Okt 182018
 

Über Vertrauen, Gründe und Meinungen

Vordergründig könnte man denken: Das Thema ist alt und überholt. Wenn sich hinter den beiden Begriffen eine Alternative verbergen sollte, dann ist diese längst entschieden. Das in der modernen Wissenschaft liegende Wissen hat sich als gültig durchgesetzt, der an Religion und Kirche gebundene Glaube ist nahezu irrelevant geworden. Auch die Hinweise auf eine altehrwürdige Tradition einer etwas ausführlicheren und komplizierteren Verhältnisbestimmung hilft da nicht weiter, wo die Frage selber undeutlich und in jedem Falle unbedeutend geworden ist. Dann bleibt allenfalls ein geistesgeschichtliches Thema für Spezialisten übrig.

Hintergründig ist es allerdings so, dass die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben von erheblicher Relevanz und erstaunlicher Aktualität ist. Gerade weil die Frage bloß hintergründig und daher kaum bewusst ist, kann sie Verwirrung stiften, statt ihr Potenzial zur Klärung zu entfalten. Dabei geht es weder um die Bestreitung des Rechtes und der Dominanz rational verantworteter Wissenschaft noch um die Apologie religiös-kirchlicher Bedeutung, sondern um die Klärung gesellschaftlicher Diskurse, die manche Zeitgenossen beunruhigen und die medial eine gewisse Eigendynamik entfaltet haben. „Fake news“ sind in aller Munde, und die Unsicherheit gegenüber wissenschaftlichen Ergebnissen macht sich nicht nur bei Impfgegnern, Veganern und Anhängern sogenannter „traditioneller“ oder ‘alternativer’ Medizin breit. Für ein vermeintlich aufgeklärtes Zeitalter sind wir in vielerlei Hinsicht erstaunlich unaufgeklärt und beharrlich auf Meinungen fixiert. Es ist vielleicht so, dass „Meinungen“ oftmals an die Stelle von „Glauben“, also von religiösen Überzeugungen getreten sind bzw. derzeit ihre aktuelle Erscheinungsform darstellen. Sind Meinungen in Diskussionen ausschlaggebend, dann ist das Interesse an Faktenwissen bereits verloren gegangen: Was ich glaube und meine, zählt. Aus der Frage nach „Wissen und Glauben“ ist dann der Trend vom Wissen zum Meinen geworden.

Marienposten

Marien-Posten im Sauerland – Traditionalismus pur

Nun könnte man einwenden, dass es sich dabei nur um eine medial aufgebauschte Erscheinung handelt, die Randständiges über Gebühr hervorhebe und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stelle. Sektiererei habe es eben immer gegeben, und fake news ist nur ein aktuelles Schlagwort derjenigen geworden, die eine vermeintlich einseitige und parteiische Presse oder Medienlandschaft kritisieren. Nicht zu leugnen ist natürlich, dass auch Medien, selbst sich als „Qualitätsmedien“ bezeichnende, nie umfassend und völlig ausgewogen sein können, denn was wäre dafür überhaupt der Maßstab? Es genügt dem Anspruch der Neutralität und der Unabhängigkeit vollkommen, sich als Berichterstatter oder Kommentator an das zu halten, was genaues und unvoreingenommenes Recherchieren als Sache und Fakten herausarbeiten kann. Auch das gerät immer wieder unter den Verdacht des Zweifels, oftmals bewusst geschürt im Interesse anderer, offen oder verdeckter Interessen. Wo es um Fakten und Wissen geht, ist der Zweifel nie fern, das weiß am besten die Wissenschaft selbst, die den methodischen Zweifel, die Überprüfbarkeit, die mögliche Widerlegung und den Versuch der Verbesserung zum Prinzip erhebt. Da liegen dann auf einmal Wissen und Glauben, womöglich auch Wissen und Meinen, gar nicht mehr so weit auseinander. Aber es gibt noch eine grundsätzlichere Überlegung zu diesem ambivalenten Zusammenhang.

Das berühmte Böckenförde-Diktum: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ ist viel diskutiert worden, inwiefern es das Eigenrecht der Religion begründe oder inwiefern gerade nicht, wie der Zusammenhang des Zitates wohl nahelegt. In übertragenem Sinn kann dies Diktum auf die Begründung von Wissen und Wissenschaft überhaupt ausgeweitet und angewandt werden. Das Wissen und die Wissenschaft leben von Voraussetzungen, die sie nicht aus sich heraus vollständig begründen können. Man könnte dieses auch als eine Anwendung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes halten: In hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen gibt es immer unbeweisbare Aussagen, und: Hinreichend starke widerspruchsfreie Systeme können ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen. Es mag verwegen erscheinen, diese Grundsätze aus dem Bereich der Logik und der Mathematik, also sehr abstrakten Wissenschaften, auf Politik und Gesellschaft anzuwenden, zumal auf die Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben / Meinen. Nun ist die Wissenschaft als solche kein geschlossenes System, im Gegenteil. Die einzelnen Wissenschaften haben oft ihre eigenen Methoden. Man könnte aber an die den Wissenschaften gemeinsamen Prinzipien der Rationalität, Allgemeingültigkeit und Nachprüfbarkeit verweisen., die weder widerspruchsfrei noch vollständig noch abgeschlossen sein müssen. Darum kann die übertragene Bezugnahme auf Gödel nur als Hinweis darauf verstanden werden, dass unser Wissen als Menschen immer sowohl begrenzt als auch vorläufig ist. Es ist begrenzt dadurch, dass Menschen nie aus ihrer subjektiven Perspektive als Einzelne gegenüber dem Ganzen der Welt, dessen Teil sie doch sind, heraus können. Es ist vorläufig, weil alles Wissen auf Theorien und Annahmen beruht, die bestenfalls wohlbegründet, aber niemals absolut gültig sein können. Das Bessere ist der Feind des Guten.

