Mai 212017
 

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Viel mehr als diese Selbstbezüglichkeit lässt sich darüber material kaum sagen. Der Sinn des Lebens liegt in ihm selber. „Leben wollen inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

„Leben inmitten von Leben“ – das ist das Erstaunliche: Es gibt Leben! Um das festzustellen, muss man schon leben. Es scheint für uns das Selbstverständlichste auf der Welt zu sein. Das stimmt auch: in unserer Welt. Bislang ist diese einzigartig, wir wissen von keiner anderen, die Lebensformen enthält. Auf der Suche ist man schon lange, die SETI – Projekte haben sich insbesondere dieser Aufgabe verschrieben. Man findet wohl Bedingungen, die Leben in der uns bekannten Form, also auf Kohlenstoff basierend, ermöglichen könnten, hat auch auf Asteroiden komplexere Moleküle gefunden, die einmal zu Bausteinen des Lebens werden könnten. Man sucht und findet Exo-Planeten, die sich in einer „lebensfähigen Zone“ befinden und Wasser aufweisen könnten. Aber Leben selbst, ganz zu schweigen von intelligentem Leben, hat man noch nirgendwo sonst im Universum gefunden – außer hier, auf diesem Planeten Erde.

Es kann durchaus sein, dass Leben auf der Erde einzigartig ist. Das passt zwar nicht in das derzeitige astronomisch-physikalische Weltbild, das keine Einzigartigkeiten liebt, schon gar keine Teleologie, sondern nur Kausalität und Geschlossenheit, Prognostizierbarkeit und Wahrscheinlichkeit. Aber der „echte“, der quantenphysikalische Zufall könnte einem hier schon zu denken geben, denn er passt nur schwer in das sonst so stimmige Standardmodell der Physik und der Kosmologie. Dennoch ist einige Wahrscheinlichkeit gegeben, dass es noch andere lebensdienliche Planeten geben könnte. Doch dies sind theoretische Modelle, die sich an Beobachtungen und Experimenten (zum Beispiel beim CERN) bewähren müssen. Ob dann wirklich einmal außerirdische Lebensformen entdeckt werden können, die unsere Einsamkeit im Universum beenden, bleibt dahingestellt. Bis dahin sind wir auf dem lebensförmigen Planeten Erde einzigartig. Das ist auf jeden Fall erstaunlich.

Der Bildschirmschoner des SETI@home-Client (c) wikimedia

Es ist bisher trotz aller Bemühungen nicht gelungen, Leben künstlich herzustellen. Das will heißen, es ist bisher nicht möglich gewesen, aus anorganischer Materie Leben zu formen. Alle bisherigen Versuche und Laborergebnisse beruhen entweder auf bereits organischer Materie und deren Veränderung und Anpassung (am erfolgreichsten bisher mit der CRISPR/Cas-Methode) oder enden bei vororganischen Molekülen und Molekülketten, den sogenannten Bausteinen des Lebens. „Bausteine“ und genetische „Baupläne“ schön und gut, aber offensichtlich fehlt noch die Kenntnis und die Fähigkeit, aus anorganischer, „toter“ Materie lebendige Wesen, Organismen zu schaffen. Die dafür erforderlichen Prozesse sind äußerst komplex und, wenig erstaunlich, sprechen auch die Molekularbiologen hier von einem “magical mechanism” (vgl. Essence of Life ). Selbst wenn es einmal gelingt, Lebendiges aus Nicht-Lebendigem zu erschaffen, herzustellen, zu organisieren, wie auch immer man es nennen will, dann geschieht es doch unter absolut lebensfreundlichen Rahmenbedingungen, nämlich unter denen auf der Erde, und in Kenntnis dessen, was Leben ist und wie es funktioniert – hier auf der Erde, und wie man es manipulieren und instrumentell herstellen kann – von lebendigen Wesen hier auf der Erde. Diese Rahmenbedingungen lassen den „Nachbau“ dann weniger wunderbar und durchaus möglich erscheinen. Aber auch so erweist sich Leben als etwas durchaus einzigartiges, dessen Mechanismen und Zusammenhänge zu verstehen auch intelligente Wesen wie den Menschen an die Grenzen des Erfassbaren bringt.

