Jun 012015
 

[Anthropologie, Erkenntnistheorie]

Wenn wir über die ‚Welt da draußen‘ reden, haben wir die Grenze bereits markiert. Die Welt draußen ist das eine, – ich, der ich über die Welt reden will, das andere. Die Metapher von der ‚Welt da draußen‘, von der ich mich hier drinnen unterscheide, assoziiert den Erkenntnisvorgang mit einer ganz anderen, in gewisser Weise extremen Situation wie der eines einsamen Schiffes auf dem weiten Ozean oder eines Raumschiffes im Weltall. Sie formuliert aber einfach nur die unmittelbare Wahrnehmung meiner selbst im Unterschied zur Wahrnehmung von allem anderen, was nicht Ich ist. Ich kann in mich hinein horchen, mich meiner Gefühle, Gestimmtheit und Gedanken, meines Körpers vergewissern und bleibe doch solange drinnen bei mir, solange ich meinen Gefühlen nicht Aus-druck verleihe, mich nicht sprachlich aus-drücke oder meinen Willen nicht aus-agiere, mich also nicht äußere. Wenn ich mich äußere, bedeutet es das Heraustreten aus dem Innen des Selbst in die Welt draußen.

So oder ähnlich könnte man ganz vorläufig und allgemein das beschreiben, was im unmittelbaren Bewusstsein als Unterschied zwischen mir selbst und allem anderem, was nicht Ich bin, gegeben ist. Dieser Unterschied zwischen dem Bewusstsein meiner selbst und dem Bewusstsein alles anderen scheint fundamental zu sein. Ich bin hier bei mir, und alles andere ist die Welt um mich herum. Das Bild noch schärfer zugespitzt: Ich bin in mir drin wie in einem Gehäuse, in dem ich mich verschließen kann, und draußen ist die Welt, auf die ich reagieren und in der ich agieren kann. Diese Unterscheidung, diese Grenzziehung, konstituiert die eigene Person. Das Recht auf Unantastbarkeit der Person bedeutet ja gerade, dass niemand und nichts das Recht hat, die Grenze meines Selbst zu überschreiten und in mich einzudringen, mich zu zwingen, meine Gefühle und Gedanken bloß zu legen, mich ‚auszuziehen‘ oder mich körperlich zu verletzen. Die Grenze zwischen Drinnen und Draußen konstituiert mich als selbständige Person und schützt mich vor den Zugriffen oder Übergriffen anderer.

Diese im praktischen Alltag so wichtige Grenze und im alltäglichen Bewusstsein anscheinend ebenso selbstverständliche Unterscheidung ist aber in doppelter Hinsicht problematisch: erkenntnistheoretisch und biologisch. Ein dritter Aspekt der Problematisierung betrifft das Soziale; er hängt aber mit den ersten beiden Aspekten zusammen bzw. von ihnen ab.

a) Erkenntnistheoretische Problematisierung

Es ist eine uralte philosophische Frage, wie die Wahrnehmung meiner selbst und der Welt außer mir vonstatten geht. Die realistische Position blickt quasi aus der Beobachterperspektive auf den Menschen (der auch ich selber sein kann) inmitten all der anderen Dinge in der Welt um ihn herum. Die Dinge der Welt sind ebenso als Tatsachen gegeben wie ein x-beliebiger Mensch, der sie wahrnimmt. Der wahrnehmende Mensch hat noch zusätzlich eine subjektive Perspektive auf die Wirklichkeit außer ihm. Die ändert aber nicht die objektive Tatsächlichkeit der gesamten vorfindlichen Wirklichkeit. Der Realismus ist die Arbeitshypothese aller Naturwissenschaften. Die wirkliche Welt kommt in dem Maße zum Vorschein, wie subjektive Faktoren ausgeschaltet werden. Objektivität und zeit- und ortsunabhängige Wiederholbarkeit sind die Bedingung für gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Der Realismus hat den großen Vorteil, mit der Alltagserfahrung und dem Alltagsbewusstsein übereinzustimmen. Der Realismus im Alltag wird gelegentlich als naiver Realismus bezeichnet. Das möchte darauf abheben, dass auch den Wissenschaftler subjektive Faktoren wie die jeweilige Fragestellung oder die Versuchsanordnung eines Experiments beeinflussen, ganz zu schweigen von den theoretischen Voraussetzungen, die den Erkenntnisprozess leiten. Objektivität muss also immer wieder neu und bisweilen sehr aufwändig (CERN!) gesichert werden. Selbst das, was dann als Naturgesetz heraus kommt, beruht auf theoretischen Grundannahmen, die meist in einem mathematischen Modell formuliert sind. Eine wesentliche Bewährung solcher Modelle besteht darin, Naturerscheinungen und Funktionsweisen kausal zu begründen und präzise vorher sagen zu können. Der erkenntnistheoretische Realismus ist ungemein produktiv und effektiv. Unsere gesamte wissenschaftlich-technische Welt beruht darauf.

