Jun 012015
 

[Anthropologie, Erkenntnistheorie]

Wenn wir über die ‚Welt da draußen‘ reden, haben wir die Grenze bereits markiert. Die Welt draußen ist das eine, – ich, der ich über die Welt reden will, das andere. Die Metapher von der ‚Welt da draußen‘, von der ich mich hier drinnen unterscheide, assoziiert den Erkenntnisvorgang mit einer ganz anderen, in gewisser Weise extremen Situation wie der eines einsamen Schiffes auf dem weiten Ozean oder eines Raumschiffes im Weltall. Sie formuliert aber einfach nur die unmittelbare Wahrnehmung meiner selbst im Unterschied zur Wahrnehmung von allem anderen, was nicht Ich ist. Ich kann in mich hinein horchen, mich meiner Gefühle, Gestimmtheit und Gedanken, meines Körpers vergewissern und bleibe doch solange drinnen bei mir, solange ich meinen Gefühlen nicht Aus-druck verleihe, mich nicht sprachlich aus-drücke oder meinen Willen nicht aus-agiere, mich also nicht äußere. Wenn ich mich äußere, bedeutet es das Heraustreten aus dem Innen des Selbst in die Welt draußen.

So oder ähnlich könnte man ganz vorläufig und allgemein das beschreiben, was im unmittelbaren Bewusstsein als Unterschied zwischen mir selbst und allem anderem, was nicht Ich bin, gegeben ist. Dieser Unterschied zwischen dem Bewusstsein meiner selbst und dem Bewusstsein alles anderen scheint fundamental zu sein. Ich bin hier bei mir, und alles andere ist die Welt um mich herum. Das Bild noch schärfer zugespitzt: Ich bin in mir drin wie in einem Gehäuse, in dem ich mich verschließen kann, und draußen ist die Welt, auf die ich reagieren und in der ich agieren kann. Diese Unterscheidung, diese Grenzziehung, konstituiert die eigene Person. Das Recht auf Unantastbarkeit der Person bedeutet ja gerade, dass niemand und nichts das Recht hat, die Grenze meines Selbst zu überschreiten und in mich einzudringen, mich zu zwingen, meine Gefühle und Gedanken bloß zu legen, mich ‚auszuziehen‘ oder mich körperlich zu verletzen. Die Grenze zwischen Drinnen und Draußen konstituiert mich als selbständige Person und schützt mich vor den Zugriffen oder Übergriffen anderer.

Diese im praktischen Alltag so wichtige Grenze und im alltäglichen Bewusstsein anscheinend ebenso selbstverständliche Unterscheidung ist aber in doppelter Hinsicht problematisch: erkenntnistheoretisch und biologisch. Ein dritter Aspekt der Problematisierung betrifft das Soziale; er hängt aber mit den ersten beiden Aspekten zusammen bzw. von ihnen ab.

a) Erkenntnistheoretische Problematisierung

Es ist eine uralte philosophische Frage, wie die Wahrnehmung meiner selbst und der Welt außer mir vonstatten geht. Die realistische Position blickt quasi aus der Beobachterperspektive auf den Menschen (der auch ich selber sein kann) inmitten all der anderen Dinge in der Welt um ihn herum. Die Dinge der Welt sind ebenso als Tatsachen gegeben wie ein x-beliebiger Mensch, der sie wahrnimmt. Der wahrnehmende Mensch hat noch zusätzlich eine subjektive Perspektive auf die Wirklichkeit außer ihm. Die ändert aber nicht die objektive Tatsächlichkeit der gesamten vorfindlichen Wirklichkeit. Der Realismus ist die Arbeitshypothese aller Naturwissenschaften. Die wirkliche Welt kommt in dem Maße zum Vorschein, wie subjektive Faktoren ausgeschaltet werden. Objektivität und zeit- und ortsunabhängige Wiederholbarkeit sind die Bedingung für gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Der Realismus hat den großen Vorteil, mit der Alltagserfahrung und dem Alltagsbewusstsein übereinzustimmen. Der Realismus im Alltag wird gelegentlich als naiver Realismus bezeichnet. Das möchte darauf abheben, dass auch den Wissenschaftler subjektive Faktoren wie die jeweilige Fragestellung oder die Versuchsanordnung eines Experiments beeinflussen, ganz zu schweigen von den theoretischen Voraussetzungen, die den Erkenntnisprozess leiten. Objektivität muss also immer wieder neu und bisweilen sehr aufwändig (CERN!) gesichert werden. Selbst das, was dann als Naturgesetz heraus kommt, beruht auf theoretischen Grundannahmen, die meist in einem mathematischen Modell formuliert sind. Eine wesentliche Bewährung solcher Modelle besteht darin, Naturerscheinungen und Funktionsweisen kausal zu begründen und präzise vorher sagen zu können. Der erkenntnistheoretische Realismus ist ungemein produktiv und effektiv. Unsere gesamte wissenschaftlich-technische Welt beruht darauf.