Diese Einzigartigkeit, zumindest diese extrem herausgehobene Besonderheit und Seltenheit des Lebens liefert auch schon einen weiteren Aspekt (vgl. Blogbeitrag) für die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Jedes lebendige Wesen trägt seinen Sinn in sich selber, weil es lebt und nicht tot ist. Leben zu können, leben zu dürfen, darüber hinaus mit Bewusstsein und Selbstbewusstsein ausgestattet zu sein, wie es der Mensch ist, gehört zu dem Erstaunlichsten und Wunderbarsten überhaupt. Die Spitze der Erstaunlichkeit ist, dass wir Menschen dies auch in vollem Sinne wahrnehmen und erkennen können. Auch die Tierwelt, ja vielleicht auch die Pflanzen- und Pilzwelt ahnt etwas davon. Jedes Lebewesen will leben, sich selbst behaupten, sich fortpflanzen, also die Kette des Lebens aufrecht erhalten. Höher entwickelte Tierarten mit für uns erkennbarem Bewusstsein, vielleicht sogar Selbstbewusstsein (Primaten, Rabenvögel …) hängen am Leben, können Schmerz und Trauer empfinden, wie man es schon bei Elefanten eindrücklich erleben kann. Ist dies nicht Sinn genug, Sinn, über den hinaus es kaum etwas Größeres geben kann?

Wir Menschen meinen oft, der Sinn des Lebens müsse in etwas Höherem bestehen, nur zu leben reiche nicht. Daraus folgt die Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen, heute nach dem Glück und „Erfüllung“. Das hat sicher sein Recht und seinen Platz, wenn es um das „bessere“, „wahrere“ Leben geht, sozusagen um die Luxus-Variante. Das Leben selbst mit Selbsterhaltung und Fortpflanzung, mit Freude und Leid, mit täglichem Überlebenwollen und Glücksmomenten, muss dann schon bewältigt sein, wenn da „noch mehr“ sein soll. Ich vermute, allenfalls ein Viertel der Menschheit kann sich über dieses „Mehr“ überhaupt Gedanken machen. Schon die alten griechischen Philosophen mussten Muße haben, um nachdenken zu können, Sokrates brauchte seine Xanthippe. Aber wir sollten nicht meinen, alles andere Leben, was nicht über sich selbst und seine „höheren Ziele“ nachdenken könne, sei sinnlos – welche Überheblichkeit! Uns Menschen täte es manchmal gut, den Sinn des eigenen Lebens erst einmal genau darin zu suchen und zu finden: im Frieden mit sich selbst und mit seinem Nachbarn zu leben, das heißt das Leben-wollen in einem möglichst freien und friedlichen Umfeld für sich und seine Nachkommen verwirklichen zu können.

Schon dies ist ein Anspruch, den vielleicht nur die Wenigsten für sich erfüllen können. Könnten sie es, würde sie daraus ein hohes Maß an Zufriedenheit schöpfen, – die Voraussetzung für das eigene kleine Glück. Wer so zu leben versteht und sich dessen bewusst ist, dass Leben als solches schon ein ganz außerordentlicher Glücksfall ist, und der das, was er für sich erstrebt (Selbstgenügsamkeit und Zufriedenheit) auch für andere erstreben und anderen zubilligen möchte, der hat den Sinn des Lebens gefunden. Er / Sie wird kaum weiter danach fragen wollen.

Feb 162017
 

Wie erlangt man Wissen – und was ist Wissen?

