstand des Weltwissens, „gleichwohl muss er etwas sein, das im Denken und Handeln der Menschen auf ähnlich grundlegende Weise wirksam ist, wie man es von der Logik, der Grammatik oder der Öffentlichkeit sagen kann.“ Dies ergibt sich für Gerhardt aus der existenziellen Befindlichkeit des Menschen: „Der Mensch muss sich selbst als bedürftiges und nach Sinn verlangendes Lebewesen erfahren, um Gott als die Antwort auf jene Fragen zu verstehen, die er sich selbst nach dem Sinn seines Daseins stellt.“ (147) Hier kommt der Glauben ins Spiel nicht als Gegensatz, sondern als Erweiterung des Wissens.

Gerhardt bezeichnet den Glauben als die „Einstellung zum Wissen“, das Wissen aber als „sachhaltige Mitteilung“. Das Wissen hat eine soziale und öffentliche Funktion, sofern sich Menschen darin über Dinge und Sachverhalte verlässlich austauschen. Allerdings beruht auch das Wissen auf affektiven und emotionalen Einstellungen, die jedem Wissenskonzept voraus liegen. „Im Bewusstsein der existenziellen Bedeutung einer Entscheidung ist das Wissen auf den Glauben nicht weniger angewiesen als der Glauben auf das Wissen.“ Insofern geht Glauben (als Vertrauen auf eine Grundeinstellung, Disposition) dem Wissen (als kommunikabler Vergewisserung von Dingen und Sachverhalten) voraus („epistemische Überzeugung“ 177). Glauben geht aber auch über das Wissen hinaus, insofern er den Sinn des Ganzen thematisiert und moralisches Handeln ermöglicht. Anders als das ungewisse Meinen und bloße Überzeugtsein geht es nach Gerhardt im religiösen Glauben um eine Verbindlichkeit, die Trost und Hoffnung über den Tod hinaus bietet. Der Glauben gründet darum wesentlich auf dem Gefühl – dem Gefühl oder „Geschmack fürs Unendliche“, würde Schleiermacher sagen. In Gerhardts Worten: „Getragen von diesem auf ein mögliches Glück im Ganzen setzenden Gefühl, kann man davon sprechen, dass es den Zweck und den Sinn, den wir im Einzelnen erfahren, auch im Ganzen gibt. Das ist es, was als Sinn des Sinns verstanden werden kann.“ (195)

III.

Damit ist Gerhardt bei seinem eigentlichen Thema: Gott verstanden als „Sinn des Sinns“. Allerdings tritt er vorher dem Verdacht entgegen, nun von der Philosophie in einen anderen Bereich, den der Theologie, überzuwechseln. Diese Vermutung liegt in der Tat nahe, da Gerhardt im weiteren Verlauf zunehmend seine Ausdrucksweise ins Vage geraten lässt. Hier versichert er aber: „Niemand muss befürchten, dass ich dabei zum konfessionellen Theologen werde; ich spreche weiterhin aus philosophischer Perspektive.“ (203) Darum grenzt er sich auch inhaltlich noch einmal explizit ab: „Menschen können zwar sagen, wie sie Gott verstehen; sie können sich auch darauf einigen, das Göttliche als Ursprung, Wesen, Grund oder als ein die Welt überschreitendes Ziel anzusehen. Aber ein Wissen davon, dass Gott diese oder andere Aufgaben wirklich zukommen, haben sie nicht.“ (210) Aber das Wissen ist nicht das Ende des Denkens, denn zumindest als „eine Grenzbestimmung des menschlichen Denkens“ (211) ist das Denken des Göttlichen (nicht unbedingt Gott als Person) hilfreich. Gerhardt sieht das Dilemma der begrenzten Vernunft, will aber mehr, und darum rückt er die Grenzen rationaler Erkenntnis doch ein Stück weit ins Unbekannte.

Man braucht zunächst nur das Eingeständnis, dass der Begriff des Göttlichen, trotz der Verborgenheit seines Gegenstandes, gleichwohl zu unserer Erkenntnis gehört. In historischer, systematischer und kritischer Perspektive kommen wir um den Begriff des Göttlichen nicht herum. Wir denken es als das über uns Hinausreichende, als das uns Umgreifende, als das alles Tragende und Vollkommene, als das Ganze oder vielleicht auch nur als die Grenze alles Denkens und Wollens. Dabei denken wir es uns nicht nur als ein (wie auch immer begriffenes) «Etwas», für das wir verschiedene Begriffe verwenden können, sondern wir verstehen es als Etwas, das uns etwas angeht. – Hat man sich dies eingestanden, kann nicht geleugnet werden, dass man zu dem, was man mit dem Begriff des Einen, Ersten, Höchsten, Umfassenden, Fundierenden oder Ganzen zu denken genötigt ist, immer auch ein affektives Verhältnis hat. Dem Teil, der da denkt, kann das Ganze, das er denkt und zu dem er (irgendwie) gehört, nicht gleichgültig sein. (212)

Zur Konstruktion eines personalen Gottesbildes ist es nun nur noch ein kleiner Schritt. Der Blick auf die Wunder dieser Welt und auf die erstaunlichen Zusammenhänge in der Natur (vgl. 268) zeigt ihm, dass „das Göttliche in der Welt nicht irrational sein“ kann (230). Der Glauben schreitet da über die Vernunft hinaus, wo es um eine Erkenntnis (!) geht, die das Ganze, den Sinn und das Ziel aller Dinge sinnlich-sozial erfahrbar macht. Die Vagheit kommt nun durchgängig ins Spiel, wo Gerhardt seine Aussagen über das alles umfassende personale Gegenüber Gottes als „analogon“ (195) formuliert: „Nach Art einer Person“ , „nach Art einer Realität“, und ferner Formulierungen sich häufen wie „ist nicht zu leugnen“, „nicht anders zu verstehen als“ , „irgendwie“, „wie auch immer begriffen“. Das ist schwer fasslich, und wir befinden uns noch nicht einmal in dem letzten Kapitel über den christlichen Gottesbegriff. Das „objektivistische Missverständnis“, das Gerhardt den Theologen vorwirft (225), kann ihn selber nur dann nicht treffen, wenn er sich hinter der Vagheit seiner Formulierungen verschanzt. Dabei ist die Häufung umso größer, je unklarer die Wirklichkeitsebene des personalen Gottes als Gegenüber, wenngleich nicht Gegenstand, der Welt wird.

