Einheit und Vielfalt

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Jun 012018
 

Seit Langem gibt es das Bemühen, eine „Theorie von allem“, TOE (theory of everything) aufzustellen. Das kann sich im engeren Sinne auf die Physik beziehen, wo darunter eine Vereinheitlichung nicht nur der Teilchenphysik (was als gelungen gelten kann), sondern vor allem der vier Grundkräfte verstanden wird. Die „Weltformel“ spukt dann und wann als Thema des Feuilletons durch die Medien. Sodann gilt es, ganz allgemein gesprochen ‚Relativitätstheorie‘ und ‚Quantenphysik‘ miteinander auszugleichen, was zugleich die Frage nach der Alternative von kontinuierlichem oder diskretem Verständnis der Materie aufwirft. Über die Physik hinaus gibt es aber auch in der Erkenntnistheorie das Streben nach Vereinheitlichung, hier verstanden als Vereinheitlichung der Wissenschaft. Im angelsächsischen Raum ist dies zumeist als Votum für den physikalistischen Naturalismus gemeint. Aber auch der kontinental-europäische Strukturalismus und erst recht das Theorienensemble unter dem Oberbegriff „Systemtheorie“ wollen einen einheitlichen Zugang zur wissenschaftlichen Welterkenntnis bieten. Dem stehen Konzepte des Pluralismus sowohl der Methoden als auch der wissenschaftlichen Grundüberzeugungen gegenüber, teils aus liberalem, teils aus mehr skeptischem Antrieb. Dennoch ist das Streben nach Vereinheitlichung stark und zeigt sich in der lang andauernden Auseinandersetzung mit Reduktionismus-Konzepten insbesondere (aber nicht nur) im Bereich der Hirnforschung im Verhältnis zur Philosophie des Geistes; was Konzepte und Ziele betrifft, geht Letztere gewiss über das hinaus, was enger gefasst unter theory of mind verstanden wird.

Seerose

Seerose (c) R.G.

Was macht die Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Warum sind Menschen bestrebt, eine einheitliche, wissenschaftlich begründete Weltsicht zu präsentieren – einmal vorausgesetzt, es ließe sich überhaupt sachgerecht über „die Welt“ reden (was Markus Gabriel bestreitet). Ist es das rational verständliche Bemühen, Widersprüche zu vermeiden? Widerspruchsfreiheit ist gewiss für die Theorienbildung, für jede Theorie in sich erstrebenswert oder gar notwendig (unter Voraussetzung zweiwertiger Logik), aber ist es ebenso wünschenswert und „notwendig“, ein einheitliches theoretisches Dach zu postulieren oder zu schaffen, unter dem sich alle Theorien anderer Ansätze und Sachgebiete vereinheitlicht und widerspruchsfrei versammeln können? Nun kann ja Vereinheitlichung zunächst als Verbesserung und Korrektur angesehen werden. Der Fortschritt in den Naturwissenschaften vollzog und vollzieht sich mit ganz erheblichen Veränderungen in den Basistheorien, sodass manche älteren Theorien gänzlich verändert und aufgehoben werden. Ein solcher „Paradigmenwechsel“ (Kuhn) ist aber vermutlich seltener als angenommen, denn meist wirken Teile einer alten Theorie in einer neuen fort, umso mehr, wenn die ältere Theorie einen leichteren Zugang zur Erklärung empirischer Befunde im ’normalen‘ Bereich bietet (klassische // relativistische Physik). Die lange Diskussion über Reduktionen zeigt, wie schwierig es ist, überhaupt einen einheitlichen Reduktionsbegriff zu formulieren und an vorhandenen Theorien zu bewähren. Allein im physikalischen Bereich muss man da schon sehr vorsichtig sein ob der Vielfalt der Formen solcher Vereinheitlichungen bzw. Reduktionen (vgl. Erhard Scheibe). Unproblematisch ist es offenbar dort, wo Theorien sowohl in ihren Grundlagen als auch in ihren Auswirkungen auf Anwendungsbereiche Verbesserungen, Verfeinerungen, Anpassungen darstellen. Die Naturwissenschaften in ihren verschiedenen Fächern verfahren da ziemlich pragmatisch und instrumentell, was die Anwendung unterschiedlicher Theorien angeht. Dabei ist es wesentlich, zu unterscheiden zwischen epistemologischen Ansätzen und ontologischen Ansprüchen: Geht es jeweils „nur“ um die Verbesserung, Verfeinerung, Veränderung von Theorien, insbesondere in ihren mathematischen Formulierungen auf der Ebene gedanklicher Konstruktion, oder steht jeweils die möglicherweise dahinterstehende Ontologie zur Debatte, und meint dann Vereinheitlichung nicht nur die der Theorien, sondern die Vereinheitlichung der Wirklichkeit? Dann kommen sehr schnell Weltbilder ins Spiel, die als metaphysische Voraussetzungen und Grundannahmen unausgesprochen Regie führen. „Physikalismus“ meint als Sammelbegriff eben mehr als nur eine Theorienreduktion, der Begriff bezeichnet faktisch die Weltanschauung der Reduktion aller Dinge (der Welt) auf die Grundeinheiten und Axiome der Physik. Eine solche ontologische „Vereinheitlichung“ ist sicher in hohem Maße problematisch und kaum überzeugend darzustellen.

