Das Böse

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Jun 122016
 

Einige vorläufige Gedanken zum existentiellen Thema des Bösen.

(Update 28.06.: Überarbeitet und mit Ergänzungen versehen)

In einer Welt voller Fortschrittsglauben und medial bestätigtem Optimismus – ganz zu schweigen von dem Standard-Grinsen in der Werbung – ist die Rede vom Bösen (substantivisch) deplaziert. Aber ebenso in einer Welt mit Ängsten, Selbstzweifeln und Depressionen geht es allenfalls um eine subjektive Störung der ansonsten zuversichtlichen Grundströmung. „German Angst“ mag zwar eine übervorsichtige Mentalität kennzeichnen, hat aber eigentlich keine wirklich analytische Bedeutung. Leben lässt es sich gut nur in einem sicheren Umfeld mit positiven Erwartungen. Es muss ja nicht gleich „mein Haus, mein Boot, mein Auto“ sein.

Störung kommt von allem, was dieses Streben nach Sicherheit, nach Verbesserung, nach einem Aufwärts – Vorwärts – Weiter hindert. Das mögen persönliche Unzulänglichkeiten sein (oder etwas, was als solche empfunden wird), das mag ein Übermaß an Widerstand und Enttäuschungen sein oder einfach Pech. Die öffentlich zur Schau gestellte Richtschnur für ein erfolgreiches und erst dann zufriedenstellendes Leben kennt nur eine Richtung: zum Positiven. Dem entspricht die individuelle Lebenswirklichkeit nur in recht geringem Maße. Faktisch mischen sich Erfahrungen von Positivem (Familie, Freundschaft, Bestätigung) mit Erleben von Negativem (Neid, Missgunst, Zurücksetzung), wie es sich über ein Leben hinweg mal mehr, mal weniger verteilt. Metaphern wie „die Bäume nicht in den Himmel wachsen lassen“ bringen diese Lebenserfahrungen auf den Punkt: dass man nach einer guten Zeit und beglückenden Erlebnissen nie sicher sein kann, wann und wie der nächste Absturz kommt. Alle streben nach dem Glück – und keiner kann es für sich behalten.

Dies ist alles total normal und kaum der Rede wert. Aber da ist noch etwas anderes, was in dieses Schema des Normalen mit seinem Auf und Ab nicht hineinpassen will: Verstörendes Erleben oder auch nur Hören, Sehen und Zurkenntnisnehmen von brutaler Gewalt, von abgrundtiefer Niedertracht, von hemmungsloser Vernichtungs- und Zerstörungswut, von Lust am Quälen, Erniedrigen, Töten. Das gibt es, nicht nur in den allzu zahlreichen Folterkellern, nicht nur im Krieg als dem Raum entfesselter Gewalt. Es kommt alltäglich vor, und sei es bei den verharmlosend als „Fan-Randale“ bezeichneten Ausschreitungen bei der EM in Frankreich. In erster Linie betrifft diese zerstörende Gewalt andere Menschen, aber sie kann sich auch gegenüber jeglicher Kreatur äußern. „Enthemmt“ sagt man, aber das setzt voraus, dass da normalerweise etwas gehemmt ist, zurückgehalten oder unterdrückt, das bei bestimmter Gelegenheit zum Ausdruck und Ausbruch kommt.

Gernica

Fliesen als Wandbild in der Stadt Gernika (c) Wikimedia

Darum geht es: Um das immer wieder erschreckend, wirklich verstörend große Potential von negativen Exzessen. Was ist gut, was böse? Nach aller menschlichen Erfahrung ist das gut, was Leben fördert und ihm hilft, und alles böse, was das Streben des Lebens nach Erhaltung und Entfaltung widerrufen, ungültig machen, vernichten will. Dies sind nicht bloß subjektive negative Einstellungen oder Verhaltensweisen, es hat vielmehr den Anschein einer irgendwie eigenständigen Kraft und Macht. Man kann es das Böse nennen. Eine materiale Ethik kann nicht nur situationsbezogene Aussagen machen, sondern wird ihren Hintergrund benennen und erklären müssen: nämlich den Unterschied von gut und böse.