Um Gerhardt gerecht zu werden, muss man anerkennen, dass er seinen Gottesbegriff ausdrücklich und wiederholt immanent , „mundan“ mit seinem Wort, versteht. Gott gehört für ihn unzweifelhaft zum Selbstbegriff des Menschen, er ist „Organ der Welt als ganzer“ (230 und öfter). Sein Gottesbegriff ist eine über das Wissen hinaus extrapolierte und ins Grenzenlose gesteigerte Form des Selbstverständnisses des Menschen. Die personale Konstitution Gottes erscheint ihm zwar naheliegend, aber er gibt ohne weiteres zu, dass man auch bescheidener „es bei der Sinnkonstitution durch das Ineinander von Individualität und Universalität im verständigen Bezug des Ganzen einer Person auf das Ganze seiner Welt belassen“ kann. Es ist dann nicht mehr als eine „Transzendentalie“, eine „funktionale Bedingung unseres Selbst- und Weltverständnisses“ (268). Der personale Gottesgedanke bekommt dann eine Wendung ins „Hypertrophe“, ein ‚Superadditum‘ für den religiös musikalischen Menschen. Allerdings lässt Gerhardt ebenso wenig einen Zweifel daran, dass er dies für eine bedauerliche Selbstbeschränkung hält. Dies gilt insbesondere bei der Frage nach der Motivation, dem Bösen zu widerstehen und das endgültige Ziel des Guten im ganzen Verlauf der Welt zu glauben.

IV.

Wer immer das Böse rein moralisch definiert, bindet es an den Menschen. Nur der Mensch kann moralisch handeln, indem er zwischen gut und böse unterscheidet. Moralphilosophie ordnet das Böse unter den Schwächen und Fehlern des Menschen ein und kann allenfalls darüber diskutieren, woher diese offenkundige Schwäche und dieses Unvermögen des Menschen stammt. Auch Kant, der Hauptvertreter der neuzeitlichen Begründung der Religion auf Moral, verfährt so, wenngleich er noch eine Ahnung von der Radikalität des Bösen hat. Immerhin spricht er von „dem radikalen Bösen der menschlichen Natur“ (RGbV I,3), geht aber auch von einem unerklärlichen Mangel des ursprünglich guten Menschen aus. In der Nachfolge Kants sieht auch Gerhardt die „selbst empfundene Schwäche“ des Menschen als Ursprung alles Bösen.

Mehr braucht man nicht zu sagen, um die menschliche Schwäche als die schier unerschöpfliche Quelle des Bösen auszumachen, das trotz des stets gewollten Guten die Menschheit in allen nur denkbaren Formen befällt. Es ist somit der Mensch, der die Verantwortung für das Böse trägt. (317) Das Problem der Theodizee bestehe demnach gar nicht, sobald „dem Menschen, trotz allem, das denkbar Beste zuzutrauen [ist] – sofern er sich selber Mühe gibt … und durch sein eigenes Beispiel für das Beste einzutreten sich bemüht. (329)

Ein Tsunami und das von ihm ausgelöste Leid gehört demnach nicht zur Kategorie des Übels bzw. des Bösen. Auch wenn Gerhardt mit Emphase (und Ausrufungszeichen) mahnt, das Leiden nicht zu vergessen (258), so muss man ernüchtert feststellen, dass mit solchen Formulierungen das Böse in seiner Radikalität und das Leiden in seiner nicht wieder gut zu machenden Faktizität (auch Max Horkheimers „Resurrektion“ hilft da nicht) auch nicht ansatzweise in den Blick gekommen ist. Es zeigt sich hier eine erschreckend unbedarfte, ja leichtfertige und unernsthafte Wiederkehr eines kulturprotestantischen Moralverständnisses, das sich allenfalls mit Goethes „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (Faust) deckt, aber ganz und gar nicht zum Beispiel mit manchen Aussagen der Bibel. Diese verkürzt Gerhardt ohnehin auf Paulus und die Johannesbriefe, weil anderes mit einem rationalistischen Moralstandpunkt nicht vereinbar ist. Dass es ‚Böses‘, Lebenvernichtendes auch in der Natur gibt, dass also auch die Natur als ganze unter Gewalt leidet und „ängstlich harrt“, weiß ein hellenistisch gebildeter Paulus wohl eher von seiner Herkunft als jüdischer Rabbi, wenn er schreibt:

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. (Römer 8, 19 – 21)

Hier haben insbesondere Philosophen, die sich auf eine rationalistische Metaphysik innerhalb der Philosophie verpflichten, einen blinden Fleck. Das gilt ebenfalls für Holm Tetens Skizze (wie ausgeführt, s.o.). Die Verharmlosung von Leid, Bösem, Tod war typisch für den sogenannten Kulturprotestantismus. Nach in der Erdgeschichte bekannten vernichtenden Impacts – und erst recht nach der Urerfahrung der Schoa sollte ein einfaches Hinweggehen über die Frage nach der Theodizee nicht mehr möglich sein. Hier ist wenigstens Tetens sensibler. Vom Potential der Gewalt, das in den tatsächlichen Religionen selber enthalten ist, ist bei beiden keine Rede.

