Latenz der Religion

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Apr 052015
 

[Religionsphilosophie]

Kritik ist der Anfang der Wissenschaft, nämlich Unterscheidungen zu treffen und den Status des Beobachters festzulegen. Bezogen auf Religion als ein funktionales System der Gesellschaft (Luhmann, 1) kann der Beobachter nicht innerhalb des Systems angesiedelt sein. Systemische Kritik (Beobachtung, Klärung) ist auch von innen möglich und nötig. Die gesellschaftliche Funktion erschließt sich aber nicht durch interne Analysen, sondern nur durch den Blick des externen Beobachters auf die Relation System – Umwelt (Gesellschaft, Kultur). Kritik führt zu begrifflicher und sachlicher Unterscheidung und Bestimmung. Darin enthalten ist ein analytisches Moment der Dekonstruktion von Religion. Das Motiv dieser Dekonstruktion ist nicht ‚destruktiv‘ im Sinne von zerstörerisch, sondern ‚konstruktiv‘, auf besseres Verstehen und angemessenere Beschreibung gerichtet. Dies unterscheidet religionswissenschaftliche bzw. religionsphilosophische Kritik von dem, was man gemeinhin Religionskritik nennt und was oftmals verständnislose Verächtlichmachung von Religion bedeutet. Sie ist kein Zeichen von Kritik, sondern von Ignoranz.

Religion erfüllt sehr unterschiedliche Funktionen. Über deren Zahl, Art und Einordnung kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Dies wird stets auch davon abhängen, mit welcher Sichtweise man selber als Beobachter an religiöse Phänomene heran geht, und es wird dadurch konkretisiert, welche Aspekte von Religion in den Blick genommen werden: phänomenologische, historische, kulturelle, soziale, ethologische, ökonomische usw.. Als ein grundlegendes Dual haben sich die Stiftung von Sinn und die Vermittlung von Werten erwiesen. Bei „Sinn“ geht es um die Bestimmung von Unbestimmbarem, das heißt um Stiftung von Zusammenhang in einer uferlosen Vielfalt von Erscheinungen, um das Einfangen von Kontingenz innerhalb von alles umspannenden Deutungsmustern, um die Verortung und Versicherung umbrechender Lebenserfahrungen und -verläufe (life-cycle ceremonies, rites de passage). Bei „Werten“ geht es um die Begründung und Vermittlung von grundlegenden Regeln des Zusammenlebens und des Verhaltens sei es aller Menschen, sei es der Mitglieder einer Religionsgemeinschaft. Religiöse Werte können also sowohl universelle Ansprüche als auch diskriminatorische Auflagen vermitteln.

Procession

Procesión del Señor y Virgen del Milagro en la Provincia de Salta (Argentina) cc-by-2.0 Nestor Troncoso

„Sinn“ und „Werte“ der Religion sind wie bei allen gesellschaftlichen Systemen historisch eingebettet. Auch ihre jeweilige mythologische Enthistorisierung ist selber noch eine Funktion konkreter geschichtlicher Umstände und Situationen. Mythologische Deutungsmuster zur Stiftung von Sinn können sich zwar auch contra-historisch behaupten (z.B. Fegefeuer), verlieren dadurch aber ihre Bindekraft und werden letztlich nur noch als religiöse Merkwürdigkeiten und Skurrilitäten vermerkt. Werte sind in weit höherem Maße von historischer und kultureller Veränderung betroffen. De facto hat sich die gesellschaftlich akzeptierte Begründung von Werten im Prozess der Säkularisierung von der Religion weitgehend gelöst. Dennoch können Letztbegründungen („Böckenförde-Diktum“) auch noch säkular vereinnahmt werden. Andererseits können ahistorisch präsentierte Wertesysteme durchaus gegenwartspolitisch instrumentalisiert werden (z.B. Scharia). Die Bindekraft der religiösen Repräsentation von Werten und Wertsystemen ist auch in säkularen Gesellschaften hoch, auch wenn der Einzelne religiöse Regeln im eigenen Leben nicht mehr befolgt. Die Vermittlung von Werten gilt darum weiterhin als eine der Hauptaufgaben der Religion – zumindest aus offizieller gesellschaftspolitischer Sicht.

