Okt 182018
 

Über Vertrauen, Gründe und Meinungen

Vordergründig könnte man denken: Das Thema ist alt und überholt. Wenn sich hinter den beiden Begriffen eine Alternative verbergen sollte, dann ist diese längst entschieden. Das in der modernen Wissenschaft liegende Wissen hat sich als gültig durchgesetzt, der an Religion und Kirche gebundene Glaube ist nahezu irrelevant geworden. Auch die Hinweise auf eine altehrwürdige Tradition einer etwas ausführlicheren und komplizierteren Verhältnisbestimmung hilft da nicht weiter, wo die Frage selber undeutlich und in jedem Falle unbedeutend geworden ist. Dann bleibt allenfalls ein geistesgeschichtliches Thema für Spezialisten übrig.

Hintergründig ist es allerdings so, dass die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben von erheblicher Relevanz und erstaunlicher Aktualität ist. Gerade weil die Frage bloß hintergründig und daher kaum bewusst ist, kann sie Verwirrung stiften, statt ihr Potenzial zur Klärung zu entfalten. Dabei geht es weder um die Bestreitung des Rechtes und der Dominanz rational verantworteter Wissenschaft noch um die Apologie religiös-kirchlicher Bedeutung, sondern um die Klärung gesellschaftlicher Diskurse, die manche Zeitgenossen beunruhigen und die medial eine gewisse Eigendynamik entfaltet haben. „Fake news“ sind in aller Munde, und die Unsicherheit gegenüber wissenschaftlichen Ergebnissen macht sich nicht nur bei Impfgegnern, Veganern und Anhängern sogenannter „traditioneller“ oder ‘alternativer’ Medizin breit. Für ein vermeintlich aufgeklärtes Zeitalter sind wir in vielerlei Hinsicht erstaunlich unaufgeklärt und beharrlich auf Meinungen fixiert. Es ist vielleicht so, dass „Meinungen“ oftmals an die Stelle von „Glauben“, also von religiösen Überzeugungen getreten sind bzw. derzeit ihre aktuelle Erscheinungsform darstellen. Sind Meinungen in Diskussionen ausschlaggebend, dann ist das Interesse an Faktenwissen bereits verloren gegangen: Was ich glaube und meine, zählt. Aus der Frage nach „Wissen und Glauben“ ist dann der Trend vom Wissen zum Meinen geworden.

Marienposten

Marien-Posten im Sauerland – Traditionalismus pur

Nun könnte man einwenden, dass es sich dabei nur um eine medial aufgebauschte Erscheinung handelt, die Randständiges über Gebühr hervorhebe und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stelle. Sektiererei habe es eben immer gegeben, und fake news ist nur ein aktuelles Schlagwort derjenigen geworden, die eine vermeintlich einseitige und parteiische Presse oder Medienlandschaft kritisieren. Nicht zu leugnen ist natürlich, dass auch Medien, selbst sich als „Qualitätsmedien“ bezeichnende, nie umfassend und völlig ausgewogen sein können, denn was wäre dafür überhaupt der Maßstab? Es genügt dem Anspruch der Neutralität und der Unabhängigkeit vollkommen, sich als Berichterstatter oder Kommentator an das zu halten, was genaues und unvoreingenommenes Recherchieren als Sache und Fakten herausarbeiten kann. Auch das gerät immer wieder unter den Verdacht des Zweifels, oftmals bewusst geschürt im Interesse anderer, offen oder verdeckter Interessen. Wo es um Fakten und Wissen geht, ist der Zweifel nie fern, das weiß am besten die Wissenschaft selbst, die den methodischen Zweifel, die Überprüfbarkeit, die mögliche Widerlegung und den Versuch der Verbesserung zum Prinzip erhebt. Da liegen dann auf einmal Wissen und Glauben, womöglich auch Wissen und Meinen, gar nicht mehr so weit auseinander. Aber es gibt noch eine grundsätzlichere Überlegung zu diesem ambivalenten Zusammenhang.

