Feb 162017
 

Wie erlangt man Wissen – und was ist Wissen?

Was ich weiß, ist mir bewusst. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf etwas lenken, es wahrnehmen und mir bewusst machen. Ich kann mich auch einer Sache oder Begebenheit erinnern, sie mir ins Gedächtnis rufen und dann aktuell über sie Bescheid wissen. Andererseits kann ich über etwas, das mir widerfahren ist, ein unklares, vielleicht ungutes Gefühl haben. Werde ich dadurch zu einem Verhalten genötigt, ohne es einfach auf sich beruhen zu lassen, muss ich mir klar werden darüber, was ich tun soll. An einem bestimmten Zeitpunkt weiß ich dann, was ich zu tun habe. Oder ich tue etwas, verhalte mich auf einen von außen kommenden Anspruch, reagiere auf ein Wort oder Verhalten, ganz spontan, ohne genau zu wissen, was ich tue und was da eigentlich geschieht. Ebenso kann es passieren, dass ich sehr genau weiß, was ich eigentlich nicht tun oder sagen will, und tue und sage es dann dennoch. Immer hat das, was ich aktuell weiß, mit dem zu tun, was ich einmal erfahren, erlernt, gewusst, getan habe, dessen ich mich erinnere und das nun als aktuelles Wissen nutze, sei es durch Zustimmung, sei es durch Ablehnung. Es folgt daraus ein Verhalten meinerseits, dessen ich mir zumindest in Teilen bewusst bin.

Die Anfangsfrage habe ich damit noch nicht beantwortet, weder was Wissen ist, noch wie ich Wissen erlange. Es scheint einfach da zu sein als etwas, das ich fortwährend brauche, nutze, anwende. Angeeignetes Wissen muss mir aktuell nicht einmal bewusst sein, ich kann morgens die Kaffeemaschine anstellen und gleichzeitig an meinen Tagesplan denken. Die Kaffeemaschine bediene ich unbewusst, weil ich einfach weiß, wie es geht. Wissen wird bewusst, wenn ich es aktuell in einer neuen Situation anwenden muss, wenn es in andere Umstände und Zusammenhänge hinein implementiert werden soll. Bin ich woanders zu Besuch, muss ich vielleicht erst einmal suchen, wo die Kaffeemaschine steht, und herausfinden, wie dieses andere Modell zu bedienen ist. Mein eigenes Wissen fällt mir immer dann auf, wenn es gerade fehlt, wenn ich eine fremde Vokabel nicht verstehe oder irgendwo den Einschalter nicht finde, den ich zur Bedienung brauche. Ich erinnere mich aber dabei an andere Situationen, ähnliche Maschinen, den Satzzusammenhang, in dem die unbekannte Vokabel auftaucht, und kann mein bisheriges Wissen aktualisieren, modifizieren, übertragen, um es in einer veränderten Situation erfolgreich anwenden zu können. Vielleicht kann ich die Bedeutung der neuen Vokabel aus dem Zusammenhang erschließen, ohne – letzte Möglichkeit – im Wörterbuch nachzuschlagen. Aktuelles Wissen stützt sich immer schon auf altes, bereits erworbenes Wissen, das in neuen Zusammenhängen modifiziert, angepasst und erweitert wird. Wissen ist also immer vernetztes Wissen: in Personen, Erfahrungen, Situationen und Gemütszuständen eingebettet. In einer völlig fremden Umwelt oder Situation werde ich mich isoliert und unsicher fühlen, solange ich keine Anknüpfung an vorhandenes Wissen finde, das mir Orientierung und bewusste Reaktion ermöglicht.

