Mrz 072017
 

Über Beobachtungen im Alltag.

Es gibt eine Reihe von Aussagen, die in der heutigen Welt als falsch gelten, obwohl sie immer noch gebraucht werden. Die Erde sieht aus wie eine Scheibe, obwohl sie in Wahrheit rund ist wie eine Kugel. Die Sonne geht auf, obwohl sich die Erde ihr in Wahrheit entgegen dreht, ebenso bei der Rede vom Sonnenuntergang. Sie gehe natürlich in Wahrheit gar nicht unter, sondern die Erde drehe sich von ihr weg. Oder wenn ich den Eindruck habe, ich könne mich ganz frei entscheiden, dann ist das in Wahrheit eine Täuschung, denn unbewusst hat mein Gehirn schon vorher entschieden bzw. ein entsprechendes Spannungspotential in den Nervenleitungen aufgebaut, und seien es auch nur Millisekunden vorher: Der freie Wille ist demnach in Wahrheit eine Illusion. Wenn ich in einem Zug im Bahnhof stehe, und plötzlich setzt sich mein Zug in Bewegung, wie ich an dem auf dem Nebengleis wartenden Zug erkenne – und auf einmal erscheint dessen letzter Wagen und ich merke, dass mein Zug immer noch wartet und der Zug daneben abgefahren ist – dann sei dies eine optische Täuschung.

In allen Beispielen geht es aber eigentlich gar nicht um richtig oder falsch, auch keineswegs um altertümlich oder modern und darum auch mitnichten um unkorrekte Redeweise, sondern es geht um die Relativität meiner Person als Beobachter. Das Beispiel mit dem anfahrenden Zug ist unverfänglich, nur seine Einordnung als optische Täuschung ist schief. Eine optische Täuschung ist es, wenn man einen ins Wasser getauchten Stab mit einem Knick sieht, obwohl er ganz gerade eingetaucht wurde: Das andere Brechungsverhalten im Wasser lässt den Knick erscheinen. Ob aber mein Zug sich bewegt oder der Zug auf dem Nebengleis, das ist nur eine Frage, wer sich relativ zu wem bewegt. Solange man im Fenster nur den anderen Zug sieht, ist es gar nicht festzustellen, welcher von beiden Zügen sich bewegt, sie befinden sich dann im Ausschnitt des Fensters nur relativ zueinander in Bewegung. Erst wenn etwas drittes, zum Beispiel das Bahnhofsdach, ins Blickfeld kommt, kann die jeweilige Bewegung oder der Stillstand relativ zum Bahnhof selber bestimmt werden. Von einer Täuschung kann hier keine Rede sein.

ICE

ICE im Bahnhof (c) DLR (CC-BY 3.0)

Schauen wir uns die Beispiele vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang an. Es ist doch astronomisch einfach wahr, dass sich die Erde um sich selber dreht und mit diesem Eigendrehimpuls zusätzlich um die Sonne herum bewegt. Das trifft genau für denjenigen zu, der als Beobachter gleichsam außerhalb des Planeten Erde oder gar außerhalb des Sonnensystems steht. Für den Beobachter auf dem Erdboden, der Bewegungen nur relativ zu seinem Standpunkt wahrnehmen kann, bewegt sich richtigerweise die Sonne über den Horizont aufwärts oder unter den Horizont abwärts. Von der Erde aus gesehen geht die Sonne tatsächlich auf, und sie geht tatsächlich unter, und da ist überhaupt nichts falsch dran. Schließlich ist sogar der Eindruck, die Erde sei, soweit ich sie durch Rundumschau sehen kann, eine Scheibe, deren Krümmung man nur unter besonderen Umständen tatsächlich beobachten kann (der Dampfer, der am Horizont von unten auftaucht), durchaus korrekt. Es ist der zutreffend beschriebene Wahrnehmungseindruck eines Beobachters auf dem Erdboden. Auch da ist nichts Falsches dran. Erst eine Position in großer Höhe (Flugzeug, Satellit) kann die Rundung der Kugel sichtbar werden lassen. Die Erdkugel ist für den Beobachter am Boden schlicht zu groß, als dass er die Krümmung auf dem Boden selber wahrnehmen könnte. Das Gesichtsfeld ist genau wie eine Scheibe.