Was ich weiß, ist mir bewusst. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, es wahrnehmen und mir bewusst machen. Ich kann mich auch einer Sache oder Begebenheit erinnern, sie mir ins Gedächtnis rufen und dann aktuell über sie Bescheid wissen. Andererseits kann ich über etwas, das mir widerfahren ist, ein unklares, vielleicht ungutes Gefühl haben. Werde ich dadurch zu einem Verhalten genötigt, ohne es einfach auf sich beruhen zu lassen, muss ich mir klar werden darüber, was ich tun soll. An einem bestimmten Zeitpunkt weiß ich dann, was ich zu tun habe. Oder ich tue etwas, verhalte mich auf einen von außen kommenden Anspruch, reagiere auf ein Wort oder Verhalten, ganz spontan, ohne genau zu wissen, was ich tue und was da eigentlich geschieht. Ebenso kann es passieren, dass ich sehr genau weiß, was ich eigentlich nicht tun oder sagen will, und tue und sage es dann dennoch. Immer hat das, was ich aktuell weiß, mit dem zu tun, was ich einmal erfahren, erlernt, gewusst, getan habe, dessen ich mich erinnere und das nun als aktuelles Wissen nutze, sei es durch Zustimmung, sei es durch Ablehnung. Es folgt daraus ein Verhalten meinerseits, dessen ich mir zumindest in Teilen bewusst bin.

Die Anfangsfrage habe ich damit noch nicht beantwortet, weder was Wissen ist, noch wie ich Wissen erlange. Es scheint einfach da zu sein als etwas, das ich fortwährend brauche, nutze, anwende. Angeeignetes Wissen muss mir aktuell nicht einmal bewusst sein, ich kann morgens die Kaffeemaschine anstellen und gleichzeitig an meinen Tagesplan denken. Die Kaffeemaschine bediene ich unbewusst, weil ich einfach weiß, wie es geht. Wissen wird bewusst, wenn ich es aktuell in einer neuen Situation anwenden muss, wenn es in andere Umstände und Zusammenhänge hinein implementiert werden soll. Bin ich woanders zu Besuch, muss ich vielleicht erst einmal suchen, wo die Kaffeemaschine steht, und herausfinden, wie dieses andere Modell zu bedienen ist. Mein eigenes Wissen fällt mir immer dann auf, wenn es gerade fehlt, wenn ich eine fremde Vokabel nicht verstehe oder irgendwo den Einschalter nicht finde, den ich zur Bedienung brauche. Ich erinnere mich aber dabei an andere Situationen, ähnliche Maschinen, den Satzzusammenhang, in dem die unbekannte Vokabel auftaucht, und kann mein bisheriges Wissen aktualisieren, modifizieren, übertragen, um es in einer veränderten Situation erfolgreich anwenden zu können. Vielleicht kann ich die Bedeutung der neuen Vokabel aus dem Zusammenhang erschließen, ohne – letzte Möglichkeit – im Wörterbuch nachzuschlagen. Aktuelles Wissen stützt sich immer schon auf altes, bereits erworbenes Wissen, das in neuen Zusammenhängen modifiziert, angepasst und erweitert wird. Wissen ist also immer vernetztes Wissen: in Personen, Erfahrungen, Situationen und Gemütszuständen eingebettet. In einer völlig fremden Umwelt oder Situation werde ich mich isoliert und unsicher fühlen, solange ich keine Anknüpfung an vorhandenes Wissen finde, das mir Orientierung und bewusste Reaktion ermöglicht.

Ich kann natürlich auch gezielt etwas Neues lernen wollen, eine andere Sprache, eine Fähigkeit oder Fertigkeit, um etwas Neues bewerkstelligen zu können. Ich kann darüber hinaus greifen und nach dem suchen, was man ‚überhaupt‘ in Erfahrung bringen, sich aneignen und also wissen kann von der Welt, in der man lebt, die sehr viel größer und weiter ist als die Umwelt des täglichen Lebens. Ein Teil dieses Strebens nach umfassenderem Wissen geschieht in der Wissenschaft als einer methodischen Suche nach Zusammenhängen und Erklärungen. Hier tritt besonders der Verstand in Aktion, dessen ordnende und verknüpfende Funktion mir die Muster und Zusammenhänge in der Welt zu entdecken hilft. Wenn es dabei um ein Finden von Wissen geht, das nicht nur mir selber, sondern allen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehen soll, müssen weitere Bedingungen erfüllt sein wie zum Beispiel eine klar definierte Sprache, die Verallgemeinerungen und Abstraktionen erlaubt, Nachvollziehbarkeit für andere verständige Menschen und womöglich Nachprüfbarkeit, sofern es sich um ‚evidenzbasiertes‘ Wissen handelt. Man kann noch weitere oder anders formulierte Kriterien nennen, aber es dürfte hier bereits klar sein, dass Wissenschaft ein sehr komplexes System ist, zumal unter besonderen institutionellen Voraussetzungen, Wissen zu erlangen, zu systematisieren, zu erproben und weiter zu verarbeiten. Wissen erscheint dabei als eine Art Rohstoff, den es zu heben und zu kultivieren gilt.