Näheres Nachfragen nach den theoretischen Voraussetzungen und den subjektiven Bedingungen lässt den Realismus aber keineswegs als selbstverständlich erscheinen. Es stellt sich nämlich die Frage, wie genau denn die Wirklichkeit zum wahrnehmenden Menschen gelangt. Wie kommt es, dass man nicht nur irgendetwas Undefinierbares, sondern konkrete einzelne Dinge erkennen und benennen und sich darüber verständigen kann? Der Idealismus, klassisch entwickelt von Platon, geht darum von Ideen als einer Art Idealvorstellungen aus, die hinter der Wirklichkeit liegen und das konkrete Einzelne als Fall eines Allgemeinen, das vor einem stehende Tier zum Beispiel als ein (bestimmtes) Pferd erkennen lässt. Die idealistische Erkenntnis der Wirklichkeit vollzieht sich in einem Abgleichen der konkreten Einzeldinge, Einzelwesen und Einzelvorstellungen mit den allgemeinen Begriffen, Ideen und Idealen (z.B. des Guten, Wahren, Schönen). Nur wenn ich die Idee eines Baumes oder die Idee der Gerechtigkeit in mir trage, kann ich Einzelnes als diskreten Baum oder als gerecht (wieder- ) erkennen. Die Frage ist dann nur, wie man zu solchen Ideen kommt bzw. wie diese in das menschliche Bewusstsein kommen. Die andere Frage ist die, ob der Vollzug der Identifizierung überhaupt korrekt verläuft, oder ob es eben auch trügerische Ideen gibt, die zu trügerischer Wahrnehmung der Wirklichkeit führen. So kann  der erkenntnishteoretische Idealismus einerseits zum Skeptizismus führen, andererseits, modern gesprochen, zum Konstruktivismus. Letztlich kann ich nur dasjenige als Welt erfassen und als Wirklichkeit erkennen, was der eigene Geist anhand von Vorstellungen und Begriffen konstruiert. Die heutigen Neurowissenschaften würden das sogar noch auf das Gehirn zuspitzen als dasjenige Organ im Menschen, das diese synthetische Leistung in Form von Repräsentationen und Metarepräsentationen vollbringt. Was bleibt da noch von der objektiven Welt abgesehen von diesen mentalen oder neuralen Konstruktionen übrig?

Eine mittlere Position zwischen Realismus und Idealismus nimmt gewissermaßen der kritische Rationalismus ein (Kant). Erkenntnis geschieht im Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und begrifflichen Vorstellungen. „Gedanken ohne Inhalt sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Sinnlichkeit und Verstand zusammen garantieren unter den Bedingungen von Raum und Zeit (die „reinen Formen der Anschauung“) wahre Erkenntnis. Letztlich ist es aber auch hier die Vernunft, welche die Kategorien bestimmt, nach denen überhaupt etwas erkannt werden kann. Wenn man so will konstruiert sich somit die Vernunft (‚ideal‘, transzendental) des Menschen die eigene Wirklichkeit, die überhaupt als Erkenntnisgegenstand zur Verfügung steht. Damit steht man zugleich wieder ganz nahe bei der realistischen naturwissenschaftlichen Position, die Erkenntnis der Wirklichkeit aus mathematischen Modellen und Kalkülen ableitet und kausal verknüpft. Liegen die Naturgesetze tatsächlich in den natürlichen Dingen selber oder legt mein Verstand sie in die Dinge hinein, um eine Ordnung zu schaffen und Strukturen zu entdecken? Findet oder erfindet der Mensch die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Wirklichkeit? Nicht erst für die klassische skeptische Position ist die Wahrheit und Objektivität der Welt außerhalb meiner selbst durchaus zwiespältig, zweifelhaft. Was ist überhaupt hier Wahrheit? Die Übereinstimmung von meiner subjektiven Erkenntnis mit der objektiven Tatsächlichkeit (Korrespondenz)? Oder die Übereinstimmung meiner Begriffe und Vorstellungen mit dem, was ich als Welt außer mir zu konstruieren vermag (Konsistenz)? Beide Fragesätze könnten die zwei Seiten ein und derselben Problematik sein. Wie verhält sich genau das Drinnen und Draußen, das erkennende Subjekt und die erkannte Welt der Dinge und Tatsachen zueinander? Eine eindeutige und in jeder Hinsicht zufrieden stellende Antwort ist bisher nicht gefunden.

