Einheit und Vielfalt

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Jun 012018
 

Seit Langem gibt es das Bemühen, eine „Theorie von allem“, TOE (theory of everything) aufzustellen. Das kann sich im engeren Sinne auf die Physik beziehen, wo darunter eine Vereinheitlichung nicht nur der Teilchenphysik (was als gelungen gelten kann), sondern vor allem der vier Grundkräfte verstanden wird. Die „Weltformel“ spukt dann und wann als Thema des Feuilletons durch die Medien. Sodann gilt es, ganz allgemein gesprochen ‚Relativitätstheorie‘ und ‚Quantenphysik‘ miteinander auszugleichen, was zugleich die Frage nach der Alternative von kontinuierlichem oder diskretem Verständnis der Materie aufwirft. Über die Physik hinaus gibt es aber auch in der Erkenntnistheorie das Streben nach Vereinheitlichung, hier verstanden als Vereinheitlichung der Wissenschaft. Im angelsächsischen Raum ist dies zumeist als Votum für den physikalistischen Naturalismus gemeint. Aber auch der kontinental-europäische Strukturalismus und erst recht das Theorienensemble unter dem Oberbegriff „Systemtheorie“ wollen einen einheitlichen Zugang zur wissenschaftlichen Welterkenntnis bieten. Dem stehen Konzepte des Pluralismus sowohl der Methoden als auch der wissenschaftlichen Grundüberzeugungen gegenüber, teils aus liberalem, teils aus mehr skeptischem Antrieb. Dennoch ist das Streben nach Vereinheitlichung stark und zeigt sich in der lang andauernden Auseinandersetzung mit Reduktionismus-Konzepten insbesondere (aber nicht nur) im Bereich der Hirnforschung im Verhältnis zur Philosophie des Geistes; was Konzepte und Ziele betrifft, geht Letztere gewiss über das hinaus, was enger gefasst unter theory of mind verstanden wird.

Seerose

Seerose (c) R.G.

Was macht die Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Warum sind Menschen bestrebt, eine einheitliche, wissenschaftlich begründete Weltsicht zu präsentieren – einmal vorausgesetzt, es ließe sich überhaupt sachgerecht über „die Welt“ reden (was Markus Gabriel bestreitet). Ist es das rational verständliche Bemühen, Widersprüche zu vermeiden? Widerspruchsfreiheit ist gewiss für die Theorienbildung, für jede Theorie in sich erstrebenswert oder gar notwendig (unter Voraussetzung zweiwertiger Logik), aber ist es ebenso wünschenswert und „notwendig“, ein einheitliches theoretisches Dach zu postulieren oder zu schaffen, unter dem sich alle Theorien anderer Ansätze und Sachgebiete vereinheitlicht und widerspruchsfrei versammeln können? Nun kann ja Vereinheitlichung zunächst als Verbesserung und Korrektur angesehen werden. Der Fortschritt in den Naturwissenschaften vollzog und vollzieht sich mit ganz erheblichen Veränderungen in den Basistheorien, sodass manche älteren Theorien gänzlich verändert und aufgehoben werden. Ein solcher „Paradigmenwechsel“ (Kuhn) ist aber vermutlich seltener als angenommen, denn meist wirken Teile einer alten Theorie in einer neuen fort, umso mehr, wenn die ältere Theorie einen leichteren Zugang zur Erklärung empirischer Befunde im ’normalen‘ Bereich bietet (klassische // relativistische Physik). Die lange Diskussion über Reduktionen zeigt, wie schwierig es ist, überhaupt einen einheitlichen Reduktionsbegriff zu formulieren und an vorhandenen Theorien zu bewähren. Allein im physikalischen Bereich muss man da schon sehr vorsichtig sein ob der Vielfalt der Formen solcher Vereinheitlichungen bzw. Reduktionen (vgl. Erhard Scheibe). Unproblematisch ist es offenbar dort, wo Theorien sowohl in ihren Grundlagen als auch in ihren Auswirkungen auf Anwendungsbereiche Verbesserungen, Verfeinerungen, Anpassungen darstellen. Die Naturwissenschaften in ihren verschiedenen Fächern verfahren da ziemlich pragmatisch und instrumentell, was die Anwendung unterschiedlicher Theorien angeht. Dabei ist es wesentlich, zu unterscheiden zwischen epistemologischen Ansätzen und ontologischen Ansprüchen: Geht es jeweils „nur“ um die Verbesserung, Verfeinerung, Veränderung von Theorien, insbesondere in ihren mathematischen Formulierungen auf der Ebene gedanklicher Konstruktion, oder steht jeweils die möglicherweise dahinterstehende Ontologie zur Debatte, und meint dann Vereinheitlichung nicht nur die der Theorien, sondern die Vereinheitlichung der Wirklichkeit? Dann kommen sehr schnell Weltbilder ins Spiel, die als metaphysische Voraussetzungen und Grundannahmen unausgesprochen Regie führen. „Physikalismus“ meint als Sammelbegriff eben mehr als nur eine Theorienreduktion, der Begriff bezeichnet faktisch die Weltanschauung der Reduktion aller Dinge (der Welt) auf die Grundeinheiten und Axiome der Physik. Eine solche ontologische „Vereinheitlichung“ ist sicher in hohem Maße problematisch und kaum überzeugend darzustellen.

