Aug 152016
 

Ziele werden nicht zufällig erreicht. Das Finale könnte es als notwendig erweisen, das Mögliche anders zu denken. – 

I.

Das Mögliche einmal anders gedacht? Mal sehen. In der physikalischen Welt scheint es recht einfach zu sein. Ereignisse haben Ursachen. Kräfte, Felder, Massen, was auch immer, wechselwirken und verursachen neue Ereignisse und Zustände. Die Gegenwart ist mit der Vergangenheit und mit der Zukunft fest verknüpft durch die Kausalketten. Das Eintreten mancher Ereignisse oder Zustände kann zwar nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, das ist aber nur eine andere Form des Determinismus. Die physikalische Welt ist demnach kausal geschlossen und deterministisch.

Für die Kosmologie bedeutet das: Aufgrund vorhandener Daten kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Ursprung und das Zustandsbild des Kosmos zu einem x-beliebigen früheren Zeitpunkt geschlossen werden. Dank der Laufzeit des Lichts können Objekte beobachtet werden, deren Alter Einblick in die Frühzeit des Kosmos geben können. Verlängert man die Entwicklungstendenzen des Kosmos in die Zukunft und berücksichtigt man die bekannten Kräfte, Energien und Massen, dann können Szenarien der Zukunft und des möglichen Endes des Kosmos mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Ein Beispiel dafür sind die sehr anregenden und wohl begründeten Überlegungen von Roger Penrose 1) über die „Zyklen der Zeit“. Dass seine Theorien nicht unwidersprochen geblieben sind, zeigt, dass noch zu viele Unbekannte in die jeweilige Prognose für die kosmische Entwicklung eingehen, die durch mehr oder weniger plausible Annahmen ersetzt werden müssen.

Nasa Hubble

NASA’s Hubble Looks to the Final Frontier (c) NASA

Die biologische Welt ist evolutionär bestimmt. Man könnte die Theorie der Evolution als eine Ausweitung der Prinzipien der Kausalität und des Determinismus auf die Entwicklung des Lebendigen ansehen. Die biologische Entwicklung ist demnach durch Mutation und Selektion bestimmt, die eine Anpassung an die jeweils erforderlichen Lebensbedingungen ermöglichen. So ergibt sich ein Verständnis der Evolution als Prinzip des Überlebens der am besten Angepassten (Survival of the Fittest). Die „Synthetische Evolutionstheorie“ erweitert  die klassische Theorie Darwins insbesondere um die Erkenntnisse der Genetik samt aktueller Epigenetik. Durch zufällige Mutation und natürliche Selektion lassen sich kaum Prognosen für zukünftige biologische Zustände treffen, da die Rahmenbedingungen von Umwelt und Populationsentwicklungen allenfalls vage beschrieben werden können. Insgesamt gilt der Prozess der Evolution aber als im Grunde zufällig und schon deswegen im Ergebnis als nicht vorhersehbar, wenngleich er in allen Einzelprozessen (Physik, Chemie, Biologie) als streng deterministisch verstanden werden kann.

In dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften sind die Theorien und Interpretationen ebenso zahlreich, wie die Zahl der Randbedingungen und Einzelgegenstände nahezu unbegrenzt ist. Das Auffinden eindeutiger Ursachen und auch nur ungefährer Voraussagen zukünftiger Verhältnisse und Zustände sind kaum unmöglich. Allenfalls lassen sich Tendenzen aufgrund eines ausgewählten Datenbestandes in Modellen berechnen. Doch wie weit Modell und Wirklichkeit einmal zur Deckung kommen, bleibt unbestimmt und ist eher zufällig. Da sind die kausalen Determinanten der Physik schon sehr viel klarer.

Es wird deutlich, dass in allen angeführten Bereichen der Zufall irgend eine Rolle spielt, wenn nicht eine wesentliche. Der kausalen Geschlossenheit in der Physik scheint eine unvorhersehbare Offenheit tatsächlicher Entwicklungen bei Tier, Mensch und Gesellschaft gegenüberzustehen. Aber ist der Zufall – Zufall? Der Gegensatz zum Zufall ist nicht der Determinismus, weil sich beide durchaus zusammen vertragen. Das Gegenstück ist vielmehr eine zugrunde gelegte Finalität. Dass Kosmos und menschliche Welt auf ein Ziel hin ausgerichtet sein könnten, gilt als ein typisch ideologisches oder religiös bedingtes Produkt des jeweiligen Weltbildes. Das muss nicht so sein. Man muss es nur anders denken.

II.

Bei der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft (einschließlich Politik, Technik, Wissenschaft) wird sich kaum eine Zielgerichtetheit ausmachen lassen. Zu sehr ist hier die Handlungsfreiheit des Menschen ausschlaggebend dafür, welche Richtung sich durchsetzen wird. Dabei wirken in einem Beziehungsgeflecht von steigender Komplexität die unterschiedlichsten Motive und Interessen zusammen. Entscheidungen und Handlungen einzelner mögen rational sein, aber immer wirken zugleich irrationale und emotionale Motive mit. Im Gesamtbild global vernetzter Gesellschaften dürften sich immer wieder chaotische Verläufe erkennen lassen. Wer dort bestimmte Tendenzen am Werk sieht, folgt meist einem internalisierten Weltbild oder einer vorgefassten Meinung über den Fortschritt, ‚Höherentwicklung‘ usw. Auch die gegenteilige Auffassung einer Degeneration ist einem Weltbild verhaftet, in diesem Falle einem negativen. Allerdings hat das schiere Wachstum der Größe der Weltbevölkerung tendenziell qualitative Aus- und Rückwirkungen, die hier nicht zu diskutieren sind.

Anders könnte es im Bereich der Biologie, d.h. der Entstehung des Lebens und seiner Formen insgesamt aussehen. Ob die evolutionäre Entwicklung tatsächlich zufällig verläuft und Bewusstsein ein kontingentes Ereignis ist, scheint mehr eine Glaubenssache als eine gesicherte Erkenntnis zu sein. Manche Philosophen wie Thomas Nagel gebrauchen die Metapher, dass das Universum im Menschen die Augen aufgeschlagen hat und so seiner selbst bewusst geworden ist 2). In dieser Sicht wären zwar nach wie vor die Prinzipien der Evolutionstheorie (Mutation & Selektion) gültig, aber darüber legte sich eine Tendenz, ein bias, die Leben als notwendige Voraussetzung für Bewusstsein ansieht und letztlich das Selbst- und Weltbewusstsein intelligenter Wesen als ein Ziel der Evolution erkennt. Leben und Bewusstsein wären dann nicht mehr kontingente Ereignisse, sondern notwendige Formen der Emergenz, die zu einem geistbegabten Kosmos führen. Diese so spekulativ klingenden Ansichten führen unmittelbar zum kosmologischen Problem des „Anthropischen Prinzips“.

