Mrz 032017
 

Von welcher Wahrheit reden wir, wenn wir in der Philosophie von Wahrheit sprechen? Was meint Klarheit (Konsistenz), wenn wir unser Augenmerk auf begründete Argumente richten? Will man in seiner Denk- und Redeweise Konfusion vermeiden, ist es doch ganz einfach:

Mit einem Gedanken sagen wir, was sich klar sagen lässt; wir behaupten etwas über einen (tatsächlichen oder möglichen) Sachverhalt in der Welt, äußern eine Überzeugung, die sich auf etwas bezieht, das in der Welt der Fall ist oder der Fall sein könnte. Eine solche Überzeugung kann wahr oder falsch sein; wir selbst und die Adressaten unserer Äußerungen können erkennen, unter welchen Bedingungen sie wahr oder falsch ist. Eine in sich widersprüchliche Meinung ist hingegen kein wahrheits-definites Element des logischen Raums der Gründe; sie bezieht sich genau genommen auf nichts, was in der Welt der Fall ist oder der Fall sein könnte, und so können wir selbst und andere niemals wissen, unter welchen Bedingungen sie wahr oder falsch ist. Sie ist ein logisch-semantisches Phantom.

Freilich wollen wir wissen, was in der Welt der Fall ist oder der Fall sein könnte, wollen verstehen können, was wir selbst und andere über die (tatsächliche oder mögliche) Welt sagen, wollen prüfen können, ob eine Überzeugung wahr oder falsch ist. Dieser Wunsch entspringt unserer epistemischen Autonomie, unserer gedanklichen Selbstbestimmung. Deshalb beeinträchtigt eine Inkonsistenz unserer Überzeugungen unsere gedankliche Klarheit und gefährdet unsere epistemische Autonomie, und deshalb sollten wir Inkonsistenzen schon aus Eigeninteresse vermeiden respektive überwinden und nach Konsistenz streben. [Jörg Hardy, Christoph Schamberger, Gibt es eine universale philosophische Methode? DZPhil 2015; 63(4): 644–669]

Das längere Zitat entstammt einem im Übrigen guten und „klaren“ Aufsatz darüber, wie Philosophie arbeitet. Die Textpassage steht dort im letzten Abschnitt über „Metaphilosophische Probleme: Wahrheit und Wahrmacher.“ Mir blieb sie im Gedächtnis, weil dort ganz unabhängig von dem thematischen Zusammenhang des Aufsatzes etwas ausgesagt wird, was ein hohes Maß an Zustimmung finden dürfte, weil es in seiner Allgemeinheit so etwas wie Allgemeingültigkeit aufzuweisen scheint. Nimmt man noch den wenig vorher und ebenso oft in der Literatur zitierten Satz des Aristoteles hinzu, „dass nämlich dasselbe demselben in derselben Beziehung […] unmöglich zugleich zukommen und nicht zukommen kann“, dann haben wir mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten bzw. Widerspruch ein Grundprinzip klarer und eindeutiger Rede benannt. Und sollte philosophisches Argumentieren, mit welchen Absichten und mit welchem Theorierahmen auch immer, nicht dem Gebot der Klarheit und Wahrheit und Widerspruchsfreiheit ganz selbstverständlich verpflichtet sein? Selbst im alltäglichen Sprechen erwarten wir von den Gesprächspartnern neben Aufmerksamkeit zumindest Klarheit und Eindeutigkeit ihrer Rede.