Das führt zu der Einsicht, das „Religiöses“, bewusst einmal so diffus formuliert, einen hohen Latenzwert hat. Wie immer man Religion oder religiöse Phänomene im Einzelnen definiert, analysiert und deutet, es ergibt sich immer ein Überschuss, der in konkreter, institutionalisierter Religion nicht aufgeht. Die an Zellteilung erinnernde Vielfältigkeit innerreligiöser Abgrenzungen, die sich auch institutionell und / oder sozial auswirken (katholisch – protestantisch; sunnitisch – schiitisch usw.) lässt vermuten, dass die Abgrenzung nach außen, zum nicht-religiös bestimmten Bereich durchaus schwierig ist. Am einfachsten ist die Identifikation von Religion mit einer konkreten Institution (Kirche, Gemeindeorganisation). Aber so wenig Christlichkeit gleich Kirchlichkeit ist, so wenig ist Nicht-Zugehörigkeit zu einer religiösen Institution gleichbedeutend mit Religionslosigkeit. Das Feld des Religiösen geht über abgrenzbare Institutionen bzw. soziale Gruppen weit hinaus. Umfassende Sinnstiftung und Wertevermittlung kann auch in einem säkularen „nicht-kirchlichen“ Umfeld funktionieren. Dies ist zwar fast immer historisch und lebensgeschichtlich vermittelt (wie beim Atheisten, der früher Messdiener war), aber beruht nicht ausschließlich auf der individuellen und lebensgeschichtlichen Tradition. Das funktionale System Religion bestimmt sich in den gesellschaftlich definierbaren Funktionen, und diese können auch außerhalb der Religionsinstitutionen erfüllt werden. Es kommt dann dasjenige in den Blick, was recht unscharf mit „kultureller Prägung“ bezeichnet wird. Die Unschärfe ist in der Sache begründet. Ein Beispiel: Umfassende Sinnstiftung durch ökologisch imprägnierte Sinnfelder kann schöpfungstheologischer Herkunft sein und sogar noch ursprünglich theologische Begriffe verwenden, ohne sich der Teilhabe an religiös vermittelten Sinnsystemen bewusst zu sein und ohne sie explizit darzustellen. Die Herkunft „abendländischer“, also westeuropäischer Werte ist historisch gesehen äußerst vielfältig und keineswegs nur (oder noch nicht einmal hauptsächlich) religiös begründet. Dennoch wird in der Diskursformel „christlich-abendländisch“ oder „christlich-jüdisch“ ausdrücklich auf religiös verursachte Wertesysteme abgehoben, also eine bestimmte ideologisch aufbereitete Religionsgeschichte diskurs-strategisch beerbt. Das ist beileibe kein Zufall, denn Religion bietet sich für ideologische, letztlich sogar rein säkulare oder politische Begründungsmuster als bewährtes funktionales System an.

