Apr 132014
 

[Religion]

Der Münchener liberale Theologe Friedrich Wilhelm Graf trägt in seinem gerade erschienenen Buch „Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird“ (2014) reichlich empirisches Material und sein geballtes interpretatives Wissen zusammen. Dabei geht er wie schon in seinen früheren Büchern davon aus, dass die bislang oft vertretene These einer Entkirchlichung oder gar Entchristlichung Europas durch die „Säkularisierung“ und Modernisierungsschübe in westlichen Gesellschaften einer empirischen Nachprüfung in keiner Weise stand hält. Statt dessen spricht Graf von „Prozessen der religiösen Globalisierung“, die religiöse Vielfalt und Dynamik im 21. Jahrhundert angemessener beschreiben können.

„Insgesamt gilt allerdings: Dank intensiver Forschung haben sich in den letzten dreißig Jahren zwar viele vermeintlich gesicherte Plausibilitäten in stimulierende Ungewissheiten auflösen lassen. Doch selbst zentrale Forschungsterrains sind erst in vagen Umrissen vermessen.“ (S. 37)

Ebenso wie die sog. „Säkularisierungsthese“ obsolet geworden ist, müsste aus meiner Sicht ein weiteres beliebtes und verbreitetes Deutungsmuster religiöser Dynamik überprüft werden: Das der Sinnstiftung und Vermittlung von Werten bzw. Wertorientierung. Sowohl in religionssoziologischen Panels (Shell-Studien; Prognos-Erhebungen) als auch in kulturwissenschaftlichen Diskussionen spielt die Religion als „wichtige Ressource individueller wie kollektiver Identitäts- und Sinnbildung“ (Graf) eine große Rolle. Diese Aussage gilt es erst noch zu validieren. Ich vermute, bezogen auf das Individuum wird sie sich erhärten lassen, bezogen auf gesamtgesellschaftliche „kollektive“ Werte eher nicht.

Es ist ein häufig verwandtes Argument insbesondere der Kirchen, sie allein stünden da als Garanten einer sittlichen und (neuerdings auch) humanitären Werteordnung. Dabei speisen sich die heute verbreiteten Wertvorstellungen aus vielerlei Quellen, darunter hierzulande auch aus der christlichen Tradition. Wo und wie die am meisten Zustimmung findenden Wertvorstellungen [Welche sind das überhaupt? Familie? Solidarität, Nächstenliebe? …?] begründet und verankert sind, wäre erst noch empirisch zu erheben und auf ihre Tragweite sowie auf regionale Unterschiede hin zu untersuchen. Ich bezweifle, dass es in freiheitlichen Gesellschaften so etwas wie allgemein gültige oder gar allgemein verbindliche Wertvorstellungen überhaupt gibt, außer man beschränkt sich auf genauere milieu- und altersbezogene Gruppen. Pluralistische Gesellschaften beinhalten eo ipso plurale Werte und Normen, die ihre Grenzen finden im grundgesetzlichen Rahmen. Wenn darüber hinaus „allgemeine Werte“ beschrieben werden, dann sind sie entweder derart allgemein („Humanität“), dass sie kaum handlungsorientierend sein können. Oder sie sind es als handlungsrelevante Werte, dann werden sie sehr viel konkreter und nur eingeschränkt gültig sein für einen klar umrissenen Adressatenkreis. Angesichts der vielfältigen und zum Teil divergenten kirchlichen Milieus werden sogar allgemein christliche Werte („Nächstenliebe“) schwer inhaltlich bestimmbar sein, wenn man von Allgemeinplätzen oder offiziellen Verlautbarungen der Amtskirche(n) absieht.