Ich kann natürlich auch gezielt etwas Neues lernen wollen, eine andere Sprache, eine Fähigkeit oder Fertigkeit, um etwas Neues bewerkstelligen zu können. Ich kann darüber hinaus greifen und nach dem suchen, was man ‚überhaupt‘ in Erfahrung bringen, sich aneignen und also wissen kann von der Welt, in der man lebt, die sehr viel größer und weiter ist als die Umwelt des täglichen Lebens. Ein Teil dieses Strebens nach umfassenderem Wissen geschieht in der Wissenschaft als einer methodischen Suche nach Zusammenhängen und Erklärungen. Hier tritt besonders der Verstand in Aktion, dessen ordnende und verknüpfende Funktion mir die Muster und Zusammenhänge in der Welt zu entdecken hilft. Wenn es dabei um ein Finden von Wissen geht, das nicht nur mir selber, sondern allen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehen soll, müssen weitere Bedingungen erfüllt sein wie zum Beispiel eine klar definierte Sprache, die Verallgemeinerungen und Abstraktionen erlaubt, Nachvollziehbarkeit für andere verständige Menschen und womöglich Nachprüfbarkeit, sofern es sich um ‚evidenzbasiertes‘ Wissen handelt. Man kann noch weitere oder anders formulierte Kriterien nennen, aber es dürfte hier bereits klar sein, dass Wissenschaft ein sehr komplexes System ist, zumal unter besonderen institutionellen Voraussetzungen, Wissen zu erlangen, zu systematisieren, zu erproben und weiter zu verarbeiten. Wissen erscheint dabei als eine Art Rohstoff, den es zu heben und zu kultivieren gilt.

Es gibt andere Formen des Wissens, die den Verstand einsetzen. Jedes Lernen, vom Kleinkind an, führt zu Wissen, meist in der Form des impliziten Wissens, das aktuell explizit werden kann, wenn ein Können gezeigt werden soll. Der gesamte Alltag ist voll von Wissen, dessen wir uns größtenteils nicht bewusst sind, das wir aber dennoch zur Bewältigung des täglichen Lebens selbstverständlich brauchen und anwenden. Die Beispiele aus dem zweiten Absatz gehören dazu und ließen sich beliebig erweitern. Es kommen dabei aber auch Formen des Wissens ins Spiel, die nicht rational begründet und insofern ‚vernünftig‘ sind. An das oft zitierte ‚Bauchgefühl‘ denke ich dabei noch nicht einmal in erster Linie, aber es weist in die hier in Rede stehende Richtung. Es gibt intuitives Wissen, ‚Gefühlswissen‘, künstlerisches und musisches Wissen, das mehr ’sagen‘ kann, als es ausformulierte wohlbegründete Sätze vermögen. Man könnte darüber streiten, ob es sich hierbei wirklich um Wissen handelt, – und so müssen wir doch eine vorläufige Bestimmung dessen wagen, was Wissen ‚überhaupt‘ ist. Wissen ist das, was mir meine Umwelt strukturiert und erfahrbar macht, was mich zu Aktionen, Verhaltensweisen, Deutungen und Verstehen, zu Ablehnung oder Einverständnis führt, dass es so oder so mit dem oder der sich ‚recht‘ verhält – oder eben nicht. Wissen ist all das, was ich mir  – rational, emotional, intuitiv, musisch – als meine Welt angeeignet habe und was mich in die Lage versetzt, mich zu äußern, mich in meiner Welt zu verhalten, mich zu verständigen, mit anderen Personen und Situationen zu kommunizieren und zu interagieren. Oder traditionell gesagt: Wissen umfasst all meine körperlichen und geistigen Fähigkeiten.