Das berühmte Böckenförde-Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ ist viel diskutiert worden, inwiefern es das Eigenrecht der Religion begründe oder inwiefern gerade nicht, wie der Zusammenhang des Zitates wohl nahelegt. In übertragenem Sinn kann dies Diktum auf die Begründung von Wissen und Wissenschaft überhaupt ausgeweitet und angewandt werden. Das Wissen und die Wissenschaft leben von Voraussetzungen, die sie nicht aus sich heraus vollständig begründen können. Man könnte dieses auch als eine Anwendung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes halten: In hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen gibt es immer unbeweisbare Aussagen, und: Hinreichend starke widerspruchsfreie Systeme können ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen. Es mag verwegen erscheinen, diese Grundsätze aus dem Bereich der Logik und der Mathematik, also sehr abstrakten Wissenschaften, auf Politik und Gesellschaft anzuwenden, zumal auf die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben / Meinen. Nun ist die Wissenschaft als solche kein geschlossenes System, im Gegenteil. Die einzelnen Wissenschaften haben oft ihre eigenen Methoden. Man könnte aber an die den Wissenschaften gemeinsamen Prinzipien der Rationalität, Allgemeingültigkeit und Nachprüfbarkeit verweisen., die weder widerspruchsfrei noch vollständig noch abgeschlossen sein müssen. Darum kann die übertragene Bezugnahme auf Gödel nur als Hinweis darauf verstanden werden, dass unser Wissen als Menschen immer sowohl begrenzt als auch vorläufig ist. Es ist begrenzt dadurch, dass Menschen nie aus ihrer subjektiven Perspektive als Einzelne gegenüber dem Ganzen der Welt, dessen Teil sie doch sind, heraus können. Es ist vorläufig, weil alles Wissen auf Theorien und Annahmen beruht, die bestenfalls wohlbegründet, aber niemals absolut gültig sein können. Das Bessere ist der Feind des Guten.

 Man könnte also im Blick auf die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit unseres Wissens sagen: Unser Wissen, wie genau auch immer es jeweils begründet und gesichert ist, unterliegt einem ständigen Wandel, dem der Mensch als solcher, als Einzelner und als Menschheit insgesamt unterliegt. Das bestbegründete Wissen und die exakteste Wissenschaft beruhen auf der Voraussetzung des Vertrauens in unsere menschliche Rationalität und Erkenntnisfähigkeit, Wahrheit und Irrtum unterscheiden zu können. Sie sind rechenschaftspflichtig über den Erkenntnisweg, müssen also darüber Auskunft geben, welche Annahmen vorausgesetzt und welche Randbedingungen zu beachten sind. Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Auch alles gut begründete und anerkannte Wissen hängt davon ab, dass Menschen davon überzeugt werden können und dass Ergebnisse allgemeine Zustimmung und Anerkennung finden. Das gilt nicht nur für die gesellschaftliche Öffentlichkeit, sondern genauso für die weltweite wissenschaftlichen Community.

Wir leben letztlich mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen immer auf der Basis von Glauben und Vertrauen. Wer alles bezweifelt wie der klassische philosophische Skeptiker, muss letztlich auch an sich selbst zweifeln und – verzweifeln. Darum gilt auch die radikale philosophische Skepsis praktisch nur eingeschränkt. Als Alltagsmenschen können wir erst Recht ohne guten Glauben und ohne vorausgehendes Vertrauen kaum leben, kaum einen einzigen Tag bestehen. Bestenfalls kann es darum gehen, uns klar zu werden über die jeweiligen Voraussetzungen, Grundannahmen, Prägungen, Vorlieben und Wertschätzungen, die uns als Personen ausmachen und leiten. Dazu können die Religionen und Philosophien helfen, soweit sie dem Menschen dazu dienen, seine Selbsterkenntnis zu fördern und seine Selbstbegrenzung anerkennen zu können. Dazu kann aber vor allem der kritische Umgang mit Wissensansprüchen dienen, die nie ungeprüft übernommen werden dürfen, soweit das jeweils möglich ist. Je wichtiger uns bestimmte Aspekte des Wissens und Arten des Erklärens sind, desto genauer werden wir uns der Vertrauenswürdigkeit, Reichweite und Gültigkeit einer Theorie oder wissenschaftlichen Erkenntnis vergewissern. In medizinischen Fragen ist es deswegen ohnehin üblich, bei schwierigen Entscheidungen mindestens „zwei Meinungen“ einzuholen. Das gilt eigentlich generell, und nur aus praktischen Gründen stützen wir uns meist zusätzlich oder ersatzweise auf unsere Lebenserfahrung.

