Sep 112014
 

[Anthropologie]

Gewalttaten unterschiedlichster Art, ob von Regierungsagenten oder von Terroristen verübt, lassen die Frage nach dem Menschen entstehen, der zum Täter wird. Aufgabe einer philosophischen Anthropologie könnte es sein, einen Frageansatz für eine interdisziplinäre und theoretische wie empirische Forschung zu entwickeln über das Wesen MENSCH.

Aus recht aktuellem Anlass kommen mir einige Überlegungen zur Anthropologie in den Sinn. Es sind so etwas wie „propädeutische“ Überlegungen, nämlich darüber, was eine Anthropologie als philosophische Disziplin leisten müsste. Spätestens seit dem Humanismus und der Aufklärung ist das Nachdenken über das „Wesen“ des Menschen Gegenstand philosophischer Untersuchungen geworden. Aber die Linie des Denkens führt viel weiter zurück. Der Versuch auf die Frage zu antworten „Was ist der Mensch?“ gehört zu den Grundanliegen alter und neuer Philosophie.

Mir schwebt allerdings nicht vor, eine neue irgendwie idealtypische Wesenbestimmung abzuliefern. Inzwischen ist das Feld der philosophischen Anthropologie von vielen anderen Disziplinen flankiert, die sich auch analytisch und empirisch mit dem Menschen befassen. Von der Psychologie in all ihren Spielarten, der Soziologie, der Pädagogik, der Kybernetik, der Humangenetik, den Neurowissenschaften und der Medizin insgesamt reicht der Bogen in den gesamten Bereich kultureller Betätigungen hinein. Wikipedia listet allein sieben geisteswissenschaftliche und vier andere Ansätze auf und fragt nach einer Anthropologie als „Dachwissenschaft“ für alle Humanwissenschaften. Das kann man wissenschaftsgeschichtlich prüfen und wissenschaftstheoretisch überlegen. Mir geht es um etwas noch anderes.

Der anthropologische „Gegenstand“, dem ich mich annähern möchte, wäre vielleicht als soziokulturelle, soziopsychologische, sozioempirische Anthropologie zu bezeichnen. Das ist noch reichlich unscharf, nur „sozio-“ kommt darin immer vor, also der Mensch in seinen sozialen Bezügen. Allerdings ist das adjektivisch gebraucht, ist also soviel wie eine Näherbestimmung der Frage nach dem Menschen überhaupt. Zielrichtung und Motivation meiner Überlegungen ist das Verhältnis von sagen wir mal kultureller Zähmung und ungebändigtem Gewaltpotential. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ formulierte Goethe, – und wir lesen aktuell von Gewaltexzessen von Menschen gegenüber Menschen, egal ob von Seiten der CIA im grenzenlosen Antiterrorkampf nach 9/11 (heute jährt sich das Datum zum 13. Mal) oder von Seiten der Terrororganisation „Islamischer Staat“, die äußerste Brutalität medial als Mittel der Eroberung und der Disziplinierung einsetzt. Dies sind nur aktuelle Beispiele, sie ließen sich aus der Vergangenheit schier unendlich vermehren. Die großen und die kleinen Schlächter sind Legion. Meine Frage zielt auf dies: Was macht Menschen zu dem, was sie da als folternde „Befrager“ in geheimen CIA-Gefängnissen getan haben oder was sie als Agitatoren des IS vor laufender Handykamera tun? Was bringt einen Menschen dazu, wie in den Jugoslawienkriegen geschehen (Symbol: Srebenica), andere Menschen, frühere Nachbarn und Mitbewohner eines Dorfes, plötzlich grausamst umzubringen? Immer wieder wird berichtet, wie Einzelne durchaus lustvoll ihre Opfer peinigen, entwürdigen, entmenschlichen, um sie nur noch als zuckendes und schreiendes Stück Fleisch gerade noch leben oder eben irgendwann sterben zu lassen? Was genau geschieht da in und mit solchen Menschen als Tätern?