Es bleibt allein der Bereich individueller Sinnstiftung und gruppenspezifischer Wertorientierung. Darin werden Religionen ihr ganzes Potential entfalten können. Denn hier sind weniger theoretische, bildungsorientierte Wertekategorien als vielmehr persönliche, handlungsregulierende Muster gefragt. Sie gehen Hand in Hand mit individuell als verpflichtend erfahrener Sinnstiftung. Dabei geht es in erster Linie – ich behaupte einmal: immer und überall – um Grundfragen und Ursituationen menschlicher Existenz: Warum leide ich? Woher kommt das Leid? Warum bin ich ungeliebt / gehasst? Warum geht es dem Nächsten („Schweinehund“) so gut und mir so schlecht? Wozu lebe ich? Was ist mit dem Tod? Wo bin ich nach meinem Tod? Wo / bei wem finde ich Trost und Geborgenheit? Nur als praktische Antworten darauf und als konkretes Angebot von integrierenden Riten, Verhaltens- und Lebensmustern können in diesem individuellen Feld Religionen ihre Lebendigkeit entwickeln. Diese religiösen Wert- und Verhaltensmuster können dann natürlich in eine Gemeinschaft Gleichgesinnter (religiöse Gruppe, Gemeinde etc.) eingebettet und dort in einer kultisch geprägten, gemeinschaftlich normierten Orientierungs- und Sinnerfahrung gelebt werden. Vielleicht kann man sagen, dass die Relevanz religiöser (gemeinschaftlicher) Daseinsformen für individuelle Lebensbewältigung und Sinnstiftung in dem Maße wächst, wie allgemein anerkannte und verbindliche kollektive Wertsysteme an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren bzw. durch den „Markt religiöser Lebensformen“ ersetzt werden. Welche Abrgrenzungsprobleme sich in der Folge daraus ergeben (Graf gebraucht den Terminus „Distiktionskämpfe“), wäre unter Berücksichtigung des Gewaltpotentials von Religion noch eigens zu thematisieren.

Dieser Befund wird in agrar-katholischen Regionen (Bayern) natürlich noch anders aufzuweisen und zu bewerten sein als in multikulturellen und multireligiösen Ballungsräumen (Berlin, Hamburg, Frankfurt, Rhein-Ruhr). Die wachsende religiöse Vielfalt als Angebot für individuelle Lebensorientierung macht allerdings auch vor ländlich-touristischen Regionen wie dem Allgäu nicht Halt, wenn man auf die große Zahl buddhistischer, anthroposophischer und freireligiöser Gruppen und Gemeinden schaut. Hinzu kommen die unterschiedlichen Moscheegemeinden. Dies Beispiel mag zeigen, wie wichtig und fruchtbar eine genaue empirische Erhebung der jeweils regionalen Religions-Topografie sein kann. Graf weist zu Recht auf die erstaunlichen Ergebnisse und noch weitgehend unausgeschöpften Untersuchungsfelder der Religionsgeographie hin.

Die Destruktion überlieferter, aber überholter Deutungs- und Erklärungsmodelle religionssoziologischer und kulturwissenschaftlicher Befunde weitet den Blick für neue Fragestellung und neue Felder empirischer Forschung. Religion heute kommt dabei als ein äußerst virulentes (virales?!) und vielgestaltiges Phänomen in den Blick, das sich in eine kaum überschaubare Vielzahl verschiedener religiöser und kultureller Prozesse differenziert und das sich auf den unterschiedlichsten Ebenen individuellen und gesellschaftlichen Lebens artikuliert. Religionswissenschaftliche Forschung auf empirischer Grundlage könnte dabei eine Art Leitfunktion für die Erkenntnis gesellschaftlicher und soziokultureller Entwicklungen und Trends darstellen. Jedenfalls sind die darin zu Tage tretenden Ergebnisse bisher schon spannend und aufschlussreich. Dass Friedrich Wilhelm Graf gerade auch dafür den Blick öffnet, macht das Buch lesenswert.

Nachtrag:

Ein feines Zitat aus Graf (s.o.), das sich als Überschrift für die aktuelle religionswissenschaftlicher Arbeit eignet:

Religiöse Deutungskulturen sind weder essentialistische Einheiten noch substantielle Gegebenheiten, die als mehr oder minder autark vorgestellt werden können. Sie existieren nur in permanenten Prozessen der aktualisierenden Auslegung überlieferter Mythen, Zeichen, Riten und Sinnwelten. Religiöse Symbolsprachen bilden extrem interpretationsoffene variationsreiche kulturelle Deutungssysteme…