Franz Marc

Franz Marc, Die großen blauen Pferde, 1911 (c) wikimedia

Es versteht sich daher von selbst, dass eine Einschränkung der Bedeutung von Wissen auf ‚Wissenschaft‘ eine Engführung ist. Wissenschaft hat nicht das Monopol auf Wissen, sie bietet aber den rational besten, bewährtesten und allgemeinsten Weg, Wissen darzustellen, zu ordnen und zu erweitern. Ähnlich verhält es sich mit dem Gefühl, das eine eigene, nichtrationale Weise des Menschen ist, sich in seiner Welt zu verhalten, Freude und Zorn, Liebe und Hass usw. zu äußern und sich damit zu positionieren und identifizierbar zu machen als einer, der beteiligt ist an dem, was um ihn herum vor sich geht. Die Welt strukturiert sich emotional durch Zustimmung und Ablehnung, die man äußert und die einem widerfährt. Man tritt der Welt mit offenem Herzen gegenüber und richtet sich bisweilen nach dem, was einem der ‚Bauch‘ sagt. Auch hierdurch kann man Erfahrungen machen und persönliches Wissen erwerben, das allerdings nicht immer mit anderen geteilt werden kann.

Offen und oft über alle Sprachgrenzen hinweg gültig ist das in den verschiedenen Kunstformen enthaltene und kommunikativ dargestellte und erfahrbar gemachte Wissen. Nur Poesie und Literatur sind sprachlich gebunden; bildnerische Kunst, Malerei, Musik, Tanz sind Ausdrucksformen eines Wissens, das man als symbolisches Welt- und Kulturwissen bezeichnen könnte. Die ‚Sprache‘ der Musik wird in allen Kulturen und zu allen Zeiten verstanden, wenn auch nicht immer in derselben Art und auf dieselbe Weise. Untersuchungen zeigen, wie die Entwicklung der Kunst dem „neuen Menschen“ im Unterschied zum Neandertaler einen wesentlichen Vorsprung verschaffte, der sein Wissen in verallgemeinernden und symbolischen Formen vermittelbar machte und eine neue Art von Kommunikation ermöglichte [Vorsprung durch Kunst: Das Glück der neuen Menschen, von Nicholas J. Conard, Senckenberg-Professor für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie an der Universität Tübingen in: in FAZ 08.02.2017]. Die Felsmalereien in der Höhle von Lascaux ’sagen‘ auch dem heutigen Betrachter etwas, und zwar anderes und mehr als das, was sich außerdem noch paläontologisch darüber erfahren lässt. In den kultisch verwandten Bauwerken von Stonehenge oder Machu Picchu sind Kunstwerke enthalten, die Wissen in symbolischen Formen verarbeitet haben, das darüber hinaus astronomisch – kalendarisch nutzbar war. Insofern könnte es sein, dass das in den Kunstformen enthaltene und kommunizierte Wissen mit all seinen religiösen, symbolischen und emotionalen Bezügen die Grundlage bildete für dasjenige Wissen, dass dann im Laufe der Menschheitsgeschichte mehr abstrakt als rationale Form des Wissens auch die Philosophie und die neuere Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Wissen ist dann zu Recht das alles umgreifende Feld der Weltbewältigung des Menschen – und das heute so dominierende technisch instrumentelle Wissen nur eine Unterform unter vielen anderen und andersartigen Formen des Wissens. Bei der Umgestaltung der natürlichen Umwelt war dieses allerdings besonders erfolgreich.

Wie erlangt man Wissen? Durch Erfahrung, durch Erzählung, durch Lernen, durch Entdecken, durch Ausprobieren, durch Experimentieren, – aber auch durch Stillhalten, durch Hören durch Nachsinnen, durch Betrachtung, durch Anschauung, durch Versenkung, – und schließlich ebenso durch aktive oder passive Mitgestaltung, durch Erprobung und Ausübung von künstlerischen Formen der Lebensäußerung, vom Einstimmen in diese musischen Lebensvollzüge. Wissen ist Macht? Zu allererst ist Wissen die Überwindung der Ohnmacht des Lebewesens Mensch, um mit all seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, zusammen mit anderen Menschen,  in Freiheit, Offenheit und Neugier sich seine Welt anzueignen und aktiv zu gestalten.

Sep 112014
 

[Anthropologie]

Gewalttaten unterschiedlichster Art, ob von Regierungsagenten oder von Terroristen verübt, lassen die Frage nach dem Menschen entstehen, der zum Täter wird. Aufgabe einer philosophischen Anthropologie könnte es sein, einen Frageansatz für eine interdisziplinäre und theoretische wie empirische Forschung zu entwickeln über das Wesen MENSCH.

