Rätsel der Einfachheit

 Mensch, Natur, Philosophie, Wissenschaftstheorie  Kommentare deaktiviert für Rätsel der Einfachheit
Aug 282018
 

Im früheren Beitrag Einheit und Vielfalt wurde schon darauf hingewiesen, dass durch eine Theorienreduktion zwar eine Vereinheitlichung der Wissenschaft angestrebt wird, aber der Begriff Reduktion zugleich unscharf und problematisch ist. Erhard Scheibe hat in seinem Buch „Die Reduktion physikalischer Theorien. Ein Beitrag zur Einheit der Physik“ (1997) die vielleicht gründlichste Aufarbeitung des Begriffs Reduktion für den Bereich der Naturwissenschaften am Beispiel der Physik vorgelegt. Zunächst soll daher das Anliegen seines Buches dargestellt werden.

Einige „Rätsel“ der Natur zeigen eine bisher unverstandene Einfachheit, die offenbar der Einheit und Vielfalt der Natur zugrunde liegt. Wie aber kann der Zusammenhang von Einheit und Einfachheit gedacht werden und was verstehen wir eigentlich unter ‚Natur‘?

I.

In seiner Exposition des Problems stellt Erhard Scheibe das Problem der sogenannten „großen“ programmatischen Reduktionen zum Beispiel der Chemie oder der Biologie auf die Physik fest:

Wiederum würde aber eine Resümierung dieser Ergebnisse als einer Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie die Sachlage eher verschleiern als aufklären. Wie schon im Falle der Mechanisierung der Physik würde eine solche Zusammenfassung der mühsam errungenen molekular-biologischen Erfolge deren nun erreichten wissenschaftlichen Standard durch die Heranziehung von noch nicht hinreichend durchdachter reduktionistischer Begrifflichkeit wieder aufs Spiel setzen. Es ist viel zu unklar, welches bei derart unqualifizierten Reduktionsbehauptungen schon die Reduktionspartner sind, ganz zu schweigen, was unter der jeweiligen Reduktion selbst verstanden werden soll. Schon die generalisierende Analyse von Phänomenen – die Theoriebildung – ist eine Art Reduktion der Phänomene auf eine Theorie. Man kann Sprachen auf andere Sprachen reduzieren, Theorien auf andere Theorien, Gegenstände auf andere Gegenstände, aus denen sie bestehen, – all dies fließt unkontrolliert in die allgemeine Diskussion um diese Reduktionen ein und läßt kaum erkennen, worum es überhaupt gehen soll. [Scheibe, S. 2f.]

Darum möchte Scheibe „die grandiosen Perspektiven, wie sie durch eine Reduktion
der Chemie auf die Physik, der Biologie auf die Chemie oder gar der Psychologie
auf die Physik gegeben sind, zunächst einmal ganz auszuklammern.“ Deswegen beschränkt er sich auf den Bereich der Physik und darin auf eine präzise Durchführung einer „rationalen Rekonstruktion“ des Reduktionsbegriffs, ausgeführt also als „Theorienreduktion, … also Reduktionen, durch die Theorien auf andere Theorien reduziert werden.“ [S. 3]

In diesem inhaltlich auf die Physik eingeschränkten und methodisch rekonstruktionistisch eingestellten Rahmen ist das eigentlich Neue, das den Leser in diesem Buch erwartet, zum einen eine in der Literatur bisher nicht nachweisbare Theorie der Reduktion, also genauer eine Metatheorie der Reduktion physikalischer Theorien, und zum anderen eine besonders ausführliche Exemplifikation des Reduktionsproblems. [S. 3]

Das führt Scheibe zu einer Zweiteilung des Buches, wobei der zweite Teil den ausführlichen Beispielen gewidmet ist – mathematisch und physikalisch sehr anspruchsvoll. Nicht weniger anspruchsvoll ist der erste Teil, in dem er seinen Reduktionsbegriff entfaltet und immerhin mit einigen ausgeführten Beispielen erläutert. Für seine theoretische Rekonstruktion stellt er fest:

Ihre Neuheit besteht darin, daß der sonst übliche Versuch, in den Mittelpunkt einer solchen Theorie einen für alle Einzelfälle verbindlichen allgemeinen Begriff der Reduktion zu stellen, ersetzt wird durch die Auffindung unterschiedlicher, möglichst spezieller, nicht mehr echt zerlegbarer Reduktionsarten, durch deren Kombination  (Hintereinanderausführung) dann weitere Reduktionsarten gebildet werden. [S. 3]

Dieser „synthetische (oder: rekursive) Aufbau des Reduktionsbegriffs“ vermeidet einen vorgängigen Allgemeinbegriff von Reduktion, den es dann auf die Einzelfälle und Beispiele herunterzubrechen und abzuwandeln gelte. Sein mehr induktiver Ansatz führt Scheibe von vornherein zu einem mehrfach gegliederten und in sich differenzierten Begriff von Reduktion und verschiedenen Reduktionsarten. Das „Iterative“ zeigt sich darin, dass zur Beschreibung einer bestimmten Theorienreduktion verschiedene reduktive Schritte unterschiedlicher Arten nacheinander unternommen werden müssen, um den exakten Vorgang der Übersetzung einer Ausgangstheorie in ihre Zieltheorie auch mathematisch korrekt zu beschreiben. Es ist der mühsame Weg über das konkrete Einzelne, um der Genauigkeit einer gewissen Verallgemeinerung willen. „Im übrigen erfolgt der hier bevorzugte synthetische Aufbau des Reduktionsbegriffs unbeschadet der allgemeinen Leitidee, daß eine physikalische Theorie durch Reduktion im Prinzip entbehrlich oder überflüssig oder redundant gemacht wird durch eben die Theorie, auf die sie reduziert wird.“ [S. 4]

Zwei weitere Problembereiche werden benannt und in der Durchführung seiner Arbeit zumindest gestreift oder teilweise erfüllt. Zum einen geht es um den Nachweis, dass physikalische Reduktionen auch einem empirischen Fortschritt darstellen und sich dadurch bewähren müssen. Die Schwierigkeiten zu zeigen, dass eine Nachfolgetheorie „vollinhaltlich“ die frühere Theorie ersetzen sollte, haben bereits Feyerabend und Kuhn 1) unter dem Stichwort „semantischer Inkommensurabilität“ beschäftigt. – Zum anderen verweist Scheibe auf den „Typ einer ontologischen Reduktion“, wenn „die Gegenstände der reduzierten Theorie aus den Gegenständen der reduzierenden in irgend einem Sinne bestehen.“ [S.5] Klassischer Fall dafür ist die Tradition des Atomismus, die sich heute in dem Schichtenmodell der Elementarteilchen wiederfindet. Hier will Scheibe im Konkreten nachfragen und dabei auch prüfen, wieweit „andererseits anti-reduktionistische Vorstellungen von Ganzheit und Emergenz zu rechtfertigen sind“. [S. 5]

Die grundlegenden Reduktionsarten nach Scheibe sind die exakten und die approximativen Reduktionen 2). In zusammengesetzten Reduktionen, also dem Normalfall, kommt exakten Reduktionen (Punkt-zu-Punkt-Ersetzung durch Verallgemeinerungen oder Äquivalenzen 3)) eine besondere Bedeutung zu. Ein Reduktionsverfahren ist allerdings insgesamt approximativ, wenn auch nur auf einer Stufe eine approximative Reduktion vorkommt. Insgesamt decken die approximativen Reduktionen den größten Bereich ab. 4) Eine größere Bedeutung kommt in der Praxis der Physik aber einem Bereich zu, den Scheibe gar nicht mehr den eigentlichen Reduktionen und Erklärungen zurechnet, nämlich dem Bereich der „partiellen Reduktionen“. Hier hinein gehören die Grenzfall-Reduktionen (z.B. Newton-Mechanik als Grenzfall der Quantenmechanik) und all diejenigen Fälle, in denen nur teilweise Reduktionen (micro-reductions) möglich sind. „Es kommt hinzu – und hier geht es, wenn überhaupt, nur noch um eine Konzession an das menschliche Erkenntnisvermögen -, daß in der Entwicklung der Physik eine Theorie durch eine andere ersetzt und wirklich verbessert werden könnte, auch ohne daß sich erstere auf letztere total reduzieren läßt.“ [S. 8]

Ein schönes Beispiel für Scheibes Vorgehen ist sein Modell des geschlossenen bzw. offenen Reduktionsquadrates innerhalb des Gebietes der partiellen Reduktionen.

gschlossenes Reduktionsquadrat

Das geschlossene Reduktionsquadrat

Angenommen Σ und Σ‘ sind die Axiome je einer Theorie T bzw. T‘, und es ist Σ auf Σ‘ approximativ (und total) reduzierbar. Wenn nun eine Aussage β aus Σ und eventuellen Zusatzannahmen ableitbar ist, so wird man vermuten, daß es eine in demselben Sinne aus Σ‘ gewinnbare Aussage β‘ gibt, welche im Lichte der (totalen) Reduktion von Σ auf Σ‘ die Verbesserung von β in Σ‘ ist. Sofern β und β‘ ebenfalls als Axiome selbstständiger Theorien gelten können, wird nun auch β auf β‘ approximativ reduzierbar sein. Und insofern dies gilt, wird Σ auch partiell, nämlich eben durch die Reduktion von β auf β‘ reduziert sein. [S. 207]

