Aug 152016
 

Ziele werden nicht zufällig erreicht. Das Finale könnte es als notwendig erweisen, das Mögliche anders zu denken. – 

I.

Das Mögliche einmal anders gedacht? Mal sehen. In der physikalischen Welt scheint es recht einfach zu sein. Ereignisse haben Ursachen. Kräfte, Felder, Massen, was auch immer, wechselwirken und verursachen neue Ereignisse und Zustände. Die Gegenwart ist mit der Vergangenheit und mit der Zukunft fest verknüpft durch die Kausalketten. Das Eintreten mancher Ereignisse oder Zustände kann zwar nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, das ist aber nur eine andere Form des Determinismus. Die physikalische Welt ist demnach kausal geschlossen und deterministisch.

Für die Kosmologie bedeutet das: Aufgrund vorhandener Daten kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Ursprung und das Zustandsbild des Kosmos zu einem x-beliebigen früheren Zeitpunkt geschlossen werden. Dank der Laufzeit des Lichts können Objekte beobachtet werden, deren Alter Einblick in die Frühzeit des Kosmos geben können. Verlängert man die Entwicklungstendenzen des Kosmos in die Zukunft und berücksichtigt man die bekannten Kräfte, Energien und Massen, dann können Szenarien der Zukunft und des möglichen Endes des Kosmos mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Ein Beispiel dafür sind die sehr anregenden und wohl begründeten Überlegungen von Roger Penrose 1) über die „Zyklen der Zeit“. Dass seine Theorien nicht unwidersprochen geblieben sind, zeigt, dass noch zu viele Unbekannte in die jeweilige Prognose für die kosmische Entwicklung eingehen, die durch mehr oder weniger plausible Annahmen ersetzt werden müssen.

Nasa Hubble

NASA’s Hubble Looks to the Final Frontier (c) NASA

Die biologische Welt ist evolutionär bestimmt. Man könnte die Theorie der Evolution als eine Ausweitung der Prinzipien der Kausalität und des Determinismus auf die Entwicklung des Lebendigen ansehen. Die biologische Entwicklung ist demnach durch Mutation und Selektion bestimmt, die eine Anpassung an die jeweils erforderlichen Lebensbedingungen ermöglichen. So ergibt sich ein Verständnis der Evolution als Prinzip des Überlebens der am besten Angepassten (Survival of the Fittest). Die „Synthetische Evolutionstheorie“ erweitert  die klassische Theorie Darwins insbesondere um die Erkenntnisse der Genetik samt aktueller Epigenetik. Durch zufällige Mutation und natürliche Selektion lassen sich kaum Prognosen für zukünftige biologische Zustände treffen, da die Rahmenbedingungen von Umwelt und Populationsentwicklungen allenfalls vage beschrieben werden können. Insgesamt gilt der Prozess der Evolution aber als im Grunde zufällig und schon deswegen im Ergebnis als nicht vorhersehbar, wenngleich er in allen Einzelprozessen (Physik, Chemie, Biologie) als streng deterministisch verstanden werden kann.

In dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften sind die Theorien und Interpretationen ebenso zahlreich, wie die Zahl der Randbedingungen und Einzelgegenstände nahezu unbegrenzt ist. Das Auffinden eindeutiger Ursachen und auch nur ungefährer Voraussagen zukünftiger Verhältnisse und Zustände sind kaum unmöglich. Allenfalls lassen sich Tendenzen aufgrund eines ausgewählten Datenbestandes in Modellen berechnen. Doch wie weit Modell und Wirklichkeit einmal zur Deckung kommen, bleibt unbestimmt und ist eher zufällig. Da sind die kausalen Determinanten der Physik schon sehr viel klarer.

Es wird deutlich, dass in allen angeführten Bereichen der Zufall irgend eine Rolle spielt, wenn nicht eine wesentliche. Der kausalen Geschlossenheit in der Physik scheint eine unvorhersehbare Offenheit tatsächlicher Entwicklungen bei Tier, Mensch und Gesellschaft gegenüberzustehen. Aber ist der Zufall – Zufall? Der Gegensatz zum Zufall ist nicht der Determinismus, weil sich beide durchaus zusammen vertragen. Das Gegenstück ist vielmehr eine zugrunde gelegte Finalität. Dass Kosmos und menschliche Welt auf ein Ziel hin ausgerichtet sein könnten, gilt als ein typisch ideologisches oder religiös bedingtes Produkt des jeweiligen Weltbildes. Das muss nicht so sein. Man muss es nur anders denken.

