Apr 232017
 

Letztlich ist alles Physik. Richten wir den Blick auf die basalen Gegebenheiten in unserer Welt, so landen wir stets auf der physikalischen Ebene. Anthropologie? Beruht auf Biologie einschließlich einer darüber supervenierenden mentalen Ebene. Biologie beruht auf Biochemie und Thermodynamik – plus Emergenz. Chemie insgesamt ist ein ‚emergenter‘ Bereich, der sich auf der Physik aufbaut. Unter allem liegt die Physik mit Raum-Zeit-Punkten und wirkungsvollen Feldern. Darunter gibt es nichts mehr (außer vielleicht strings, aber die sind aus der Mode gekommen). Allerdings ist es schwierig, diese basale Ebene der Physik, nämlich Raumzeit und Felder, genauer zu bestimmen, von Materie und Energie ganz zu schweigen. Was Materie und Energie eigentlich sind, kann man nämlich nicht sagen, sie sind eben wechselseitig da. Felder und die Raumzeit hängen ja auch zusammen, ist die Raumzeit doch ihrerseits ein gravitatives vielfach ‚gekrümmtes‘ Feld. Was ein Feld eigentlich ist, kann man zwar mathematisch formulieren, aber sprachlich kaum beschreiben. Immerhin gilt es für die Naturwissenschaften als ausgemacht, dass man mittels konsequenter Reduktion auf die Physik (top down) und umgekehrt auf physikalischen Prozessen aufbauend (bottom up) mittels Emergenz und Supervenienz ‚alles‘, also die Wirklichkeit, beschreiben und erklären kann. Mit ‚Kausalität‘ ist man inzwischen vorsichtiger geworden, weil es sich wiederum kaum genau sagen lässt, was das eigentlich ist. Soweit die Skizze dessen, was in den Naturwissenschaften (und im angelsächsischen Raum sind nur sie „Wissenschaft“, science) heute materialistisch – physikalistischer mainstream ist.

Higgs Boson

The Higgs Boson (c) CERN

Schauen wir einmal mit ein paar einfachen Überlegungen genauer hin. Wärme, so lernt man, ist die durchschnittliche kinetische Energie der Moleküle und Atome eines Körpers. Dies ist allerdings physikalisch sehr ungenau formuliert, weil ‚Wärme‘ physikalisch keine Zustandsgröße ist, sondern der Energiefluss eines Temperaturunterschieds. Bleiben wir der Einfachheit halber bei den bewegten Molekülen. Sie sind die physische Form dessen, was wir Wärme nennen. Reduktionistisch formuliert empfinde ich zum Beispiel auf der Haut gar nicht ‚Wärme‘, sondern nur die Bewegungen der Moleküle der Luft, die von Rezeptoren in der Haut aufgenommen und über Nervenbahnen weitergeleitet und im Gehirn als „Wärme“ bewertet werden. Aber ‚eigentlich‘ ist da nicht Wärme, sondern nur bewegte Moleküle und Nervenreizung. Denn genau genommen kann ich auch ‚Wärme‘ als ‚Bewertung‘ des Gehirns gar nicht feststellen, sondern nur die Erregung bestimmter Areale innerhalb des Gehirns. Wie man von diesen Potentialen und Erregungszuständen zur Aussage „Mir ist warm“ kommt, ist physikalisch nicht zu erfassen. Physik bleibt auf der Ebene der Beschreibung von physikalischen Prozessen. Sie als mentale Empfindung von Wärme zu bezeichnen, ist eine ganz andere Sache.

Dasselbe gilt für die Farben, deren physikalische Grundlage die unterschiedliche Wellenlänge elektromagnetischer Strahlung ist. Man kann sehr genau beschreiben, wie der Weg des Lichts (em Strahlung bestimmter Wellenlänge) von einem Körper reflektiert wird und zu den optischen Rezeptoren auf unserer Netzhaut gelangt, dort das Erregungspotential erhöht und so als Reiz über die Nervenbahnen zum Gehirn weitergeleitet wird. Da ist dann das Sehzentrum zuständig, die ankommenden Reize zu verarbeiten. Ein heftiger Reiz (=grelles Licht) wird andere Reaktionen auslösen als nur ein geringer Reiz im langwelligen Lichtbereich, empfunden als rötliche Färbung. Aber genau diese letzte Formulierung liegt schon jenseits der physikalischen Beschreibungsebene. Über die em Wellen und Erregungspotentiale im Gehirn kommt man nicht hinaus.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Es ist schönes Frühlingswetter mit Sonnenschein, und ich komme auf die Idee, im Stadtpark einen Spaziergang zu machen und mich an dem schönen Frühling zu erfreuen. Man stelle sich vor, ich wäre dabei voll verkabelt, meine Hirnströme könnten also jederzeit gemessen werden. Außerdem soll es möglich sein, in regelmäßigen Abständen einen Hirnscan durchzuführen und durch bildgebende Verfahren die gerade aktiven Bereich des Gehirns sichtbar zu machen. Zusätzlich soll es möglich sein, alle biochemischen Prozesse instantan zu erfassen und auszuwerten. Ich merke von all dem nichts und mache mich vergnügt auf den Weg. Ich gehe also in den Park, sehe Blumen und grünende Bäume, spielende Kinder, finde eine Bank und genieße die Wärme. Beim Weitergehen sehe ich eine alte Bekannte, die ich lange nicht getroffen habe, begrüße sie erfreut und wechsele mit ihr einige Worte, Sie muss dabei auf ihr Eis aufpassen, damit sie sich beim Reden nicht bekleckert. Wir wollen uns demnächst einmal für einen längeren Schnack verabreden. Ich gehe weiter und mache dann den Umweg an der Eisdiele vorbei. Klar, bei dem Wetter und dem schönen Nachmittag ist ein leckeres Eis die Krönung. Ich genieße das Eis und schlendere gemächlich wieder heimwärts.

Was wird nun auf der physikalischen Ebene zu sehen sein? Klar, wieder jede Menge Erregungspotentiale, Aktivierungen von Hirnregionen, Ausschüttung von Botenstoffen usw. Endorphine werden gewiss zweimal besonders auffällig sein, in der Mitte der Zeit und gegen Ende hin. Insgesamt sind die aktivierten Hirnregionen und die Ausschläge der elektrischen Ströme so vielfältig, dass wohl nur eine aufwendige Computeranalyse den Verlauf einem bestimmten Körpergeschehen zuordnen kann: Arm- und Beinbewegungen beim Gehen, optische Vorgänge mit vielfältigen Sinnesreizungen, Erregung von Tast-, Geruchs- und Geschmacksrezeptoren, vielleicht sogar eine leichte Erhöhung des Testosteronspiegels, Aktivität von ‚Spiegelneuronen‘, auf jeden Fall in den Bildern von den einzelnen Hirnregionen ständige wechselnde und sich vielfach überlappende aktive Hirnregionen, die der Hirnphysiologe bestimmten Verarbeitungsszenarien (Gehen, Sehen, Hören, Schmecken, sexuelle Erregung usw.) zuordnen kann. Dafür hat er allerdings vorgängig in der Wissenschaft auf vielfältige Selbstauskünfte von Testpersonen Bezug genommen, befindet sich also schon bei der Deutung der Hirnregionen nicht mehr auf der rein physikalischen Ebene. Auch hier gibt es bei noch so genauen Daten und umfassenden Computer- und Bildverarbeitungen keinen Weg, der von den physikalischen Vorgängen zu meinem Frühlingsspaziergang führt.