 

offenes Reduktionsquadrat

Das offene Reduktionsquadrat der ,echten‘ partiellen Reduktionen

Hier fehlt also die Angabe einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘, und wir erfahren nur, daß ein ,Ergebnis‘ β von Σ auf ein ,Ergebnis‘ β‘ von Σ‘ (approximativ) reduzierbar ist – allerdings auch hier in der Weise, daß β‘ das ,Ergebnis‘ von Σ‘ ist, welches β in Σ entspricht und also zugleich die Verbesserung von β in Σ‘. In diesem Sinne wäre hier Σ auf Σ‘ also nur partiell reduziert, nämlich in Gestalt der Reduktion von β auf β‘ in ihrer Rolle innerhalb Σ bzw. Σ‘. Das Offenlassen einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘ kann den Grund haben, daß man keine kennt, möglicherweise auch den, daß es keine gibt. [S. 212]

Dies offene Reduktionsquadrat als Modell einer partiellen Reduktion führt Scheibe am Beispiel der Reduktion der klassischen Mechanik auf die Quantenmechanik durch. Uns genügt an dieser Stelle der bloße Hinweis. Mit diesem ‚Umweg-Modell‘ des offenen Reduktionsquadrates gelingt es Scheibe, die in der Physik häufig vorkommenden teilweisen oder nur näherungsweisen Reduktionen zu fassen. Es sind Erklärungen, die in der einen (alten) Theorie gegeben sind und besseren Erklärungen entsprechen, die zu einer neuen Theorie führen. In jedem Falle muss die Durchführung exakt erfolgen und mathematisch quasi Zeile für Zeile rekonstruiert werden können. Nur auf diesem Wege gelingt es Scheibe, einen präzise bestimmten Begriff von Reduktionen zu gewinnen – ein aufwendiges, aber lohnendes und überzeugendes Programm. Scheibe zeigt sehr detailliert, was der Reduktionsbegriff in der Physik tatsächlich leisten und was er nicht leisten kann: Er leistet eine fundierte Kombination, In-Beziehung-Setzung und ‚Rückführung‘ von einzelnen, grundlegenden Theorien aufeinander und erweitert, verbessert, verfeinert unser Verständnis physikalischer Gegebenheiten und Erklärungsmodelle. Er leistet dagegen nicht, uns eine einfache Super-Theorie an die Hand zu geben, mit der alles erklärt und verstanden werden kann.

II.

Zweifellos führen Reduktionen zu einer Vereinheitlichung und Vereinfachung naturwissenschaftlicher Theorien, auch wenn die Durchführung im Einzelnen zu mehr Komplexität führen mag (z.B. quantenmechanische versus klassisch mechanische Beschreibung). Zusammenhänge und reduktive Interdependenzen aufzuzeigen und zu belegen, ist schon für sich genommen ein Schritt hin auf eine vereinheitlichte Sichtweise natürlicher Gegebenheiten. Genau aus diesem Grunde übt der Physikalismus solch eine Faszination aus. Dennoch macht Scheibes Darstellung physikalischer Reduktionen klar, dass der Traum vieler Wissenschaftsphilosophen und Erkenntnistheoretiker von einer einfachen, begrifflich klaren Theoriebildung über die Wirklichkeit der Natur eben nur ein Traum ist. Jede neue allgemeine Theorie mag zwar auf der mathematischen Ebene der Beschreibung an Abstraktion und insofern an ‚Vereinfachung‘ gewinnen, auf der semantischen Ebene aber und erst recht auf der Ebene experimenteller Überprüfung wird sie komplexer, differenzierter und eben schwieriger sein. Etwas Ähnliches findet sich auch bei den rekursiven Algorithmen des Maschinen-Lernens („KI“), deren Ausführung von äußerster Komplexität ist, so dass sie kaum mehr wirklich nachvollzogen werden kann. Aber bleiben wir bei der Physik: Was bedeutet es, dass die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Vorgänge in der Natur (Physis) zunehmend komplexer und ambivalenter wird (zum Beispiel bei der Quantenthermodynamik; bei Verschränkung und Superposition), wohingegen die Natur doch als solche, also nicht wissenschaftlich analysiert, sondern alltäglich erlebt, ganz einfach ist?

Auch für den Physiker wird die Beschreibung der Natur dann ‚ganz einfach‘, sofern er sich auf die Gegebenheit von Naturkonstanten bezieht. Fundamental sind im Grunde nur wenige, wenn man die abgeleiteten Fassungen weiterer Konstanten außer Acht lässt, dazu gehören die Lichtgeschwindigkeit, das plancksche Wirkungsquantum, die Gravitationskonstante und die Feinstrukturkonstante. Diese Konstanten sind räumlich und zeitlich unveränderlich und liegen allen Vorgängen in Raum und Zeit zugrunde 5). Zusammen mit der Feinabstimmung (anthopic coincidence) ‚vereinfachen‘ sie die Sicht auf die Vorgänge in unserem Kosmos. Auch das anthropische Prinzip 6) kann zwar als eine erkenntnistheoretische Restriktion verstanden werden, macht aber die Erkenntnis dessen, was in der Natur ist, aus menschlicher Sicht (aus welcher auch sonst?) einfacher. Dennoch aber ist die nicht nur mathematische Abstraktion und Komplexität physikalischer Theorien unermesslich im Vergleich zur alltäglich erlebten und erfahrenen Wirklichkeit der Natur. Man könnte sich fast wundern, dass alles so einfach passiert, was Naturwissenschaftler so umfangreich und kompliziert beschreiben und zu erklären suchen.

Gerade die biologische Natur, die sich als wissenschaftlich äußerst komplex, immer wieder überraschend variationsreich und zum Teil noch unerklärlich erweist, existiert einfach so und hat sich ‚einfach so‘ entwickelt. Zur Bestimmung dessen, was Leben biologisch bedeutet, ist es nötig, von Zellen, Stoffwechsel, Fortpflanzung zu reden. Wir können zwar recht gut beschreiben, was eine Zelle ist und wie sie funktioniert, aber wie es zu dieser Trennung von einem Außen und einem Innen gekommen ist, wissen wir kaum. Man kann den Metabolismus als Etablierung eines Fließgleichgewichtes am entropischen Limit beschreiben (Josef Reichholf) und die Fähigkeit zur Fortpflanzung als evolutionäre Kraft der Veränderung unter den Bedingungen größter genetischer Variabilität und Funktionalität begreifen, – all das steht in keinem Vergleich zur herrlichen Einfachheit der Schlafens und Erwachens, des Essens und Trinkens und der sexuellen Erfüllung. Zum Menschsein gehört gewiss mehr als diese basalen biologischen Grundgegebenheiten, aber ohne sie ist auch alles weitere in der Entwicklung des Geistes und der Kultur nicht möglich. Menschliches Leben ist zunächst einmal von Geburt an das Einfachste, was es gibt – Man lebt, das Baby trinkt an der Brust – , auch wenn die Einbettung in soziale Gegebenheiten sogleich zu etwas Komplexeren gehört: arm oder reich geboren zu sein, krank oder gesund usw. Dass Natur ‚einfach so‘ funktioniert, weckt immer wieder Erstaunen und lässt uns von den „Wundern der Natur“ sprechen. Umgekehrt lässt es erschrecken, wenn durch menschliche Eingriffe scheinbar unbedeutender Art Naturprozesse nachhaltig verändert und uns bedrohlich werden können. Das gilt nicht nur für den Klimawandel. Im Blick auf die gesamte Geschichte der Evolution des Lebens, soweit wir sie überblicken, gilt jedoch zuerst dies: Wäre sie nicht einfach möglich gewesen, gäbe es Natur und Mensch nicht. Uns gibt es aber ganz einfach! Einfach ist hier deswegen das rechte Wort, weil etwas, das faktisch gegeben ist, einfach da ist. Wäre es schwierig oder unmöglich, gäbe es uns nicht oder sogar nichts.