Näheres Nachfragen nach den theoretischen Voraussetzungen und den subjektiven Bedingungen lässt den Realismus aber keineswegs als selbstverständlich erscheinen. Es stellt sich nämlich die Frage, wie genau denn die Wirklichkeit zum wahrnehmenden Menschen gelangt. Wie kommt es, dass man nicht nur irgendetwas Undefinierbares, sondern konkrete einzelne Dinge erkennen und benennen und sich darüber verständigen kann? Der Idealismus, klassisch entwickelt von Platon, geht darum von Ideen als einer Art Idealvorstellungen aus, die hinter der Wirklichkeit liegen und das konkrete Einzelne als Fall eines Allgemeinen, das vor einem stehende Tier zum Beispiel als ein (bestimmtes) Pferd erkennen lässt. Die idealistische Erkenntnis der Wirklichkeit vollzieht sich in einem Abgleichen der konkreten Einzeldinge, Einzelwesen und Einzelvorstellungen mit den allgemeinen Begriffen, Ideen und Idealen (z.B. des Guten, Wahren, Schönen). Nur wenn ich die Idee eines Baumes oder die Idee der Gerechtigkeit in mir trage, kann ich Einzelnes als diskreten Baum oder als gerecht (wieder- ) erkennen. Die Frage ist dann nur, wie man zu solchen Ideen kommt bzw. wie diese in das menschliche Bewusstsein kommen. Die andere Frage ist die, ob der Vollzug der Identifizierung überhaupt korrekt verläuft, oder ob es eben auch trügerische Ideen gibt, die zu trügerischer Wahrnehmung der Wirklichkeit führen. So kann  der erkenntnishteoretische Idealismus einerseits zum Skeptizismus führen, andererseits, modern gesprochen, zum Konstruktivismus. Letztlich kann ich nur dasjenige als Welt erfassen und als Wirklichkeit erkennen, was der eigene Geist anhand von Vorstellungen und Begriffen konstruiert. Die heutigen Neurowissenschaften würden das sogar noch auf das Gehirn zuspitzen als dasjenige Organ im Menschen, das diese synthetische Leistung in Form von Repräsentationen und Metarepräsentationen vollbringt. Was bleibt da noch von der objektiven Welt abgesehen von diesen mentalen oder neuralen Konstruktionen übrig?

Eine mittlere Position zwischen Realismus und Idealismus nimmt gewissermaßen der kritische Rationalismus ein (Kant). Erkenntnis geschieht im Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und begrifflichen Vorstellungen. „Gedanken ohne Inhalt sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Sinnlichkeit und Verstand zusammen garantieren unter den Bedingungen von Raum und Zeit (die „reinen Formen der Anschauung“) wahre Erkenntnis. Letztlich ist es aber auch hier die Vernunft, welche die Kategorien bestimmt, nach denen überhaupt etwas erkannt werden kann. Wenn man so will konstruiert sich somit die Vernunft (‚ideal‘, transzendental) des Menschen die eigene Wirklichkeit, die überhaupt als Erkenntnisgegenstand zur Verfügung steht. Damit steht man zugleich wieder ganz nahe bei der realistischen naturwissenschaftlichen Position, die Erkenntnis der Wirklichkeit aus mathematischen Modellen und Kalkülen ableitet und kausal verknüpft. Liegen die Naturgesetze tatsächlich in den natürlichen Dingen selber oder legt mein Verstand sie in die Dinge hinein, um eine Ordnung zu schaffen und Strukturen zu entdecken? Findet oder erfindet der Mensch die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Wirklichkeit? Nicht erst für die klassische skeptische Position ist die Wahrheit und Objektivität der Welt außerhalb meiner selbst durchaus zwiespältig, zweifelhaft. Was ist überhaupt hier Wahrheit? Die Übereinstimmung von meiner subjektiven Erkenntnis mit der objektiven Tatsächlichkeit (Korrespondenz)? Oder die Übereinstimmung meiner Begriffe und Vorstellungen mit dem, was ich als Welt außer mir zu konstruieren vermag (Konsistenz)? Beide Fragesätze könnten die zwei Seiten ein und derselben Problematik sein. Wie verhält sich genau das Drinnen und Draußen, das erkennende Subjekt und die erkannte Welt der Dinge und Tatsachen zueinander? Eine eindeutige und in jeder Hinsicht zufrieden stellende Antwort ist bisher nicht gefunden.

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle - Eigenes Werk (own work) - Wkimedia

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle – Eigenes Werk (own work) – Wkimedia

b) Biologische Problematisierung

Die Frage von Innen und Außen hat einen weiteren recht interessanten biologischen Aspekt. Bislang schien es ziemlich klar zu sein, was ein Lebewesen ausmacht, wie es als solches im Unterschied zu Nicht-Lebendigem zu bestimmen ist. Individuation, Metabolismus und Selbstreproduktion sind dafür wesentliche Bedingungen. Was die Abgegrenztheit zu anderem Lebendigen und Nichtlebendigen betrifft, so scheint die Sache auf der Ebene der Zelle klar zu sein: Die Membrane ist die Grenze zwischen Innen und Außen. Zugleich ist die Zellmembrane die Austauschzone für den Stoffwechsel der Zelle. Die Membrane ist eine durchlässige Grenze zum Zwecke der Lebenserhaltung. Was schon für die einzelne lebende Zelle gilt, trifft in weit größerem Maße für komplexere Lebensformen zu. Bei fast allen Eukaryoten (Lebewesen, deren Zellen einen Kern enthalten) finden sich innerhalb der Zellen Mitochondrien als Organellen, die für die Zufuhr der Energie sorgen („Kraftwerke“). Mitochondrien sind von den Zellen selbst insofern deutlich unterschieden, als sie eine eigene Erbsubstanz besitzen. Man geht heute allgemein davon aus, dass sich die Vorläufer der Eukaryoten mit Bakterien verbunden haben, aus deren Kombination dann die eukaryotischen Zellen als Basis alles höher entwickelten Lebens hervor gegangen sind. Dies scheint ein sehr weit reichendes und erfolgreiches Modell des Lebens zu sein: Lebewesen verbinden sich mit anderen Lebewesen zu einer komplexeren Lebensform, die wiederum eigenständig leben kann. Dies Modell reicht vielleicht noch weiter als bisher gedacht.