 

Noch einmal: Was macht dennoch die bleibende Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Eine mögliche Antwort hängt damit zusammen, wie sich der Mensch in der Welt verortet, wie er sich ’seine‘ Welt aneignet und wie er mit seiner gedanklichen, geistigen Arbeit Erkenntnis gewinnt und die Welt strukturiert. Dabei ist es zweifellos so, dass der Mensch mit seinem Gehirn denkt und alle geistige Arbeit verrichtet. Strittig wird es erst, wenn Mentales, hier im weiteren Sinne verstanden als geistige Aktivität, auf neurophysiologische Prozesse ‚reduziert‘, womöglich mit ihnen identifiziert wird. Hier reicht es jetzt aus, die unauflösliche Verbindung von Denkprozessen mit Hirnvorgängen festzustellen, ohne weiterhin zu klären, wie das im Einzelnen zu beschreiben ist (z. B. Supervenienz). Stirbt der Mensch, versagt auch das Hirnorgan (für die Feststellung des Todes ist es sogar umgekehrt). Das mit diesem Organ einst Erdachte und Produzierte, sei es gedanklich, sei es künstlerisch, wird weiterexistieren, sofern es in Wort, Schrift, Bild oder Tönen gefasst und aufbewahrt ist. Dies zeigt den Doppelaspekt des Geistigen, dem darum schon im lebendigen Menschen Rechnung zu tragen ist: mit dem Biophysischen verbunden zu sein, aber zugleich eine Eigenständigkeit zu besitzen, die einen eigenen Bereich kennzeichnet. Dieser Doppelaspekt hat Auswirkungen. Einerseits ist das Denken ein Vorgang, der auf neurobiologischen Prozessen, Verbindungen und Strukturen beruht (offen gelassen, wie das „beruht auf“ genauer zu verstehen ist). Dadurch verhält sich der Mensch nicht nur als ein bewusstes Lebewesen, sondern vor allem als ein seiner selbst bewusstes, sich selbst denkendes Lebewesen. Die Strukturen seines Denkorgans, des Gehirns in allen seinen Teilen und Funktionen (Gefühl, Erinnerung, Erwartung usw.), geben also zumindest den Rahmen, vermutlich auch die Strukturen des Denkens selbst weitgehend vor. Wie weitgehend, genau das gilt es näher zu klären. Denn nun kommt der zweite Aspekt des Geistigen ins Spiel: Das Vorgestellte, Gedachte, Erkannte, Gestaltete, Gebildete, ist eine selbstständige Entität. Es sind Erinnerungen, Befürchtungen, Hoffnungen, es sind strukturierte Gedanken über sich selbst (Selbstbilder) und über die Um-Welt (Weltbilder), wobei die Reihenfolge hier vermutlich umgekehrt, zumindest reziprok ist (vgl. V. Gerhard); es sind Vergegenständlichungen in Form von Reflexionen, Betrachtungen und Theorien; es sind Vergegenständlichungen in Formen der Kunst, also in Sprachgeschichten und Gedichten, Bildnissen und Plastiken, in Tönen und musikalischen Kompositionen. Textschrift (Buchstaben) und Tonschrift (Noten) sind dabei die Mittel der dauerhaften Äußerung und Vergegenständlichung, die Kunstgegenstände an sich schon besitzen. Wer lesen kann, dem eröffnet sich die geistige Welt dessen oder derer, die ihre Gedanken und Bilder eben in Worte gefasst und in Schrift umgesetzt haben. Wer Noten lesen kann, dem eröffnet sich die Welt der Klänge und Harmonien schon beim Lesen, wiewohl Kunst mehr als Gedankentexte auf Rezitation und Vortrag angewiesen ist, um zum vollen Ausdruck zu kommen. Über das Verhältnis geistiger Gegenstände in Text oder Ton und Bild(nis) ließe sich noch weit mehr sagen, wir bleiben hier aber noch etwas beim ‚theoretischen‘ Denken selbst.