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle - Eigenes Werk (own work) - Wkimedia

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle – Eigenes Werk (own work) – Wkimedia

b) Biologische Problematisierung

Die Frage von Innen und Außen hat einen weiteren recht interessanten biologischen Aspekt. Bislang schien es ziemlich klar zu sein, was ein Lebewesen ausmacht, wie es als solches im Unterschied zu Nicht-Lebendigem zu bestimmen ist. Individuation, Metabolismus und Selbstreproduktion sind dafür wesentliche Bedingungen. Was die Abgegrenztheit zu anderem Lebendigen und Nichtlebendigen betrifft, so scheint die Sache auf der Ebene der Zelle klar zu sein: Die Membrane ist die Grenze zwischen Innen und Außen. Zugleich ist die Zellmembrane die Austauschzone für den Stoffwechsel der Zelle. Die Membrane ist eine durchlässige Grenze zum Zwecke der Lebenserhaltung. Was schon für die einzelne lebende Zelle gilt, trifft in weit größerem Maße für komplexere Lebensformen zu. Bei fast allen Eukaryoten (Lebewesen, deren Zellen einen Kern enthalten) finden sich innerhalb der Zellen Mitochondrien als Organellen, die für die Zufuhr der Energie sorgen („Kraftwerke“). Mitochondrien sind von den Zellen selbst insofern deutlich unterschieden, als sie eine eigene Erbsubstanz besitzen. Man geht heute allgemein davon aus, dass sich die Vorläufer der Eukaryoten mit Bakterien verbunden haben, aus deren Kombination dann die eukaryotischen Zellen als Basis alles höher entwickelten Lebens hervor gegangen sind. Dies scheint ein sehr weit reichendes und erfolgreiches Modell des Lebens zu sein: Lebewesen verbinden sich mit anderen Lebewesen zu einer komplexeren Lebensform, die wiederum eigenständig leben kann. Dies Modell reicht vielleicht noch weiter als bisher gedacht.

Die Vorstellung, das Leben auf der Erde bestehe aus einer Ansammlung wohldefinierter und abgegrenzter Individuen – die allerdings höchst komplex vernetzt interagieren –, ist ein grundlegendes Konzept der Biologie. [Bernhard] Kegels zeigt nun, gestützt auf neueste Erkenntnisse im Schnittbereich von Ökologie, Medizin, Mikrobiologie und Molekularbiologie, dass die geläufigen Vorstellungen von organismischer Individualität überprüft werden müssen. … Was also üblicherweise als Individuum bezeichnet wird, ist eigentlich eine ineinander verschachtelte Struktur verschiedener Lebewesen: Menschen beherbergen zahllose Mikroben im Darm, in der Mundhöhle oder auf der Haut, und diese Mikroben sind wiederum Wirte für Unmengen von Viren, die im Genom von Mikroben und Mensch deutliche Spuren hinterlassen. Wo setzt Evolution nun an? Sind etwa Holobionten, und nicht Gene, Einheiten der Evolution? Solche Fragen werden noch heftig erörtert, und ein Konsens scheint noch in weiter Ferne.“ (Thomas Weber in einer Rezension von Bernhard Kegel, Die Herrscher der Welt: Wie Mikroben unser Leben bestimmen, FAZ 20. Mai 2015)