Dies kann gesellschaftlich und also öffentlich nur deswegen immer wieder gelingen (und deswegen immer wieder sei es christlich, sei es konträr islamisch instrumentalisiert werden), weil Religion eine hohe Latenzkraft besitzt. Das bedeutet, dass bei der Betrachtung religiöser Phänomene die Konzentration auf explizite Religiosität und religiöse Institutionen zwar nahe liegend und notwendig ist, aber keineswegs hinreichend. Das System Religion ist von solcher Art, dass es immer über die Systemgrenzen hinaus drängt. Dies sei das Überschießende an der Religion genannt, das ihre Latenz und Virulenz auch in scheinbar nicht-religiösen Bedeutungsfeldern und Kulturbereichen erklärt. Das Überschießende besteht genau darin, „alles“ in einen Sinnzusammenhang zu bringen, und zwar gerade dann, wenn weder die „Welt“ insgesamt noch „Alles“ überhaupt bestimmbar und abgrenzbar ist. Es gibt immer wieder bei allen beobachtbaren Unterscheidungen und Bestimmungen einen „unmarked space“ (Spencer-Brown), der jenseits der Beobachtung und der Bestimmung liegt. Es ist Sache der Religion, auch dieses Unbestimmbare paradox zu bestimmen, das Kontingente zu vereinnahmen, die paradoxe Einheit der Differenz von Transzendenz und Immanenz (Luhmann, 1) in sich darzustellen. Das ist das Grundmotiv umfassender religiöser Sinnsysteme, sichtbar in produktiven Mythologien, Riten, Kanons. Die sich daraus ergebenden Werte und Regeln sind zwar nicht ursprünglich universell, sondern stets auf eine historisch konkrete Gestalt / Institution der Religion bezogen. Sie bieten sich aber auch für nicht-religiöse Begründungen und Interpretationen an. Luhmann weist zu recht darauf hin, das noch Kants transzendentales Subjekt als Letztinstanz zur Gewinnung von Erkenntnis, Recht, Moral, seine Herkunft aus dem theologischen Transzendenzbegriff kaum verhüllen kann.

Bezogen auf die heutige Gesellschaft (speziell in Deutschland) ist also sehr genau zwischen Konfessionalität, Kirchlichkeit, Christlichkeit, Religiosität und Säkularität zu unterscheiden. All dieses gehört zum Systembereich Religion. Selbst Säkularität (wie auch aller Atheismus) bestimmt sich noch ex negativo aus der Religion. Aber jeder einzelne Begriff zeigt einen besonderen gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Ort an, an dem sich Religion konkretisiert – explizit oder in Latenz verharrend. Wer Religion im oben genannten Sinn „kritisiert“, muss zuerst angeben, worauf er sich eigentlich bezieht. Rapide abnehmende Kirchlichkeit zum Beispiel ist insofern zwar ein Zeichen für eine Krise der religiösen Institutionen, zum anderen aber ein Hinweis auf einen Prozess gesellschaftlicher Veränderung der Bedeutung und Valenz von Religion. Die Aufgabe institutionell-verbindlicher Religiosität ist noch lange keine Religionslosigkeit. Die Frage ist, ob es solche überhaupt geben kann, sprich ob Menschen auf die Frage nach umfassenden Sinnsystemen und praktischer Regelleitung verzichten können. Lässt sich diese Frage kaum beantworten, so lässt sich im Blick auf die Historie und Ethologie der Religion kaum ein religionsloses Zeitalter ausmachen. Auch dies kann ein Ergebnis dekonstruktiver Analytik der Religion und in diesem Sinne produktiver Religionskritik sein.

Anmerkungen

1. Niklas Luhmann, Die Religion der Gesellschaft, 2002

Kritische Religionswissenschaft

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Mrz 262015
 

[Religionsphilosophie]

Eigentlich ist „kritische Religionswissenschaft“ ein weißer Schimmel. Wissenschaft als methodisch kontrolliertes und rational nachvollziehbares Untersuchen eines Gegenstandes ist immer kritisch. Sie darf sich nicht auf überkommene Anschauungen oder selbstverständliche Voraussetzungen verlassen, sondern hat durch These, Überprüfung, gegebenenfalls Experiment, durch Beobachtung, Auswertung von Daten und Theoriebildung die rational plausibelste und bestmögliche Erklärung für die untersuchten Phänomene darzulegen. Dies Verfahren ist insofern „kritisch“, als unbegründete Meinungen und irrationale Annahmen methodisch heraus fallen. Gesucht sind stets überzeugende, gerechtfertigte Gründe für bestimmte Aussagen über einen Gegenstandsbereich bzw. über das untersuchte Phänomen. Dabei kann der Wissenschaftler durchaus Einstellungen mitbringen, die in seiner Lebensgeschichte verankert und nicht unbedingt rational ableitbar sind. Doch diese Einstellungen (zum Beispiel kulturelle Bedingtheiten) dürfen im wissenschaftlichen Verfahren eben keine Rolle spielen. Wo solche nichtwissenschaftlichen Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen nicht auszuschließen sind, ist darüber genauestens Rechenschaft abzulegen. Alles andere wäre dogmatisch.