 

Noch einmal: Was macht dennoch die bleibende Faszination der „Vereinheitlichung“ aus? Eine mögliche Antwort hängt damit zusammen, wie sich der Mensch in der Welt verortet, wie er sich ’seine‘ Welt aneignet und wie er mit seiner gedanklichen, geistigen Arbeit Erkenntnis gewinnt und die Welt strukturiert. Dabei ist es zweifellos so, dass der Mensch mit seinem Gehirn denkt und alle geistige Arbeit verrichtet. Strittig wird es erst, wenn Mentales, hier im weiteren Sinne verstanden als geistige Aktivität, auf neurophysiologische Prozesse ‚reduziert‘, womöglich mit ihnen identifiziert wird. Hier reicht es jetzt aus, die unauflösliche Verbindung von Denkprozessen mit Hirnvorgängen festzustellen, ohne weiterhin zu klären, wie das im Einzelnen zu beschreiben ist (z. B. Supervenienz). Stirbt der Mensch, versagt auch das Hirnorgan (für die Feststellung des Todes ist es sogar umgekehrt). Das mit diesem Organ einst Erdachte und Produzierte, sei es gedanklich, sei es künstlerisch, wird weiterexistieren, sofern es in Wort, Schrift, Bild oder Tönen gefasst und aufbewahrt ist. Dies zeigt den Doppelaspekt des Geistigen, dem darum schon im lebendigen Menschen Rechnung zu tragen ist: mit dem Biophysischen verbunden zu sein, aber zugleich eine Eigenständigkeit zu besitzen, die einen eigenen Bereich kennzeichnet. Dieser Doppelaspekt hat Auswirkungen. Einerseits ist das Denken ein Vorgang, der auf neurobiologischen Prozessen, Verbindungen und Strukturen beruht (offen gelassen, wie das „beruht auf“ genauer zu verstehen ist). Dadurch verhält sich der Mensch nicht nur als ein bewusstes Lebewesen, sondern vor allem als ein seiner selbst bewusstes, sich selbst denkendes Lebewesen. Die Strukturen seines Denkorgans, des Gehirns in allen seinen Teilen und Funktionen (Gefühl, Erinnerung, Erwartung usw.), geben also zumindest den Rahmen, vermutlich auch die Strukturen des Denkens selbst weitgehend vor. Wie weitgehend, genau das gilt es näher zu klären. Denn nun kommt der zweite Aspekt des Geistigen ins Spiel: Das Vorgestellte, Gedachte, Erkannte, Gestaltete, Gebildete, ist eine selbstständige Entität. Es sind Erinnerungen, Befürchtungen, Hoffnungen, es sind strukturierte Gedanken über sich selbst (Selbstbilder) und über die Um-Welt (Weltbilder), wobei die Reihenfolge hier vermutlich umgekehrt, zumindest reziprok ist (vgl. V. Gerhard); es sind Vergegenständlichungen in Form von Reflexionen, Betrachtungen und Theorien; es sind Vergegenständlichungen in Formen der Kunst, also in Sprachgeschichten und Gedichten, Bildnissen und Plastiken, in Tönen und musikalischen Kompositionen. Textschrift (Buchstaben) und Tonschrift (Noten) sind dabei die Mittel der dauerhaften Äußerung und Vergegenständlichung, die Kunstgegenstände an sich schon besitzen. Wer lesen kann, dem eröffnet sich die geistige Welt dessen oder derer, die ihre Gedanken und Bilder eben in Worte gefasst und in Schrift umgesetzt haben. Wer Noten lesen kann, dem eröffnet sich die Welt der Klänge und Harmonien schon beim Lesen, wiewohl Kunst mehr als Gedankentexte auf Rezitation und Vortrag angewiesen ist, um zum vollen Ausdruck zu kommen. Über das Verhältnis geistiger Gegenstände in Text oder Ton und Bild(nis) ließe sich noch weit mehr sagen, wir bleiben hier aber noch etwas beim ‚theoretischen‘ Denken selbst.

„Theôria“ bedeutet im Altgriechischen Schau, Betrachtung, hat etwas mit ‚Sehen‘, äußerlich gegenständlich wie innerlich geistig zu tun. Wenn man sich Gedanken macht über etwas, stellt man sich etwas bildlich vor, wie überhaupt Bilder und ‚Karten‘ (maps) vielleicht diejenigen Strukturen sind, die das Gehirn mit dem Gedachten ursprünglich verbinden (A. Damasio). Im Denken meiner selbst befinde ich mich also in einem Zirkel: Das Gehirn mit seinen Strukturen und Prozessen ist das entscheidende Vehikel, mittels dessen ich über meine Umwelt und mich selbst Betrachtungen anstelle und Theorien aufstelle. Insofern sind die Strukturen des Denkaktes zugleich Grundlage und Limit des Gedachten. Das besagt schon der Satz des Vorsokratikers Empedokles: hê gnôsis tou homoiou tô homoiô – Gleiches wird durch Gleiches erkannt (Text bei Aristoteles, De Anima). Vereinfacht gesagt: Wir können nicht mehr und anderes denken, als es unsere Synapsen und Schwingungen der Hirnströme zulassen. Nun kommt aber die Eigendynamik des inhaltlich Gedachten hinzu. Das Gedachte, die Theorie, sei es ‚Betrachtung‘, sei es ‚Spekulation‘, sei es moderne wissenschaftliche ‚Analyse‘, kann und wird jeweils ganz eigene Strukturen erdenken und ausdrücken. Das macht gerade die Kreativität menschlichen Denkens aus, über die eigenen Grenzen hinausdenken zu können, sich selbst zu transzendieren. Ideen, Phantasien, Visionen – all dies sind geistige ‚Gegenstände‘, also das, was das Denken als Gedachtes aus sich heraussetzt. Die Lehre Platons von den Ideen hat das einzigartig formuliert, auch wenn man ihm in Gänze nicht mehr folgen möchte und die Substanz gebundene Form des Aristoteles vielleicht praktischer ist. Entscheidend für unsere Überlegung ist hier, dass sich der Doppelaspekt des Geistigen ambivalent auswirkt: Der Denkakt ist an die Strukturen und Grenzen des neurobiologischen ‚Substrats‘ gebunden, die Gedanken und Ideen können darüber hinausgehen und neue Strukturen und Konstrukte erschaffen – die Voraussetzung dafür, als homo faber tätig zu werden und Gedanken und Theorien ins weltliche Werk zu setzen. Mindestens zwei Fragen bleiben dabei aber offen: 1. Wieweit geht die geistige Unabhängigkeit wirklich? und 2. Welche Illusionen werden dadurch möglich?

