Okt 192019
 

Die anthropologische Funktion der Rede von „Gott“

Theologie behauptet sich in der Gegenwart als wissenschaftliche Disziplin, auch wenn die Zahl der Studierenden (evangelisch wie katholisch) auf ein sehr niedriges Niveau gesunken ist. Die Selbstbehauptung der Theologie kann dementsprechend in zweierlei Hinsicht betrachtet werden: (1) im Blick auf die Studierendenzahlen ( → Nachwuchs Pfarrer / Priester / Lehrer) oder (2) im Blick auf die Anerkennung als wissenschaftliche Disziplin (Fakultäten / Wissenschaftstheorie). Schließlich kann (3) nach dem Selbstverständnis der Theologen und Theologinnen gefragt werden. Hier interessiert vor allem Punkt (2).

Wovon handelt die Theologie, was ist ihr Gegenstand? Vom Wortsinn ausgehend ist es Gott (griech. Theos). Inwiefern kann „Gott“ Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung, gar einer wissenschaftlichen Disziplin sein? Fasst man Theologie als ein Thema der Religionen bzw. der Religionswissenschaften auf, wird es vergleichsweise klarer: Religionen haben es unter anderem mit Göttern bzw. Gott zu tun, insofern können Götter als Aspekte religiöser Praktiken kulturwissenschaftlich untersucht und dargestellt werden. Der Theologie geht es aber um etwas anderes. Sie macht Gott selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, oder genauer: ihr Thema ist die Rede von Gott. Jüdische, christliche, zum Teil auch islamische Theologie hat eine lange Tradition des Nachdenkens über Gott und dann auch der wissenschaftlichen Behandlung der Frage nach und der Rede von Gott. Darum ist es erlaubt und geboten, nach der Begründung einer rationalen, im Kanon heutiger Wissenschaften verantworteten Umgangsweise mit dem Gegenstand „Gott“ und entsprechender wohlbegründeten Rede von „Gott“ zu fragen.

Dies geschieht auch insbesondere in der katholischen Theologie, die sich in den Kontext scholastischer Tradition gestellt weiß und damit eine bestimmte Rezeption (neu-) platonischer und aristotelischer Philosophie jeweils aktualisiert. Als „analytische Religionsphilosophie“ erlebt diese scholastisch – theologische Tradition eine neuzeitliche Wiedergeburt. Aber auch außerhalb des Katholizismus ist „rationale Theologie“ ein wiederentdecktes Thema (zum Beispiel Holm Tetens, Volker Gerhard, Alvin Plantinga, Richard Swinburn). Umso wichtiger wird die Frage nach der Rechtfertigung des Gegenstandes „Gott“ innerhalb einer modernen Theologie, die sich als (analytische) Religionsphilosophie versteht. Denn in einem solchen Selbstverständnis der Theologie steckt ein erhebliches Problem.