Blumen

Bauerngarten (c) R. Gruhn

Die Einfachheit natürlicher Gegebenheiten von Sonne, Mond und Sternen, Blume, Tier und Mensch hat die Romantiker beflügelt. Das Ideal des „einfachen Lebens“ lässt sich von den Vorsokratikern über die Stoiker bis hin zu den Bio-Anhängern eines ’natürlichen ländlichen Lebens‘ verfolgen. Unsere eigene Erinnerung an die Kindheit mag da, wo sie heil und gut gewesen ist, eben auch die Erinnerung an ein einfaches, unbelastetes und unkompliziertes Leben sein. Dunkle Seiten werden zum Glück leichter vergessen, solange sie nicht traumatisch waren. Der Hinweis auf die Romantik oder auf bestimmte Ideale zeigt aber schon, dass die Wirklichkeit des erlebten Lebens meist gar nicht mehr einfach ist. Individualgeschichtliche Prägungen und soziale Zusammenhänge stellen uns in ein Leben voller komplizierter Verhältnisse und Herausforderungen. Das Einfache wird oft zum reinen Wunschtraum. Das ‚Einfach leben‘ ist überhaupt nicht einfach, wenn man es auf seine Ursachen, Zusammenhänge und naturgegebenen Bedingungen hin untersucht, wie es die Naturwissenschaften umfassend, gründlich und erkenntnisreich tun, und es ist ebensowenig einfach, wenn man es in seinen kulturellen und sozialen Zusammenhängen und Interaktionen betrachtet, immer wieder infrage gestellt von einer ungewissen Zukunft.

III.

In beiden Blickrichtungen erscheint das zunächst Einfache als sachlich komplex bzw. faktisch kompliziert. Die Natur selbst erweist sich bei näherer Betrachtung als äußerst ambivalent. Natur als das dem menschlichen Bereich der Gestaltung Gegenüber- und Entgegenstehende gibt es gar nicht (oder kaum) mehr. Alles, was wir als Natur bezeichnen, ist im Grunde schon kulturell geprägt oder irgendwie anthropoid infiziert. Das gibt dem Ausdruck „Anthropozän“ für unser Zeitalter einiges an Berechtigung. Nur Vulkanismus (und damit verbundene Beben) sowie der weitere extraplanetare Raum sind noch Natur im Sinne von: existieren unabhängig von menschlicher Beeinflussung. Abgesehen davon ist unsere vorfindliche Natur weitgehend Kultur-Natur. Selbst auf Abraumhalden und in Wüsten und an den Polen zeigt sich die Prägekraft des Menschen. Im Klimawandel scheint sich zum ersten Mal eine menschlich verursachte Veränderung global zu manifestieren und global zurückzuschlagen. Die Natur, die wir lieben und gerne aufsuchen, ist der Garten, der Park, der Wald (Forst), in dem es kleine Räume als „Urwald“ geben mag, und auch Präsident Putin präsentiert sich in der sibirischen Taiga nicht mehr im Raum unberührter Natur.

Gerade im Bereich der Forschungen zum Klimawandel zeigt sich die Komplexität der zu untersuchenden Phänomene und der Daten über lange Zeitreihen hin, die insgesamt nur mit Superrechnern simuliert und in Szenarien dargestellt werden können. Naturphänomene wissenschaftlich zu erforschen, bedeutet die Konfrontation mit dieser doppelten Komplexität: komplexe Grundlagen in der theoretischen Basis, komplexe Auswirkungen und Verknüpfungen in dem zu erhebenden Datenbestand. Hier stellt sich das Problem der natürlichen und kulturellen Komplexität in besonderer Weise, sofern für die notwendigen Computersimulationen sowohl hinsichtlich der Ausgangsdaten als auch hinsichtlich der Anwendung der Algorithmen Reduktionen und Eingrenzungen erfolgen müssen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Die Ergebnisse müssen dann erst aufgearbeitet, interpretiert und in einem bestimmten Rahmen dargestellt werden, um verstanden zu werden und an die Öffentlichkeit gelangen zu können. Eine ziemlich radikale Vereinfachung ist nötig, sollen die Forschungsergebnisse für den einzelnen Bürger fassbar und für sein Verhalten relevant erscheinen und für die Politiker instrumentalisierbar umgeformt und als Motivation zum Handeln eingesetzt werden. Wieviel Bohren dicker Bretter hierbei erforderlich ist, zeigt die öffentliche Diskussion fast täglich.

Unser Ausgang war die Frage nach dem Zusammenhang von Einfachheit und Vielfalt. Zugespitzt auf das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität finden wir als Ergebnis, dass es im Grunde komplementäre Perspektiven sind. Wir leben in relativ ‚einfachen‘, will sagen überschaubaren Verhältnissen und Bezügen, weil wir das Leben sonst gar nicht bewältigen könnten. Die Frage nach Ursachen, Zusammenhängen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten führt sofort in ein Feld von äußerster Komplexität hinsichtlich der theoretischen Voraussetzungen und der faktischen Möglichkeiten. Dabei ist ein Rückbezug auf das Einfache, Vereinfachte unabdingbar, soll es zu Verständnis sowie Vernunft und Interessen abwägendem Verhalten kommen. Wenn ein Sachverhalt nicht einfach dargestellt werden kann, ist noch nicht verstanden; wenn eine Handlungsmöglichkeit nicht in einzelnen Schritten operationalisiert werden kann, wird es nie zur beabsichtigen Handlung kommen. Dieses Verhältnis von Einfachheit und Komplexität ist nicht neu und im Grunde auch nicht sonderlich interessant.

Anders sieht es aus, wenn nicht nach Komplexität, sondern nach Vielfalt gefragt wird. Das Vielfältige ist sowohl im Bereich der Theorien und Gründe als auch im Bereich der Ursachen und Praktiken zu finden. Wieviel ‚Einfältiges‘ das Vielfältige beinhaltet, wäre noch einmal eine weitere Frage. Hier reicht die Aussage, dass das Vielfältige das Eine und eben Vieles enthält und Vielfalt ebenso die Voraussetzung wie die Folge von Einheit ist. Leben ist nicht eindimensional, und erst Vielfalt der Lebensmöglichkeiten macht uns als Einzelne zu lebendigen und aktiven Personen. Ebenso ist unser Wissen vielfältig, und jede Wissenschaft lebt davon, viele unterschiedliche Ideen, Anstöße, Modelle, Theorien einzusetzen und zu überprüfen. Wird unser Wissen einfach im Sinne von einfältig, eindimensional, dann ist das Ergebnis Dogmatismus und Stillstand. Ist unser Leben einsam und einfältig, dann verkümmern wir, isolieren uns vielleicht stattdessen in einer Gruppe gleich Einfältiger zu einer Gemeinschaft der Verschworenen: gegen die anderen, gegen die Offenheit, Neuem zu begegnen und Vielfältiges zu lernen. Viele ultrarechte und identitäre 7) Denk- und Verhaltensweisen scheinen mir an dieser einseitigen Einfalt und Angst, an einer ideologischen Vereinsamung und Vereinfachung zu liegen. Dabei ist der Mensch schon in sich selber vielfältig, existiert er doch von Anfang an als soziales, auf andere hin sich orientierendes und erst darin sich selbst konstituierendes Lebewesen (vgl. Volker Gerhard). Darüber hinaus besteht persönliches Leben nur als Leben in fortwährender Veränderung, sowohl für sich selbst als auch in den eigenen sozialen Bezügen. Man lebt verschiedene Leben, sowohl in zeitlicher (diachron) als auch in rollenmäßiger (synchron) Verschiedenheit und Vielfalt. „Wer bin ich und wenn ja wie viele“ (Richard David Precht) hat das in seinem Buchtitel populär auf den Begriff gebracht. Vielfalt ist offenbar die Bedingung dafür, dass sich der Mensch als Person und soziales Subjekt konstituiert und weiterentwickelt. Die Einheit und Einfachheit gilt es immer neu zu gewinnen. Sie ist nicht ‚einfach‘ vorhanden. Vorhanden ist das Viele, die Vielfalt, manchmal auch das Durcheinander. Erst Orientierung im Leben und Ordnung im Wissen, gerade auch durch Reduktionen, bringen in der unübersehbaren Vielfalt der Wirklichkeit das Einfache zutage.

Reinhart Gruhn

 

Anmerkungen

  1. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 1976; Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1973 [zurück]
  2. „Reduktion wörtlich verstanden im Sinne von ,Zurückführung'“ Scheibe S. 38 [zurück]
  3. siehe Scheibe Kapitel IV [zurück]
  4. siehe Scheibe Kapitel V [zurück]
  5. siehe dazu die Diskussion über mögliche Veränderungen dieser Konstanten und über die sog. Feinabstimmung, zum Beispiel bei Wikipedia. [zurück]
  6. „Das anthropische Prinzip besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ Wikipedia [zurück]
  7. Die Bezeichnung „Identitäre“ deckt zwar je nach Ländern unterschiedliche politische Erscheinungen ab, hat aber generell den Selbstbezug des Einzelnen auf sich und das eigene ‚Volk‘ als unveränderbar zum Inhalt. Wikipedia [zurück]

Über den deutschen Protestantismus

 Ethik, Religion, Theologie  Kommentare deaktiviert für Über den deutschen Protestantismus
Apr 012018
 

Lehre fundamental, Ethik liberal, Leben egal

In der Nähe großer kirchlicher Feiertage mag sich der eine oder die andere an christlicher Religion Interessierte fragen, wo seine bevorzugte Konfession denn heute steht und wie ’seine‘ / ‚ihre‘ Kirche dran ist. Religion ist ‚in‘, aber Kirche ist ‚out‘, so scheint es. Der Protestantismus in Deutschland ist jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten um fast die Hälfte seiner Mitglieder geschrumpft mit hohen Jahresraten, die im Vergleich deutlich über denen der Katholiken liegen. Das muss ja Gründe haben. Vielleicht gehört ja das, was mir als Theologen und ehemaligem Kirchenmann auffällt, auch irgendwo zu dem wackelig gewordenen Untergrund.