Die Vorstellung, das Leben auf der Erde bestehe aus einer Ansammlung wohldefinierter und abgegrenzter Individuen – die allerdings höchst komplex vernetzt interagieren –, ist ein grundlegendes Konzept der Biologie. [Bernhard] Kegels zeigt nun, gestützt auf neueste Erkenntnisse im Schnittbereich von Ökologie, Medizin, Mikrobiologie und Molekularbiologie, dass die geläufigen Vorstellungen von organismischer Individualität überprüft werden müssen. … Was also üblicherweise als Individuum bezeichnet wird, ist eigentlich eine ineinander verschachtelte Struktur verschiedener Lebewesen: Menschen beherbergen zahllose Mikroben im Darm, in der Mundhöhle oder auf der Haut, und diese Mikroben sind wiederum Wirte für Unmengen von Viren, die im Genom von Mikroben und Mensch deutliche Spuren hinterlassen. Wo setzt Evolution nun an? Sind etwa Holobionten, und nicht Gene, Einheiten der Evolution? Solche Fragen werden noch heftig erörtert, und ein Konsens scheint noch in weiter Ferne.“ (Thomas Weber in einer Rezension von Bernhard Kegel, Die Herrscher der Welt: Wie Mikroben unser Leben bestimmen, FAZ 20. Mai 2015)

Auch weniger dramatisch formuliert weist der neue Begriff der „Holobionten“ (Lynn Margulies) darauf hin, dass Lebensformen und Lebewesen in noch ganz anderer Weise für einander durchlässig und konstitutiv sind, als bisher gedacht und wie es durch ‚Netzwerke‘ oder ‚Biotope‘ gekennzeichnet wird. Hier scheint sehr viel mehr Zusammenhang, Interaktion und Durchlässigkeit vorzuliegen. Diese Entdeckungen und Beschreibungen machen die Grenzziehung zwischen lebendigen Individuen zum einen, aber auch zwischen Innen und Außen zum anderen flüssiger. Schon der Stoffwechsel (Metabolismus), der sowohl auf organische als auch auf nichtorganische, mineralische Stoffe angewiesen ist, zeigt die lebensnotwendige Verbindung, sogar Verschränkung (siehe z.B. die Mitochondrien; ganz anders und besonders auch die Korallen) von Lebensformen und Lebewesen miteinander. Im Prozess der Photosynthese werden energiearme anorganische Stoffe zu energiereichen organischen Verbindungen angereichert und zu Bestandteilen des Lebewesens (Assimilation). Nirgendwo sonst im Bereich des Lebendigen wird der Zusammenhang zwischen Lebendigem und Nichtlebendigem so unmittelbar sichtbar. Beide Prozesse zusammen genommen (Fremdstoffwechsel; Assimilation) lassen Lebewesen als holobiontische Systeme entstehen, die sich im engsten Austausch miteinander und mit ihrer Umgebung befinden. Wo ist da drinnen, wo draußen? Im großen menschlichen Organismus ist die Haut die körperliche Schnittstelle zur Außenwelt. Die Haut erfüllt ihre Funktion aber nur, indem sie Kontakt und Austausch mit dem Bereich außerhalb ermöglicht. Auch hier ist das Drinnen und das Draußen keineswegs so klar geschieden, wie es beim ersten Blick den Anschein hat. Vielmehr geht es um einen geregelten ‚atmenden‘ Austausch, um eine bestimmte Wechselfunktion, damit Leben sich vollziehen kann, gerade auch als individuiertes, beim Menschen dann individualisiertes Leben.

c) Die Vermutung dynamischer Komplexität

Die biologische Wirklichkeit scheint von der erkenntnistheoretischen Problemstellung gar nicht weit entfernt zu sein. Das Innen und Außen ist nur auf den ersten Blick eine klare Trennlinie. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und eine Vermutung formulieren, wie der Zusammenhang zwischen beiden Problematisierungen, der erkenntnistheoretischen und der biologischen, aussehen könnte.

Erkenntnis als ein Prozess, Zusammenhänge zu finden, Verbindungen und Unterscheidungen zu markieren und in solch ‚kritischer‘ (lat. discernere = unterscheiden) Weise Wahrnehmung und Bewusstsein zu konstituieren, ist immer zugleich Entdeckung und Stiftung. Im Vollzug der Wahrnehmung und bewussten Verarbeitung von Welt ist das seiner selbst bewusste, körperlich denkende Ich elementar bei sich selber: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft). Schon die Unterscheidung von ‚Ich‘ und ‚Welt‘, von Bewusstsein meiner selbst und Bewusstsein alles anderen ist eine recht theoretische, abstrakte. Sie sieht davon ab, dass Erkenntnis ein einheitlicher, vereinheitlichender und verbindender Prozess des Bewusstseins ist, in welchem ein Einzelnes sich auf die Welt = das um, mit und in ihm Existierende bezieht und zugleich durch diese Beziehungnahme selber allererst als individuelle Einheit konstituiert wird. Kant nennt es die „transzendentale Einheit der Apperzeption“, aber abgesehen von diesem Ungetüm an Begriffen ist der Sinn dieser Aussage nicht nur auf die Logik des Denkens und Erkennens zu beziehen, sondern auf die tatsächliche körperlich gegebene und (zum Teil) bewusste Einheit der Existenz des konkreten Lebewesens Mensch. Der Mensch lebt in der Welt und erkennt sich darin als ein Lebewesen, dessen innere Strukturen und Prozesse körperlicher und organischer Art zugleich die basale  Existenzform seiner ‚geistigen‘ Fähigkeiten sind – als Bedingung und Grundlage, eben auf seine Art wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken, zu erkennen, sich zu äußern, zu leben. Dies ist eher eine integrale Verschränkung, eine verflüssigte dynamische Durchdringung in einer komplex strukturierten Welt-Ich-Existenzform als bloß eine lose Wechselwirkung (Supervenienz) zweier an sich getrennter Gegebenheiten. Hier sind der erkenntnistheoretische und der biologische Aspekt zwei integral differenzierte Seiten eines komplementären Zusammenhangs. Versteht man unter wissenschaftlicher Erkenntnis die Fähigkeit, Formen und Muster zu entdecken, Regularitäten aufzufinden, Kontinuitäten und Diskontinuitäten festzustellen und allgemeine Gesetze mathematisch zu formulieren (vgl. früheren Blogbeitrag), so ist die menschliche Vernunft gerade deswegen dazu fähig und in der Lage, weil sie sich selber in bestimmten Formen und Mustern, Vorstellungen und Empfindungen, Kategorien, Sätzen und Begriffen konstituiert. Dies alles geschieht auf der Basis der Funktionsweise der eigenen Körperlichkeit, insbesondere des Gehirns, das sich seinerseits in dynamischen Mustern und Prozessen organisiert und fortwährend aktualisiert und immer komplexer weiter entwickelt, auch wenn darüber längst noch nicht alles bekannt und verstanden ist. Innen und Außen sind so gesehen tatsächlich ein verschränkter, abgegrenzt-durchlässiger Komplex einer differenzierten Einheit unterschiedlicher Aspekte, sowohl erkenntnistheoretischer als auch biologischer.