Es zeigt sich, dass unsere Alltagssprache sehr genau die Wahrnehmung unseres Alltags wiedergibt,- eben genau aus der Position des Beobachters, der wir tatsächlich sind, und relativ zu unserem Standpunkt. Normalerweise ist diese Beschreibung im Alltag angemessen und völlig ausreichend. Das Wissen über die Darstellung unserer Welt aus einer anderen Beobachter-Perspektive heraus ist ein weitergehendes Wissen, das heute vielfach in die Technik und ihren alltäglichen Gebrauch eingegangen ist. Bei jedem längeren Flug wird die Wölbung der Erdoberfläche sichtbar und die Drehung relativ zur Sonne erfahrbar. Und dass die Erde auf dem Boden aussieht wie eine Scheibe, macht sie längst nicht mehr zu einer solchen. Dennoch ist die Redeweise aus dem Blickwinkel des alltäglichen Beobachters ebenso richtig wie angemessen, solange es sich um die engere Alltagswelt handelt. Da darf dann auch der Strom aus der Steckdose kommen und die Milch aus dem Kühlschrank.

Vertrackter scheint es mit dem freien Willen zu sein – oder auch gar nicht. Denn bekanntlich ist das Thema ‘freier Wille’ philosophisch ein Minenfeld, nicht nur wegen der problematischen Libet-Experimente. Hier genügt es aber darauf hinzuweisen, dass ich mich natürlich dann frei entscheide, wenn ich mir meiner selbst und meiner Freiheit bewusst bin – wenn ich mich frei fühle. ICH entscheide ja, nicht mein Gehirn, ebenso wenig wie meine Füße laufen, sondern ich laufe als ganze Person. Also entscheide ich mich auch je nach Situation mehr oder weniger frei, das heißt im Rahmen meiner jeweiligen Möglichkeiten. Aber allein schon die Möglichkeit, mich in einer gegebenen Situation eben so oder auch anders entscheiden zu können, macht mir meine Entscheidungsfreiheit erfahrbar. Wie immer man darüber hinaus neuropsychologisch oder philosophisch argumentieren könnte, – an meinem alltäglichen Bewusstsein, mich frei entscheiden zu können, ist nichts Falsches.

Aufgrund dieser Überlegungen ist es eher merkwürdig, dass bisweilen eine scheinbar wissenschaftlich korrekte Redeweise angemahnt wird. Die Naturwissenschaft scheint so allmächtig geworden zu sein, dass ihre Ergebnisse und Sichtweisen sogar die Alltagserfahrung überformen und umprägen sollen. Wissenschaft vollzieht einen Perspektivenwechsel. Jeder untersuchte Gegenstand und Verlauf kann zu einem Objekt der Betrachtung aus der Sicht eines distanzierten Beobachters gemacht werden. Es ist geradezu der Witz objektivierter und standardisierter Verfahren (Experiment, Labor), vom Ich und seiner Perspektive abzusehen und nur die beabsichtigte Versuchsanordnung und Beobachtungsaufgabe in den Blick zu nehmen. Das ist eine notwendige Rahmenbedingung wissenschaftlicher Verfahren, auch wenn die Ausschaltung der Beobachterrolle durchaus problematisch werden kann. Zunächst aber bringt das objektivierte Verfahren objektive Ergebnisse, zum Beispiel Messungen mit Ergebnissen, die mit entsprechenden Vorhersagen aus Theoriemodellen verglichen werden können. Es zeigt sich bereits hier, dass Verfahren naturwissenschaftlicher Arbeit gänzlich unterschieden sind von dem alltäglichen Erfahren in unserer Lebenswelt. Darin stehe Ich im Mittelpunkt, der ich etwas denke, tue, fühle, will, dem etwas widerfährt. Meine eigene Perspektive innerhalb meines sozialen Umfeldes ist dafür maßgeblich. Diese Perspektive bewährt sich im alltäglichen Leben, im Umgang mit anderen Menschen und Dingen. Sie ist “richtig”, sofern sie lebenstauglich ist und für mich passt. Wenn ich Kopfweh habe, empfinde ich Schmerzen, – ob dabei C-Fasern der Nerven feuern, ist eine völlig andere Betrachtungsweise. Sie wird in der akuten Situation kaum helfen, selbst wenn sie aus wissenschaftlicher Perspektive zutreffend ist.