„Theôria“ bedeutet im Altgriechischen Schau, Betrachtung, hat etwas mit ‚Sehen‘, äußerlich gegenständlich wie innerlich geistig zu tun. Wenn man sich Gedanken macht über etwas, stellt man sich etwas bildlich vor, wie überhaupt Bilder und ‚Karten‘ (maps) vielleicht diejenigen Strukturen sind, die das Gehirn mit dem Gedachten ursprünglich verbinden (A. Damasio). Im Denken meiner selbst befinde ich mich also in einem Zirkel: Das Gehirn mit seinen Strukturen und Prozessen ist das entscheidende Vehikel, mittels dessen ich über meine Umwelt und mich selbst Betrachtungen anstelle und Theorien aufstelle. Insofern sind die Strukturen des Denkaktes zugleich Grundlage und Limit des Gedachten. Das besagt schon der Satz des Vorsokratikers Empedokles: hê gnôsis tou homoiou tô homoiô – Gleiches wird durch Gleiches erkannt (Text bei Aristoteles, De Anima). Vereinfacht gesagt: Wir können nicht mehr und anderes denken, als es unsere Synapsen und Schwingungen der Hirnströme zulassen. Nun kommt aber die Eigendynamik des inhaltlich Gedachten hinzu. Das Gedachte, die Theorie, sei es ‚Betrachtung‘, sei es ‚Spekulation‘, sei es moderne wissenschaftliche ‚Analyse‘, kann und wird jeweils ganz eigene Strukturen erdenken und ausdrücken. Das macht gerade die Kreativität menschlichen Denkens aus, über die eigenen Grenzen hinausdenken zu können, sich selbst zu transzendieren. Ideen, Phantasien, Visionen – all dies sind geistige ‚Gegenstände‘, also das, was das Denken als Gedachtes aus sich heraussetzt. Die Lehre Platons von den Ideen hat das einzigartig formuliert, auch wenn man ihm in Gänze nicht mehr folgen möchte und die Substanz gebundene Form des Aristoteles vielleicht praktischer ist. Entscheidend für unsere Überlegung ist hier, dass sich der Doppelaspekt des Geistigen ambivalent auswirkt: Der Denkakt ist an die Strukturen und Grenzen des neurobiologischen ‚Substrats‘ gebunden, die Gedanken und Ideen können darüber hinausgehen und neue Strukturen und Konstrukte erschaffen – die Voraussetzung dafür, als homo faber tätig zu werden und Gedanken und Theorien ins weltliche Werk zu setzen. Mindestens zwei Fragen bleiben dabei aber offen: 1. Wieweit geht die geistige Unabhängigkeit wirklich? und 2. Welche Illusionen werden dadurch möglich?