II.

Bei der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft (einschließlich Politik, Technik, Wissenschaft) wird sich kaum eine Zielgerichtetheit ausmachen lassen. Zu sehr ist hier die Handlungsfreiheit des Menschen ausschlaggebend dafür, welche Richtung sich durchsetzen wird. Dabei wirken in einem Beziehungsgeflecht von steigender Komplexität die unterschiedlichsten Motive und Interessen zusammen. Entscheidungen und Handlungen einzelner mögen rational sein, aber immer wirken zugleich irrationale und emotionale Motive mit. Im Gesamtbild global vernetzter Gesellschaften dürften sich immer wieder chaotische Verläufe erkennen lassen. Wer dort bestimmte Tendenzen am Werk sieht, folgt meist einem internalisierten Weltbild oder einer vorgefassten Meinung über den Fortschritt, ‚Höherentwicklung‘ usw. Auch die gegenteilige Auffassung einer Degeneration ist einem Weltbild verhaftet, in diesem Falle einem negativen. Allerdings hat das schiere Wachstum der Größe der Weltbevölkerung tendenziell qualitative Aus- und Rückwirkungen, die hier nicht zu diskutieren sind.

Anders könnte es im Bereich der Biologie, d.h. der Entstehung des Lebens und seiner Formen insgesamt aussehen. Ob die evolutionäre Entwicklung tatsächlich zufällig verläuft und Bewusstsein ein kontingentes Ereignis ist, scheint mehr eine Glaubenssache als eine gesicherte Erkenntnis zu sein. Manche Philosophen wie Thomas Nagel gebrauchen die Metapher, dass das Universum im Menschen die Augen aufgeschlagen hat und so seiner selbst bewusst geworden ist 2). In dieser Sicht wären zwar nach wie vor die Prinzipien der Evolutionstheorie (Mutation & Selektion) gültig, aber darüber legte sich eine Tendenz, ein bias, die Leben als notwendige Voraussetzung für Bewusstsein ansieht und letztlich das Selbst- und Weltbewusstsein intelligenter Wesen als ein Ziel der Evolution erkennt. Leben und Bewusstsein wären dann nicht mehr kontingente Ereignisse, sondern notwendige Formen der Emergenz, die zu einem geistbegabten Kosmos führen. Diese so spekulativ klingenden Ansichten führen unmittelbar zum kosmologischen Problem des „Anthropischen Prinzips“.

Die Vertreter des „Anthropischen Prinzips“ (AP) sehen sich zwar immer wieder dem Ideologieverdacht oder dem Vorwurf religiöser Vereinnahmung ausgesetzt, wenn sie das Anthropische Prinzip teleologisch interpretieren, aber die nicht-teleologische Interpretation ist ebenfalls so voller spekulativer Annahmen, dass sie kaum als beleghaft gesichert gelten kann. Das AP besagt, „besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ 3). Die Argumentation unterscheidet sich bei verschiedenen Vertretern in „schwache“ und „starke“ Versionen des AP, aber sie laufen knapp gesagt darauf hinaus, dass die Rahmenbedingungen von physikalischem Kosmos und biologischer Evolution so angelegt sind, dass intelligentes, bewusstes Leben emergent entstehen konnte (schwaches AP), wenn nicht gar mit Notwendigkeit entstehen musste (starkes AP) – und dass dies eben kein Zufall war. Die Schwierigkeit der Annahme dieses Prinzips ist es, dass hier unzulässigerweise vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Andererseits – wie anders als auf der Basis des tatsächlichen Lebens mit seiner belegbaren Vorgeschichte kann auf eine faktische Entwicklungsrichtung bzw. Teleologie geschlossen werden? Es ist der Zirkel, in dem jede menschliche Erkenntnis steckt: sich selbst in seiner Geschichte zum Gegenstand der Erklärung und der Erkenntnis zu machen.