Man könnte sich vorstellen, zusätzlich zu den Datenerfassungen meines Körpers bzw. Gehirns noch die Aufnahmen einer GoPro – Kamera während meines Spazierganges zu nutzen. Doch bringt das auf der physikalischen Ebene keinerlei Vorteil, nur zusätzliche Daten, die im optischen Bereich anfallen und ohne Deutung („Das ist der Parkweg.“ „Da steht eine Bank.“ „Das Eis tropft.“) allenfalls elektromagnetische Muster erzeugt. Ohne den Erzähler des Spaziergangs wird weder seine Freude noch seine Wahrnehmungen im Park noch seine Erregung beim Treffen der alten Freundin noch der Genuss beim Schlecken des Eises sichtbar werden, eben nur Felder, Muster, Potentiale und Differentiale. Nur dann befindet sich die Auswertung auf der Ebene reiner Physik.

Wie kommt man nun von dort zu mir als demjenigen Menschen, der den Spaziergang gemacht hat und dabei unterschiedliche Erlebnisse hatte? Wie kommt man überhaupt von em Mustern zu Bildern, die für menschliche Wahrnehmung einen Gehalt haben? Wie kommt man von bildhaften Darstellungen und enzephalographischen Werten und Kurven zum Verständnis des Geschehens im Gehirn, ganz zu schweigen davon, dass man dann noch längst nicht bei den Erlebnissen des Spaziergängers ist? Inwiefern kann dann die physikalische Ebene als basal und für alle übergeordneten Ebenen als reduktionsfähig verstanden werden? Haben wir anhand der physikalischen Daten überhaupt etwas ‚verstanden‘?

Natürlich weiß auch der Naturwissenschaftler und erst recht die Erkenntnistheoretikerin, dass die Physik alleine nicht ausreicht zur Beschreibung der Wirklichkeit. Darum wird ja auch durch Theoriebildung ein abgestuftes System von Emergenzen und darüber liegenden Supervenienzen anerkannt, das den Zusammenhang zwischen Physik, Biologie und Anthropologie (diese einmal stellvertretend für die ‚Geisteswissenschaften‘, humanities, genommen) herstellen soll. Aber die Grundthese des Physikalismus wird dennoch kaum infrage gestellt, dass eben bei der genauen Analyse der Wirklichkeit ‚letztlich‘ alles Physik sei. Dabei ist es nicht nur das ‚Bindungsproblem‘ (dieses wird unterschiedlich beschrieben), das Schwierigkeiten macht, wenn man von ‚dort‘ nach ‚hier‘ gelangen will, sondern es ist zunehmend auch der Begriff der Kausalität, der die Voraussetzung für das Axiom der ‚kausalen Geschlossenheit‘ des Raumes der Physik ist. Allein auf der basalen Ebene der Wirklichkeit physikalisch zu erklären bzw. zu definieren, was denn genau Kausalität ist, ist schwierig geworden, so schwierig, dass manche auf den Begriff lieber ganz verzichten möchten und nur (in der Tradition Humes) von dem Nebeneinander von Punkten in der Raumzeit sprechen (David Lewis), wobei schon Wirkungen und Kräfte als kontingente Quiddities darüber hinausgehen.

Schwerer wiegt aus meiner Sicht die Frage, wie ich etwas als grundlegenden Bereich der Wirklichkeit annehmen kann, wenn dadurch keinerlei Zugang zu dem ermöglicht wird, was meiner lebensweltlichen Erfahrung entspricht – siehe den Frühlingsspaziergang. Eine Wissenschaft, die wesentliche Erfahrungen des menschlichen Lebens im Blick auf seine ‚Natur‘ und seine ‚Mitwelt‘ ausblenden muss, kann weiterhin von eminenter Bedeutung sein (z.B. Grundlagenforschung usw.), aber sie kann kaum begründet den Anspruch erheben, das Ganze der Wirklichkeit zu erfassen oder abzubilden. Genau das ist der Pferdefuß beim Physikalismus. Man kommt nicht mehr von ‚dort‘ (den bloßen physikalischen Daten) nach ‚hier‘ (zu den lebensweltlichen Erfahrungen und Beschreibungen). Allerdings sind auch die physikalischen Beschreibungen, selbst wenn sie mathematisch gefasst sind, Ergebnisse einer kulturellen Leistung des Menschen, – und schon mit diesen Deutungen und Interpretationen (Feldgleichungen usw.) ist die ‚rein‘ physikalische Ebene verlassen.

Es ist schon wahr: Physik ergibt nur immer wieder ’nichts als Physik‘. Mehr und anderes kann man von ihr nicht erwarten. Die Interpretationen und Deutungen liegen jenseits der ‚reinen Physik‘. Doch ohne diese kommt nicht einmal die Physik aus, sobald sie Theorien bildet – und wie anders sollte selbst die Physik als Wissenschaft vonstatten gehen?

Apr 292016
 
Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit

Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg mehr, der sowohl wissenschaftlich begründet als auch begrifflich – theoretisch konsistent und in seinen Wahrheitsvermutungen gerechtfertigt wäre. Warum ist das so?

1. Seit die neuzeitlichen Wissenschaften wesentlich Naturwissenschaften geworden sind und der Wissenschaftsbegriff mehr oder weniger naturwissenschaftlich geprägt ist, hat ein Axiom nahezu Allgemeingültigkeit gewonnen, nämlich dass der kausal-nomologische Zusammenhang konstitutiv ist für jede Wirklichkeit. Real ist, was in einer Kette von Ursachen und Wirkungen verknüpft und daher in einem bestimmten Rahmen erklärbar und verhersagbar ist. Die notwendige Einschränkung ist deswegen erfoderlich, weil in der tatsächlichen Welt, in der wir leben, jeden Moment eine unüberschaubare Vielzahl von Ursachen wirken, die wiederum eine unübersehbare Vielzahl von Auswirkungen haben. Die von einem Individuum gewollten und geplanten Handlungen sind nur ein winziger Teil aller derzeit an einem Punkt vorhandenen Kräfte und möglichen Auswirkungen. Darum muss die Kausalkette nomologisch geordnet sein, wenn sie für den Beobachter überhaupt einen Wert haben soll. Es müssen Gesetzmäßigkeit und Regularitäten vorhanden sein, die der Kette kausaler Verknüpfungen eine Struktur, eine Ordnung geben. Solche Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund von Theorien und mittels Experimenten innerhalb überprüfbarer, kontrollierter Rahmenbedingungen festgestellt und in die mathematische Form eines Naturgesetzes gebracht. Die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktische Versuchsanordnung („Labor“) sowie das Beobachtungs- und Vollzugsprotokoll sind für das, was dann Naturgesetz genannt wird, konstitutiv. Nur in dieser speziellen Anordnung kommt der kausal-nomologische Zusammenhang der Wirklichkeit hinreichend deutlich zum Ausdruck. Zugleich bestimmt er als axiomatische Grundlage den Rahmen möglicher Ergebnisse und Erkenntnisse. Zeus‘ Donnerkeil gehört definitiv nicht dazu.