Es ist zum Allgemeingut des Wissens geworden, dass soziale Gegebenheiten, insbesondere das soziale Umfeld, den Menschen maßgeblich beeinflussen und mitprägen, und zwar in allem, was er sich vorstellt, denkt und tut. In welchem Ausmaß und in welchen Grenzen das geschieht, braucht hier nicht erörtert zu werden. Da liegt die Vermutung nahe, dass auch unsere biophysische Ausstattung maßgeblich an den Fähigkeiten und Grenzen des Denkens beteiligt ist. Wieweit geht tatsächlich die Fähigkeit, die im Gehirn angelegten Strukturen und Prozesse zu transzendieren, oder andersherum, wie plastisch, anpassungsfähig und wandelbar muss das Gehirn als Denkorgan des Menschen sein, um einen solch plastischen, anpassungfähigen und phantasievollen Menschen hervorzubringen, wie er nun einmal ist? Liegen die Strukturen und Gesetze der Mathematik (zum Beispiel) bereits als Schaltmöglichkeiten im Gehirn vor oder entwickeln sie sich fortwährend eigendynamisch und eigengesetzlich als ‚mathematische Ideen‘ fort? Werden Zahlenverhältnisse entdeckt oder erfunden – oder beides? Platon hatte es einfach, für ihn sind Zahlen und die „platonischen Körper“ Inbegriff der eigentümlichen Ideenwelt. Sind sie das oder sind sie nur ‚genial‘ vom menschlichen Geist konstruiert? In welche Zwickmühlen kann das Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen geistiger Unabhängigkeit (also der Eigenständigkeit der Gedanken, und Theorien) führen, wenn beim Erforschen der natürlichen Welt immer wieder Unvereinbarkeiten auftauchen – zwischen Welle und Teilchen, zwischen Quanten und dem raumzeitlichen Kontinuum, zwischen Wahrscheinlichkeiten, lokalen Kausalitäten und einem wirklichen, nicht-lokalen Zufall (N. Gisin)? Die moderne Physik ist voll von solchen (scheinbaren?) Unvereinbarkeiten, und die Genetik, Neurobiologie und Biophysik stoßen auf überraschend wandelbare Strukturen – mehr als auf festgelegte Funktionen. Welche Konstanten unsere natürliche Welt wirklich beherrschen, ist in der Kosmologie ebenso rätselhaft wie fragwürdig, inwieweit es wirklich Konstanten sind – usw.. Nicht zuletzt ist die genaue Weise der Entstehung des Lebens bisher ebenso unverstanden wie die Art und Weise, in der Physisches und Geistiges tatsächlich interagieren, korrelieren, supervenieren, wie auch immer. Theorien gibt es viele, aber vielleicht auch ebenso viele Widersprüche und Fragezeichen. Wie wird Unvereinbares vereinbar? Die Logik hilft hier in der Epistemologie, aber weniger in der Ontologie. Da wird die Metaphysik wieder lebendig als das, was den fragenden, suchenden, forschenden Geist vor-einnimmt und letztlich immer wieder (unausgesprochen) bestimmt. Die geistige Unabhängigkeit (unsere erste Frage) bleibt also als etwas durchaus Ambivalentes bestehen. So könnte es sein, dass die Wirklichkeit, wie sie sich uns anschaulich (theôria) zeigt und uns forschend und erkennend begegnet, selber in sich ambig, nicht nur ambivalent ist und uns in dieser letzten Ungreifbarkeit und darum auch Unbegreiflichkeit fordert, lockt und – narrt. Dann wäre der Zirkel des sich mittels Gehirn selbst erkennenden Geistes nur das geringste Problem.

Daraus ergibt sich die zweite Frage: Welche Illusionen werden dadurch möglich? Es sind eigentlich nur zwei: die der Überforderung und die der Unterschätzung. Sie hängen zusammen, weil sie nur in zwei unterschiedliche Richtungen zielen. Es wird eine Überforderung des Denkens und jeder möglichen Theorie sein, alles in eins zu fassen. Was so ambivalent ist wie die geistig-physischen Prozesse des Denkens und zugleich so ambig ist wie die ins Visier genommene Wirklichkeit, lässt keine eindeutige Antwort erwarten. Die Suche nach der ‚Weltformel‘ oder TOE ist aus dieser Sicht eine Illusion. Den erkenntnistheoretischen Generalschlüssel dürfte es kaum geben. Es scheint ein Wunschtraum zu sein, angelegt in den Strukturen unseres Denkvermögens, geboren aus der „synthetischen Einheit der transzendentalen Apperzeption“ (I. Kant, siehe unten). Zugleich liegt darin eine Unterschätzung dessen, was wir „Wirklichkeit“ oder „Natur“ im allgemeinen Sinn nennen. Es ist damit nicht gemeint, dass der Mensch sozusagen im letzten Bruchteil einer Sekunde seit dem Entstehen und in einem Wimpernschlag des Bestehens des Kosmos existiert und daraus ein Gesamtverständnis des Kosmos und seiner eigenen Welt und Rolle darin erkennen und beurteilen zu können glaubt. Man könnte dies allenfalls als einen Nebengedanken, als eine zur Bescheidenheit mahnende Beobachtung am Rande, gelten lassen. Bedeutender ist die wachsende Erkenntnis, und zwar ausdrücklich in den Naturwissenschaften selbst, dass das, was man sich darin zu erforschen, zu erklären, zu erhellen, zu begreifen, möglichst auch widerspruchsfrei mathematisch zu beschreiben vorgenommen hat, dass sich dies immer wieder einer letzten Eindeutigkeit entzieht. Man kann das auf das bisher noch unzureichende Wissen oder die jeweilige Vorläufigkeit aller Theorien (bis zum Erweis des Besseren) zurückführen und den Gedanken einer möglicherweise prinzipiellen letzten Ambiguität und also Undurchsichtigkeit der Naturverhältnisse und Naturgegebenheiten als voreilig oder pessimistisch, auf jeden Fall aber als unwissenschaftlich ablehnen. Der Fortschritt schreitet unaufhörlich fort, so ist das wohl. Sowohl erkenntnismäßig als auch technisch wird gewiss noch Ungeahntes möglich werden. Die möglichen Ergebnisse, und zwar alle, bleiben stets so unsicher, wie es jedem induktiven Verfahren eigen ist, und jede Theoriekonstruktion taugt so lange etwas, wie ihre Gültigkeit nicht widerlegt ist (Popper). Insofern gründet sich die zweite Frage nach den möglichen Illusionen zwar auf einer nicht abgesicherten Vermutung, aber dennoch auf guten Gründen.