 Man könnte also im Blick auf die Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit unseres Wissens sagen: Unser Wissen, wie genau auch immer es jeweils begründet und gesichert ist, unterliegt einem ständigen Wandel, dem der Mensch als solcher, als Einzelner und als Menschheit insgesamt unterliegt. Das bestbegründete Wissen und die exakteste Wissenschaft beruhen auf der Voraussetzung des Vertrauens in unsere menschliche Rationalität und Erkenntnisfähigkeit, Wahrheit und Irrtum unterscheiden zu können. Sie sind rechenschaftspflichtig über den Erkenntnisweg, müssen also darüber Auskunft geben, welche Annahmen vorausgesetzt und welche Randbedingungen zu beachten sind. Es gibt keine voraussetzungslose Wissenschaft. Auch alles gut begründete und anerkannte Wissen hängt davon ab, dass Menschen davon überzeugt werden können und dass Ergebnisse allgemeine Zustimmung und Anerkennung finden. Das gilt nicht nur für die gesellschaftliche Öffentlichkeit, sondern genauso für die weltweite wissenschaftlichen Community.

Wir leben letztlich mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen immer auf der Basis von Glauben und Vertrauen. Wer alles bezweifelt wie der klassische philosophische Skeptiker, muss letztlich auch an sich selbst zweifeln und – verzweifeln. Darum gilt auch die radikale philosophische Skepsis praktisch nur eingeschränkt. Als Alltagsmenschen können wir erst Recht ohne guten Glauben und ohne vorausgehendes Vertrauen kaum leben, kaum einen einzigen Tag bestehen. Bestenfalls kann es darum gehen, uns klar zu werden über die jeweiligen Voraussetzungen, Grundannahmen, Prägungen, Vorlieben und Wertschätzungen, die uns als Personen ausmachen und leiten. Dazu können die Religionen und Philosophien helfen, soweit sie dem Menschen dazu dienen, seine Selbsterkenntnis zu fördern und seine Selbstbegrenzung anerkennen zu können. Dazu kann aber vor allem der kritische Umgang mit Wissensansprüchen dienen, die nie ungeprüft übernommen werden dürfen, soweit das jeweils möglich ist. Je wichtiger uns bestimmte Aspekte des Wissens und Arten des Erklärens sind, desto genauer werden wir uns der Vertrauenswürdigkeit, Reichweite und Gültigkeit einer Theorie oder wissenschaftlichen Erkenntnis vergewissern. In medizinischen Fragen ist es deswegen ohnehin üblich, bei schwierigen Entscheidungen mindestens „zwei Meinungen“ einzuholen. Das gilt eigentlich generell, und nur aus praktischen Gründen stützen wir uns meist zusätzlich oder ersatzweise auf unsere Lebenserfahrung.

Das Bemühen um genaues Wissen und um exakte Fakten bleibt unaufgebbar. Subjektivismus und Konstruktivismus, irrationale Willkür und Scharlatanerie sind die zu vermeidenden Gefahren an den Rändern der Wissenschaft. Aber auch die kühnsten Theorien lassen Fragen offen und zeigen sich als unvollständige Theorien und Modelle. Sogar das „Standardmodell“ der Elementarteilchenphysik, bestens bewährt, hat offenbar seine Grenzen. Dennoch sind Rationalität und nachvollziehbare Methodik, Kritik und Aufklärung die einzigen Mittel, Wissen zu erwerben und unsere Welt zu erkennen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass auch unsere Meinungen wohl begründet sind und Vertrauen erwecken. Denn auch Glaube und Vertrauen suchen Erkenntnis und Einverständnis („fides quaerens intellectum“).

Reinhart Gruhn

Nicht Mr. Spock

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Mai 242015
 

[Philosophie]

Die Philosophie befindet sich in einer fragwürdigen Situation. Vielleicht war das schon immer so, aber heute ist es besonders auffällig. Es gibt keine dominierende Richtung (mainstream), es gibt keine ausgeprägten Schulen, es gibt keine übergreifende Gemeinsamkeit der Grundannahmen, es gibt noch nicht einmal eine Übereinstimmung in der Methodik. Von daher könnte es schwierig sein, überhaupt den Gegenstand von Philosophie zu bezeichnen. Eben so wenig ist eine klar gestellte Aufgabe oder ein zu erreichendes Ziel benennbar. Es gibt vielerlei Ansätze, es gibt die unterschiedlichsten Anknüpfungen, es gibt sehr verschiedenartige Aufgabenstellungen. Würde man Philosophen innerhalb unseres Wissenschaftsbetriebes nach ihrem Selbstverständnis fragen, so erhielte man vermutlich eben so viele Standpunkte und Einschätzungen wie diejenigen, die Auskunft geben.