Auch abgesehen von der Einordnung des Bösen als menschliche Schwäche, die es zivilisatorisch à la longue abzustellen gilt (329f.), sind bei Gerhardt in den Ausführungen über das christliche Gottesverständnis (Kapitel 6) doch einige zweifelhafte Idealisierungen festzustellen. Schleiermacher , auf den Gerhardt verschiedentlich anspielt, wusste sehr viel mehr und Genaueres zu sagen, wenn er Religion im Gefühl verortet. Gerhardt reduziert das Christentum, das er doch so hoch halten und rational legitimieren möchte, auf ein persönliches Gottesbild, Nächstenliebe (Philanthropie) und auf eine weltoffene ‚Kirche‘, die dank Säkularisierung auf Macht verzichten kann, existenziellen Trost spendet und transzendentalen Sinn garantiert. Darüber hinaus spricht Gerhardt dem Glauben die Funktion zu, das Bedürfnis nach Unendlichkeit und Ganzheit, nach Idealität und universalen Sinnerleben, nach einer „Fortsetzung des Lebens unter besseren Umständen“ (338) zu erfüllen. Religion ist bei ihm eine Projektion der Transzendenz in der Immanenz und als solche eine Übersteigerung von Selbst und Welt in einer idealen Totalität („Integral“); ihr Wirklichkeitsgehalt ist vergleichbar der Kunst und Mathematik, aber zudem personal manifestiert. Der Unterschied zwischen einer realen und einer idealen Vergegenständlichung bleibt unklar. Gerhardt schwebt offenbar eine philosophisch – metaphysische Gestalt von Religion vor, die es außer in der intellektuellen Konstruktion kaum als tatsächliche Institution gibt. Ein Theologe hätte es heute schwer, sich auf eine derart zweifelhafte spekulative Metaphysik einzulassen. 3)

V.

Im „Beschluss“ möchte Gerhardt „Hinweise auf die eigene Zeit“ geben. Es ist kaum anders denn als Ironie zu verstehen, wenn man sich die drei Themen anschaut, denen sich Gerhardt hier noch praktisch-philosophisch als „aktuell“ widmet: 1. Darwins Verhältnis zur Religion und seine Wendung zur Philanthropie; 2. Gegen die Kritik der Religion als Weltflucht; 3. Märtyrertum als Beispiel individueller religiöser Kraft gegenüber dem Nationalsozialismus. – Es ist die Aktualität und die Problemlage des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts. Bei allem Verständnis für das insgesamt gründliche Bemühen des Philosophen, heute eine rationale Theologie zu konstruieren, kann man sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass hier wenig konkret, dafür bisweilen begrifflich nebulös und ‚beschwörend‘ abgehoben und idealistisch argumentiert wird. So bleibt der Gesamteindruck ambivalent. Das vorliegende Buch zeichnet unter dem Anspruch einer „rationalen Theologie“ am Ende ein spekulatives und intellektualistisches Bild der Religion, in bester Schleiermacherscher Tradition adressiert „an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Vielleicht bedient es auch nur den Hang zu einer metaphysischen Ordnung und religiösen Stabilität, die es heute längst nicht mehr gibt – und zu einem Traditionalismus in der Philosophie, der die Höhe der Zeit verfehlt und aktuelle Fragen und Probleme ausblendet. Damit ist nicht gemeint, der Aktualität hinterher zu hecheln, sondern die Erwartung formuliert, dass ein philosophischer Entwurf ein Stück ‚Neuland‘ der Erkenntnis und ‚Aufklärung‘ der heutigen Zeit liefern sollte, um dem verbreiteten materialistischen Naturalismus und der digitalen Orientierungslosigkeit eine Alternative entgegenzustellen. Eine solche Erwartung wird trotz reicher Gedanken mit dem „Sinn des Sinns“ nicht erfüllt.

 

Anmerkungen

  1. Alle Zahlen in Klammern beziehen sich auf das genannte Buch in dritter Auflage. [zurück]
  2. Gerhardt erwähnt Markus Gabriel mit seiner provokanten These „Warum es die Welt nicht gibt“ in diesem Zusammenhang nicht. Gabriel, der seine Position ebenfalls von Kant her begründet, ist das aktuelle Contra zu dem hier Ausgeführten. Indirekt distanziert sich Gerhardt aber von Gabriel, wenn er den Begriff des Ganzen semantisch und sachlich als selbstverständlich gegeben bezeichnet. Siehe dazu Gerhards Kritik an M. Gabriel in Philosophisches Jahrbuch 122 I/2015 S. 153 – 162.[zurück]
  3. „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ – Hättest du dazu besser geschwiegen und wärst bei der Sache der Philosophie geblieben. Der liberale Theologe Friedrich Wilhelm Graf, München, legt in mancherlei Hinsicht mehr philosophisches Gespür an den Tag als Volker Gerhardt theologisches. Das ist sachlich bedauerlich. [zurück]

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Sep 272016
 

Was tut eigentlich Philosophie? Wörtlich bedeutet Philo-sophia ‚Liebe zur Weisheit‘ oder ‚Liebe zur Wahrheit‘, aber Weisheit wovon und Wahrheit wessen?

Heutige philosophische Themen zeigen eine unüberschaubare Vielfalt. Um Sprache, um Gesellschaft, um Erkenntnis, um Ethik geht es da, um Glück und gelingendes Leben, – und dies alles unter dem Blickwinkel des Grundsätzlichen. Was liegt allem zugrunde? Strukturen, Systeme, Macht – oder ist alles, was wir wissen, nur ein Konstrukt unseres Verstandes auf dem Hintergrund einer unerkennbaren Realität? Die Frage nach dem Sein (Ontologie), nach der Wirklichkeit als Ganzer (Metaphysik) ist jenseits einer ausgeklügelten Methodik der Fragestellungen (Logik, Analytik) wieder stärker in den Vordergrund der ‚hauptberuflichen‘ Philosophen gerückt. Dazu später in einem anderen Beitrag mehr.

