Geist und Natur

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Aug 222013
 

Schon die Begrifflichkeit ist schwierig. Ist mit Natur die uns umgebende Welt schlechthin gemeint oder die grüne Romantik im Garten oder das Urlaubsparadies? Ist Geist der kopflastige Gegenstand der Philosophen, die Würze des Alkohols oder irgend ein Gespenst? Könnte das Gegensatzpaar nicht auch Materie  – Geist lauten? oder Physis – Psyche? oder physikalisch – mental? oder Leib – Seele? oder Körper – Geist? oder „science“ – „humanities“, oder (nach Schröder) Wissenschaft – Gedöns?

Ich gehe von den Begriffen Natur und Geist aus. Natur ist der weite Bereich der Welt, wie sie uns naturwissenschaftlich, physikalisch erschlossen wird. Dass das Wort Natur darüber hinaus ein noch viel weiteres Bedeutungsfeld umschreibt, sollte dabei durchaus mitklingen. Der Begriff Geist ist nicht ein aufs Mentale reduziertes inkommensurables Relikt, sondern bezeichnet den weiten Bereich des Denkens, Fühlens, Empfindens, der Vernunft und der Intuition, der Kunst und der Kultur.

Ist der Begriff Natur, Physis, und ihr Wissenschaftsbereich, die Physik, scheinbar eindeutig bestimmt, so ist der (griechische) Begriff des Nous = Geist ungleich vielschichtiger, vielleicht sogar diffuser, unbestimmter. Ihm entspricht kein eindeutiger Wissenschaftsbereich. Die englische Bezeichnung „humanities“ für das, was bei uns Geisteswissenschaften heißt, enthüllt aber einen besonderen Sinn. Der Geist wird offenbar als etwas spezifisch Menschliches angesehen. Dem stand früher der Begriff Seele (anima, psyche) zur Seite als dasjenige, was alle Lebewesen gleichermaßen erfüllt. Den vielleicht umfassendsten Begriff des Geistes hat die griechische Philosophie entwickelt, die sich ihrerseits von persischen und indischen Denkweisen anregen ließ.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci, Embryo (Wikimedia)

Ich versuche entgegen der heute verbreiteten szientistischen, speziell physikalistischen Tendenz ein Denken zu finden, das Natur und Geist zusammen erfasst. In dieser Skizze halte ich mich nicht mit der Kritik des einseitig physikalischen Wissenschaftsbegriff auf, dem ein physikalistisches Weltbild zugrunde liegt, betrachte auch nicht die lange philosophische Vorgeschichte, die insbesondere den wirksamen Dualismus Descartes (res extensa – res cogitans) bedenken müsste, lasse mich auch nicht von den erwartbaren Vorwürfen des metaphysischen Dualismus oder eines überholten Idealismus irritieren, sondern fange einfach mal so an, ganz vorläufig.

Ich möchte meine Position (wenn es denn überhaupt schon eine solche ist) als „physikoidealistisch“ bezeichnen. Ich versuche dabei zusammen zu denken, was beim metaphysischen Dualismus auseinander fällt und was beim physikalischen Monismus einseitig verkürzt, „reduziert“ wird: die umfassend verstandene Natur (Physis) und den gestaltenden Geist, d. h. das von der Möglichkeit zur Wirklichkeit strebende Prinzip der „Idee“ (griech. idea, lat. forma). Wie im vorigen Beitrag angedeutet, lehne ich mich dabei mangels besserer Begriffe an Aristoteles an.

Zugleich habe ich ein Unwohlsein beim Begriff des Panpsychismus, wie er neuerdings von Patrick Spät (Panpsychismus – ein Lösungsvorschlag zum Leib – Seele – Problem, 2010) vertreten wird. Auch Thomas Nagel (Der Blick von nirgendwo, 1986, dt. 2012) geht mit seinem Perspektivismus in diese Richtung. Der Panspychismus will den Fehler vermeiden, erst physikalisch anzufangen und dann das Problem zu haben, wie man das Geistige („Mentale“) widerspruchslos „hinein“ bekommt. Die analytische Philosophie des Geistes hat zumindest dies eine erbracht: Das funktioniert nicht. Supervenienz ist zwar ein analytisch beliebter Terminus, beim näheren Hinsehen bezeichnet er aber etwas kausal Überflüssiges („überdeterminiert“). Also, so die Schlussfolgerung des Panpsychismus, sollte das Geistige von Anfang an zum Materiellen hinzu gedacht werden. Alles, auch das kleinste Elementarteilchen, hat dann einen psychischen „Pol“ (Metapher aus dem Magnetismus). „Protopsychismus“ nennt es Nagel. Das könnte recht verstanden durchaus verheißungsvoll sein. Aber der Begriff Panpsychismus weckt doch die Vorstellung, alles (griech. pan) sei beseelt, der Stein, der Tisch usw. Er wird dann leicht mit einem naiven Animismus verwechselt. Außerdem versucht er den Physikalismus auf seinem eigenen Feld zu begegnen. Er fügt dem Physikalisch-Materiellen ’nur‘ einen zweiten Pol hinzu, dessen Sinn sich im Mikrophysikalischen allerdings nicht erschließt. Der psychische Pol muss deswegen von Anfang an da sein, weil er ja nicht später hinzu kommen kann, wenn denn von seiner gleich ursprünglichen physischen Realität ausgegangen werden soll. Diesen Ansatz halte ich nicht für überzeugend und verheißungsvoll. Die Zielrichtung allerdings teile ich.