In der Passions-und Osterzeit rückt das Dogmatische mehr in den Mittelpunkt, weil es bei diesem Festkreis um die Fundamente des christlichen Glaubens geht, insbesondere in seiner protestantischen Ausprägung. (Advent und Weihnachten sind demgegenüber mit märchenhafter Romantik behaftet, und von Pfingsten weiß eigentlich keiner mehr etwas.) Allerdings ist dies Fundamentale in der Öffentlichkeit nicht präsent: Krippen kann man in allen Formen ausstellen, eine geschundene und gekreuzigte Figur eignet sich dazu weniger, und wozu sollte es nützen? Nur die einigermaßen kirchlich Verbundenen wissen und erfahren es in der Passionsmusik, den Passionsgebeten, Lesungen und Predigten, in der erst strengeren und darauf folgend fröhlicheren gottesdienstlichen Feier, dass es hier um Grundlegendes geht: Kreuz und Auferstehung, genauer um die Kreuzigung, den Tod und die Auferstehung des Jesus von Nazareth. Was das genau heißen will und zu bedeuten hat, das zu sagen bemühen sich Theologen Jahrhunderte lang in sich weiter füllenden Bibliotheken. Das führt dazu, dass überlieferte und seit Alters ‚bewährte‘ Interpretationen bevorzugt werden, besonders dann, wenn bestimmte Interpretamente in kirchlichen Auseinandersetzungen ‚kanonische‘, also unbedingte Bedeutung erlangt haben. Bei „Kreuz und Auferstehung“ ist das gleich mehrfach der Fall.

Ostern

Um mich nicht in theologischen Details zu verlieren, bleibe ich bei der am meisten verbreiteten, dogmatisch bewährten Interpretation: Der Gottessohn (!) starb stellvertretend (!) für die Sünden (!) der Welt und rechtfertigte (!) die gläubigen Sünder, indem er von Gott-Vater-König (!) erhöht und ins Recht (!) gesetzt wurde und den Menschen ihre eigenen Sünden, deretwegen sie dem ewigen Verderben (!) hätten preisgegeben werden müssen, „um Christi willen“ nicht mehr zugerechnet (!) werden. Der Tod gilt dabei als „der Sünde Sold“ (!), darum dürfen auch die Gerechtfertigten (!) auf das ewige Leben (!) hoffen. Der dies „Werk“ vollbringende Jesus wird daraufhin der „Gesalbte“ (Messias (!) genannt, neben Gott-Vater auf den Thron (!) gesetzt und selber zum Erlöser, König, Weltenherrn, Pantokrator (!). Der einzelne Gläubige kann sich diese Rechtfertigung und zugesagte Erlösung im Glauben und / oder durch die Anteilgabe der Kirche im Mysterium der Messe aneignen, jedenfalls beides aus reiner Gnade (!). Bitte hier beim Lesen nicht aussteigen, weil das alles total unverständlich und unvorstellbar ist. Ich habe deswegen jeweils ein Rufzeichen (!) dort hingesetzt, wo es weiterer ausführlicherer Erklärungen bedarf, bzw. wo allein schon die Begriffe, also das, wovon die Rede sein soll, den wenigsten heute überhaupt noch klar und verständlich sind. Ich behaupte: nicht nur denjenigen außerhalb, sondern auch denen innerhalb der Kirchen. Was soll schon die Rede von Recht, Sünde, Strafe, Königtum, Thron, ewigem Leben besagen? Was für eine altertümliche Gedanken-, Bilder- und Begriffswelt wird hier bemüht? Hier zieht sich der Protestantismus auf eine heute weitgehend unverständliche und unverstandene „reformatorische Lehre“ zurück, der Katholiszismus (und erst recht die Orthodoxie) hat das ganze „Heilsgeschehen“ der Kirche selber verfügbar gemacht und vergegenwärtigt in jeder Messfeier bildlich-real das ewige Mysterium des Heilsangebotes Gottes durch die Kirche. Der Protestant ist da geschichtlicher, nüchterner und bildloser – und hat es damit schwerer, mit dem umzugehen, was da religiös verhandelt und geglaubt werden soll.

Vor bald einhundert Jahren gab es eine Bewegung in den evangelischen Theologien und Kirchen, umstritten zwar, aber doch wirksam, die einer „Entmythologisierung der Bibel“ das Wort redete: Die Zeichen und Wunder, von denen die Bibel berichtet, sollten nun nicht mehr wörtlich, sondern bildhaft und symbolisch verstanden werden als Hinweise darauf, dass der Glaube Berge versetzen und Gott auch mein Leben, meine Existenz positiv umkrempeln kann. Vielen eher konservativen Christen, insbesondere Protestanten, war das schon zu viel Moderne und Verständlichkeit, dabei war es doch nur ein leichtes Kratzen an der dogmatischen Hülle. „Entmythologisierung“, also besser gesagt die Entrümpelung und Reinigung von altertümlichen Weltbildern, von völlig überholten Rechts- und Herrschaftsvorstellungen, von einem patriarchalisch-autoritären Menschen- und Gottesbild, müsste endlich die Dogmatik selber betreffen, also mit den merkwürdigen Vorstellungen aufräumen, die ohnehin nur noch historisch kundigen Theologen einigermaßen verständlich sind: „Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch die Gnade Gottes im Glauben“. (Ich denke, so ist das dogmatisch korrekt formuliert). Wenn das keiner mehr versteht, bei niemandem mehr ankommt, ist es abgestandener Plunder, überflüssiger Ballast – Restmüll. Da rettet auch keine reformatorische Liturgie.

Nun gab und gibt es immer schon Frauen und Männer, sogar Theologinnen und Theologen, denen dieser Mangel in der kirchlichen Lehre aufgefallen ist. Die einfachste Alternative ist noch diejenige, die alles, was da geschehen oder nicht geschehen sein mag bei Kreuz und Auferstehung, nur davon reden möchte, „dass die Sache Jesu weitergeht“ (Willi Marxsen). Welche Sache? Nun ja, eben Jesu Menschenfreundlichkeit, Nächstenliebe, Friedfertigkeit. Wir sind dann ganz schnell bei der Ethik, und darauf hat sich der moderne Protestantismus dann mit Hingabe konzentriert. Der Punkt ist allerdings der, dass mit der reinen Ethisierung der biblischen Aussagen und Erzählungen dasjenige, was die frühen Christen an „Kreuz und Auferstehung“ dieses Menschen aus Nazareth entdeckt haben und was ihnen wichtig war, überhaupt nicht mehr getroffen wird. Etwas genauer und gründlicher sollte es also schon zugehen beim Aufräumen der kirchlichen Lehren. Und pathetische Osterpredigten, dass der Tod nun besiegt sei und es für jeden eine heilvolle Zukunft gebe, das ist doch einfach zu platt – und unaufrichtig. Ethisch hui – dogmatisch pfui, das reicht nicht. Man muss sich schon sehr viel Mühe geben, um das verständlich herauszuarbeiten, worum es den biblischen Erzählern und den alten Christen eigentlich gegangen ist, sofern und soweit wir das überhaupt noch durch die dicken Schichten und Überformungen der Tradition erkennen können. Aber vielleicht müssen wir das gar nicht, sondern können frei und ernsthaft darauf los phantasieren, was es für uns denn heute zum Tod der Hoffnungslosen und zu dem, was uns wirklich Kraft gibt und Mut macht, zu hören und zu sagen gäbe. Ich bin mir sicher, die neutestamentlichen Geschichten um Karfreitag und Ostern fangen als ‚geistliche Literatur‘ von ganz alleine wieder an zu sprechen. (siehe zum Beispiel den Podcast vom WDR 3 „In der Tiefe der Nacht – Erfahrungen in der Nachtwache“).