Die Vertreter des „Anthropischen Prinzips“ (AP) sehen sich zwar immer wieder dem Ideologieverdacht oder dem Vorwurf religiöser Vereinnahmung ausgesetzt, wenn sie das Anthropische Prinzip teleologisch interpretieren, aber die nicht-teleologische Interpretation ist ebenfalls so voller spekulativer Annahmen, dass sie kaum als beleghaft gesichert gelten kann. Das AP besagt, „besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ 3). Die Argumentation unterscheidet sich bei verschiedenen Vertretern in „schwache“ und „starke“ Versionen des AP, aber sie laufen knapp gesagt darauf hinaus, dass die Rahmenbedingungen von physikalischem Kosmos und biologischer Evolution so angelegt sind, dass intelligentes, bewusstes Leben emergent entstehen konnte (schwaches AP), wenn nicht gar mit Notwendigkeit entstehen musste (starkes AP) – und dass dies eben kein Zufall war. Die Schwierigkeit der Annahme dieses Prinzips ist es, dass hier unzulässigerweise vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Andererseits – wie anders als auf der Basis des tatsächlichen Lebens mit seiner belegbaren Vorgeschichte kann auf eine faktische Entwicklungsrichtung bzw. Teleologie geschlossen werden? Es ist der Zirkel, in dem jede menschliche Erkenntnis steckt: sich selbst in seiner Geschichte zum Gegenstand der Erklärung und der Erkenntnis zu machen.

Noch kritischer ist allerdings die nicht-teleologische Interpretation des AP zu sehen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt aus der Wikipedia:

Die nichtteleologische Interpretation hat die Intention, als Unwahrscheinlichkeiten empfundene Gegebenheiten in der Kosmologie durch Selektionseffekte bei möglichen Beobachtungen zu erklären, welche durch die zur Existenz des Beobachters notwendigen Bedingungen verursacht werden. Insbesondere zusammen mit Viele-Welten-Modellen oder einem als unendlich (oder zumindest hinreichend groß) angenommenen Universum ist das anthropische Prinzip in der Lage, solche scheinbar teleologisch wirkenden Unwahrscheinlichkeiten nichtteleologisch zu erklären, und hat damit einen ausgesprochen antiteleologischen Charakter. Beispielsweise kann in einem unendlichen Universum mit räumlich variierenden physikalischen Konstanten ein Beobachter nur in solchen Bereichen existieren, und deshalb lokal nur solche Bereiche beobachten, in welchen diese Konstanten bewusstes Leben zulassen. Selbst ein Universum, das überwiegend lebensfeindlich ist, könnte so für einen Beobachter wie „gemacht“ für Leben erscheinen. – Der gegenwärtige Entwicklungsstand der Stringtheorie beinhaltet die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit des Nebeneinander-Existierens sehr vieler naturgesetzlich verschiedener Universen (typische Schätzungen nennen die astronomische Zahl von ca. 10500). Sollte sich diese noch spekulative Möglichkeit erhärten, wäre dies ein starkes Argument für die nichtteleologische Interpretation, eine dieser vielen Welten sei zufällig „lebensfreundlich“.

Der Text spricht für sich: Er enthält pure Spekulation. Das ist als solches nicht zu verurteilen, nur ist eine solche Auffassung um keinen Deut besser oder überzeugender oder beleghaft abgesicherter als die angegriffene teleologische Interpretation. Selbst hartgesottene Materialisten unter den Naturalisten können sich über die Plausibilität von Viele-Welten-Theorien und diverser String-Theorien kaum einigen. Es sind faszinierende (mathematische) Modelle – aber eben Modelle mit spekulativen, d.h. nicht belegbaren Grundannahmen, die ‚idealistischer‘ sind, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Was also spricht sonst noch gegen eine teleologische Interpretation?

Es ist im Grunde die Gleichsetzung einer teleologischen Interpretation mit einem religiösem Weltbild und der These vom „intelligent design“. Hinter dem Telos vermutet man sogleich den göttlichen Schöpfer, und die Lehre (als solche müsste man sie bezeichnen) vom intelligent design gilt als eine pseudowissenschaftliche Theorie des Kreationismus. Nur – wer legt hier fest, was genau ‚wissenschaftlich‘ heißt 4)? Auch die Viele-Welten-Theorie kann man nur ‚glauben‘, auch wenn sie manchen Kosmologen mathematisch plausibel erscheinen sollte. Vielleicht kann aber noch eine andere Ansicht Plausibilität gewinnen. Eine teleologische Interpretation des AP muss nicht zwingend religiös oder kreationistisch sein, – und das AP für sich genommen hat eine Menge Plausibilität, wenn man sich die Details hinsichtlich der Feinabstimmung der Naturkonstanten 5) und der als kontingent schwer verständlichen Entstehung von Leben und Bewusstsein ansieht. Es wäre eine Teleologie zu denken, die nicht von außen als „fremder“, göttlicher Wille übergestülpt erscheint, sondern als eine Finalität, die in der unbelebten und belebten Natur selber enthalten ist.

Aristoteles hat in dieser Richtung gedacht. Er unterschied zwischen Wirkursache (causa efficiens) und Zweckursache (causa finalis), wobei sich Wirkursachen auf Handlungen und Zweckursachen auf Ereignisse beziehen, Man kann die causa finalis auch als Funktion natürlicher Gegebenheiten interpretieren. Aristoteles verankert seine Lehre von den verschiedenen Ursachen ontologisch in seiner Lehre von Substanz und Form. Daraus konnte später eine komplexe theistische Theorie der zielbestimmten Form werden, in der sich der Wille Gottes verwirklicht (→ Scholastik) oder ein lebensphilosophischer Ansatz, wie J.W. v. Goethe ihn formuliert: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Urworte Orphisch). So weit muss man nicht folgen, wie es auch mehr darum gehen sollte, Gedanken des Aristoteles als Denkanstöße aufzunehmen.

Man kann es so denken, dass die Entwicklung von Kosmos und Mensch, vom Materie und Energie, Kräften und Feldern ebenso wie von Lebensformen pflanzlicher, pilzlicher und tierischer Art bis hin zur Entwicklung von Bewusstsein (nicht nur, aber vor allem) beim Menschen einem von Anfang an bestehenden Gefälle folgt, einer Drift, einem bias, der in entgegengesetzter Richtung auch als Attraktor gelesen werden kann. Eine solche Drift muss auch nicht panpsychistisch aufgelöst werden – eine weitere vermeidbare Spekulation. Die Wirklichkeit kann durchaus in verschiedenen Seinsbereichen („Sinnfeldern“ bei Markus Gabriel) interpretiert werden, die nicht monistisch, dualistisch oder universalistisch in einer „GUT“, einer Grand Unifying Theory, zu vereinheitlichen sind. Dennoch könnte man eine solche Drift in verschiedensten Formen in den jeweiligen Seinsbereichen entdecken: energetisch in der asymmetrischen Richtung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik ebenso wie in der Ausbildung eines hochentwickelten reflexiven Bewusstsein aus früheren Stufen der anfänglichen Bewusstheit. Auch die Entstehung des Lebens wäre in dieser Sichtweise nicht einem kontingenten Ereignis des Eintrags kosmischer „Bausteine des Lebens“ und / oder einer zufälligen Emergenz zu verdanken, sondern einer Tendenz von Molekülen und Makromolekülen, sich zu eben diesen Bausteinen des Lebens aus den verschiedensten Eiweißen zusammen zu fügen. Das Datenmaterial, auf das sich die Interpretation stützt, bleibt dasselbe. Der Unterschied zur Ansicht einer zufälligen, willkürlichen Entwicklung besteht darin, dass nun dem Kosmos insgesamt eine Tendenz und Richtung zugesprochen wird, die aus den in ihm enthaltenen Möglichkeiten Notwendigkeiten werden lässt. Leben und Bewusstsein, Quantentheorie und Geistesentwicklung usw. folgen einer gemeinsamen Richtung und Linie, die zu intelligentem Leben in einer intelligiblen Welt führt.