Als Eigenschaftsworte werden ‚gut‘ und ‚böse‘ zu Prädikaten des handelnden Menschen. Das ist im Blick auf konkretes und verantwortliches Handeln eines Menschen die einzige Möglichkeit, um zu einem ethisch begründeten Urteil zu gelangen. Die Frage nach dem „Was“ und dem „Woher“ des Guten und Bösen (jetzt Substantive) ist noch ein eine Frage anderer Art. In der neuzeitlichen, nachmetaphysischen Wende können wiederum nur anthropologische, gesellschaftliche, systembedingte Strukturen als Begründung angeführt werden. Der Mensch ist dann das Produkt seiner Verhältnisse, in die er hinein geboren wird. Auf der anderen Seite wird auf die starke individuelle genetische Prägung verwiesen, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Beide Seiten gehören offenbar zusammen. Sie beantworten aber noch nicht die Frage auf der Begründungsebene, was gutes Handeln mit dem Guten und böses Handeln mit dem Bösen zu tun hat.

Ist dies nur eine unzulässige Hypostasierung von eigentlich nur relationalen Begriffen? Man kann das so sehen. Ein nachmetaphysisches, naturalistisches Weltbild (in allen möglichen physikalistischen, biologistischen, materialistischen, strukturalistischen usw. Spielarten) hat kaum eine andere Wahl. Die sehr viel ältere Frage nach dem Ursprung des Bösen (das Gute erscheint ja als viel unproblematischer) ist damit aber noch überhaupt nicht in den Blick gekommen oder beantwortet. Je länger desto mehr scheint mir diese Frage aber keine metaphysische Spielerei zu sein, sondern eine Frage nach realen Gegebenheiten. Eine realistische Weltsicht auf Mensch, Leben, Sozialität erzwingt es geradezu, die Frage nach dem Woher des Bösen und nach der Kraft seiner Wirkungen zu stellen. Es ist zugleich die Frage nach dem Woher des Guten – und was denn das Gute und seine Gefährdung ist.

Dies bleibt eine philosophische Frage, die mit entsprechender methodischer Herangehensweise zu klären ist (1). Es wären allerdings hilfreiche Anleihen zu machen bei der Welterkenntnis von Religionen, insbesondere der christlichen Religion. Hier wird nicht „das Gute“ und „das Böse“ thematisiert, sondern „der Gute“ und „der Böse“, – personalisiert. Man muss dies nicht sogleich gedanklich nachvollziehen. Aber man sollte wenigstens zur Kenntnis nehmen, was es in der Theologie an Nachdenken und Wissen über das Böse zu sagen gibt. Nase rümpfender Hochmut ist hier eher ein Zeichen von Voreingenommenheit. Es könnte dann in den Blick kommen, welche Art und welche Kraft das Böse, das Lebensfeindliche, hat im Menschen, in seinem Leben, Handeln und Verhalten. Eine Anthropologie ohne das Bedenken des Bösen ist zumindest keine realistische Anthropologie. Die Präsenz des Bösen ist etwas anderes als eine subjektive Disposition, mehr als ein nur störendes Verhalten. Das Böse zerstört und verstört. Es sollte Thema philosophischer Ethik sein.

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Ist das Böse all das, was „die Selbstbehauptung des Menschen hemmt“? (Spinoza) Uwe Betz hat darauf in der Philosophie-Community bei Google+ hingewiesen und weitere Fragen gestellt.