In der abendländischen Religionswissenschaft ist dies heute Standard. Sie ist keine Glaubenswissenschaft, hat mit den religiösen Vorlieben der Wissenschaftler, die sie betreiben, theoretisch nichts zu tun. Darum gibt es auch keine evangelische oder katholische, keine christliche oder islamische oder buddhistische Religionswissenschaft, sondern nur Religionswissenschaft: Wissenschaft von dem kulturellen Phänomen Religion. Als solche ist die Religionswissenschaft eine recht junge Disziplin, die sich erst seit der Aufklärung, eigentlich erst seit Ende des 19. Jahrhunderts von der Theologie emanzipiert und als eigenständige Wissenschaft etabliert hat 1). Zugleich hat sie sich als eine Art Querschnittswissenschaft stark ausdifferenziert in ihre anthropologischen, psychologischen, sozialen, politischen, historischen usw. Aspekte. Besonderes Interesse finden neuerdings die Fragestellungen einer Ethologie der Religion, der Religion und ihrer naturwissenschaftlich-biologischen Basis 2). Das ist auf jeden Fall besser als das, was mit dem Schlagwort „Neuro-Theologie“ medienwirksam transportiert wird. In all diesen Aufgabenbeschreibungen ist die Religionswissenschaft unabhängig und getrennt von der Theologie zu definieren, auch wenn sie bisweilen an theologische Fakultäten angegliedert ist.

Theologie ist im Unterschied zur Religionswissenschaft Glaubenswissenschaft. Auch sie bedient sich wissenschaftlicher Methodik und rationaler Verfahren, aber sie geht von der Voraussetzung eines bestimmtes Kanons von Glaubenssätzen aus. Darum ist Theologie auch nur konfessionell oder religionsspezifisch möglich. Man muss sich den historischen Prozess vor Augen halten, wie sich im abendländisch-christlichen Bereich manche erst innertheologisch geäußerte Kritik zum Beispiel am „historischen Jesus“ von der Theologie abwandte und zur außertheologischen, nunmehr religionswissenschaftlichen, historischen oder philosophischen Kritik (Feuerbach) wurde. Diese Entwicklung kann bei einzelnen Wissenschaftlern immer wieder geschehen, wie das noch recht aktuelle Beispiel des früheren Theologieprofessors Gerd Lüdemann zeigt. Auch für die historische Kritik theologischer Positionen 3) finden sich immer wieder aktuelle Anlässe. Die gesamte Debatte um das intelligent design zeigt exemplarisch die durchaus auch heute wieder problematisierte Verhältnisbestimmung von theologisch-dogmatischer und religionswissenschaftlich-kritischer Wissenschaft. Erst recht hat das Buch Papst Benedikts, also von Joseph Ratzinger, über Jesus (2007) zu einer kritischen Auseinandersetzung geführt. Der Papst ignoriert darin schlicht die Ergebnisse der bisherigen historisch-kritischen Erforschung der Bibel, indem er das Neue Testament so, wie es ist, für historisch bare Münze nimmt. Als Papst und Theologe ist das sein gutes Recht. Sein Buch ist darum auch nur erbaulich und nicht als wissenschaftlich zu nennen. Gerade das wird aber in Verteidigung des Papstes wiederum behauptet.

Hlg. Schriften

Heilige Schriften

Die historische Kritik der christlichen Tradition einschließlich ihrer heiligen Schriften hat aber eine wichtige Unterscheidung gelehrt, die auch von der Theologie respektiert und genutzt werden sollte, will sie nicht in pure Dogmatik zurück fallen. Es ist der Unterschied zwischen einer religiösen Erzählung (Mythos) und seiner Bedeutung. Die religiöse Erzählung zu historisieren heißt, ihre Bedeutung verkennen und ihren ursprünglichen Sinn verfehlen. Darum liegt historische (soziale, psychologische) Kritik der eigenen religiösen Tradition durchaus im wohlverstandenen Interesse einer sich neuzeitlich – wissenschaftlich verstehenden Theologie. Aber das müssen Theologen und Kirchenleute als „Religionsagenten“ unter einander ausmachen.