2. Es lohnt sich, noch etwas bei dem so mächtigen und wirkungsvollen Begriff des Kausalzusammenhangs zu verweilen. Ist der ‚Kausalnexus‘ selber ein Gesetz? Aber wie wäre er dann unabhängig zu überprüfen? Oder ist Kausalität ein Grundaxiom, das aus der physikalischen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit überhaupt übertragen ist? Was genau wird im Kausalnexus verknüpft? Es sind Tatsachen und Gegebenheiten, Dinge und Kräfte, Beobachter und Rahmenbedingungen, Modelle und mathematische Funktionen bzw. Relationen. Da der Beobachter immer auch Teil der Ausgangsbedingungen ist und damit die jeweilige Theorie (das vorläufige Modell) mit ihren begrifflich-symbolischen Voraussetzungen samt der daraufhin folgenden Auswertung (Interpretation) der erzielten Ergebnisse und ihre Strukturierung in einem mathematischen Formalismus zum Gesamtzusammenhang eines funktionierenden kausalen Nomologismus gehört, kann dieses Vorgehen keineswegs als reine Objektivierung und der Gegenstand der Untersuchung nicht als unabhängiges Objekt angesehen werden. Der kausal-nomologische Zusammenhang entsteht im Zusammenwirken eines intelligenten Subjekts mit bestimmten begrifflich-rationalen Voraussetzungen im Kontakt mit seiner Umwelt und den darin auftauchenden Personen, Gegenständen und Tatsachen, Kräften und Einflüssen. Auch die „Traumzeit“ der Aborigines stiftet einen solchen Zusammenhang, ist aber nicht unbedingt rational-begrifflich motiviert und auch nicht kausal-nomologisch verbunden. Noch einmal: Was ist eigentlich Kausalität? Sie ist wohl weder nur objektiv, auffindbar in der Umwelt, noch nur subjektiv als erdachte Struktur und Gesetzmäßigkeit, sondern eben beides: das Zusammenwirken des Menschen mit den Gegenständen usw. seiner Umwelt auf der Suche nach Zusammenhang, Struktur, Erklärung, Vorhersage und möglichen Handlungsoptionen. Sie ist also beschreibbar als eine differenzierte Wechselwirkung von Mensch und Welt in der Richtung, wie sie schon die vorsokratische Einsicht formuliert: Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt (Empedokles).

Red Rectangle

The star HD 44179 , Hubble, by NASA

3. Wie angedeutet gibt es durchaus Alternativen, das Dasein in der Welt in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nicht-rationale wie die „Traumzeit“ der Aborigines ist eine solche (eigentlich keine Zeit, sondern der präsente Hintergrund der erlebbaren Welt), aber auch die metaphysisch-rationalen Modelle der griechischen oder später der scholastischen Philosophie. Die Voraussetzung der Letzeren war ganz ausdrücklich der Gottesgedanke, weshalb sie sich auch zugleich und vor allem als Theologie verstand. Immerhin galt auch in der Philosophie des Aristoteles schon das Prinzip der Kausalität, nur wurde in der mittelalterlichen Philosophie der „erste Beweger“, also der Anfang der Kausalkette, mit dem christlichen Gottesgedanken identifiziert. In jedem Falle sah man mit Aristoteles eine Notwendigkeit darin, einen ersten Anfang festzusetzen, – die Vorstellung einer unendlichen und unbegrenzten Kette wurde als unvernünftig verworfen. Genau dies gilt aber heute als denkmöglich: die Unendlichkeit der Wirklichkeit ohne Anfang und Ende. Auch der „Urknall“ ist ja nicht wirklich Anfang, sondern allenfalls kosmologischer Beginn unserer aktuellen Raumzeit. Modernes Denken kann die kausal-nomologische Verknüpfung der Wirklichkeit ohne bestimmten Anfang denken, ohne den „Uhrmacher“ (der nach Dawkins eben „blind“ zu sein hat), der den Mechanismus der Welt gestaltet, angestoßen und den zeitlichen Ablauf progammiert hat. Dass dieses Denken dennoch besonders in konservativ-religiösen Kreisen viele Befürworter hat, zeigt die verbreitete Idee des „intelligent design“, noch enger gefasst im Kreationismus. Gleichwohl ist der zeitliche Ablauf in aller Realität kausal und nomologisch verknüpft: An den Naturgesetzen führt kein Weg vorbei. Dabei ist es zumindest verwunderlich, dass rational gesehen das andere Ende der Kausalkette offen und in der Theorie der Evolution (kurz gesagt) dem Zufall überlassen bleibt. So sehr in der Moderne an der „causa efficiens“ (Wirkursache nach Aristoteles) festgehalten wird, sie sogar naturalistisch als „causa materialis“ zur einzig möglichen vernünftigen Ursache erklärt wird, so sehr werden mögliche gestaltende Formen der Kausalität verworfen: keine „causa formalis“, keine „causa finalis“. Warum eigentlich? Hindert es nur der Metaphysik- oder gar Theismus-Verdacht?