Meine Vermutung tut sich sprachlich schwer, weil in jedem Falle ein Gleichgewicht („Fließgleichgewicht“) beider Bezugspunkte von Innenaspekt und Außenaspekt, von Innenwelt und Außenwelt, von Individualität und Sozialität gewahrt sein soll. Wie bereits angedeutet, findet in einer solchen Beschreibung auch der Zusammenhang des Einzelnen in seinem sozialen Umfeld und in den personalen Bezügen eine sinnvolle Erklärung. Ich verweise dabei auf die exzellente Ausarbeitung der sozialen Grundierung des individuellen Bewusstseins in der kommunikativen „Öffentlichkeit“, wie es Volker Gerhardt in angemessener Ausführlichkeit dargestellt hat. Ihm kommt es dabei insbesondere auf die enge wechselseitige Verflechtung des Individuums innerhalb seiner Gesellschaft an im Prozess des Konstituierung von Bewusstsein überhaupt (siehe in seinem Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ Kap. 5: Bewusstsein als soziales Organ). Das trifft sich mit meiner Intention, Innen- und Außenaspekt eines personalen, bewussten Lebewesens, wie es der Mensch ist, als komplementäre Seiten einer komplex-dynamischen Gesamtstruktur von ‚Welt und Bewusstsein‘ zu beschreiben. Meine Vermutung führt diesen Gedanken weiter hin auf eine strukturelle Gleichartigkeit der Beziehungen von Innenwelt und Außenwelt bei einem holobiontischen Lebewesen, wie es der Mensch ist. Bewusstsein und Erkenntnis strukturieren sich womöglich in derselben Weise, wie auch die biologischen Systeme und Prozesse hoch entwickelter Lebewesen Komplementaritäten und Fließgleichgewichte (→ Thermodynamik) erfordern. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Muster gleichen sich.

Jedenfalls dürfte immer klarer werden, dass erkenntnistheoretische Einseitigkeiten und Verabsolutierungen (Idealismus – Realismus – Strukturalismus usw.) ebenso wenig weiter führen wie eine dualistisch-antithetische Behauptung eines Gegensatzes von Natur und Geist. Vielleicht bietet dafür die Herangehensweise über das Verhältnis von Innen und Außen, wie hier versucht, eine bessere Denkmöglichkeit.

Der Begriff der Religion

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Mrz 152015
 

[Religionsphilosophie]

Der neuzeitliche Begriff der Religion – ein ausgewählter Überblick

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher schrieb 1799 „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Diese Schrift stellt einen Einschnitt dar für das Verständnis der Religion in der Neuzeit. Die dort skizzierten Gedanken führt er später in seiner Glaubenslehre von 1821 umfassend aus in einer ersten modernen, das heißt anthropologisch begründeten „Dogmatik“. Berühmte Stichworte aus Schleiermachers „Reden“:

Religion ist
„Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“
„Anschauung des Universums“
„Sinn und Geschmack zu haben für das Unendliche“

Dies ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu dem, was sein Zeitgenosse Immanuel Kant in seiner „Kritik der reinen Vernnunft (1781) und danach in „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) entwickelt. Wiederum in Stichworten:

Erkenntnis gibt es nur unter den „reinen Formen der Anschauung“ Raum und Zeit.
Gott kein Gegenstand von vernünftiger Erkenntnis und möglichem Wissen.
Moral ist in der „reinen praktischen Vernunft“ begründet, sie bedarf keiner Religion („kategorischer Imperativ“).
Ideen von „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit der Seele“ sind Postulate der praktischen Vernunft, um den „guten Lebenswandel“ der Menschen zu fördern.

Ganz anders erscheint einhundert Jahres später (und auf dem Hintergrund neuer kolonialer Erfahrungen) Religion bei Rudolf Otto, „Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“ 1917. Dies Buch war durchaus epoachal.

In der Religion geht es um das Heilige, das Numinose („mysterium tremendum“, „mysterium fascinans“).
Das Göttliche ist „das Heilige minus seines sittlichen Moments minus seines rationalen Moments“.
„Eine Spur des Überschwänglichen aber lebt in jedem echten Gefühle religiöser Beseligung, auch wo es in Maßen und beherrscht auftritt.“

Church by Capecodprof  CC0 Public Domain

Church by Capecodprof CC0 Public Domain

In eine ähnliche, aber mehr existentiale Richtung denkt Paul Tillich: Systematische Theologie (3 Bde.) 1955 – 66; Auf der Grenze, 1962. Tillich entfaltete in Europa wenig Wirkung, war aber im angelsächsischen Raum äußerst einflussreich. Er lebte und lehrte in den USA (New York, Harvard, Chicago).