Für die Religionswissenschaft ist der Fall dagegen ganz klar. Jede religiöse Tradition, jeder Inhalt religiöser Überlieferung, alle religiösen Praktiken und religiösen Normen sollen und müssen auf ihre Hintergründe und Sinnzusammenhänge untersucht werden. Da spielen naturgemäß historische, soziologische, psychologische, ökonomische, politische, anthropologische, ethologische, philosophische (und welche Fragestellungen und Themen es noch mehr gibt) eine wesentliche Rolle. Dabei geht es nicht um kritische Destruktion der Religion, sondern um das Verständnis ihres Sinns, der Bedeutung religiöser Überlieferung und religiöser Einstellungen als eines anthropologisch und kulturgeschichtlich wesentlichen Phänomens. Religion gehört unzweifelhaft in den Bereich menschlicher Kulturgeschichte und kultureller Weltgestaltung. Als solche ist sie eminent bedeutsam. Darum ist Religionswissenschaft heute auch ein universeller Wissenschaftsbereich zum Verständnis menschlicher Kultur(en). Wo religiöse Werte und Normen sowie religiös bedingtes Verhalten universal gültige Menschenrechte und Werte verletzen, gilt allerdings die Pflicht zur Kritik und Einhegung des mächtigen und auch zerstörerischen Potentials religiöser Systeme.

Diese Überlegungen lassen sich gerade im Hinblick auf die neu geschaffenen Lehrstühle für Islamwissenschaft konkretisieren. Allein die Formulierung „Islamwissenschaft“ lässt einiges vermutlich bewusst im Unklaren. Geht es darin um eine besondere Thematik innerhalb der Religionswissenschaften oder ist vielmehr eine Art islamischer Theologie gemeint? Sofern die Aufgabe der Islamwissenschaftler vor allem der Ausbildung muslimischer Religionslehrer und Imame dienen soll, ist eher an islamische Theologie zu denken. Selbst ein bekannter Islamwissenschaftler wie Mouhanad Khorchide ist nur als islamischer liberaler Theologe zu verstehen. Auch die berühmte islamisch-sunnitische Universität al-Azhar in Kairo ist eine theologische Universität. Der Lackmustest ist die Funktion möglicher Kritik: Sofern sie nur innerhalb muslimischer Interpretationsmöglichkeiten verbleibt, ist sie dogmatisch-theologisch zu nennen. Wenn sie die islamischen Grundlagen thematisiert und zum Beispiel historisch kritisiert (Muhammad, Koran), gerät sie schnell zur Kritik von außen und wird sich dann nur explizit religionswissenschaftlich artikulieren können. Der Unterschied wird rasch deutlich, wenn man an die radikale historische Kritik von Karl-Heinz Ohlig an der Frühgeschichte des Islam denkt. Sie ist allerdings auch unter Religionswissenschaftlern umstritten.

Das darf aber nicht daran hindern, religionswissenschaftlich umfassend und „rücksichtslos“ nachzufragen unabhängig davon, was christliche, islamische oder andere Theologen oder Religionsagenten davon halten. Innerhalb der westlichen Gesellschaften wird dies durch die Freiheit der Wissenschaft garantiert. Solange muslimische Staaten und Gesellschaften eine freie Erforschung ihrer eigenen Religion nicht zulassen, solange Kritik an den grundlegenden „Säulen“ des Islam mit dem Tode bedroht wird, ist diese Religion in ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit noch nicht auf dem Boden der neuzeitlichen Wissenschaft und Kultur angekommen. Bis sie zur Selbstkritik in der Lage ist, müssen in der Tat westliche Religions- und Islamwissenschaftler die Aufklärung über Tradition und Lehren des Islam, ihre historische und soziale Einordnung und Relativierung leisten 4). Erst im Gegenüber zur Säkularität kann Religion ihre wirkliche anthropologische Bedeutung entfalten. Dazu kann und sollte eine kritische Religionswissenschaft beitragen.