Auch weniger dramatisch formuliert weist der neue Begriff der „Holobionten“ (Lynn Margulies) darauf hin, dass Lebensformen und Lebewesen in noch ganz anderer Weise für einander durchlässig und konstitutiv sind, als bisher gedacht und wie es durch ‚Netzwerke‘ oder ‚Biotope‘ gekennzeichnet wird. Hier scheint sehr viel mehr Zusammenhang, Interaktion und Durchlässigkeit vorzuliegen. Diese Entdeckungen und Beschreibungen machen die Grenzziehung zwischen lebendigen Individuen zum einen, aber auch zwischen Innen und Außen zum anderen flüssiger. Schon der Stoffwechsel (Metabolismus), der sowohl auf organische als auch auf nichtorganische, mineralische Stoffe angewiesen ist, zeigt die lebensnotwendige Verbindung, sogar Verschränkung (siehe z.B. die Mitochondrien; ganz anders und besonders auch die Korallen) von Lebensformen und Lebewesen miteinander. Im Prozess der Photosynthese werden energiearme anorganische Stoffe zu energiereichen organischen Verbindungen angereichert und zu Bestandteilen des Lebewesens (Assimilation). Nirgendwo sonst im Bereich des Lebendigen wird der Zusammenhang zwischen Lebendigem und Nichtlebendigem so unmittelbar sichtbar. Beide Prozesse zusammen genommen (Fremdstoffwechsel; Assimilation) lassen Lebewesen als holobiontische Systeme entstehen, die sich im engsten Austausch miteinander und mit ihrer Umgebung befinden. Wo ist da drinnen, wo draußen? Im großen menschlichen Organismus ist die Haut die körperliche Schnittstelle zur Außenwelt. Die Haut erfüllt ihre Funktion aber nur, indem sie Kontakt und Austausch mit dem Bereich außerhalb ermöglicht. Auch hier ist das Drinnen und das Draußen keineswegs so klar geschieden, wie es beim ersten Blick den Anschein hat. Vielmehr geht es um einen geregelten ‚atmenden‘ Austausch, um eine bestimmte Wechselfunktion, damit Leben sich vollziehen kann, gerade auch als individuiertes, beim Menschen dann individualisiertes Leben.

c) Die Vermutung dynamischer Komplexität

Die biologische Wirklichkeit scheint von der erkenntnistheoretischen Problemstellung gar nicht weit entfernt zu sein. Das Innen und Außen ist nur auf den ersten Blick eine klare Trennlinie. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und eine Vermutung formulieren, wie der Zusammenhang zwischen beiden Problematisierungen, der erkenntnistheoretischen und der biologischen, aussehen könnte.

Erkenntnis als ein Prozess, Zusammenhänge zu finden, Verbindungen und Unterscheidungen zu markieren und in solch ‚kritischer‘ (lat. discernere = unterscheiden) Weise Wahrnehmung und Bewusstsein zu konstituieren, ist immer zugleich Entdeckung und Stiftung. Im Vollzug der Wahrnehmung und bewussten Verarbeitung von Welt ist das seiner selbst bewusste, körperlich denkende Ich elementar bei sich selber: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft). Schon die Unterscheidung von ‚Ich‘ und ‚Welt‘, von Bewusstsein meiner selbst und Bewusstsein alles anderen ist eine recht theoretische, abstrakte. Sie sieht davon ab, dass Erkenntnis ein einheitlicher, vereinheitlichender und verbindender Prozess des Bewusstseins ist, in welchem ein Einzelnes sich auf die Welt = das um, mit und in ihm Existierende bezieht und zugleich durch diese Beziehungnahme selber allererst als individuelle Einheit konstituiert wird. Kant nennt es die „transzendentale Einheit der Apperzeption“, aber abgesehen von diesem Ungetüm an Begriffen ist der Sinn dieser Aussage nicht nur auf die Logik des Denkens und Erkennens zu beziehen, sondern auf die tatsächliche körperlich gegebene und (zum Teil) bewusste Einheit der Existenz des konkreten Lebewesens Mensch. Der Mensch lebt in der Welt und erkennt sich darin als ein Lebewesen, dessen innere Strukturen und Prozesse körperlicher und organischer Art zugleich die basale  Existenzform seiner ‚geistigen‘ Fähigkeiten sind – als Bedingung und Grundlage, eben auf seine Art wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken, zu erkennen, sich zu äußern, zu leben. Dies ist eher eine integrale Verschränkung, eine verflüssigte dynamische Durchdringung in einer komplex strukturierten Welt-Ich-Existenzform als bloß eine lose Wechselwirkung (Supervenienz) zweier an sich getrennter Gegebenheiten. Hier sind der erkenntnistheoretische und der biologische Aspekt zwei integral differenzierte Seiten eines komplementären Zusammenhangs. Versteht man unter wissenschaftlicher Erkenntnis die Fähigkeit, Formen und Muster zu entdecken, Regularitäten aufzufinden, Kontinuitäten und Diskontinuitäten festzustellen und allgemeine Gesetze mathematisch zu formulieren (vgl. früheren Blogbeitrag), so ist die menschliche Vernunft gerade deswegen dazu fähig und in der Lage, weil sie sich selber in bestimmten Formen und Mustern, Vorstellungen und Empfindungen, Kategorien, Sätzen und Begriffen konstituiert. Dies alles geschieht auf der Basis der Funktionsweise der eigenen Körperlichkeit, insbesondere des Gehirns, das sich seinerseits in dynamischen Mustern und Prozessen organisiert und fortwährend aktualisiert und immer komplexer weiter entwickelt, auch wenn darüber längst noch nicht alles bekannt und verstanden ist. Innen und Außen sind so gesehen tatsächlich ein verschränkter, abgegrenzt-durchlässiger Komplex einer differenzierten Einheit unterschiedlicher Aspekte, sowohl erkenntnistheoretischer als auch biologischer.