Aus recht aktuellem Anlass kommen mir einige Überlegungen zur Anthropologie in den Sinn. Es sind so etwas wie „propädeutische“ Überlegungen, nämlich darüber, was eine Anthropologie als philosophische Disziplin leisten müsste. Spätestens seit dem Humanismus und der Aufklärung ist das Nachdenken über das „Wesen“ des Menschen Gegenstand philosophischer Untersuchungen geworden. Aber die Linie des Denkens führt viel weiter zurück. Der Versuch auf die Frage zu antworten „Was ist der Mensch?“ gehört zu den Grundanliegen alter und neuer Philosophie.

Mir schwebt allerdings nicht vor, eine neue irgendwie idealtypische Wesenbestimmung abzuliefern. Inzwischen ist das Feld der philosophischen Anthropologie von vielen anderen Disziplinen flankiert, die sich auch analytisch und empirisch mit dem Menschen befassen. Von der Psychologie in all ihren Spielarten, der Soziologie, der Pädagogik, der Kybernetik, der Humangenetik, den Neurowissenschaften und der Medizin insgesamt reicht der Bogen in den gesamten Bereich kultureller Betätigungen hinein. Wikipedia listet allein sieben geisteswissenschaftliche und vier andere Ansätze auf und fragt nach einer Anthropologie als „Dachwissenschaft“ für alle Humanwissenschaften. Das kann man wissenschaftsgeschichtlich prüfen und wissenschaftstheoretisch überlegen. Mir geht es um etwas noch anderes.

Der anthropologische „Gegenstand“, dem ich mich annähern möchte, wäre vielleicht als soziokulturelle, soziopsychologische, sozioempirische Anthropologie zu bezeichnen. Das ist noch reichlich unscharf, nur „sozio-“ kommt darin immer vor, also der Mensch in seinen sozialen Bezügen. Allerdings ist das adjektivisch gebraucht, ist also soviel wie eine Näherbestimmung der Frage nach dem Menschen überhaupt. Zielrichtung und Motivation meiner Überlegungen ist das Verhältnis von sagen wir mal kultureller Zähmung und ungebändigtem Gewaltpotential. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ formulierte Goethe, – und wir lesen aktuell von Gewaltexzessen von Menschen gegenüber Menschen, egal ob von Seiten der CIA im grenzenlosen Antiterrorkampf nach 9/11 (heute jährt sich das Datum zum 13. Mal) oder von Seiten der Terrororganisation „Islamischer Staat“, die äußerste Brutalität medial als Mittel der Eroberung und der Disziplinierung einsetzt. Dies sind nur aktuelle Beispiele, sie ließen sich aus der Vergangenheit schier unendlich vermehren. Die großen und die kleinen Schlächter sind Legion. Meine Frage zielt auf dies: Was macht Menschen zu dem, was sie da als folternde „Befrager“ in geheimen CIA-Gefängnissen getan haben oder was sie als Agitatoren des IS vor laufender Handykamera tun? Was bringt einen Menschen dazu, wie in den Jugoslawienkriegen geschehen (Symbol: Srebenica), andere Menschen, frühere Nachbarn und Mitbewohner eines Dorfes, plötzlich grausamst umzubringen? Immer wieder wird berichtet, wie Einzelne durchaus lustvoll ihre Opfer peinigen, entwürdigen, entmenschlichen, um sie nur noch als zuckendes und schreiendes Stück Fleisch gerade noch leben oder eben irgendwann sterben zu lassen? Was genau geschieht da in und mit solchen Menschen als Tätern?