„Gott“ ist kein Gegenstand möglicher Erfahrung. Der Bezug oder Inhalt des Begriffs ist zumindest unklar, weil ihm nichts in der erfahrbaren Wirklichkeit entspricht. Man könnte das Wort „Gott“ eher als Namen auffassen, wobei unklar ist, wo das Benannte vorkommt – und ob das Benannte überhaupt vorkommt. Man kann dem Wort „Gott“ bestimmte Bedeutungen zuweisen, ohne dass dadurch sicher gestellt wird, dass es etwas wie „Gott“ gibt, ob das so Bezeichnete in der Welt vorkommt. Ohne Zweifel gibt es die Rede von Gott, Aussagen, Sätze über „Gott“. Damit erhält der Begriff aber noch keinerlei realen Bezug. Er könnte als Idee verstanden werden. Das aber ist etwas anderes, als Theologen von „Gott“ behaupten. Für sie ist „Gott“ eine Wirklichkeit, etwas, was der Fall ist. Diese Position nennt man herkömmlich Theismus. Man kann sie vertreten, sollte aber dabei auch sagen, wie es sich mit diesem Gegenstand verhält: Dass man ohne mögliche Erfahrung Aussagen zu machen gedenkt, für deren Richtigkeit oder Falschheit kein Kriterium angegeben werden kann außer dem Begriff selbst. Das Bezeichnete bleibt ohne erkennbare Wirklichkeit. Darum halte ich den Theismus für keine rational gerechtfertigte und darum für keine wissenschaftlich vertretbare Position. Dass es „Gott“ als Inbegriff des Ganzen nicht zugleich als Teil der Welt geben kann, ist dabei eine begriffliche Form der Selbstimmunisierung. Man kann allerdings den Begriff „Gott“ einschließlich seiner „Wirklichkeit“ (welcher Art auch immer, jedenfalls nicht innerhalb unserer Raumzeit) als „Axiom“ voraussetzen und dann alles weitere theologisch ableiten. Klassische Theologen sind deswegen von der Notwendigkeit des Glaubens ausgegangen (z.B. Anselm, Fides quaerens intellectum). Theologie ist dann das, was über „Gott“, im Glauben vorausgesetzt, begrifflich möglichst widerspruchsfrei ausgesagt werden kann ( → Gottesbesweise). Die Voraussetzung einer extramundanen Entität, von der alles abhängt, was Theologie zu sagen hat, ist allerdings wirklich eine exklusive Position. Überdies wird diese Entität als handelndes Subjekt beschrieben, was innerhalb der Raumzeit nicht sinnvoll ausgesagt werden kann. Solche Theologie kann darum weder in den Kanon der Wissenschaften eingeordnet noch innerhalb der Grenzen vernünftiger Rede begriffen werden. Analytische Methodik hilft da der neoscholastischen Religionsphilosophie ( z.B. Christoph Jäger) gar nichts. Ihre „Kirchliche Dogmatik“ (Karl Barth) *) gehört darum eher in den institutionellen Rahmen kirchlicher Hochschulen bzw. Ausbildungsstätten.

Was es dagegen gibt, was der Fall ist, was innerweltlich, in Raum und Zeit vorkommt und wovon es erfahrbare Tatsachen gibt, ist das, was Menschen zu verschiedenen Zeiten über „Gott“ gesagt und was sie behaupten, möglicherweise von ihm erfahren zu haben. Es bleibt aber immer die Aussage von Menschen und ihre subjektiven Erfahrungen. Diese sind wie „Wunder“ weder wiederholbar noch allen zugänglich noch beweisbar. Der „Gegenstand“ selber kommt innerweltlich niemals zum Vorschein anders als in der Rede oder im Nachdenken über einen extensional leeren Begriff, dessen Bedeutung, also dessen Inhalt unter Aufnahme von Tradition, Heiliger Schrift, Dogma ausgefüllt wird. Allgemeiner Erfahrung zugänglich bleiben in jedem Fall die Menschen mit ihrem Denken, ihren Aussagen, Meinungen und Theorien. Anders als Ideen in der Philosophiegeschichte kann „Gott“ allerdings nicht als Idee gefasst und hinterfragt werden, sofern er theistisch als extramundaner Gegenstand gesetzt ist. Wissenschaftlich und rational gesehen ist diese Exklusivität „Gottes“, zumal als handelndes Subjekt außerhalb der Raumzeit, nicht vermittelbar. Aus meiner Sicht kommt darum nur ein anderer Ansatz von Theologie infrage: die nicht-theistische Rede von „Gott“.