Es ist eine lange philosophische Tradition, das Böse als einen Mangel an Gutem zu verstehen. Das beginnt schon bei Platon und Aristoteles, wird auch in der Scholastik beibehalten und kommt erst recht in der Neuzeit zur Geltung. Spinoza und Kant können dafür stehen, oder auch Goethe mit „Wer immer strebend sich bemüht…“ Es geht dabei stets um den einzelnen Menschen, dem als Mängelwesen abgeholfen und der zum Tun des Guten angehalten werden soll. Die gesamte Tugendlehre fußt darauf. Das Böse kann in der theologischen Philosophie allenfalls als zugelassenes pädagogisches Instrument Gottes gesehen werden. Selbst die Höllenstrafen dienen im Fegefeuer ja nur der Reinigung zum Guten. Säkularisiert wird in der Moderne dann aus dem Erleiden böser Taten durch die Mitmenschen oder durch andere Mächte (Natur) der pädagogische Zweck: Was ist daran meine eigene Schuld? Was soll mich das lehren? Wozu ist das gut? Diese Deutungen enden letztlich in dem mühsamen und wenig überzeugenden Versuch, die Schrecken des radikal Bösen weg zu interpretieren. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ Goethe steht für alle, einschließlich derer, die die Gesellschaft, das Soziale, die Gene, Systeme und Strukturen für das Böse verantwortlich machen. Im Blick auf eine konkrete Ethik als Lehre vom Tun des Rechten, Angemessenen, Humanen usw. mag das auch alles helfen und weiter führen. Wie schon geschrieben: Die Frage nach dem Ursprung und der Art des (substantivierten) Bösen liegt noch auf einer anderen Ebene.

Ohne zu mystifizieren wird man doch von einer Kraft des Bösen, metaphorisch im „Fluch der bösen Tat“, sprechen müssen. Noch mehr gilt es zu erfassen, dass das Böse nicht nur ein Begriff ex negatione (Mangel von… ) ist und auch nicht nur einen individuellen Mangel, ein Unvermögen, Gehemmtsein usw. beschreibt, sondern etwas Transitives, Aktives, Zielgerichtetes beschreibt. Heidegger hat wohl etwas davon erfasst, wenn er vom „Nichten des Nichts“ schreibt, also von der vernichtenden Tendenz und Kraft dessen, was allein schon durch den Begriff „Nichts“ eine positive, transitive, aktive Negation innerhalb des Seins und seiner Gefährdung anzeigt. Ich versuche es als die „andere“ Kraft zu verstehen, die der Kraft zum Leben, zur Lebendigkeit, zur Weiterentwicklung, negativ entspricht. Davon weiß natürlich Hegel eine Menge zu sagen, aber auch bei ihm, typisches Kind der Moderne, ist die Negation nur eine Durchgangsstufe zur endgültigen Aufhebung im Geist des Guten. Nein, das ist es offensichtlich nicht.

Diese „andere“ Kraft (mir fällt erstmal nichts besseres ein) ist schon kosmologisch da. Bis zum Erweis des Gegenteils müssen wir davon ausgehen, dass die Erde die einzige belebte Insel in einem unendlichen toten, lebensfeindlichen Universum ist. Trotz aller gegenteiligen Behauptungen räumen die zuständigen und verständigen Wissenschaftler ein, dass wir derzeit noch nichts wissen davon, wie Leben und Bewusstsein tatsächlich entstanden sind – nur Theorien und Vermutungen gibt es viele. Das Leben behauptet sich also de facto seit seinem Beginn gegenüber dem Toten, Lebensfeindlichen. Sogar während der Entwicklungsgeschichte der Erde gibt es immer wieder Ereignisse, die das Leben von Grund auf zu vernichten drohen (Meteoriten impacts) – es aber de facto noch nicht schafften.