Was nun das angestrebte Ziel betrifft, wenn von einer teleologischen Interpretation mit einer zu entfaltenden teleologischen Ontologie die Rede ist, dann wird man sehr zurückhaltend sein müssen. Nichts ist so unbekannt wie die Zukunft. Ob der Mensch in der jetzigen Form, der Kosmos in seiner heute wahrnehmbaren Gestalt und die Erkenntnis gemäß ihrer heutigen Fähigkeit und Möglichkeit bereits das Ende der Leiter sind, – ob es weitere Leitern gibt oder wir schon dabei sind, auf unserer Leiter abzustürzen, um anderen Lebensformen einen Aufstieg zu ermöglichen, ist unergründlich. Das Telos ist etwas, dem sich eine Entwicklung allenfalls asymptotisch anlehnt, vielleicht tatsächlich, ohne es je zu erreichen. Vielleicht zielt aber „alles“ auch auf das Finale, was auch immer das sein mag und das uns ebenso wenig und genau bekannt ist, wie das, was wir mit dem „Big Bang“ umschreiben. Jedenfalls bleibt eine solche teleologische Interpretation auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Datenmaterials, ohne sich dadurch apriori auf „Zufall“ oder „Materialismus“ festlegen zu lassen. Eine teleologische Beschreibung von Mensch und Kosmos ist zudem wahrscheinlich dem Alltagsverstand viel näher, als es die Abstraktion auf die Wirkung des Zufalls zum Beispiel in der Evolution verlangt.

Wer mag, kann diesen Ansatz, Wirklichkeit anders zu denken, nämlich in einer teleologischen Dynamik als notwendige Realisierung angelegter Möglichkeiten, auch als eine Wiederaufnahme Hegels verstehen. Man kann sie auch theistisch beerben und religiös weiterführen. Diese Interpretation ist in verschiedenen Hinsichten und in unterschiedlichen Richtungen anschlussfähig. Das macht aus meiner Sicht ihre Stärke aus. Ihre Plausibilität gewinnt sie allerdings nur dann, wenn einen die nicht- oder antiteleologischen Verbote nicht schrecken. 6)

 


Anmerkungen

1) Roger Penrose, Zyklen der Zeit. Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums, 2011 [zurück]

2) Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2013, S. 125: „Jedes einzelne Leben bei uns ist ein Teil des langwierigen Prozesses, in dem das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird.“ [zurück]

3) zitiert nach Wikipedia, Anthropisches Prinzip (Fassung 08-2016); vgl. dazu insgesamt Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, 2008 [zurück]

4) vgl. dazu sehr erhellend Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. Eine späte Erwiderung auf Ansgar Beckermann, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2016 / 64(1) S. 20 – 44 „Es ist also nicht so, dass keine empirischen Daten für übernatürliche Phänomene vorlägen, und daher angenommen würde, es gäbe nur „Natürliches“, sondern tatsächlich so, dass Naturalisten aufgrund ihres methodischen Apriori auf natürliche Entitäten und naturwissenschaftliche Erklärungen festgelegt sind.“ S. 26 [zurück]

5) Im Einzelnen zählen hierzu unter anderen die weder mathematisch noch physikalisch in ihren konkreten Werten abzuleitenden Größen der Lichtgeschwindigkeit, des Planckschen Wirkungsquantums und der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante 1/137, ferner das Zusammenspiel der Naturkonstanten in der sogenannten Feinabstimmung. [zurück]

6) Es wäre noch einiges Genauere zu den Modalverhältnissen zu sagen, ebenso bleiben reflexive (sog. „selbstlernende“) und fraktale Systeme unerwähnt, – vielleicht einmal an anderer Stelle. [zurück]

Apr 292016
 
Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit

Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg mehr, der sowohl wissenschaftlich begründet als auch begrifflich – theoretisch konsistent und in seinen Wahrheitsvermutungen gerechtfertigt wäre. Warum ist das so?

1. Seit die neuzeitlichen Wissenschaften wesentlich Naturwissenschaften geworden sind und der Wissenschaftsbegriff mehr oder weniger naturwissenschaftlich geprägt ist, hat ein Axiom nahezu Allgemeingültigkeit gewonnen, nämlich dass der kausal-nomologische Zusammenhang konstitutiv ist für jede Wirklichkeit. Real ist, was in einer Kette von Ursachen und Wirkungen verknüpft und daher in einem bestimmten Rahmen erklärbar und verhersagbar ist. Die notwendige Einschränkung ist deswegen erfoderlich, weil in der tatsächlichen Welt, in der wir leben, jeden Moment eine unüberschaubare Vielzahl von Ursachen wirken, die wiederum eine unübersehbare Vielzahl von Auswirkungen haben. Die von einem Individuum gewollten und geplanten Handlungen sind nur ein winziger Teil aller derzeit an einem Punkt vorhandenen Kräfte und möglichen Auswirkungen. Darum muss die Kausalkette nomologisch geordnet sein, wenn sie für den Beobachter überhaupt einen Wert haben soll. Es müssen Gesetzmäßigkeit und Regularitäten vorhanden sein, die der Kette kausaler Verknüpfungen eine Struktur, eine Ordnung geben. Solche Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund von Theorien und mittels Experimenten innerhalb überprüfbarer, kontrollierter Rahmenbedingungen festgestellt und in die mathematische Form eines Naturgesetzes gebracht. Die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktische Versuchsanordnung („Labor“) sowie das Beobachtungs- und Vollzugsprotokoll sind für das, was dann Naturgesetz genannt wird, konstitutiv. Nur in dieser speziellen Anordnung kommt der kausal-nomologische Zusammenhang der Wirklichkeit hinreichend deutlich zum Ausdruck. Zugleich bestimmt er als axiomatische Grundlage den Rahmen möglicher Ergebnisse und Erkenntnisse. Zeus‘ Donnerkeil gehört definitiv nicht dazu.

2. Es lohnt sich, noch etwas bei dem so mächtigen und wirkungsvollen Begriff des Kausalzusammenhangs zu verweilen. Ist der ‚Kausalnexus‘ selber ein Gesetz? Aber wie wäre er dann unabhängig zu überprüfen? Oder ist Kausalität ein Grundaxiom, das aus der physikalischen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit überhaupt übertragen ist? Was genau wird im Kausalnexus verknüpft? Es sind Tatsachen und Gegebenheiten, Dinge und Kräfte, Beobachter und Rahmenbedingungen, Modelle und mathematische Funktionen bzw. Relationen. Da der Beobachter immer auch Teil der Ausgangsbedingungen ist und damit die jeweilige Theorie (das vorläufige Modell) mit ihren begrifflich-symbolischen Voraussetzungen samt der daraufhin folgenden Auswertung (Interpretation) der erzielten Ergebnisse und ihre Strukturierung in einem mathematischen Formalismus zum Gesamtzusammenhang eines funktionierenden kausalen Nomologismus gehört, kann dieses Vorgehen keineswegs als reine Objektivierung und der Gegenstand der Untersuchung nicht als unabhängiges Objekt angesehen werden. Der kausal-nomologische Zusammenhang entsteht im Zusammenwirken eines intelligenten Subjekts mit bestimmten begrifflich-rationalen Voraussetzungen im Kontakt mit seiner Umwelt und den darin auftauchenden Personen, Gegenständen und Tatsachen, Kräften und Einflüssen. Auch die „Traumzeit“ der Aborigines stiftet einen solchen Zusammenhang, ist aber nicht unbedingt rational-begrifflich motiviert und auch nicht kausal-nomologisch verbunden. Noch einmal: Was ist eigentlich Kausalität? Sie ist wohl weder nur objektiv, auffindbar in der Umwelt, noch nur subjektiv als erdachte Struktur und Gesetzmäßigkeit, sondern eben beides: das Zusammenwirken des Menschen mit den Gegenständen usw. seiner Umwelt auf der Suche nach Zusammenhang, Struktur, Erklärung, Vorhersage und möglichen Handlungsoptionen. Sie ist also beschreibbar als eine differenzierte Wechselwirkung von Mensch und Welt in der Richtung, wie sie schon die vorsokratische Einsicht formuliert: Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt (Empedokles).