Das schien vor einigen Jahren noch anders zu sein. Philosophie konnte sich in weiten Teilen als Sprachphilosophie verstehen. Ihre Methodik war analytisch, und ihr Ziel war es, gewissermaßen eine Hintergrundtheorie zu liefern für die erfolgreichen Erkenntnisse der Naturwissen­schaften. Auch Philosophie sollte sich formal, mathematisch und logisch am Erfolgsmodell der Naturwissenschaften orientieren. Metaphysik wurde obsolet, Wahrheit entsprach mehr empirischer Überprüfbarkeit bzw. Widerspruchsfreiheit. Das nun zugrunde gelegte Weltbild war materialistisch und physikalistisch, der Mainstream hieß Naturalismus. Wenn ich in der Beschreibung die Vergangenheit verwende, so soll damit nicht gesagt werden, dass diese grob umrissenen Positionen nicht mehr aktuell wären – sie sind es immer noch -, sondern dass sie an Überzeugungskraft und damit an Bedeutung verloren haben. Vielfältige andere Positionen, Weiterentwicklungen, Abwandlungen und Mischformen bisheriger Theoriekonzepte sind aufgetreten, dezidiert metaphysische Konzepte werden erneuert und modifiziert. Sogar die Frage nach „der Wahrheit“, nach dem Absoluten, ist wieder möglich.

Dass die Situation der Philosophie dennoch fragwürdig bleibt, wird auch daran deutlich, dass es eine Vielzahl von Segmenten, akademisch gesehen von Fachgebieten gibt, in die sich heute Philosophie auffächert. Erkenntnistheorie, Epistemologie, Wissenschaftstheorie, Pragmatik, Ethik, Sprachphilosophie, dann die Vielzahl der „Philosophien der …“ (Geschichte, Mathematik, Kunst, Religion, Musik, Politik) weisen auf die unterschiedlichen Sparten hin, in denen sich Philosophie ausdifferenziert hat. Hinzu kommen Typisierungen und Schablonen, die auf unterschiedliche theoretische Rahmenbedingungen und Grundannahmen verweisen wie Konstruktivismus, Positivismus, Empirismus, Realismus, Idealismus, Monismus, Dualismus, Funktionalismus, Computationalismus, Systemtheorie usw.. Die Liste ist nicht vollständig, zeigt aber die kaum übersehbare Breite und Differenzierung philosophischer Ansätze und Thematiken, die dem hohen Grad der Individualisierung der Vertreter philosophischer Meinungen zu entsprechen scheint. Gemeinsam ist vielen Positionen nur die Behauptung, dass der / die andere falsch liegt.

Man könnte weiter fragen, wer denn zu den repräsentativen Philosophen gehört: Die an den Universitäten und anderen Forschungsstätten angestellten Wissenschaftler des Fachbereichs Philosophie? Oder sind auch Soziologen, Psychologen, Historiker, Religionswissenschaftler, Informationstechnologen, Kunstgeschichtler, Literaturwissenschaftler hinzuzurechnen? Was ist darüber hinaus mit den „freien Geistern“ nicht institutionalisierter Wissenschaft und Philosophie, die sich in Büchern, Vorträgen, Publikationen im Internet usw. zu Wort melden? Was mit Feuilletonisten und an philosophischen Dingen interessierten Journalisten und Publizisten? Fragt man nach der Philosophie, wie sie in der Öffentlichkeit vorkommt und wahrgenommen wird, wie sie sich dann auch zum Teil als öffentliche Meinung bildet und Grundauffassungen einer Zeit widerspiegelt, dann wird das Bild noch viel bunter und bewegter, von den ausufernden Rändern lebenskundlicher Ratgeber, esoterischer und mystischer Schriften und Praktiken ganz zu schweigen. Man mag darin manche Strömungen eines Zeitgeistes erkennen, einer Modeerscheinung oder eines Hypes wie bei bestimmten Verschwörungstheorien. Tut man dies als „nicht ernsthaft“ ab, blendet man vieles aus, was die Meinungen der Menschen unserer Zeit dennoch prägt und bildet. Philosophie ist zum einen wissenschaftlich-elitär, zum anderen breit gestreut als Sache und „Ding“ eines jeden, der sich dafür interessiert.

Die Situation der Philosophie bleibt also fragwürdig in dem Sinne, dass man immer wieder mit der Frage anheben muss, was denn Philosophie überhaupt sei, womit sie sich beschäftige, was ihr Gegenstand und ihre Aufgabe sei. Es gilt also, das philosophische Fragen und Denken einzugrenzen, damit es überhaupt mit einer gewissen Strenge und Konsistenz betrieben werden kann und nicht der Beliebigkeit verfällt. Mir scheinen dafür zwei Grundanliegen wesentlich zu sein.

1. Philosophisches Denken und Arbeiten hat nach rationalen Regeln zu verfahren. Das ist schon allein der Verständlichkeit, der Nachvollziehbarkeit, der Überprüfbarkeit auf Konsistenz und Plausibilität geschuldet. In philosophischer Argumentation wird es um Gründe gehen, die gerechtfertigt und auf ihre Konsequenzen hin ausformuliert werden müssen. Voraussetzungen, Grundannahmen („Aprioris“) ebenso wie Intuitionen und Vermutungen gilt es als solche zu benennen. Auch wenn ein neuer Gedanke erst einmal nur so, vorläufig und ungesichert geäußert wird und natürlich so ungeschützt vorgetragen werden kann, weil er sich einfach in einer bestimmten Diskurs- oder Problemsituation aufdrängt, dann muss er sich daraufhin doch der kritischen Prüfung, der Rückfragen nach Begründungen und Zusammenhängen stellen. Nur so kann sich im Prozess der Diskussion herausstellen, was möglicherweise daran ist, wieweit ein neuer Gedanke tragen könnte usw.. Rationalität im Verfahren ist deswegen unverzichtbar, um Kommunikationsfähigkeit zu erhalten und Begründungen und Rechtfertigungen geben zu können. Dies gilt generell, umso mehr dann, wenn bisherige Fragerichtungen verändert und Rahmenannahmen neu bestimmt werden. Der klügste Gedanke ist wenig wert, wenn er nicht nachvollziehbar ist. Das betrifft dann auch eine verständliche Sprache mit hinreichender Klarheit der verwendeten Begriffe. Zu einem fruchtbaren Gespräch zwischen unterschiedlichen philosophischen Positionen und Meinungen kann es nur dann kommen, wenn die Basis vernünftigen Denkens und Argumentierens in sachdienlicher Strenge nicht verlassen wird.