4. Teleologie muss keinerlei theistische Verpflichtung einschließen. Es ist durchaus denkbar, eine kausale Verkettung als ein dynamisches System zu verstehen, das einem künftigen Zustandspunkt zustrebt. In der Theorie dynamischer Systeme (einschl. Chaostheorie) nennt man dies einen Attraktor. Thermodynamisch ist der Attraktor so etwas wie ein stabiler Zustand größten Gleichgewichts. Der Begriff Attraktor wäre zu verstehen als eine Finalität, auf die hin sich komplexe dynamische Systeme entwickeln. Kausale Verkettungen in der tatsächlichen Welt bieten schon im Blick auf ihre Herkunft (Vergangenheit) komplex-chaotische Verläufe. Einfache Kausalverbindungen lassen sich nur experimentell, das heißt in begrenzter Zeit mit restringierten Ausgangsbedingungen, eindeutig verfolgen. In der Projektion auf künftige Entwicklung hin nehmen sie die Form von Modellen an, die aufgrund definierter Ausgangsbedingungen und begrenzter zeitlicher Perspektive eine Prognose der Entwicklung errechnen, also einen zeitlich terminierten Attraktor erkennbar werden lassen. Diese Modellierung dynamischer Systeme mit prognostiziertem Attraktor ist weit verbreitet, zum Beispiel in der Klimaforschung, Bevölkerungsentwicklung, in den Gesellschaftswissenschaften usw. Die Attraktoren verändern sich je nach Definition der Ausgangsbedingungen und der Berücksichtigung begrenzter (und darum berechenbarer) Nebenfaktoren. Auch die Evolution ist insgesamt ein solches dynamisches System, allerdings von kaum übersehbarer, wahrscheinlich unendlicher Vielfalt und Komplexität, das einem unbekannten Attraktor zustrebt. Betrachtet man Modelle als einfache Fortschreibung bekannter kausal verknüpfter Ereignisse, bleibt die Prognose weitgehend ‚zufällig‘, also scheinbar ohne bestimmte Richtung. Dynamische Systeme haben aber eine Zielrichtung, die gerade auch unter nichtlinearen, chaotischen Bedingungen angenähert wird. Dreht man die Blickrichtung um, wirkt das erreichte Ziel genau als Attraktor, als Anziehungspunkt der erwarteten Entwicklung. In einer etwas gewagten Übertragung könnte man den Attraktor mit der causa finalis vergleichen. Es kommt da bei Aristoteles noch etwas Wesentliches hinzu: die causa formalis, also die formende Kraft, die eine bestimmte Struktur als Finalität entstehen lässt. Die ‚forma‘ wird meist mit der ‚idea‘  Platons gleichgesetzt, wieweit das zutrifft, sei dahin gestellt. Ich möchte diese platonische Interpretation vermeiden und den Gedanken der ‚Form‘ als eine inhärente Struktur verstehen, physikalisch zum Beispiel die Molekularstruktur, die Wasser zum dem ‚Stoff‘ macht, das es für uns ist. Der Form-Begriff lässt sich nicht nur auf physikalische Strukturen, also Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beziehen (wobei hier die ‚Realität‘ der Elementarteilchen nicht problematisiert wird), sondern auf alle Dinge dieser Welt, die ihre jeweilige Struktur, Eigendynamik und Entwicklungstendenz in sich tragen. Man mag ihre Wechselwirkungen und Zusammenhänge kausal interpretieren, zumindest sind sie dynamisch-chaotisch, was Determinismus nicht ausschließt. Der entscheidende Gedanke aber ist der, inwiefern alle Dinge (!) in ihrer strukturellen Verflechtung (‚Form‘) eine Tendenz in sich tragen, die erst vom Ende als ihr ‚Attraktor‘ erkennbar ist. Man könnte es auch den ‚bias‘ nennen, die Neigung, die auch auf dem Scheitelpunkt einer systemischen Entwicklung eine bestimmte Richtung präferiert. Im Rückblick erscheint der Verlauf stets als eindeutig determiniert. Darum kann auch gelegentlich der evolutionäre Jetzt-Zustand der Welt als ‚zwingend‘ (z.B. durch kosmische Konstanten) auf den Menschen zulaufend verstanden werden. Ob dieses „anthropische Prinzip“ nun eine überzeugende Interpretation des Sachverhalts darstellt, soll hier nicht entschieden werden. Zumindest ist es die Zuspitzung einer bestimmten ‚attraktiven‘ Perspektive. Derselbe Gedanke wird in der Metapher aufgegriffen, die Natur habe im Menschen die Augen aufgeschlagen, sei im Bewusstsein gewissermaßen zu sich selbst gekommen (vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, S. 235, siehe auch den Blog-Beitrag zu Gabriel).

5. Man sieht, es geht hier um ein heikles Thema, das heute wissenschaftlich recht verpönt ist. Das Thema „Panpsychismus“ wird allenfalls mit Fingerspitzen angefasst, wenn nicht überhaupt als verschrobener Spiritismus abgelehnt. Dass er in vielen Kulturen auch heute in der einen oder anderen Form verbreitet ist, könnte allenfalls zu denken geben. Der Begriff selber ist aus meiner Sicht unglücklich, suggeriert einen irrationalen Dualismus, den er doch gerade vermeiden will. Aber auch nur von Teleologie oder einer dynamischen Finalität zu reden, gilt nicht als wissenschaftlich ernsthaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (bekannt von „What is it like to be a bat?“; siehe auch hier im Blog) genau dieses Thema aufgreift und und sich sowohl zum Panpsychismus (ablehnend, Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 93 – 97) als auch zur Teleologie (zustimmend, a.a.O. S. 173 – 180 und öfter) äußert – mit guten Gründen. Es erscheint angezeigt, sowohl die Begriffe nomologische Kausalität als auch Teleologie und Finalität genauer zu bestimmen und konsistent zu denken. ‚Kausalität‘ ist beim näheren Zusehen ein durchaus problematischer Begriff, und formbestimmte (teleologische) Finalität ist weit weniger unvernünftig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Das soll ein weiterer Blog-Beitrag zeigen. Hier sei am Ende ein Absatz von Thomas Nagel zitiert:

Eine Form natürlicher Teleologie, ein Erklärungstyp, dessen Intelligibilität ich im vorangegangenen Kapitel kurz verteidigt habe, wäre eine Alternative zu einem Wunder – entweder im Sinne eines höchst unwahrscheinlichen Glücksfalls oder im Sinne eines göttlichen Eingreifens in die Naturordnung. Die Tendenz, dass sich Leben bildet, könnte ein Grundzug der Naturordnung sein, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird. In Anbetracht der verfügbaren Beweislage erscheint dies als eine zulässige Vermutung. Und sobald es Wesen gibt, die auf Werte reagieren können, wird die ganz andere Teleologie des intentionalen Handelns zu einem Bestandteil des geschichtlichen Bildes und führt zur Erzeugung von neuen Werten. Das Universum ist sich seiner selbst nicht nur bewusst geworden und zu sich selbst gekommen, sondern in manchen Hinsichten fähig, seinen Weg in die Zukunft zu wählen – obgleich alle drei, das Bewusstsein, das Wissen und die Wahl, über eine riesige Menge von Wesen verteilt sind, die sowohl individuell als auch kollektiv handeln. [Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 178]

 

Feb 092014
 

[Philosophie]

Im vorigen Beitrag habe ich die Frage nach Mensch und Kosmos im Blick auf ihre Herkunft beschrieben. Jetzt möchte ich den Blick vom Gewordensein aufs Werden hin lenken, also auf Welt und Wirklichkeit hinsichtlich ihrer Möglichkeiten. Hierfür ist man noch stärker auf ein strukturierendes Modell angewiesen als bei der Interpretation der Fakten ihrer Entstehung. Ich unterscheide zwischen einem Weltbild als einem hypothetischen Gesamtmodell der Theoriebildung („Paradigma“) und einer Weltanschauung, die eine Gesamtschau von Welt und Mensch als Überzeugungen verinnerlicht. Weltanschauungen beruhen auf Glauben und Überzeugung und sind den Religionen verwandt, ein Weltbild hingegen ist eine notwendige Voraussetzung sinnvoller Theoriebildung mit dem Ziel der Erklärung vorhandener Tatsachen. Man sollte das eine nicht mit dem anderen verwechseln, um Dogmatismus zu vermeiden.

Das kopernikanische Weltbild hat das ptolemäische abgelöst, so wie das relativistische und quantendynamische Weltbild nach Planck und Einstein das mechanistische Weltbild Galileis und Newtons abgelöst hat. Vielleicht wird ein neuro- und kognitionswissenschaftliches Weltbild das dualistisch-cartesianische Weltbild ablösen. Physikalistisch anzusetzen und von einem materialistisch-monistischen Weltbild auszugehen kann als Arbeitshypothese sinnvoll und ergiebig sein. Man muss nur zusehen, wie weit die darauf aufbauende Theoriebildung trägt und wo sie an ihre Grenzen stößt. Die Frage ist dann im konkreten Fall, ob die jeweilige Theorie bzw. das jeweilige Modell falsch ist oder das zugrunde liegende Weltbild. Wir sind heute, so meine These, in den Naturwissenschaften, in den Kognitionswissenschaften und in der philosophischen Anthropologie in einer Situation, nicht mehr nur unterschiedliche Theorieansätze und Arbeitsweisen gegeneinander abzuwägen, sondern das der heutigen Wissenschaft oft unausgesprochen zugrunde liegende Weltbild anzuzweifeln. Diese Fragestellung geht philosophisch über die Alternativen Analytische Philosophie, Strukturalismus oder Systemtheorie bzw. ihre Mischformen hinaus.