Erstaunlicherweise lässt sich diese Kraft (wenn es denn eine solche ist) als eine eigenständige Dynamik im individuellen und sozialen Leben der Menschen wiederfinden. Noch so viele psychologische Betrachtungen können die Taten von Mördern, Quälern, Folterern letztlich nicht erklären, ohne Ihnen das real Monströse zu nehmen. Da ist nicht nur ein subjektives Fehlen, ein Mangel am Willen zum Guten zu erkennen, ohne dass es Beschönigen wäre, sondern etwas Destruktives, Lebensfeindliches, Inhumanes. Ich kann nicht umhin, dies als „das Böse“ zu bezeichnen. Abgesehen von den praktischen ethischen Konsequenzen einer solchen Interpretation (Verantwortung, freier Wille – meines Erachtens gut lösbar) bleiben da auch noch die Fragen nach dem Tod, nach der Bedeutung der Tatsache, dass ein Großteil des Lebens nur durch Verbrauch anderen Lebens existiert. Das ist Natur – wie weit haben diese Tatsachen und Verhaltensweisen in der Natur Anteil an der ‚Doppelgesichtigkeit‘ kreatürlicher Kräfte, zum Leben ebenso wie zur Vernichtung des Lebens zu taugen? Und schließlich: Was ist so falsch an dem Gedanken einer Dualität, vielleicht sogar eines Dualismus (nicht zu verwechseln mit dem sogenannten Leib-Seele-Dualismus) von Dynamiken, die den Kosmos und das Leben prägen und in unterschiedliche Richtungen treiben, gestalten? Was bedeutet das für das Leben und Verhalten, die Sozialität und A-Sozialität des einzelnen Menschen? Muss man deswegen gleich zum Manichäer werden?

Natürlich nicht. Es sollte bessere, gerade auch besser durchdachte Interpretationen geben. Mein Verweis auf die Theologie ist insofern als Hinweis zu verstehen, wo man zumindest gelegentlich von der vernichtenden Kraft des Bösen reden konnte. Wie ließe sich diese Rede unmythologisch übersetzen? Wie ließe sich dabei der Gehalt der religiösen Redeweise (vgl. Habermas) beibehalten: Die Radikalität und Aktivität, das ‚Nichten‘ des Bösen – auszuhalten?

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Braucht das Böse ein Subjekt? Solange das Böse als eine moralische Kategorie betrachtet wird, ist es nicht anders denkbar. Im Bereich der Moral entspricht der Gegensatz von gut und böse vielleicht besser dem Doppel von richtig und falsch, denn darin ist die Relativität mitgesetzt: richtig in Bezug auf was, falsch in Bezug worauf? Bezugsbereiche können dann sein (absolute) Werte, kulturelle Rahmenbedingungen, Sitten und Gebräuche, Normen von Recht und Gesetz, gesellschaftliche Erwartungen usw., in denen sich das Individuum bewegt und sich normengemäß (richtig) oder normenwidrig (falsch) verhält und seine subjektiven Maßstäbe und Verhaltensweisen erwirbt und einübt (Gewissen, Anpassung). In diesem Beziehungsgeflecht finden sich alle Themen und Probleme wieder, die in der praktischen Ethik erörtert werden einschließlich des Zwiespalts zwischen Absichten und Willen einerseits und tatsächlichen Taten und ihren Auswirkungen andererseits.

Hierbei finde ich den typisch neuzeitlichen Ansatz Spinozas bedenkenswert, das Falsche, Böse, als Hemmung der Selbstentfaltung des Subjekts zu sehen, entsprechend umgekehrt die persönliche Freiheit und Selbstentfaltung des Menschen als das Gute. Man kann mit Uwe Betz (siehe Google+) auch Spinoza auf den Kopf stellen, indem man nun gerade die „absolut gesetzte Versuchung zur Subjektivität“ ohne alle ethischen Schranken als das Böse definiert. Aber auch dies ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, dem ich folgen könnte.

Meine Überlegungen zu dem Bösen und dem Guten gehen in eine andere Richtung, sie sind in klassischem Sinne metaphysisch ausgerichtet, was nicht ‚übernatürlich‘ bedeutet, sondern den Hintergrund oder die Voraussetzung aller Natur bzw. alles Seins betreffend. In diesem Sinne behandle ich die Frage nach dem Bösen als eine ontologische, nicht-subjektivistisch formuliert / übersetzt als Frage nach dem, was Leben will und fördert (das Gute) und dem, was Leben hemmt und vernichtet (das Böse). Lebensfördernd oder lebenshemmend können Strukturen, Kräfte, Dynamiken (kosmisch, natürlich) ebenso sein wie Handlungen und Absichten von Einzelnen oder Gesellschaften. Genau dort liegt dann der Schnittpunkt zu den moralischen Begriffen von gut und böse. Um diese geht es mir hier aber nicht.