Münster,, Dom

Dies ist eigentlich kein neues Programm. Vor allem protestantische Theologen des 19. und 20. Jahrhunderts haben Kants Kritik der Gottesbeweise positiv rezipiert und versucht, Theologie konsequent nicht-metaphysisch oder zumindest nicht-theistisch zu entwerfen. Die „existentiale Interpretation“ theologischer Topoi (Bultmann-Schule) im Rahmen eines Programms der „Entmythologisierung“ gehört ebenso hierher wie die indirekte oder negative Redeweise von „Gott“ als undefinierbarem „Grund des Seins“ (Paul Tillich). Aus Melanchthons Satz „Christus erkennen heißt, seine Wohltaten erkennen“ wird in der liberalen Theologie eines Wilhelm Herrmann der Satz „Von Gott können wir sagen, was er an uns tut.“ Das öffnete den Weg zu einer neuzeitlich möglichen Rede von Gott als Ursprung des je eigenen Existenzverständnisses, führte aber durch den Verzicht auf einen expliziten Gottesbegriff zu einer Ethisierung bzw. Moralisierung der Theologie. Dagegen sollte ein Programm nicht-theistischer Theologie den Gottesbegriff als erkenntnisleitende Idee entwerfen können, die funktional bestimmbar ist. Gott kann gedacht werden als transzendentales Prinzip, das als Denkmöglichkeit Gründe liefert für Sein und Sinn des Menschen in der Welt. Die Sinnstiftung ist die wesentliche Funktion dieses Gottesbegriffs sowohl hinsichtlich je einzelnen Lebens wie der Welt als ganzer. Ein solcher Begriff Gottes kann der Intuition entsprechen, dass das Dasein der Welt und des einzelnen Lebens seinen Sinn und seine Erfüllung nicht nur innerhalb der Grenzen und Bedingungen raumzeitlicher Tatsachen, Determinationen und Zufällen findet, sondern etwas Überschießendes hat, eine Sehnsucht nach Heil und Fülle. Ein solches Bedürfnis kann pure Illusion sein kann, kann aber ebenso gut in der Konstruktion eines übergreifenden Sinnsystems aufgehoben werden. Die Wahrheit einer solchen theologischen Entwurfs wird in der faktischen Erfüllung ihrer Funktion erwiesen: Sie stiftet Sinn. Wo das nicht mehr oder nicht überzeugend geschieht, verfehlt eine solche nicht-theistische Theologie ihre wesentliche Aufgabe.

Nicht-theistisch über den Gottesbegriff nachzudenken heißt in seiner zweiten Funktion, ihn in Beziehung zu setzen zu den jeweiligen religiösen und theistischen Überlieferungen. Ihre Inhalte werden nun nicht mehr als konkrete Gegenstände oder tatsächliche Gegebenheiten aufgefasst, sondern als Symbole der Lebens- und Sinndeutung (Urmythen). Man könnte es als ein Projekt der „Remythologisierung“ bezeichnen, insofern nun die Bildvorstellung der Religion als anthropologische Symbole unbewältigter Grunderfahrungen (Ludwig Feuerbach im Anschluss an Hegel) verstanden werden können und die dogmatischen Begriffe traditioneller Theologie als Symbolbegriffe teilweise wiedergewonnen werden (z.B. Schuld, Angst,Versöhnung). Welche Begriffe eine solche nicht-theistische Theologie aufgreift und welche sie verwirft, hängt von der Erfüllung der ersten Funktion ab: Sinn zu stiften in einer Ganzheit des Lebens, das mehr ist als die Summe einzelner Erlebnisse. Die Theodizeefrage stellt sich hier nicht, sofern ein funktionaler Begriff Gottes weder eine handelnde Subjektivität noch eine göttliche Gerechtigkeit beinhaltet. Wohl aber stellt sich die Frage nach dem Sinn des Leidens und des Bösen. Dieser Frage muss sich jede Philosophie bzw. Ethik stellen.