Physikalisch gesehen stehen wir heute immer noch unter dem prägenden Einfluss Newtons, ontologisch und erkenntnistheoretisch unter dem Einfluss Descartes. Die Relativitätstheorie und die Quantentheorie (man müsste besser von einem weit gefassten und differenzierten mathematisch-physikalischen Theoriesystem sprechen) haben zwar einerseits die Gravitationstheorie und Mechanik Newtons abgelöst, aber nur insofern, als sie eine sehr viel speziellere Erklärung und Präzisierung in mikrophysikalischen und kosmologischen Dimensionen bieten. Newtons Gesetze behalten allesamt Gültigkeit und kommen als Grenzfälle in unseren normalen Größenordnungen vor, wo relativistische und quantenmechanische Effekte so winzig sind, dass sie vernachlässigt werden können. Allerdings hat sich Newtons absoluter Raum relativiert: Die black box „leerer Raum“ ist zur gekrümmten Raumzeit geworden, die in direkter Abhängigkeit zur Gravitation steht, von gravitativen Objekten geradezu erzeugt wird. Die newtonsche Objektivität von Raum und Zeit ist dadurch aber keineswegs verloren gegangen. Sie findet sich in relativistisch exakt beschreibbaren Verhältnissen und quantendynamisch berechenbaren Prozessen als äußere, gegenständliche Wirklichkeit wieder. Das Bohrsche Atommodell spiegelt diese Mechanik genau wider, auch wenn dieses frühe Standardmodell der „Atomphysik“ in der heutigen Teilchenphysik kaum mehr zu gebrauchen ist. Von einer erkenntnistheoretischen Skepsis eines Kant, der Raum und Zeit genau als „reine Formen der Anschauung“ definierte und sie damit in den Bereich der erkenntnismäßigen Aprioris verwies, findet sich in der physikalischen Theorie keine Spur.

Das führt zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Neuzeit, wie sie Descartes geprägt hat. Es steht hier der cartesianische Dualismus in Rede. Seine Unterscheidung (die eigentlich eine strikte Trennung ist) von res cogitans und res extensa, also von erkennendem, selbstbewussten Ich und den äußeren, eben nur ausgedehnten Gegenständen der Welt ist die moderne Grundform des heute oft beklagten Dualismus. Gemeinhin wird dafür ja Platon verantwortlich gemacht – ein keineswegs zwingendes Ergebnis einer neuplatonischen und erst recht cartesianischen Interpretation, die man im Idealismus wieder findet. Erst durch Descartes‘ Trennung gibt es überhaupt ein zugespitztes Leib-Seele-Problem, denn die Frage ist ja schon, wie sich das selbstbewusste Ich rein denkend überhaupt zu seinem Körper als ausgedehnter Sache verhält. Für die Einheit beider res brauchte Descartes (verkürzt gesagt) Gott als Garanten. Wenn aber der Theismus weg fällt, bleibt entweder das pure gegenstandslose Ich – oder die reine ausgedehnte Materie als einzige Substanz. Genau da sieht sich die moderne Wissenschaft. Der physikalistische Materialismus ist ein einseitiges, aber legitimes Kind Descartes, und die Ablehnung des dualistischen Denkens ist letztlich die Kritik des cartesianischen Dualismus. Das heutige materialistische Weltbild ist aber keineswegs zwingend, und der Dualismus Descartes‘ nicht die einzige Alternative.

Es gibt in der neueren Philosophie des Geistes zahlreiche Versuche, zwischen Dualismus und Monismus durch bestimmte Differenzierungen und Definitionen irgendwie hindurch zu kommen wie zwischen Skylla und Charybdis. David Chalmers zum Beispiel hat die verschiedenen möglichen Positionen wunderschön dargestellt. Aus meiner Sicht kranken all diese Versionen (Substanzdualismus, Eigenschaftsdualismus, Epiphänomenalismus, materialistischer Monismus usw.) daran, fast verbissen an der dualistisch verstandenen Alternative Materie – Geist festzuhalten bzw. sie einseitig aufzulösen. Der Gegensatz ist bis zum Ermüden ausdiskutiert und endet letztlich im Behaupten eines Standpunktes. Ich möchte dagegen ein anderes Denkmodell vorschlagen jenseits der fruchtlosen Alternativen. Ein solches Denkmodell muss die starre cartesianische Ausgangsposition verlassen. Man braucht dazu das Rad nicht neu zu erfinden. Man kann auf Denkansätze zurück greifen, deren ganz andere Begrifflichkeit und Teleologie für die heutigen Fragestellungen und Diskussionen zu übersetzen und fruchtbar zu machen wären. Ich denke an Aristoteles.

Wenn man sich Aristoteles neu nähert und dabei versucht, den scholastisch-metaphysischen Ballast abzustreifen und die neuplatonisch-theistische Interpretation nicht als die einzig wahre und mögliche Aristoteles-Rezeption gelten zu lassen, dann begegnet einem ein ungemein modern anmutender Denker. In seiner Begrifflichkeit hinsichtlich Erkenntnistheorie und Ontologie steckt enormes Potential (! siehe unten). Aristoteles hat ein Denkmodell vorgelegt, das vom konkreten Einzelding ausgeht und nach seinen Relationen und Möglichkeiten fragt. Eine moderne Aristoteles-Rezeption *) könnte an der Relation von Substanz und Form (ousia und eidos) ansetzen und die Form als Strukturprinzip der Materie verstehen. Zusammen mit dem Begriffspaar Potenz und Akt (dynamis – energeia / entelechia) lässt sich eine dynamische Ontologie entwerfen, die in der konkreten Realisation eines Gegenstandes zum einen realisierte Möglichkeit (Potentialität) erkennt, aber zugleich der aktualen Verwirklichung neue Potentiale zur Veränderung und Weiterentwicklung zuspricht. Die Dynamisierung dieses Denkmodells findet sich schon in den Begriffen. Das deutsche „Potenz“ und „Akt“ für griechisch dynamis und energeia klingt viel zu statisch, um einer Wirklichkeit im Wandel, in der Veränderung, begrifflich gerecht zu werden. Das Strukturprinzip („Form“) der Wirklichkeit („Substanz“) ist an sich selber bereits „Dynamik“, also Kraft, Werden, Veränderung (energeia), das zur Verwirklichung, Umsetzung, Ausprägung strebt. Dieser Prozess kann  mit dem Begriff Entelechie zusammengefasst werden: Die prägende Struktur („Idee“) des Seins (Seienden) trägt das Potential zur Verwirklichung neuer Seinsstrukturen bereits in sich. Diese dynamische Ontologie ist von Anfang an, also prinzipiell „gerichtet“ (telos), ohne dass ein Ziel von vornherein bestimmt und gar bekannt sein muss. Teleologisch zu denken heißt dann nicht, auf ein bestimmtes Endziel hin zu denken (was sollte das auch sein?), sondern in Entwicklungsmöglichkeiten zu denken, das heißt der in der materiellen Struktur bereits inne wohnenden Tendenz (bias) zu folgen und die Wirklichkeit als Verwirklichung konkreter möglicher Formen zu begreifen. Evolution wäre nur der biologische Aspekt einer solchen Prozess-Ontologie (Whitehead). Das statische Paradigma eines materialistischen Physikalismus wäre aufgebrochen zugunsten eines dynamischen Wirklichkeits-Paradigmas, das Potentialität, Zielgerichtetheit, Dynamik, Veränderung / Entwicklung bereits ontologisch eingeholt hat.

