Naturalistische Erkenntnistheorie

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Jul 272016
 

Das naturalistische Alltagswissen ist allgegenwärtig, aber nicht allein gültig. Eine naturalistische Erkenntnistheorie zu überprüfen heißt, sie genau nachzuvollziehen.

Willard van Orman Quine ist ein hierzulande fast übersehener Klassiker der Analytischen Philosophie. Seine Hauptwirkungszeit lag in der Mitte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die meisten philosophischen und erkenntnistheoretischen Schriften von ihm erschienen damals in den 70er und 80er Jahren. Der Wikipedia-Artikel über Quine gibt einen ersten Überblick, am besten in der englischen Wikipedia-Ausgabe. Hier findet sich auch eine ausführliche Würdigung seiner frühen Schriften zur Logik und Mengenlehre (set theory).

Quines naturalistische Erkenntnistheorie ist weniger bekannt, entsprechend knapp wird sie in den Wikipedia-Artikeln abgehandelt. Dass sie aber eine mächtige Wirkung entfaltet hat, die bis in unsere Tage hinein reicht, zeigt der sehr ausführliche und gründliche Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy zum Thema Naturalism in Epistemology. Dieser Text, im Sommer 2016 überarbeitet und aktualisiert, befasst sich mit Quines Position und der folgenden Auseinandersetzung um seine “Epistemology Naturalized” (1969) sowie mit der aktuellen Bedeutung und Ausgestaltung einer naturalisierten Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie (Alvin Goldman). In sozusagen abgespeckter, popularisierter Version hat aber eine naturalisierte Erkenntnistheorie Einzug in das naturwissenschaftlich gebildete Alltagsbewusstsein auch bei uns gefunden. De facto geht ‚man‘ heute davon aus, dass Erkenntnis, also der Erwerb von verlässlichem Wissen, weniger „innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ geschieht, als vielmehr innerhalb der Grenzen, die durch naturwissenschaftliche, empirische Wissenschaften festgelegt werden. Wenn man gegen diese Grenze als eine Selbstbegrenzung der Wissenschaften argumentieren will, sollte man sich die Position des erkenntnistheoretischen Naturalismus sehr genau anschauen und in seinen Voraussetzungen und Gedankengängen nachvollziehen. Erst daraufhin könnte eine wohl begründete Kritik Bestand haben.

Quine

Willard van Orman Quine (c) Wikimedia

Wie der Standford-Artikel zeigt, ist allein die Darstellung der wesentlichen Elemente von Quines Erkenntnistheorie und ihrer Rezeption und Kritik eine recht umfangreiche Aufgabe. Ich möchte hier nur einige Punkte herausheben, gewissermaßen als Schlaglichter, die keinesfalls eine gründliche Darstellung und Auseinandersetzung ersetzen. Ich beziehe mich dabei auf eine Reihe von Aufsätzen und Kapiteln aus Quines Schriften, die Gegenstand eines Seminars im SS 2016 an der Uni Münster waren. Einen guten Einstieg vermittelt Geert Keil, Quine zur Einführung, Hamburg 2002 (vergriffen, oder lieferbar: Geert Keil, Quine. Grundwissen Philosophie, Reclam 2011).

 

1. Neuraths Schiff – keine „erste Philosophie“

Quine reklamiert Philosophie nachdrücklich als Wissenschaft (science) und mutet der Naturwissenschaft die Philosophie als ihr eigenen Bereich zu. Er verabschiedet sich sowohl von einer „Metaphysik“ (Aristoteles) als dem, was nach oder jenseits der „Physik“ zu klären ist, als auch von einer „ersten Philosophie“ (Descartes), die vor aller anderen Wissenschaft zu klären hat, mit welchen Mitteln und in welchem Gegenstandsbereich Erkenntnis und Wissen zu erreichen sind. Er nennt seine Position „Naturalismus“ und erklärt:

Naturalism is “the recognition that it is within science itself, and not in some prior philosophy, that reality is to be identified and described”; again that it is “abandonment of the goal of a first philosophy prior to natural science”.