Es gibt andere Formen des Wissens, die den Verstand einsetzen. Jedes Lernen, vom Kleinkind an, führt zu Wissen, meist in der Form des impliziten Wissens, das aktuell explizit werden kann, wenn ein Können gezeigt werden soll. Der gesamte Alltag ist voll von Wissen, dessen wir uns größtenteils nicht bewusst sind, das wir aber dennoch zur Bewältigung des täglichen Lebens selbstverständlich brauchen und anwenden. Die Beispiele aus dem zweiten Absatz gehören dazu und ließen sich beliebig erweitern. Es kommen dabei aber auch Formen des Wissens ins Spiel, die nicht rational begründet und insofern ‚vernünftig‘ sind. An das oft zitierte ‚Bauchgefühl‘ denke ich dabei noch nicht einmal in erster Linie, aber es weist in die hier in Rede stehende Richtung. Es gibt intuitives Wissen, ‚Gefühlswissen‘, künstlerisches und musisches Wissen, das mehr ’sagen‘ kann, als es ausformulierte wohlbegründete Sätze vermögen. Man könnte darüber streiten, ob es sich hierbei wirklich um Wissen handelt, – und so müssen wir doch eine vorläufige Bestimmung dessen wagen, was Wissen ‚überhaupt‘ ist. Wissen ist das, was mir meine Umwelt strukturiert und erfahrbar macht, was mich zu Aktionen, Verhaltensweisen, Deutungen und Verstehen, zu Ablehnung oder Einverständnis führt, dass es so oder so mit dem oder der sich ‚recht‘ verhält – oder eben nicht. Wissen ist all das, was ich mir  – rational, emotional, intuitiv, musisch – als meine Welt angeeignet habe und was mich in die Lage versetzt, mich zu äußern, mich in meiner Welt zu verhalten, mich zu verständigen, mit anderen Personen und Situationen zu kommunizieren und zu interagieren. Oder traditionell gesagt: Wissen umfasst all meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

Franz Marc

Franz Marc, Die großen blauen Pferde, 1911 (c) wikimedia

Es versteht sich daher von selbst, dass eine Einschränkung der Bedeutung von Wissen auf ‚Wissenschaft‘ eine Engführung ist. Wissenschaft hat nicht das Monopol auf Wissen, sie bietet aber den rational besten, bewährtesten und allgemeinsten Weg, Wissen darzustellen, zu ordnen und zu erweitern. Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl, das eine eigene, nichtrationale Weise des Menschen ist, sich in seiner Welt zu verhalten, Freude und Zorn, Liebe und Hass usw. zu äußern und sich damit zu positionieren und identifizierbar zu machen als einer, der beteiligt ist an dem, was um ihn herum vor sich geht. Die Welt strukturiert sich emotional durch Zustimmung und Ablehnung, die man äußert und die einem widerfährt. Man tritt der Welt mit offenem Herzen gegenüber und richtet sich bisweilen nach dem, was einem der ‚Bauch‘ sagt. Auch hierdurch kann man Erfahrungen machen und persönliches Wissen erwerben, das allerdings nicht immer mit anderen geteilt werden kann.