Meine Vermutung tut sich sprachlich schwer, weil in jedem Falle ein Gleichgewicht („Fließgleichgewicht“) beider Bezugspunkte von Innenaspekt und Außenaspekt, von Innenwelt und Außenwelt, von Individualität und Sozialität gewahrt sein soll. Wie bereits angedeutet, findet in einer solchen Beschreibung auch der Zusammenhang des Einzelnen in seinem sozialen Umfeld und in den personalen Bezügen eine sinnvolle Erklärung. Ich verweise dabei auf die exzellente Ausarbeitung der sozialen Grundierung des individuellen Bewusstseins in der kommunikativen „Öffentlichkeit“, wie es Volker Gerhardt in angemessener Ausführlichkeit dargestellt hat. Ihm kommt es dabei insbesondere auf die enge wechselseitige Verflechtung des Individuums innerhalb seiner Gesellschaft an im Prozess des Konstituierung von Bewusstsein überhaupt (siehe in seinem Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ Kap. 5: Bewusstsein als soziales Organ). Das trifft sich mit meiner Intention, Innen- und Außenaspekt eines personalen, bewussten Lebewesens, wie es der Mensch ist, als komplementäre Seiten einer komplex-dynamischen Gesamtstruktur von ‚Welt und Bewusstsein‘ zu beschreiben. Meine Vermutung führt diesen Gedanken weiter hin auf eine strukturelle Gleichartigkeit der Beziehungen von Innenwelt und Außenwelt bei einem holobiontischen Lebewesen, wie es der Mensch ist. Bewusstsein und Erkenntnis strukturieren sich womöglich in derselben Weise, wie auch die biologischen Systeme und Prozesse hoch entwickelter Lebewesen Komplementaritäten und Fließgleichgewichte (→ Thermodynamik) erfordern. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Muster gleichen sich.

Jedenfalls dürfte immer klarer werden, dass erkenntnistheoretische Einseitigkeiten und Verabsolutierungen (Idealismus – Realismus – Strukturalismus usw.) ebenso wenig weiter führen wie eine dualistisch-antithetische Behauptung eines Gegensatzes von Natur und Geist. Vielleicht bietet dafür die Herangehensweise über das Verhältnis von Innen und Außen, wie hier versucht, eine bessere Denkmöglichkeit.

Jenseits erstarrter Alternativen

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Nov 192013
 

Vieles in der heutigen philosophischen Debatte ist fest gefahren. Schon muss man fragen: Welche philosophische Debatte meinst du? Die analytische oder die eher (post-) metaphysische? Die strukturalistische, post- oder neostrukturalistische? Die systemtheoretische – und welche dort? Die diskursiv-öffentliche, modern-kritische, post-marxistische? Die mathematisch-logische? Und was ist das, was angelsächsische philosophy of mind als traditionell kontinentale Philosophie tituliert? Schon diese Aufsplitterung, die sich fast beliebig fortsetzen ließe, zeigt an, dass es derzeit gar kein philosophisches Hauptthema gibt, keine Mainstream-Diskussion, an der sich der Stand heutigen Philosophierens verdeutlichen ließe. Dafür gibt es zahlreiche Linien, die sich weniger als Schulen denn als Denkrichtungen „in Anlehnung an … / in Fortführung von…“ verstehen.