Was tut man, wenn man nach dem Ganzen fragt? Oder fragt niemand danach, weil sich unsere Wirklichkeit ohnehin in eine Vielzahl von subjektiven Wirklichkeiten und funktional differenzierten Weltbezügen auffächert? Dennoch, ‚das Ganze‘ steht nun einmal da, wenn auch zu allererst als der eine, ganze Mensch, der man selber ist. Ich kann schnell laufen und eine Rechenaufgabe lösen. Ich kann mir einen genauen Plan machen und ihn zielgerecht umsetzen, und ich kann mich über eine überraschende Begegnung freuen und alles andere vergessen. Ich kann denken und nachsinnen, beten und arbeiten, lieben und hassen, Tränen lachen und Magenkrämpfe haben. Es kribbelt bei einem Juckreiz, und es kribbelt, wenn ich Schmetterlinge im Bauch habe. All das und noch viel mehr kann ich, will ich, tue ich, erfahre ich als dieses eine ganze Ich, das ich bin. Und genau das ist die Frage: Was bin ich da? Was ist meine Welt?

In der Geschichte der Philosophie gibt es darauf die unterschiedlichsten Antworten. Von lang anhaltenden Nachwirkungen ist die Unterscheidung Descartes‘ geworden zwischen dem körperlichen Ding, dem „Ausgedehnten“, und dem geistigen Vermögen, dem „Denkenden“. Die Zweiteilung in das Körperliche, Materielle, und das Vernünftige, Geistige, ist aber uralt. Oft wird es auch in einer Dreiteilung beschrieben als Körper, Seele und Geist, oder anders als Materielles, Mentales und Vernünftiges. Die Frage ist dann aber, wie eines mit dem anderen zusammenhängt, ob es überhaupt irgendwie, womöglich kausal, verknüpft ist. Jeglicher Reduktionismus versucht, die drei Gegebenheiten auf eine einzige der drei zurückzuführen. In der jüngeren Vergangenheit ist der materialistische Reduktionismus vorherrschend: Alles, also das ‚Ganze‘, ist nichts anderes als Physik. Diese Ansicht hat nur die ältere, ebenso ‚reduktionistische‘ Auffassung abgelöst, alles Wahre und Wirkliche sei nur Idee, Geist, das Körperliche schlimmstenfalls eine Täuschung. Ein anderer Versuch, das Seelische als letztlich bestimmend auszumachen, führt zu allerlei panpsychistischen, spiritistischen oder anthroposophischen Auswüchsen. Es hilft nichts, – mit all dem ist ‚das Ganze‘ ganz sicher nicht in den Blick gekommen.

Mona Lisa

Mona Lisa (La Joconde) (Leonardo da Vinci) (c) Wikimedia Commons

Das einzelne Ich lebt und existiert in all diesen drei, nennen wir es einmal Dimensionen als das eine Ich, die eine Person. Schaut man genauer auf die Lebensvollzüge dieses Ich, dann sind da noch sehr viel mehr Dimensionen und Perspektiven auszumachen, unter denen eine Person in Beziehung zu sich selber und zu ihrer Welt tritt. Was ist das Einheitstiftende, Ganze innerhalb des Ich? Ist es mein Bewusstsein, noch einmal höherstufig gefasst als Selbstbewusstsein? Aber das Eine, das ich bin, existiert ja auch, wenn es schläft, wenn es nicht bewusst ist, auch und gerade in all den Lebensvollzügen, die sich unbewusst abspielen. Mein Bewusstsein ist allenfalls eine weitere Perspektive, unter der ich das Ganze meiner Person in den Blick nehmen möchte. Die Person, die ich für mich und für andere bin, ist offenkundig mehr und noch anderes als das, was ich mir selber als mein Ich vergegenständliche. Interessanterweise ist die Außenwirkung meiner Person viel ganzheitlicher, als ich mich selber als Ich wahrnehme. Der Andere nimmt mich wahr als Gestalt mit Aussehen, Bewegung, Ausdruck, als Redenden, mimisch Reagierenden, als Geruch, mit Hautkontakt, als angespannt, drahtig oder nachlässig und schlaff und so weiter. Wer bin ich als diese eine Person mit bestimmtem Namen, wenn ich mich im Spiegel der Wahrnehmung anderer zu betrachten versuche? Auch da ergeben sich ebenso viele Wahrnehmungen, wie es Wahrnehmende gibt. Noch einmal: Was macht das Eine, Ganze aus, das ich in meiner Welt bin?

Der Blick auf die Welt macht es nicht einfacher. ‚Meine Welt‘ ist schon eine perspektivische Einschränkung. Die Welt erscheint mir ohnehin zunächst als Um-Welt, als Welt um mich herum, also als meine Welt. „Meine“ bedeutet dabei durchaus eine Art Aneignung, eine Inbesitznahme und einen vertrauten Umgang mit dem Ausschnitt des Ganzen der Welt, den ich eben als ‚meine Welt‘ erkenne und anerkenne. Ob es darüber hinaus überhaupt die eine, ganze Welt gibt oder dies nur ein heuristisches Prinzip ist, mit Kant gesprochen ein Postulat der transzendentalen Vernunft, also eine Hypothese des Denkens, das ist heute gerade wieder strittig (siehe die Diskussion um Markus Gabriels „Neuen Realismus“1), dazu mehr an anderer Stelle.) Gehen wir einmal von dem umfassenden Weltbegriff aus, wie er zumindest umgangssprachlich in Gebrauch ist, dann bezeichnet ‚Welt‘ das Ganze der Wirklichkeit. Man kann dies in verschiedene Aspekte ausdifferenzieren, in den Kosmos, das Universum, die Erde, die Natur, die Kultur, die Menschheit, Big Data usw. Die Welt um mich herum ist sehr viel eingegrenzter und auf den ersten Blick einfacher: meine Familie, meine Freunde, mein Beruf, meine Interessen, meine Freizeitaktivitäten, meine Bücher, mein Wohnort, meine Reiseziele usw. Meine hierdurch geprägten Ansichten, Auffassungen und Meinungen gehören dabei auch zu dem, was ‚meine Welt‘ ausmacht. Oft verdichtet sich ‚meine Welt‘ zu demjenigen Ganzen, das ich als mein Weltbild vergegenständliche. Nur dass dies eben allenfalls das Ganze für mich ist, und nicht das Eine, Ganze überhaupt.