Es ist zum Allgemeingut des Wissens geworden, dass soziale Gegebenheiten, insbesondere das soziale Umfeld, den Menschen maßgeblich beeinflussen und mitprägen, und zwar in allem, was er sich vorstellt, denkt und tut. In welchem Ausmaß und in welchen Grenzen das geschieht, braucht hier nicht erörtert zu werden. Da liegt die Vermutung nahe, dass auch unsere biophysische Ausstattung maßgeblich an den Fähigkeiten und Grenzen des Denkens beteiligt ist. Wieweit geht tatsächlich die Fähigkeit, die im Gehirn angelegten Strukturen und Prozesse zu transzendieren, oder andersherum, wie plastisch, anpassungsfähig und wandelbar muss das Gehirn als Denkorgan des Menschen sein, um einen solch plastischen, anpassungfähigen und phantasievollen Menschen hervorzubringen, wie er nun einmal ist? Liegen die Strukturen und Gesetze der Mathematik (zum Beispiel) bereits als Schaltmöglichkeiten im Gehirn vor oder entwickeln sie sich fortwährend eigendynamisch und eigengesetzlich als ‚mathematische Ideen‘ fort? Werden Zahlenverhältnisse entdeckt oder erfunden – oder beides? Platon hatte es einfach, für ihn sind Zahlen und die „platonischen Körper“ Inbegriff der eigentümlichen Ideenwelt. Sind sie das oder sind sie nur ‚genial‘ vom menschlichen Geist konstruiert? In welche Zwickmühlen kann das Nachdenken über Möglichkeiten und Grenzen geistiger Unabhängigkeit (also der Eigenständigkeit der Gedanken, und Theorien) führen, wenn beim Erforschen der natürlichen Welt immer wieder Unvereinbarkeiten auftauchen – zwischen Welle und Teilchen, zwischen Quanten und dem raumzeitlichen Kontinuum, zwischen Wahrscheinlichkeiten, lokalen Kausalitäten und einem wirklichen, nicht-lokalen Zufall (N. Gisin)? Die moderne Physik ist voll von solchen (scheinbaren?) Unvereinbarkeiten, und die Genetik, Neurobiologie und Biophysik stoßen auf überraschend wandelbare Strukturen – mehr als auf festgelegte Funktionen. Welche Konstanten unsere natürliche Welt wirklich beherrschen, ist in der Kosmologie ebenso rätselhaft wie fragwürdig, inwieweit es wirklich Konstanten sind – usw.. Nicht zuletzt ist die genaue Weise der Entstehung des Lebens bisher ebenso unverstanden wie die Art und Weise, in der Physisches und Geistiges tatsächlich interagieren, korrelieren, supervenieren, wie auch immer. Theorien gibt es viele, aber vielleicht auch ebenso viele Widersprüche und Fragezeichen. Wie wird Unvereinbares vereinbar? Die Logik hilft hier in der Epistemologie, aber weniger in der Ontologie. Da wird die Metaphysik wieder lebendig als das, was den fragenden, suchenden, forschenden Geist vor-einnimmt und letztlich immer wieder (unausgesprochen) bestimmt. Die geistige Unabhängigkeit (unsere erste Frage) bleibt also als etwas durchaus Ambivalentes bestehen. So könnte es sein, dass die Wirklichkeit, wie sie sich uns anschaulich (theôria) zeigt und uns forschend und erkennend begegnet, selber in sich ambig, nicht nur ambivalent ist und uns in dieser letzten Ungreifbarkeit und darum auch Unbegreiflichkeit fordert, lockt und – narrt. Dann wäre der Zirkel des sich mittels Gehirn selbst erkennenden Geistes nur das geringste Problem.