Red Rectangle

The star HD 44179 , Hubble, by NASA

3. Wie angedeutet gibt es durchaus Alternativen, das Dasein in der Welt in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nicht-rationale wie die „Traumzeit“ der Aborigines ist eine solche (eigentlich keine Zeit, sondern der präsente Hintergrund der erlebbaren Welt), aber auch die metaphysisch-rationalen Modelle der griechischen oder später der scholastischen Philosophie. Die Voraussetzung der Letzeren war ganz ausdrücklich der Gottesgedanke, weshalb sie sich auch zugleich und vor allem als Theologie verstand. Immerhin galt auch in der Philosophie des Aristoteles schon das Prinzip der Kausalität, nur wurde in der mittelalterlichen Philosophie der „erste Beweger“, also der Anfang der Kausalkette, mit dem christlichen Gottesgedanken identifiziert. In jedem Falle sah man mit Aristoteles eine Notwendigkeit darin, einen ersten Anfang festzusetzen, – die Vorstellung einer unendlichen und unbegrenzten Kette wurde als unvernünftig verworfen. Genau dies gilt aber heute als denkmöglich: die Unendlichkeit der Wirklichkeit ohne Anfang und Ende. Auch der „Urknall“ ist ja nicht wirklich Anfang, sondern allenfalls kosmologischer Beginn unserer aktuellen Raumzeit. Modernes Denken kann die kausal-nomologische Verknüpfung der Wirklichkeit ohne bestimmten Anfang denken, ohne den „Uhrmacher“ (der nach Dawkins eben „blind“ zu sein hat), der den Mechanismus der Welt gestaltet, angestoßen und den zeitlichen Ablauf progammiert hat. Dass dieses Denken dennoch besonders in konservativ-religiösen Kreisen viele Befürworter hat, zeigt die verbreitete Idee des „intelligent design“, noch enger gefasst im Kreationismus. Gleichwohl ist der zeitliche Ablauf in aller Realität kausal und nomologisch verknüpft: An den Naturgesetzen führt kein Weg vorbei. Dabei ist es zumindest verwunderlich, dass rational gesehen das andere Ende der Kausalkette offen und in der Theorie der Evolution (kurz gesagt) dem Zufall überlassen bleibt. So sehr in der Moderne an der „causa efficiens“ (Wirkursache nach Aristoteles) festgehalten wird, sie sogar naturalistisch als „causa materialis“ zur einzig möglichen vernünftigen Ursache erklärt wird, so sehr werden mögliche gestaltende Formen der Kausalität verworfen: keine „causa formalis“, keine „causa finalis“. Warum eigentlich? Hindert es nur der Metaphysik- oder gar Theismus-Verdacht?

4. Teleologie muss keinerlei theistische Verpflichtung einschließen. Es ist durchaus denkbar, eine kausale Verkettung als ein dynamisches System zu verstehen, das einem künftigen Zustandspunkt zustrebt. In der Theorie dynamischer Systeme (einschl. Chaostheorie) nennt man dies einen Attraktor. Thermodynamisch ist der Attraktor so etwas wie ein stabiler Zustand größten Gleichgewichts. Der Begriff Attraktor wäre zu verstehen als eine Finalität, auf die hin sich komplexe dynamische Systeme entwickeln. Kausale Verkettungen in der tatsächlichen Welt bieten schon im Blick auf ihre Herkunft (Vergangenheit) komplex-chaotische Verläufe. Einfache Kausalverbindungen lassen sich nur experimentell, das heißt in begrenzter Zeit mit restringierten Ausgangsbedingungen, eindeutig verfolgen. In der Projektion auf künftige Entwicklung hin nehmen sie die Form von Modellen an, die aufgrund definierter Ausgangsbedingungen und begrenzter zeitlicher Perspektive eine Prognose der Entwicklung errechnen, also einen zeitlich terminierten Attraktor erkennbar werden lassen. Diese Modellierung dynamischer Systeme mit prognostiziertem Attraktor ist weit verbreitet, zum Beispiel in der Klimaforschung, Bevölkerungsentwicklung, in den Gesellschaftswissenschaften usw. Die Attraktoren verändern sich je nach Definition der Ausgangsbedingungen und der Berücksichtigung begrenzter (und darum berechenbarer) Nebenfaktoren. Auch die Evolution ist insgesamt ein solches dynamisches System, allerdings von kaum übersehbarer, wahrscheinlich unendlicher Vielfalt und Komplexität, das einem unbekannten Attraktor zustrebt. Betrachtet man Modelle als einfache Fortschreibung bekannter kausal verknüpfter Ereignisse, bleibt die Prognose weitgehend ‚zufällig‘, also scheinbar ohne bestimmte Richtung. Dynamische Systeme haben aber eine Zielrichtung, die gerade auch unter nichtlinearen, chaotischen Bedingungen angenähert wird. Dreht man die Blickrichtung um, wirkt das erreichte Ziel genau als Attraktor, als Anziehungspunkt der erwarteten Entwicklung. In einer etwas gewagten Übertragung könnte man den Attraktor mit der causa finalis vergleichen. Es kommt da bei Aristoteles noch etwas Wesentliches hinzu: die causa formalis, also die formende Kraft, die eine bestimmte Struktur als Finalität entstehen lässt. Die ‚forma‘ wird meist mit der ‚idea‘  Platons gleichgesetzt, wieweit das zutrifft, sei dahin gestellt. Ich möchte diese platonische Interpretation vermeiden und den Gedanken der ‚Form‘ als eine inhärente Struktur verstehen, physikalisch zum Beispiel die Molekularstruktur, die Wasser zum dem ‚Stoff‘ macht, das es für uns ist. Der Form-Begriff lässt sich nicht nur auf physikalische Strukturen, also Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beziehen (wobei hier die ‚Realität‘ der Elementarteilchen nicht problematisiert wird), sondern auf alle Dinge dieser Welt, die ihre jeweilige Struktur, Eigendynamik und Entwicklungstendenz in sich tragen. Man mag ihre Wechselwirkungen und Zusammenhänge kausal interpretieren, zumindest sind sie dynamisch-chaotisch, was Determinismus nicht ausschließt. Der entscheidende Gedanke aber ist der, inwiefern alle Dinge (!) in ihrer strukturellen Verflechtung (‚Form‘) eine Tendenz in sich tragen, die erst vom Ende als ihr ‚Attraktor‘ erkennbar ist. Man könnte es auch den ‚bias‘ nennen, die Neigung, die auch auf dem Scheitelpunkt einer systemischen Entwicklung eine bestimmte Richtung präferiert. Im Rückblick erscheint der Verlauf stets als eindeutig determiniert. Darum kann auch gelegentlich der evolutionäre Jetzt-Zustand der Welt als ‚zwingend‘ (z.B. durch kosmische Konstanten) auf den Menschen zulaufend verstanden werden. Ob dieses „anthropische Prinzip“ nun eine überzeugende Interpretation des Sachverhalts darstellt, soll hier nicht entschieden werden. Zumindest ist es die Zuspitzung einer bestimmten ‚attraktiven‘ Perspektive. Derselbe Gedanke wird in der Metapher aufgegriffen, die Natur habe im Menschen die Augen aufgeschlagen, sei im Bewusstsein gewissermaßen zu sich selbst gekommen (vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, S. 235, siehe auch den Blog-Beitrag zu Gabriel).