Mr. Spock - flickr

Mr. Spock – flickr

2. Rationalität ist nicht alles. Die „andere“ Seite kommt nicht erst als ein Zweites dazu, wenn man an die subjektiven Bedingungen des Arbeitens, der Befindlichkeit, des Geschmacks, der Gewohnheit usw. denkt. Das Nicht-Rationale, Emotionale, Spontane, Kreative, Intuitive, das Körperliche, das Gerade-so-Dransein gehört von Anfang an dazu, wenn gedacht, argumentiert, philosophiert wird. Es geht also nicht nur um das, was in einem Teil der heutigen Diskussion als Verkörperlichung, Embodyment, betont wird als eine besondere Charakterisierung psychischer Zustände, sondern um das offenkundige und ausdrückliche Geltenlassen und Berücksichtigen trans-rationaler Motive, Stimmungen und Vorstellungen, die ständig im – ja, was nun eigentlich? – Hintergrund, Vordergrund, Untergrund … des Denkens aktiv sind. Dies ist ein wesentlicher Aspekt, auf den vielleicht auch der Pragmatismus und interne Realismus bei Hillary Putnam zielt. Für rational geprägtes Argumentieren gilt dasselbe wie in der Psychologie des Lernens: Wenn man Signal-Lernen, Lernen durch Erfahrung, Modell-Lernen und Lernen durch Einsicht (Giesekus) unterscheidet, so wird sich im Konfliktfall verschiedener Anwendungssituationen stets die einfachste, basale Lernform durchsetzen – und das ist nicht die Einsicht, nicht die rationale Erkenntnis. Ganz einfach und zugespitzt könnte man sagen, dass das Gefühl beim Denken immer eine wesentliche Rolle spielt, und dies eben der Natur der Sache nach unbewusst. Ein rationaler Prozess der Diskussion sollte auch diese besondere Art von „Randbedingungen“ ins Bewusstsein heben und berücksichtigen. Insofern ist es durchaus gerechtfertigt, wenn einem gefühlsmäßig eine bestimmte philosophische Argumentation oder Position zunächst einfach mehr zusagt als eine andere – und man sich erst im zweiten Schritt um die Gründe und Plausibilität dafür bemüht.

Menschen sind eben nicht Mr. Spock. Es tritt auch nicht nur etwas Emotionales, Impulsives hinzu wie in der Filmfigur des Capitain Kirk. Der rational argumentierende Mensch ist zugleich und in einem der emotionale, durch Vor-Bilder geprägte, lebensweltlich und situativ bestimmte Mensch. So, als solcher kann er auch darüber nachdenken und wissenschaftlich Rechenschaft ablegen, was ihm als das Wichtigste seiner Lebenswelt in der Philosophie Gegenstand der Beschäftigung wird. Denkformen sind verbunden mit Sprachwelten, Lebensweisen und Leidensgeschichten. Erst sie bringen manche Theorie recht zum Leuchten.

Ratio

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Okt 022014
 

Rationalität – wider den Hang zum Irrationalen

[Philosophie]

Die Ratio ist der Verstand, bewusst genutzt. Gebräuchlicher ist das Adjektiv rational, das wörtlich „verstandesmäßig“ bedeutet. Wir gebrauchen es aber ähnlich wie das Substantiv Ratio in einem engeren Sinn. Mit rational meinen wir „nach den Regeln der Vernunft“. Auch ein gestresster oder verwirrter Verstand arbeitet ja als solcher, vielleicht sprunghaft, assoziativ oder emotional, aber nach unserem Wortverständnis eben nicht mehr rational, nicht nach den Regeln der Vernunft. Die Regeln rationalen Denkens sind sehr einfach: Klarheit, Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit. Genaueres wird in der Logik erörtert. In ihrer ältesten und bekanntesten Form wurde sie schon von Aristoteles beschrieben: Mit den Sätzen der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten. Rational ist für uns darum das, was logisch klar ist. Bestätigen wir in einer umgangssprachlichen Antwort: „Logisch!“, dann meinen wir, dass sich etwas vorher Gesagtes eindeutig und klar so verhält.