Daraus ergibt sich die zweite Frage: Welche Illusionen werden dadurch möglich? Es sind eigentlich nur zwei: die der Überforderung und die der Unterschätzung. Sie hängen zusammen, weil sie nur in zwei unterschiedliche Richtungen zielen. Es wird eine Überforderung des Denkens und jeder möglichen Theorie sein, alles in eins zu fassen. Was so ambivalent ist wie die geistig-physischen Prozesse des Denkens und zugleich so ambig ist wie die ins Visier genommene Wirklichkeit, lässt keine eindeutige Antwort erwarten. Die Suche nach der ‚Weltformel‘ oder TOE ist aus dieser Sicht eine Illusion. Den erkenntnistheoretischen Generalschlüssel dürfte es kaum geben. Es scheint ein Wunschtraum zu sein, angelegt in den Strukturen unseres Denkvermögens, geboren aus der „synthetischen Einheit der transzendentalen Apperzeption“ (I. Kant, siehe unten). Zugleich liegt darin eine Unterschätzung dessen, was wir „Wirklichkeit“ oder „Natur“ im allgemeinen Sinn nennen. Es ist damit nicht gemeint, dass der Mensch sozusagen im letzten Bruchteil einer Sekunde seit dem Entstehen und in einem Wimpernschlag des Bestehens des Kosmos existiert und daraus ein Gesamtverständnis des Kosmos und seiner eigenen Welt und Rolle darin erkennen und beurteilen zu können glaubt. Man könnte dies allenfalls als einen Nebengedanken, als eine zur Bescheidenheit mahnende Beobachtung am Rande, gelten lassen. Bedeutender ist die wachsende Erkenntnis, und zwar ausdrücklich in den Naturwissenschaften selbst, dass das, was man sich darin zu erforschen, zu erklären, zu erhellen, zu begreifen, möglichst auch widerspruchsfrei mathematisch zu beschreiben vorgenommen hat, dass sich dies immer wieder einer letzten Eindeutigkeit entzieht. Man kann das auf das bisher noch unzureichende Wissen oder die jeweilige Vorläufigkeit aller Theorien (bis zum Erweis des Besseren) zurückführen und den Gedanken einer möglicherweise prinzipiellen letzten Ambiguität und also Undurchsichtigkeit der Naturverhältnisse und Naturgegebenheiten als voreilig oder pessimistisch, auf jeden Fall aber als unwissenschaftlich ablehnen. Der Fortschritt schreitet unaufhörlich fort, so ist das wohl. Sowohl erkenntnismäßig als auch technisch wird gewiss noch Ungeahntes möglich werden. Die möglichen Ergebnisse, und zwar alle, bleiben stets so unsicher, wie es jedem induktiven Verfahren eigen ist, und jede Theoriekonstruktion taugt so lange etwas, wie ihre Gültigkeit nicht widerlegt ist (Popper). Insofern gründet sich die zweite Frage nach den möglichen Illusionen zwar auf einer nicht abgesicherten Vermutung, aber dennoch auf guten Gründen.

Das Streben nach Vereinheitlichung einer überwältigenden Vielfalt an Erscheinungen und Theorien ist dem Menschen offenbar eingepflanzt, und das mag auch gut sein. Es hat sich bisher als äußerst produktiv erwiesen, wenn auch produktiv hinsichtlich vieler Sackgassen. Darum ist wahrscheinlich derjenige theoretische Versuch am überzeugendsten, der sich von vornherein Grenzen setzt und sich in seinem begrenzten Feld um größtmögliche Genauigkeit bemüht. Das gilt für den Begriff der Reduktion ebenso wie für jede andere Definition von Begriffen oder Erklärung von Sachverhalten. Zum Glück haben wir dafür zwei ‚Werkzeuge des Geistes‘ zur Verfügung, die es an Vielfalt und Ambiguität mit jeder anderen Wirklichkeit aufnehmen können: Phantasie und Sprache …

Reinhart Gruhn

 


Immanuel Kant über die „Sythetische Einheit der transzendentalen Apperzeption“

Nun können keine Erkenntnisse in uns stattfinden, keine Verknüpfung und Einheit derselben untereinander, ohne diejenige Einheit des Bewußtseins, welche vor allen Datis der Anschauungen vorhergeht, und worauf in Beziehung alle Vorstellung von Gegenständen allein möglich ist. Dieses reine ursprüngliche, unwandelbare Bewußtsein will ich nun die transzendentale Apperzeption nennen. … [Diese] transzendentale Einheit der Apperzeption [stiftet] einen Zusammenhang aller dieser Vorstellungen nach Gesetzen…. [Diese Einheit wäre nicht möglich,] wenn nicht das Gemüt in der Erkenntnis des Mannigfaltigen sich der Identität der Funktion bewußt werden könnte, wodurch sie dasselbe synthetisch in einer Erkenntnis verbindet. Also ist das ursprüngliche und notwendige Bewußtsein der Identität seiner selbst zugleich ein Bewußtsein einer ebenso notwendigen Einheit der Synthesis aller Erscheinungen nach Begriffen, d. i. nach Regeln, die sie nicht allein notwendig reproduzibel machen, sondern dadurch auch ihrer Anschauung einen Gegenstand bestimmen, d. i. den Begriff von Etwas, darin sie notwendig zusammenhängen; denn das Gemüt könnte sich unmöglich die Identität seiner selbst in der Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen, und zwar a priori, denken, wenn es nicht die Identität seiner Handlung vor Augen hätte, welche alle Synthesis der Apprehension (die empirisch ist) einer transzendentalen Einheit unterwirft und ihren Zusammenhang nach Regeln a priori zuerst möglich macht. (zitiert nach KrV 1. A. tr. Anal. 1. B. 2. H. 2. Abs. 3)

 

 

 

 

 