Das Religiöse ist die Erfahrung des Unbedingten; das, was uns unbedingt angeht.
Das Unbedingte ist, dass einen etwas total ergreifen kann und einen aus der Neutralität seiner Lebensgeschichte herauszieht. Das Unbedingte, das ist etwas, was in jedem menschlichen Lebensgebiet auftauchen kann.

„Mythen sind Symbole, die zu Geschichten verbunden sind, in denen Begegnungen zwischen Göttern und Menschen erzählt werden. Die Mythen sind in jedem Akt des Glaubens gegenwärtig, denn die Sprache des Glaubens ist das Symbol.“ „Ein Glaube, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Er nennt etwas unbedingt, was weniger ist als unbedingt. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.“ (P. Tillich, Wesen und Wandel des Glaubens, 1961)

Ganz anders wiederum stellt sich Religion für den Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann dar: Die Religion der Gesellschaft, 2000 (aus dem Nachlass). Seine Begrifflichkeit hat die religionssoziologische Diskussion in den letzten Jahrzehnten des 20 Jahrhunderts geprägt.

Religion ist als ein autonomes Funktionssystem ein Teilsystem der Gesellschaft wie Wissenschaft, Politik, Kunst.
Religion dient im Medium der Kommunikation der Bewältigung von Kontingenz (Zufall, Nicht-Notwendiges).
Eine wesentliche Funktion von Religion ist die Stiftung von Sinn in Form von Komplexitätsreduktion ihrer „Umwelt“.
Religion ist ein Kennzeichen der Ausdifferenzierung der Systeme gesellschaftlicher Kommunikation.

Insbesondere auf katholischer Seite wurde metaphysisches Denken auch im Widerspruch zur Aufklärung nie aufgegeben. Stellertretend steht der frühere Papst Joseph Ratzinger: Vernunft und Religion, 2005

„Wenn man sagen darf, dass der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht wurde, so ist dem hinzuzufügen, dass ein zweites Motiv gleichbedeutend damit verbunden ist. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums als religio vera (wahre Religion).“
Die säkulare Rationalität sei nicht jeder Ratio einsichtig und stoße daher auf Grenzen. Ihre Evidenz sei an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden. Andererseits räumt er ein, „…dass es Pathologien in der Religion gibt, die höchst gefährlich sind und die es nötig machen, das göttliche Licht der Vernunft sozusagen als ein Kontrollorgan anzusehen, von dem her sich Religion immer wieder neu reinigen und ordnen lassen muss“.

Der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf ist derzeit vielleicht am engagiertesten, Religion in liberaler Tradition im Zeichen von Moderne und Postmoderne zu reflektieren, zuletzt in: Politik und Religion, 2013. Bei ihm findet man fast alle Motive des neuzeitlichen Religionsbegriffs.

„Die Tendenz zum Unbedingten, die emotional stark bindende Orientierung an Gott, die für religiöses Bewusstsein mindestens in monotheistischen Religionssystemen konstitutiv ist, ist ambivalent und bleibend gefährlich. Sosehr Religion den Menschen humanisieren kann, so sehr kann sie ihn auch barbarisieren, und die eine religiöse Bewusstseinsgestalt kann sehr schnell in die andere umschlagen; auch sind die Übergänge fließend.“

Aktuell lassen sich die grundsätzlichen Gegenpositionen in der Religionsphilosophie so benennen:

Religion bzw. religiöse Erfahrung ist empirisch unbegründet und religiöse Überzeugungen sind eine „Ansammlung sinnloser Sätze“. (Ansgar Beckermann, Glaube, 2013)

Dagegen hält Thomas Buchheim fest (2014): Religion ist ein wesentlicher Prozess der Selbsttranszendierung des Menschen angesichts des Unendlichen.
Das Denken Gottes muss eine Möglichkeit der (teleologisch) spekulativen Vernunft bleiben.

Vernünftig nach Gott fragen

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Mrz 012015
 

[Religionsphilosophie]

Ansgar Beckermann, Glaube, 2013 – eine Annäherung

Ansgar Beckermann [B] reiht sich mit seinem Buch „Glaube“ ein unter zahlreiche jüngst erschienene Bücher zum Thema Religion aus nichttheologischer Sicht (Sloterdijk, Habermas uva). B schreibt aus dem Blickwinkel der Analytischen Philosophie. Das bedeutet nach dem Selbstverständnis der analytisch verfahrenden Philosophen: aus dem Blickwinkel und mit den Methoden der (aus ihrer Sicht) einzig möglichen, weil einzig richtigen Weise zu philosophieren. Ihr Ziel ist es, unter Ausschluss jedweder Metaphysik rationalistisch und naturalistisch festzustellen, was der Fall ist, wofür es gute Gründe gibt. Es zählen nur schlüssige Argumente und empirische Beweise, die über die Wahrheit einer gerechtfertigten Überzeugung entscheiden. Es ist kein geringer Anspruch, und ob die Vertreterinnen und Vertreter der Analytischen Philosophie ihren Vernunftbegriff als konsistent erwiesen, ihre Methoden kritisch überprüft und ihren Anspruch bisher überzeugend eingelöst haben, sei dahin gestellt. Hier ist das nur insofern von Belang, als es auf das Rüstzeug ankommt, mit dem B sich betreffs der Religion ausstattet.