Dieses Zitat stammt aus einem späten Aufsatz Quines (1995) und fasst zusammen, was er an vielen Stellen früher so oder ähnlich formuliert hat. Zwischen einer naturalistischen Philosophie und der Naturwissenschaft gibt es nur graduelle Unterschiede. Beide befinden sich innerhalb des Rahmens der Wissenschaft, denn es gibt keinen Punkt außerhalb, den man als Perspektive von außen einnehmen könnte.

Gerne zitiert Quine in diesem Zusammenhang die Metapher von Neuraths Schiff:

Ich sehe in der Philosophie nicht eine Propädeutik oder ein Fundament der Wissenschaft apriori. Vielmehr sehe ich zwischen beiden einen stetigen Zusammenhang. Die Philosophie und die Wissenschaft sitzen meines Erachtens im selben Boot – einem Boot, das wir, um wieder einmal auf Neuraths Gleichnis zurückzugreifen, nur auf offener See umbauen können, während wir uns in ihm über Wasser halten. Es gibt keinen darüberstehenden Standpunkt, keine erste Philosophie.

Dies zeigt zunächst einmal eine sehr sympathische, weil bescheidene Einstellung dazu, was Wissenschaft überhaupt an Erkenntnis und Wahrheit liefern kann. Sie ist fallibel und stets vorläufig, orientiert sich am Ziel der Wahrheit, ohne über sie jemals zu verfügen. Die Philosophie, begriffen als eine Domäne der Wissenschaft, teilt diese Begrenzung. Sie „sitzt im selben Boot“ und kann andere nicht von einer vermeintlich sicheren Position aus vorgängig belehren über zulässige Ontologien und Methoden. Zugleich ist es eine Befreiung der philosophischen Fragestellungen, wenn sie sich alle Ergebnisse und Themen der anderen Wissenschaften zu eigen machen kann. Sie teilt die Vorläufigkeit und Ungewissheit dessen, was wissenschaftliche Erkenntnis zu Tage fördert. Neue Erkenntnisse können zum „Umbau auf hoher See“ zwingen, wie es sich im Vollzug der Wissenschaft vollzieht. Auch die Philosophie hat nur die wissenschaftsinternen Mittel zur Verfügung, aber diese kann sie unvoreingenommen nutzen. Quine verweist dabei auf die evolutionär bewährte Methode der Induktion aufgrund von Beobachtung ebenso wie auf die hypothetisch-deduktive Methode der Theoriebildung.

Diese sympathische Einstellung hat aber eine Kehrseite, und das ist ihre auf den ersten Blick verblüffende Trivialität. Es klingt doch recht emphatisch ausgedrückt, was nur die schlichte Tatsache enthüllt, dass Menschen endliche Wesen sind mit endlichem Verstand und daher alles Streben nach Erkenntnis und Wissen immer vorläufig und irrtumsbehaftet sein wird. Es muss also noch näher in den Blick genommen werden, was es mit Quines naturalistischer Erkenntnistheorie auf sich hat.

2. Naturalisierte Erkenntnistheorie: Von der Sinnesreizung zum Wissen

Der locus classicus dazu findet sich in Quines Aufsatz „Naturalisierte Erkenntnistheorie“, und der liefert im englischen Titel bereits das Schlagwort, das Quine und viele Nachfolger beschäftigte: “Epistemology Naturalized”.

Die Erkenntnistheorie … studiert ein empirisches Phänomen, nämlich ein physisches menschliches Subjekt. Diesem menschlichen Subjekt wird ein bestimmter, experimentell kontrollierter Input gewährt – z. B. bestimmte Bestrahlungsmuster in ausgesuchten Frequenzen – , und zur rechten Zeit liefert das Subjekt als Output eine Beschreibung der dreidimensionalen Außenwelt und ihres Verlaufs. Die Beziehung zwischen dem mageren Input und dem überwältigenden Output ist die Beziehung, zu deren Untersuchung uns, grob genommen, die Gründe anspornen, die die Erkenntnistheorie immer motiviert haben: nämlich herauszufinden, in welcher Beziehung die Beobachtung zur Theorie steht.