Apr 232017
 

Letztlich ist alles Physik. Richten wir den Blick auf die basalen Gegebenheiten in unserer Welt, so landen wir stets auf der physikalischen Ebene. Anthropologie? Beruht auf Biologie einschließlich einer darüber supervenierenden mentalen Ebene. Biologie beruht auf Biochemie und Thermodynamik – plus Emergenz. Chemie insgesamt ist ein ‚emergenter‘ Bereich, der sich auf der Physik aufbaut. Unter allem liegt die Physik mit Raum-Zeit-Punkten und wirkungsvollen Feldern. Darunter gibt es nichts mehr (außer vielleicht strings, aber die sind aus der Mode gekommen). Allerdings ist es schwierig, diese basale Ebene der Physik, nämlich Raumzeit und Felder, genauer zu bestimmen, von Materie und Energie ganz zu schweigen. Was Materie und Energie eigentlich sind, kann man nämlich nicht sagen, sie sind eben wechselseitig da. Felder und die Raumzeit hängen ja auch zusammen, ist die Raumzeit doch ihrerseits ein gravitatives vielfach ‚gekrümmtes‘ Feld. Was ein Feld eigentlich ist, kann man zwar mathematisch formulieren, aber sprachlich kaum beschreiben. Immerhin gilt es für die Naturwissenschaften als ausgemacht, dass man mittels konsequenter Reduktion auf die Physik (top down) und umgekehrt auf physikalischen Prozessen aufbauend (bottom up) mittels Emergenz und Supervenienz ‚alles‘, also die Wirklichkeit, beschreiben und erklären kann. Mit ‚Kausalität‘ ist man inzwischen vorsichtiger geworden, weil es sich wiederum kaum genau sagen lässt, was das eigentlich ist. Soweit die Skizze dessen, was in den Naturwissenschaften (und im angelsächsischen Raum sind nur sie „Wissenschaft“, science) heute materialistisch – physikalistischer mainstream ist.

Higgs Boson

The Higgs Boson (c) CERN

Schauen wir einmal mit ein paar einfachen Überlegungen genauer hin. Wärme, so lernt man, ist die durchschnittliche kinetische Energie der Moleküle und Atome eines Körpers. Dies ist allerdings physikalisch sehr ungenau formuliert, weil ‚Wärme‘ physikalisch keine Zustandsgröße ist, sondern der Energiefluss eines Temperaturunterschieds. Bleiben wir der Einfachheit halber bei den bewegten Molekülen. Sie sind die physische Form dessen, was wir Wärme nennen. Reduktionistisch formuliert empfinde ich zum Beispiel auf der Haut gar nicht ‚Wärme‘, sondern nur die Bewegungen der Moleküle der Luft, die von Rezeptoren in der Haut aufgenommen und über Nervenbahnen weitergeleitet und im Gehirn als „Wärme“ bewertet werden. Aber ‚eigentlich‘ ist da nicht Wärme, sondern nur bewegte Moleküle und Nervenreizung. Denn genau genommen kann ich auch ‚Wärme‘ als ‚Bewertung‘ des Gehirns gar nicht feststellen, sondern nur die Erregung bestimmter Areale innerhalb des Gehirns. Wie man von diesen Potentialen und Erregungszuständen zur Aussage „Mir ist warm“ kommt, ist physikalisch nicht zu erfassen. Physik bleibt auf der Ebene der Beschreibung von physikalischen Prozessen. Sie als mentale Empfindung von Wärme zu bezeichnen, ist eine ganz andere Sache.

Dasselbe gilt für die Farben, deren physikalische Grundlage die unterschiedliche Wellenlänge elektromagnetischer Strahlung ist. Man kann sehr genau beschreiben, wie der Weg des Lichts (em Strahlung bestimmter Wellenlänge) von einem Körper reflektiert wird und zu den optischen Rezeptoren auf unserer Netzhaut gelangt, dort das Erregungspotential erhöht und so als Reiz über die Nervenbahnen zum Gehirn weitergeleitet wird. Da ist dann das Sehzentrum zuständig, die ankommenden Reize zu verarbeiten. Ein heftiger Reiz (=grelles Licht) wird andere Reaktionen auslösen als nur ein geringer Reiz im langwelligen Lichtbereich, empfunden als rötliche Färbung. Aber genau diese letzte Formulierung liegt schon jenseits der physikalischen Beschreibungsebene. Über die em Wellen und Erregungspotentiale im Gehirn kommt man nicht hinaus.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Es ist schönes Frühlingswetter mit Sonnenschein, und ich komme auf die Idee, im Stadtpark einen Spaziergang zu machen und mich an dem schönen Frühling zu erfreuen. Man stelle sich vor, ich wäre dabei voll verkabelt, meine Hirnströme könnten also jederzeit gemessen werden. Außerdem soll es möglich sein, in regelmäßigen Abständen einen Hirnscan durchzuführen und durch bildgebende Verfahren die gerade aktiven Bereich des Gehirns sichtbar zu machen. Zusätzlich soll es möglich sein, alle biochemischen Prozesse instantan zu erfassen und auszuwerten. Ich merke von all dem nichts und mache mich vergnügt auf den Weg. Ich gehe also in den Park, sehe Blumen und grünende Bäume, spielende Kinder, finde eine Bank und genieße die Wärme. Beim Weitergehen sehe ich eine alte Bekannte, die ich lange nicht getroffen habe, begrüße sie erfreut und wechsele mit ihr einige Worte, Sie muss dabei auf ihr Eis aufpassen, damit sie sich beim Reden nicht bekleckert. Wir wollen uns demnächst einmal für einen längeren Schnack verabreden. Ich gehe weiter und mache dann den Umweg an der Eisdiele vorbei. Klar, bei dem Wetter und dem schönen Nachmittag ist ein leckeres Eis die Krönung. Ich genieße das Eis und schlendere gemächlich wieder heimwärts.