A. Beckermann, Glaube (De Gruyter)

A. Beckermann, Glaube

Thema seiner Abhandlung ist laut Titel der „Glaube“. Aber was ist eigentlich der Gegenstand seines Buches? Anders als der Titel suggeriert geht es B nicht religionsphilosophisch um die Eigenart oder die Struktur oder die Funktion oder das Selbstverständnis des „Glaubens“. Er müsste dann ja zu allererst klären, welchen Glauben er meint, was er unter Glaube versteht, wie er den Bedeutungsgehalt, der mit dem Begriff „Glaube“ verbunden ist, abgrenzt und thematisiert. B fasst den Begriff Glaube logisch abstrakt als „Überzeugung“, deren Rechtfertigung durch Gründe zu überprüfen ist. Er meint zweifelsohne, damit den religiösen Glauben zu treffen, aber genauer welchen? Zweimal verweist er auf das christliche, speziell das Apostolische Glaubensbekenntnis (9f; 136), zitiert sogar am Ende des 7. Kapitels über des Problem des Bösen den ersten und zweiten Artikel dieses altkirchlichen Bekenntnisformulars („Symbol“ in der Fachsprache) in voller Länge als „entweder nicht wörtlich zu nehmen oder sogar nur [als] eine Ansammlung sinnloser Sätze“ (136). Für B ist klar, dass nur die zweite Möglichkeit infrage kommt. Das ist schade, denn mit der Untersuchung der ersten Möglichkeit, nämlich dem symbolischen Verständnis eines solchen Bekenntnisses, wäre er auf einer viel verheißungsvolleren weil sachgemäßeren Spur.

Aber dies ist ohnehin nicht das eigentliche Thema des Buches. B geht es nicht um eine religionsphilosophische Prüfung dessen, was mit „Glaube“ gemeint sein kann. Was genau sein Thema sein soll, ist gar nicht so einfach anzugeben. Einmal formuliert B, es gehe ihm um die epistemische Vernünftigkeit des Gottesgedankens, also „geht es in diesem Buch genau um die Frage, welche epistemischen Gründe für bzw. gegen die Wahrheit der Annahme sprechen, dass es übernatürliche Wesen gibt, die sozusagen von außen in den Lauf der Welt eingreifen und die Geschicke der Bewohner dieser Welt bestimmen.“ (37) In der Einleitung formuliert er aber als Programm, er wolle „einen Beitrag dazu leisten, dass die Diskussion dieser Gründe – und damit die Frage nach der epistemischen Vernünftigkeit religiöser Überzeugungen – wieder mehr in den Fokus religionsphilosophischer Überlegungen rückt“. (8) Im größten Teil seines Buches geht es B dann darum, „positive Belege für die Existenz Gottes oder anderer übernatürlicher Kräfte“ (49) zu finden oder „Argumente für die Existenz Gottes“ zu suchen (51), die einer rationalen Überprüfung stand halten, das heißt, „epistemisch vernünftig“ sind. Zu diesem Zweck führt er eine längere Auseinandersetzung mit den klassischen Gottesbeweisen durch, dem ontologischen, kosmologischen und teleologischen Gottesbeweis (Kapitel 4 – 6).

B nennt also drei Themen: a) Prüfung epistemischer Gründe für die Annahme übernatürlicher Wesen und ihrer Eingriffe in die Welt; b) Untersuchung der epistemische Vernünftigkeit religiöser Überzeugungen; c) Frage nach der Stichhaltigkeit der traditionellen Beweise der Existenz Gottes. Man darf zunächst einmal fest stellen, dass dies doch sehr unterschiedliche Themen sind, die keinesfalls deckungsgleich sind. Übernatürliche Ursachen (objektiv), religiöse Überzeugungen (subjektiv) und Beweise der Existenz Gottes (logisch metaphysisch) mögen zwar alle zum Begriffsfeld Religion gehören, beziehen sich darin aber auf sehr unterschiedliche Gegenstände. Kein theologisch kundiger Wissenschaftler käme auf die Idee, dass es dabei unterschiedslos um dieselbe Sache geht.

Sodann bleibt bei B unklar, um welchen Begriff Gottes es sich handelt, wenn um seine Existenz gestritten wird. Dabei geht er von einem Gedanken Gottes aus, den er so formuliert: „die Annahme, dass ein Gott existiert, der die von vielen Religionen postulierten Eigenschaften der Allmacht, Allwissenheit und moralischen Vollkommenheit besitzt“ (109). Dieser derart inhaltlich definierte Begriff eines „allmächtigen, allwissenden und vollkommen guten Gottes“ (113 und öfter) ist der Maßstab für die Beschäftigung mit dem „Problem des Übels“ (Kapitel 7), also mit der Frage, ob dieser Begriff Gottes mit dem faktisch vorhanden Bösen in der Welt zusammen passt (Theodizee). Diesem eher mittelalterlich-philosophischen Gottesbegriff wird wiederholt quasi synonym der „christlich verstandene Gott“ zur Seite gestellt, ohne dass geklärt wird, inwiefern die philosophische Definition Gottes, wie sie B gebraucht, mit einem christlichen Begriff Gottes, der u.a. Menschwerdung, Leidensfähigkeit, Dreieinigkeit einschließt, überein stimmt bzw. was sie unterscheidet. Letztlich sind die Phänomene eines übernatürlichen Wesens (Geister), übernatürlicher Kräfte (Wunder) und ein metaphysischer Gottesbegriff für B dasselbe. So formuliert er als Fazit am Ende des Buches: „Mir scheint, es ist möglich, auch ohne den Glauben an übernatürliche Wesen und Kräfte und ohne den Glauben an einen christlich verstandenen Gott zu leben.“ (160) Das ist allerdings eine Platitüde und hat nie jemand bestritten – und das war eigentlich auch nicht Bs Ausgangsfrage.