Diese Andeutungen reichen knapp für eine Skizze, aber nicht als Thesis eines umfassenden Programms. Das wäre erst noch zu entwickeln. Es könnte eine spannende Sache sein. Dabei fallen einem auch noch die begrifflichen Parallelen ins Gesicht, die als „Materie“, „Energie“ und „Dynamik“ in der heutigen Physik eine grundlegende Rolle spielen. Und was „Energie“ oder „Materie“ eigentlich ist, darf man den Physiker nicht fragen, der beschreibt Wirkungen und Wechselwirkungen. Diese ontologische Frage führt durchaus zu neuen Konkretionen. Wer weiß denn schon, was das „Telos“ feuernder C-Fasern ist! Der große Gewinn eines solchen Ansatzes liegt darin, das er näher bei der Intuition wäre, dass Wirklichkeit nicht nur aus kausal verkettetem Zufall besteht. Noch einmal verweise ich gerne auf Thomas Nagel (siehe voriger Beitrag), der ebenfalls ein teleologisches Denkmodell anvisiert, das noch zu entwickeln wäre. Ob man dabei auf der Basis des bisherigen Physikalismus verbleiben kann, wage ich allerdings zu bezweifeln – oder: meinetwegen ‚Physikalismus‘, aber mit der Physik und Biologie und Neurologie einer dynamisierten, teleologisch interpretierten Struktur der Natur, die ihre Potentiale („Mächtigkeiten“) sogar in Form des Geistes in sich trägt.

*) „Im Übrigen ist wohl noch nie so vielfältig und weltweit über Aristoteles gearbeitet worden wie gegenwärtig“, Flashar (2004) zit. nach Wikipedia, Aristoteles.

Jan 102014
 

[Philosophie]

Wie von mir öfter zu lesen bin ich gegenüber der analytischen (angelsächsischen) Philosophie des Geistes eher kritisch eingestellt – aus guten Gründen. Das könnte man als Ablehnung der Analytischen Philosophie insgesamt missverstehen. Darum möchte ich hier einmal eine Lanze brechen für die analytische Methode.

Die analytische Methode zeichnet sich aus durch möglichst klar definierte Aussagen und logische Schlussverfahren. Eine Behauptung wird aufgestellt und verteidigt. Diese Verteidigung stützt sich auf gute Gründe, die die Behauptung rechtfertigen. Das geschieht mit klar definierten Begriffen und Schlüssen. Nach den Regeln logischen Denkens werden Folgerungen abgeleitet, Implikationen aufgewiesen oder Voraussetzungen geprüft. Um ein solches Verfahren in Gang zu bringen, müssen Probleme und Fragestellungen in eine Folge von Sätzen (Propositionen) umgeformt und zerlegt werden. Erst dadurch kann eine Meinung überprüft, verteidigt oder widerlegt werden. Die angeführten Gründe wiederum müssen selber gerechtfertigt und plausibel sein. Eben dieses Aufteilen, Zerlegen und Begründen, das bedeutet ja „analysieren“, hat dieser philosophischen Methode den Namen gegeben.

Ziel der analytischen Methode ist eine rational konsistente, kohärente Theorie über bestimmte, konkret definierte Aussagen. Diese müssen sich bewähren und können unter den angegebenen Bedingungen als gerechtfertigt gelten – oder wiederum aus guten Gründen abgelehnt werden. Ein starkes Leitmotiv ist immer wieder die Plausibilität, die bestimmte analysierte Aussagen im Vergleich zu anderen Aussagen und Tatsachen gewinnen können. Darum geht dann bestenfalls der Streit. Man kann leicht erkennen, dass die wissenschaftliche Philosophie mit der analytischen Methode ein überaus mächtiges, vielseitiges und wirkungsvolles Instrument entwickelt hat. Sie kann dabei sprachanalytische und erkenntnistheoretische Prinzipien mit einbeziehen. Der Klarheit und logischen Stringenz dieser Methodik kann man sich kaum entziehen, vielmehr sollte man sie produktiv nutzen. Hinter die analytische Methode führt kein Weg mehr zurück.

Das heißt aber noch nicht, dass die analytische Methode das alleinige Universalprinzip der Philosophie sein müsste. Um ihren Wert zu schätzen und ihre Fähigkeiten richtig zu nutzen, müssen zugleich ihre Grenzen beachtet werden. Die erste Grenze: Es handelt sich um eine Methode, eine wichtige und hilfreiche, aber nicht die einzige und allein gültige. Statt von Analytischer Philosophie spricht darum Ansgar Beckermann lieber vom analytischen „Stil des Philosophierens“ oder einer bestimmten „Analytischen Einstellung philosophischen Problemen gegenüber“. Tatsächlich möchte er aber auch hier das Wort „Analytisch“ groß geschrieben wissen. Denn die Fruchtbarkeit dieser Methode ist beeindruckend, ebenso wie die Namen ihrer Repräsentanten. Sie hat die Philosophie von dem Vorwurf befreit, nur inhaltsleeres Geschwafel zu sein.

Die zweite Grenze liegt in der wirkungsvollen Anwendung der analytischen Methode im Bereich der Philosophie des Geistes. Zunächst einmal ist hier die enorme Produktivität philosophischer Arbeit und Ergebnisse zu nennen. Man kann sagen, dass erst die Analytische Philosophie eine ernsthaft betriebene „Philosophie des Geistes“ heute wieder salonfähig gemacht hat. Dies gilt insbesondere auf dem Hintergrund einer engen Verbindung zu den naturwissenschaftlichen Methoden und Erkenntnissen, ohne die eine Beschäftigung mit dem, was als „Geist“ verstanden wird, heute nicht mehr sinnvoll geredet werden kann. Soweit die Möglichkeiten, aber nun kommt die Grenze:  Man ist falsch beraten, aus der analytischen Philosophie in Verbindung mit den als fundamental geltenden Naturwissenschaften eine physikalistische Weltanschauung zu machen.

Eine dritte Grenze – für mich die wesentlichste – liegt darin, was gerade die Stärke dieser Methode ist: etwas zu an analysieren und ein Problem in einzelne Schritte der Argumentation zu zerlegen. Dabei kommt es methodisch notwendig zu einer Formalisierung (siehe die Verwendung logischer Symbole und Schreibweisen), die zwar eine äußerste Korrektheit und Genauigkeit wohldefinierter Begriffe und Schlüsse anstrebt, aber eben damit die Sache (Problem, Fragestellung), um die es geht, durch eine formale Abstraktion ersetzt. Dies kann aber niemals ohne Verluste gelingen. Auch Gedankenexperimente, die angestellt werden („brain in the tank“, Zombie, Zanu usw.), sollen einerseits beglaubigende Wirkung haben, vergleichbar naturwissenschaftlichen Experimenten, verengen andererseits den Blick auf einen konstruierten Einzelfall. Die langwierige Qualia-Diskussion innerhalb einer theory of mind kann das belegen. Das Ganze ist eben doch noch etwas anderes als die Summe der analysierten Teile.