Größere Denktraditionen finden wir inzwischen bei den verschiedenen Spielarten des Strukturalismus und erst recht bei der Ausformung systemtheoretischer Komplexe. Und dann ist da an die Stelle einer Philosophie des Geistes die Analytische Philosophie getreten, die im Bereich von Erkenntnis- und Wissenstheorie eine umfassende theory of mind zu entwickeln sucht, im engen Schulterschluss mit den Neurowissenschaften und der empirischen Psychologie. Wie der Strukturalismus französisch geprägt ist, so ist die Analytische Philosophie angelsächsisch bestimmt. Im deutschsprachigen Raum ist am ehesten die Systemtheorie anzusiedeln. Dies schließt ein, dass in allen drei Feldern international und sprachübergreifend gearbeitet und diskutiert wird. Pluralität verschiedenster Denkmodelle ist vielleicht das einzige Kennzeichen einer ansonsten kaum vorhandenen Gemeinsamkeit philosophischer Diskussionen. Quer über die verschiedenen Denktraditionen hinweg versteht man sich auch begrifflich kaum noch, also gibt es auch keinen übergreifenden Diskurs. Die „Schulen“ bewegen sich recht fruchtlos in sich selber.

Ich würde mir einen philosophischen Neuansatz wünschen. Er müsste die erstarrten Alternativen Metaphysik – Geist – Natur – Struktur – System – Gesellschaft – Sprache – Existenz hinter sich lassen. Das Anliegen der mit diesen Begriffen bezeichneten Fragerichtungen sollte aufgenommen werden, denn schließlich gibt es offenkundig ein sachliches Recht, so differenziert und different wie bisher argumentiert zu haben. Dies wird aber kaum in einer bloßen Fortschreibung bekannter Themen und ihrer ‚irgendwie‘ gearteten Verbindung oder Kombination zu leisten sein. Dafür sind die traditionell modernen Ansätze zu gegensätzlich. Es müsste tatsächlich ein ganz neuer Ansatz her, ein neuer Ort, von dem aus, eine neue Perspektive, auf die hin, eine neue Basis, auf Grund derer eben noch einmal neu und anders angefangen, gedacht, gefragt, philosophiert wird. Ich wünschte mir einen neuen Entwurf, vielleicht auch einen neuen „großen Wurf“. Ob eine oder einer, der dies leisten könnte, schon geboren ist, weiß ich nicht.

In einem früheren Beitrag in diesem Blog versuchte ich, „zusammen zu denken, was beim metaphysischen Dualismus auseinander fällt und was beim physikalischen Monismus einseitig verkürzt, “reduziert” wird: die umfassend verstandene Natur (Physis) und den gestaltenden Geist“. Mir wird im Nachhinein bei dieser Formulierung etwas unbehaglich, denn sie bleibt doch offensichtlich den altbekannten Alternativen verhaftet. Es reicht nicht, nur etwas zusammen zu kleistern, ohne eine sachliche und begriffliche Klärung auf einer neuen Grundlage zu bieten. So richtig das Anliegen ist, so unbeholfen sind doch noch die Formulierungen.

Den interessantesten Neuansatz finde ich bei Markus Gabriel, Fachmann in Sachen Skeptizismus. Allerdings hat er bisher dazu nicht viel mehr als eine Skizze vorgelegt unter dem Titel: „Warum es die Welt nicht gibt.“:

Hier kommen wir zurück auf die Unterscheidung von Metaphysik, Konstruktivismus und Neuem Realismus. Die Metaphysiker behaupten, es gebe eine allumfassende Regel und die mutigeren unter ihnen behaupten auch, sie endlich gefunden zu haben. So folgt im Abendland schon seit beinahe dreitausend Jahren ein Weltformelfinder dem nächsten: von Thales von Milet bis hin zu Karl Marx oder Stephen Hawking. Der Konstruktivismus hingegen behauptet, dass wir die Regel nicht erkennen können. Dabei befänden wir
uns in Machtkämpfen oder kommunikativen Handlungen und versuchen in seinen Augen, uns darüber zu einigen, welche Illusion wir gerade gelten lassen wollen.

