Nov 132015
 

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu bestimmen. Das naturalistische Weltbild hat mit der Perfektion der kausalistischen Welterkenntnis und Welterklärung in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur durch die konsequente Anwendung  eines naturalistisch-materiellen Begriffs von Ursache und Wirkung und daraus folgend von kausaler Geschlossenheit der Wirklichkeit als ganzer sind die gewaltigen Erfolge und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik möglich und verständlich geworden.

Das, was ist, wird somit als ein bestimmtes Ergebnis einer Kette von Ursachen verstanden. Genaue Aussagen über die Zukunft sind dann und insofern möglich, wenn alle Ursachen, die auf etwas einwirken, bekannt sind. Pierre-Simon Laplace hat dies Prinzip präzise formuliert; es wurde als Metapher vom „Laplaceschen Dämon“ bekannt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ (1814, zitiert nach Wikipedia)

Dass die Kenntnis aller möglichen Ursachen einer Tatsache in offenen Systemen unmöglich ist (volkstümlich veranschaulicht durch den Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Sturm auslöst; den Sack Reis, der in China umfällt usw.), kann das Laplacesche Prinzip nicht widerlegen. Es gilt tatsächlich für alle Labor-Bedingungen und naturwissenschaftlichen Experimente: Die Versuchsanordnung (= geschlossenes System) soll nur exakt bestimmte Bedingungen als Ursachen zulassen und alle Nebenbedingungen (Störungen) möglichst ausschließen oder zumindest mit Hilfe von Durchschnittswerten heraus rechnen. Insofern ist das Kausalitätsprinzip das bestimmende Prinzip aller naturwissenschaftlich begründeten Forschung und Wissenschaft geworden.

Über das Entstehen wird also als Wirkungen infolge von Ursachen etwas ausgesagt. Nicht in gleicher Weise wird jedoch etwas über das Vergehen gesagt oder gewusst. Die Beendigung eines Zustandes aufgrund äußerer Störungen oder aufgrund des Wegfalls konstitutiver Bedingungen und wesentlicher Ursachen ist nicht dasselbe. Der Begriff Vergehen bezeichnet ein Geschehen, das etwas anderes ist als nur Deprivation, also das Fehlen von etwas. Das Sterben ist noch anders zu beschreiben und zu verstehen als nur als das Aufhören von etwas. Der Tod ist zwar das Ende des Lebens, aber das Sterben als Prozess eines Abnehmens und Vergehens hat noch „Aktiva“ in sich, die dann am Ende, im Tod, endgültig aufhören. Auch thermodynamisch ist wachsende Entropie durchaus ein aktiv zu verstehender und nicht bloß ein defizitärer Prozess. Die höchste Form der Entropie kann als Kulminationspunkt größtmöglicher Information verstanden werden (vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker). Interpretiert man Leben als Entropie-Aufschub, so ist Sterben sich wieder durchsetzende Entropie: Auch ‚Abnehmen‘ hat seine Ursachen, die aber umgekehrt zum Prozess des Entstehens verlaufen. Bei biologischen Systemen ist der programmierte Zelltod (Apoptose) konstitutiv. Was aber führt zum Entstehen, was zum Vergehen? Diese Frage berührt nicht nur Lebewesen, sondern ebenso bloße Materie: Was bringt die Sonne zum Erglühen und Verglühen?