Offen und oft über alle Sprachgrenzen hinweg gültig ist das in den verschiedenen Kunstformen enthaltene und kommunikativ dargestellte und erfahrbar gemachte Wissen. Nur Poesie und Literatur sind sprachlich gebunden; bildnerische Kunst, Malerei, Musik, Tanz sind Ausdrucksformen eines Wissens, das man als symbolisches Welt- und Kulturwissen bezeichnen könnte. Die ‚Sprache‘ der Musik wird in allen Kulturen und zu allen Zeiten verstanden, wenn auch nicht immer in derselben Art und auf dieselbe Weise. Untersuchungen zeigen, wie die Entwicklung der Kunst dem „neuen Menschen“ im Unterschied zum Neandertaler einen wesentlichen Vorsprung verschaffte, der sein Wissen in verallgemeinernden und symbolischen Formen vermittelbar machte und eine neue Art von Kommunikation ermöglichte [Vorsprung durch Kunst: Das Glück der neuen Menschen, von Nicholas J. Conard, Senckenberg-Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen in: in FAZ 08.02.2017]. Die Felsmalereien in der Höhle von Lascaux ’sagen‘ auch dem heutigen Betrachter etwas, und zwar anderes und mehr als das, was sich außerdem noch paläontologisch darüber erfahren lässt. In den kultisch verwandten Bauwerken von Stonehenge oder Machu Picchu sind Kunstwerke enthalten, die Wissen in symbolischen Formen verarbeitet haben, das darüber hinaus astronomisch – kalendarisch nutzbar war. Insofern könnte es sein, dass das in den Kunstformen enthaltene und kommunizierte Wissen mit all seinen religiösen, symbolischen und emotionalen Bezügen die Grundlage bildete für dasjenige Wissen, dass dann im Laufe der Menschheitsgeschichte mehr abstrakt als rationale Form des Wissens auch die Philosophie und die neuere Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Wissen ist dann zu Recht das alles umgreifende Feld der Weltbewältigung des Menschen – und das heute so dominierende technisch instrumentelle Wissen nur eine Unterform unter vielen anderen und andersartigen Formen des Wissens. Bei der Umgestaltung der natürlichen Umwelt war dieses allerdings besonders erfolgreich.

Wie erlangt man Wissen? Durch Erfahrung, durch Erzählung, durch Lernen, durch Entdecken, durch Ausprobieren, durch Experimentieren, – aber auch durch Stillhalten, durch Hören durch Nachsinnen, durch Betrachtung, durch Anschauung, durch Versenkung, – und schließlich ebenso durch aktive oder passive Mitgestaltung, durch Erprobung und Ausübung von künstlerischen Formen der Lebensäußerung, vom Einstimmen in diese musischen Lebensvollzüge. Wissen ist Macht? Zu allererst ist Wissen die Überwindung der Ohnmacht des Lebewesens Mensch, um mit all seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, zusammen mit anderen Menschen,  in Freiheit, Offenheit und Neugier sich seine Welt anzueignen und aktiv zu gestalten.

Jan 182015
 

[Anthropologie, Ethik]

Was Leben ist, kann die Biologie recht genau sagen. Metabolismus (Stoffwechsel), (Selbst-) Reproduktion (Fortpflanzung) und genetische Variabilität sind die basalen Eigenschaften bzw. Fähigkeiten eines Lebewesens. Hinzu kommen Reaktion mit seiner Umgebung und evolutionäre Veränderung einerseits und Wachstum und Tod andererseits. Organismen sind strukturell abgegrenzte, eigenständige Systeme, die sich aus Zellen aufbauen. [Viren gehören zwar zum Bereich des Lebens, sind aber streng genommen keine eigenständigen Lebewesen, sondern reine „Bio-Programme“, die zum Leben, also für Replikation und Metabolismus, Wirtszellen brauchen.] Jede Zelle hat eine Zellmembran, durch die sie von ihrer Umgebung abgegrenzt ist und mittels derer sie sich mit ihrer Umgebung austauscht. Verschiedene Zellarten und ihre differenzierte Struktur und Funktion führen zu den drei Hauptgruppen von Lebewesen: Pflanzen, Tieren und Pilzen.

Anders gesagt ist etwas Lebendiges ein nach außen abgegrenztes und nach innen strukturiertes System, das „sich verhält“ und zu bestimmten Funktionen fähig ist. Dafür braucht ein Lebewesen Energie, die es von außen bezieht. Als offenes thermodynamisches System hält es sein Gleichgewicht durch einen Entropie-Aufschub bzw. Entropie-Export, bis im Tod die Energieaufnahme endet und der Zustand größter Entropie erreicht ist.