Das Bemühen um genaues Wissen und um exakte Fakten bleibt unaufgebbar. Subjektivismus und Konstruktivismus, irrationale Willkür und Scharlatanerie sind die zu vermeidenden Gefahren an den Rändern der Wissenschaft. Aber auch die kühnsten Theorien lassen Fragen offen und zeigen sich als unvollständige Theorien und Modelle. Sogar das „Standardmodell“ der Elementarteilchenphysik, bestens bewährt, hat offenbar seine Grenzen. Dennoch sind Rationalität und nachvollziehbare Methodik, Kritik und Aufklärung die einzigen Mittel, Wissen zu erwerben und unsere Welt zu erkennen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass auch unsere Meinungen wohl begründet sind und Vertrauen erwecken. Denn auch Glaube und Vertrauen suchen Erkenntnis und Einverständnis („fides quaerens intellectum“).

Reinhart Gruhn

Strenge Sachlichkeit

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Jan 242016
 

Webers Maxime der strengen Sachlichkeit ist die Voraussetzung für sachlich begründetes Wissen und also Erkenntnis.

In Politik und Öffentlichkeit werden durch Schriften, Diskussionen und Verlautbarungen wiederkehrende Termini und Metaphern vorgetragen, von denen einige bisweilen zur bloßen Phrase herab gesunken sind. Um „Verantwortung und Augenmaß“ geht es, und wenn es schwierig ist, wird darauf verwiesen, dass es in der Politik bekanntlich „um das Bohren dicker Bretter“ geht. Ein wechselseitiger Vorwurf von Diskutanten besteht in der Mahnung zur Sachlichkeit bzw. im Vorhalten vermeintlicher Unsachlichkeit. Bei größeren Auseinandersetzungen, zumal wenn es um Einstellungen und Weltanschauungen geht, wird die humanitäre „Gesinnung“ der „Gutmenschen“ gegen das nüchterne Kalkül („Verantwortung“) der Realisten in Stellung gebracht. Im Feuilleton und in populären historischen und gesellschaftlichen Schriften kann der „Geist des Kapitalismus“ gegeißelt und die verborgene, aber dadurch vermeintlich jede Religion treffende verderbliche Wirkung des irrationalen Fundamentalismus aufgezeigt werden. Dass es nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft insgesamt wesentlich um die „Frage der Macht“ geht, ist nicht erst durch Michel Foucault ein verbreiteter Topos.

Im „Wissenschaftsbetrieb“ ist „strenge Sachlichkeit“ ohnehin verpflichtend, um „voraussetzungslose Wissenschaft“ betreiben zu können. Weltanschauliches gehört da nicht hinein, zumal wenn es um die universellen Gesetzmäßigkeiten in den „objektiven“ Gegenständen der Naturwissenschaften geht. Andererseits ist diese „Wertfreiheit der Wissenschaft“ immer wieder als Ideologie des Bestehenden in Frage gestellt worden, weil sich keine Erkenntnis ohne darin enthaltene gesellschaftliche Interessen vollziehe (Jürgen Habermas). Im „Positivismusstreit“ des Wiener Kreises (Karl Popper) und der Frankfurter Schule (Theodor Adorno) ging es noch einmal begrifflich hart und streng um die Sachlichkeit und „Logik der Sozialwissenschaften“. In einem anderen Feld, dem der Ethik, ist es bis heute strittig, ob eine materiale Ethik voraussetzungslos und also sachlich objektiv möglich sei oder ob es nur um jeweils kulturalistische Ausprägungen gesellschaftlicher Übereinkünfte gehe. Dafür herrscht aber weithin Einigkeit darüber, dass der Prozess der Neuzeit insgesamt in einer Intellektualisierung, Rationalisierung und Technisierung besteht, die mit dem Topos der „Entzauberung der Welt“ durch Berechenbarkeit zutreffend umrissen wird.