Die Frage ist also sehr aktuell und sehr praktisch motiviert wiewohl uralt. Natürlich kenne ich eine Vielzahl von Antworten und Erklärungen, wie die Verhältnisse einen Menschen prägen, auch umprägen, welche Aggressionen und Gewaltphantasien auf einmal aufbrechen und ausgelebt werden können, welche Mechanismen zum Beispiel auch sadomasochistischer Herkunft da ablaufen, wie Enthemmung trainiert und eingeübt wird, welche Rolle dabei Hormone ebenso wie Drogen spielen können (Assassinen), wie Gruppendruck, Anerkennung und Selbstbestätigung gerade bei Folter und Vergewaltigung funktionieren. Das ließe sich noch deutlich verlängern. Für mich sind aber all diese Antworten unbefriedigend. Denn sie meiden den eigentlichen Kern der Frage: Was bringt einen Menschen dazu, seine zivilisierte Umgebung, Erziehung, Normen zu verlassen und zum besinnungslosen Brutalo zu werden? Oder ist der „Brutalo“ gar nicht so brutal, sondern nur Ich-schwach, gar nicht so besinnungslos, sondern nur getrieben von seinen Ängsten, Enttäuschungen und Rachegelüsten? Aber was wäre damit überhaupt erklärt oder gar verstanden?

Man sagt in solchen Diskussionen (es sind die Realisten, die so reden), jeder könne unter bestimmten Bedingungen zum Mörder werden, und: Die zivilisatorische Schicht sei sehr dünn, die kulturelle Zähmung nur sehr oberflächlich. Dahinter scheint mir ein sehr pessimistisches Menschenbild zu stehen, dass der Mensch „eigentlich“ im Sinne von „in Wahrheit“ ein fürchterliches Raubtier sei, dem man halt durch Erziehung und Gesetz Zügel anlegen müsse. Ganz andere Erfahrung mit Mitleid, Sympathie, Hilfsbereitschaft, Mut und Zivilcourage stehen dagegen. Ich frage nicht nach Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, sondern ich frage nach den konkreten Bedingungen und Abläufen, die den einen frustrierten jungen Mann in sagen wir Köln dazu bringen, ein paar Autos zu demolieren, den anderen jungen Mann aber dazu, nach Syrien und Irak zu reisen, um sich dem IS anzuschließen. Ist das nur eine Frage des Testosterons und der Umstände – und falls ja, welcher genau?

Ich möchte nach empirischen Befunden über das Gewaltpotential des einzelnen Menschen fragen, nach empirischen Befunden sozialer bzw. a-sozialer Verhaltensweisen, die zu brutaler Gewalt führen, nach den Voraussetzungen und Mechanismen, die jene eingebaute Hemmschwelle des Tötens, des Quälens, des Erniedrigens beseitigen. Das ist ja offenbar auch bei amerikanischen Regierungsbeamten gelungen, wenn sie für die CIA Terrorverdächtige jenseits aller Vorstellungen gefoltert haben (siehe die Vorberichte zu dem entsprechenden Bericht des US-Senats). Das Recht und die Zivilisation geschweige denn der Staat haben die Opfer nicht geschützt. Also ist die Zivilisation doch nur eine hauchdünne Firnis für gute Zeiten? Was lässt sich überhaupt erklären und was bleibt übrig als unerklärlicher Rest?

Und weiter: Welche Rückschlüsse, welche Deutung des Wesens Mensch (nicht: des Wesen des Menschen!) ergibt sich daraus? Was könnten einem empirische Studien, Fallanalysen wie bei jenem britischen IS-Köpfer im Video, was das Wissen über neurophysiologische und neuropsychologische Zusammenhänge sagen und erklären? Inwiefern ist der Einzelne zwar immer Kind seiner Zeit und auch Produkt seiner Gesellschaft („Wie ich fast ein Dschihadist wurde“), aber dadurch noch keineswegs zu einem bestimmten, vorhersagbaren Verhalten determiniert – oder stimmt das nicht mehr? Lässt die Analyse von Big Data, wenn man nur genug Material hat, auch eine präzise Vorhersage zumindest der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens unter gegebenen Bedingungen zu? Wo wird darüber öffentlich geforscht? Was können humangenetische und evolutionsbiologische Erkenntnisse beitragen wenn sie auf das Verhalten von Menschen angewandt werden – und eben nicht nur auf das Verhalten von (bekanntlich recht aggressiven und brutalen) Schimpansen? Was helfen begriffliche und strukturelle Analysen über die Funktion von Macht im sozialen Gefüge des Menschen (zum Beispiel in den Arbeiten von Michel Foucault) in dem, was wesentlich zum Verständnis des Menschen dazu gehört?