Pflanzen verschaffen sich ihre Energie „autotroph“, das heißt sie bestreiten ihren Stoffwechsel durch Photosynthese und durch die Aufnahme abiologischer (mineralischer) Stoffe. Tiere und Pilze vollziehen ihren Stoffwechsel „heterotroph“, das heißt sie ernähren sich von anderen organischen, also lebendigen Stoffen. Sie verbrauchen Leben, um selber zu leben. Für alles Lebendige gilt hinsichtlich der Genese und Reproduktion: Leben entsteht nur aus Leben; Leben wird „weitergegeben“. Inwiefern Lebensprozesse aus „toten“, also abiologischen Stoffen und Prozessen entstehen können, ist bis heute ungeklärt. Die oft zitierten „Bausteine des Lebens“ sind bisher nur im Umfeld bereits bestehenden Lebens gefunden worden.

Thrombolit

Thrombolit – made by Cyanobacterias

Menschliches Leben ist Teil des heterotrophen tierischen Lebens und kann sich nur durch andere Organismen am Leben erhalten, sei es in pflanzlicher, tierischer oder pilzlicher Form. Darüber hinaus braucht auch tierisches Leben abiotische Stoffe wie zum Beispiel Phosphor. Aber von „toter“ Materie, also von Mineralien, Staub und Steinen allein können Menschen und Tiere nicht leben. Sie müssen anderes Leben verbrauchen. Das bedeutet, tierische und somit menschliche Lebewesen müssen sich anderer Lebewesen bemächtigen und sie sich einverleiben, um sie verdauen und daraus Energie gewinnen zu können. Die Abgrenzung tierischer Lebewesen von pflanzlichen und pilzlichen Lebewesen ist für die Biologie zwar grundlegend, aber ethisch gesehen zunächst einmal irrelevant. Menschen verbrauchen anderes Leben. Wir können nicht anders. Leben kommt nur von Leben, und tierisch-menschliches Leben ernährt sich nur von anderem, fremdem Leben.

Hinzu kommt bei der Betrachtung der Evolution das, was Darwin „struggle for life“ genannt hat. „Struggle“ sollte hier weniger mit „Kampf“ übersetzt werden als vielmehr mit „sich mühen“, „sich anstrengen“. Er hatte dabei keinen womöglich sozial und politisch ideologisierten „Überlebenskampf“ im Sinn, sondern schlicht das stete Bemühen, das mühevolle Ringen der Lebewesen, selber am Leben zu bleiben, sich und die Nachkommen durch zu bringen, sich einen Schutzraum, einen Platz zum Leben zu verschaffen. Leben ist Arbeit, Mühe – und der Jäger wird schnell selber zur Beute. Daher das Abgrenzen von Territorien oder der soziale Verband, wenn Gemeinschaft mehr Schutz verspricht. Wir sprechen von der „Nahrungskette“ und meinen damit, dass vom Plankton (Zoo- und Phytoplankton) angefangen bis zum Wal bzw. Löwen und Menschen jeweils das größere und stärkere Lebewesen das kleinere und schwächere „verbraucht“, sprich: frisst – bis im Tod des Größten, Stärksten dessen Kadaver wiederum von Kleinstlebewesen genutzt und verbraucht wird. Der Kreislauf beginnt von vorne. So funktioniert Leben.

Die Betrachtung verändert sich unter dem Blickwinkel von Individuen. Individuen sind zunächst alle Einzellebewesen, die als „unteilbare“ (wörtlich übersetzt) Einheiten für sich leben. Das beginnt mit der Zelle, die sich mittels der Membrane von ihrer Umgebung abgrenzt. Allerdings teilt sich die Zelle, um sich zu vermehren, und ist insofern streng genommen kein „Individuum“ ebenso wenig wie ein Baum, der sich durch Wurzelsprossen oder Ableger „teilen“ kann. Hier sprechen wir besser von einzelnen Exemplaren einer Gattung. Wir haben uns darum angewöhnt, erst bei komplexeren, meist tierischen „Exemplaren“ von Individuen zu sprechen. Im Grunde ist der Begriff vom eigenständigen und eigenverantwortlichen Menschen her gedacht. Dadurch hat er sogleich eine ethische Dimension. Es ist aber durchaus sinnvoll, auch bei anderen einzelnen Lebewesen von „Individuen“ zu sprechen, wenn dadurch die unverwechselbare Einmaligkeit eines Einzellebewesens ausgedrückt werden soll. Diese Einmaligkeit hat auch ein Baum, eine Blume oder eine Amöbe. Jedes einzelne Lebewesen ist zu seiner Zeit an seinem Ort einmalig und unverwechselbar (dokumentiert in seiner DNA), und diese Einmaligkeit macht zugleich den Wert seines Lebens aus. Wird ein einzelnes Lebewesen zerstört (verbraucht, gefressen), ist sein einmaliges Dasein als individuell ausgeprägtes Leben ein für alle Mal dahin und unwiederbringlich verloren.