Noch kritischer ist allerdings die nicht-teleologische Interpretation des AP zu sehen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt aus der Wikipedia:

Die nichtteleologische Interpretation hat die Intention, als Unwahrscheinlichkeiten empfundene Gegebenheiten in der Kosmologie durch Selektionseffekte bei möglichen Beobachtungen zu erklären, welche durch die zur Existenz des Beobachters notwendigen Bedingungen verursacht werden. Insbesondere zusammen mit Viele-Welten-Modellen oder einem als unendlich (oder zumindest hinreichend groß) angenommenen Universum ist das anthropische Prinzip in der Lage, solche scheinbar teleologisch wirkenden Unwahrscheinlichkeiten nichtteleologisch zu erklären, und hat damit einen ausgesprochen antiteleologischen Charakter. Beispielsweise kann in einem unendlichen Universum mit räumlich variierenden physikalischen Konstanten ein Beobachter nur in solchen Bereichen existieren, und deshalb lokal nur solche Bereiche beobachten, in welchen diese Konstanten bewusstes Leben zulassen. Selbst ein Universum, das überwiegend lebensfeindlich ist, könnte so für einen Beobachter wie „gemacht“ für Leben erscheinen. – Der gegenwärtige Entwicklungsstand der Stringtheorie beinhaltet die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit des Nebeneinander-Existierens sehr vieler naturgesetzlich verschiedener Universen (typische Schätzungen nennen die astronomische Zahl von ca. 10500). Sollte sich diese noch spekulative Möglichkeit erhärten, wäre dies ein starkes Argument für die nichtteleologische Interpretation, eine dieser vielen Welten sei zufällig „lebensfreundlich“.

Der Text spricht für sich: Er enthält pure Spekulation. Das ist als solches nicht zu verurteilen, nur ist eine solche Auffassung um keinen Deut besser oder überzeugender oder beleghaft abgesicherter als die angegriffene teleologische Interpretation. Selbst hartgesottene Materialisten unter den Naturalisten können sich über die Plausibilität von Viele-Welten-Theorien und diverser String-Theorien kaum einigen. Es sind faszinierende (mathematische) Modelle – aber eben Modelle mit spekulativen, d.h. nicht belegbaren Grundannahmen, die ‚idealistischer‘ sind, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Was also spricht sonst noch gegen eine teleologische Interpretation?

Es ist im Grunde die Gleichsetzung einer teleologischen Interpretation mit einem religiösem Weltbild und der These vom „intelligent design“. Hinter dem Telos vermutet man sogleich den göttlichen Schöpfer, und die Lehre (als solche müsste man sie bezeichnen) vom intelligent design gilt als eine pseudowissenschaftliche Theorie des Kreationismus. Nur – wer legt hier fest, was genau ‚wissenschaftlich‘ heißt 4)? Auch die Viele-Welten-Theorie kann man nur ‚glauben‘, auch wenn sie manchen Kosmologen mathematisch plausibel erscheinen sollte. Vielleicht kann aber noch eine andere Ansicht Plausibilität gewinnen. Eine teleologische Interpretation des AP muss nicht zwingend religiös oder kreationistisch sein, – und das AP für sich genommen hat eine Menge Plausibilität, wenn man sich die Details hinsichtlich der Feinabstimmung der Naturkonstanten 5) und der als kontingent schwer verständlichen Entstehung von Leben und Bewusstsein ansieht. Es wäre eine Teleologie zu denken, die nicht von außen als „fremder“, göttlicher Wille übergestülpt erscheint, sondern als eine Finalität, die in der unbelebten und belebten Natur selber enthalten ist.

Aristoteles hat in dieser Richtung gedacht. Er unterschied zwischen Wirkursache (causa efficiens) und Zweckursache (causa finalis), wobei sich Wirkursachen auf Handlungen und Zweckursachen auf Ereignisse beziehen, Man kann die causa finalis auch als Funktion natürlicher Gegebenheiten interpretieren. Aristoteles verankert seine Lehre von den verschiedenen Ursachen ontologisch in seiner Lehre von Substanz und Form. Daraus konnte später eine komplexe theistische Theorie der zielbestimmten Form werden, in der sich der Wille Gottes verwirklicht (→ Scholastik) oder ein lebensphilosophischer Ansatz, wie J.W. v. Goethe ihn formuliert: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Urworte Orphisch). So weit muss man nicht folgen, wie es auch mehr darum gehen sollte, Gedanken des Aristoteles als Denkanstöße aufzunehmen.