Der Alltag und die Erfahrungswelt der darin lebensweltlich verflochtenen Personen haben in ihren Denkräumen und Handlungsperspektiven ein ganz eigenes Recht mit “richtig” und “falsch” und bedürfen keiner wissenschaftlichen Rechtfertigung. Diese trägt allerdings zur Erweiterung von Erkenntnis und Wissen bei – und kann so zu neuen Handlungsmöglichkeiten (Technologien) führen, die in der Alltagswelt Bedeutung gewinnen. Ein Perspektivenwechsel bleibt auch dann bestehen, so dass hier richtig ist, was dort falsch sein kann. *)

 


*) Diese Überlegungen berühren sich mit einem phänomenologischen Ansatz, wie er heute nachdrücklich von Thomas Fuchs (Karl-Jaspers-Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie, Heidelberg) vertreten wird. Siehe dazu Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. DOI 10.1515/dzph-2016-0002  / DZPhil 2016; 64(1): 20–44 vor allem 2. Die Uneinholbarkeit der Perspektive der ersten Person und 3. Wissenschaftliche Tätigkeit bleibt immer an die Lebenswelt rückgebunden.

Mrz 292014
 

[Philosophie]

„Was ist Wahrheit?“ fragte einst Pilatus als Richter zwischen Anklägern und Anhängern. „Was ist schon Wahrheit!“ bekam ich als Antwort in einer philosophischen Seminardiskussion. „Meine Wahrheit, deine Wahrheit, welche Wahrheit meinst du überhaupt?“ – „Ich dachte, in der Philosophie dächte man auch über die Wahrheit nach.“ – „Wahrheit als solche ist nicht hantierbar.“ Ich lasse mir erklären, dass der Begriff Wahrheit, sofern er überhaupt sinnvoll gebraucht werde, nur auf ein anzugebendes Bezugssystem definierbar sei. Also „wahr – relativ wozu?“

Das leuchtet zunächst einmal ein. Es trifft sich mit der Erfahrung, dass für unterschiedliche Menschen in verschiedenen Situationen offenbar ganz verschiedene Dinge wahr sind. Es ist eine Frage des Standpunktes. Das meint der Hinweis auf das Bezugssystem. Die eigene Überzeugung (belief) begründet das, was für mich „wahr“ ist. Diese Auffassung bewährt sich allzu oft in politischen oder historischen Zusammenhängen. Was ist wahr hinsichtlich der Ukraine? Kann ein Hinwies auf objektive, „einfache“ Tatsachen den Streit der divergierenden Ansichten zwischen Russland und dem Westen entscheiden? Manche Beiträge in sozialen Foren lassen das vermuten. Aber das ist leider allzu simpel und naiv gedacht. In Konfliktfällen sind ja gerade die „Tatsachen“ strittig. Das lehrt schon der Blick auf die Tatsachenfeststellung zum Beispiel bei Verkehrsunfällen. Umso strittiger sind die Tatsachen bei heißen politischen Konflikten wie dem in der Ukraine. Der eigene Standpunkt und das eigene Interesse prägen da bereits die Wahrnehmung und begründen Meinungen. Die streitenden Parteien nehmen bereits das, was sich ereignet, unterschiedlich wahr und bewerten entsprechend. Was also ist da die Wahrheit der eigenen bzw. der anderen Meinung, was genau ist Tatsache?