Faktisch geht es darum, begrifflich von der so bestimmten Idee Gottes her das zu formulieren und systematisch zu erfassen, was religiöse Praxis in Tradition, Lehre und Kultus tatsächlich tut. Insofern bleibt auch eine nicht-theistische Theologie auf eine historisch konkrete Ausprägung von Religion, also z.B. christlicher Kirche oder Konfession, bezogen. Das unterscheidet sie von atheistischen, naturalistischen oder reduktionistischen Positionen, die Theologie auflösen und in empirische Religionswissenschaft überführen wollen. So würde aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Vielmehr ist es der Reichtum an anthropologischen Grunderfahrungen und Sinnstiftungen, welche die christlichen (jüdischen, islamischen) Traditionen und Theologien aufbewahren und weitertragen. Darum sollte das wissenschaftliche Interesse an Theologie mehr sein als bloßes Interesse an bedeutenden kulturprägenden Faktoren bestimmter Religionen. Es geht in einer so verstandenen nicht-theistischen Theologie um die fortwährende Aufarbeitung, Neuinterpretation und Reformulierung konkreter christlicher (jüdischer, islamischer) Symbole und Glaubensinhalte, die als Begriffe theologisch konstruiert, verantwortet und auch für allgemeine philosophische Rezeption bereit gestellt werden. Theologie muss also begrifflich und systematisch anschlussfähig sein für philosophische Begriffs- und Theoriebildung. Daran wird sich auch ihre Rationalität und Wissenschaftlichkeit messen lassen. Unter diesen nicht-theistischen Voraussetzungen gewinnen auch z.B. analytische Methoden in der systematischen Theologie bzw. Religionsphilosophie Bedeutung und Akzeptanz. Insbesondere bleiben exegetisch interpretative, historisch sammelnde und rekonstruierende, ethisch normative und künstlerisch-liturgische Fächer herausragende Disziplinen innerhalb der Theologie, die in wechselseitigen Beziehungen zu ihren nicht-theologischen counterparts stehen und sie oftmals nachhaltig befruchtet haben. Auch insofern sind die Wissenschaften gut beraten, nicht-theistische Theologie in ihrer Mitte nicht nur als merkwürdiges ‚dogmatisches‘ Relikt zu dulden, sondern als unverzichtbaren Teilnehmer wissenschaftlicher Weltbewältigung, Naturerforschung, Normsetzung und Erkenntnistheorie zu schätzen.

Anmerkung

*) Karl Barth beschreibt 1922 die Unmöglichkeit, theologisch von Gott zu reden, es sei denn, Gott selber spricht: Gottes Wort als Aufgabe der Theologie . Dies mag dogmatisch gelten, ist aber keine mögliche Position wissenschaftlicher Theologie.

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Natur, Gesetz und Chaos

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Jun 192014
 

Naturwissenschaft und Naturgesetz – das Modell einer wissenschaftlichen Grundproblematik

[Philosophie, Naturwissenschaft]

Wissenschaft ist geschichtlich geworden. Nach den Jahrhunderten von (verstandesmäßiger) Finsternis, Unkenntnis und Aberglauben sei in der Neuzeit endlich der Schleier von den Dingen genommen, und das Licht der Vernunft („enlightenment“) mache endlich Natur und Mensch erkennbar, wie sie „wirklich“ sind. Diese vereinfachte, aber im Grunde allgegenwärtige Meinung ist eine selbstrechtfertigende Konstruktion, ein moderner Mythos. Der Prozess der Wissenschaft selber, die Anerkennung bestimmter Kategorien, Methoden und Überzeugungen, ist eine geschichtliche Gegebenheit. Sie entstand und verändert sich wie alles, was dem Wandel der Geschichte unterworfen ist. Was heute als Höhepunkt menschlicher Erkenntnis gefeiert wird, kann morgen überholt oder dem Vergessen übergeben sein. Daran ändert auch das „allwissende“ Internet nichts.

Erkenntnis als Wissenschaft sucht nach Gesetzen. In den Naturwissenschaften sind Gesetze dann formuliert, wenn es mathematische Gleichungen bzw. Berechnungen (Algorithmen) gibt, die einen bestimmten Zusammenhang von Dingen oder Zuständen beschreiben und das Verhalten natürlicher Erscheinungen zuverlässig vorher sagen können. So kann aufgrund des Gravitationsgesetzes (Newton, Einstein) das Verhalten von Körpern berechnet, das heißt ihr Bewegungsverlauf zutreffend beschrieben und voraus gesagt werden. Auch die Wissenschaften des Humanen und Sozialen suchen möglichst exakte Gesetze, die das Verhalten des Menschen (Psychologie, Pädagogik) oder einer Gruppe von Menschen (Ethologie, Soziologie, Ökonomie) zutreffend beschreiben und vorher sagen können.