Kann ich mich diesem Einen, Ganzen denn überhaupt jemals nähern, ohne immer schon meiner subjektiven Sichtweise auf ‚meine Welt‘ verhaftet zu sein? Es gibt jedenfalls die Bemühungen in der Philosophie, von der subjektiven Perspektive abzusehen und sich begrifflich dem zu nähern, was man als ‚das Ganze‘ fassen könnte. Volker Gerhardt hat dazu aktuell einen neuen Versuch unternommen 2). Soviel wird allerdings jetzt schon deutlich: Ein Begriff des Ganzen wird nur in einer Art Übergriff geschehen können, weil das Ganze zugleich mein Denken über das Ganze mit umgreift. Denn auch bei aller Abstraktion steht uns das Ganze nicht zur Verfügung, und der Begriff des Ganzen konstruiert etwas, das über den bedingten und begrenzten Teil meiner eigenen Wahrnehmung und meines eigenen Lebens und Denkens hinausgeht.

Warum sollten wir uns denn mit dieser Frage überhaupt beschäftigen? Nun, sie taucht immer wieder alltäglich verhüllt auf. Was ist und wie war die Welt vorher, und sei es auch nur die Welt unserer Erde und dieses Sonnensystems, bevor es Menschen gab, die mit ihrem Bewusstsein und ihrer Wahrnehmung sich ein Bild von eben dieser Welt zu machen suchten? Was können wir darüber überhaupt wissen, wenn wir zum Beispiel archäologische Funde auswerten? Was macht das SETI-Projekt, wenn dabei nach außerirdischen Lebensformen gesucht wird, die immer wieder die Medien und ihre Konsumenten faszinieren? Die berühmte Frage: Gibt es ‚da draußen‘ noch jemanden außer uns? ist im Grunde die Frage nach dem Ganzen der Welt als Universum, das offenbar nur sehr schwer mit einem exklusiven Menschen gedacht werden kann. Da müssen dann „Viele-Welten-Theorien“ helfen, uns die mögliche Einmaligkeit unseres Dasein begreiflich zu machen. Ist also das Ganze der Welt nur mit oder auch ohne den Menschen denkbar? Und selbst wenn es denkbar wäre, kann es dann auch wirklich sein, so wirklich wie das ‚Ganze‘ der alten Welt vor der Entdeckung Amerikas oder eben des Kosmos vor Entstehung unseres Planeten? Was ist es dann eigentlich, was durch den wahrnehmenden, bewussten, schließlich selbstbewussten Menschen, mit seinen Sinnen, seinem Denken, seiner Kunst und Kultur zum Weltganzen als Wirklichkeit hinzu gekommen ist? Denn ganz sicher sind bildende Kunst, Musik, Literatur ein jeweils eigener ‚Kosmos‘, also doch auch eine eigene Welt und Wirklichkeit, die da ist, selbst wenn es ihre Produzenten und Konsumenten nicht mehr geben sollte. Als drittes Beispiel sei der Streit um die Bezeichnung „Anthropozän“  genannt, wobei es um die Frage geht, inwieweit der Mensch durch sein tätiges Vorhandensein, die Erdenwelt als ganze unwiderruflich geprägt und verändert hat – so sehr, dass von einem neuen Erdzeitalter gesprochen werden sollte. Unbestimmt ist dabei allerdings noch der Zeitpunkt, ab wann man diesen Einschnitt markieren möchte. Was macht also heute die Welt als ein Ganzes aus, und ist die Welt überhaupt Eine, ein Ganzes, ein einziges Ding?

Genau um diese Fragen in der doppelten Ausrichtung auf das Ich und auf die Welt geht es und damit auf ihren Zusammenhang, – genau diese Fragen sind Grundfragen der Philosophie. Sie sind heute wieder aktuell, vielleicht aktueller denn je, zumal wir seit kurzer Zeit die Verdopplung der Welt in ihr analoges Sosein und ihr digitales Abbild erleben, ohne die Konsequenzen dieses Prozesses schon annähernd abschätzen zu können. Der Blick auf das Ganze der Daten-Welt sollte dann auch ein zwar technisch kundiger, aber vor allem auch gesellschaftlich und philosophisch geschulter Blick aufs Ganze sein. Darin, in ihrer fragenden Liebe zur Weisheit, zum Sinn und zur Wahrheit des Ganzen erweist sich Philosophie als das, was sie immer war: der Versuch, unsere Welt zu verstehen.

 

Anmerkungen:

1) Markus Gabriel, Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie, 2016, zum Beispiel bei Amazon. [zurück]

2) Volker Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, 2014; 2015, hier bei Amazon. [zurück]

Jan 302015
 

[Philosophie, Erkenntnistheorie]

Realität ist das, was wir täglich erleben. Das ist nicht immer das, was wir uns wünschen, aber es ist halt, wie es ist. Aber was ist eigentlich das, was ist? Ist es das uns Vertraute, Gewohnte? Oder das Gegebene, Unveränderliche? Oder die Verhältnisse im Allgemeinen, oder das Persönliche im Besonderen? Was davon ist wirklich? Die Angst vor der Krankheit, auch wenn ich noch ganz gesund bin? Das Naserümpfen der Nachbarn, die mehr haben als man selber? Die Unzufriedenheit mit dem Job? Der relative Wohlstand, bei dem es manchem besser, aber vielen auch schlechter geht als einem selber? Die eigene Wohnung, das Zuhause, der Heimatort? Der Schnupfen, der im Anmarsch ist?