Die Frage ist also sehr aktuell und sehr praktisch motiviert wiewohl uralt. Natürlich kenne ich eine Vielzahl von Antworten und Erklärungen, wie die Verhältnisse einen Menschen prägen, auch umprägen, welche Aggressionen und Gewaltphantasien auf einmal aufbrechen und ausgelebt werden können, welche Mechanismen zum Beispiel auch sadomasochistischer Herkunft da ablaufen, wie Enthemmung trainiert und eingeübt wird, welche Rolle dabei Hormone ebenso wie Drogen spielen können (Assassinen), wie Gruppendruck, Anerkennung und Selbstbestätigung gerade bei Folter und Vergewaltigung funktionieren. Das ließe sich noch deutlich verlängern. Für mich sind aber all diese Antworten unbefriedigend. Denn sie meiden den eigentlichen Kern der Frage: Was bringt einen Menschen dazu, seine zivilisierte Umgebung, Erziehung, Normen zu verlassen und zum besinnungslosen Brutalo zu werden? Oder ist der „Brutalo“ gar nicht so brutal, sondern nur Ich-schwach, gar nicht so besinnungslos, sondern nur getrieben von seinen Ängsten, Enttäuschungen und Rachegelüsten? Aber was wäre damit überhaupt erklärt oder gar verstanden?

Man sagt in solchen Diskussionen (es sind die Realisten, die so reden), jeder könne unter bestimmten Bedingungen zum Mörder werden, und: Die zivilisatorische Schicht sei sehr dünn, die kulturelle Zähmung nur sehr oberflächlich. Dahinter scheint mir ein sehr pessimistisches Menschenbild zu stehen, dass der Mensch „eigentlich“ im Sinne von „in Wahrheit“ ein fürchterliches Raubtier sei, dem man halt durch Erziehung und Gesetz Zügel anlegen müsse. Ganz andere Erfahrung mit Mitleid, Sympathie, Hilfsbereitschaft, Mut und Zivilcourage stehen dagegen. Ich frage nicht nach Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, sondern ich frage nach den konkreten Bedingungen und Abläufen, die den einen frustrierten jungen Mann in sagen wir Köln dazu bringen, ein paar Autos zu demolieren, den anderen jungen Mann aber dazu, nach Syrien und Irak zu reisen, um sich dem IS anzuschließen. Ist das nur eine Frage des Testosterons und der Umstände – und falls ja, welcher genau?

Ich möchte nach empirischen Befunden über das Gewaltpotential des einzelnen Menschen fragen, nach empirischen Befunden sozialer bzw. a-sozialer Verhaltensweisen, die zu brutaler Gewalt führen, nach den Voraussetzungen und Mechanismen, die jene eingebaute Hemmschwelle des Tötens, des Quälens, des Erniedrigens beseitigen. Das ist ja offenbar auch bei amerikanischen Regierungsbeamten gelungen, wenn sie für die CIA Terrorverdächtige jenseits aller Vorstellungen gefoltert haben (siehe die Vorberichte zu dem entsprechenden Bericht des US-Senats). Das Recht und die Zivilisation geschweige denn der Staat haben die Opfer nicht geschützt. Also ist die Zivilisation doch nur eine hauchdünne Firnis für gute Zeiten? Was lässt sich überhaupt erklären und was bleibt übrig als unerklärlicher Rest?

Und weiter: Welche Rückschlüsse, welche Deutung des Wesens Mensch (nicht: des Wesen des Menschen!) ergibt sich daraus? Was könnten einem empirische Studien, Fallanalysen wie bei jenem britischen IS-Köpfer im Video, was das Wissen über neurophysiologische und neuropsychologische Zusammenhänge sagen und erklären? Inwiefern ist der Einzelne zwar immer Kind seiner Zeit und auch Produkt seiner Gesellschaft („Wie ich fast ein Dschihadist wurde“), aber dadurch noch keineswegs zu einem bestimmten, vorhersagbaren Verhalten determiniert – oder stimmt das nicht mehr? Lässt die Analyse von Big Data, wenn man nur genug Material hat, auch eine präzise Vorhersage zumindest der Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Verhaltens unter gegebenen Bedingungen zu? Wo wird darüber öffentlich geforscht? Was können humangenetische und evolutionsbiologische Erkenntnisse beitragen wenn sie auf das Verhalten von Menschen angewandt werden – und eben nicht nur auf das Verhalten von (bekanntlich recht aggressiven und brutalen) Schimpansen? Was helfen begriffliche und strukturelle Analysen über die Funktion von Macht im sozialen Gefüge des Menschen (zum Beispiel in den Arbeiten von Michel Foucault) in dem, was wesentlich zum Verständnis des Menschen dazu gehört?