Klassisch philosophisch setzt Quine beim Staunen an, dem Staunen über den Unterschied „zwischen dem mageren Input und dem überwältigenden Output.“ Der „magere“ Input sind irgendwelche Strahlungen oder Teilchen, die die menschliche Oberfläche (surface) treffen, also eine physikalisch zu beschreibende Reizung – und heraus kommen Aussagen, Theorien über die Außenwelt, ihre Objekte, Beschaffenheit, Bewegungen usw. An anderer Stelle vergleicht Quine den geringen Input an Energie, wenn Schallwellen das Trommelfell treffen – und den möglicherweise gewaltigen Energieausbruch, wenn ein Mensch darin eine Beleidigung vernommen hat und entsprechend reagiert. Wie kommt es von diesem mageren Input zu dem gewaltigen Output, wie kommt es von der Beobachtung zur Theorie und in wie weit geht die Theorie über alle Beobachtung hinaus? Das sind für Quine die entscheidenden Fragen der Erkenntnistheorie, – es sind in seinem naturalistischen Vokabular die klassischen Fragen jeder Erkenntnistheorie: Wie gelangt der Mensch in seiner Welt zu begründeten und gerechtfertigten Aussagen über diese Welt?

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5. Was fehlt

Der hauptsächliche Kritikpunkt aber ist aus meiner Sicht die gleichsam axiomatische Festlegung des Wissenschaftsbegriffs auf die Naturwissenschaft, entsprechend dem englischen Begriff science. Quines Kriterien der Eindeutigkeit und Einfachheit sind weithin auf empirisch verfahrende Wissenschaftszweige zugeschnitten. Selbst als Mathematiker und Logiker sieht er sich als ‚angewandter‘ Wissenschaftler, sofern auch die Mathematik (reduziert auf Mengenlehre) und die Logik letztlich nur dem praktischen Wissensdrang dienen („Sinnvoller erscheint es, die Philosophie mit den Formalwissenschaften Logik und Mathematik zu vergleichen, die ja nach Quine ebenfalls zum Gewebe unseres wissenschaftlichen Wissens von der Welt beitragen.“ Keil 2011, 146). Erscheint Quine mit Blick auf den Kanon der Fächer an den Universitäten sehr strikt zu verfahren, so kann er andererseits mit dem Hinweis auf Theorien als Metaphern quasi alles wieder wissenschaftlich einholen, bis hin zur Telepathie und den Göttern Homers.

Es fehlen also nicht nur wesentliche Bereiche der Philosophie, – es fehlen bei Quine schlicht alle Wissenschaftsbereiche, die zu den historisch-hermeneutischen Wissenschaften, zu den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften gehören. Der Quinesche Tempel der Wissenschaft ist doch ein recht armseliger Ort, den außer den Empirikern nur noch Logiker und Mengentheoretiker bewohnen.
Die von Quine angestrebte Klarheit und Wohldefiniertheit wissenschaftlicher Methodik ist also verbunden mit exorbitant hohen Kosten – mit den Kosten einer womöglich geistlosen, ungeselligen und trostlosen Wissenschaft. Zum Glück hat Quine offenbar persönlich diesem Anti-Ideal mitnichten entsprochen.
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Der ausführliche Langtext dieses Beitrags über Quine findet sich hier: Naturalistische Erkenntnistheorie (PDF)

Ideologie der Singularität

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Aug 072015
 

[Metaphysik]