 

Kommen wir also zur Ethik. Protestanten lieben die Ethik, zu allem und jedem Thema heute gibt es eine kirchliche Verlautbarung oder gar offizielle Stellungnahme, die moderne „Dreieinigkeit“ von „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ allem vorangestellt. Diversität, Gleichstellung der Geschlechter, Ehe für alle, Genetik, Abtreibung, Armut, Europa, Migration, Integration – schauen Sie sich selber einmal in den Themen der EKD um (www.ekd.de – weit herunter scrollen!) Das ist alles wichtig und vieles richtig, es folgt nur meist dem gerade aktuellen Mainstream und ist insgesamt eher liberal und sozial orientiert (im Unterschied zur eher konservativen Morallehre der katholischen Kirche). Ein wirklicher Repräsentant dieser ethischen Ausrichtung und ihrer Handlungsmaximen ist der derzeitige EKD-Ratsvorsitzende Bedfort-Strohm: Immer freundlich konservativ, etwas abgehoben und intellektuell, aber letztlich unverbindlich und bei öffentlichen Stellungnahmen mit sterilen Floskeln. Er passt genau zum deutschen Protestantismus, – und ist doch angesichts der Herausforderungen unserer Zeit und ihrer Religionen eine – sorry – völlige Fehlbesetzung. Sachliche Aufgeschlossenheit, Aufmerksamkeit suchende Richtungsweisung, Experimentierfreude – bei ihm Fehlanzeige.

 

Das ist darum das Letzte, was mir quasi als Zusammenfassung einfällt: Das Leben der evangelischen Kirche und das, was sie zum Leben der normalen Menschen zu sagen hat, ist ziemlich egal, ziemlich gleichgültig, ziemlich ausrechenbar sozial-liberal. Das muss nicht schlecht sein, aber es ist zu dürftig, zu konturlos. Da hat auch das Reformationsjubiläum wenig Abhilfe geschaffen und neue Akzente gesetzt. Wenn Menschen, wenn evangelischen Christen ihre Kirchengemeinde egal wird, wenn ihnen die Bedeutung ihres Glaubens für ihr Leben nicht mehr klar ist und sie nicht mehr wirklich berührt, dann wird ihnen auch irgendwann ihre Zugehörigkeit zur Kirche als Institution egal sein. Genau das merkt man jedes Jahr neu, wenn man die Zahlen des Schrumpfens liest, nicht nur durch den „Sterbeüberhang“, sondern durch Austritte und unterlassene Taufen.

 

Mir tut es leid um die vertanen Chancen. Die Bibel und ihre Geschichten, protestantisches Leben und  Handeln, Denken und Glauben im Blick auf Freiheit und Individualität und menschliche Mitverantwortung hätte doch so viel Potential – vielleicht sogar als ein möglicher Katalysator im heftig gewordenen Streit der unterschiedlichen Gruppen und Meinungen in unserer Gesellschaft. Religion ist ein fundamentales Bedürfnis der Menschen, sie sucht sich immer ein Ventil, strebt nach Erfüllung. Aus der Geschichte zu Geschichten von religiöser Zuversicht: Christliche Tradition bietet dafür vielleicht die besten Geschichten, Bilder und Symbole an – auch für den Umgang mit Leid und Sinnlosigkeit, Einsamkeit und Tod, aber auch mit Hoffnung und voller Leben! Womit wir wieder bei Karfreitag und Ostern wären – und hoffentlich auch ein paar Gottesdiensten, wo der Glaube in der Welt lebendig wird und Menschen mit Freude und Freiheit ansteckt.

Reinhart Gruhn

Der Sinn des Lebens II

 Ethik, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Der Sinn des Lebens II
Mai 212017
 

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Viel mehr als diese Selbstbezüglichkeit lässt sich darüber material kaum sagen. Der Sinn des Lebens liegt in ihm selber. „Leben wollen inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

„Leben inmitten von Leben“ – das ist das Erstaunliche: Es gibt Leben! Um das festzustellen, muss man schon leben. Es scheint für uns das Selbstverständlichste auf der Welt zu sein. Das stimmt auch: in unserer Welt. Bislang ist diese einzigartig, wir wissen von keiner anderen, die Lebensformen enthält. Auf der Suche ist man schon lange, die SETI – Projekte haben sich insbesondere dieser Aufgabe verschrieben. Man findet wohl Bedingungen, die Leben in der uns bekannten Form, also auf Kohlenstoff basierend, ermöglichen könnten, hat auch auf Asteroiden komplexere Moleküle gefunden, die einmal zu Bausteinen des Lebens werden könnten. Man sucht und findet Exo-Planeten, die sich in einer „lebensfähigen Zone“ befinden und Wasser aufweisen könnten. Aber Leben selbst, ganz zu schweigen von intelligentem Leben, hat man noch nirgendwo sonst im Universum gefunden – außer hier, auf diesem Planeten Erde.

Es kann durchaus sein, dass Leben auf der Erde einzigartig ist. Das passt zwar nicht in das derzeitige astronomisch-physikalische Weltbild, das keine Einzigartigkeiten liebt, schon gar keine Teleologie, sondern nur Kausalität und Geschlossenheit, Prognostizierbarkeit und Wahrscheinlichkeit. Aber der „echte“, der quantenphysikalische Zufall könnte einem hier schon zu denken geben, denn er passt nur schwer in das sonst so stimmige Standardmodell der Physik und der Kosmologie. Dennoch ist einige Wahrscheinlichkeit gegeben, dass es noch andere lebensdienliche Planeten geben könnte. Doch dies sind theoretische Modelle, die sich an Beobachtungen und Experimenten (zum Beispiel beim CERN) bewähren müssen. Ob dann wirklich einmal außerirdische Lebensformen entdeckt werden können, die unsere Einsamkeit im Universum beenden, bleibt dahingestellt. Bis dahin sind wir auf dem lebensförmigen Planeten Erde einzigartig. Das ist auf jeden Fall erstaunlich.

Der Bildschirmschoner des SETI@home-Client (c) wikimedia

Es ist bisher trotz aller Bemühungen nicht gelungen, Leben künstlich herzustellen. Das will heißen, es ist bisher nicht möglich gewesen, aus anorganischer Materie Leben zu formen. Alle bisherigen Versuche und Laborergebnisse beruhen entweder auf bereits organischer Materie und deren Veränderung und Anpassung (am erfolgreichsten bisher mit der CRISPR/Cas-Methode) oder enden bei vororganischen Molekülen und Molekülketten, den sogenannten Bausteinen des Lebens. „Bausteine“ und genetische „Baupläne“ schön und gut, aber offensichtlich fehlt noch die Kenntnis und die Fähigkeit, aus anorganischer, „toter“ Materie lebendige Wesen, Organismen zu schaffen. Die dafür erforderlichen Prozesse sind äußerst komplex und, wenig erstaunlich, sprechen auch die Molekularbiologen hier von einem “magical mechanism” (vgl. Essence of Life ). Selbst wenn es einmal gelingt, Lebendiges aus Nicht-Lebendigem zu erschaffen, herzustellen, zu organisieren, wie auch immer man es nennen will, dann geschieht es doch unter absolut lebensfreundlichen Rahmenbedingungen, nämlich unter denen auf der Erde, und in Kenntnis dessen, was Leben ist und wie es funktioniert – hier auf der Erde, und wie man es manipulieren und instrumentell herstellen kann – von lebendigen Wesen hier auf der Erde. Diese Rahmenbedingungen lassen den „Nachbau“ dann weniger wunderbar und durchaus möglich erscheinen. Aber auch so erweist sich Leben als etwas durchaus einzigartiges, dessen Mechanismen und Zusammenhänge zu verstehen auch intelligente Wesen wie den Menschen an die Grenzen des Erfassbaren bringt.

Diese Einzigartigkeit, zumindest diese extrem herausgehobene Besonderheit und Seltenheit des Lebens liefert auch schon einen weiteren Aspekt (vgl. Blogbeitrag) für die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Jedes lebendige Wesen trägt seinen Sinn in sich selber, weil es lebt und nicht tot ist. Leben zu können, leben zu dürfen, darüber hinaus mit Bewusstsein und Selbstbewusstsein ausgestattet zu sein, wie es der Mensch ist, gehört zu dem Erstaunlichsten und Wunderbarsten überhaupt. Die Spitze der Erstaunlichkeit ist, dass wir Menschen dies auch in vollem Sinne wahrnehmen und erkennen können. Auch die Tierwelt, ja vielleicht auch die Pflanzen- und Pilzwelt ahnt etwas davon. Jedes Lebewesen will leben, sich selbst behaupten, sich fortpflanzen, also die Kette des Lebens aufrecht erhalten. Höher entwickelte Tierarten mit für uns erkennbarem Bewusstsein, vielleicht sogar Selbstbewusstsein (Primaten, Rabenvögel …) hängen am Leben, können Schmerz und Trauer empfinden, wie man es schon bei Elefanten eindrücklich erleben kann. Ist dies nicht Sinn genug, Sinn, über den hinaus es kaum etwas Größeres geben kann?