 

Anmerkungen:

1. Sigurd Hjelde beschreibt „Das Aufkommen der Idee einer Religionswissenschaft“ in der Zeitschrift für Religionswissenschaft (ZfR) 2014 (22), S. 150 – 175.

2. Siehe Ina Wunn, Patrick Urban und Constantin Klein, Religionsethologie – die biologischen Wurzeln religiösen Verhaltens, ZfR 2014 (22) S. 98 – 124

3. vgl. zur aktuellen Christentumskritik das Buch des Historikers Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, 2013.

4. Es gibt innerhalb der Religionen immer schon eine Strategie, unliebsame oder störende Traditionen zu neutralisieren. Dies trifft im Besonderen auf die Geschichte des Islam zu, siehe Simone Heidegger, Hermeneutische Strategien intrareligiöser Kritik: Teil 2 – Ein vergleichender Blick auf Christentum und Islam, ZfR 2014 (22) 290 – 329.

Wissen

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Okt 312014
 

[Philosophie, Wissen]

Es heißt, wir leben heute in einer Wissensgesellschaft. Ebenso sagt man, wir lebten in der Informationsgesellschaft. Was ist Wissen? Was ist Information? Wie hängt das mit Erkenntnis, sodann mit Kenntnissen und Fähigkeiten (neudeutsch: Kompetenzen) zusammen?

Wissen und Information sind nicht dasselbe. Der Begriff Wissen zielt mehr auf das ab, was man in sich selber trägt und worauf man zurück greifen kann. Information ist dagegen eher etwas Objektives, also der Inhalt des Wissens. „Mehr“ und „eher“ deswegen, weil beide Begriffe nicht trennscharf abgegrenzt gebraucht werden. Auch eine Bibliothek kann Wissensbestände enthalten. Daraus kann man Informationen gewinnen. Der Begriff Information liegt allgemeinsprachlich näher bei konkreten einzelnen Daten und Fakten, von denen man Kenntnis erhalten und die man nutzen und verarbeiten kann. Wissen ist dem gegenüber etwas Umfassenderes und schließt Zusammenhänge, Verknüpfungen und Bezüge ein. Vielleicht könnte man sagen, dass die gezielte Verknüpfung und strukturierte Verbindung von einzelnen Informationen zum Wissen führt, und zwar genau dann, wenn eine Person sie in die bisherigen subjektiven Kenntnisse und Bewertungen integriert und damit das eigene Wissen erweitert.

Sind Informationen strukturierte Daten, wie zum Beispiel Meldungen oder einzelne Wahrnehmungen, dann sind Kenntnisse die subjektive Seite solcher Informationen. Wovon man Kenntnis hat, das ist einem bekannt und steht nun als konkretes Wissen persönlich zur Verfügung. Kenntnis ist demnach subjektiv verarbeitete und integrierte Information, also eine Information, die einem „etwas sagt“ oder mit der man „etwas anfangen kann“. Dabei sind bewusste und unbewusste Leistungen der Integration oder, wenn man so will, der „Informationsverarbeitung“, zu unterscheiden. Eine Unmenge an Sinneseindrücken liefern unserem Wahrnehmungssystem jederzeit Daten und Informationen (strukturierte Daten), die zunächst unbewusst bewertet und verarbeitet werden (zum Beispiel mit der Folge einer körperlichen Reaktion) oder die als so wichtig erachtet werden, dass sie von unserem Wahrnehmungssystem an das wache Bewusstsein weitergegeben werden. Dann nehmen wir etwas bewusst wahr, es fällt uns etwas auf oder wir sagen „aha“. Wir haben dann von etwas Kenntnis erhalten. Ist diese Kenntnis nur von momentaner Relevanz (Beispiel: Die Fußgängerampel zeigt rot: Soll ich warten oder, wenn nichts kommt, das Rotlicht ignorieren und die Straße überqueren?), werde ich sie schnell wieder vergessen bzw. eine kurze Zeit lang in der Erinnerung behalten. Sie erweitert kaum mein Wissen. Ist eine Kenntnis mehr als nur von momentaner Bedeutung, kann sie als Erkenntnis bezeichnet werden, die dann in mein bisheriges Wissen integriert wird und weiterhin jederzeit zur Verfügung steht (Beispiel: Ich merke, dass es kalt geworden ist, zudem weiß ich, dass es Herbst ist. Ich werde also künftig beim Rausgehen meine dicke Jacke benutzen.)