Als außenstehender Dritter ist man bei Konflikten dieser Art gut beraten, sich um Sachlichkeit zu bemühen und die unterschiedlichen Standpunkte anzuhören, zu überprüfen (soweit das möglich ist) und dann im eigenen Urteil abzuwägen. Dabei spielt dann auch die Berücksichtigung der Interessen (cui bono?) und parteilichen Sichtweisen sowie ihrer Motive eine Rolle. Auf jeden Fall ein schwieriges Geschäft, bei dem man die Frage nach der „Wahrheit“ oder auch nur nach den „bloßen Tatsachen“ besser außen vor lässt, vielleicht in der Hoffnung, es später einmal, wenn die Lage abgekühlt ist und mehr Quellen zur Verfügung stehen, besser und angemessener beurteilen zu können. (Übrigens: In dem Beispiel ist Deutschland gewiss kein „außenstehender Dritter“.)

Da ist ein Stichwort gefallen, das auch bei der philosophischen Diskussion über den Wahrheitsbegriff eine Rolle spielt: Angemessenheit. Das Urteil soll dem Gegenstand angemessen sein. Die nächste Frage ist sogleich: Inwiefern? Bedeutet es, dass die Aussage über einen Begriff und eine Eigenschaft dann wahr ist, wenn die Aussage mit dem Gegenstand übereinstimmt? „Der Apfel ist rot“ ist genau dann wahr, wenn der Apfel tatsächlich rot ist. Wahrheit als Korrespondenz wird das genannt. Aber wie prüfe ich diese Tatsache? Ist mir der eventuell rote Apfel denn anders zugänglich als durch ein Urteil über die eigene Wahrnehmung? Also etwa als „Ding an sich“, wie Kant sagte? Aber weder für Kant noch für Theorien der sozialen oder epistemischen Konstruktion ist das Ding an sich oder das brutum factum überhaupt erkennbar und darum auch nicht relevant. Mit Kant ist man auf die Erscheinungen verwiesen, als die man ein Ding durch die Wahrnehmung vorstellt. Die Übereinstimmung zwischen Urteil und Gegenstand wäre zwar das Kriterium der Wahrheit, aber diese Übereinstimmung ist objektiv nicht zu verifizieren. Bleibt die Korrelation mit der logischen Struktur von Aussagen innerhalb eines gegebenen Systems, also das, was man die Kohärenz von Aussagen nennt. Die Wahrheit bewahrheitet sich im rationalen Verfahren der Erkenntnis – also eine Art erkenntnistheoretischer „Legitimität durch Verfahren“ . Aber das ist eigentlich nicht das, wonach wir fragten, eher so etwas wie die sachliche Form der Richtigkeit oder Angemessenheit einer Feststellung. Vielleicht ist das ja tatsächlich schon das Äußerste, was wir über die Wahrheit eines Sachverhaltes aussagen können.

Übertragen auf den konkreten politischen Fall hieße das (idealtypisch), dass Putin dann recht hat, wenn er die aus seiner Sicht und für seine Lebenswelt relevanten Fakten berücksichtigt und daraufhin zu dem gerechtfertigten Urteil kommt „Die Krim ist urrussisch.“ – und dass der Westen dann recht hat, wenn er die aus seiner Sicht und in seinem Kontext relevanten Fakten berücksichtigt und daraufhin zu dem gerechtfertigten Urteil kommt „Die Krim wurde annektiert.“ Die Lösung dieses Dilemmas besteht bekanntlich darin, durch Verhandlungen und Kompromisse einen Weg zu einem neuen Sachverhalt zu finden, der die Anliegen beider Seiten berücksichtigt und ausreichend erfüllt – die klassische Aufgabe der Diplomatie. Die Lösung besteht eben nicht darin, eine (postulierte, fiktive) „objektive Wahrheit“ heraus zu finden und durchzusetzen. Dies Verfahren wird auch bei vielen anderen, rechtlich zu klärenden Konflikten angewandt und kann dort lebenspraktisch, politisch, kulturell usw. erfolgreich sein. Aber dieses Vorgehen ist nicht die Beantwortung der Frage nach der Wahrheit, es ist vielmehr der ausdrückliche Verzicht darauf.