Eine philosophische Anthropologie, wie ich sie mir als sinnvoll vorstelle, müsste weniger eine „Dachwissenschaft“ als vielmehr eine „Querschnittswissenschaft“ sein, eine integrative und interdisziplinäre Forschungsanstrengung unterschiedlichster Disziplinen und Fragestellungen, die zu einem theoretisch besseren und empirisch begründeteren Verständnis des Menschen, was er ist und tut, wie er lebt und tickt, helfen könnten. Es wäre dennoch eine eminent philosophische Fragestellung, die allerdings von idealistischen Höhen und strukturalistischen Tiefen auf situative und konkrete Weise geerdet, also realitätsnah begründet und entfaltet würde. Das kann nicht das Werk eines Einzelnen sein, es wäre vielmehr die Aufgabe einer Forschungsgemeinde, eines Jahrhundertprojektes darüber, was der Mensch nach dem Stand der verschiedensten Wissenschaften eigentlich für ein Wesen ist: ein Lebewesen unter den Primaten, ein animal sociale, der homo faber, die imago Dei, der homo hominem lupus, der Freund und Feind, „Dichter und Denker, Richter und Henker“. Zumindest die Fragestellung und Blickrichtung könnte eine philosophische Anthropologie dafür ausarbeiten und schärfen und die eingehenden Ergebnisse zusammenführen und validieren. Diese Aufgabe würde die Philosophie als Wissen oder Weisheit vom Menschen aktuell und konkret werden lassen – auch dann, wenn manche Frage unbeantwortbar bleibt.

Religion und Gewalt

 Religion, Religionsphilosophie  Kommentare deaktiviert für Religion und Gewalt
Apr 202014
 

[Religion]

Der Religion ist Gewalt inhärent. Das zeigen Geschichte und Gegenwart aller Religionen. Ganz besonders gilt das für die großen Religionsgemeinschaften, die früher so genannten Weltreligionen. Das gilt auch nicht nur für die drei, einer gemeinsamen monotheistischen Religionsfamilie zugehörigen Religionen Judentum, Christentum und Islam, sondern das gilt ebenso für den Buddhismus, Hinduismus und die Vielzahl animistischer Religionen. Daran zu erinnern passt sehr gut zum christlichen Feiertag Ostern.

Man muss genauer angeben, welche Art Gewalt man meint, physische, psychische, spirituelle, verbale, mentale. Ich gehe hier in erster Linie aus von unmittelbarer physischer Gewalt gegen Personen und Gruppen von Menschen. Die Einbeziehung psychischer und mentaler Gewalt wäre durchaus lohnend und ergiebig, bleibt zunächst aber außer Betracht. Allein die Bereitschaft und oft genug auch der direkte Appell zur Anwendung und Ausübung von Gewalt seitens einer Religionsgemeinschaft, seiner Funktionäre oder Mitglieder ist ja an sich schon bemerkenswert. Denn alle Religionen, insbesondere die großen, zählen das Ideal und den Zuspruch des Friedens („Salam aleikum“) zum Kernbestand ihrer Überzeugungen und Glaubenspraxis. Das Christentum versteht sich nahezu exklusiv als Religion des Friedens und der Nächstenliebe. Auch der Islam betrachtet sich als Friedensreligion, das Judentum betont mehr die (göttliche) Gerechtigkeit, die allerdings sofort den Frieden (schalom) einschließt. Dem Buddhismus wird allgemein eine besondere Friedfertigkeit zugeschrieben, den romantisch verklärten sogenannten Naturreligionen („im Einklang mit der Natur“) sowieso. Man könnte in dieser Reihe auch den Hinduismus sowie die fernöstlichen Spielarten des Taoismus aufführen. Alle Religionen wollen nicht nur den Frieden im Sinne des inneren Friedens für die Gläubigen, sondern ebenso den äußeren Frieden im miteinander Leben.