5. Man sieht, es geht hier um ein heikles Thema, das heute wissenschaftlich recht verpönt ist. Das Thema „Panpsychismus“ wird allenfalls mit Fingerspitzen angefasst, wenn nicht überhaupt als verschrobener Spiritismus abgelehnt. Dass er in vielen Kulturen auch heute in der einen oder anderen Form verbreitet ist, könnte allenfalls zu denken geben. Der Begriff selber ist aus meiner Sicht unglücklich, suggeriert einen irrationalen Dualismus, den er doch gerade vermeiden will. Aber auch nur von Teleologie oder einer dynamischen Finalität zu reden, gilt nicht als wissenschaftlich ernsthaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (bekannt von „What is it like to be a bat?“; siehe auch hier im Blog) genau dieses Thema aufgreift und und sich sowohl zum Panpsychismus (ablehnend, Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 93 – 97) als auch zur Teleologie (zustimmend, a.a.O. S. 173 – 180 und öfter) äußert – mit guten Gründen. Es erscheint angezeigt, sowohl die Begriffe nomologische Kausalität als auch Teleologie und Finalität genauer zu bestimmen und konsistent zu denken. ‚Kausalität‘ ist beim näheren Zusehen ein durchaus problematischer Begriff, und formbestimmte (teleologische) Finalität ist weit weniger unvernünftig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Das soll ein weiterer Blog-Beitrag zeigen. Hier sei am Ende ein Absatz von Thomas Nagel zitiert:

Eine Form natürlicher Teleologie, ein Erklärungstyp, dessen Intelligibilität ich im vorangegangenen Kapitel kurz verteidigt habe, wäre eine Alternative zu einem Wunder – entweder im Sinne eines höchst unwahrscheinlichen Glücksfalls oder im Sinne eines göttlichen Eingreifens in die Naturordnung. Die Tendenz, dass sich Leben bildet, könnte ein Grundzug der Naturordnung sein, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird. In Anbetracht der verfügbaren Beweislage erscheint dies als eine zulässige Vermutung. Und sobald es Wesen gibt, die auf Werte reagieren können, wird die ganz andere Teleologie des intentionalen Handelns zu einem Bestandteil des geschichtlichen Bildes und führt zur Erzeugung von neuen Werten. Das Universum ist sich seiner selbst nicht nur bewusst geworden und zu sich selbst gekommen, sondern in manchen Hinsichten fähig, seinen Weg in die Zukunft zu wählen – obgleich alle drei, das Bewusstsein, das Wissen und die Wahl, über eine riesige Menge von Wesen verteilt sind, die sowohl individuell als auch kollektiv handeln. [Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 178]

 

Nov 132015
 

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu bestimmen. Das naturalistische Weltbild hat mit der Perfektion der kausalistischen Welterkenntnis und Welterklärung in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur durch die konsequente Anwendung  eines naturalistisch-materiellen Begriffs von Ursache und Wirkung und daraus folgend von kausaler Geschlossenheit der Wirklichkeit als ganzer sind die gewaltigen Erfolge und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik möglich und verständlich geworden.

Das, was ist, wird somit als ein bestimmtes Ergebnis einer Kette von Ursachen verstanden. Genaue Aussagen über die Zukunft sind dann und insofern möglich, wenn alle Ursachen, die auf etwas einwirken, bekannt sind. Pierre-Simon Laplace hat dies Prinzip präzise formuliert; es wurde als Metapher vom „Laplaceschen Dämon“ bekannt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ (1814, zitiert nach Wikipedia)

Dass die Kenntnis aller möglichen Ursachen einer Tatsache in offenen Systemen unmöglich ist (volkstümlich veranschaulicht durch den Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Sturm auslöst; den Sack Reis, der in China umfällt usw.), kann das Laplacesche Prinzip nicht widerlegen. Es gilt tatsächlich für alle Labor-Bedingungen und naturwissenschaftlichen Experimente: Die Versuchsanordnung (= geschlossenes System) soll nur exakt bestimmte Bedingungen als Ursachen zulassen und alle Nebenbedingungen (Störungen) möglichst ausschließen oder zumindest mit Hilfe von Durchschnittswerten heraus rechnen. Insofern ist das Kausalitätsprinzip das bestimmende Prinzip aller naturwissenschaftlich begründeten Forschung und Wissenschaft geworden.

Über das Entstehen wird also als Wirkungen infolge von Ursachen etwas ausgesagt. Nicht in gleicher Weise wird jedoch etwas über das Vergehen gesagt oder gewusst. Die Beendigung eines Zustandes aufgrund äußerer Störungen oder aufgrund des Wegfalls konstitutiver Bedingungen und wesentlicher Ursachen ist nicht dasselbe. Der Begriff Vergehen bezeichnet ein Geschehen, das etwas anderes ist als nur Deprivation, also das Fehlen von etwas. Das Sterben ist noch anders zu beschreiben und zu verstehen als nur als das Aufhören von etwas. Der Tod ist zwar das Ende des Lebens, aber das Sterben als Prozess eines Abnehmens und Vergehens hat noch „Aktiva“ in sich, die dann am Ende, im Tod, endgültig aufhören. Auch thermodynamisch ist wachsende Entropie durchaus ein aktiv zu verstehender und nicht bloß ein defizitärer Prozess. Die höchste Form der Entropie kann als Kulminationspunkt größtmöglicher Information verstanden werden (vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker). Interpretiert man Leben als Entropie-Aufschub, so ist Sterben sich wieder durchsetzende Entropie: Auch ‚Abnehmen‘ hat seine Ursachen, die aber umgekehrt zum Prozess des Entstehens verlaufen. Bei biologischen Systemen ist der programmierte Zelltod (Apoptose) konstitutiv. Was aber führt zum Entstehen, was zum Vergehen? Diese Frage berührt nicht nur Lebewesen, sondern ebenso bloße Materie: Was bringt die Sonne zum Erglühen und Verglühen?