Offenbar sind in diesen Beispielen ganz unterschiedliche Wirklichkeiten zusammen gewürfelt. Allgemein gültige Gegebenheiten und Gegebenheiten nur für mich, unveränderliche Objektivität und eigene Wünsche, Hoffnungen, Ängste. Die Wirklichkeit, so zeigt sich, ist keineswegs nur, wie sie ist. Sie ist offenbar auch das, was man daraus macht oder was sie einem zu sein scheint. Die Welt im Allgemeinen ist nicht meine Realität, sondern meine Welt, das, was ich als Welt um mich herum erlebe, und das, als was mir diese Welt um mich herum erscheint, wie sie mir entgegen tritt, zu wem sie mich macht – und was ich aus ihr mache.

Realität ist vielschichtig. Sie ist im Alltagssinn das Vorfindliche, Gegenständliche, Tatsächliche. Darüber hinaus ist sie aber auch mein Bezug zu dieser Realität, als was ich sie auffasse, wie sie mir klar oder nebulös, freundlich oder bedrohlich gegenüber tritt. Sie wird zu meiner Realität, indem ich sie dazu mache. Einem anderen, der in meiner Nähe lebt, kann die selbe Wirklichkeit zu einer ganz anderen Realität werden. Er erlebt seine Welt anders als ich die meine, obwohl wir doch in derselben Welt leben. Wie verhält sich also meine Welt zur Welt ohne mich? Was ist real, was ist nur für mich real? Oder ist das für mich Reale gar nicht richtig wirklich? Aber meine Gefühle, Hoffnungen, Ängste, die sind doch wirklich da. Um welche Wirklichkeit geht es also, wenn es um Wirklichkeit, um Realität geht?

Eine verbreitete Meinung sagt, real ist das, was äußerlich gegenständlich da ist oder was tatsächlich feststellbar und vorhanden ist. Mein Innenleben ist insofern real, als es von einem Arzt oder Psychologen analysiert und auf seine vorfindliche Physis oder tatsächlichen Funktionen untersucht werden kann. Was in solcher Gegenständlichkeit oder Tatsächlichkeit nicht gefunden wird, ist nicht real, nicht vorhanden, nicht wirklich. Halluzinationen und Wahnvorstellungen zum Beispiel geben keine objektive Wirklichkeit wieder, sondern sind nur real als solche psychophysischen oder neurochemischen Gegebenheiten. Aber diese naturwissenschaftlich erhobene Tatsächlichkeit ist doch etwas anderes als das, was ich als Angstvorstellung oder Trauma erlebe. Meine eigene Welt ist offenbar nicht deckungsgleich mit der äußeren, objektiven und tatsächlichen Welt.

Ein anderer Zugang nimmt darum diese Perspektivität ernst, mit der ich meine Welt erfasse und begreife. Die Welt als solche gibt es gar nicht, oder sie ist einfach irrelevant, weil sie mir immer schon aus meinem subjektiven Blickwinkel entgegen tritt. Mein Sensorium und meine Wahrnehmung konstruieren mir eine Welt, die mit meinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, aber auch mit meinen rationalen Theorien und Vernunftvorstellungen übereinstimmt. Die Außenwelt ist ein unerreichbares Abstraktum und recht eigentlich nicht wirklich. Real ist nur die konstruierte Welt, die Welt, wie sie mich erreicht, wie ich sie erkenne und wozu ich sie forme. Dass es überhaupt eine Verständigung zwischen zwei Subjekten über ihre ganz unterschiedlichen Welterfahrungen gibt, liegt an der Sprache. Sie gilt als dasjenige Symbolsystem, durch das einzelne Tatsachen und Gegebenheiten intersubjektive Bedeutung erlangen. Eine „Privatsprache“, die nur ich verstehe, ist sinnlos.

Nach dieser Meinung (und sie beruft sich dabei auf Immanuel Kant) besteht die Welt aus einer Vielzahl von Konstruktionen der menschlichen Erkenntnis. Ihre Kategorien bestimmen das, was überhaupt wahrgenommen und erkannt werden kann. Realität ist ohne solche Konstruktion nicht zugänglich. Das Nachdenken über die Art solcher Konstruktionen kann in der Weise erfolgen, dass die Welt in verschiedenartige und vielfach gestufte Systeme eingeteilt wird, von denen das eigene Wahrnehmungssystem nur eines unter anderen ist. Auf der anderen Seite kann die Geschichte als historische Konstruktion verstanden werden und die Welt des Sozialen eben als Sozialkonstruktion usw.. Meine Vorstellungen von der Welt und insbesondere von mir selber werden als konstruierte Repräsentationen des Gehirns interpretiert, – aber immerhin, das Gehirn muss ja noch da sein als objektive Gegebenheit. Oder erhält man letztlich nur eine konstruierte Selbstanalyse des Analytikers, der die Funktionen des Gehirns als Repräsentationen von X bestimmt, wobei die Frage ist, was denn dieses X eigentlich sein könnte: Doch wieder die physische Außenwelt? Aber ist diese nicht bloß ein Konstrukt? Und so beißt sich die Katze in den Schwanz.

Anscheinend führen beide Sichtweisen in ein Dilemma. Entweder ist die gegenständliche, tatsächliche Welt real da, wird von mir aber immer nur subjektiv individuiert angeeignet, oder die äußere Welt ist gar nicht als Realität vorhanden, sondern real sind nur die Konstruktionen der menschlichen Welt im Laufe der Lebens- und der Kulturgeschichte. Das stößt sich aber hart mit meiner Alltagswahrnehmung, dass die Welt keineswegs nur „als Vorstellung“ real ist. Mein vorgestelltes Gehalt ist noch keinesfalls real und noch lange nicht auf meinem Konto. Der Ausweg eines radikalen Skeptizismus ist in Wahrheit auch keiner, denn dann müsste ich meine Existenz als denkender und wahrnehmender Mensch zu allererst selbst infrage stellen. Meine Wahrnehmung als Ich aber gibt mir eine ziemliche Gewissheit über meine Existenz. Träume ich oder wache ich – und dann kneift man sich in den Arm und weiß Bescheid.