Wir Menschen meinen oft, der Sinn des Lebens müsse in etwas Höherem bestehen, nur zu leben reiche nicht. Daraus folgt die Suche nach dem Wahren, Guten, Schönen, heute nach dem Glück und „Erfüllung“. Das hat sicher sein Recht und seinen Platz, wenn es um das „bessere“, „wahrere“ Leben geht, sozusagen um die Luxus-Variante. Das Leben selbst mit Selbsterhaltung und Fortpflanzung, mit Freude und Leid, mit täglichem Überlebenwollen und Glücksmomenten, muss dann schon bewältigt sein, wenn da „noch mehr“ sein soll. Ich vermute, allenfalls ein Viertel der Menschheit kann sich über dieses „Mehr“ überhaupt Gedanken machen. Schon die alten griechischen Philosophen mussten Muße haben, um nachdenken zu können, Sokrates brauchte seine Xanthippe. Aber wir sollten nicht meinen, alles andere Leben, was nicht über sich selbst und seine „höheren Ziele“ nachdenken könne, sei sinnlos – welche Überheblichkeit! Uns Menschen täte es manchmal gut, den Sinn des eigenen Lebens erst einmal genau darin zu suchen und zu finden: im Frieden mit sich selbst und mit seinem Nachbarn zu leben, das heißt das Leben-wollen in einem möglichst freien und friedlichen Umfeld für sich und seine Nachkommen verwirklichen zu können.

Schon dies ist ein Anspruch, den vielleicht nur die Wenigsten für sich erfüllen können. Könnten sie es, würde sie daraus ein hohes Maß an Zufriedenheit schöpfen, – die Voraussetzung für das eigene kleine Glück. Wer so zu leben versteht und sich dessen bewusst ist, dass Leben als solches schon ein ganz außerordentlicher Glücksfall ist, und der das, was er für sich erstrebt (Selbstgenügsamkeit und Zufriedenheit) auch für andere erstreben und anderen zubilligen möchte, der hat den Sinn des Lebens gefunden. Er / Sie wird kaum weiter danach fragen wollen.

Feb 162017
 

Wie erlangt man Wissen – und was ist Wissen?

Was ich weiß, ist mir bewusst. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, es wahrnehmen und mir bewusst machen. Ich kann mich auch einer Sache oder Begebenheit erinnern, sie mir ins Gedächtnis rufen und dann aktuell über sie Bescheid wissen. Andererseits kann ich über etwas, das mir widerfahren ist, ein unklares, vielleicht ungutes Gefühl haben. Werde ich dadurch zu einem Verhalten genötigt, ohne es einfach auf sich beruhen zu lassen, muss ich mir klar werden darüber, was ich tun soll. An einem bestimmten Zeitpunkt weiß ich dann, was ich zu tun habe. Oder ich tue etwas, verhalte mich auf einen von außen kommenden Anspruch, reagiere auf ein Wort oder Verhalten, ganz spontan, ohne genau zu wissen, was ich tue und was da eigentlich geschieht. Ebenso kann es passieren, dass ich sehr genau weiß, was ich eigentlich nicht tun oder sagen will, und tue und sage es dann dennoch. Immer hat das, was ich aktuell weiß, mit dem zu tun, was ich einmal erfahren, erlernt, gewusst, getan habe, dessen ich mich erinnere und das nun als aktuelles Wissen nutze, sei es durch Zustimmung, sei es durch Ablehnung. Es folgt daraus ein Verhalten meinerseits, dessen ich mir zumindest in Teilen bewusst bin.

Die Anfangsfrage habe ich damit noch nicht beantwortet, weder was Wissen ist, noch wie ich Wissen erlange. Es scheint einfach da zu sein als etwas, das ich fortwährend brauche, nutze, anwende. Angeeignetes Wissen muss mir aktuell nicht einmal bewusst sein, ich kann morgens die Kaffeemaschine anstellen und gleichzeitig an meinen Tagesplan denken. Die Kaffeemaschine bediene ich unbewusst, weil ich einfach weiß, wie es geht. Wissen wird bewusst, wenn ich es aktuell in einer neuen Situation anwenden muss, wenn es in andere Umstände und Zusammenhänge hinein implementiert werden soll. Bin ich woanders zu Besuch, muss ich vielleicht erst einmal suchen, wo die Kaffeemaschine steht, und herausfinden, wie dieses andere Modell zu bedienen ist. Mein eigenes Wissen fällt mir immer dann auf, wenn es gerade fehlt, wenn ich eine fremde Vokabel nicht verstehe oder irgendwo den Einschalter nicht finde, den ich zur Bedienung brauche. Ich erinnere mich aber dabei an andere Situationen, ähnliche Maschinen, den Satzzusammenhang, in dem die unbekannte Vokabel auftaucht, und kann mein bisheriges Wissen aktualisieren, modifizieren, übertragen, um es in einer veränderten Situation erfolgreich anwenden zu können. Vielleicht kann ich die Bedeutung der neuen Vokabel aus dem Zusammenhang erschließen, ohne – letzte Möglichkeit – im Wörterbuch nachzuschlagen. Aktuelles Wissen stützt sich immer schon auf altes, bereits erworbenes Wissen, das in neuen Zusammenhängen modifiziert, angepasst und erweitert wird. Wissen ist also immer vernetztes Wissen: in Personen, Erfahrungen, Situationen und Gemütszuständen eingebettet. In einer völlig fremden Umwelt oder Situation werde ich mich isoliert und unsicher fühlen, solange ich keine Anknüpfung an vorhandenes Wissen finde, das mir Orientierung und bewusste Reaktion ermöglicht.

Ich kann natürlich auch gezielt etwas Neues lernen wollen, eine andere Sprache, eine Fähigkeit oder Fertigkeit, um etwas Neues bewerkstelligen zu können. Ich kann darüber hinaus greifen und nach dem suchen, was man ‚überhaupt‘ in Erfahrung bringen, sich aneignen und also wissen kann von der Welt, in der man lebt, die sehr viel größer und weiter ist als die Umwelt des täglichen Lebens. Ein Teil dieses Strebens nach umfassenderem Wissen geschieht in der Wissenschaft als einer methodischen Suche nach Zusammenhängen und Erklärungen. Hier tritt besonders der Verstand in Aktion, dessen ordnende und verknüpfende Funktion mir die Muster und Zusammenhänge in der Welt zu entdecken hilft. Wenn es dabei um ein Finden von Wissen geht, das nicht nur mir selber, sondern allen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehen soll, müssen weitere Bedingungen erfüllt sein wie zum Beispiel eine klar definierte Sprache, die Verallgemeinerungen und Abstraktionen erlaubt, Nachvollziehbarkeit für andere verständige Menschen und womöglich Nachprüfbarkeit, sofern es sich um ‚evidenzbasiertes‘ Wissen handelt. Man kann noch weitere oder anders formulierte Kriterien nennen, aber es dürfte hier bereits klar sein, dass Wissenschaft ein sehr komplexes System ist, zumal unter besonderen institutionellen Voraussetzungen, Wissen zu erlangen, zu systematisieren, zu erproben und weiter zu verarbeiten. Wissen erscheint dabei als eine Art Rohstoff, den es zu heben und zu kultivieren gilt.

Es gibt andere Formen des Wissens, die den Verstand einsetzen. Jedes Lernen, vom Kleinkind an, führt zu Wissen, meist in der Form des impliziten Wissens, das aktuell explizit werden kann, wenn ein Können gezeigt werden soll. Der gesamte Alltag ist voll von Wissen, dessen wir uns größtenteils nicht bewusst sind, das wir aber dennoch zur Bewältigung des täglichen Lebens selbstverständlich brauchen und anwenden. Die Beispiele aus dem zweiten Absatz gehören dazu und ließen sich beliebig erweitern. Es kommen dabei aber auch Formen des Wissens ins Spiel, die nicht rational begründet und insofern ‚vernünftig‘ sind. An das oft zitierte ‚Bauchgefühl‘ denke ich dabei noch nicht einmal in erster Linie, aber es weist in die hier in Rede stehende Richtung. Es gibt intuitives Wissen, ‚Gefühlswissen‘, künstlerisches und musisches Wissen, das mehr ’sagen‘ kann, als es ausformulierte wohlbegründete Sätze vermögen. Man könnte darüber streiten, ob es sich hierbei wirklich um Wissen handelt, – und so müssen wir doch eine vorläufige Bestimmung dessen wagen, was Wissen ‚überhaupt‘ ist. Wissen ist das, was mir meine Umwelt strukturiert und erfahrbar macht, was mich zu Aktionen, Verhaltensweisen, Deutungen und Verstehen, zu Ablehnung oder Einverständnis führt, dass es so oder so mit dem oder der sich ‚recht‘ verhält – oder eben nicht. Wissen ist all das, was ich mir  – rational, emotional, intuitiv, musisch – als meine Welt angeeignet habe und was mich in die Lage versetzt, mich zu äußern, mich in meiner Welt zu verhalten, mich zu verständigen, mit anderen Personen und Situationen zu kommunizieren und zu interagieren. Oder traditionell gesagt: Wissen umfasst all meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

Franz Marc

Franz Marc, Die großen blauen Pferde, 1911 (c) wikimedia

Es versteht sich daher von selbst, dass eine Einschränkung der Bedeutung von Wissen auf ‚Wissenschaft‘ eine Engführung ist. Wissenschaft hat nicht das Monopol auf Wissen, sie bietet aber den rational besten, bewährtesten und allgemeinsten Weg, Wissen darzustellen, zu ordnen und zu erweitern. Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl, das eine eigene, nichtrationale Weise des Menschen ist, sich in seiner Welt zu verhalten, Freude und Zorn, Liebe und Hass usw. zu äußern und sich damit zu positionieren und identifizierbar zu machen als einer, der beteiligt ist an dem, was um ihn herum vor sich geht. Die Welt strukturiert sich emotional durch Zustimmung und Ablehnung, die man äußert und die einem widerfährt. Man tritt der Welt mit offenem Herzen gegenüber und richtet sich bisweilen nach dem, was einem der ‚Bauch‘ sagt. Auch hierdurch kann man Erfahrungen machen und persönliches Wissen erwerben, das allerdings nicht immer mit anderen geteilt werden kann.