Kausalität als solche hat noch keine Richtung. Sie konstruiert nur eine Verkettung von Dingen und Ereignissen in der Abfolge von Ursachen und Wirkungen. Eine Richtung kommt erst durch den Gedanken der unumkehrbaren Zeit und der Evolution hinzu. Der Evolutionsgedanke ist geradezu die Verknüpfung von Kausalität mit der gerichteten Zeit. Nun werden auch kausal verknüpfte Dinge und Sachverhalte in einer zeitlich nach „vorne“ offenen Abfolge angeordnet. Nur im Rückblick ergibt sich ein verstehbarer Zusammenhang, der als Entwicklung beschrieben werden kann. Auch diese gilt nicht nur für biologische Gegebenheiten, sondern ebenso für kosmologische Prozesse. Der Evolutionsgedanke ist zum vielleicht mächtigsten Werkzeug des Verstehens in den vergangenen hundert Jahren geworden. Der Kosmos und das Leben entwickeln sich nach allgemein gültigen Naturgesetzen von einem Keim (Urknall, Urzelle) zu hoch komplexen energetisch-materiellen bzw. bio-chemischen Zuständen, die in sich als dynamische Systeme unterschiedlicher Art beschreibbar sind. In der Biologie bestimmen Variation und Selektion den Fortgang der Entwicklung, in der Kosmologie sind es letztlich die Gesetze der Thermodynamik, welche die Richtung vorgeben. Dasjenige, was als Naturgesetz erkannt ist, liefert gewissermaßen die Regeln, nach denen kausal verknüpfte Entwicklung hier wie dort verläuft. Äußere Einflüsse und Zufälle (kontingent: nicht notwendig, aber möglich) bestimmen dabei die Entscheidungspunkte, ab denen eine Entwicklung so oder anders verlaufen kann. Ist Variabilität so etwas wie der bunte und vielfältige Bio-Baukasten der Natur, so bestimmt Selektion die konkrete Auswahl in einer gegebenen Situation. In der Kosmologie muss man dagegen von Wechselwirkungen, Überlagerungen und Potentialen sprechen, welche die (makro-) physikalischen Prozesse beeinflussen. Rückwärts gesehen ist jede Entwicklung kausal mit einem vorhergehenden Zustand verknüpft und also nachvollziehbar, sobald man alle Entwicklungsstufen kennt. Spannend sind dann die kontingenten Ereignisse, die eine Entwicklung bestimmen und in eine neue Richtung lenken. Weiterer Hypothesen bedarf es nicht, um Entwicklungen naturalistisch zu verstehen. Schon der erwähnte Simon-Pierre Laplace erklärt auf die Frage nach Gott: „Eine solche Hypothese brauche ich nicht.“

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KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe's Urworte Orphisch 1912

KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe’s Urworte Orphisch 1912

Aber ist die Geschlossenheit kausaler Verknüpfungen in einer evolutionären Abfolge, die, was die Zukunft angeht, letztlich vom Zufall bestimmt ist, wirklich überzeugend? Auch der Zufall kann immerhin noch deterministisch verstanden werden, das „Zufallsprinzip“ hat sehr unterschiedliche Aspekte. Kausale Nichterklärbarkeit muss sowohl von Unberechenbarkeit wie von Unvorhersagbarkeit begrifflich abgegrenzt werden. Andererseits rechnen Vertreter der Quantenphysik (z.B. Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall) durchaus mit dem „echten“ Zufall (Nichtvorhersagbarkeit) in einer nicht-deterministischen Welt der Quanten. Wie offen ist also die Zukunft und wie zufällig? Reichen zum Begreifen der Wirklichkeit kausale Verknüpfungen in einer evolutionär durch Variation und Selektion bestimmten biologischen Welt aus? Man darf durchaus so fragen, denn auch Theorien wie die Evolutionstheorie, das Kausalitätsprinzip, die deterministischen Naturgesetze beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, die nicht weiter ableitbar, also „axiomatisch“ sind. Diese Voraussetzungen sollen möglichst überzeugend gewählt und vernünftig nachvollziehbar sein, um zu positiven, konsistenten Ergebnissen zu gelangen. Darum noch einmal: Ist das bisherige naturwissenschaftlich begründete kausal geschlossene Weltbild überzeugend?