Aber – da muss ich schon zögern. Stimmt das denn im Alltag? Oft müssen Unklarheiten durch Nachfragen geklärt werden, weil vielleicht der Bezug für den Gesprächspartner gerade nicht klar ist oder Inhalt und Absicht eines Gesprächsanfangs verborgen bleiben (Wovon redest du gerade? Was meinst du damit? Worauf willst du hinaus?) Wird nicht nachgefragt, bleiben mögliche Missverständnisse bestehen, die sich erst durch einen weiteren Satz aufklären (Ach, du redest von unserem Hund?). Wir drücken uns im Alltag meist nicht ‚kurz, knapp und präzise‘ aus, um von vornherein eindeutig zu sein und jedes Missverständnis auszuschließen, sondern oft eher ungenau, mit unklarem Bezug, oder lassen den Gegenstand, um den es gehen soll, absichtlich noch ganz und gar offen (Schatz, wir müssen reden…). Alltagsgespräche, die durchweg von logischer Klarheit, deutlichem Sachbezug und unmissverständlicher Einfachheit gekennzeichnet sind, gibt es praktisch nicht. Nicht dass wir uns darum, also um Klarheit und Wahrheit, nicht bemühen wollten oder sollten, – das kann schon sein, aber der Grund für die alltägliche Unklarheit und Uneindeutigkeit liegt nicht im Mangel unserer Sprechweise begründet, sondern darin, dass der Alltag nicht einfach, klar und eindeutig ist. Die Alltagswelt ist es, die sich so unklar, unscharf und bisweilen verschwommen zeigt. Ihre Wirklichkeit ist weniger durch klare Grenzen, harte Kanten und scharfe Konturen gekennzeichnet als vielmehr, um in diesem grafischen Bild zu bleiben, von fließenden Übergängen, verschmierten Linien, sich dehnenden und überlappenden Formen. Kurz, in unserem Alltag erleben wir die Welt mehrdeutig, vieldimensional, widersprüchlich, verschwommen, überlagert von divergierenden Tendenzen und eingetaucht in vielfältige Einflüsse – genau so wie wir uns selbst als Personen in von Augenblick zu Augenblick wechselnden Aufmerksamkeitsebenen, Gedankenassoziationen, Gefühlswelten, Einfällen, Geistesblitzen und Interessenkollisionen befinden – oder eben nur müde sind und gar nichts mehr ‚richtig mitkriegen‘. Darum ist auch unser alltägliches Reden alles andere als klar und eindeutig, schon allein deswegen nicht, weil es stets auf mehreren Ebenen zugleich verläuft.

Kandinsky

Wassily Kandinsky: Ohne Titel, Bleistift, Aquarell und Tusche auf Papier (c) wikimedia

Wenn es sich mit den Erfahrungen, Befindlichkeiten, Stimmungen, Absichten usw. im Alltag so verhält – und uns beispielsweise die Psychologie darüber recht erschöpfend Auskunft geben kann – , wie sollte dies nicht Auswirkungen haben auf das, was wir philosophisch sagen oder sagen wollen? Wenn aber nicht nur im Blick auf unsere Wahrnehmungen, Gemütszustände und Befindlichkeiten, sondern ebenso in Hinsicht auf unsere alltägliche Welt viel mehr Unklarheit als Klarheit, vielfache Dimensionen und Grautöne statt schwarz-weiß, vielfach und vielfältig Uneindeutiges herrscht, wie sollte davon nicht auch das philosophische Reden und seine ‚Sache‘ betroffen sein? Denn es geht darin doch ebenfalls um unsere Welterfahrung, wie die Welt beschaffen ist, wie darin Erkenntnis und Wissen gewonnen werden können, was es mit Möglichkeit, Notwendigkeit, Zufälligkeit auf sich hat, wofür es gute Gründe gibt und wie diese beschaffen sein müssen, wie Handlungen beurteilt werden können und noch vieles mehr. Wie ist es aber, wenn der oben zitierte Satz so gar nicht stimmt: „Eine in sich widersprüchliche Meinung ist hingegen kein wahrheitsdefinites Element des logischen Raums der Gründe; sie bezieht sich genau genommen auf nichts, was in der Welt der Fall ist oder der Fall sein könnte…“ Wenn es nun aber genau so wäre, dass vieles, wenn nicht alles, was der Fall ist, keineswegs eindeutig bestimmbar ist und demnach auch keine widerspruchsfreien Meinungen im logischen Raum der Gründe auf sie Bezug nehmen können? Wenn die Welt und alles, was in ihr der Fall ist und gemeint und gedacht wird, niemals wirklich eindeutig sein kann, weil es gar keine derartige Welt gibt, auf die man sich widerspruchsfrei beziehen könnte? Dann wäre dasjenige, was als widerspruchsfrei gedacht werden kann, nur wahr und eindeutig bestimmbar in Bezug auf Modelle, auf Abstraktionen von dem, was wirklich der Fall ist, also gewissermaßen Aussagen und Meinungen unter (logisch-semantischen) Laborbedingungen, die nur ein vereinfachtes, widerspruchsfrei modelliertes Abbild der tatsächlichen Welt und ihrer Dinge und Fälle wären. Philosophie ist auch dann, unter solchen eingeschränkten Weltbedingungen wichtig und zu konsistenter Sprechweise und zu kohärenten Theorien verpflichtet, aber es müsste dabei klar sein, dass es sich mit philosophischer Redeweise und Theoriebildung nicht viel anders verhält als mit den scheinbar so unverrückbar gegebenen Naturgesetzen, die als solche eben auch nur unter strengen Bedingungen, nennen wir es Laborbedingungen, erkennbar und nachprüfbar und damit eindeutig zu bewahrheiten sind.