Ich vermute (es ist vorläufig nur eine Vermutung), dass es einen Zusammenhng, so etwas wie eine durchgehende Linie gibt zwischen dem ontologisch Bösen und dem moralisch ‚bösen‘. Das macht dieses Nachdenken auch so spannend. Zunächst einmal möchte ich aber die Dynamiken und Kräfte des Bösen genauer benennen können, ‚lebensfeindlich‘ ist mir ein bisschen zu allgemein. Heideggers Redeweise des ‚Nichtens‘ des Nichts habe ich rein begrifflich aufgenommen, um das Aktive des Bösen zu beschreiben, ohne mich damit auf Heideggers Philosophie bzw. Metaphysik zu verpflichten. Auch Freuds „Todestrieb“ ist mir abei in den Sinn gekommen, der mir allerdings zu psychologisch ist und sich durch die Biowissenschaften und Verhaltensforschung kaum belegen lässt. Aber Freud (und in anderer Weise Nietzsche) haben schon etwas gesehen und formuliert, was in eine ähnliche Richtung gehen könnte, die ich verfolge.

Was trägt dieses Nachdenken aus? Dass man eine realistischere Sicht auf Welt und Mensch gewinnen könnte, die unserer Erfahrung mehr entspricht als der neuzeitliche Fortschrittsglaube und das Vertrauen auf die allein seligmachende Venunft. Vor einem (scheinbaren?) Dualismus habe ich da keine Angst, die meisten Kulturen kennen und beschreiben antagonistische Dynamiken. Die neuzeitliche westliche Kultur hat da sehr einseitig auf den Positivismus der Ratio gesetzt. Auch wenn die Vernunft unser letztes und bestes Mittel ist, die Welt und unser Dasein zu verstehen – Kosmos und Natur scheinen noch ein wenig anders gestrickt zu sein, als es sich in mathematischen Kalkülen abbilden lässt.

 

Anmerkung

*) Es ist Holm Tetens zu verdanken, dass er dieses Motiv seiner „Rationalen Theologie“ klar benennt.

Sep 112014
 

[Anthropologie]

Gewalttaten unterschiedlichster Art, ob von Regierungsagenten oder von Terroristen verübt, lassen die Frage nach dem Menschen entstehen, der zum Täter wird. Aufgabe einer philosophischen Anthropologie könnte es sein, einen Frageansatz für eine interdisziplinäre und theoretische wie empirische Forschung zu entwickeln über das Wesen MENSCH.

Aus recht aktuellem Anlass kommen mir einige Überlegungen zur Anthropologie in den Sinn. Es sind so etwas wie „propädeutische“ Überlegungen, nämlich darüber, was eine Anthropologie als philosophische Disziplin leisten müsste. Spätestens seit dem Humanismus und der Aufklärung ist das Nachdenken über das „Wesen“ des Menschen Gegenstand philosophischer Untersuchungen geworden. Aber die Linie des Denkens führt viel weiter zurück. Der Versuch auf die Frage zu antworten „Was ist der Mensch?“ gehört zu den Grundanliegen alter und neuer Philosophie.

Mir schwebt allerdings nicht vor, eine neue irgendwie idealtypische Wesenbestimmung abzuliefern. Inzwischen ist das Feld der philosophischen Anthropologie von vielen anderen Disziplinen flankiert, die sich auch analytisch und empirisch mit dem Menschen befassen. Von der Psychologie in all ihren Spielarten, der Soziologie, der Pädagogik, der Kybernetik, der Humangenetik, den Neurowissenschaften und der Medizin insgesamt reicht der Bogen in den gesamten Bereich kultureller Betätigungen hinein. Wikipedia listet allein sieben geisteswissenschaftliche und vier andere Ansätze auf und fragt nach einer Anthropologie als „Dachwissenschaft“ für alle Humanwissenschaften. Das kann man wissenschaftsgeschichtlich prüfen und wissenschaftstheoretisch überlegen. Mir geht es um etwas noch anderes.