Man kann es so denken, dass die Entwicklung von Kosmos und Mensch, vom Materie und Energie, Kräften und Feldern ebenso wie von Lebensformen pflanzlicher, pilzlicher und tierischer Art bis hin zur Entwicklung von Bewusstsein (nicht nur, aber vor allem) beim Menschen einem von Anfang an bestehenden Gefälle folgt, einer Drift, einem bias, der in entgegengesetzter Richtung auch als Attraktor gelesen werden kann. Eine solche Drift muss auch nicht panpsychistisch aufgelöst werden – eine weitere vermeidbare Spekulation. Die Wirklichkeit kann durchaus in verschiedenen Seinsbereichen („Sinnfeldern“ bei Markus Gabriel) interpretiert werden, die nicht monistisch, dualistisch oder universalistisch in einer „GUT“, einer Grand Unifying Theory, zu vereinheitlichen sind. Dennoch könnte man eine solche Drift in verschiedensten Formen in den jeweiligen Seinsbereichen entdecken: energetisch in der asymmetrischen Richtung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik ebenso wie in der Ausbildung eines hochentwickelten reflexiven Bewusstsein aus früheren Stufen der anfänglichen Bewusstheit. Auch die Entstehung des Lebens wäre in dieser Sichtweise nicht einem kontingenten Ereignis des Eintrags kosmischer „Bausteine des Lebens“ und / oder einer zufälligen Emergenz zu verdanken, sondern einer Tendenz von Molekülen und Makromolekülen, sich zu eben diesen Bausteinen des Lebens aus den verschiedensten Eiweißen zusammen zu fügen. Das Datenmaterial, auf das sich die Interpretation stützt, bleibt dasselbe. Der Unterschied zur Ansicht einer zufälligen, willkürlichen Entwicklung besteht darin, dass nun dem Kosmos insgesamt eine Tendenz und Richtung zugesprochen wird, die aus den in ihm enthaltenen Möglichkeiten Notwendigkeiten werden lässt. Leben und Bewusstsein, Quantentheorie und Geistesentwicklung usw. folgen einer gemeinsamen Richtung und Linie, die zu intelligentem Leben in einer intelligiblen Welt führt.

Was nun das angestrebte Ziel betrifft, wenn von einer teleologischen Interpretation mit einer zu entfaltenden teleologischen Ontologie die Rede ist, dann wird man sehr zurückhaltend sein müssen. Nichts ist so unbekannt wie die Zukunft. Ob der Mensch in der jetzigen Form, der Kosmos in seiner heute wahrnehmbaren Gestalt und die Erkenntnis gemäß ihrer heutigen Fähigkeit und Möglichkeit bereits das Ende der Leiter sind, – ob es weitere Leitern gibt oder wir schon dabei sind, auf unserer Leiter abzustürzen, um anderen Lebensformen einen Aufstieg zu ermöglichen, ist unergründlich. Das Telos ist etwas, dem sich eine Entwicklung allenfalls asymptotisch anlehnt, vielleicht tatsächlich, ohne es je zu erreichen. Vielleicht zielt aber „alles“ auch auf das Finale, was auch immer das sein mag und das uns ebenso wenig und genau bekannt ist, wie das, was wir mit dem „Big Bang“ umschreiben. Jedenfalls bleibt eine solche teleologische Interpretation auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Datenmaterials, ohne sich dadurch apriori auf „Zufall“ oder „Materialismus“ festlegen zu lassen. Eine teleologische Beschreibung von Mensch und Kosmos ist zudem wahrscheinlich dem Alltagsverstand viel näher, als es die Abstraktion auf die Wirkung des Zufalls zum Beispiel in der Evolution verlangt.