Die Betrachtung verändert sich noch einmal, wenn man selber hypothetisch den Blickwinkel eines individuellen Lebens einnimmt. Dies kann unabhängig davon geschehen, ob das Lebewesen, dessen Perspektive man einnehmen möchte, über Bewusstsein oder gar Selbstbewusstsein verfügt (ganz abgesehen von der Schwierigkeit, das festzustellen). Es genügt die Möglichkeit, sich mit unserem Bewusstsein in ein anderes lebendiges Individuum hinein zu versetzen. Wir nennen es Empathie. Sie ist sicher zunächst bei Artgenossen möglich und gegeben, aber nichts hindert, in selber Weise empathisch mit jedem anderen individuellen Lebewesen zu sein. Wie fühlt sich der junge Seelöwe im Maul des Orka? Warum zappelt auch der kleinste Krebs, um den Fangarmen des Kraken zu entgehen? Wir denken uns unsere eigene Angst, Todesangst, in solch einer Situation hinzu – und schon haben wir ein massivers ethisches Problem. Unsere Fähigkeit zur Empathie lässt uns die Natur als „grausam“ erfahren. Tierdokumentationen setzen da zur rechten Zeit einen Schnitt ein und erklären, es ginge bei diesem Töten ja nur um das Überleben des Beutegreifers. Aber was bedeutet das eigentlich?

Man kann sich dadurch retten, dass man Ethik als solche strikt dem Bereich des Menschen vorbehält. Nur der Mensch kann sich als Person ethisch verhalten, gegenüber anderen Menschen und natürlich auch gegenüber anderen Lebewesen wie Tieren, Pflanzen und Pilzen. So gesehen lässt sich eine Tierethik begründen und ausformulieren, eben weil wir als menschliche Individuen zu Verantwortung und Mitgefühl fähig sind. Dies gilt völlig unabhängig davon, ob das Objekt unseres Handelns zu eben solcher Verantwortung und Empathie fähig ist. Es zeichnet Ethik aus, dass sie nicht reziprok angelegt ist. Eine Katze, die maust, darf deswegen von mir noch lange nicht ebenso umgebracht werden. Wenn aber Ethik nicht auf reziprokem Erwarten oder Verhalten gegründet ist, dann müsste es neben der Tierethik selbstverständlich auch eine Ethik gegenüber Pflanzen und Pilzen geben, eben weil sich Lebensformen zwar unterscheiden, aber allesamt teil haben an der unaufhebbaren Einmaligkeit des einzelnen „individuellen“ Lebens hier und jetzt.

Auf diesem Hintergrund gewinnt Albert Schweitzers Programm „Ehrfucht vor dem Leben“ Aktualität, konzentriert ausgedrückt in der Formulierung „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Was bedeutet dies auf dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Leben von anderem Leben lebt und dass einzelnes Leben sich um sein Leben mühen muss? Inwiefern gewinnt eine Ethik des Lebens wirkliche Substanz, also vernünftig begründeten Boden unter den Füßen, wenn sie nicht bloß zur ideologisch-emotionalen Rechtfertigung gerade angesagter Modeerscheinungen (früher Sozialdarwinismus, heute Vegetarier, Veganerinnen) missraten soll? Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht in der unverwechselbaren Einmaligkeit einzelnen Lebens (Exemplar, Individuum) und unserer Fähigkeit zur Empathie. Dies beides begründet eine umfassende Verantwortung menschlichen Verhaltens und Handelns gegenüber allem Lebendigen. Genau dazu dient ja Ethik: verantwortliches Handeln und Leben zu begründen und inhaltlich zu bestimmen.