All diese politischen, sozialwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Themen und Topoi finden sich in den Schriften und Vorträgen eines Mannes: Max Weber (1864 – 1920), und zwar nicht zufälligerweise en passant, sondern grundlegend erarbeitet und ausgeführt. Ein Blick (vermutlich ein längerer und ausgiebiger) in das Werk Max Webers zeigt ihn als einen erstaunlich klaren und hellsichtigen Vordenker des 20. Jahrhunderts – ich möchte meinen bis in unsere Tage hinein. Zugleich ist Weber ein Denker und (Sozial-) Wissenschaftler, der die Linien der Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert zusammenfassen und auf den Punkt bringen kann. Seine historisch orientierten Arbeiten besonders hinsichtlich der Religionswissenschaft bzw. Religionssoziologie sind grundlegend geworden, weit über das zumindest vom Titel her bekannte Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) hinaus. Seine wissenschaftstheoretischen Beiträge zu den Themen und Begriffen „Objektivität“, „Wertfreiheit“ und historischer „Verursachung“ sind sachlich absolut auf der Höhe unserer Zeit, wenn auch sprachliche Formulierungen und zeitbezogene Aussagen die über einhundert Jahre Abstand nicht verleugnen können. Es ist schade und ein Zeichen öffentlicher Vergessenheit, dass die praktische und preiswerte Reclam-Ausgabe von Max Webers „Schriften zur Wissenschaftslehre“ (1991) vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich ist. (Natürlich gibt es sowohl die Max Weber – Gesamtausgabe als auch eine ausgezeichnete Max Weber – Studienausgabe.) Ich möchte zwei Beispiele nennen, wo Webers Begriffe und Distinktionen gerade heute wieder hilfreich sein können: die „Objektivität“ des naturwissenschaftlichen Weltbildes und Webers Form der „Wertfreiheit“ bzw. „Sachlichkeit“. Da Max Weber sich in der Umbruchszeit am Ende und nach dem ersten Weltkrieg („Revolution“) auch politisch geäußert hat, sind manche Vorträge von ihm auch zugleich historische Zeugnisse. Am besten zusammen gefasst und am leichtesten zugänglich sind Webers wissenschaftliche Anliegen und seine gesellschaftlichen Einschätzungen und Erklärungen in den beiden knappen Schriften „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“, beide zusammen 1919 veröffentlicht. Sie gehen auf zwei Vorträge zurück, die Weber 1917 und 1919 in München gehalten hat (heute als eigenständiger Band der Studienausgabe).

Max Weber 1917 - Von http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html , Gemeinfrei

Max Weber 1917 – Von http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html , Gemeinfrei