Eine weitere Facette von „rational“ kommt in „sachlich“ zum Ausdruck. Im Gespräch sachlich zu bleiben heißt eben, sich nicht von Emotionen oder Interessen beeinflussen zu lassen, sondern bei der Sache zu bleiben, um die es im Gespräch geht. Dann ist der Gesprächsverlauf rational, das heißt nun sachgerecht, begründet und regelgeleitet. Aussagen bedürfen vernünftiger, nachvollziehbarer Gründe, wenn die Erörterung sinnvoll und zielorientiert verlaufen soll. Ohne Zweifel ist es ein enormer Vorzug, im vernünftigen Gespräch Dinge rational und sachlich zu erörtern. Eine solche Vorgehensweise des Verstandes ist das Ideal beim Meinungsaustausch, bei Problemlösungen und bei der Entscheidungsfindung. Anwendungsfälle finden sich in fast allen Bereichen des Lebens, in denen es um sprachlich-kommunikative Verständigung geht, sei es geschäftlich, politisch, wissenschaftlich, sei es also beruflich oder privat. Besonders innerhalb wissenschaftlicher Diskussionen ist das Gebot rationaler Argumentation von höchstem Wert, sieht sich doch die Wissenschaft selber an die Regeln der Vernunft gebunden. Allgemeingültigkeit, Überzeugungskraft, Plausibilität und Wahrheit ihrer Erkenntnisse und Aussagen kann sie im jeweiligen Fachbereich nur gewinnen, wenn der Gegenstandsbezug klar ist und die Beschreibungen in einer von allen nachvollziehbaren Form erfolgen. Nur dann kann allgemein verständlich und also vernünftig, „rational“, argumentiert, zugestimmt oder mit Gründen widersprochen werden.

Leukipp (Wikimedia)

Leukipp (Wikimedia)

Scheint also die Ratio einen obersten Wert in einem Kommunikationsverlauf zu beanspruchen, so erleben wir das im praktischen Leben doch recht anders. Natürlich verlaufen private Gespräche, wenn sie leidenschaftlich geführt werden, nicht immer rational, sondern sehr emotional. Natürlich werden in Geschäftsgesprächen Interessen offen oder eher verdeckt eingebracht. Natürlich sind politische Diskussionen nie frei von Überzeugungen, Vorurteilen, Interessen und Absichten, also auch emotional, es wäre sonst wirklich zu langweilig. Man kann dann nicht jeden Satz begründen, man wird den Gegner im Gespräch auch nicht unbedingt so verstehen, wie er vielleicht verstanden werden will, sondern wie er gerade auch noch verstanden werden könnte, – ein oft bewusstes, argumentativ-strategisches Missverstehen. Und natürlich sind wissenschaftliche Diskussionen in Zeitschriften, Büchern und auf Kongressen keineswegs frei von Eitelkeiten, Vorurteilen und bisweilen bewussten Verständnisblockaden. Die gehässigsten „Argumente“ findet man oft in den Fußnoten oder Nebenbemerkungen. Rational ist hier wie auch sonst in Gesprächen oft nur die Form und die Fassade.

Mit der Ratio ist es also so eine Sache. Wir schätzen und loben sie, aber wir folgen ihr nicht immer, nicht einmal dort, wo wir der Rationalität in besonderer Weise verpflichtet wären. Emotionen und Interessen (Wünsche, Absichten, Begehren) sind ein integraler Bestandteil der Person, und ohne sie ist auch der Verstand nicht zu haben. Emotionslos sachlich und rational zu argumentieren oder sich so zu verhalten, ist eine Abstraktion, die uns als Menschen, so wie wir von Natur aus sind, ziemlich vollständig abgeht. Die Hirn- und Bewusstseinsforschung zeigt uns sehr deutlich, dass wir mehr von der Amygdala als von der Logik geleitet werden. Emotionslose Logiker gibt es nur in der Sciencefiction (Mr. Spock). Dass wir als Menschen so sind, wie wir sind, also stets emotional und rational zugleich, ist nicht zu ändern und sollte es auch nicht sein: Es gehört zu unserem Personsein unveräußerlich dazu. Werte und Ideale sind ohne Leidenschaft kaum zu verfolgen und kaum zu verstehen. Vertrackt wird es nur dort, wo wir Rationalität beanspruchen und behaupten, ohne uns über die darin eingeflochteten Emotionen und Interessen Rechenschaft abzulegen. Kritische Rationalität beginnt also mit Selbstkritik. Erst so kann die Ratio für uns zum unentbehrlichen und kaum zu überschätzenden Teil des persönlichen Lebens, des Erkennens und Wissens werden.

Nun gibt es allerdings Bereiche des Lebens und der Wirklichkeit, die sich der Ratio entziehen, oder sagen wir besser, die sich der Ratio nie ganz erschließen: Liebe und Leidenschaft im persönlichen Bereich, Kunst, Religion und Tradition im öffentlichen, sozialen Bereich. Damit soll nicht gesagt sein, dass zum Beispiel die Kunst per se irrational ist, keineswegs. Der Zugang zu einem Kunstwerk wird aber nie nur rational sein können. Die Ratio als etwas Normierendes kann das Kreative, das Künstlerische nie ganz erfassen und erklären, bisweilen wird sie es sogar völlig verfehlen. Selbst etwas so Künstlerisch-Rationales wie eine Bach-Fuge erschließt sich nicht in ihrem formstrengen Aufbau, sondern erst im Klangerlebnis. Ähnliches gilt für die Religion, die das, was „höher ist als alle Vernunft“, bewusst und mit Absicht thematisiert. Ähnliches gilt auch für den Lebensbereich, den ich Tradition genannt habe. Damit meine ich ein vertrautes Umfeld, eine Einbettung des eigenen Lebens in bestimmte soziale Zusammenhänge und Bräuche, in Familienstrukturen und Erwartungen bei Freunden und Bekannten, die stets auch das eigene Verhalten beeinflussen, bisweilen prägen und bestimmen können. Sie müssen nicht vernünftig begründet werden, sie sind gegeben und werden vorgefunden. Das Unhinterfragte ist ja gerade das Vertraute. Vertrauen kann verloren gehen, wenn Unsicherheit und Fragen auftauchen. Dann beginnt eine neue Orientierung, manchmal eine neuer, eigenständiger Weg. Aber auch Tradition erfüllt neben der Kunst und der Religion Funktionen, die mit rationalen Maßstäben allein nicht erfasst und aufgeklärt werden können, ja die ausdrücklich eine Eigenständigkeit und ein Eigenrecht neben aller Vernünftigkeit und Sachlichkeit fordern. Sie formen uns oft in unserer Persönlichkeit mehr als alle vorgebliche Rationalität.