Eine philosophische Anthropologie, wie ich sie mir als sinnvoll vorstelle, müsste weniger eine „Dachwissenschaft“ als vielmehr eine „Querschnittswissenschaft“ sein, eine integrative und interdisziplinäre Forschungsanstrengung unterschiedlichster Disziplinen und Fragestellungen, die zu einem theoretisch besseren und empirisch begründeteren Verständnis des Menschen, was er ist und tut, wie er lebt und tickt, helfen könnten. Es wäre dennoch eine eminent philosophische Fragestellung, die allerdings von idealistischen Höhen und strukturalistischen Tiefen auf situative und konkrete Weise geerdet, also realitätsnah begründet und entfaltet würde. Das kann nicht das Werk eines Einzelnen sein, es wäre vielmehr die Aufgabe einer Forschungsgemeinde, eines Jahrhundertprojektes darüber, was der Mensch nach dem Stand der verschiedensten Wissenschaften eigentlich für ein Wesen ist: ein Lebewesen unter den Primaten, ein animal sociale, der homo faber, die imago Dei, der homo hominem lupus, der Freund und Feind, „Dichter und Denker, Richter und Henker“. Zumindest die Fragestellung und Blickrichtung könnte eine philosophische Anthropologie dafür ausarbeiten und schärfen und die eingehenden Ergebnisse zusammenführen und validieren. Diese Aufgabe würde die Philosophie als Wissen oder Weisheit vom Menschen aktuell und konkret werden lassen – auch dann, wenn manche Frage unbeantwortbar bleibt.

Jul 192013
 

I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel des Internets und der ihnen bereitwillig folgenden Internetgemeinde hat einen spürbaren Knax bekommen. Zwar muss hier zwischen der medialen und teilweise auch dem Wahlkampf geschuldeten Aufgeregtheit der veröffentlichten Meinung einerseits und dem tatsächlichen Verhalten der Internetnutzer andererseits unterschieden werden. Solange sich die derzeitige Diskussion um Big Data und #PRISM auf die Verkaufszahlen von Apple, Samsung, der Nutzerzahlen von Google, Facebook, Amazon nicht auswirkt, so lange kratzt die Diskussion offenbar nur an der gesellschaftlichen Oberfläche. Erst ein verändertes Nutzerverhalten würde hier ein gestiegenes Problembewusstsein und eine ernsthafte Sorge erkennen lassen. Dies fest zu stellen ist es noch zu früh. Vermuten kann man allerdings, dass die aktuelle Diskussion kaum dazu beitragen wird, den digitalen Graben zwischen den Techies und den eher Reservierten zu verringern. Vielleicht ist das ja auch gut so. Jedenfalls ist in der Öffentlichkeit die Diskussion über das neue Menschenbild der digitalen Welt – der verhaltenstransparente Konsument und der sicherheitsriskante Bürger – eröffnet.