Was wird nun auf der physikalischen Ebene zu sehen sein? Klar, wieder jede Menge Erregungspotentiale, Aktivierungen von Hirnregionen, Ausschüttung von Botenstoffen usw. Endorphine werden gewiss zweimal besonders auffällig sein, in der Mitte der Zeit und gegen Ende hin. Insgesamt sind die aktivierten Hirnregionen und die Ausschläge der elektrischen Ströme so vielfältig, dass wohl nur eine aufwendige Computeranalyse den Verlauf einem bestimmten Körpergeschehen zuordnen kann: Arm- und Beinbewegungen beim Gehen, optische Vorgänge mit vielfältigen Sinnesreizungen, Erregung von Tast-, Geruchs- und Geschmacksrezeptoren, vielleicht sogar eine leichte Erhöhung des Testosteronspiegels, Aktivität von ‚Spiegelneuronen‘, auf jeden Fall in den Bildern von den einzelnen Hirnregionen ständige wechselnde und sich vielfach überlappende aktive Hirnregionen, die der Hirnphysiologe bestimmten Verarbeitungsszenarien (Gehen, Sehen, Hören, Schmecken, sexuelle Erregung usw.) zuordnen kann. Dafür hat er allerdings vorgängig in der Wissenschaft auf vielfältige Selbstauskünfte von Testpersonen Bezug genommen, befindet sich also schon bei der Deutung der Hirnregionen nicht mehr auf der rein physikalischen Ebene. Auch hier gibt es bei noch so genauen Daten und umfassenden Computer- und Bildverarbeitungen keinen Weg, der von den physikalischen Vorgängen zu meinem Frühlingsspaziergang führt.

Man könnte sich vorstellen, zusätzlich zu den Datenerfassungen meines Körpers bzw. Gehirns noch die Aufnahmen einer GoPro – Kamera während meines Spazierganges zu nutzen. Doch bringt das auf der physikalischen Ebene keinerlei Vorteil, nur zusätzliche Daten, die im optischen Bereich anfallen und ohne Deutung („Das ist der Parkweg.“ „Da steht eine Bank.“ „Das Eis tropft.“) allenfalls elektromagnetische Muster erzeugt. Ohne den Erzähler des Spaziergangs wird weder seine Freude noch seine Wahrnehmungen im Park noch seine Erregung beim Treffen der alten Freundin noch der Genuss beim Schlecken des Eises sichtbar werden, eben nur Felder, Muster, Potentiale und Differentiale. Nur dann befindet sich die Auswertung auf der Ebene reiner Physik.

Wie kommt man nun von dort zu mir als demjenigen Menschen, der den Spaziergang gemacht hat und dabei unterschiedliche Erlebnisse hatte? Wie kommt man überhaupt von em Mustern zu Bildern, die für menschliche Wahrnehmung einen Gehalt haben? Wie kommt man von bildhaften Darstellungen und enzephalographischen Werten und Kurven zum Verständnis des Geschehens im Gehirn, ganz zu schweigen davon, dass man dann noch längst nicht bei den Erlebnissen des Spaziergängers ist? Inwiefern kann dann die physikalische Ebene als basal und für alle übergeordneten Ebenen als reduktionsfähig verstanden werden? Haben wir anhand der physikalischen Daten überhaupt etwas ‚verstanden‘?

Natürlich weiß auch der Naturwissenschaftler und erst recht die Erkenntnistheoretikerin, dass die Physik alleine nicht ausreicht zur Beschreibung der Wirklichkeit. Darum wird ja auch durch Theoriebildung ein abgestuftes System von Emergenzen und darüber liegenden Supervenienzen anerkannt, das den Zusammenhang zwischen Physik, Biologie und Anthropologie (diese einmal stellvertretend für die ‚Geisteswissenschaften‘, humanities, genommen) herstellen soll. Aber die Grundthese des Physikalismus wird dennoch kaum infrage gestellt, dass eben bei der genauen Analyse der Wirklichkeit ‚letztlich‘ alles Physik sei. Dabei ist es nicht nur das ‚Bindungsproblem‘ (dieses wird unterschiedlich beschrieben), das Schwierigkeiten macht, wenn man von ‚dort‘ nach ‚hier‘ gelangen will, sondern es ist zunehmend auch der Begriff der Kausalität, der die Voraussetzung für das Axiom der ‚kausalen Geschlossenheit‘ des Raumes der Physik ist. Allein auf der basalen Ebene der Wirklichkeit physikalisch zu erklären bzw. zu definieren, was denn genau Kausalität ist, ist schwierig geworden, so schwierig, dass manche auf den Begriff lieber ganz verzichten möchten und nur (in der Tradition Humes) von dem Nebeneinander von Punkten in der Raumzeit sprechen (David Lewis), wobei schon Wirkungen und Kräfte als kontingente Quiddities darüber hinausgehen.