1. Webers Begriff der „Wertfreiheit“ korrespondiert der Anforderung der „Sachlichkeit“. Aufgabe insbesondere des Wissenschaftlers ist es, einen Gegenstand möglichst genau von seinen Ursachen her und auf seine Wirkungen hin zu untersuchen und die eingesetzten Mittel mit den erstrebten Zwecken zu vergleichen. Dies gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, denen Weber das Prinzip der Kausalität als ganz selbstverständlich gültig zuordnet, sondern gerade auch für die historischen und sozialen Gegenstände der „Kulturwissenschaften“. Dabei gehört es nach Weber zur geforderten Sachlichkeit, möglichst umfassend die menschlichen Absichten, Überzeugungen und Vorlieben zu berücksichtigen, die zu einem bestimmten Sachverhalt geführt haben. Webers „Sachlichkeit“ ist also fern davon, die subjektiv interessierte Seite geschichtlicher und sozialer Prozesse zu ignorieren oder auszublenden, vielmehr muss diese Seite ausdrücklich in den sachorientierten Prozess der Forschung und Untersuchung aufgenommen werden. Für Weber gehört es zu der Aufgabe des Historikers, sich verstehend einzufühlen, also ein brutum factum so weit wie möglich aus seinem sozialen und individuellen Kontext heraus zu verstehen. Verstehen meint für ihn immer zugleich „deuten“ (Hermeneutik), aber eben aus der Perspektive dessen, der Urheber eines Sachverhaltes bzw. für seinen Verlauf verantwortlich ist. Die „Wertfreiheit“ bezieht sich dabei auf die eigene Überzeugung des Historikers oder Sozialwissenschaftlers. Weber bringt wiederholt Beispiele dafür, dass eine streng sachliche Untersuchung durchaus auch die Motive und Absichten bzw. weltanschaulichen Hintergründe der Handelnden einzubeziehen hat, ohne dabei aus Sicht des Wissenschaftlers zu werten. Die Handlungen eines brutalen Diktators oder eines religiösen Fundamentalisten können sehr wohl auf dem Hintergrund seiner „Wertordnung“ bzw. seiner subjektiven Motivation verständlich und „stimmig“ sein, ohne dass der Forscher diese teilen oder gar als seine eigenen Weltsicht annehmen müsste. „Erkenntnis und Interesse“ gehören also auch für Weber unbedingt zusammen, allerdings unterschieden nach dem Interesse der Akteure und dem Interesse des distanzierten Beobachters. Letzterer hat, wenn er einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, strikt darauf zu achten, dass für ihn die Sache oder der Sachverhalt im Mittelpunkt seines Interesses steht und nicht etwa seine eigenen z.B. legitimatorischen Wünsche. Das Interesse des Wissenschaftlers sei eben – die strenge Sachlichkeit. Aber auch Weber weiß, dass dies ein anzustrebendes und vollständig nie erreichbares Ideal im Sinne seines Begriffes des „Idealtypus“ ist: Denn auch das Gebot der Sachlichkeit ist an Voraussetzungen gebunden.

2. Diese Voraussetzung besteht darin, dass auch die Entscheidung für Sachlichkeit und Rationalität der Wissenschaften bereits eine Wertentscheidung eben dafür voraussetzt. Gegenüber der Theologie zum Beispiel führt er aus, dass ein sachlich-wissenschaftlicher Umgang mit religiösen Themen eben auf der Grundlage empirischer natürlicher Befunde und Erklärungen als ihrer alleinigen Voraussetzung aufbaut – was immer der religiös „musikalische“ Mensch (auch diese Metapher stammt von Weber) aus seiner religiösen Weltsicht noch an übernatürlichen Wirkungen annehmen mag. Letztlich beruht auch die Wahl wissenschaftlicher, rationaler Begriffe und Methoden auf einer vorausgehenden Entscheidung, dass dies sinnvoll und richtig ist. Den letzten „Kampf der Wertordnungen“ aber könne man eben nicht mehr mit den Mitteln der Wissenschaft entscheiden, sondern hier gilt es zu wählen und unter dieser Voraussetzung zu arbeiten und nach Sachlichkeit und Wahrheit zu streben.

… das Leben, solange es in sich selbst beruht und aus sich selbst verstanden wird, nur den ewigen Kampf jener Götter miteinander kennt, unbildlich gesprochen: die Unvereinbarkeit und also die Unaustragbarkeit des Kampfes der letzten überhaupt möglichen Standpunkte zum Leben, die Notwendigkeit also: zwischen ihnen sich zu entscheiden. Ob unter solchen Verhältnissen die Wissenschaft wert ist, für jemanden ein »Beruf“ zu werden und ob sie selbst einen objektiv wertvollen „Beruf“ hat – das ist wieder ein Werturteil, über welches im Hörsaal nichts auszusagen ist. Denn für die Lehre dort ist die Bejahung Voraussetzung…