Anstelle einer positiven materialen Füllung einer solchen Ethik des Lebendigen ist es zunächst leichter, die Grenzen zu bestimmen im Blick auf das, was eindeutig unethisches, unverantwortliches Handeln und Verhalten ist. Dies ist in jedem Falle dort gegeben, wo der Wert individuellen Lebens überhaupt nicht gewürdigt, statt dessen missachtet wird, wo kein Unterschied gemacht wird zwischen Leben und toter Materie, wo Lebendiges geerntet, geschürft und verbraucht wird wie Kohle oder Erz. Das war – um ein Beispiel zu nennen – gewiss so beim Walfang, wo es um die Nutzung des Walöls ging. Die Ausrottung der Wale wurde erst gestoppt, als zufällig in Texas Erdöl gefunden wurde, das entschieden billiger zu fördern war. Das Walöl wurde durch Erdöl substituiert. Eine ethische Grenze ist heute ebenso deutlich dort überschritten, wo Lebensmittel (=Stoffe aus Lebendigem für Lebendiges) keinen wirklichen Wert mehr haben. Man kann beispielsweise durchaus berechtigt fragen, ob ein Sonderangebot eines Kilos Schweinebraten für 1,99 Euro noch als ethisch angemessen veranwortet werden kann. Die Beispiele und Fragen an den Grenzen des ethisch Vertretbaren ließen sich schnell vermehren.

Jenseits rigoristischer Einseitigkeiten (wer sich am Lebendigen überhaupt nicht vergreifen will, müsste konsequenterweise freiwillig verhungern) gilt es, unseren Umgang mit dem Leben neu zu überdenken. Es gilt Leben um Leben. Es gilt dies heute zugespitzt wegen der globalen Auswirkungen und der dadurch geforderten globalen Verantwortung des Lebewesens Mensch. Eine Ethik des Lebendigen ist heraus gefordert durch Themen wie Erhaltung von Lebensräumen (das kann mehr bedeuten als nur kleine „Biotope“), Erhaltung der Artenvielfalt, Tierschutz, Schutz des Genpools, Regeln und Grenzen marktwirtschaftlichen Umgangs mit Lebewesen, Biotechnik, Gentechnik, künstliches Leben, KI, Umgang mit eingeschränktem Leben oder mit potentiellem Leben, Umgang mit Sterben und Tod. Wie verhält sich überhaupt „Leben“ und „Technik“ zueinander? Welcher Begriffs- und Bereichsklärung bedarf es da? Wie ließe sich heute im Zusammenhang einer Ethik des Lebendigen der alte Begriff „Ehrfurcht“ angemessen übersetzen? Wäre er mit Respekt, Geltenlassen, Selbstbeschränkung zu umschreiben zusammen mit dem Aspekt des Staunens und des Wunders?

Es gilt Leben um Leben. Menschen sind dabei, ihren Lebensraum und den Lebensraum alles Lebendigen grundlegend umzugestalten. Deshalb gibt es den Vorschlag vieler Wissenschaftler, unser Erdzeitalter heute „Anthropozän“ zu nennen. Ob diese Umgestaltung des Lebensraums Erde zur Verbesserung der Lebensmöglichkeiten vieler / aller führt oder zur tendenziellen Verwüstung des Planeten, ist offen. Wenn der Mensch sich seiner eigenen Grundlagen berauben sollte, kann das Leben zweifellos auch ohne die Gattung Mensch weiter bestehen, so wie es Milliarden Jahre ohne den Menschen bestanden hat. Es geht heute nicht um die „Zerstörung“ unseres Planeten. Das ist etwas übertrieben. Es geht allenfalls um die Zerstörung von Lebensräumen und um die Umgestaltung dessen, was Leben ist und kann. Insofern ist der Mensch das gewaltigste Lebewesen (vielleicht auch das gewalttätigste). Das Lebensprinzip „Leben um Leben“ kann er dennoch nicht außer Kraft setzen. Er bleibt auf anderes Lebendiges angewiesen. Ob er sich dem gegenüber vernünftig verhält, ist eine andere, offene Frage.