Der Neue Realismus versucht dagegen konsequent und ernsthaft die Frage zu beantworten, ob es eine solche Regel überhaupt geben könnte. Die Beantwortung dieser Frage ist dabei selbst nicht nur eine weitere Konstruktion. Stattdessen beansprucht sie … festzustellen, was der Fall ist. [S. 21]

Dieser „Neue Realismus“ kann auch als Überwindung des verfahrenen Naturalismus oder Physikalismus gelten, der seinerseits nur eine Spielart einer monistischen Ontologie darstellt. Eine solcher Neuansatz müsste über die fast schon apologetische Entgegensetzung von Geist und Gehirn hinaus führen, die eine Philosophie des Geistes nur als quasi-metaphysisches Substrat der Neurowissenschaft ansieht. Nur – eine Philosophie des Geistes zu behaupten im Gegensatz zu einer physikalistischen Philosophie treibt den Teufel mit Beelzebul aus. Darum: Neuansatz jenseits der erstarrten Alternativen. Was Gabriel konkret zu bieten hat, wäre dann noch eigens zu diskutieren. Vielleicht reicht seine Vielweltentheorie der Sinnfelder noch nicht aus. Aber es ist schon mal ein neuer Anfang. Und genau den fordert ja auch er – philosophisch im besten Sinne.

Schaun wir mal, was daraus wird. Bis ein neuer konsistenter Entwurf vorliegt, müssen wir halt suchen und fragen und begrifflich etwas stottern, wenn uns die überkommenen Systeme, Ideologien und Denkmodelle nicht mehr genügen. Und sie genügen nicht. Das zeigt sich schon daran, dass die vielen philosophischen Diskussionen im Einzelnen so steril und fruchtlos wirken. Ich warte jedenfalls auf etwas Neues, auf nicht mehr und nicht weniger als eine Neue Philosophie.

Aug 062013
 

In einer Diskussionsrunde über Emergenz (Begriff, Geschichte), ergab sich ein kurzer Wortwechsel: „Gibt es Emergenz?“ – „Kommt darauf an, wie man sie definiert.“ – „Ist eine Welt ohne Emergenz nicht arm?“ – „Das ist eine Frage des Weltbildes.“ – „Die Frage ist doch, was wahr ist.“ – „Wahrheit, welche Wahrheit, wessen Wahrheit, inwiefern Wahrheit?“

Offenbar ist die Frage nach der Wahrheit ‚einfach so‘ dumm gestellt. Zu unscharf, unklar, nebulös. Schaut man bei Wikipedia nach, so findet man dort einen langen Artikel über den Begriff Wahrheit in den verschiedenen Disziplinen: Alltagssprache, Philosophie, Religion, Recht, Literatur usw. Für die Philosophie ist die Wahrheitsfrage zwar ein zentrales Problem, aber die Philosophie ist eben nur ein Gegenstandsbereich unter vielen, die sich mit der Frage nach der Wahrheit beschäftigen. Philosophisch gesehen stößt man auf ganz unterschiedliche Definitionen und Richtungen: geschichtlich, logisch, sprachanalytisch, pragmatisch usw. Also kein Wunder, dass der Hinweis darauf, was denn wahr ist, als unklar, unscharf oder gar spekulativ zunächst einmal abgewiesen wird.

Plato - Aristoteles - Avicenna (Wikimedia)

Plato – Aristoteles – Avicenna (Wikimedia)

Mit der berühmten Pilatusfrage „Was ist Wahrheit“ holt man sich nicht nur den ganzen Ballast der Philosophiegeschichte ins Boot, sondern stößt auch in ein Wespennest gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Allerdings machen diese einen erstaunlichen Bogen um diese ‚einfache‘ Frage als solche, im allgemeinen. Nur mit langen Fingern einer definitorischen Eingrenzung zum Beispiel durch die Begriffe Plausibilität, Kohärenz, Performanz, Korrespondenz, Äquivalenz u. ä. vermag man die Wahrheitsfrage anzugehen, mit aller gebotenen Vorsicht, um klar zu bleiben und nicht metaphysischer ‚Spekulation‘ zu verfallen. Das liegt zum einen daran, dass auch der benachbarte Begriff Wirklichkeit (was ist wahr, was ist wirklich?) ähnliche Probleme macht. Scheinbar klar entpuppt er sich, gerade weil er so allumfassend ist, als schwer hantierbar und definierbar. Da ist es schon einfacher, wenigstens fest zu stellen, was denn Dinge, Gegenstände und Tatsachen sind. Ludwig Wittgenstein ist gewiss der bedeutendste und einflussreichste Philosoph der jüngeren Vergangenheit, der hier für begriffliche Klarheit und Distinktheit sorgen wollte: „1. Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ Wegen dieser schönen Klarheit ist sein Tractatus logico-philosophicus (1921) weltberühmt geworden.