Dies wird besonders an der Sprache deutlich. Die sprachanalytische Wendung der Philosophie Mitte des 20. Jahrhunderts (linguistic turn) hat nachwirkend dieses erbracht: Die genaue Hinwendung zu den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Sprache. Was in den vergangenen fünfzig Jahren über Sprache und Bedeutung geschrieben und geforscht worden ist, füllt Bibliotheken. Daran zeigt sich: Die Sprache ist nicht so leicht in den Griff zu kriegen, auch wenn das Wort Be-griff etwas anderes nahelegt. Alle Begriffsbestimmungen und Klärungen des Verhältnisses von Wort, Bedeutung, Sprechakt, Sinn usw. kommen nicht an dem Faktum vorbei, das Sprache schillernd ist – ein Graus für jede analytische Herangehensweise. Sätze, Worte, Begriffe bezeichnen je nach Kontext und Situation sehr unterschiedliche Bedeutungsfelder, die einander unscharf überlappen können. Ein simples Wort wie „Haus“ klingt völlig anders und bedeutet etwas anderes, wenn man es im Zusammenhang einer Heimkehr, eines Einbruchs oder einer Bauplanung gebraucht. Hier bleiben die Erkenntnisse der Hermeneutik bedeutsam.

David Foster Wallace hat in seinem schönen Buch über „Die Entdeckung des Unendlichen“ die kluge, alltagspraktische Unterscheidung zwischen Wissen und „Wissen“ gemacht. Was wir im alltäglichen Leben wissen, worauf wir uns verlassen und wovon wir ausgehen, ist eine Sache. Etwas ganz anderes ist das „Wissen“, um das es methodisch in der Wissenschaft geht. Beides muss getrennt, aber auch vermittelt werden. Die analytische Methode in der Philosophie hilft viel auf dem Feld des „Wissens“. Aber es muss auch der Weg des Wissens über die unmittelbare Realität und Faktizität gegangen werden. Die Frage nach der Wahrheit kann nicht formal auf gerechtfertigte Gründe und korrekte (wahrheitsfähige) Schlussverfahren reduziert werden.

Denn dies bleibt die Aufgabe aller Philosophie: die Wahrheit zu wissen über die wirkliche Welt.

Apr 272013
 

Der Mensch sei „ein zweibeiniges, federloses Geschöpf“, so habe Platon gesagt. Diogenes habe ihm daraufhin einen gerupften Hahn vorgehalten, das sei also Platons Mensch. Dieser habe dann ergänzt, „mit platten Nägeln“, was aber auch nicht ganz überzeugte, zumal in dieser Ergänzung ein Wortspiel mit dem Namen Platons enthalten war. Also wurde korrigierend noch einmal erweitert „der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“ – und damit haben wir den Salat. Auch wenn dieser aus kynischer Tradition überlieferte Wortwechsel zwischen Platon und Diogenes wohl nur legendarischen Charakter hat (eine entsprechende ‚Definition‘ findet sich nirgendwo in den Werken Platons, 1), so ist sie zumindest gut erfunden, macht sie doch genau das Problem deutlich: Was zeichnet den Menschen gegenüber den übrigen Lebewesen, insbesondere den Tieren, aus?

„Was ist der Mensch?“ Diese Grundfrage hat insbesondere die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt. Sie liegt aber auch aller Wissenschaft unausgesprochen zugrunde, wenn man durch Forschung und Wissen Aufschluss zu erhalten sucht über das, was einen selbst und die gesamte „Welt im Innersten zusammen hält“. Nun gut, könnte man meinen, da haben doch Biologie, Chemie, Physik, Medizin, aber auch Metaphysik, Anthropologie und nicht zuletzt die Überlieferung der Religionen einiges zusammengetragen. Besonders die neuzeitlichen Naturwissenschaften (science) haben inzwischen recht genau analysiert, wie sich der Mensch evolutionär entwickelt hat und wie er daraufhin physiologisch zu beschreiben ist. Die Neurowissenschaften bemächtigen sich derzeit mit erstaunlichen Fortschritten des menschlichen Gehirns, um seine basalen Zustände und Funktionsweisen zu erklären. Wenn auch längst noch nicht alles an und in unserem Gehirn verstanden ist, so kann man doch getrost davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die letzten Lücken geschlossen und neurophysiologisch und kognitionswissenschaftlich erkannt und verstanden sein werden. Die Frage ist nur: Hat man dann auch „automatisch“ die Frage beantwortet, was der Mensch eigentlich als besonderes Wesen ist? Wie steht es mit dem erklärenden Zusatz „der Vernunft teilhaftig“? Kurz – was hat es mit dem Geist des Menschen auf sich?

Da haben wir den Salat deswegen, weil über die Beantwortung der Frage nach dem Geist, nach den mentalen Fähigkeiten und „mentalen Phänomenen“, unter den Wissenschaftlern und Philosophen allergrößte Uneinigkeit besteht. Und es kann hierbei auch keineswegs die Zuversicht geben, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch darüber Einvernehmen hergestellt ist. Das Problem beginnt schon bei der näheren Bestimmung des zu untersuchenden Gegenstandes „Geist“. Ist das Denkvermögen gemeint, der Verstand, die Vernunft, die Urteilskraft, die Logik? Ist das alles ein und dasselbe oder wodurch unterschieden? Ist es mehr die Fähigkeit, sich zu erinnern, sich etwas vorzustellen, zu planen, absichtsvoll zu handeln? Und wie verhält sich das Bewusstsein, zumal das „phänomenale Bewusstsein“, zum Bereich des Geistigen, insbesondere das Selbstbewusstsein? Oder ist es nur so etwas wie ein „Aggregatzustand“ des Gehirns? Was ist mit Phantasie, Imagination, Intuition, und dann erst mit Empfindungen, Ahnungen, Gefühlen, die wir kennen und benennen? Was ist im Bereich des Geistigen das Objektive, was das Subjektive, oder ist schon diese Unterscheidung falsch? Was geschieht, wenn man die Frage „Was ist der Mensch“ umformuliert zu der Frage „Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein?“

Menschen - Bilder (Vancouver)

Menschen – Bilder (Vancouver)