Die tatsächliche Welt aber ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt, widersprüchlich, vieldeutig, vielschichtig, ambivalent. Ihre Ambiguität ist geradezu ihr Wesensmerkmal: Dass etwas so und zugleich – in anderer Hinsicht, auf einer anderen Ebene, unter anderer Perspektive usw. – auch ganz anders ist, ohne dass dies als ein Widerspruch aufzulösen wäre. Genau so ‚ist es der Fall‘. Ambiguität ist dabei auch noch schwebender als Ambivalenz, die doch oft mit einer bestimmten Tendenz auftritt, also zu einer Eindeutigkeit zumindest strebt. Auch das ist häufig der Fall. Doch unsere Welt ist viel mehr geprägt von Ambiguitäten, von gleichzeitigen Seins- und Bedeutungsunterschieden, die sich gerade nicht in eine bestimmte Richtung auflösen lassen. Die Parallelität dieser Unschärfe zu quantenphysikalischen Phänomenen ist ganz bestimmt kein Zufall. Darum ist auch, um das berühmte Beispiel Freges zu bemühen, der Abendstern eben nicht der Morgenstern, und es sind beide auch nicht verschiedene Weisen des Gegebenseins des Planeten Venus. Letzteres ist eine astronomische Abstraktion. Ein Gedicht über den Abendstern oder ein Lied über den aufgehenden Morgenstern beziehen sich auf Dinge, die ganz und gar unterschiedlich der Fall sind. Vielleicht ist das beste Beispiel für Ambiguität der vieldiskutierte Leib-Seele-Dualismus oder, wie man heute formuliert, das Verhältnis von physischen und mentalen Phänomenen. Dualismus bedeutete bestenfalls so etwas wie Ambivalenz, die zu einer Seite hin – heute der neurologischen – aufzulösen wäre. Ambiguitäten lassen sich nicht auflösen. In ihnen stellt sich die Komplexität, Vieldimensionalität und Uneindeutigkeit einer Welt dar, in der alltäglich zu leben und uns zu bewegen wir homines sapientes wunderbar gelernt haben. Der eindeutige Raum der Gründe und der eindeutigen Bezugnahmen auf das, was klarerweise der Fall sein kann, ist nur eine Abstraktion, eine der wissenschaftlichen Methode geschuldete Vereinfachung bzw. Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen. Da ist dann Wahrheit und Klarheit der Fälle, Gegebenheiten und der Gründe zu suchen und zu finden – wie beim Öffnen der Box, in der tot oder lebendig Schrödingers Katze hockt. Es ist aber nicht die Eindeutigkeit der wirklichen Welt, sondern nur die ‚Wahrheit‘ ihres philosophischen Abbildes.

Sind es die Abstraktionen im Theorie-Labor, die überhaupt erst Eindeutigkeit erzeugen, dann ist die gesuchte Wahrheit und Klarheit eine solche, die unter ganz bestimmten Bedingungen steht und nur innerhalb dieser Grenzen erkennbar und eindeutig, widerspruchsfrei bestimmbar ist. Die Lebenswelt selbst bleibt vielschichtig verwoben und wird vielleicht viel eher in der Kunst und Religion zugänglich sein als im ‚Raum der Gründe‘. In jenen Bereichen lassen sich „Inkonsistenzen“ nicht vermeiden, sie gehören vielmehr zur Welt, wie sie für uns da ist.