Der anthropologische „Gegenstand“, dem ich mich annähern möchte, wäre vielleicht als soziokulturelle, soziopsychologische, sozioempirische Anthropologie zu bezeichnen. Das ist noch reichlich unscharf, nur „sozio-“ kommt darin immer vor, also der Mensch in seinen sozialen Bezügen. Allerdings ist das adjektivisch gebraucht, ist also soviel wie eine Näherbestimmung der Frage nach dem Menschen überhaupt. Zielrichtung und Motivation meiner Überlegungen ist das Verhältnis von sagen wir mal kultureller Zähmung und ungebändigtem Gewaltpotential. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ formulierte Goethe, – und wir lesen aktuell von Gewaltexzessen von Menschen gegenüber Menschen, egal ob von Seiten der CIA im grenzenlosen Antiterrorkampf nach 9/11 (heute jährt sich das Datum zum 13. Mal) oder von Seiten der Terrororganisation „Islamischer Staat“, die äußerste Brutalität medial als Mittel der Eroberung und der Disziplinierung einsetzt. Dies sind nur aktuelle Beispiele, sie ließen sich aus der Vergangenheit schier unendlich vermehren. Die großen und die kleinen Schlächter sind Legion. Meine Frage zielt auf dies: Was macht Menschen zu dem, was sie da als folternde „Befrager“ in geheimen CIA-Gefängnissen getan haben oder was sie als Agitatoren des IS vor laufender Handykamera tun? Was bringt einen Menschen dazu, wie in den Jugoslawienkriegen geschehen (Symbol: Srebenica), andere Menschen, frühere Nachbarn und Mitbewohner eines Dorfes, plötzlich grausamst umzubringen? Immer wieder wird berichtet, wie Einzelne durchaus lustvoll ihre Opfer peinigen, entwürdigen, entmenschlichen, um sie nur noch als zuckendes und schreiendes Stück Fleisch gerade noch leben oder eben irgendwann sterben zu lassen? Was genau geschieht da in und mit solchen Menschen als Tätern?

Die Frage ist also sehr aktuell und sehr praktisch motiviert wiewohl uralt. Natürlich kenne ich eine Vielzahl von Antworten und Erklärungen, wie die Verhältnisse einen Menschen prägen, auch umprägen, welche Aggressionen und Gewaltphantasien auf einmal aufbrechen und ausgelebt werden können, welche Mechanismen zum Beispiel auch sadomasochistischer Herkunft da ablaufen, wie Enthemmung trainiert und eingeübt wird, welche Rolle dabei Hormone ebenso wie Drogen spielen können (Assassinen), wie Gruppendruck, Anerkennung und Selbstbestätigung gerade bei Folter und Vergewaltigung funktionieren. Das ließe sich noch deutlich verlängern. Für mich sind aber all diese Antworten unbefriedigend. Denn sie meiden den eigentlichen Kern der Frage: Was bringt einen Menschen dazu, seine zivilisierte Umgebung, Erziehung, Normen zu verlassen und zum besinnungslosen Brutalo zu werden? Oder ist der „Brutalo“ gar nicht so brutal, sondern nur Ich-schwach, gar nicht so besinnungslos, sondern nur getrieben von seinen Ängsten, Enttäuschungen und Rachegelüsten? Aber was wäre damit überhaupt erklärt oder gar verstanden?

Man sagt in solchen Diskussionen (es sind die Realisten, die so reden), jeder könne unter bestimmten Bedingungen zum Mörder werden, und: Die zivilisatorische Schicht sei sehr dünn, die kulturelle Zähmung nur sehr oberflächlich. Dahinter scheint mir ein sehr pessimistisches Menschenbild zu stehen, dass der Mensch „eigentlich“ im Sinne von „in Wahrheit“ ein fürchterliches Raubtier sei, dem man halt durch Erziehung und Gesetz Zügel anlegen müsse. Ganz andere Erfahrung mit Mitleid, Sympathie, Hilfsbereitschaft, Mut und Zivilcourage stehen dagegen. Ich frage nicht nach Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, sondern ich frage nach den konkreten Bedingungen und Abläufen, die den einen frustrierten jungen Mann in sagen wir Köln dazu bringen, ein paar Autos zu demolieren, den anderen jungen Mann aber dazu, nach Syrien und Irak zu reisen, um sich dem IS anzuschließen. Ist das nur eine Frage des Testosterons und der Umstände – und falls ja, welcher genau?