Diese letzte Frage nimmt das etwas provokante Thema des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel auf, der 1974 in einem berühmten Aufsatz fragte „What is it like to be a bat?“, was man übersetzen muss mit „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“ Damit wurde mit einem Paukenschlag die bis heute andauernde Diskussion um die „Qualia“ eröffnet, die, wie die einen meinen, sich jedem pysikalischen Reduktionismus entziehen, was die „Reduktionisten“ oder „Emergentisten“ energisch bestreiten – mit einer Vielzahl an differenzierenden Zwischenpositionen. Qualia (Plural, Singular: Quale, abgekürzt für „mentale Qualitäten“ bzw. Qualitäten des phänomenalen Bewusstseins), scheinen sich einer biophysischen oder neurologischen Erklärung zu entziehen. Zwar kann man exakt angeben, was es elektrodynamisch und neurophysiologisch bedeutet, die Farbe Rot zu sehen, also zu beschreiben, welcher Vorgang beim Auftreffen des Lichtes auf die Zäpfchen in der Retina ausgelöst wird und schließlich an einer bestimmten Stelle optischer Wahrnehmung im Gehirn ankommt und „verarbeitet“ wird, man kann also erklären, was passiert, wenn man Rot sieht, aber damit, so die entscheidende Zuspitzung, ist noch längst nicht gesagt, wie es sich im Innern des Sehenden anfühlt, rot zu sehen. Ebenso kann man alle Funktionen und Eigenschaften einer Fledermaus genauestens beschreiben bis hin zu einem denkbaren molekularen Nachbau (Kopie) eines solchen Tieres, ohne je zu wissen, wie es sich als Fledermaus anfühlt, eben eine Fledermaus und nicht ein Mensch oder sonst ein anderes Lebewesen zu sein. Wenn man sich in dieses Problem vertiefen will, tun sich einem Bücherschränke an Literatur aus den jüngst vergangenen Jahrzehnten auf. An der Charakterisierung dieser Qualia scheint so viel zu hängen, weil man darin einen irreduziblen „Rest“ einer rein mentalen Fähigkeit erkennen will, die nicht von einem physikalischen Zustand verursacht ist. Hier scheinen also die hehren Retter der Unabhängigkeit des Geistes gegen die plumpen Naturwissenschaftler und Physikalisten zu stehen.

Ich betone „scheinen“, denn beim näheren Hinsehen sind auch die monistischen Positionen (im Gegensatz zu den Dualisten) weder plump noch geistesfremd. Es ist doch in der Tat die Frage, ob wir bei der Beschreibung dessen, was uns wissenschaftlich erkennbar ist, von einem einheitlichen, in sich kausal geschlossenen Weltbild ausgehen wollen, oder ob wir zwei verschiedene Ontologien, eine physikalische und eine geistige, meta-physische (darum Dualismus) behaupten wollen. Fragt man sich nun, warum der ganze Terz, ist das denn so wichtig? Kann man nicht einfach von zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten (Ontologie = Seinslehre) ausgehen, wenn  einem eine einzige „rein“ physikalische nicht auszureichen scheint? Das Problem ist dann nur anzugeben, wie sich diese beiden Seinsweisen denn aufeinander beziehen, da sie doch im Menschen offenkundig gemeinsam versammelt sind. Damit sind wir flugs bei Platon, Aristoteteles, und und und. Will man aber ein einheitliches „konsistentes“ Weltbild zugrunde legen, wie es die naturwissenschaftliche Forschung de facto tut, dann bekommt man spätestens dann Schwierigkeiten, wenn  man die besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten beschreiben (um nicht zu sagen erklären) will, die für unverwechselbare Kennzeichen des Geistigen gehalten werden: Selbstbewusstsein, Erleben, Empfindung, Intuition, – von all dem, was man unter „Mystik“ zusammen fasst, einmal ganz zu schweigen. Woher kommt „Neues“ in die Welt? Was ist (nicht nur künstlerische) Kreativität? Wie verhält sich die Sprache zu unserer Erkenntnisfähigkeit? Wie soll man denjenigen Bereich des menschlichen Daseins verstehen, den Karl Popper so schön als „Welt 3“ kategorisiert, womit er die Welt geistiger „Gegenstände“ (Gedanken, Ideen, Kultur) meint? Kann ich das alles im Ursprung „reduktionistisch“ auf biophysische Vorgänge zurück führen, und wenn ja, was würde das genau bedeuten? Reduktion heißt ja nicht, verschwinden lassen, es bedeutet vielmehr eine Rückführung oder besser Verknüpfung der Erklärung und des Verstehens auf basale oder wenigstens vorgängige Strukturen und Funktionen, die unsere Welt, belebt und unbelebt, im Ganzen bestimmen und die wir unter anderem als Naturgesetze kennen. Dem unterliegt der Mensch doch auch sonst. Da kommen dann Begriffe wie Emergenz, Supervenienz und Epiphänomenalismus zur Geltung, die genau einen positiv gefüllten Begriff einer physikalistischen, monistischen Ontologie entfalten und erweitern wollen. Allein diese drei Begriffe zu erklären würde schon wieder einen längeren Aufsatz erfordern. Der Hinweis auf sie mag hier anzeigen, dass auch auf der Basis eines nicht-dualistischen Weltbildes die Dinge keineswegs einfacher liegen, als sie sich vermeintlich aus dualistischer Perspektive ergeben.

Eines allerdings, und darin sind sich fast alle Gegenwartsphilosophen einig, ist ‚verbotenes Land‘, zumindest vermintes Gebiete: die Metaphysik, gerne mit dem Adjektiv „traditionell“ versehen. Alle bisher beschriebenen Bemühungen sind in dem Bereich der Philosophie angesiedelt, den man als „analytisch“ bezeichnet, mit oder ohne  „linguistic turn“. Die analytische Philosophie wollte und will sich als Alternative zu metaphysischen Spekulationen anbieten, die man zum Beispiel im Deutschen Idealismus kulminieren und zu überwinden sieht. Ganz klar, zu Hegel & Co. gibt es kein zurück, und das ist auch gut so – aus meiner Sicht. Aber die Verheißungen der analytischen Philosophie, die Phänomene von Geist und ‚Sinn‘ einfacher, klarer und konsistenter zu beschreiben und zu verstehen, haben sich definitiv nicht erfüllt, fast möchte man sagen: eher im Gegenteil. Aber wenn auch neben vielen sehr guten Ergebnissen (wie die genauere Bestimmung von Qualia, Emergenz, Supervenienz, epistemischer oder nomologischer Ontologie und vielem anderen mehr) auch Abwege und Sackgassen deutlich werden, so ist damit auch viel gewonnen. Mir scheint besonders die extensive Diskussion der Qualia inzwischen in einem unergiebigen Abseits gelandet zu sein. In der Verlagsbeschreibung eines neueren Buches von Michael Pauen zum Thema Qualia heißt es sehr schön:

Wie kann das phänomenale Bewusstsein in unser naturwissenschaftliches Weltbild integriert werden, wenn doch, wie viele Philosophen des Geistes heute glauben, auch seine Abwesenheit mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen logisch vereinbar ist? Hier haben sich in der jüngsten Diskussion zwei Strategien heraus kristallisiert: Erstens die Strategie der phänomenalen Begriffe, derzufolge die explanatorischen Rätsel des phänomenalen Bewusstseins nichts mit einer ontologischen Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu tun haben, sondern sich allein aus den Besonderheiten unserer phänomenalen Begriffe ergeben. Zweitens die Strategie des verfehlten Erklärungsmodells, derzufolge die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit reduktiven Erklärungen phänomenaler Eigenschaften nichts mit unerklärbaren Besonderheiten des Bewusstseins zu tun haben, sondern einfach mit falschen Vorstellungen darüber, wie reduktive Erklärungen funktionieren.

Ja, an „verfehlten Erklärungsmodellen“ könnten viele der genannten Probleme wirklich liegen. Es geht also wieder einmal darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dazu war in der Philosophie oft genug Anlass und ist immer eine besondere Anstrengung nötig.

Was also ist der Mensch, dieses „zweibeinig federlos Geschöpf, plattnägelig, der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“? Spannende Frage. Wir werden dran bleiben müssen.

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1) siehe in Margaret Billerbeck (Hrg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, 1991, den Beitrag von C.W. Goettling, Diogenes der Kyniker, S. 43 (Google books)