Vielleicht lässt sich die Frage nach dem, was real ist, gar nicht mit einem Satz beantworten. Vielleicht sind die Alternativen keine einander ausschließenden Gegensätze, sondern komplementäre Denkmodelle. (Ich entlehne diesen Ausdruck einmal aus der frühen Atomphysik.) Oder anders gesagt: Es gibt nicht die eine einzige reale Welt, sei es die äußere, physikalische, oder sei es die innere, konstruierte. Es gibt nur eine offene Vielzahl von Welten und Wirklichkeiten, die alle in ihrem Bedeutungszusammenhang sehr real sein können. Mein Konto zeigt mir die Realität meiner Einkommensverhältnisse. Mein Wunschtraum zeigt mir die Realität meiner Sehnsucht oder meines Strebens. Das Gehirn ist ein realer Untersuchungsgegenstand für Neurobiologen. Mein Denken und Fühlen, Abwägen und Schlussfolgern ist die reale Tätigkeit und Anstrengung meines Geistes. Er ist nicht nur als „mentales Phänomen“ real. Die Werte im Sekundenhandel an der Börse mögen real oder irreal sein, aber dass mein Auto zur Reparatur muss, ist leider real. Natürlich ist auch Hamlet real, im geschriebenen Drama ebenso wie in anderer Form auf der Bühne dargestellt. Meine Welt im Beruf ist real, und meine Freizeit ebenso usw. usw.

Die gegebene Wirklichkeit ist vielfältig. Die Physik zeigt eine andere Wirklichkeit als die Kunst. Man kann das eine nicht gegen das andere ausspielen. Die Welt ist äußerlich, gegenständlich hart oder unerbittlich als Tatsache. Die Welt ist aber ebenso das, was ich aus ihr mache, als welche ich sie sehe, wie verengt oder gefärbt auch immer. Die Sichtweise, der Sinnzusammenhang hat reale Auswirkungen. Wie ich die Welt um mich herum auffasse, so wird sie mir oftmals begegnen. An einem fröhlichen Tag begegnet mir eine andere reale Welt als an einem Tag, an dem ich traurig bin. Beim Klavier-, Trompete- oder Schlagzeugspielen bin ich in einer anderen Welt als wenn ich koche – und all dies ist real, sowohl für mich wie für andere (man frage beim Klavierüben die Nachbarn). Realität ist mehr als eine Konstruktion. Realität ist auch mehr als physische Gegebenheit. Realität ist mehr als alles, was ich bestimmen und festlegen kann. Denn Realität ist offen, offene Vielfalt. Und Realität gibt sich immer wieder anders. Die Welt erscheint jeweils in unterschiedlichen „Sinnfeldern“ (Gabriel). Die alten Philosophen nannten das Verwirklichung, Potentialität.

Heutige Philosophen nennen diese Denkbemühung jenseits der verfahrenen Alternativen „Neuen Realismus“. Es ist eigentlich auch der alte. Man muss das aber heute neu sagen. Realität ist nicht nur das Gegebene, sondern auch seine Kritik. Manches in unserer Welt ist unsagbar schrecklich, manches einfach unsäglich und sinnlos, egal in welchem „Sinnfeld“ es erscheint. Noch besser als das Schlagwort vom Neuen Realismus gefiele mir Kritischer Realismus. Wenn der dann „neu“ formuliert und begründet wird, umso besser. Das Sein ist nicht das Eine, sondern das Viele. Unsere Bezugnahme macht es zur uns bestimmenden Realität. Dabei zeigt sich: Manches, was sein kann, darf nicht sein. Die Kritik schlechter Realität trägt den Keim einer anderen Welt.

Dez 292013
 

[Philosophie]

Im Gegensatz zum fiktiv-geheimnisvollen Da Vinci – Code klingt der Descartes – Code ganz einfach: cogito ergo sum. Allerdings, was einfach klingt, muss nicht einfach sein. Die kurze lateinische Formel gehört zwar fast zur Allgemeinbildung, die Voraussetzungen und Implikationen aber weniger. Bewunderung für diesen frühen Denker der neuzeitlichen Rationalität mischt sich mit vereinzelter Kritik. Am grundsätzlichsten ist diese vielleicht von Martin Heidegger formuliert. Descartes hat allerdings immer noch Konjunktur, Heidegger weniger.

Descartes Bestimmung der drei allem Erkennen vorauslaufenden Ideen der unendlichen, der endlichen und denkenden sowie der endlichen und ausgedehnten Substanz (Gott – Geist – Körper) hat das Denken in der Folgezeit derart beeinflusst wie wenige andere „Ideen“ der neueren Philosophiegeschichte. Die Idee der unendlichen Substanz, also Gottes, wurde im Laufe der Zeit beseitigt, indem sie faktisch auf die beiden anderen Ideen rückgeführt wurde, eine erste folgenreiche Reduktion. Die neuzeitliche Metaphysik sollte, wenn sie überhaupt noch eine Berechtigung hatte, ohne den Gedanken einer unendlichen Substanz auskommen. Schon bei Descartes ist ihre Funktion und Begründung umstritten. Übrig bleiben das „Ding“ denkendes Ich (res cogitans) und alle ausgedehnten Dinge (res extensae), wir würden heute sagen die Gegenstände und Tatsachen der Raumzeit.

Sofern die res cogitans mit dem Geist identifiziert wird, ist die heutige, überwiegend analytisch bestimmte Philosophie dabei, diese „Idee“ ebenfalls zu reduzieren auf die pure res extensae. Der Geist ist nach verbreitetem Verständnis nur ein Resultat von Hirntätigkeiten, die physiologisch erklärt werden können. Unterschiedlich wird allenfalls die Art und Weise dieses Resultats beschrieben als supervenient, funktional, eliminativ, repräsentational oder identisch, um die wichtigsten Varianten einer theory of mind anzudeuten. Das „Ausgedehnte“, das heißt die körperliche, physikalisch beschreibbare und erklärbare Welt ist als alleinige „Substanz“ übrig geblieben. Da steht dann allenfalls noch das Ich (ego) etwas erratisch im Wege.