Der Gedanke der Entelechie kann etwas in die Diskussion einbringen, das im alltäglichen Denken und in den heutigen wissenschaftlichen Kategorien weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist zunächst die einfache Idee, dass der Wirk-Ursache auch eine Zweck-Ursache entsprechen könnte. Anders gesagt: Die Frage, worauf hin etwas geschieht, könnte ebenso erhellend und vernünftig sein wie die Frage danach, wodurch verursacht etwas geschieht. Die philosophische Verunglimpfung dieses teleologischen Gedankens („Es regnet, weil die Wiese nass werden soll – haha!“) sollte nicht davon abhalten, ihn metaphysisch erneut – und neu zu denken. Es geht um das Potential eines teleologischen Denkens, darum, geeignete Denkformen und Begriffe für eine immanente Teleologie zu finden, die neu gewonnen und weiter entwickelt werden müssen. Die Philosophiegeschichte stellt dafür zwar einiges bereit, an das man anknüpfen kann, aber das reicht gewiss nicht aus. Dennoch ist die Idee der Entelechie ein sehr spannender Gedanke. Aristoteles hat ihn gedacht in seiner Metaphysik im Zusammenhang von Akt und Potenz, Form und Substanz. Sein Gedanke spiegelt sich in Goethes „Urworte. Orphisch“: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Eine diesbezügliche Darstellung der Metaphysik des Aristoteles wäre ein eigenes, lohnendes Thema. Hier sei aber nur in einer ersten Annäherung skizziert, was mich an diesen Gedanken fasziniert.

Der aristotelische Form-Begriff wäre heute vielleicht am besten mit Struktur oder sogar System zu übersetzen, je nach Zusammenhang. Im Unterschied zur Substanz, modern gesprochen im Unterschied zum Ausgang vom Subjekt und vom Einzelding, kann der Gedanke der Form als dasjenige verstanden werden, dass etwas von vornherein nur im Zusammenhang mit anderem, nur innerhalb einer Struktur, nur aufgrund der Konstitutionsbedingungen eines Systems, womöglich sozial bestimmt innerhalb eines autopoietischen Systems (Luhmann), verstanden werden kann. Dieser Denkansatz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann, siehe Autopoiesis) ist über den Ausgangspunkt bei der „Substanz“ (dem Subjekt, dem Individuum, dem Einzelding) hinaus gegangen und ordnet das konkrete Einzelne gewissermaßen als nachrangig innerhalb der „Form“, d.h. der konstitutiven Systembeziehungen oder der Verflechtung innerhalb einer bestimmten Struktur bzw. eines Netzwerks (nodes, hubs) ein. In diesem Sinne bringt erst die „Form“ zum Vorschein, was der Gehalt, die Funktion, das Potential (idealistisch „das Wesen“) eines Etwas ist, das sich nur dem Zusammenhang des Systems, anders gesagt den strukturellen Konstitutionsbedingungen verdankt. Warum sollen solche Systeme und Strukturen, Netzwerke und Überlagerungen nur innerhalb geschlossener Kausalität denkbar sein? Vielleicht enthält das strukturierte System mit seinen Rand- und Konstitutionsbedingungen, mit seinen Verschränkungen und Überlagerungen, darum auch mit seinen Ambiguitäten und Bifurkationen selbst etwas teleologisches, also eine Art Ziel, das der Struktur inhärent ist. Hier greift kein „Geist“ von außen ein, sondern jenseits der Schranke geschlossener Kausalität öffnen sich Möglichkeiten, dass sich systemimmanente Tendenzen und Neigungen (bias) eben nicht zu jeder beliebigen, sondern zu ganz bestimmten neuen Formen weiter entwickeln. So hatten die Quantenfluktuationen unmittelbar nach dem „Urknall“ einen seltsamen Hang (Symmetriebrechung) zu einem Überwiegen der Materie vor der Antimaterie, so dass allein die Materie vorherrschend wurde.  In der biologischen Evolution finden sich viele Beispiele dafür, dass, metaphorisch gesprochen, ‚die Natur bestimmte Entwicklungen bevorzugt‘, sprich dass sich bestimmte biologische Formen (z.B. Auge) mehrfach und mit fast identischem Ergebnis heraus bildeten. Dieses sind nur Hinweise darauf, dass sich ein teleologisches Denkmodell durchaus anbieten würde, um natürliche Phänomene besser, das heißt angemessener im Blick auf die in ihnen selbst liegenden Potentiale und Wirkmöglichkeiten (wem der Begriff Zweck-Ursache zu sperrig ist) zu sehen, die zur Verwirklichung kommen / drängen? Genau darum geht es: Ob sich in der vorhandenen Wirklichkeit statt zufälliger Entwicklungen und kontingenter Entscheidungen auch eine strukturelle Zielstrebigkeit finden und denken ließe, die eben eine bestimmte Entwicklung bevorzugt oder als sachlich, d.h. der ‚Form‘ angemessenes Potential umsetzen kann. Der Begriff der Entelechie betont die Immanenz einer solchen Zielführung: Die „Form“ trägt die Gestalt der Verwirklichungen fortwährend in sich und lässt das konkrete Einzelne als eine verwirklichte Möglichkeit an der Tendenz, dem Gefälle, der Zielrichtung des gesamten Systems / der Struktur / des Netzwerkes teilhaben. Die Autopoiesis muss nicht ziellos und rekursiv gedacht werden, sondern kann durchaus auch zielgerichtet und tendenziös verstanden werden. Das Wort „Ziel“ sollte dabei mit aller Vorsicht gebraucht werden, denn es suggeriert ein klar bestimmtes ‚Endprodukt‘, wohingegen das ‚telos‘ der Entelechie selbst noch einmal als offen, als bestenfalls erkennbare Tendenz begriffen werden sollte.