Wer mag, kann diesen Ansatz, Wirklichkeit anders zu denken, nämlich in einer teleologischen Dynamik als notwendige Realisierung angelegter Möglichkeiten, auch als eine Wiederaufnahme Hegels verstehen. Man kann sie auch theistisch beerben und religiös weiterführen. Diese Interpretation ist in verschiedenen Hinsichten und in unterschiedlichen Richtungen anschlussfähig. Das macht aus meiner Sicht ihre Stärke aus. Ihre Plausibilität gewinnt sie allerdings nur dann, wenn einen die nicht- oder antiteleologischen Verbote nicht schrecken. 6)

 


Anmerkungen

1) Roger Penrose, Zyklen der Zeit. Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums, 2011 [zurück]

2) Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2013, S. 125: „Jedes einzelne Leben bei uns ist ein Teil des langwierigen Prozesses, in dem das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird.“ [zurück]

3) zitiert nach Wikipedia, Anthropisches Prinzip (Fassung 08-2016); vgl. dazu insgesamt Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, 2008 [zurück]

4) vgl. dazu sehr erhellend Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. Eine späte Erwiderung auf Ansgar Beckermann, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2016 / 64(1) S. 20 – 44 „Es ist also nicht so, dass keine empirischen Daten für übernatürliche Phänomene vorlägen, und daher angenommen würde, es gäbe nur „Natürliches“, sondern tatsächlich so, dass Naturalisten aufgrund ihres methodischen Apriori auf natürliche Entitäten und naturwissenschaftliche Erklärungen festgelegt sind.“ S. 26 [zurück]

5) Im Einzelnen zählen hierzu unter anderen die weder mathematisch noch physikalisch in ihren konkreten Werten abzuleitenden Größen der Lichtgeschwindigkeit, des Planckschen Wirkungsquantums und der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante 1/137, ferner das Zusammenspiel der Naturkonstanten in der sogenannten Feinabstimmung. [zurück]

6) Es wäre noch einiges Genauere zu den Modalverhältnissen zu sagen, ebenso bleiben reflexive (sog. „selbstlernende“) und fraktale Systeme unerwähnt, – vielleicht einmal an anderer Stelle. [zurück]

Leben: eine Singularität

 Anthropologie, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Leben: eine Singularität
Feb 072014
 

[Anthropologie]

Eigentlich wissen wir es ja heute ganz genau. Alles begann mit dem Urknall, dem Big Bang, vor 13,7 Milliarden Jahren. Seitdem dehnt sich das Universum, zumindest innerhalb unseres Ereignishorizontes, stetig aus, lässt Galaxien, Sterne, Planeten entstehen, so auch die Erde vor 4,6 Milliarden Jahren. Auf der Erde entwickelte sich vor 3,5 Mrd. Jahren Leben, das sich aus einfachen Formen in immer komplexere Gestalten differenzierte. Seit Darwin nennen wir diesen Vorgang Evolution, wie sich durch Mutation, Selektion und Adaption die jeweils am besten an ihre Umwelt angepassten Lebensformen behaupten und durchsetzen. „Survival of the fittest“, „struggle for life“, „Kampf ums Überleben“ (schlecht übersetzt) sind die bekannten Schlagworte dafür.

Es gibt eigentlich nur ein paar kleine, unwesentliche Dinge, die wir noch nicht so genau wissen. Obwohl die Astrophysiker das Alter des Universums bis hinters Komma genau bestimmen können, ist doch der Vorgang des „Urknalls“ selber recht vage und im Dunkeln. Was da genau und wie es passierte, wissen wir nicht so bestimmt, wiewohl das Standardmodell das Geschehen auf Bruchteile von Sekunden nach dem Knall angibt. Man spricht deswegen lieber von einer „Singularität“, einem aus der Mathematik der Stetigkeit entlehnten Begriff, der in diesem Zusammenhang eine irgendwie irreguläre, nicht weiter zu erkennende und zu beschreibende Stelle im Kosmos anzeigt. „Schwarze Löcher“ sind auch solche Singularitäten, weil in ihnen das Raumzeit-Kontinuum endet.