Kausalität als solche hat noch keine Richtung. Sie konstruiert nur eine Verkettung von Dingen und Ereignissen in der Abfolge von Ursachen und Wirkungen. Eine Richtung kommt erst durch den Gedanken der unumkehrbaren Zeit und der Evolution hinzu. Der Evolutionsgedanke ist geradezu die Verknüpfung von Kausalität mit der gerichteten Zeit. Nun werden auch kausal verknüpfte Dinge und Sachverhalte in einer zeitlich nach „vorne“ offenen Abfolge angeordnet. Nur im Rückblick ergibt sich ein verstehbarer Zusammenhang, der als Entwicklung beschrieben werden kann. Auch diese gilt nicht nur für biologische Gegebenheiten, sondern ebenso für kosmologische Prozesse. Der Evolutionsgedanke ist zum vielleicht mächtigsten Werkzeug des Verstehens in den vergangenen hundert Jahren geworden. Der Kosmos und das Leben entwickeln sich nach allgemein gültigen Naturgesetzen von einem Keim (Urknall, Urzelle) zu hoch komplexen energetisch-materiellen bzw. bio-chemischen Zuständen, die in sich als dynamische Systeme unterschiedlicher Art beschreibbar sind. In der Biologie bestimmen Variation und Selektion den Fortgang der Entwicklung, in der Kosmologie sind es letztlich die Gesetze der Thermodynamik, welche die Richtung vorgeben. Dasjenige, was als Naturgesetz erkannt ist, liefert gewissermaßen die Regeln, nach denen kausal verknüpfte Entwicklung hier wie dort verläuft. Äußere Einflüsse und Zufälle (kontingent: nicht notwendig, aber möglich) bestimmen dabei die Entscheidungspunkte, ab denen eine Entwicklung so oder anders verlaufen kann. Ist Variabilität so etwas wie der bunte und vielfältige Bio-Baukasten der Natur, so bestimmt Selektion die konkrete Auswahl in einer gegebenen Situation. In der Kosmologie muss man dagegen von Wechselwirkungen, Überlagerungen und Potentialen sprechen, welche die (makro-) physikalischen Prozesse beeinflussen. Rückwärts gesehen ist jede Entwicklung kausal mit einem vorhergehenden Zustand verknüpft und also nachvollziehbar, sobald man alle Entwicklungsstufen kennt. Spannend sind dann die kontingenten Ereignisse, die eine Entwicklung bestimmen und in eine neue Richtung lenken. Weiterer Hypothesen bedarf es nicht, um Entwicklungen naturalistisch zu verstehen. Schon der erwähnte Simon-Pierre Laplace erklärt auf die Frage nach Gott: „Eine solche Hypothese brauche ich nicht.“

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KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe's Urworte Orphisch 1912

KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe’s Urworte Orphisch 1912

Aber ist die Geschlossenheit kausaler Verknüpfungen in einer evolutionären Abfolge, die, was die Zukunft angeht, letztlich vom Zufall bestimmt ist, wirklich überzeugend? Auch der Zufall kann immerhin noch deterministisch verstanden werden, das „Zufallsprinzip“ hat sehr unterschiedliche Aspekte. Kausale Nichterklärbarkeit muss sowohl von Unberechenbarkeit wie von Unvorhersagbarkeit begrifflich abgegrenzt werden. Andererseits rechnen Vertreter der Quantenphysik (z.B. Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall) durchaus mit dem „echten“ Zufall (Nichtvorhersagbarkeit) in einer nicht-deterministischen Welt der Quanten. Wie offen ist also die Zukunft und wie zufällig? Reichen zum Begreifen der Wirklichkeit kausale Verknüpfungen in einer evolutionär durch Variation und Selektion bestimmten biologischen Welt aus? Man darf durchaus so fragen, denn auch Theorien wie die Evolutionstheorie, das Kausalitätsprinzip, die deterministischen Naturgesetze beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, die nicht weiter ableitbar, also „axiomatisch“ sind. Diese Voraussetzungen sollen möglichst überzeugend gewählt und vernünftig nachvollziehbar sein, um zu positiven, konsistenten Ergebnissen zu gelangen. Darum noch einmal: Ist das bisherige naturwissenschaftlich begründete kausal geschlossene Weltbild überzeugend?

Der Gedanke der Entelechie kann etwas in die Diskussion einbringen, das im alltäglichen Denken und in den heutigen wissenschaftlichen Kategorien weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist zunächst die einfache Idee, dass der Wirk-Ursache auch eine Zweck-Ursache entsprechen könnte. Anders gesagt: Die Frage, worauf hin etwas geschieht, könnte ebenso erhellend und vernünftig sein wie die Frage danach, wodurch verursacht etwas geschieht. Die philosophische Verunglimpfung dieses teleologischen Gedankens („Es regnet, weil die Wiese nass werden soll – haha!“) sollte nicht davon abhalten, ihn metaphysisch erneut – und neu zu denken. Es geht um das Potential eines teleologischen Denkens, darum, geeignete Denkformen und Begriffe für eine immanente Teleologie zu finden, die neu gewonnen und weiter entwickelt werden müssen. Die Philosophiegeschichte stellt dafür zwar einiges bereit, an das man anknüpfen kann, aber das reicht gewiss nicht aus. Dennoch ist die Idee der Entelechie ein sehr spannender Gedanke. Aristoteles hat ihn gedacht in seiner Metaphysik im Zusammenhang von Akt und Potenz, Form und Substanz. Sein Gedanke spiegelt sich in Goethes „Urworte. Orphisch“: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Eine diesbezügliche Darstellung der Metaphysik des Aristoteles wäre ein eigenes, lohnendes Thema. Hier sei aber nur in einer ersten Annäherung skizziert, was mich an diesen Gedanken fasziniert.