Diese Tendenz aber ist mehr und anderes als Zufall, als deterministisch bestimmt und kausal begrenzt. Es kann das durchaus auch sein, aber die Möglichkeiten, die Potentiale gehen darüber hinaus. Nur an den Kipppunkten kann es deutlich werden, wo statt Zufall eine bestimmte Tendenz, eine Orientierung am Telos, wirksam und sichtbar wird. Es ist das Telos, das dem System usw. selber eigen ist, das darin nur seine Möglichkeiten realisiert und in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Eigentlich wird auch die Evolution des Lebens so viel besser verständlich, weil Variation und Selektion geradezu Paradebeispiele sein könnten dafür, wie sich Tendenzen in Alternativen und Ambiguitäten durchsetzen, als zielgerichtete Selbstorganisation der ‚Form‘ ihre ‚Substanz‘ geben. „Entstehen und Vergehen“ wird unter teleologischen Gesichtspunkten im Zusammenhang verständlich: Apoptose als gezielte Programmierung, Chancen auf systemische Erneuerung, Ermöglichung alternativer Systeme, Rekombination globaler Systeme und Strukturen usw. Zum Beispiel das nahezu vollständige Erlöschen des Lebens auf der Erde vor 485 Mio Jahren („Eisball-Erde“) und weitere nachgewiesene Massensterben während der Erdgeschichte sind dann nicht nur als deterministischer Unfall zu verstehen.  Ich finde es überraschend, wie sehr sich der Gedanke der Entelechie als anschlussfähig heraus stellt hinsichtlich heutiger philosophischer, kosmologischer, evolutionsbiologicher, systemtheoretischer und netzwerkorientierter Denkmodelle. Es scheint sich in jedem Falle zu lohnen, den Begriffen der Teleologie und Entelechie weiter nach zu spüren, um die Sache, die in diesen alten Begriffen enthalten ist, neu zu fassen und sinnvoll zum Leuchten zu bringen. Es wird ein längerer Weg sein, denn er schließt ein, einige Dogmen der bisherigen materialistisch-kausalistischen Weltanschauung über Bord zu werfen. Die Zeit könnte dafür reif sein.

Jul 202014
 

Naturwissenschaft auf dem philosophischen Prüfstand (5)

[PhilosophieNaturwissenschaft]

Das nicht-theistische Weltbild kennt keinen Gesetzgeber. Es grenzt sich als allein wissenschaftlich korrekt von anderen zum Beispiel theistischen oder spezifisch religiösen Weltbildern ab. Aus dieser wissenschaftlichen (d.h. nicht-theistischen, naturalistischen) Sicht enthalten andere Weltbilder kein vernünftiges Wissen. Aus theistischer Sicht dagegen verkennt die moderne Naturwissenschaft, dass Wissen weiter gefasst werden muss, als es die Prinzipien der Rationalität und der Kausalität zulassen. Ein kausal geschlossenes Weltmodell kann per definitionem keine nicht-natürlichen, gemeint ist: keine nicht-materiellen Ursachen anerkennen. Die Annahme nicht-physikalischer Ursachen führt bloß zu einer Überbestimmtheit. Diese kontroverse Diskussion ist in der angelsächsischen philosophy of mind während der vergangenen fünfzig Jahre erschöpfend und letztlich ziemlich fruchtlos geführt worden.