Die zuverlässige Beschreibung und Fähigkeit zur Vorhersage durch wissenschaftliche Aussagen und Gesetze machen es möglich, die Welt der Natur und der Gesellschaft durch technische Erfindungen zu beeinflussen und zu gestalten. Insofern ist Technik im umfassenden Sinn (als technisches Instrument ebenso wie als Verfahren, Fähigkeit, gesteuerter Veränderungsprozess) von der Wissenschaft, speziell von der Naturwissenschaft, ihren Gesetzen und Algorithmen abhängig. Wissenschaft und Technik bedingen einander wechselseitig und gehören zusammen zum modernen Weltbild.

Gerade die viel gesuchten Gesetzmäßigkeiten scheinen die Gewissheit zu garantieren, Wirklichkeit „richtig“ darzustellen. Der technische Erfolg bestätigt diese Zuverlässigkeit immer wieder aufs Neue. Wirklich ist, was seiner Struktur nach als gesetzmäßig erkannt und dessen Verhalten berechnet werden kann. Im Labor wird natürliches Verhalten unter genau vorgegebenen Ausgangsbedingungen simuliert. Nur in solchen Experimenten können Gesetze aufgestellt und verifiziert werden. Wo es kein Experiment gibt und Laborbedingungen nicht herstellbar sind (Kosmos, teilweise Organismen), können Gesetze nur annähernd formuliert und vermutet werden. Das ist der Grund dafür, dass zum Beispiel in der Elementarteilchenphysik Unsummen für riesige Apparaturen (Beschleuniger wie den LHC am CERN) aufgewandt werden, die den Kosmos gleichsam ins Labor bringen sollen.

Am Naturgesetz muss also einiges dran sein, wenn alle Anstrengung darauf verwandt wird, – wie man so schön sagt – der Natur ihre letzten Geheimnisse zu entlocken. In dieser Redeweise kommt das Bewusstsein zum Ausdruck, wissenschaftliche Erkenntnis und Methodik könnten die Natur durchschauen, indem ihre Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt, enthüllt werden. Sie waren offenbar immer schon da, und wenn irgendetwas als „ehern“ gilt, dann ein Naturgesetz. Leider ist das in Wahrheit überhaupt nicht der Fall.

Kunstformen der Natur

Ernst Haeckel, Kunstformen der Natur, Ascidiacea, 1904 (Wikimedia)

Schon der Begriff „Naturgesetz“ ist äußerst problematisch. Gesetze werden gegeben, erlassen, aufgestellt – wer hat das in der „Natur“ getan? Gesetze regeln etwas und ahnden Übertretung – wer „regelt“ die Natur und bestraft Missachtung ihrer Gesetze? Oder ist der Begriff nur metaphorisch gemeint? Das lässt sein normaler Gebrauch aber kaum erkennen. Naturgesetze gelten – ganz ohne Basta. Aber vielleicht sind ja Naturgesetze nur Regularien, nach denen die Natur eben verläuft. Aber das macht alles nur schlimmer, weil dann unverständlich wird, wie weit genau die Regeln der Natur gelten, ob Natur auch anders kann, und warum es in der Natur eben doch, wenn wir experimentieren und messen, wirklich sehr, sehr genau zugeht. Mathematisch genau. Natur ist das Buch, dessen Sprache die Mathematik ist, hat (zumindest auch) Galilei gesagt. Wer oder was zwingt die Natur, womöglich dann auch soziale Zusammenhänge, in die mathematischen Formeln und zahlenmäßigen Relationen? Warum trifft der mathematische „Grundsatz“ der Gleichung offenbar die natürliche Wirklichkeit so genau?