Der aristotelische Form-Begriff wäre heute vielleicht am besten mit Struktur oder sogar System zu übersetzen, je nach Zusammenhang. Im Unterschied zur Substanz, modern gesprochen im Unterschied zum Ausgang vom Subjekt und vom Einzelding, kann der Gedanke der Form als dasjenige verstanden werden, dass etwas von vornherein nur im Zusammenhang mit anderem, nur innerhalb einer Struktur, nur aufgrund der Konstitutionsbedingungen eines Systems, womöglich sozial bestimmt innerhalb eines autopoietischen Systems (Luhmann), verstanden werden kann. Dieser Denkansatz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann, siehe Autopoiesis) ist über den Ausgangspunkt bei der „Substanz“ (dem Subjekt, dem Individuum, dem Einzelding) hinaus gegangen und ordnet das konkrete Einzelne gewissermaßen als nachrangig innerhalb der „Form“, d.h. der konstitutiven Systembeziehungen oder der Verflechtung innerhalb einer bestimmten Struktur bzw. eines Netzwerks (nodes, hubs) ein. In diesem Sinne bringt erst die „Form“ zum Vorschein, was der Gehalt, die Funktion, das Potential (idealistisch „das Wesen“) eines Etwas ist, das sich nur dem Zusammenhang des Systems, anders gesagt den strukturellen Konstitutionsbedingungen verdankt. Warum sollen solche Systeme und Strukturen, Netzwerke und Überlagerungen nur innerhalb geschlossener Kausalität denkbar sein? Vielleicht enthält das strukturierte System mit seinen Rand- und Konstitutionsbedingungen, mit seinen Verschränkungen und Überlagerungen, darum auch mit seinen Ambiguitäten und Bifurkationen selbst etwas teleologisches, also eine Art Ziel, das der Struktur inhärent ist. Hier greift kein „Geist“ von außen ein, sondern jenseits der Schranke geschlossener Kausalität öffnen sich Möglichkeiten, dass sich systemimmanente Tendenzen und Neigungen (bias) eben nicht zu jeder beliebigen, sondern zu ganz bestimmten neuen Formen weiter entwickeln. So hatten die Quantenfluktuationen unmittelbar nach dem „Urknall“ einen seltsamen Hang (Symmetriebrechung) zu einem Überwiegen der Materie vor der Antimaterie, so dass allein die Materie vorherrschend wurde.  In der biologischen Evolution finden sich viele Beispiele dafür, dass, metaphorisch gesprochen, ‚die Natur bestimmte Entwicklungen bevorzugt‘, sprich dass sich bestimmte biologische Formen (z.B. Auge) mehrfach und mit fast identischem Ergebnis heraus bildeten. Dieses sind nur Hinweise darauf, dass sich ein teleologisches Denkmodell durchaus anbieten würde, um natürliche Phänomene besser, das heißt angemessener im Blick auf die in ihnen selbst liegenden Potentiale und Wirkmöglichkeiten (wem der Begriff Zweck-Ursache zu sperrig ist) zu sehen, die zur Verwirklichung kommen / drängen? Genau darum geht es: Ob sich in der vorhandenen Wirklichkeit statt zufälliger Entwicklungen und kontingenter Entscheidungen auch eine strukturelle Zielstrebigkeit finden und denken ließe, die eben eine bestimmte Entwicklung bevorzugt oder als sachlich, d.h. der ‚Form‘ angemessenes Potential umsetzen kann. Der Begriff der Entelechie betont die Immanenz einer solchen Zielführung: Die „Form“ trägt die Gestalt der Verwirklichungen fortwährend in sich und lässt das konkrete Einzelne als eine verwirklichte Möglichkeit an der Tendenz, dem Gefälle, der Zielrichtung des gesamten Systems / der Struktur / des Netzwerkes teilhaben. Die Autopoiesis muss nicht ziellos und rekursiv gedacht werden, sondern kann durchaus auch zielgerichtet und tendenziös verstanden werden. Das Wort „Ziel“ sollte dabei mit aller Vorsicht gebraucht werden, denn es suggeriert ein klar bestimmtes ‚Endprodukt‘, wohingegen das ‚telos‘ der Entelechie selbst noch einmal als offen, als bestenfalls erkennbare Tendenz begriffen werden sollte.

Diese Tendenz aber ist mehr und anderes als Zufall, als deterministisch bestimmt und kausal begrenzt. Es kann das durchaus auch sein, aber die Möglichkeiten, die Potentiale gehen darüber hinaus. Nur an den Kipppunkten kann es deutlich werden, wo statt Zufall eine bestimmte Tendenz, eine Orientierung am Telos, wirksam und sichtbar wird. Es ist das Telos, das dem System usw. selber eigen ist, das darin nur seine Möglichkeiten realisiert und in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Eigentlich wird auch die Evolution des Lebens so viel besser verständlich, weil Variation und Selektion geradezu Paradebeispiele sein könnten dafür, wie sich Tendenzen in Alternativen und Ambiguitäten durchsetzen, als zielgerichtete Selbstorganisation der ‚Form‘ ihre ‚Substanz‘ geben. „Entstehen und Vergehen“ wird unter teleologischen Gesichtspunkten im Zusammenhang verständlich: Apoptose als gezielte Programmierung, Chancen auf systemische Erneuerung, Ermöglichung alternativer Systeme, Rekombination globaler Systeme und Strukturen usw. Zum Beispiel das nahezu vollständige Erlöschen des Lebens auf der Erde vor 485 Mio Jahren („Eisball-Erde“) und weitere nachgewiesene Massensterben während der Erdgeschichte sind dann nicht nur als deterministischer Unfall zu verstehen.  Ich finde es überraschend, wie sehr sich der Gedanke der Entelechie als anschlussfähig heraus stellt hinsichtlich heutiger philosophischer, kosmologischer, evolutionsbiologicher, systemtheoretischer und netzwerkorientierter Denkmodelle. Es scheint sich in jedem Falle zu lohnen, den Begriffen der Teleologie und Entelechie weiter nach zu spüren, um die Sache, die in diesen alten Begriffen enthalten ist, neu zu fassen und sinnvoll zum Leuchten zu bringen. Es wird ein längerer Weg sein, denn er schließt ein, einige Dogmen der bisherigen materialistisch-kausalistischen Weltanschauung über Bord zu werfen. Die Zeit könnte dafür reif sein.

Feb 162014
 

[Anthropologie]

Gelegentlich habe ich zwei Phantasien. Die eine: Was geschieht eigentlich, wenn es mit der Menschheit einmal aus und vorbei ist? Die andere hängt damit zusammen: Welche neue Verzweigung der Evolution ist vorstellbar?

Die erste Phantasie ist kein Szenario des Weltuntergangs. Ich denke da eher an Ereignisse, die sich im Verlauf der Erdgeschichte schon einige Male ereignet haben. Meteoriteneinschläge haben das Gesicht der Erde entscheidend verändert. Wir können heute einige solcher Riesenereignisse recht genau lokalisieren und datieren. Einer der größten ist der Vredefort-Krater in Südafrika, vor ca. 3 Milliarden Jahren entstanden mit mehr als 200 km Durchmesser. Die Wucht kann nicht mehr angegeben werden, doch das Ausmaß des Kraters macht eine globale Veränderung wahrscheinlich. Genaueres wissen wir vom Chicxulub-Krater in Yucatán, dessen Impact die Erde vor 65 Millionen Jahren traf. Dieser Einschlag wird mit dem Aussterben eines Großteils der Lebensformen auf der Erde, unter anderem der Dinosaurier, in Zusammenhang gebracht.

Während des Auftretens des homo sapiens hat es mehrere größere Einschläge gegeben, wie der Barringer Krater in Arizona (vor 50.000 Jahren) und der Kamil-Krater in Ägypten (vor 5000 Jahren, also in geschichtlicher Zeit) zeigen. Gut bekannt sind die Auswirkungen des vergleichsweise kleinen Tswaing-Kraters in Südafrika, dessen Einschlag zwar nur einen Durchmesser von gut 1 km hinterließ, dessen Wucht aber 1000 Hiroshima-Bomben entsprach. Dass es Meteoriteneinschläge auch in unserer Region gab, zeigt das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken. Einige Rätsel gab eine Zeit lang das Tunguska-Ereignis auf, das auf 1908 datiert wird und vermutlich den Einschlag eines mittelgroßen Asteroiden dokumentiert. Bislang ist eine Abwehr allenfalls kleinerer Asteroiden denkbar. Gegenüber größeren Meteoriten und anderen planetarischen Ereignissen dagegen sind wir auf absehbare Zeit hin hilflos.

Auf ganz andere umwälzende Ereignisse der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens weist die „Kambrische Explosion“ vor 540 Millionen Jahren hin. Damals entstanden die Grundformen des höher entwickelten Lebens, wie es sie bis heute gibt. Die Auslöser für diese Entwicklung sind unbekannt, aber es werden globale Ereignisse vermutet wie eine plötzliche Erwärmung, nachdem für Jahrmillionen die Erde durch eine veränderte Umlaufbahn fast komplett vereist war (Theorie der „Schneeball-Erde“). Es gibt noch mehr solcher Großereignisse, die die Entwicklung der Erde und des Lebens ermöglicht, verändert und umgelenkt haben. Man kann das alles ausgiebig nachlesen, Wikipedia bietet einen guten Einstieg dafür. Es sind Tatsachen, die geschehen sind.