Die andere kontroverse Diskussion zwischen materialistischen Naturwissenschaften und den Vertretern eines intelligent design wird zwar auch überwiegend im angelsächsischen Raum geführt, hat aber darüber hinaus Auswirkungen auf die europäische Diskussion. Derzeit ist diese Diskussion mangels prominenter Stellungnahmen zwar abgeebbt, sie kann aber jederzeit wieder aktuell werden. Die Stärke der Vertreter eines intelligent design (also der Position, Zufall allein könne die Naturphänomene nicht erklären, sondern diese verwiesen auf ein intelligentes Ordnungsprinzip jenseits der Naturgesetze) liegt darin, auf offensichtliche Schwächen eines geschlossenen kausalen materialistischen Weltbildes hinzuweisen. Zuletzt hat der US-Philosoph Thomas Nagel die Gründe dieser beiden Positionen übersichtlich dargestellt und abgewogen (Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2012 (en); 2013 (de), bes. S. 26 – 54). Nagel schlägt die Öffnung des naturalistischen Weltmodells auf eine teleologische, also zielorientierte Modalität hin vor. Vielleicht liegt aber der eigentliche Knackpunkt des Streites über die Wissenschaften noch ganz woanders, nämlich in der Bedeutung und Funktion des Zufalls.

Naturwissenschaftliches Denken ist längst nicht mehr auf kausalen Determinismus fest gelegt. Besonders durch die Evolutionstheorie im Bereich der Entstehung des Lebens und der Entwicklung der verschiedenen Lebensformen (Arten nannte es Ch. Darwin) ist der Zufall der Veränderung neben dem kausalen Druck der Anpassung zu einem ausschlaggebenden Faktor geworden. Genauer durchdacht und theoretisch gefasst wird diese Bedeutung des Zufalls in Chaostheorien und Theorien der Selbstorganisation. Hier haben mathematische und komputationale Ansätze das Denken in Richtung Systemtheorie wesentlich voran gebracht. Ein Blick in die (englische) Wikipedia zum Stichwort self-organization zeigt allerdings auch, in wie vielen unterschiedlichen Wissensbereichen dieser Begriff heute gebraucht wird und Lösungen verspricht. Er scheint zu einer Art Schlüsselbegriff neuerer wissenschaftlicher Theoriebildung geworden zu sein. In ihm werden Kausalität, Determination und Zufall zusammen gebunden. Kein Wunder also, dass sich Selbstorganisation als Lösungsansatz für die verschiedensten Wissensbereiche und Theoriemodelle anbietet, denn der Zufall ist es ja, der die deterministischen Kausalitätsargumente stört – und ihnen andererseits einen wirklichkeitsnahen Ausweg bietet. Es lohnt sich daher, genauer auf diese Begrifflichkeit einzugehen.

Geht man von der Wissenschaftsgeschichte der Neuzeit aus, dann hat der Begriff Zufall den Gottesbegriff beerbt. Vermittler ist hierbei der Begriff Natur. Spinoza hat durch seine berühmte Formel deus sive natura zunächst die Austauschbarkeit beider Begriffe gezeigt und in der weiteren Entwicklung die Ersetzung des Gottesbegriffs durch einen umfassenden Naturbegriff ermöglicht. Der ist aber bis heute weitgehend diffus geblieben, unpräzise, wird schon gar nicht im Sinne Spinozas als umfassender Substanzbegriff verwandt, sondern eher als Stellvertreter für eine Lücke. Man kann durchaus mit einiger Berechtigung fragen, ob der heutige Naturbegriff überhaupt eine konkrete Extension hat, also ob er überhaupt etwas Abgrenzbares bedeutet. Umgangssprachlich ist die Natur entweder gleichbedeutend mit dem „Grünen draußen“ – im Unterschied zur Stadt – als Erholungsraum oder als Produktionsgebiet unserer Lebensmittel. Das Wort Natur wird aber auch in einem umfassenderen Sinne gebraucht für alles, was nicht vom Menschen gemacht, sondern eben natürlich vorhanden ist. Natur wird darin als etwas dem Menschen Widerständiges erfahren und beschrieben. Naturgewalten sind bedrohlich, die Natur holt sich zurück, was der Mensch frei gibt. Gegen die Natur kann keiner. Natur ist das, was uns letztlich bestimmt und sich auch gegen uns am Ende durchsetzt. Der Tod ist unser natürliches Ende. Andererseits ist „Mutter Natur“ Spenderin alles Guten, vor allem des Lebens usw. In fast all diesen Ausdrücken und Verwendungen des Begriffs Natur wird diese personalisiert. Sie erscheint dann als etwas Einheitliches, Abgrenzbares, Bestimmtes, aktiv Handelndes und Wollendes zu sein – eigentlich ein Wesen wie Gott.