Dies ist alles gewiss richtig, – das Leben wäre arm, wenns nur vernünftig wäre, und wie heißt es so schön? Man muss auch einmal fünfe gerade sein lassen – gegen alle Vernunft. Aber dass wir so sind und auch so unüberlegt spontan, emotional geborgen und kreativ begeistert leben möchten, ändert nichts an dem hohen Wert der Ratio. Manch spontaner Entschluss wird später bereut, manche Ausgelassenheit ist einem später nur noch peinlich. Rationaltät verhindert Fehler nicht, aber sie kann mir die Risiken meines Verhaltens und Entscheidens bewusst machen. Und das ist schon eine Menge, Dinge vernünftig abzuwägen, selbst wenn am Ende ein unbewusster Impuls (die Amygdala!) den Ausschlag gibt. Noch mehr gilt das Gebot der Rationalität im sozialen und öffentlichen Leben. Überall da, wo es um Entscheidungen geht, die viele und vielleicht auch mich betreffen, muss ich nach Gründen fragen, nach Zusammenhängen, nach Interessen, nach Information und möglicher Desinformation. Erst recht gilt dort, wo es um die Erfassung und Erklärung, um die Behandlung und technische Bewältigung von Mensch und Welt geht, die Pflicht zur Offenlegung verantwortlicher Rationalität. Dies mag im Politischen besonders schwierig sein, aber in der Wissenschaft, bei der Erkenntnis der Wirklichkeit, gilt das Gebot der Rationalität in ganz hervorgehobener Weise. Dass es mehr Dinge gibt, als unser Verstand erfasst, bedeutet nicht, dass also doch die Nacht herrsche, in der alle Katzen grau sind. Vorurteile, Scharlatanerie, ideologische Scheuklappen sind eben wahrhaftig kein Ersatz für Wissenschaftlichkeit, auch wenn diese immer wieder Mängel haben mag. Redliche Sachlichkeit, eine Ratio, die Gründe und Regeln fordert und nur Argumente gelten lässt, schützt gegen den Einfall eines neuen Hangs zur Irrationalität. Wer Wissen und Wissenschaft als „Schulwissen“ verunglimpft, öffnet den Ideologien und Rattenfängern Tor und Tür.

Die Ratio ist nicht alles, aber sie ist das Höchste und Beste, was wir Menschen besitzen. Nützen und schützen wir sie!

Ratio – Rationalität

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Jun 192013
 

Unsere Vernunft, die Ratio, ist ein mächtiges Werkzeug. Sie stellt Möglichkeiten bereit, die Welt als geordnet zu erkennen und mit Hilfe fester Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben. Seit mehr als zwei Jahrtausenden, jedenfalls solange wir schriftliche Zeugnisse haben, stellen Menschen ihre Vernunft in den Dienst der Welterkenntnis. Zunächst einmal war die Entwicklung der Ratio ein überlegenes Instrument zur Sicherung der Existenz und des Fortbestandes der eigenen Art. Beim Nahrungserwerb (Jagd, Ackerbau), bei der Behauptung und Verteidigung von geeignetem Lebensraum und bei der Nutzung von Vorteilen für die eigene Gruppe (Familie, Clan) konnte vernünftiges Handeln durch das Verfolgen von Strategien und durch Zweck-Mittel-Abschätzung das Erreichen von gewünschten Zielen sichern. Aber zugleich erwies sich die Vernunft auch als ein unerhört mächtiges Mittel, die Welt zu erkennen und ihre Ereignisse zu begreifen. Im Verlauf der Geschichte setzte sich die Vernunft immer mehr als einziges Mittel, als einzig legitime Weise der Welterkenntnis und der Weltbemächtigung durch. Ihr steht das magisch-symbolische Weltverhältnis gegenüber, wie es sich unter anderem in Religionen Ausdruck verschafft. Aber dieses „Verhalten zur Welt“ hat seinen ursprünglichen Anspruch, zugleich auch die Welt in ihrem Wesen zu erkennen, weitgehend eingebüßt. Die Vernunft hat heute das Monopol, das Funktionieren der Welt angemessen zu beschreiben. Sie tut dies mit Hilfe der unterschiedlichen Wissenschaften, die methodisch nachprüfbar die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Welt- und Lebensbereiche aufzuweisen suchen. Die wissenschaftlich geschulte und methodisch eingesetzte Vernunft ist dabei ungeheuer erfolgreich gewesen. Sie ist sozusagen der dickste Knüppel, um dem großen Sack der Geheimnisse dieser Welt zu Leibe zu rücken. Der universale Anspruch der Vernunft auf Welterkenntnis und Welterklärung und in der Folge auch auf Weltbemächtigung besteht also aus guten Gründen. Die Ratio ist schlicht die erfolgreichste „Allzweckwaffe“ des homo sapiens.