Bevor man etwas im eben beschriebenen Sinne weiß, also von Informationen Kenntnis erhalten und sie in sein bisheriges Wissen integriert hat, um sie künftig zur Verfügung und zur Anwendung zu haben, geschehen eine Reihe von Bewertungen, sowohl von bewussten als auch von unbewussten. Wenn ich etwas wissen will, muss ich es als für mich als wissenswert, als nützlich und praktisch erachten. Es findet eine bewertende Auswahl statt. Noch mehr gilt das für gezielt erworbenes Wissen mit der Absicht, es für eine konkrete Anwendung nutzen zu können (Beispiel: Wenn man Bogenschießen lernen will, besorgt man sich zuerst Informationen über diese Sportart, das Sportgerät usw.). Ganz allgemein könnte man bewusstes Lernen als absichtsvoll erworbenes Wissen bezeichnen mit dem Ziel, eine bestimmte Fähigkeit und, praktische Übung voraus gesetzt, eine zumindest ausreichende Fertigkeit für eine bestimmte Tätigkeit oder für die Lösung einer bestimmten Aufgabe (Kompetenz) zu erwerben. Informationen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten gehören also in einen funktionalen Zusammenhang, den wir insgesamt als „Wissen“ bezeichnen. (In einigen Mundarten wird „Wissen“ typischerweise auch für „Können“ gebraucht.)

Old Books Wikimedia

Old book bindings CC BY-SA 3.0 Tom Murphy VII (Wikimedia)

Was ist nun neu in der „Wissensgesellschaft“ oder in der „Informationsgesellschaft“? Die Begriffe Wissen und Information haben durch die Digitalisierung und das Internet eine erweiterte Bedeutung erhalten. Sie beziehen heute ausdrücklich all diejenigen Informationen ein, die in digitalisierter Form („Daten“) zur Verfügung stehen und vor allem über das Internet abgerufen werden können. Dadurch hat sich zunächst nicht das Wissen erweitert, sondern die Weise des Wissenserwerbs. Statt gedruckten Büchern, Zeitungen, Radionachrichten und TV-Sendungen stehen nun eBooks, News-Portale, Streaming-Angebote für Musik und Filme im Internet bereit. Durch das mobile Internet sind diese Informationen jederzeit und an jedem Ort abrufbar. Um an Informationen zu kommen, also um eine Recherche zu betreiben, kann man sich zuerst zu Hause, oder wo auch immer man sich befindet, über das Internet kundig machen. Das wird weiter gehende Bemühungen „draußen“ und vor Ort nicht ersetzen, kann aber den ersten Zugang zu Informationen erleichtern. Allein schon die Wikipedia bietet eine Vielzahl geeigneter Einstiegspunkte für eine erste Annäherung und Anfangsinformation über das, was man zu wissen wünscht. Dieser erleichterte Weg zum anfänglichen Wissen sollte nicht unterschätzt, aber auch nicht überschätzt werden. Das im Netz verfügbare „Wissen“, also die Informationen in digitalisierter Form, müssen schon gesucht, gefunden und erworben werden. Am Lesen, Hören, Sichten und Auswählen kommt man nicht vorbei, um im Internet etwas zu erfahren oder zu lernen.