Recht unterschiedlich von diesem summarischen und personalistischen Gebrauch des Wortes Natur im Allgemeinverständnis ist der Begriff Natur in der Wissenschaft. Natur ist hier das Materiell-Wirkliche schlechthin. Natur ist gewissermaßen das Gesamt aller Teilchen, Kräfte, und Felder, aus denen sich die Welt aufbaut, wie sie in Physik, Astronomie, Chemie und Biologie präzise zu beschreiben und kohärent zu erklären versucht wird. Dabei hat sich eine streng deterministische Sicht der Zusammenhänge als nicht ausreichend gezeigt. Die Wirklichkeit ist offenbar komplexer. In der Evolutionsbiologie und in der Quantenmechanik spielt auf einmal der Zufall eine wesentliche Rolle. Die eindeutige Vorhersagbarkeit, wie man es bis dahin von Experimenten her kannte, gab und gibt es nicht mehr. Neue Theoriebildungen mussten hinzu gezogen werden, welche die funktionale Bedeutung des Zufalls berücksichtigten. Der Zufall aber ist und bleibt auch hier ein ungeliebter Hilfsbegriff. „Kontingent“ sagt der Wissenschaftler, wenn er etwas zwar Mögliches, aber nicht kausal Notwendiges meint. Aber wer oder was steuert dann diesen Zufall eigentlich? Im nicht-theistischen Weltbild ist der ungeschützte, fast personal gebrauchte Begriff Natur obsolet. Zufall beschreibt aber eher eine Lücke des Verständnisses. Hier hilft nun das Theorem der Selbstorganisation. Das „… selbst“ wird zum Subjekt aller nicht-deterministischen, chaotischen, bifurkativen Prozesse. Der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine hat hier im Bereich der Naturwissenschaften, insbesondere der Thermodynamik, neue Verständniswege beschritten (zur Dynamik dissipativer Systeme). System-, Spiel- und Chaostheorie haben die mathematischen Grundlagen dafür bereitet. Bei Manfred Eigen (Eigen / Winkler, Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall, 1975) werden Spieltheorie und Selbstorganisation für das Verständnis dynamischer Ordnungszustände fruchtbar gemacht. Heutige komputationale Modelle (in der Anwendung zum Beispiel Wettermodelle, Klimamodelle) „rechnen“ fest mit dem Zufall, bzw. mit den chaotischen Prozessen der Selbstorganisation komplexer Systeme. Die Systemtheorie wird gewissermaßen zum Schweizer Messer aktueller wissenschaftlicher Methodik. Voraussagbarkeit ist hier ganz entscheidend eine Frage der Rechenkapazität, die allerdings nur Näherungen bieten kann. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Dennoch bleibt die unbequeme Frage: Wer ist eigentlich das „Selbst“ in aller Selbst-Organisation von Natur, Prozess, System?