Offen und oft über alle Sprachgrenzen hinweg gültig ist das in den verschiedenen Kunstformen enthaltene und kommunikativ dargestellte und erfahrbar gemachte Wissen. Nur Poesie und Literatur sind sprachlich gebunden; bildnerische Kunst, Malerei, Musik, Tanz sind Ausdrucksformen eines Wissens, das man als symbolisches Welt- und Kulturwissen bezeichnen könnte. Die ‚Sprache‘ der Musik wird in allen Kulturen und zu allen Zeiten verstanden, wenn auch nicht immer in derselben Art und auf dieselbe Weise. Untersuchungen zeigen, wie die Entwicklung der Kunst dem „neuen Menschen“ im Unterschied zum Neandertaler einen wesentlichen Vorsprung verschaffte, der sein Wissen in verallgemeinernden und symbolischen Formen vermittelbar machte und eine neue Art von Kommunikation ermöglichte [Vorsprung durch Kunst: Das Glück der neuen Menschen, von Nicholas J. Conard, Senckenberg-Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen in: in FAZ 08.02.2017]. Die Felsmalereien in der Höhle von Lascaux ’sagen‘ auch dem heutigen Betrachter etwas, und zwar anderes und mehr als das, was sich außerdem noch paläontologisch darüber erfahren lässt. In den kultisch verwandten Bauwerken von Stonehenge oder Machu Picchu sind Kunstwerke enthalten, die Wissen in symbolischen Formen verarbeitet haben, das darüber hinaus astronomisch – kalendarisch nutzbar war. Insofern könnte es sein, dass das in den Kunstformen enthaltene und kommunizierte Wissen mit all seinen religiösen, symbolischen und emotionalen Bezügen die Grundlage bildete für dasjenige Wissen, dass dann im Laufe der Menschheitsgeschichte mehr abstrakt als rationale Form des Wissens auch die Philosophie und die neuere Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Wissen ist dann zu Recht das alles umgreifende Feld der Weltbewältigung des Menschen – und das heute so dominierende technisch instrumentelle Wissen nur eine Unterform unter vielen anderen und andersartigen Formen des Wissens. Bei der Umgestaltung der natürlichen Umwelt war dieses allerdings besonders erfolgreich.

Wie erlangt man Wissen? Durch Erfahrung, durch Erzählung, durch Lernen, durch Entdecken, durch Ausprobieren, durch Experimentieren, – aber auch durch Stillhalten, durch Hören durch Nachsinnen, durch Betrachtung, durch Anschauung, durch Versenkung, – und schließlich ebenso durch aktive oder passive Mitgestaltung, durch Erprobung und Ausübung von künstlerischen Formen der Lebensäußerung, vom Einstimmen in diese musischen Lebensvollzüge. Wissen ist Macht? Zu allererst ist Wissen die Überwindung der Ohnmacht des Lebewesens Mensch, um mit all seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, zusammen mit anderen Menschen,  in Freiheit, Offenheit und Neugier sich seine Welt anzueignen und aktiv zu gestalten.

Jan 182015
 

[Anthropologie, Ethik]

Was Leben ist, kann die Biologie recht genau sagen. Metabolismus (Stoffwechsel), (Selbst-) Reproduktion (Fortpflanzung) und genetische Variabilität sind die basalen Eigenschaften bzw. Fähigkeiten eines Lebewesens. Hinzu kommen Reaktion mit seiner Umgebung und evolutionäre Veränderung einerseits und Wachstum und Tod andererseits. Organismen sind strukturell abgegrenzte, eigenständige Systeme, die sich aus Zellen aufbauen. [Viren gehören zwar zum Bereich des Lebens, sind aber streng genommen keine eigenständigen Lebewesen, sondern reine „Bio-Programme“, die zum Leben, also für Replikation und Metabolismus, Wirtszellen brauchen.] Jede Zelle hat eine Zellmembran, durch die sie von ihrer Umgebung abgegrenzt ist und mittels derer sie sich mit ihrer Umgebung austauscht. Verschiedene Zellarten und ihre differenzierte Struktur und Funktion führen zu den drei Hauptgruppen von Lebewesen: Pflanzen, Tieren und Pilzen.

Anders gesagt ist etwas Lebendiges ein nach außen abgegrenztes und nach innen strukturiertes System, das „sich verhält“ und zu bestimmten Funktionen fähig ist. Dafür braucht ein Lebewesen Energie, die es von außen bezieht. Als offenes thermodynamisches System hält es sein Gleichgewicht durch einen Entropie-Aufschub bzw. Entropie-Export, bis im Tod die Energieaufnahme endet und der Zustand größter Entropie erreicht ist.

Pflanzen verschaffen sich ihre Energie „autotroph“, das heißt sie bestreiten ihren Stoffwechsel durch Photosynthese und durch die Aufnahme abiologischer (mineralischer) Stoffe. Tiere und Pilze vollziehen ihren Stoffwechsel „heterotroph“, das heißt sie ernähren sich von anderen organischen, also lebendigen Stoffen. Sie verbrauchen Leben, um selber zu leben. Für alles Lebendige gilt hinsichtlich der Genese und Reproduktion: Leben entsteht nur aus Leben; Leben wird „weitergegeben“. Inwiefern Lebensprozesse aus „toten“, also abiologischen Stoffen und Prozessen entstehen können, ist bis heute ungeklärt. Die oft zitierten „Bausteine des Lebens“ sind bisher nur im Umfeld bereits bestehenden Lebens gefunden worden.

Thrombolit

Thrombolit – made by Cyanobacterias

Menschliches Leben ist Teil des heterotrophen tierischen Lebens und kann sich nur durch andere Organismen am Leben erhalten, sei es in pflanzlicher, tierischer oder pilzlicher Form. Darüber hinaus braucht auch tierisches Leben abiotische Stoffe wie zum Beispiel Phosphor. Aber von „toter“ Materie, also von Mineralien, Staub und Steinen allein können Menschen und Tiere nicht leben. Sie müssen anderes Leben verbrauchen. Das bedeutet, tierische und somit menschliche Lebewesen müssen sich anderer Lebewesen bemächtigen und sie sich einverleiben, um sie verdauen und daraus Energie gewinnen zu können. Die Abgrenzung tierischer Lebewesen von pflanzlichen und pilzlichen Lebewesen ist für die Biologie zwar grundlegend, aber ethisch gesehen zunächst einmal irrelevant. Menschen verbrauchen anderes Leben. Wir können nicht anders. Leben kommt nur von Leben, und tierisch-menschliches Leben ernährt sich nur von anderem, fremdem Leben.

Hinzu kommt bei der Betrachtung der Evolution das, was Darwin „struggle for life“ genannt hat. „Struggle“ sollte hier weniger mit „Kampf“ übersetzt werden als vielmehr mit „sich mühen“, „sich anstrengen“. Er hatte dabei keinen womöglich sozial und politisch ideologisierten „Überlebenskampf“ im Sinn, sondern schlicht das stete Bemühen, das mühevolle Ringen der Lebewesen, selber am Leben zu bleiben, sich und die Nachkommen durch zu bringen, sich einen Schutzraum, einen Platz zum Leben zu verschaffen. Leben ist Arbeit, Mühe – und der Jäger wird schnell selber zur Beute. Daher das Abgrenzen von Territorien oder der soziale Verband, wenn Gemeinschaft mehr Schutz verspricht. Wir sprechen von der „Nahrungskette“ und meinen damit, dass vom Plankton (Zoo- und Phytoplankton) angefangen bis zum Wal bzw. Löwen und Menschen jeweils das größere und stärkere Lebewesen das kleinere und schwächere „verbraucht“, sprich: frisst – bis im Tod des Größten, Stärksten dessen Kadaver wiederum von Kleinstlebewesen genutzt und verbraucht wird. Der Kreislauf beginnt von vorne. So funktioniert Leben.