Ebenso unklar bleibt, was B eigentlich bezweckt. In dem Kapitel 8 über „Religiöse Erfahrungen“ schreibt er: „Wenn wir – unabhängig von aller religiösen Wahrnehmung – Gründe für die Annahme hätten, dass es übernatürliche Wesen und Kräfte gibt, die bei besonderen Anlässen in den physischen Lauf der Welt eingreifen, dann würde damit die Möglichkeit eröffnet, ernsthaft über die Zuverlässigkeit religiöser Wahrnehmungen zu diskutieren…. Religiöse Erfahrungen und Wahrnehmungen könnten also nur dann ein Grund sein, an eine übernatürliche Welt zu glauben, wenn es auch andere, unabhängige Gründe für diese Annahme gäbe.“ (146) Inwiefern geht es da überhaupt um Glauben? Was B hier beschreibt, sind Gründe des Wissens. Was er aber begründet weiß, braucht er nicht mehr zu glauben. Wenn es „unabhängige Gründe“ (also doch das, was B an anderer Stelle „epistemische Gründe“ nennt) für die Existenz einer übernatürlichen Welt gibt, dann existiert diese Welt, dann ist ein „Glaube an…“ unsinnig. An den Schlüsselbund auf seinem Tisch glaubt B ja auch nicht (vgl. 42 ), er weiß aus gutem Grunde, dass er da liegt.

Nun weiß auch B, dass „Glaube und Wissen“ ein traditionell gegensätzliches Begriffspaar anzeigt. Er verhandelt das Thema unter den Stichworten „Vernunft und Glaube“. „Wenn es um die Vernünftigkeit religiöser Überzeugungen geht, wird manchmal auch ein vermeintlicher Gegensatz von Glaube und Vernunft ins Feld geführt. Es gibt, so wird argumentiert, Wahrheiten, die unserer Vernunft nicht zugänglich, die vielmehr nur im Glauben fassbar sind.“ (16) Dieser Gegensatz ist für ihn deswegen nur ein vermeintlicher, weil „insbesondere der Ausdruck „Vernunft“ in aller Regel äußerst irreführend“ ist (17). Die Vernunft sei aber weder „ein Erkenntnisvermögen analog dem Wahrnehmungsvermögen“, noch ein „Organ“ oder „Instrument“ (17). Der Begriff „Vernunft“ spiele in der Philosophie eine „äußerst unglückliche Rolle“, darum möchte B „beim Gebrauch philosophisch aufgeladener Substantive äußerst vorsichtig sein, vielleicht sogar ganz auf sie … verzichten.“ (17 Anm. 10; er führt als weitere Beispiele Verstand, Wille und Bewusstsein an.) Das klingt reichlich kryptisch. Die Substantive Grund, Argument und Überzeugung sind offenbar weniger „aufgeladen“ und darum für B verwendbar. Statt von Vernunft möchte er lieber von „vernünftig“ sprechen, wobei dies bedeutet, „sich im Denken und Handeln durch Gründe leiten zu lassen“ (17). Damit ist der Begriff „Vernunft“ auf „Gründe“ zurück geführt, und was vernünftige bzw. epistemische Gründe sind, definiert B wie folgt: „Epistemische Gründe sind … Umstände, die für die Wahrheit einer Überzeugung sprechen, die es zumindest wahrscheinlich machen, dass diese Überzeugung wahr ist.“ (19) Also geht es bei der Gegenüberstellung von Glaube und Vernunft eigentlich „um die Frage, ob es für religiöse Überzeugungen gute Gründe gibt, Umstände, die es rational machen, davon überzeugt zu sein, dass … die Welt von einem allmächtigen Gott geschaffen wurde“ usw. (18) – oder ob es solche Gründe eben nicht gibt, sondern eher Gründe, die dagegen sprechen. Und als Fazit: „Wenn man sich dies einmal klar gemacht hat, sieht man auch sofort, dass die Rede von Wahrheiten, die der Vernunft nicht zugänglich sind, keinerlei Sinn hat.“ (18)

Das ist sehr elegant und trickreich argumentiert. B vermeidet damit, zum Beispiel den Geltungsbereich des Begriffes Vernunft zu definieren (etwa wie bei Kant durch Raum und Zeit als reine Formen der Anschauung) und verlegt sich statt dessen auf Gründe für Überzeugungen, die einleuchten oder eben nicht, wahrscheinlicher sind oder eben nicht bzw. die nach Pro und Contra aufgelistet und abgewogen werden können. Dies alles schließt aus, „mit einem besonderen Erkenntnisvermögen Einsichten zu erlangen, die etwa unseren Sinnen verschlossen sind.“ (18) B versteckt in seinen Gedankengang zwei Behauptungen. Erstens: Vernünftig ist, was auf vernünftigen Gründen beruht. Wofür es keine ausreichenden rationalen Gründe gibt, das ist nicht vernünftig. Und zweitens: Wahrheiten, die der Vernunft nicht zugänglich sind, sind sinnlos. Der erste Satz ist eine Tautologie, der zweite ein Dogma oder Axiom. Erklärt und begründet wird damit gar nichts, erst recht nicht, welche Kriterien bei der Gewichtung von Gründen angewandt werden sollen. Nützlichkeit ist jedenfalls kein Kriterium, denn das wäre ein nicht-epistemischer Grund (vgl. 19). Es hilft nichts, B muss schon darlegen, was für ihn vernünftig ist – und er tut es auch indirekt per Negation, nämlich keine „Einsichten, die … unseren Sinnen verschlossen sind.“ (18). Wahre Überzeugungen religiöser Inhalte kann es dann nicht geben, wenn diese den Sinnen nicht zugänglich sind (vgl. Kap 3 „empirische Fakten“). Sensualismus hat es mit nicht-empirischen Gegenständen schon immer schwer gehabt. Aber B folgt damit ja nur und wenig überraschend dem naturalistischen Grundaxiom. Das hätte er aber auch einfacher haben und sagen können.