Daß Wissenschaft heute ein fachlich betriebener „Beruf“ ist im Dienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern, Propheten, oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philosophen über den Sinn der Welt – das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation …
Es ist das Schicksal unserer Zeit, mit der ihr eigenen Rationalisierung und Intellektualisierung, vor allem: Entzauberung der Welt, daß gerade die letzten und sublimsten Werte zurückgetreten sind aus der Öffentlichkeit, entweder in das hinterweltliche Reich mystischen Lebens oder in die Brüderlichkeit unmittelbarer Beziehungen der Einzelnen zueinander. [aus: Wissenschaft als Beruf]

Selbst die transzendentale Philosophie Immanuel Kants beruht für Weber noch auf der Voraussetzung und Entscheidung, dass rational zu argumentieren und also rationale Logik und Methodik sinnvoll und sachgemäß sei. Für den Mystiker müsse das nicht ebenso gelten. Dasselbe gilt für den Anspruch der Naturwissenschaften, die „Welt der Physik und der Chemie“ (und, und, und, wie wir heute ergänzen müssen) auf dem Prinzip der Kausalität beruhende Zusammenhänge und Wirkungen verständlich aufzuklären. Dies Kausalitätsprinzip könne aber nicht im selben Maße für die Kulturwissenschaften gelten, da eben dort Mittel und Zwecke nur ungefähr und unscharf zusammen passten, weil menschliche Neigungen und Werturteile, auch wenn sie irrational und nicht zweckdienlich sind, in politischen, sozialen, religiösen usw. Fragen oft den Ausschlag geben. Man könnte diesen Gedankengang Webers ohne weiteres auf die heutige Dominanz des naturalistisch-materialistischen Weltbildes beziehen, das die Gesetze und Methoden der Naturwissenschaften auf die Erklärung der Wirklichkeit als Ganzer anwenden und auf die Welt des Geistes und der Kultur ausdehnen möchte. Das kann, wer will, so halten, er sollte sich aber bewusst sein (was weithin unterbleibt), dass es sich auch hierbei um ein vorgängiges „Werturteil“, sprich um eine allein auf Wahl und Entscheidung beruhende Voraussetzung handelt, die selber nicht mehr wissenschaftlich oder rational auflösbar ist (nicht mehr „austragbar“, würde Weber sagen, s.o.). Auch gegenüber dem „Neurozentrismus“ ließe es sich sehr viel einfacher und weniger mühsam argumentieren, als Markus Gabriel es tut (Markus Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, 2015). Im Grunde liefert Weber ein Argumentationsmodell, das sich, begrifflich überarbeitet, auf eine Reihe gegenwärtig aktueller wissenschaftstheoretischer und kulturpolitischer Diskussionen erfolgreich anwenden ließe. Es geht um die Anerkennung dessen, dass es im Bemühen des Menschen um Wahrheit, Sachlichkeit, Objektivität immer schon um seine jeweils unterschiedlichen „Weltbilder“ geht, mit denen Tatsachen und Sachverhalte eingeordnet, untersucht, festgestellt und interpretiert werden. Nicht einmal die Teilchenphysik ist heute davon ausgenommen, wie zuletzt der Physiker Nicolas Gisin erhellend dargelegt hat (Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall, 2014).

Erkenntnis und Interesse, Wahrnehmung und Deutung, Weltbilder und Selbstbilder sind bei jeder menschlichen Aktivität, insbesondere beim Streben nach Erkenntnis und Wissen so in einander verwoben, dass sie nur mit größtmöglicher logischer Klarheit und methodischer Genauigkeit, ebenso wie mit Sorgfalt und Selbstkontrolle (Weber nennt es „Ehrlichkeit“ und „Selbstbesinnung“) im Erkenntnisprozess differenziert, bedacht und reflektiert werden können. Nur so und insofern gilt Webers Maxime: strenge Sachlichkeit – und nur so gibt es sachlich begründetes Wissen und also Erkenntnis.