Kurzes Fazit: Es kann jederzeit wieder passieren. Dass während der vergleichsweise kurzen Periode des Auftretens des modernen Menschen (homo sapiens) vor rund 2 Millionen Jahren kein planetarisches Großereignis aufgetreten ist, will nichts heißen; es ist Zufall. Erst aus menschlicher Sicht kann man solche Ereignisse auch Katastrophen nennen, ebenso wie die Erdbeben und Vulkanausbrüche, weil sie für den Menschen katastrophale Auswirkungen haben. Das muss nicht im selben Sinne für andere Lebensformen und für die Erde als Ganzes gelten. Wie heißt es bezüglich des Kapitalismus? „Destruktive Kraft der Erneuerung“ oder „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) – genau so darf man sich auch globale Naturereignisse aus neutraler Warte vorstellen. Hinzu kommt, dass eine solche Riesenkatastrophe die Welt in einer sehr ungünstigen Lage treffen würde, nämlich einer solchen, die man beim Ackerbau „Monokultur“ nennt. Die globale Welt der Wirtschaft und der Technik ist tatsächlich eine einzige anthropozentrische Monokultur geworden mit entsprechender Einseitigkeit, Verletzlichkeit und begrenzter Fähigkeit, sich biologisch aus sich selbst heraus durch alternative Entwicklungen erneuern zu können. Um den Menschen herum ist es einsam geworden, wie das Artensterben belegt. Es gibt neben dem Menschen keine Alternativen des höher entwickelten Lebens.

Oder doch? Das führt mich zu der zweiten Phantasie. Was wäre, wenn wir etwas weniger anthropozentrisch denken und etwas mehr die alternativen Potentiale intelligenter Entwicklungen auf der Erde beachten und erforschen würden? Zumindest die Tierwelt hat da einiges an Überraschungen bereit – und was wissen wir schon von der Welt der Pflanzen und ihrer Überlebensstrategien? Während langer Epochen der Kulturgeschichte waren die Tiere zwar als andere und eigentümliche, aber nicht unbedingt als geringer wertige Lebewesen gegenüber dem Menschen anerkannt und darum auch natürlich (!) als beseelt gedacht (Aristoteles). Das änderte sich spätestens in der abendländischen Neuzeit. Jetzt wurde tierisches Leben allenfalls als mechanischer Automatismus erkannt, weil ihnen ja der Geist fehle. Darum konnte Descartes Tiere auch als biologische Maschinen auf die Seite der „ausgedehnten Sachen“ stellen, was bis heute Auswirkungen auf Tierhaltung, Tierversuche und auf die Rechtsprechnung hat. Erst sehr allmählich führt eine Diskussion über die Ethik der Tiere zu einem vorsichtigen Umdenken, das den Tieren eigene Würde und eigenes kreatürliches Recht zubilligen möchte. Von einer Würdigung der Tiere als gleichwertige hoch entwickelte Lebewesen sind wir noch weit entfernt. Gleichwertigkeit schließt übrigens Tötung und Verzehr nicht aus, wie die Jagdkultur vieler alter Völker beweist. [Nebenbemerkung: gerade Vegetarier und vor allem Veganer („alles was ein Gesicht hat“) vermenschlichen Tiere und vereinnahmen sie damit für die eigene Ideologie.] Es schlösse aber wohl fabrikmäßige Zucht und Schlachtung aus. Ethik der Tiere – in eigenes wichtiges Thema.

Die Verhaltensforschung, Neurobiologie und Intelligenzforschung haben in den vergangenen Jahrzehnten immer öfter Entdeckungen bei Tieren gemacht, die unser bisheriges Urteil über fehlende Intelligenz bei vielen Tierarten erheblich infrage stellen. Abgesehen davon, dass der Maßstab „Intelligenz“ durch und durch anthropogen definiert ist, findet man heute bei Walen, Delfinen, Kraken, einigen Primaten und verschiedenen Vögeln (Raben, Papageien) eine ausgeprägte Intelligenz vor, die zwar verschieden von unserer eigenen Intelligenz ist, aber ihr durchaus evolutionär nahe kommt. Sogar die Frage des Selbstbewusstseins lässt sich bei bestimmten Tieren nicht mehr ohne Weiteres verneinen. Verhaltensexperimente beweisen, dass einzelne Schimpansen und übrigens auch Rabenvögel ein intelligentes ’selbstbewusstes‘ Verhalten zeigen, das dem von 3 – 4 jährigen Kindern gleicht (z. B. Täuschen, sich in den anderen Hineinversetzen, Strategien entwickeln). Auch die Frage nach der Sprachfähigkeit der Tiere (Wale, bestimmte Affenarten) muss neu gestellt werden, nachdem tierische Laute bei einigen Arten als differenzierte Mitteilungen und soziale Verständigungsmuster erkannt wurden. Wenn Sprache als Voraussetzung des Denkens betrachtet wird (Lingualismus), dann müsste man einigen Tieren bzw. Tierarten eine begrenzte Denkfähigkeit bescheinigen, die strukturell und potentiell der menschlichen Denkfähigkeit nahe steht.

Potentiell – damit meine ich: Was wäre da evolutionär alles vorstellbar, wenn man einmal vom Menschen absieht? Welche Tierarten könnten das Erbe der Menschheit in der Geschichte der Evolution antreten, wenn es den Menschen zum Beispiel durch eigenes Zutun (Seuchen, Klimaveränderung, Gen-Unfälle) eines Tages nicht mehr oder nur noch in marginalen Restpopulationen gibt? Auch Technik könnte dann verloren und Wissen untergegangen sein. „Schöpferische Zerstörung“ könnte eine andere Spezies zur Blüte bringen, die Erde also einen weiteren Anlauf für die Entwicklung neuer Lebens- und Organisationsformen nehmen. Es ist vorstellbar, man kann darüber phantasieren. Zumindest veranlasst mich ein solches Überlegen, sehr viel stärker nach den bisher unentdeckten und nicht wahrgenommenen, geschweige denn gewürdigten Möglichkeiten (Potentialen) der jetzt schon gegebenen und vorhandenen Lebensformen, Arten und Anlagen zu suchen. Es wäre ein Konzept des Fragens und Forschens, das den anthropozentrischen Rahmen als zu eng verlässt. Vielleicht liegt es ja schon in der Natur der Dinge, immer wieder andere Möglichkeiten in sich zu tragen, die entfaltet werden können, also schon an sich selber ein Potential zu besitzen, das Weiterentwicklungen und Alternativen bereit hält. Konvergenzen hat es in der Evolution immer gegeben, und Umformungen und neue Ausprägungen ebenfalls. Der Gedanke der ontologischen Teleologie (Prozess-Ontologie) macht es mir leichter, solche Phantasien durchaus als Denk-Alternativen zu begreifen. Vielleicht bringt einen ja doch unsere Phantasie weiter als die naturgegebene „schöpferische Zerstörung“.