Schwerer wiegt aus meiner Sicht die Frage, wie ich etwas als grundlegenden Bereich der Wirklichkeit annehmen kann, wenn dadurch keinerlei Zugang zu dem ermöglicht wird, was meiner lebensweltlichen Erfahrung entspricht – siehe den Frühlingsspaziergang. Eine Wissenschaft, die wesentliche Erfahrungen des menschlichen Lebens im Blick auf seine ‚Natur‘ und seine ‚Mitwelt‘ ausblenden muss, kann weiterhin von eminenter Bedeutung sein (z.B. Grundlagenforschung usw.), aber sie kann kaum begründet den Anspruch erheben, das Ganze der Wirklichkeit zu erfassen oder abzubilden. Genau das ist der Pferdefuß beim Physikalismus. Man kommt nicht mehr von ‚dort‘ (den bloßen physikalischen Daten) nach ‚hier‘ (zu den lebensweltlichen Erfahrungen und Beschreibungen). Allerdings sind auch die physikalischen Beschreibungen, selbst wenn sie mathematisch gefasst sind, Ergebnisse einer kulturellen Leistung des Menschen, – und schon mit diesen Deutungen und Interpretationen (Feldgleichungen usw.) ist die ‚rein‘ physikalische Ebene verlassen.

Es ist schon wahr: Physik ergibt nur immer wieder ’nichts als Physik‘. Mehr und anderes kann man von ihr nicht erwarten. Die Interpretationen und Deutungen liegen jenseits der ‚reinen Physik‘. Doch ohne diese kommt nicht einmal die Physik aus, sobald sie Theorien bildet – und wie anders sollte selbst die Physik als Wissenschaft vonstatten gehen?

Mythos des Technizismus

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Mai 112014
 

[Philosophie]

Der bekannteste Mythos der Aufklärung besteht darin, dass danach nichts mehr kommt. Will sagen, der Glaube an den endgültigen Sieg von Vernunft und Wissenschaft ist eben – ein Glaube. Wie alle anderen Überzeugungen speist er sich aus unterschiedlichen Motiven. Das wichtigste Motiv ist dabei die erkannte Plausibilität der Welterklärung und die subjektive Gewissheit, mit einer bestimmten Menge von Auffassungen und Werten richtig zu liegen. Dogmatisch hinsichtlich der Theoriebildung und ideologisch hinsichtlich der eigenen Weltsicht wird eine solche Überzeugung erst, wenn andere Möglichkeiten und andere Überzeugungen als angeblich irrational oder überholt diskreditiert und abgelehnt werden. Dann feiert der Mythos das Fest der eigenen Überlegenheit über den Relativismus und die Dummheit der anderen.

Der Mythos der Aufklärung nimmt unterschiedliche Formen an. Waren es ehedem die verschiedensten Formen des Rationalismus, Positivismus, Logizismus, so trifft man heute eher auf die Formen des Szientismus und des Technizismus. Es sind die wissenschaftstheoretischen Ausprägungen dessen, was in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts als Physikalismus und (frühe) Kybernetik gefeiert wurde. Den passenden Ausdruck findet die Fortsetzung dieses Denkens in den unterschiedlichen Weisen der Systemtheorie als aktuellster Spielart des Mythos der Aufklärung.

Es gab vielfältige Gegenbewegungen: Konstruktivismus und De-Konstruktivismus, antimetaphysischer Neo-Existentialismus und Subjektivismus, Sprachmetaphysik und die propagierte Abschaffung der (theoretischen) Philosophie als letzter Triumph der Philosophie überhaupt. Die französische Philosophie hat hier wie so oft den größten „revolutionären“ Elan an den Tag gelegt. Aber auch dies ist inzwischen als pure Zeitgeist-Mode vergangen und (fast) vergessen. Manche eifrige Anhänger haben das in ihrer „Blase“ nur noch nicht gemerkt. Es gehört eben zu den eigentümlichen Irritationen und dem irisierenden Flirren rasch wechselnder Meinungen und Trends, die zur Unübersichtlichkeit der sogenannten Postmoderne beiträgt. Die Philosophie der Gegenwart ist davon nicht frei.

Mir fallen bestimmte Konzepte des Denkens zum Beispiel in manchen Richtungen der Philosophie des Geistes auf, die sich mit großem Eifer auf die kognitionswissenschaftlich begründeten Formen des Intentionalismus (Dennett) und eines neurobiologischen Computationalismus geworfen haben. Zwar haben sich auch zehn Jahre nach dem Manifest „Gehirn und Geist“ noch längst nicht alle Erwartungen und (schon gar nicht) Voraussagen erfüllt, aber das Programm der Naturalisierung des Geistes oder aktueller, der Naturalisierung intentionaler Zustände wird trotz aller Schwierigkeiten mit zäher Ausdauer weiterverfolgt. Das ist keineswegs zu kritisieren, im Gegenteil. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein erforderliches Maß von Verbissenheit nicht zur dogmatischen Betriebsblindheit führt.

Sollen „Gehirn und Geist“ weder inkommensurable, mehr oder weniger dualistisch beschriebene Größen bleiben, was weder evolutionsbiologisch noch erkenntnistheoretisch auch nur entfernt plausibel wäre, noch reduktiv auf einander zurück geführt und in einer Art psychophysischen TOE (theory of everything) endgültig aufgehoben werden, was beim heutigen Paradigma der Wissenschaft nur heißen kann: auf der Basis der Neurobiologie erklärt und aufgelöst werden, dann bietet sich gegenwärtig gewissermaßen als „dritter Weg“ das computationale, systemtheoretisch-kybernetische Lösungsmodell an. Es hat bestechende Vorzüge: Es kann a) die Frage nach dem neurologischen Korrelat (hardware) relativieren, b) nachprüfbare Verfahren zur Bestimmung von „Intelligenz“ in selbstlernenden Prozessen bieten, c) ein hohes Maß an mathematischer Konsistenz bereit stellen, d) die explodierenden Fähigkeiten der heutigen Super-Computer zu experimentellen Modellierungen nutzen, und e) nicht nur Beispiele zur Erklärung, sondern auch zur Prognostizierbarkeit intelligenter (mentaler ) Prozesse liefern. Die sich in manchen Kreisen der heutigen KI-Forschung verbreitende Euphorie ist durchaus nicht unbegründet.