Ein Problem besteht nun nicht darin, dass dadurch die religiös-mythologische Weltdeutung entwertet würde. Diese behält ihren Platz und ihr Recht durchaus in ihrem eigenen Bereich der unmittelbaren, emotional-sensitiven Welterfahrung. Wer die Bedeutung der Emotion, Empathie, Sensibilität verkennt, übergeht einen wesentlichen Bereich menschlichen Lebens, wie er sich etwa in Mystik und Kunst ausdrückt. Das Problem besteht vielmehr im Gebrauch der Ratio selber. Zu fragen ist nämlich nach der Rationalität der machtvollen Ratio, – ersichtlich eine Metafrage. Welches sind die Bedingungen und Grenzen der Aussagekraft vernünftiger, d.h. wissenschaftlicher  Theoriebildung? Was können sie erklären und beweisen? Karl Popper hat in seinem „kritischen Rationalismus“ die Auffassung vertreten, jede wissenschaftliche Erkenntnis beruhe darauf, durch Falsifizierung unzureichende Theorien auszuscheiden und auf diese Weise ex negativo der Wahrheit näher zu kommen. Dies erklärt heutige wissenschaftliche Verfahrensweisen aber nur zum Teil. Denn de facto will Wissenschaft stets beweisen, also eine positive Aussage über Existenz, Struktur, Funktion usw. machen. Versuche am CERN wollen ja gerade nicht die Unmöglichkeit des Higgs-Bosons, sondern seine Existenz nachweisen, um die bisher geltende Theorie der Teilchen und ihrer Wechselwirkungen zu bestätigen. Nach dem, was man liest, scheint das auch nahezu gewiss gelungen zu sein. Unter Physikern besteht daher die Zuversicht, auf einem guten Wege zu einer GUT (Grand Unified Theory) zu sein, die die Gesamtheit der Elementarteilchen ebenso umfasst wie die drei bzw. vier kosmischen Grundkräfte (die Gravitation kann man als vierte Kraft bisher noch nicht mit den drei anderen vereinheitlichen). Letztlich geht es bei einer GUT oder gar bei einer TOE (Theory of Everything) immer um eine Rückführung (lat. reductio) der Vielfalt der Erscheinungen und Ereignisse auf wenige einfache Grundgegebenheiten: Teilchen, Kräfte, Strukturen, Gesetze. Ziel ist die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Komplexität auf der oberen Ebene der Wirklichkeit (Makro-Ebene) durch Reduktion auf die Grundgegebenheiten auf der untersten Ebene (Mikro-Ebene, hier Teilchenphysik). Der so erfolgreiche Reduktionismus ist daher faktisch zum leitenden Erkenntnisprinzip geworden.

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Dies Verfahren setzt sich ebenso erfolgreich in anderen Bereichen der Wissenschaft durch. So versuchen die Neurowissenschaften, die Phänomene und Funktionen der geistigen Tätigkeiten auf ihre neuralen Grundlagen zurück zu führen. Auch hier gibt es gewaltige Erkenntnisfortschritte. Die analytische Philosophie angelsächsischer Prägung ist intensiv damit beschäftigt, die empirischen neurologischen Befunde und die biophysischen Theorien auf der Ebene einer Theorie des Geistes (theory of mind) zu verarbeiten. Auch hierbei hilft die Methode der Reduktion, die Vereinfachung und Rückführung in diesem Falle geistiger Fähigkeiten auf ihre neurale Basis (Korrelate) erfolgreich darzustellen. Grundlage des Reduktionismus ist stets ein methodischer (und meist auch ein ontologischer) Materialismus. Wir „sind“ mit unserer Ratio nichts anderes (‚nothing but‚) als Strukturen und Funktionen eines ungeheuer komplex-molekularen Zusammenhangs von Nervenzellen, so wie der Mensch als Ganzes Resultat eines Zusammenspiels biophysischer Strukturen und Prozesse ist. Noch einmal: Dies Verfahren und diese wissenschaftliche Methode ist unglaublich erfolgreich. Der ontologische Reduktionismus ist im Ergebnis jedem metaphysischen Dualismus überlegen.

Das Problem ist aber dadurch nicht beseitigt. Das Problem ist so komplex, wie die Sache, um die es geht. Das Problem besteht darin, dass man zum rationalen Erkennen und Begreifen von Erscheinungen in der Welt jeweils ein Modell braucht, eine erste Theorie, aufgrund derer überhaupt erst Hypothesen aufgestellt, Experimente durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen werden können. Jedes Theoriemodell beruht auf bestimmten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Prinzipien. Besser ist es, sie offen zu legen, aber oftmals scheinen diese Prinzipien so selbstverständlich zu sein, dass darüber kein Wort verloren wird. Die wissenschaftlich formulierte, rational begründete Theorie, welche auch immer, geht von etwas aus und zielt auf etwas anderes ab. Das, worauf abgezielt wird, ist stets davon abhängig, was man als Ausgangspunkt gewählt hat. Im logischen Schlussverfahren ist eine petitio principii ‚verboten‘, weil vorausgesetzt wird, was zu beweisen ist. Wissenschaftliche Theoriebildung aber verfährt grundsätzlich auf der Basis einer petitio principii: Die Voraussetzung, der Geltungsrahmen und die angenommene Funktionsweise (Gesetzlichkeit) bestimmen das Ergebnis. Dies ist kein Verfahrensfehler. Dies ist innerhalb wissenschaftlicher Theoriebildung unvermeidlich. Die angenommenen Voraussetzungen mögen plausibel und gut begründet und bewährt sein, sie sind letztlich nicht ableitbar und werden von der theoretischen Vernunft (voraus) gesetzt. Zumindest sie selbst, die Funktionsweise der Ratio selbst, muss voraus gesetzt werden. Und welcher Art Ratio dann angewandt wird, kann  auch noch einmal streitig sein (deduktiv, intuitiv, inferentiell). Geht man von der Möglichkeit erkenntnismäßiger Reduktion als Weg zur Welterkenntnis aus, dann werden auch nur Ergebnisse folgen und anerkannt werden, die dem reduktiven Ziel entsprechen. Der Schritt von der epistemischen zur ontologischen Reduktion ist dann nur noch ein kleiner, wenn nicht unmittelbar das Erkannte selbst als wirklich fest gestellt wird.