Das Streben nach Vereinheitlichung einer überwältigenden Vielfalt an Erscheinungen und Theorien ist dem Menschen offenbar eingepflanzt, und das mag auch gut sein. Es hat sich bisher als äußerst produktiv erwiesen, wenn auch produktiv hinsichtlich vieler Sackgassen. Darum ist wahrscheinlich derjenige theoretische Versuch am überzeugendsten, der sich von vornherein Grenzen setzt und sich in seinem begrenzten Feld um größtmögliche Genauigkeit bemüht. Das gilt für den Begriff der Reduktion ebenso wie für jede andere Definition von Begriffen oder Erklärung von Sachverhalten. Zum Glück haben wir dafür zwei ‚Werkzeuge des Geistes‘ zur Verfügung, die es an Vielfalt und Ambiguität mit jeder anderen Wirklichkeit aufnehmen können: Phantasie und Sprache …

Reinhart Gruhn

 


Immanuel Kant über die „Sythetische Einheit der transzendentalen Apperzeption“

Nun können keine Erkenntnisse in uns stattfinden, keine Verknüpfung und Einheit derselben untereinander, ohne diejenige Einheit des Bewußtseins, welche vor allen Datis der Anschauungen vorhergeht, und worauf in Beziehung alle Vorstellung von Gegenständen allein möglich ist. Dieses reine ursprüngliche, unwandelbare Bewußtsein will ich nun die transzendentale Apperzeption nennen. … [Diese] transzendentale Einheit der Apperzeption [stiftet] einen Zusammenhang aller dieser Vorstellungen nach Gesetzen…. [Diese Einheit wäre nicht möglich,] wenn nicht das Gemüt in der Erkenntnis des Mannigfaltigen sich der Identität der Funktion bewußt werden könnte, wodurch sie dasselbe synthetisch in einer Erkenntnis verbindet. Also ist das ursprüngliche und notwendige Bewußtsein der Identität seiner selbst zugleich ein Bewußtsein einer ebenso notwendigen Einheit der Synthesis aller Erscheinungen nach Begriffen, d. i. nach Regeln, die sie nicht allein notwendig reproduzibel machen, sondern dadurch auch ihrer Anschauung einen Gegenstand bestimmen, d. i. den Begriff von Etwas, darin sie notwendig zusammenhängen; denn das Gemüt könnte sich unmöglich die Identität seiner selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen, und zwar a priori, denken, wenn es nicht die Identität seiner Handlung vor Augen hätte, welche alle Synthesis der Apprehension (die empirisch ist) einer transzendentalen Einheit unterwirft und ihren Zusammenhang nach Regeln a priori zuerst möglich macht. (zitiert nach KrV 1. A. tr. Anal. 1. B. 2. H. 2. Abs. 3)

 

 

 

 

 

Grenzen der Vorstellung

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Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.