Dazu gäbe es viel zu sagen und viel zu fragen, was die Selbstverständlichkeit, mit der wir von der Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Methodik ausgehen, ins Wanken bringen könnte. Nur in zwei Richtungen einige Bemerkungen. Das Naturgesetz ist selber ein geschichtlich gewordener Begriff. Die altgriechische Kultur und Wissenschaft kannte das Gegenüber von Nomos (Gesetz) und Chaos (Zufälliges). Gesetze waren das, was eine menschliche Sozialität regelte, was das Verhalten Einzelner zu einer Gemeinschaft, der Polis, verband. Gerade Aristoteles, der große Philosoph der primären Natur und der Nach-Natur (Metaphysik) kannte in diesem Zusammenhang nicht den Begriff Gesetz, sondern allenfalls Taxis, Ordnung. In der Biologie kommt dieser Begriff heute noch als Taxonomie vor und macht damit deutlich, dass es dabei um eine vom menschlichen Beobachter gestiftete Ordnung geht: Ordnungsprinzipien in der Liste des Lebendigen, Tieren wie Pflanzen. Wesensmäßig entscheidend war für Aristoteles die Form, die der Substanz ihre konkrete Dinglichkeit verleiht. Erst im ausgehenden Mittelalter, genauer mit Francis Bacon, begann man, statt von den substantiellen Formen vielmehr von den Gesetzen zu sprechen, die das Schwere, die Wärme, das Licht usw. ausmachen. Kepler und Leibniz versuchten, damit die entdeckten Harmonien der Natur zu beschreiben, und die Taxis, die natürliche Ordnung, schien nun etwas der Natur durchgehend Inhärentes, Gesetzmäßiges zu sein.

Aber ist es auch etwas der Natur Immanentes? Und wenn ja, wer hat es dann in die Natur hinein gebracht? Für Kepler, Newton, Descartes und fast alle Philosophen und Wissenschaftler bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es Gott. Ohne den Gottesgedanken (Theismus) schien man gerade auch in der Naturwissenschaft nicht auszukommen. Zuletzt brauchte man ihn noch als Verursacher dessen, was dann wie ein Uhrwerk in der Natur gesetzmäßig abläuft (Deismus). Zumindest macht es unter der Voraussetzung des Wirkens Gottes (als „Schöpfer“) wenigstens Sinn, von Naturgesetzen zu sprachen. Gott ist dann genau derjenige, der als Gesetzgeber, als wahre Wirklichkeit hinter der vordergründigen Wirklichkeit der Natur, zum Vorschein kommt. Darauf hat insbesondere Albert Einstein immer wieder hingewiesen. Sein oft zitierter Satz „Gott würfelt nicht“ war sehr viel mehr als ein Bonmot. Die moderne, methodisch atheistische Wissenschaft („etsi Deus non daretur“) spricht statt von Schöpfung, Schöpfer oder Erstbeweger lieber von Kausalität, Zufall und Selbstorganisation der Materie. Die Naturgesetze sind dann genau die Gesetzmäßigkeiten der Selbstorganisation, die Zufall und Chaos einschließen. Dabei wird allerdings leicht übersehen, dass man damit das Problem nur verschiebt, denn was soll das „Selbst“ in Selbstorganisation denn sein? Oder endet die Frage bei dem brutum factum, dass die Natur immanent eben so ist, basta? Ein Basta des Immanentismus als Naturgesetz? Und was bedeutet dann die zeitliche Veränderung sogar von Naturkonstanten, wie man vermutet?