Ich möchte nach empirischen Befunden über das Gewaltpotential des einzelnen Menschen fragen, nach empirischen Befunden sozialer bzw. a-sozialer Verhaltensweisen, die zu brutaler Gewalt führen, nach den Voraussetzungen und Mechanismen, die jene eingebaute Hemmschwelle des Tötens, des Quälens, des Erniedrigens beseitigen. Das ist ja offenbar auch bei amerikanischen Regierungsbeamten gelungen, wenn sie für die CIA Terrorverdächtige jenseits aller Vorstellungen gefoltert haben (siehe die Vorberichte zu dem entsprechenden Bericht des US-Senats). Das Recht und die Zivilisation geschweige denn der Staat haben die Opfer nicht geschützt. Also ist die Zivilisation doch nur eine hauchdünne Firnis für gute Zeiten? Was lässt sich überhaupt erklären und was bleibt übrig als unerklärlicher Rest?

Und weiter: Welche Rückschlüsse, welche Deutung des Wesens Mensch (nicht: des Wesen des Menschen!) ergibt sich daraus? Was könnten einem empirische Studien, Fallanalysen wie bei jenem britischen IS-Köpfer im Video, was das Wissen über neurophysiologische und neuropsychologische Zusammenhänge sagen und erklären? Inwiefern ist der Einzelne zwar immer Kind seiner Zeit und auch Produkt seiner Gesellschaft („Wie ich fast ein Dschihadist wurde“), aber dadurch noch keineswegs zu einem bestimmten, vorhersagbaren Verhalten determiniert – oder stimmt das nicht mehr? Lässt die Analyse von Big Data, wenn man nur genug Material hat, auch eine präzise Vorhersage zumindest der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens unter gegebenen Bedingungen zu? Wo wird darüber öffentlich geforscht? Was können humangenetische und evolutionsbiologische Erkenntnisse beitragen wenn sie auf das Verhalten von Menschen angewandt werden – und eben nicht nur auf das Verhalten von (bekanntlich recht aggressiven und brutalen) Schimpansen? Was helfen begriffliche und strukturelle Analysen über die Funktion von Macht im sozialen Gefüge des Menschen (zum Beispiel in den Arbeiten von Michel Foucault) in dem, was wesentlich zum Verständnis des Menschen dazu gehört?

Eine philosophische Anthropologie, wie ich sie mir als sinnvoll vorstelle, müsste weniger eine „Dachwissenschaft“ als vielmehr eine „Querschnittswissenschaft“ sein, eine integrative und interdisziplinäre Forschungsanstrengung unterschiedlichster Disziplinen und Fragestellungen, die zu einem theoretisch besseren und empirisch begründeteren Verständnis des Menschen, was er ist und tut, wie er lebt und tickt, helfen könnten. Es wäre dennoch eine eminent philosophische Fragestellung, die allerdings von idealistischen Höhen und strukturalistischen Tiefen auf situative und konkrete Weise geerdet, also realitätsnah begründet und entfaltet würde. Das kann nicht das Werk eines Einzelnen sein, es wäre vielmehr die Aufgabe einer Forschungsgemeinde, eines Jahrhundertprojektes darüber, was der Mensch nach dem Stand der verschiedensten Wissenschaften eigentlich für ein Wesen ist: ein Lebewesen unter den Primaten, ein animal sociale, der homo faber, die imago Dei, der homo hominem lupus, der Freund und Feind, „Dichter und Denker, Richter und Henker“. Zumindest die Fragestellung und Blickrichtung könnte eine philosophische Anthropologie dafür ausarbeiten und schärfen und die eingehenden Ergebnisse zusammenführen und validieren. Diese Aufgabe würde die Philosophie als Wissen oder Weisheit vom Menschen aktuell und konkret werden lassen – auch dann, wenn manche Frage unbeantwortbar bleibt.