Umso befremdlicher erscheint die jeweilige historische Wirklichkeit, wenn man Geschichte und Lebenspraxis der Religionen und ihrer Anhänger betrachtet. Da geht es in aller Regel ebenso wenig friedlich zu wie sonst in der Welt, oft noch weniger. Und genau dieser Befund ist doch erstaunlich, weil Anspruch, Überzeugung, und Wirklichkeit, tatsächliches Leben, so weit auseinander klaffen. Es wäre allzu bequem, dies auf die Unterscheidung zwischen „reiner“, gleichsam idealer Religion und der Unzulänglichkeit ihrer menschlichen Akteure zurück zu führen. Oft wird ja gerade im Namen des jeweiligen Gottes Gewalt ausgeübt und zu Mord und Totschlag aufgerufen: Nieder mit den Feinden Gottes. Wird der Gegner erst einmal zum „Feind Gottes“ erklärt, dann ist Tor und Tür für jegliche Art Grausamkeit geöffnet. Das zeigt die Geschichte jeweils mit bedrückender Regelmäßigkeit. Das Gewaltpotential der Religionen, das Gewaltpotential der Religion überhaupt, muss also doch im Kern der Religionen selber gesucht werden.

Der Althistoriker, genauer Ägyptologe Jan Assmann hat vor einigen Jahren in seinem Buch „Die mosaische Unterscheidung“ (2003) speziell den Monotheismus für die substantielle Gewaltbereitschaft dieses Religionstyps verantwortlich gemacht. Die Exklusivität des einen, einzigen Gottes führe jeweils zu einem Exklusivitätsanspruch der Wahrheit und Rechtmäßigkeit einer einzigen Religion, die es dann eben auch mit Gewalt („cogite intrare“) durchzusetzen gelte. Assmann unterscheidet dabei noch einmal den Ein-Gott-Glauben vom Einzigen-Gott-Glauben: Nur an seinen eigenen „einen“ Gott (neben möglichen anderen wie im alten Ägypten) zu glauben, sei noch nicht gewaltheischend; wenn der eine Gott aber zum einzigen und einzig wahren werde, trete das Gewaltpotential dieses Monotheismus offen zu Tage. (1)

Diese These ist so eingängig wie umstritten. Zuletzt hat Friedrich Wilhelm Graf in seinem neuesten Buch „Götter global“ (2014 – siehe vorigen Beitrag) die Plausibilität und Belegbarkeit dieser These Assmanns bestritten. Graf weist dabei zurecht auf die Gewalttaten gerade auch anderer großer Religionen hin, die uns zum Beispiel aus dem Hinduismus (gegenüber Christen und Muslimen) und ebenso aus dem Buddhismus (gegenüber Muslimen) bekannt sind. Auch lokale Religionen in Afrika und Südamerika können einiges an Gewaltausübung aufweisen. Gewalt, so viel wird deutlich, ist zwar ein überaus zwiespältiges reales Phänomen in den monotheistischen „Friedensreligionen“, aber eben keineswegs nur dort und ausschließlich dort. Die Ursache und Motivation zur Gewalt muss noch anderswo in der Anlage religiöser Kulturerscheinungen gesucht werden.