Ein zweiter Aspekt des Problems betrifft das Verfahren, komplexe Verhältnisse auf der Makro-Ebene durch einfachere Verhältnisse auf einer Mikro-Ebene reduktiv zu erklären. Vorausgesetzt wird dabei, dass bei diesem Wechsel der Ebenen  nichts verloren geht. Der Einwand bezieht sich nicht nur auf den bekannten Satz des Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, indem ein zusammen gesetztes Ganzes anders funktionieren könne als jedes seiner Teile. So formuliert ist es eine Trivialität. Natürlich ist zum Beispiel eine mechanische Uhr funktional „mehr“ als bloß die Einzelfunktion ihrer Zahnräder und Federn. Das Entscheidende des Problems liegt darin, dass jede Ebene der Wirklichkeit ihre eigenen Organisationsprinzipien und Funktionsgesetze hat. Beim Wechsel der Ebenen, bei der Reduktion also von oben nach unten, wird auf jeder Stufe von den Funktionszusammenhängen, also von der essentiellen Organistaionsweise der nächst höheren Stufe abgesehen. Betrachtet man in der Molekularbiologie die Arten und Strukturen der vorfindlichen Moleküle, so arbeitet man innerhalb eines ganz anderen Bezugsrahmens als zum Beispiel der Zellbiologe, der die Verhaltensweise von Zellen und Zellverbänden untersucht. Die jeweilige Ebene der wissenschaftlich erforschten Wirklichkeit hat ihre eigene spezifische Organisation und Funktionalität, die auf der reduktiv darunter liegenden Ebene bewusst ausgeblendet wird, sonst wäre ja keine vereinfachende Reduktion erreicht. Die Frage ist aber, ob bei dieser Reduktion nicht gerade das Entschiedende, Spezifische der höheren Koomplexitätsebene verloren geht, dass somit also durch die Reduktion gar nicht mehr die zunächst untersuchte Entität (das vormalig organisierte „Ganze“) in den Blick kommt. Auch dies ist kein methodischer Fehler, sondern liegt in der Sache des reduktiven Ansatzes selber begründet. Dass auf der unteren basalen Ebene der untersuchte Gegenstand / Prozess noch derselbe ist wie der komplex organisierte, bleibt bloße Behauptung. Am Beispiel Hirnforschung: Dass ich durch die Rückführung der geistigen Prozesse auf neurale Funktionen tatsächlich noch die geistigen Funktionen und nicht irgendein anderes Substrat vorfinde, bleibt Behauptung. Sie liegt bereits im Ansatz (petitio) der wissenschaftlichen Methode des Reduktionismus begründet.

Schließlich: Kann rationales Denken auch anders als reduktionistisch verfahren? Kann es andere Wege wissenschaftlich erfolgreicher, d.h. erklärungsfähiger Methoden geben, die der auf jeder Ebene zunehmenden Komplexität und Organisation der höheren Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden? Danach wäre zu suchen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat durch seine Interpretation des Entropiegesetzes als stete Zunahme von Information, also insbesondere durch Organisation und Struktur, einen interessanten Weg gewiesen – ein Ball, der in der Wissenschaftstheorie bisher kaum aufgenommen worden ist. Die Suche nach Alternativen in Ansatz und Methodik ist deswegen unerlässlich, weil es die Bedingungen der Ratio sind, dass jede Methodik eine ‚einseitige‘ Festlegung beinhaltet. Dieser rationalen Grenze der Rationalität lässt sich nicht entkommen, aber man kann ihr entgegenwirken durch eine Vielfalt der Methoden, also der Wege, die Welt vernünftig zu begreifen und zu gestalten. Wissenschaft braucht Pluralität, um nicht ideologisch zu versteinern. Der bisherige Siegeszug des Reduktionismus und des wissenschaftlichen Materialismus beruht in der Tat auf grandiosen Ergebnissen. Diese allein rechtfertigen aber nicht, die Rückfrage nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu unterlassen, die der jeweiligen Theoriebildung zugrunde liegen. Wer weiß, vielleicht bringt einmal eine mehr (ja, wie soll ich es nennen?) „synthetische“ Herangehensweise zum Verständnis von Komplexität noch bessere und adäquatere Ergebnisse. Schließlich wären große wissenschaftliche Erkenntnis ohne die Intuition ihrer Entdecker *) kaum wirklich geworden.

*) Es gab einen schönen Vortrag von Ernst Peter Fischer, Die Nachtseite der Wissenschaft, als DVD leider vergriffen.