Beiläufig ist damit schon erwähnt, dass die erweiterte Zugänglichkeit zu Informationen, die über das Internet zugänglich sind, den Informations-Begriff deutlich auf die digitale Information, also die Daten, ausgeweitet hat. Bei „Information“ denken vielleicht viele noch an etwas, was man vom Nachbarn gehört oder in der Zeitung gelesen oder am Radio erfahren hat. Immer mehr wird aber unter Information dasjenige verstanden, was man sich auf Wunsch per Internet beschaffen kann, wann man es will. Auch bei dieser erweiterten Bedeutung des Begriffes Information geschieht weniger eine Neuinterpretation als eine Ausdehnung im Blick auf den Weg der Informationsbeschaffung, auf die Medien, durch die Informationen bereit gestellt werden. Das Netz erleichtert zwar für alle den Zugang zu Informationen, aber diese stellen sich nicht selber ein bzw. nur in geringem Umfang (z.B. durch Push-Meldungen). Weder die Digitalisierung noch das Internet als solche führen zu mehr Wissen. Nur der Zugang, das Medium und die Wege des Erwerbs sind zumindest anfänglich und teilweise erweitert und erleichtert worden.

Etwas anders sieht es bei der Nutzung von sogenannten social media (Facebook, Twitter, WhatsApp usw.) aus. Hier geschieht tatsächlich etwas Neues, wenn Menschen auf einfachste Weise miteinander in Kontakt sind und Infos („Status-Meldungen“) in Text, Wort und Bild austauschen können. Hier hat sich die Kommunikationsweise gegenüber dem persönlichen oder fernmündlichen Gespräch (Telefon, Handy) grundlegend verändert und erweitert. Inwieweit sich gesellschaftliche Kommunikation insgesamt verändert, wenn sie sich in wachsendem Maße instantan insbesondere mittels Bildern über das Netz vollzieht, wäre eigens zu untersuchen. Hier vermute ich allerdings eine Veränderung von erheblicher Tragweite, die nicht nur das Kommunizieren, sondern auch das Verhalten betrifft (zum Beispiel Online-Dating). Doch ist das etwas anderes als vermehrtes Wissen durch erleichterte Information, zumindest steht bei der Kommunikation anderes im Vordergrund, nämlich der Kontakt zu Freunden/-innen, Kollegen/-innen, Smalltalk, Verabredungen, Selbstdarstellung (Selfies) usw..

Man müsste also, will man die besondere Veränderung in der Gesellschaft durch die neuen digitalen Medien („Neuland“) zugespitzt kennzeichnen, von einer gewandelten Kommunikationsgesellschaft sprechen. Denn trotz der gerne gebrauchten Begriffe „Wissensgesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“ wird das Wissen des Einzelnen nicht automatisch vermehrt, sondern allenfalls die Möglichkeiten des Zugangs erweitert. Die moderne Gesellschaft ist also nicht „schlauer“ geworden, nur weil es digitale Medien und das Internet gibt. Bisweilen kann man sogar eher das Gegenteil als Effekt bemerken, wenn man an das „digitale Rauschen“ denkt, das alles und jedes gleich gültig sein lässt und Bedeutung nur nach erreichter Aufmerksamkeit bemisst. Wahrscheinlich bezeichnen die Schlagworte „Wissensgesellschaft“ und Informationsgesellschaft“ mehr eine Hoffnung, nämlich die Hoffnung und Erwartung, dass sich Menschen der erleichterten Möglichkeiten des Zugangs und Erwerbs von Wissen auch selbständig und eigenverantwortlich bedienen (vgl. MOOC’s). Informationen müssen aber weiterhin gesucht und Wissen erworben werden. Man muss etwas lernen wollen, um klüger zu werden, also sein Wissen zu erweitern. Und Lernen ist Arbeit, ob auf analogem oder digitalem Wege. Ob der Traum von einer Gesellschaft, in der sich Wissen fast von selber verbreitet und frei und kritisch mit Freude erworben wird, ob eine solche Gesellschaft je erreicht werden kann, steht auf einem anderen Blatt (steht auf einer anderen Seite…).

Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins“ darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

*

Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas „Öffentlichkeit“.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

„Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.“

Ernst Cassirer, 1944