Das enthebt uns aber keineswegs der Frage, wie wir es denn selbst heute mit der Wahrheit und der Wirklichkeit halten. Wie stellt sich uns die Welt spät-analytisch, post-strukturalistisch, post-modern, un-systemtheoretisch in Gedanken dar? Haben wir uns mit all den geistesgeschichtlichen, sozialphilosophischen, analytischen, physikalistischen, systemtheoretischen, kontruktivistischen, chaotischen Richtungen vielleicht in Abgründen und Schluchten verirrt, die zwar zu immer weiterer Erkundung und Ausdifferenzierung Gelegenheit bieten, aber nicht mehr zu einem wirklichen Fortschritt geschweige denn Überblick führen? Bei allem Einverständnis vieler Philosophen darin, dass die Zeit der traditionellen Metaphysik endgültig vorbei sei, verästeln sich die Erörterungen philosophischer Themen oft genug in einer Weise, dass die alten Scholastiker demgegenüber geradezu spannend und locker wirken. Vielfach sieht es aus wie ein (universitäres) Glasperlenspiel, das seinen Sinn nur noch in sich selber findet.

Man könnte schlicht vermuten: Vieles, was bisher wichtige / richtige Lösungen versprach, hat sich als trügerisch erwiesen und nur neue Probleme bzw. Problemverlagerungen zuwege gebracht. Es ist nicht nur ein Gefühl, das ein distanzierter Beobachter formulieren könnte, sondern dieser Eindruck ergibt sich aus der Lage der Philosophie selbst: Ihren gegenwärtigen Zustand zu beschreiben ergibt nicht nur ein buntes, sondern eben auch ein sehr widersprüchliches Bild. Was die einen als gesichertes Ergebnis fest halten („Physikalismus, was denn sonst?“), ist für die anderen nahe am Dogmatismus; ist für die einen die Systemtheorie (bzw. eine ihrer Spielarten) der Universalschlüssel, so suchen andere ihr Heil im radikalen Konstruktivismus. Da bietet dann für manche allenfalls Jaques Derrida einen dekonstruktivistischen Ausweg an. Aber kann es das schon sein.?

Der junge Bonner Philosoph Markus Gabriel wagt einen Neuansatz des Philosophierens. „Neuen Realismus“ nennt er es. Seine Schrift „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013) findet nicht nur rasche und breite Aufnahme, sie lockt auch zum erfrischend direkten Mitdenken, Neu-Denken, Neuanfang. (Ein andermal mehr dazu.) Hier soll sie als Beispiel dafür dienen, dass sich die bisherigen Linien und Zuspitzungen philosophischer Arbeit in weiten Teilen der heutigen Philosophie erschöpft haben. Philosophie ist entweder zum reinen Spezialistentum geworden – l’art pour l’art –, oder eben zum festgefahrenen Weltbild geronnen, das keine Alternativen zum eigenen Theorieansatz und Denkgebäude mehr zulässt. Ein Neubeginn jenseits der Strömungen, Richtungen, Schulen der vergangenen 60 Jahre täte wirklich gut. Frischer Wind des Denkens kann manche Gespenster der bornierten Alternativlosigkeit, der philosophischen Orthodoxie und der selbst gewissen -Ismen vertreiben und Philosophie neu beleben.

Genau dazu gehört auch die philosophische Frage nach der Wahrheit, nach der Wirklichkeit, nach der Welt und unserer Erkenntnis: Alte Fragen neu stellen und neue Antworten suchen; Wege mit Denkern gehen, die hierzu Anstöße geben; alte Voraussetzungen verlassen; selbständig denken und andere Lösungen finden. Die Chancen stehen heute gut. Es wird wieder spannend in der Philosophie.