II. Ganz anders ist die Lage in dem anderen, mindestens ebenso brisanten Themenfeld. Auf welche Weise die modernen Humanwissenschaften auf naturalistischer Grundlage ein neues Menschenbild, mehr noch einen neuen Menschen schaffen, dessen Gehirn in seiner Funktionsweise immer verständlicher und dessen geistige Fähigkeiten und individuelles Verhalten dementsprechend neurologisch erklärbar, kognitiv transparent und psychiatrisch manipulierbar werden, das interessiert nur am Rande gelegentlich das Feuilleton. Populärer sind allemal Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein oder zur „richtigen“ Entfaltung der eignen Potentiale. Dabei beruhen die Methoden der Neurowissenschaften immer stärker auf Computermodellen, die ebenfalls big data erfassen und verarbeiten. „Bildgebende Verfahren“ klingt da etwas naiv und harmlos, denn das ist ja nur die bunte, anschauliche Oberfläche neurologischer Forschung. Andere Verfahren erheben den gesamten elektrischen Zustand eines Gehirns und übersetzen ihn in ein algorithmengestütztes, selbstlernendes Computermodell, das, so die Erwartung, dann schlicht ein Spiegelbild eines menschlichen Gehirns ist. Ob es sich wirklich so verhält und ob es funktioniert, wird sich zeigen, aber die Fortschritte in den Neurowissenschaften sind gerade in den letzten Jahren mit wachsender Rechenpower gewaltig. Jedenfalls wachsen die Bemühungen um eine Modellierung des menschlichen Geistes bzw. des Bewusstseins weit über bloße Theorien hinaus. Es wäre leichtfertig, hier nur Spekulation und technische Phantasien am Werk zu sehen. Was bisher als science fiction erscheint, könnte schneller als gedacht science technics werden. Nachdem die Diskussion vor einigen Jahren die Frage des „freien Willens“ (ein Nebenkriegsschauplatz) publikumswirksam thematisiert hat, ist die Hirnforschung mit ihren Strategien, menschliches Gehirn und menschlichen Geist endlich in den Griff zu bekommen, weitgehend öffentlich unbeobachtet. Nur über die Stammzellenforschung hat man sich eine Zeit lang aufgeregt, auch dies aus meiner Sicht eine sehr deutsche Nebenbühne.

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

III. Im Blick auf die Neurowissenschaften und die durch sie gemeinsam mit der Biogenetik nachhaltig veränderten Humanwissenschaften hinkt eine öffentliche Diskussion, ja überhaupt Wahrnehmung der Tragweite und Auswirkungen, also der ethischen Herausforderungen und Handlungsbegleitung der Wirklichkeit auffallend hinterher. Was die digitale Transformation betrifft, haben wir soeben die Chance bekommen (Snowden sei Dank), die Diskussion um Mittel und Wege, Rechte und Grenzen, Wollen und Sollen breit und öffentlich, hoffentlich ausführlich und begründet zu führen, praktische politische und persönliche Konsequenzen eingeschlossen. Auch dies hat ethische Aspekte in der Frage, welches Menschenbild der Digitalisierung zu Grunde liegt oder liegen sollte. Es zeigt sich, dass die großen Themengebiete Digitalisierung und Hirnforschung, erweitert um das Thema der Biogenetik, uns an die Schwelle einer kulturellen Transformation ungeahnten Ausmaßes bringen. Diese Transformation wird zwar zunächst in den industrialisierten Ländern beginnen, aber kaum vor irgend einem Kontinent halt machen. Die Möglichkeit, diesen Transformationsprozess zu steuern, wird schwierig sein, weil der ihn antreibende Strom der Ereignisse und Interessen fast übermächtig ist. Umso mehr und kraftvoller muss das Bemühen um öffentliche Diskussion und Gestaltung sein. Neue ethische Maßstäbe und rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig. „Alles was wir einmal Bürgerrechte oder Privatsphäre nannten: Das ist alles weg.“ (Leyendecker). Damit nicht noch mehr von dem „weg“ ist, was uns lieb und teuer ist, sollten wir uns kundig machen und einmischen, in jedem der neuen Wissensgebiete, vor allem gegenüber den politisch-industriellen Machtkomplexen. Die Zeiten eines Nelson Mandela, der gestern seinen 95. Geburtstag beging, könnten andernfalls im Rückblick noch als rosig erscheinen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Ethik und Politik der kulturellen Transformation.