Die Betrachtung verändert sich unter dem Blickwinkel von Individuen. Individuen sind zunächst alle Einzellebewesen, die als „unteilbare“ (wörtlich übersetzt) Einheiten für sich leben. Das beginnt mit der Zelle, die sich mittels der Membrane von ihrer Umgebung abgrenzt. Allerdings teilt sich die Zelle, um sich zu vermehren, und ist insofern streng genommen kein „Individuum“ ebenso wenig wie ein Baum, der sich durch Wurzelsprossen oder Ableger „teilen“ kann. Hier sprechen wir besser von einzelnen Exemplaren einer Gattung. Wir haben uns darum angewöhnt, erst bei komplexeren, meist tierischen „Exemplaren“ von Individuen zu sprechen. Im Grunde ist der Begriff vom eigenständigen und eigenverantwortlichen Menschen her gedacht. Dadurch hat er sogleich eine ethische Dimension. Es ist aber durchaus sinnvoll, auch bei anderen einzelnen Lebewesen von „Individuen“ zu sprechen, wenn dadurch die unverwechselbare Einmaligkeit eines Einzellebewesens ausgedrückt werden soll. Diese Einmaligkeit hat auch ein Baum, eine Blume oder eine Amöbe. Jedes einzelne Lebewesen ist zu seiner Zeit an seinem Ort einmalig und unverwechselbar (dokumentiert in seiner DNA), und diese Einmaligkeit macht zugleich den Wert seines Lebens aus. Wird ein einzelnes Lebewesen zerstört (verbraucht, gefressen), ist sein einmaliges Dasein als individuell ausgeprägtes Leben ein für alle Mal dahin und unwiederbringlich verloren.

Die Betrachtung verändert sich noch einmal, wenn man selber hypothetisch den Blickwinkel eines individuellen Lebens einnimmt. Dies kann unabhängig davon geschehen, ob das Lebewesen, dessen Perspektive man einnehmen möchte, über Bewusstsein oder gar Selbstbewusstsein verfügt (ganz abgesehen von der Schwierigkeit, das festzustellen). Es genügt die Möglichkeit, sich mit unserem Bewusstsein in ein anderes lebendiges Individuum hinein zu versetzen. Wir nennen es Empathie. Sie ist sicher zunächst bei Artgenossen möglich und gegeben, aber nichts hindert, in selber Weise empathisch mit jedem anderen individuellen Lebewesen zu sein. Wie fühlt sich der junge Seelöwe im Maul des Orka? Warum zappelt auch der kleinste Krebs, um den Fangarmen des Kraken zu entgehen? Wir denken uns unsere eigene Angst, Todesangst, in solch einer Situation hinzu – und schon haben wir ein massivers ethisches Problem. Unsere Fähigkeit zur Empathie lässt uns die Natur als „grausam“ erfahren. Tierdokumentationen setzen da zur rechten Zeit einen Schnitt ein und erklären, es ginge bei diesem Töten ja nur um das Überleben des Beutegreifers. Aber was bedeutet das eigentlich?

Man kann sich dadurch retten, dass man Ethik als solche strikt dem Bereich des Menschen vorbehält. Nur der Mensch kann sich als Person ethisch verhalten, gegenüber anderen Menschen und natürlich auch gegenüber anderen Lebewesen wie Tieren, Pflanzen und Pilzen. So gesehen lässt sich eine Tierethik begründen und ausformulieren, eben weil wir als menschliche Individuen zu Verantwortung und Mitgefühl fähig sind. Dies gilt völlig unabhängig davon, ob das Objekt unseres Handelns zu eben solcher Verantwortung und Empathie fähig ist. Es zeichnet Ethik aus, dass sie nicht reziprok angelegt ist. Eine Katze, die maust, darf deswegen von mir noch lange nicht ebenso umgebracht werden. Wenn aber Ethik nicht auf reziprokem Erwarten oder Verhalten gegründet ist, dann müsste es neben der Tierethik selbstverständlich auch eine Ethik gegenüber Pflanzen und Pilzen geben, eben weil sich Lebensformen zwar unterscheiden, aber allesamt teil haben an der unaufhebbaren Einmaligkeit des einzelnen „individuellen“ Lebens hier und jetzt.

Auf diesem Hintergrund gewinnt Albert Schweitzers Programm „Ehrfucht vor dem Leben“ Aktualität, konzentriert ausgedrückt in der Formulierung „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Was bedeutet dies auf dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Leben von anderem Leben lebt und dass einzelnes Leben sich um sein Leben mühen muss? Inwiefern gewinnt eine Ethik des Lebens wirkliche Substanz, also vernünftig begründeten Boden unter den Füßen, wenn sie nicht bloß zur ideologisch-emotionalen Rechtfertigung gerade angesagter Modeerscheinungen (früher Sozialdarwinismus, heute Vegetarier, Veganerinnen) missraten soll? Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht in der unverwechselbaren Einmaligkeit einzelnen Lebens (Exemplar, Individuum) und unserer Fähigkeit zur Empathie. Dies beides begründet eine umfassende Verantwortung menschlichen Verhaltens und Handelns gegenüber allem Lebendigen. Genau dazu dient ja Ethik: verantwortliches Handeln und Leben zu begründen und inhaltlich zu bestimmen.

Anstelle einer positiven materialen Füllung einer solchen Ethik des Lebendigen ist es zunächst leichter, die Grenzen zu bestimmen im Blick auf das, was eindeutig unethisches, unverantwortliches Handeln und Verhalten ist. Dies ist in jedem Falle dort gegeben, wo der Wert individuellen Lebens überhaupt nicht gewürdigt, statt dessen missachtet wird, wo kein Unterschied gemacht wird zwischen Leben und toter Materie, wo Lebendiges geerntet, geschürft und verbraucht wird wie Kohle oder Erz. Das war – um ein Beispiel zu nennen – gewiss so beim Walfang, wo es um die Nutzung des Walöls ging. Die Ausrottung der Wale wurde erst gestoppt, als zufällig in Texas Erdöl gefunden wurde, das entschieden billiger zu fördern war. Das Walöl wurde durch Erdöl substituiert. Eine ethische Grenze ist heute ebenso deutlich dort überschritten, wo Lebensmittel (=Stoffe aus Lebendigem für Lebendiges) keinen wirklichen Wert mehr haben. Man kann beispielsweise durchaus berechtigt fragen, ob ein Sonderangebot eines Kilos Schweinebraten für 1,99 Euro noch als ethisch angemessen veranwortet werden kann. Die Beispiele und Fragen an den Grenzen des ethisch Vertretbaren ließen sich schnell vermehren.

Jenseits rigoristischer Einseitigkeiten (wer sich am Lebendigen überhaupt nicht vergreifen will, müsste konsequenterweise freiwillig verhungern) gilt es, unseren Umgang mit dem Leben neu zu überdenken. Es gilt Leben um Leben. Es gilt dies heute zugespitzt wegen der globalen Auswirkungen und der dadurch geforderten globalen Verantwortung des Lebewesens Mensch. Eine Ethik des Lebendigen ist heraus gefordert durch Themen wie Erhaltung von Lebensräumen (das kann mehr bedeuten als nur kleine „Biotope“), Erhaltung der Artenvielfalt, Tierschutz, Schutz des Genpools, Regeln und Grenzen marktwirtschaftlichen Umgangs mit Lebewesen, Biotechnik, Gentechnik, künstliches Leben, KI, Umgang mit eingeschränktem Leben oder mit potentiellem Leben, Umgang mit Sterben und Tod. Wie verhält sich überhaupt „Leben“ und „Technik“ zueinander? Welcher Begriffs- und Bereichsklärung bedarf es da? Wie ließe sich heute im Zusammenhang einer Ethik des Lebendigen der alte Begriff „Ehrfurcht“ angemessen übersetzen? Wäre er mit Respekt, Geltenlassen, Selbstbeschränkung zu umschreiben zusammen mit dem Aspekt des Staunens und des Wunders?

Es gilt Leben um Leben. Menschen sind dabei, ihren Lebensraum und den Lebensraum alles Lebendigen grundlegend umzugestalten. Deshalb gibt es den Vorschlag vieler Wissenschaftler, unser Erdzeitalter heute „Anthropozän“ zu nennen. Ob diese Umgestaltung des Lebensraums Erde zur Verbesserung der Lebensmöglichkeiten vieler / aller führt oder zur tendenziellen Verwüstung des Planeten, ist offen. Wenn der Mensch sich seiner eigenen Grundlagen berauben sollte, kann das Leben zweifellos auch ohne die Gattung Mensch weiter bestehen, so wie es Milliarden Jahre ohne den Menschen bestanden hat. Es geht heute nicht um die „Zerstörung“ unseres Planeten. Das ist etwas übertrieben. Es geht allenfalls um die Zerstörung von Lebensräumen und um die Umgestaltung dessen, was Leben ist und kann. Insofern ist der Mensch das gewaltigste Lebewesen (vielleicht auch das gewalttätigste). Das Lebensprinzip „Leben um Leben“ kann er dennoch nicht außer Kraft setzen. Er bleibt auf anderes Lebendiges angewiesen. Ob er sich dem gegenüber vernünftig verhält, ist eine andere, offene Frage.