Können, sollten wir in der Philosophie, genauer in der Erkenntnistheorie ebenfalls so „diplomatisch“ vorgehen und auf die Frage nach der Wahrheit verzichten und besser jeweils nach gerechtfertigten Gründen einer Aussage oder eines Sachverhalts suchen? Wahrheit – das scheint ein Begriff aus metaphysischen Zeiten mit einer unausrottbar idealistischen Normativität. Mag schon sein. Aber darin, dass sich in diesem Begriff „Wahrheit“ etwas dagegen sperrt, einfach in „Richtigkeit“, „Stimmigkeit“, „Verfahren“, „Angemessenheit“ übersetzt zu werden, könnte sich ein Verlust an Bedeutung zeigen, den wir nicht mehr gehaltvoll fassen können. Kommen dann noch Begriffe wie „das Gute“, „das Schöne“ hinzu, haben wir das idealistische Super-Trio beisammen. Den modernen Analytiker und Konstruktivisten graust es, durchaus zurecht. Die Theorie der soziokulturellen Konstruktion dessen, was als „wahr“ gilt, relativiert und nivelliert so schön, macht die Sache rund und kantenlos. Damit will ich mich aber nicht zufrieden geben.

Apropos Kant. Bis heute fragt man sich, wie bei ihm die Spannung zwischen begrifflicher Erkenntnis aufgrund von Erscheinungen, die uns die Wahrnehmung zur Vorstellung bringt, und dem bloßen „Ding an sich“, das selbst unerkennbar bleibt, aber die Wahrnehmung „affiziert“, hervor ruft, durch gehalten werden kann, ohne in einen prinzipiellen epistemischen Skeptizismus zu geraten. Der Schritt zur bloß inneren, subjektiven Wahrheit oder zur sozial kommunizierten und kulturell bedingten Wahrheit ist nicht weit. Dieser Relativismus ist uns recht vertraut, scheint er uns doch vor der Verabsolutierung eigener Standpunkthaftigkeit zu bewahren und „kulturelle Vielfalt“ und Harmonie zu garantieren. Ich möchte dagegen (mit einer bestimmten Kant-Rezeption) auf dem Korrespondenzbegriff der Wahrheit beharren: Wahrheit als Übereinstimmung von Gegenstand und Aussage / Begriff. Eine weitere Frage ist die, ob diese Wahrheit immer entscheidbar ist. Hier muss es kein Alles-oder-Nichts geben. Es gibt Erkenntnisse, die offenkundig, d. h. für alle ersichtlich und nachprüfbar, so sind, wie sie erscheinen: „Der Apfel ist rot“ ist genau dann wahr, wenn der Apfel unbestritten rot ist. Wenn man so will, ist dies eine vorläufige, keine letztgültige Wahrheit – bis zum Beispiel einer daher kommt, der uns alle für farbenblind erklärt. Dieser Wahrheitsbegriff reicht aber durchaus dafür, zu richtigen und sinnvollen Sätzen von allgemeiner Gültigkeit für Dritte zu gelangen. Damit wäre gegenüber dem gegenwärtigen Relativismus ebenso viel gewonnen, wie eine absolute Herrschaft angeblich einfacher oder objektiver „Tatsachen“ abgewehrt würde.

Denn letztgültige, absolute Wahrheit ist, wie Kants „Ding an sich“, allenfalls ein Grenzbegriff: nicht erreichbar, nicht definierbar, schon gar nicht instrumentalisierbar. Aber sich an der Wahrheit zu orientieren und sie zu suchen (als Punkt in der Unendlichkeit?), das möchte ich der Philosophie schon weiterhin aufgegeben wissen. Als ein solcher absoluter, „idealer“ Grenzbegriff kann der Begriff der Wahrheit vor der Hypostasierung von Weltbildern zu Ideologien ebenso schützen wie vor einem Relativismus der Erkenntnis, die nur noch Zwecke und Nutzen kennt.