Eine Zwischenbemerkung zur relativen Friedfertigkeit der christlichen Religionsgemeinschaften und Kirchen im neueren Europa ist angebracht. Zum einen war das bis in die neueste Zeit hinein keineswegs so der Fall; noch im ersten Weltkrieg wurden die Waffen gesegnet (2) und auf das Koppelschloss „Gott mit uns“ geprägt. Zudem gehört der Dreißigjährige Krieg, der in Teilen auch ein Religionskrieg war, zu den tödlichsten Kriegen der Neuzeit, der im 17. Jahrhundert weite Teile Europas verwüstet und entvölkert hat. Das sitzt tief, auch wenn danach im blutigen Nordirland-Bürgerkrieg im vorigen Jahrhundert immer noch (unter anderem) Religion mit Bomben und Terror („bloody sunday“) behauptet werden sollte. Und schließlich beruht die heutige Vielfalt und Aggressivität religiöser Gruppen in den USA darauf, dass hier seinerzeit religiöse Sondergruppen („Fundamentalisten“) aus Europa vertrieben wurden bzw sie freiwillig in die „neue Welt“ auswanderten, um dort ihre radikalen Glaubensformen leben zu können. Die Quäker betrifft das zwar auch, aber sie sind vielleicht die einzige christliche Religionsgemeinschaft, die der Nähe zur Gewalt wirklich unverdächtig ist. Dies nur als knappe Hinweise zur Geschichte unserer eigenen christlich-kirchlichen „Friedfertigkeit“. (3) Derzeit kann man in der russischen Orthodoxie schon wieder ganz andere Töne vernehmen.

Zurück zur Kernfrage, was die Religionen gewalttätig macht. Dazu gibt es natürlich eine unüberschaubare Zahl von Äußerungen und nichtwissenschaftlichen wie wissenschaftlichen Untersuchungen und Begründungen. Man muss einfach mal diese beiden Begriffe „Religion und Gewalt“ googeln – wahrlich ein weites Feld der Information tut sich auf. Ich möchte hier ganz vorläufig und skizzenhaft auf zwei Dinge hinweisen, die aus meiner Sicht dafür wesentlich sind. Beides hat mit dem Sachkomplex Freund – Feind – Fremd und dem Hang zu einfachen, traditionellen Richtigkeiten zu tun.

Religiöse Inhalte, Glaubensweisen, Rituale und Lebensvollzüge geben Halt, vermitteln Sinn und Orientierung, erwecken Vertrautheit und Geborgenheit. Indem sie über das alltäglich erfahrbare zeitlich bestimmte Leben hinaus in eine unbestimmte Zeitlosigkeit / Ewigkeit ausgreifen, ziehen sie damit zugleich auch das Jenseitige, Unbedingte in diese Zeit und Welt hinein, sonst könnte man Religion ja nicht praktisch im eigenen Alltag leben. Das Unbedingte, Jenseitige meines eigenen Daseins, sei es Gott oder die Ahnen oder das Nirwana, gewährt einerseits Stabilität in den Wechselfällen und Unwägbarkeiten des Lebens, stellt aber andererseits den Anspruch eben des Unbdedingten, den Zeitläufen Entzogenen, des bedingungslos und zeitlos Gültigen. Von dort zum bedingungslosen Gehorsam gegenüber bestimmten Glaubensinhalten ist nur ein winziger Schritt, denn unbedingter Anspruch verlangt ja entschiedene und endgültige Antwort, wörtlich Ge-horsam. Wer selbst angeeigneten und gültig erklärten Anspruch infrage stellt oder gar angreift, verletzt zwei Ebenen gleichzeitig: die individuelle Ebene der eigenen Sicherheit und personalen Stabilität, und die gemeinschaftliche Ebene der anerkannten Tradition und Richtigkeit (um nicht zu sagen Wahrheit). Ein solcher Angriff kann alsbald als Motiv und Aktion eines „Fremden“ artikuliert werden, das das Eigene bedroht. Das (der, die) Fremde ist stets als das Aufregende, Verführerische, aber eben auch als das Bedrohliche und Tödliche empfunden worden. Wird in konkreten Situationen ein „Feind“ benötigt (Feindbild), ist der Fremde stets zur Hand, der dann „den Brunnen vergiftet“ hat. Das Fremde als Konkurrent eigener Lebensweise und eigener Glaubensüberzeugungen wird so zum Feind, womöglich als „Feind Gottes“ (Feind der Wahrheit etc.) identifiziert. So oder so ähnlich sind die meisten historischen Konflikte religiöser Intoleranz und religiöser Gewaltausübung motiviert und entsprechend exzessiv abgelaufen (z.B. Progrome). Kommt dann noch ein Interesse der Mächtigen hinzu, sich dieser religiösen Gemengelage an Stimmungen machtpolitisch zu bedienen, also Religion zusätzlich zu instrumentalisieren, dann  wird aus dem Religionskonflikt allzu schnell ein Religionskrieg, zumindest aber Gewaltexzesse und Grausamkeiten, wie sie in aller Welt immer wieder religiös motiviert und aufgeladen auftreten. Ich betone: Die Instrumentalisierung durch Machthaber tritt hinzu, aber sie benutzen damit kein der jeweiligen Religion unzugehöriges Verhaltens- und Denkmuster. Und genau dies ist das Problem aller Religon bzw. aller geschichtlichen Religionen.