Der cartesianische Code hat sich verwandelt in die Pseudo-Dualität von Subjekt und Objekt. „Pseudo“ deswegen, weil auch das Subjekt für die wissenschaftliche Erkenntnis nur ein Objekt unter anderen ist. Das „ausgedehnte Ding“ ist die gesamte Wirklichkeit in Raum und Zeit mit allen Gegenständen und Tatsachen, die in dieser ausgedehnten Welt vorkommen. Darin kommt eben auch das Ich als ein etwas besonderes Ding vor, das allerdings grundsätzlich ebenfalls „objektiv“ verstanden werden kann.

Man kann zurecht die im engeren Sinne philosophische Frage stellen, ob und wieweit dies Konzept des neuzeitlichen Weltbildes vollständig, überzeugend und plausibel ist oder ob es Gegenstände, Tatsachen und Verhaltensweise gibt, die sich diesem Raster nicht fügen bzw. unten durch fallen. Thomas Nagel hat zuletzt in seinem Buch „Geist und Kosmos“ gut begründete Einwände erhoben; ich habe in meinem vorigen Blogbeitrag darauf hin gewiesen. Dabei bleibt auch Nagel noch dem Descartes – Code verhaftet, nur dass er sich gegen den physikalistischen Reduktionismus wehrt und die Intentionalität des Geistes behaupten möchte. Damit stellt er dem Prinzip der Kausalität im Bereich der Dinge das Prinzip der Teleologie im Bereich des Geistes zur Seite. Beides möchte er in einer künftigen Theorie, die es seiner Meinung nach noch nirgendwo gibt, unlösbar verbunden wissen. Es wäre die Lösung desjenigen Knotens, den schon Descartes, allerdings mit Hilfe seiner unendlichen Substanz, hat lösen wollen.

Um den Descartes – Code zu knacken, ist allerdings mehr nötig als Philosophie und Erkenntnistheorie. Viel zu tief ist unser Alltagsdenken von ihm geprägt. Kaum aufzuzählen sind Redewendungen, die unseren eigenen Körper als einen Gegenstand unseres Ichs distanzieren: Man will seinem Körper etwas Gutes tun – eigentlich will man ja sich selbst etwas Gutes tun. Wenn man die Seele baumeln lässt, möchte man einfach nur entspannen. Wenn wir uns etwas merken wollen, sprechen wir davon, etwas im Gedächtnis abzuspeichern, – der Computer lässt grüßen. Man ist auch nicht einfach krank, sondern der Magen ist erkrankt oder der Hals oder oder. Der Finger zeigt (nicht: Ich zeige mit dem Finger), die Beine laufen, das Hirn denkt. Und ich? – agiere aus dem Bauch heraus.

Bei Ausdrücken dieser Art hat man das Gefühl, da stünde gleichsam das Ich als Beobachter neben sich und betrachtete den eigenen Körper von außen, was der so tut und macht und leidet und will. Unsere gesamte Medizin denkt so, wenn sie den Körper als physikochemische Maschine behandelt, der man mit bestimmten Substanzen beikommt. Damit steht sie in bester Descartes-Tradition, der seinerseits den Körper der Lebewesen nur als sich selbst bewegende Maschinen beschreiben konnte – und mechanisch nachbauen wollte. Da steht dann die „Schulmedizin“ in einem (vermeintlichen ?) Gegensatz zu einer „ganzheitlichen“ Medizin, die mehr auf das „Psychosomatische“ setzt und den psychophysischen Zusammenhang in den Blick nimmt.

Wir haben in unserem Weltbild und in unserem Selbstverständnis den Descartes – Code völlig verinnerlicht. Das Ich ist irgendwie ein Männchen oder Weibchen innen drin, das den eigenen Körper beobachtet und bisweilen steuert. Bisweilen, denn eigentlich agieren ja der Körper und seine Teile, so denken wir. Nur was wir derart zum körperlichen Objekt machen können, ist wirklich real, ist wirklich. Dabei wissen wir auch recht genau, dass das so nicht stimmt, dass es viel zu vieles gibt, das in dieses Schema nicht hinein passt. Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt in seinem neuesten Blogbeitrag sehr schön, wie sehr uns sogar besonders dasjenige als unbezweifelbar real gilt, was wir mit unseren Sinnen gar nicht erfassen können: die unsichtbare Welt im Mikro- und Makrokosmos. Verrückte Verkehrung!

Ich beginne mich selber dabei zu beobachten, ob und wann ich so gegenständlich von mir selber spreche oder denke. Ich möchte mehr von mir selbst denken, reden, und als unteilbares Ich handeln. Ich möchte die Zerrissenheit in Körperwelt und inneres Ich überwinden, weil ich es zunehmend als eine fatale Chimäre sehe. Das ist gar nicht Zweierlei, da ist unbedingt EINES. Da bist Du, da bin Ich, da ist die Welt, wie sie sich mir und dir, manchmal sogar übereinstimmend, zeigt. Meine Welt ist ja das, was für mich Bedeutung hat. Wenn es nicht auch zu großen Teilen eine Welt ist, die auch für einen anderen Bedeutung hat, könnten wir nicht einmal gemeinsam darüber reden. Wir können aber. So entdecken wir verschiedene Welten, sofern sie unsere gleichen und ebenso unsere verschiedenen Wirklichkeiten bedeuten.

Der Descartes – Code ist verführerisch einfach und wirkungsvoll. Er ist das Grundgesetz der Neuzeit. Er hat uns die Welt in unglaublicher Weise in Natur und Technik erschlossen. Aber es ist nicht der einzige Code, der die Welt zusammen hält. Vielleicht ist er nicht einmal richtig. Gewiss hat er Nebenwirkungen, die wir bisher allenfalls als collateral damage unserer naturwissenschaftlich-technischen Kultur in den Blick nehmen. Noch hat der Descartes – Code längst nicht ausgedient. Aber es wird Zeit, über Alternativen nachzudenken.