Das, was ich als „physikoidealistisch“ bezeichne, geht davon aus, dass es nicht nur eine, sondern viele Wirklichkeiten in der Welt gibt. Ob es überhaupt erlaubt und sinnvoll ist, von der einen Welt zu reden (Einwand Markus Gabriel), lasse ich vorerst dahin gestellt. Viele Wirklichkeiten sind etwas anderes als nur verschiedene Perspektiven auf die eine Wirklichkeit. Viele Wirklichkeiten sind tatsächlich verschiedene Wirklichkeiten, die sich überlagern und durchdringen können und das auch weithin tun, die aber auch in Teilen für sich bestehen können. Eine Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, eigene Begriffe, eigene Regeln, eigene Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge zu etablieren. Die Kunst ist eine solche eigene Wirklichkeit. Sie besteht nicht einfach neben der Alltagswirklichkeit, sondern bezieht sich auf sie, nimmt Gegenstände aus ihr heraus, schafft ihren Raum und ihren Sinn aus sich selbst. Würde sich die Kunst nicht mit dem Alltag irgendwie überlappen, hätten wir normalerweise gar keinen Zugang zu ihr. – Die Religion ist eine weitere, recht eigentümliche Wirklichkeit neben und in unserer sonstigen Wirklichkeit, usw. Es sind eigenständige „Sinnfelder“ (Gabriel).

Die Wirklichkeit des Geistigen ist von besonderer Art. Sie scheint die einzige Wirklichkeit zu sein, die nicht nur neben der Physik besteht, sondern welche die Wirklichkeit der Natur stets und ständig überlagert und durchdringt. Man könnte es eine Dimension der natürlichen Wirklichkeit nennen, wenn bewusst bleibt, dass es sich dabei um eine Metapher handelt. Die geistige Wirklichkeit tritt zwar einerseits als unsere subjektive Perspektive zum Vorschein, ist aber durchaus etwas Objektives, an den Dingen selbst Haftendes. Man könnte es als das Strukturprinzip, als das Verwirklichungsziel und darüber hinaus als die unausgeschöpften Möglichkeiten dessen bezeichnen, was in natürlich-dinglicher Wirklichkeit aktuell gegeben ist. Jedenfalls wäre dieses Geistige in und an den Dingen der Natur als ihre „Idee“, ihre „Form“, zu bestimmen, die allem, was ist, Richtung und Ziel, kurz Sinn verleiht.

Im Blick auf die lebendige Wirklichkeit ist der Geist das, was die Natur belebt. Unser Begriff von Geist sollte also Elemente des traditionellen Seelen-Begriffs (lat. anima) integrieren können. Unabhängig davon, was die Paläobiologen über die Entstehung von Makromolekülen, die Bausteine lebendiger Organismen sind, heraus gefunden haben und noch heraus finden werden, was über Selbstorganisation durch Hyperzyklen (Manfred Eigen) theoretisch modelliert wird oder auf welche Weise Leben mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Einklang gebracht wird (I. Prigogine, „dissipative Systeme“), indem Lebensprozesse als ‚geliehene‘ (negative) Entropie interpretiert werden, – unabhängig von all diesen wahrlich schwierigen und bislang noch keineswegs befriedigend geklärten physikalischen Verhältnissen gerät auf der Ebene des Geistes das Leben als ein höher wertiger, d. h. Sinn suchender und Sinn stiftender Prozess des Seins  in den Blick (-> Prozess-Ontologie, Alfred N. Whitehead lässt grüßen).

Das Lebendige ohne die Ebene des Geistes zu betrachten ist nicht nur stark anti-intuitiv, sondern blendet schlicht entscheidende Bereiche der Wirklichkeit aus. Leben, unser menschliches eingeschlossen, ist eben wesentlich keineswegs nur „Sternenstaub“. Der Mensch begreift sich in seiner Wirklichkeit stets als sinnvoll oder aber bedroht vom Verlust des Sinnes. Letzteres ist oft genug (wörtlich) lebensbedrohlich. Um in der philosophischen Betrachtung der Welt näher an der Wirklichkeit bzw. den Wirklichkeiten zu sein, in denen wir tatsächlich leben, und die unterschiedlichen Aspekte des Lebens (natürlich, sozial, kulturell) in die ontologische Theorie mit aufzunehmen, ist ein Denken erforderlich, das diese unterschiedlichen Ebenen des Wirklichen ontologisch abbildet. Das physikalistische Weltbild ist dagegen nur eine Abstraktion.

Genau um dies zu tun, um Geist und Natur, Natur und Kultur, Kunst und Leben usw. zusammen denken zu können, ist ein Denkansatz nötig, den ich hier einmal „physikoidealistisch“ genannt habe. Auch das ist missverständlich und vor allem vorläufig und skizzenhaft. Jedenfalls möchte ich damit auch die Anregung von Markus Gabriel aufgreifen, in der Philosophie zu einem „neuen Realismus“ zu finden.