Religionen sind im konkreten geschichtlichen Verlauf immer wieder nach dem Motto verfahren: „Willst du nicht mein (Glaubens-) Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein.“ Diese Nähe zur Gewalt, die im unbedingten Anspruch (des Gottes, der Wahrheit, der rechten Lehre) ebenso wie im Traditionalismus (das Eigene bewahren und verteidigen) der Religionen begründet ist, gilt es einzudämmen. Religionen müssen „eingehegt“ werden, um gemeinschaftsfähig, gesellschaftverträglich und menschenfreundlich – in einem Wort: tolerant sein zu können. Die europäische Variante dieser Einhegung besteht seit der Aufklärung in der Trennung von Religion und Staat (4), in der Unterscheidung von Gottesrecht und Menschenrecht und der Gleich-Gültigkeit der rechtlichen Normen unserer Gesellschaft für alle Bürger und Einwohner unabhängig von ihrem Glauben. Dies ist ein hohes Gut, wichtiger als manches christliche Fest, und immer wieder neu zu erringen und zu bestätigen. Es mag andere Wege geben als den der europäischen Aufklärung, die einer jeweils anderen Kultur angemessener sind, aber es werden stets Wege sein müssen mit dem Ziel, die ursprünglich ungebändigte Kraft religiöser Überzeugungen und Vorstellungen derart einzudämmen, dass sie nicht in Gewalt, Mord und Totschlag ausbrechen können. Erst durch solche Einhegung können dann auch religiöse Potentiale gerade zur Sinn- und Gemeinschaftsstiftung freigesetzt werden. Bis dahin ist es immer wieder ein langer Weg.

_____________________________

Anmerkungen:

1) Peter Sloterdijk hat in „Gottes Eifer“, 2007, diese Auffassung aufgegriffen und unter Bezugnahme auf den „Heiligen Krieg“ variiert.

2) Das Pontifikale Romanum enthielt bis 1970 (nach dem Vaticanum II) liturgische Abschnitte zur Segnung von Waffen und Gerät. Während des 1. Weltkriegs wurde das auch im Zusammenhang mit Militärmessen praktiziert. Darüber gibt es die erklärende Aussage von Militärbischof Mixa 2001: “ „Den Segen geben“ meint wohl eher, den militärischen Gewalteinsatz ethisch zu billigen oder gar gutzuheißen, ihn als gutes Mittel zu einem hohen Ziel, ja vielleicht sogar als Ort der menschlichen Bewährung oder gar des heroischen religiösen Opfers zu preisen. Ja, es ist wahr, all dieses hat es etwa im Ersten Weltkrieg im großen Umfang gegeben.“ Der 1. Weltkrieg und die gerechte Anwendung von Gewalt wurde von beiden großen Kirchen in Deutschland begrüßt und patriotisch verklärt, siehe den Beitrag im Deutschlandfunk vom Februar 2014 (DF Textbeitrag).

3) Eine recht gute und detaillierte Übersicht mit vielen Quellenangaben und Verweisen gibt die Webseite von „Der Theologe: Kirche und Krieg“.

4) Die Trennung von Kirche und Staat wurde in Deutschland zum ersten Mal in der Weimarer Verfassung (Art. 135 – 141) fest geschrieben. Diese Regelungen wurden weitgehend im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland übernommen und sind gültiges Verfassungsrecht. Viele sprechen aber angesichts der bestehenden Sonderrolle der Kirchen von einer „hinkenden Trennung“ von Kirche und Staat. Immerhin wurde dadurch der domestizierende Prozess der Säkularisierung in Deutschland verfassungsrechtlich vollzogen.