Wenn sich Naturprozesse und vor allem Gesetzlichkeiten von selbst organisieren, so spielt das Selbst hier vor allem auf die Realität des Zufalls an: Niemand, kein Gott, hat diese Gesetze geplant oder gewollt oder auferlegt. Sie sind auch nicht Ausdruck einer organischen Funktionalität und Reflexivität, sondern sie haben sich »von selbst« ergeben, ohne auferlegt worden zu sein oder aus einer der Natur immanenten Notwendigkeit zu resultieren. (M. Hampe, Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs, 2007 S. 130)

Die von Hampe zuvor angeführte Analogie der „von selbst“ ins Schloss fallenden Tür hinkt offensichtlich, denn hier ist es ja der Wind oder die Schwerkraft, die das „von selbst“ auslöst. Sich selber organisierende Prozesse sind aber gerade solche, auf die keine weitere Ursache „von außen“ einwirkt. Dann ist das Selbst in der Selbstorganisation aber doch wieder entweder der Zufall oder – irgend etwas anderes.

Hyperwürfel

„8-cell“ by Jason Hise – Wikimedia

Diese Antwort mag unbefriedigend sein. Selbstorganisation soll ja gerade einen immanenten dynamischen Prozess bezeichnen, der sich nur auf sich selbst bezieht und auch die Dynamik aus sich selbst gewinnt. Bei fraktalen Mustern mag das noch überzeugen, aber schon im Bereich der biologischen Evolution, gar der Entstehung und Evolution des Lebens überhaupt, ist „Selbstorganisation“ nur eine Chiffre für Zufall, und dieser wiederum ein Glaubenssatz, den man mit gleichem Recht auch durch „Gott“ ersetzen könnte – womit wir wieder bei der strittigen Diskussion um das intelligent design wären. Ich persönlich halte das Konzept des intelligent design für einen Kurzschluss, für einen allzu bequemen und in sich gleichfalls nicht logischen Ausweg (siehe das Problem der Überbestimmtheit). Das Theorem der Selbstorganisation führt zwar entscheidend weiter, hält aber längst nicht alles, was es verspricht. Ein logisches Modell wie das „Game of Life“ ist zwar eine verblüffende und einleuchtende Simulation von Selbstorganisation (zellulärer Automat), aber es ist eben nur ein mathematisches Spiel. Der Zufall in der Quantendynamik oder in der Evolution ist aber von anderer Qualität. Er bezeichnet eher etwas, was einfach noch nicht recht verstanden ist. Nur mathematisch lässt sich der Zufall mit Wahrscheinlichkeiten in den Griff bekommen. Vielleicht weist dies aber in die Richtung einer besseren Lösung.

Es könnte sein, dass der in der Natur herrschende Zufall mehr im Auge des Betrachters liegt. Wenn Wissenschaft als das Bemühen beschrieben werden kann, ‚Ordnung in das Chaos‘ der vielfältigen Erscheinungen in der Welt um uns und in uns zu bringen, dann ist es in erster Linie der betrachtende, ordnende und erklärende Mensch, der mit seiner Vernunft nach Mustern und Strukturen sucht, die die Phänomene der Natur möglichst angemessen beschreiben. Offenbar reichen die Muster der Determination und der Kausalität nicht aus, eine den natürlichen Erscheinungen adäquatere Ordnung zu etablieren. Aber ebenso wie es in der Mathematik gelang, mit Unendlichkeiten zu arbeiten (Infinitesimalrechnung), mit n-dimensionalen funktionalen Räumen zu operieren (Hilbert-Raum) und nicht-euklidische Geometrien zu entwerfen (Riemann), was sich insgesamt als geeignete Werkzeugkiste für die Relativitätstheorie und die Quantenphysik erwies, so lässt die Stochastik und die Chaosforschung nichtlinearer Dynamiken Muster der Beschreibung und des Verstehens erkennen, die das, was wir sonst Zufall nennen, als eine andersartige, vielleicht im Wortsinne eigen-artige Organisation natürlicher Erscheinungen zum Vorschein bringt. Dann müsste der Zufall nicht die unerklärliche, sich „von selbst“ ereignende Lücke bezeichnen, wie er das in Alltag und Umgangssprache mit hinreichender Anschaulichkeit tut. In der wissenschaftlichen Theorie aber könnten nichtlineare Muster und dynamische Formen vielleicht dasjenige sein, was sich in den komplexen Phänomenen der Natur hinter der ‚Organisation des Zufalls‘ verbirgt.