Der zweite Fragenkreis betrifft den alten und keineswegs gelösten Streit zwischen Realismus und Nominalismus, anders und moderner formuliert zwischen objektivem Naturalismus und Konstruktivismus. Die alltagssprachliche Redeweise geht von einer natürlichen Objektivität aus, der gemäß wir die Gesetze der Natur „entdecken“. Sie liegen also in der Natur verborgen, sind ihr nicht nur immanent, sondern eignen ihr wie, ja eben wie früher die Form den Substanzen. Naturgesetze sind „da“. Meist geht diese Auffassung Hand in Hand mit der Auffassung, auch die Welt der Mathematik, der Zahlen und geometrischen Körper, sei etwas objektiv Gegebenes, „draußen“ Vorhandenes. Eigentlich ist dies Idealismus pur, versteckt im harten Naturalismus. Diese Ansicht ist allerdings nicht zuletzt durch Immanuel Kant fraglich geworden. Kant ist Gott samt die objektiven Ideen dadurch los geworden, dass er sie als Regularien des Verstandes definiert hat. Eigentlich ist es erst der Verstand des Menschen, der die gesamte Welt als erkennbare Welt schafft. Raum und Zeit sind nicht „da draußen“, sondern „reine Formen der Anschauung“. Außerhalb des Verstandes gibt es für Kant nur die strukturlose Empfindung der Sinne in der reinen Anschauung. „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, schreibt Kant, d.h. erst der Verstand bringt mit seinen Kategorien und Begriffen Sinn und Struktur in die Welt, die dadurch allererst erkennbar wird. Allerdings gilt für Kant auch das Umgekehrte: „Begriffe ohne Anschauung sind leer“, will sagen das reine, idealistische Denken ist ein Trugbild, sofern es immer schon (a priori) von der Sinneserfahrung ausgeht. Auf den Begriff der Gesetze in der Natur angewandt, wären diese also Verfahren und Regeln des Verstandes, um die Welt überhaupt erst erkennbar zu machen. Zugespitzt gesagt müsste es heißen: Wir schaffen Naturgesetze, wir entdecken sie nicht. Wir schaffen die Mathematik, wir definieren die Zahlen und Verknüpfungsregeln, wir entdecken sie nicht. Zumindest was die Philosophie der Mathematik angeht, sticht man mit solchen Aussagen in ein Wespennest divergierender Auffassungen.

Die Fragen ließen sich noch erweitern. Kann man überhaupt von Laborergebnissen auf die Verhältnisse „draußen“ in der Natur schließen? Gelten Gesetze dann nur unter klar definierten Ausgangs- bzw. Rahmenbedingungen, die allerdings normalerweise nie so vorkommen? Was würde es bedeuten, wenn  auch die Naturgesetze, also die natürlichen Strukturen, die solche Gesetze mathematisch beschreiben, selber geschichtlich sind, also einer Veränderung in der Zeit unterliegen? Deuten sich nicht geringe Abweichungen der sogenannten Naturkonstanten (an sich schon ein Rätsel, weil nicht weiter ableitbar) im Verlauf der beobachtbaren Zeit des Kosmos an? Damit ist noch nicht einmal die geschichtliche Bedingtheit bestimmter Theorien und Modelle gemeint, die sowieso jeweils dem „Stand der Wissenschaft“ angepasst werden müssen. Wissenschaft lebt von und mit der Veränderung. Was Wunder, wenn nicht auch die Kategorien und Modelle der Wissenschaften selber, also ihre Grundlagen und Grundannahmen, dem geschichtlichen Wandel unterworfen sind. Auch Newton hätte einen ihn korrigierenden Einstein kaum vermutet. Die modernen Chemiker und Biologen wehren sich in der Grundlagenforschung vehement gegen die in der Physik aufgestellten zeitlich reversiblen Symmetrien. Ilya Prigogine und Manfred Eigen haben gezeigt, wie stark der Faktor Zeit, also der nicht-reversible Pfeil, die Abläufe in der Natur, insbesondere der Thermodynamik offener Systeme bestimmt. Merkwürdig, dass ein Großteil der modernen Philosophie, wenn sie die Zusammenarbeit mit der Naturwissenschaft sucht, ausschließlich den Physikalismus im Visier hat. Das ist offenbar viel zu kurz geschlossen.

Insofern ist der Begriff Naturgesetz*) eigentlich sehr gut geeignet, oft verdeckte oder ignorierte Problematiken und unausgesprochene Voraussetzungen sichtbar zu machen. Natur und Gesetz – wie geht das zusammen? Eine wirklich spannende Frage! **)

*) Eine gute Darstellung der Begriffs- und Problemgeschichte bietet der Zürcher Philosoph und Wissenschaftshistoriker Michael Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs, Suhrkamp, 2007.

**) Gerade finde ich im FAZ.NET einen Beitrag vom 16.06.2014, der ausgezeichnet zum Thema passt: Sibylle Anderl, Der gestirnte Himmel über uns.