Viel einfacher liegt die Sache bei der Entstehung des Lebens. Seit vor 35 Jahren die „Schwarzen Raucher“ entdeckt wurden, sind sie der plausibelste Kandidat für den Ort, an dem das Leben aus Wasserstoff, Schwefel und Kohlenstoff als organischen Urprodukten entstand. Dann kamen Darwin und Wallace, danach Ernst Mayr und Julian Huxley, ergänzten die Theorie um das inzwischen bekannte Wissen über Genetik und Populationsbiologie und schufen damit das, was heute als „Synthetische Evolutionstheorie“ bezeichnet wird. Der britische Evolutionsbiologe Wallace Arthur klagt 2004 zwar: „Die Synthese hat sich gänzlich entfernt von Darwins wundervollem Buch. Sein Pluralismus ging verloren, die natürliche Selektion trug den Sieg davon.“ – Fakt ist, dass heute die um ein wenig Epigenetik u.a. erweiterte Synthetische Evolutionstheorie das Standardmodell ist, das die Entstehung und Entwicklung des Lebens streng naturwissenschaftlich kausal beschreibt und „den Wirkungsmechanismus Mutation/Rekombination-Selektion-Adaption stringent anwendet“ (beides zitiert nach Wikipedia). Wir wissen also Bescheid.

Die Kleinigkeit, die dabei oft übersehen wird, ist allerdings: Es handelt sich bei fast all diesen Beschreibungen von Vorgängen, die sich lange vor unserer menschlichen Zeit abgespielt haben, um Theorien, um Modelle, um möglichst ‚plausible‘ Erklärungen, die sich auf ein sehr begrenztes Faktenmaterial stützen müssen. Nicht allein dass man aus aktuell erhobenen Daten und Beobachtungen auf Vorgänge vor Milliarden von Jahren schließen muss (für Historiker ist es ja schon ein Problem, Vorgänge zum Beispiel in der Römischen Republik plausibel zu erklären, und das war nur vor 2000 Jahren), auch die Aussagefähigkeit und das Erklärungspotential der jeweiligen Theorien ist der Sache nach begrenzt und in sich nie lückenlos und widerspruchsfrei. Man muss hier nicht an Gödels Unvollständigkeitsbeweis denken, denn der gilt ja nur für die Mathematik. Aber Vergleichbares kann man durchaus in der Kosmologie und Evolutionsbiologie vermerken. Nichts ist so einfach oder auch nur einfach so, wie es „theoretisch“ aussieht.

Schon der Begriff „Urknall“, Big Bang, scheint eher aus Hollywood als aus exakter Naturwissenschaft zu stammen. Da ist nichts ‚explodiert‘, wir wissen im Grunde überhaupt nicht, was die Tatsache hinter dem phantasievollen Begriff sein könnte. Denn eigentlich müsste sich nach der uranfänglichen Expansion theoriegemäß alles wieder in Wohlgefallen aufgelöst haben, da sich Materie und Antimaterie zu gleichen Teilen annihilieren (sic!). Da das nicht passiert ist, sondern „etwas“ entstand, müssen Dichteschwankungen her, die das eigentlich unerklärliche Überwiegen der Materie gegenüber der Antimaterie erklären sollen. Und dann die dunkle Materie und dunkle Energie, diese unerklärlich vorhandenen Konstanten… Nun ja, Genaues weiß man nicht, es war ja auch keiner dabei, – aber einige Theorien hat man. Und ob es wirklich „plausibel“ ist, aus Experimenten unter heutigen Bedingungen (CERN, Large Hadron Collider) Rückschlüsse auf die Entstehung des Universums zu ziehen, sei dahin gestellt. Die beteiligten Physiker jedenfalls sind da sehr viel vorsichtiger und sprechen allenfalls von annähernd vergleichbaren Bedingungen wie kurz nach dem Big Bang – so es diesen denn in der Form überhaupt gab, wie er heute gerne in populärer Naturwissenschaft dargestellt wird.

Eine andere Singularität wackelt jedenfalls schon beträchtlich, nachdem nun auch Stephen Hawking jüngst seine früheren Theorien über die Schwarzen Löcher widerrufen hat (Information Preservation and Weather Forecasting for Black Holes, August 2013). Offenbar kann man über und womöglich aus Schwarzen Löchern doch mehr heraus lesen als gedacht – womit sie keine Singularitäten mehr wären.