Netz-Enthusiasten feiern die Fortschritte und die Zukunftsaussichten der Digitalisierung und Vernetzung. Technik-Optimismus könnte ein Thema philosophischer Ethik sein, es wäre zumal kein sehr neues – siehe Descartes‘ theoretische Unterscheidung von Mensch und Automat / Maschine („seelenlos“) und die berühmte „mechanische Ente“ des Jacques de Vaucanson. Alan Turing ist der moderne Urvater der Idee von selbstlernenden Maschinen, bei ihm zunächst als mathematisches Kalkül („Turing-Maschine“), aber auch durch den maschinellen Intelligenztest, den „Turing-Test„. Der Test als Mittel des Nachweises einer intelligenten Maschine ist ebenso oft zitiert wie kritisiert worden. Dennoch führt diese Debatte zu einem Thema, das in der Zukunftsforschung und KI-Forschung aktuell ist und durchaus als philosophisches Thema identifiziert werden könnte. Die zugespitzte Form dieser Debatte findet sich in der Diskussion über „Singularität„. Kritische Netzwissenschaftler halten sie zwar mit guten Gründen für einen Mythos (z.B. Jaron Lanier, The Myth of AI, 2011), dennoch halte ich diese Diskussion für relevant, weil sie als eine technizistische Form der Metaphysik auftritt. Sie kann sich dabei auf den „starken Realismus“ bzw. Naturalismus berufen, wie er in Teilen der Analytischen Philosophie vertreten wird, so zuerst von John Smart: Mentale Prozesse sind identisch mit physikalischen Prozessen. Zusammen mit dem Computationalismus bzw. Konnektionismus innerhalb der Stilrichtungen der Analytischen Philosophie (→ Fodor; → Dretske) ergeben sich theoretische Perspektiven, die wiederum von Informatikern und KI / AI – Forschern aufgegriffen werden. Am bekanntesten sind darunter Ray Kurzweil und Vernor Vinge (Einstieg über Wikipedia, dort weiterführende Literatur).

Das aktuell virulente Interesse an „technologischer Singularität“ ist bemerkenswert. Gemeint ist hier mit „Singularität“ der Punkt, ab dem technische Intelligenz sich selbständig konstruiert, perfektioniert, sich ihrer selbst bewusst wird und daraufhin der biologisch – humanen Intelligenz generell überlegen ist. Es geht tatsächlich um den Bereich jenseits der gegebenen Physik, im Wortsinn um Meta-Physik. Sie ist sowohl abstrakt mathematisch – algorithmisch gefasst als auch praktisch – spekulativ, sofern damit transhumane technische Existenzformen beschrieben werden, die dem Menschen und seiner Intelligenz schlagartig überlegen sein würden, so die Voraussage (vgl. Thomas Wagner, Der Vormarsch der Robokraten, 2015). „Letztlich geht es um die Gottwerdung des Menschen mittels Technologie.“ (ebd.) Noch mehr als um Metaphysik geht es wahrscheinlich sogar um Macht und um Religion, genauer um eine milleniäre Eschatologie, das heißt um eine kapitalistisch-technologische Endzeithoffnung. Genau als solche identifiziert Wagner die Theorie der technologischen Singularität: Es ist „die Leitidee einer neuartigen religiösen Bewegung“. Über die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Implikationen dieser aggressiven Ideenwelt („disruption“) sowie über ihre wirtschaftlich – finanzielle Verzahnung mit dem Silicon Valley und die daraus resultierenden Gefahren eines antidemokratischen Größenwahns schreibt Wagner sehr Bedenkenswertes. Jaron Lanier *) positioniert sich mit dem Konzept einer „humanistischen Internet-Ökonomie“ strikt gegen die transhumanen „ultraintelligent“ Visionen derer vom Silicon Valley („seed-ai“; „strong artificial intelligence“). Insbesondere die Nähe vieler Netzaktivisten zu diesen technizistischen Ideen hierzulande wären noch eigens zu beleuchten. Hier soll es aber „nur“ um den philosophischen Aspekt gehen.

Moore's Law - Wikimedia

Moore’s Law – Wikimedia

Es ist doch schon erstaunlich, wie eine erklärtermaßen antimetaphysische Philosophie wie die Analytische Philosophie, die auf der Grundlage eines Naturalismus oder eines physikalischen Materialismus aufbaut, auf einmal technizistisch ins Gegenteil umschlägt und eine technologische Metaphysik im Gewande einer transhumanen Artificial Intelligence hervor bringt. Um Metaphysik (teleologisch) oder sogar um eine religiöse Reminiszenz (eschatologisch) handelt es sich zweifelsohne. Die „Singularität“, also der Umschlagspunkt in einen neuen, unvorhersehbaren Zustand der intelligenten Welt wird als zwangsläufig gedacht, der aus der exponentiellen Entwicklungskurve der Computertechniken und Algorithmen entsprechend zu „Moore’s Law“ folgt. Die einen sehen den Zeitpunkt in naher (Kurzweil), die anderen in noch etwas fernerer (Bostrom) Zukunft, die einen  sehnen sich den Zeitpunkt herbei wie das Paradies (Dyson), die anderen fürchten den Umschlag in die Herrschaft der Maschinen wie die Hölle. Gemeinsam ist die Unausweichlichkeit, mit der technische Intelligenz in eine techno-metaphysische und posthumane neue Welt übertritt. Die teleologische Komponente dieser Ideen wird darin sichtbar, dass die technologische Singularität nur eine neue Stufe der Evolution jenseits der biologischen Evolution darstellt, die damit überwunden wird und an ihr Ende kommt. Kurzweil spricht von der Gottähnlichkeit der allumfassenden Maschinenintelligenz, welche die Grenzen der Biologie überwindet. Zugleich wird von den Vertretern des Posthumanismus die „Erlösung vom Bösen“ erwartet, denn eine umfassende Intelligenz könne nur das Gute wollen.