Es wird jetzt auch klarer, warum B übernatürliche Wesen (Geister?) und Kräfte (Wunder?) mit dem „Gott nach christlichem Verständnis“ in einen Topf werfen muss. Nur wenn er die Religion mit einem vormodernen, mythologischen Anspruch behaftet, kann er sie mit empirisch-vernünftigen Gründen widerlegen („sinnlos“). B führt eine Diskussion, die innerhalb der Theologie im Grunde schon seit der Aufklärung obsolet geworden ist – oder er setzt Religion mit Fundamentalismus gleich. In der theologischen Religionsphilosophie zumindest des europäischen Protestantismus sind die Erkenntnisse unausweichlich, die nicht erst seit Kant, aber erst recht seit dem Programm der Entmythologisierung vor 90 Jahren zum Selbstverständnis und Ausgangspunkt religiösen Denkens gehören: Gott als Jenseits dieser Welt kann nicht vernünftig bewiesen (oder widerlegt) werden, denn ein bewiesener Gott wäre kein Gott, sondern ein Ding der Welt, ein Gegenstand in Raum und Zeit. Wenn heute wieder Gottesbeweise konstruiert werden, sei es modallogisch wie von Plantinga oder teleologisch wie bei den Vertretern des Intelligent Design, dann kommen diese mehr als 200 Jahre zu spät. Es sind nicht zufällig US-amerikanische Diskussionen, die in Europa zu Recht wenig Widerhall finden.

Etwas ganz anderes wäre es, die Anliegen und Gegenstände der Religion mit vernünftigen Argumenten als Denkmöglichkeit nach zu vollziehen: etsi Deus daretur. Dann müsste man aber auf das naturalistische Grundaxiom verzichten, dass die Vernunft auf den Bereich natürlicher oder sprachlicher Gegebenheiten beschränkt (alles was der Fall ist). Doch darüber sind wir eigentlich schon wieder hinaus. Religionsphilosophie kann die Denkmöglichkeiten religiös vermittelter Inhalte und Gegenstände formulieren und begründen (vgl. Thomas Buchheim, Philosophie und die Frage nach Gott, in: NZSTh 2013 55(2) S. 121 – 135). Innerhalb aufgeklärter Vernunft ist es durchaus möglich und gerechtfertigt, Sinn und Bedeutung religiöser Termini, Symbole, Bilder aufzuspüren. Auch nach Transzendenz zu fragen bleibt berechtigt und als Frage vernünftig, also innerhalb der Grenzen und unter den Bedingungen möglicher Vernunfterkenntnis. Welche anthropologische Bedeutung zum Beispiel religiöse Überlieferungen in sich tragen, hat jüngst Jan Assmann in seinem Buch „Exodus“ (2015) anschaulich dargestellt. Auch dort geht es um „Wahrheiten“ und „Überzeugungen“. Es geht vor aber vor allem um das Verständnis von Sinn und Wert religiöser Inhalte im „kulturellen Gedächtnis“ (Assmann). Dass die neuzeitlich geschulte Vernunft gerade auch die Grenzen religiösen Selbstverständnisses aufzeigen muss, wird insbesondere am Gewaltpotential aller Religionen deutlich. Hierauf weist unter anderem Jürgen Habermas nachdrücklich hin. Um all das geht es aber B nicht. Nicht einmal als „frommen Atheisten“ möchte er sich bezeichnen. Als „religiös unmusikalisch“, wie es Jürgen Habermas (2001) von sich ausgesagt hat, kann B bei religiösen Gegenständen nur eine Leerstelle entdecken und fest stellen, dass etwas fehlt. Aber das gehöre nun mal zum Erwachsensein. (152) Vielleicht hätte er doch ein wenig mehr die theologische Diskussion zur Kenntnis nehmen sollen. Alvin Plantinga ist in seinen Positionen nur verständlich als „Antwort“ auf den spezifisch amerikanischen Fundamentalismus. Hierzulande böten sich (nur als Beispiele) eher der von ihm kurz erwähnte Wolfgang Huber als Gesprächspartner an und neben vielen anderen insbesondere die liberale Theologie eines Friedrich Wilhelm Graf. Dann bliebe das Buch „Glaube“ nicht so begrifflich inhaltsleer und philosophisch einseitig. Man verstehe die wenigen Hinweise in diesem Absatz als Fingerzeige auf Alternativen zu Bs Herangehensweise zum Thema „Glaube“.

Im Übrigen ist auf die detaillierte Rezension von Simon Schüz zu verweisen. Ich zitiere aus seinem Resümee, dem ich mich anschließen kann:

„G [=Buch „Glaube“] richtet sich an ein akademisches Publikum mit dem Anspruch, das Wesentliche über die Vernünftigkeit des Glaubens und dessen epistemische Basis gesagt zu haben. G sollte daher für die wissenschaftliche Theologie ein alarmierendes Signal darstellen, denn sie wird als Gesprächspartnerin nicht ernst genommen, ja nicht einmal wahrgenommen.
Es bleibt zu fragen, ob und wie die christliche Theologie auf solche Signale antworten wird. Vor allem bleibt fraglich, ob sowohl eine „entsubstanzialisierte“ Rekonstruktion theologischer Rede als auch deren Gründung in einer restaurierten Metaphysik diesen Anfragen genügen können. Denn weder scholastisch raffiniertere Gottesbeweise und Theodizeekonstruktionen noch eine letzte Fragen eskamotierende Wende zum Subjekt scheinen hinreichend, um das tiefer liegende Unverständnis für Sinn und Substanz des religiösen Glaubens zu adressieren, das zwischen den Zeilen von G hervorscheint.“ (Simon Schüz, Rezension von Ansgar Beckermann: Glaube, in: NZSTh 2014 56(4) S. 489 – 499)

© Reinhart Gruhn, Kempten 2015