Tja, und so geht das bei der Evolutionstheorie weiter. Sie erklärt so vieles ganz genau, nur nicht, wie es wirklich zur Entstehung von Leben hat kommen können, wir haben kein nachvollziehbares Experiment, nichts außer Theorien, die in diesem Falle mehr Spekulationen sind darüber, wie aus vororganischen Molekülketten sich selber reproduzierende RNA / DNA entstehen konnte, – wirklich no idea. Man muss schon hart nachfragen, um dieses Eingeständnis zu erhalten. Wie sich das Leben und seine vielfältigen Formen kausal lückenlos determiniert entwickelt haben, kann man zwar im Nachhinein recht gut nachvollziehen, die Redundanzen und Konvergenzen aber als puren Zufall zu deklarieren fällt selbst den Evolutionsbiologen schwer. Abgesehen davon, dass es strittig ist, ob die Wahrscheinlichkeitsrechnung (anders gesagt trial and error) als Erklärung für die tatsächliche anscheinend geradlinige Entwicklung des Lebens ausreichend ist, so fällt es immer schwerer, von der Ziellosigkeit des reinen Zufalls auszugehen, wo doch ‚intuitiv‘ alles auf Zielgerichtetheit hinzuweisen scheint. Um dies zuzugeben, muss man übrigens nicht gottgläubig oder Kreationist sein.

Schließlich ist da noch die Sache mit dem Geist. Während die einen ihn nur noch als sprachliche Altertümlichkeit gegenüber seinen exakteren neuronalen Korrelaten ansehen können, behauptet er sich doch mit unveräußerlicher Innerlichkeit (!), Spontaneität und Phantasie (analytisch diskutiert anhand der Qualia und Intentionalität) dem materialistischen oder auch nur sprach-logischen Zugriff. Dem liegen unausgesprochen bereits ontologische Vorentscheidungen zugrunde über das, was Wirklichkeit und Bedeutungsgehalt einzig sein können. Geistvoll wird also darüber seit Jahrzehnten diskutiert, ob und was überhaupt noch der Geist neben dem Gehirn zu schaffen hat. Auch die Geist – Gehirn – Debatte zeigt diesen etwas merkwürdigen Befund: Auf den ersten Blick scheint wissenschaftlich (fast) alles geklärt zu sein, erst bei Nachfragen aber erhält man eine klare Antwort: „Wir haben keine Ahnung, wie unser Gehirn Gedanken und Gefühle produziert.“ (Kári Stefansson, Neurologe und Genetiker).

Was wir also haben ist eine exponential wachsende Menge naturwissenschaftlicher Daten und Befunde und eine sehr begrenzte Auswahl an Modellen und Theorien, diese Fakten zu interpretieren – und die Konzeptionen, Modelle und Theorien sind in ihrem Aussagewert wiederum eng begrenzt aufgrund der gewählten Anfangsbedingungen. Daraus ein Weltmodell oder gar eine Weltanschauung zu machen, ist reichlich verwegen. Genau das geschieht aber. In unserer Zeit ist die herrschende Weltanschauung naturalistisch-materialistisch. Sie ist so gut und so schlecht begründet wie andere Weltanschauungen auch. Vor allem ist sie eines nicht: eine exakte Beschreibung der Wirklichkeit, nicht einmal ein annähernd wissenschaftlich konsistentes Gesamtbild, allenfalls der naturwissenschaftliche Ausschnitt. Was auch sonst. Und: Bisher stellt sich das Leben als eine einzige große „Singularität“ dar, trotz aller YETI-Suche.

Somit landen wir dort, wo Philosophie bei ihren Grundfragen immer wieder landet: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? – Wir fangen damit immer wieder neu an – wie jede Generation, die danach fragt. Inwiefern ist der Mensch einerseits eine Erscheinung der Naturgeschichte mit Evolution, Genetik, Neuralsystem usw., wenn auch als Spezies eine spezielle, wenn andererseits das Leben eine Art natürlicher „Singularität “ zu sein scheint ebenso wie die schöpferische Fähigkeit des Geistes. Wohin der uns treibt und ob auch der Natur ein Ziel innewohnt, sind berechtigte Fragen – und ein neues Thema.

Ein Lektüre-Hinweis: Sehr gut zu lesen ist Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, 2013. Er stellt eine Menge schwieriger kritischer Fragen, ohne eine Antwort zu wissen. Genau so steht es auch mit der philosophischen Anthropologie …