Wenn wir diese Ideen oder technizistischen Hoffnungen als Metaphysik bezeichnen wollen (und nicht als quasi-religiöse Visionen), dann ist es schlechte Metaphysik. Schlechte Metaphysik ist es, wenn grundlegende Fragen des Geistes, der Erkenntnis, des Bewusstseins, der Ethik – also alles dessen, was menschliches Dasein und philosophisches Nachdenken darüber ausmacht, ausgeblendet und in einer unglaublichen Vereinfachung auf technologische Allmachtsphantasien reduziert wird. Allmachtsphantasien können zeitweise Wirklichkeit werden, wie die Herrschaften der verschiedenen Dikatatoren dieser Welt gezeigt haben. Menschliche Fragen und Probleme gelöst wurden dadurch noch niemals, im Gegenteil. Es ist schlechte Metaphysik, einen algorithmischen Reduktionismus an die Stelle der Kreativität des menschlichen Geistes zu setzen, von dem immerhin die größten Firmen des Silicon Valley profitieren und – schwärmen (Steve Jobs). Es sollte einen befremden, wenn totalitäre Phantasien mit religiösen Vorstellungen verknüpft werden (ein altbewährtes Konzept) und daraus etwas hochtrabend, vielleicht sogar hochstaplerisch eine evolutionäre „Singularität“ konstruiert wird, die weder wissenschaftlich belegbar ist, noch philosophisch ernstzunehmenden Gehalt hat noch auch nur allgemein menschlich „vernünftig“ ist: Sie will ja gerade jeder „bloß“ humanen Vernunft widersprechen. Nicht einmal der Anspruch, hier handele es sich um etwas Denk-Würdiges, kann eingelöst werden. Die Anleihen bei der Analytischen Philosophie des Geistes sind doch allzu dürftig und oberflächlich. Die „Technologische Singularität“ ist gerade kein philosophisches Thema.

Vielmehr geht es dabei um das alte Lied der Macht. „Silicon Valley“ mit diversen Institutionen und ungeheurem Kapital hat sich hier eine selbstrechtfertigende Ideologie geschaffen, die zu nicht weniger dient als zur totalen Kontrolle von Mensch und Welt. Als „Wille zut Macht“ (Nietzsche) wäre diese Ideologie am ehesten zu fassen. Sie stellt den Legitimationsrahmen bereit, die Macht der Monopole in der digitalen Welt grenzenlos auszuweiten und zu stabilisieren. Gegen diese totalitären Ideologien, gegen den techno-eschatologischen Traum von der „Singularität“ ist weniger philosophisch als politisch zu streiten, und das mit Entschiedenheit. Das kann dann auch manche bei Netzaktivisten beliebte Ideen betreffen. Sie wissen schon genau, was sie tun. Philosophie aber bleibt bei ihrem ureigenen Thema, wenn sie gegen ideologische Inanspruchnahmen und Machtkalküle protestiert im Namen und kraft der Vernunft des Menschen. Es geht um die Humanisierung der digitalen Welt und um die Entideologisierung des Digitalen – um die unausrottbare Bedeutung des nicht reduzierbaren Humanum.

Anmerkung

*) Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft?, 2014; en 2013; ders., Für einen neuen Humanismus. Wie wir der digitalen Entrechtung entkommen, 2014