Dennoch – es bleiben Modelle, „nur“ Computermodelle, bei denen die Adäquanz und Übertragbarkeit auf mentale und intentionale Prozesse stets fraglich bleibt. Auch die Frage nach der behaupteten Unabhängigkeit des Mediums der Realisierung (Substrat, hardware) bleibt ernsthaft zu stellen – eine Frage, die schon vor Jahrzehnten an den Funktionalismus gerichtet wurde. Die jeweilige materielle Basis bringt stets ihre eigene Gesetzlichkeit und Begrenztheit mit sich. Individuelles realisiert sich nur sozial, wie wir wissen – und ebenso dürfte sich Funktionelles, Systemisches auch nur unter den Bedingungen und Möglichkeiten des jeweiligen Materials realisieren. Manchmal erscheint mir die definierte Invarianz kybernetischer Modelle gegenüber der materiellen Basis wie eine computational gewandelter Neo-Dualismus: Die Software macht’s, stupid.

Insofern bleibt angesichts vieler Hoffnungen und Begeisterung hinsichtlich der Fortschritte kognitionswissenschaftlicher Forschung, repräsentationalistischer Theoriebildung und Künstlicher-Intelligenz-Modellierung die aufmerksame Beobachtung angebracht, inwieweit der Fortwärtsdrang die selbstkritische Fehlersensibiltät und das Wissen um kategoriale Begrenzung erhält und es vermeidet, ein abermaliger Mythos der Aufklärung zu werden, dieses Mal im Gewand eines dogmatischen Technizismus. Man könnte gewarnt sein: Auch bei der Euphorie über die „Kulturrevolution“ des Internet kommt anscheinend Hochmut vor dem Fall. Vermutlich wird sich die Geist genannte Seite des biologischen Systems Mensch gegen eine technizistische Vereinheitlichung ebenso sperren, wie das vor über hundert Jahren gegenüber der machanistischen Vereinfachung geschehen ist. Vielleicht müssen wir erst neue Begriffe und Kategorien erfinden, um solche erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundprobleme des Philosophierens (Metzinger) auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und heutiger Lebenspraxis besser zu verstehen.

Grenzen der Vorstellung

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Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.

Theory of Mind 3.0

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Mai 122013
 

Eines der spannendsten Gebiete der heutigen Wissenschaften befasst sich mit dem Geist, unter dem englischen Begriff einer Theory of Mind. Das Spannende ist, dass es bei der Frage nach dem menschlichen Geist nicht um das Spezialgebiet einer einzelnen Wissenschaft geht, sondern um eine Frage, die nur interdisziplinär angegangen werden kann. Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Philosophie, um die wichtigsten Disziplinen zu nennen, können offenbar nur miteinander unter jeweils eigenen, aber auf einander bezogenen Fragestellungen denjenigen „Gegenstand“ untersuchen, den man herkömmlich den „Geist“ nennt, darunter das Bewusstsein als einem Spezialbereich, die Frage nach dem Ich, nach dem Selbst, nach dem „computationalen“ Denkvermögen und vor allem nach der Physiologie und Funktionalität des Gehirns, das offenbar mit allen geistigen Prozessen unlösbar verbunden ist. Aber wie? (Einige frühere Beiträge in diesem Blog zeigen, dass mich diese Frage nicht los lässt.)

Und da ist sie auch schon, die Frage aller Fragen, an der sich die Geister (metaphorisch) scheiden. Weitgehend unbestritten ist es, von einer Korrelation zwischen neuralen Funktionen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Aber was genau bedeutet diese Korrelation? Oder ist da mehr, nicht nur Korrelation, sondern Kausalität? Bedingen also physiologisch-neurale Prozesse alle Erscheinungen und Fähigkeiten des Geistes, des Bewusstseins? Neurologen formulieren meist, dass geistige Vermögen einschließlich des Bewusstseins auf neuralen Substraten „beruhen“. Aber was genau heißt dieses „beruhen“? Werden ausgelöst, verursacht, bedingt, beeinflusst? Oder „nur“ begleitet, ermöglicht, basal fundiert im Sinne von „kein Geist ohne Gehirn“?

Auf Seiten der analytischen Philosophie hat sich die Fragestellung lange Zeit auf die „Qualia“ konzentriert, also auf das sogenannte „phänomenale Bewusstsein“, das als „Gefühl von etwas“ beschrieben werden kann. Was die Wahrnehmung der Farbe „rot“ verursacht, wissen wir, aber können wir damit auch erklären, wie es sich anfühlt, „rot“ zu sehen, also diesen (oder jeden anderen) sensorischen Eindruck zu haben? Die Verneinung der Frage argumentiert mit der berühmten „Erklärungslücke“ (explanatory gap), die zwischen Bewusstsein und physiologischer Erklärung bestehe. Aber sind diese „sekundären Qualitäten“ wirklich Gegenstände, also objektivierbare Gegebenheiten unseres psycho-physischen Erlebens oder sind es eher sprachliche Zuschreibungen, also kein introspektives „Was“, sondern eben ein „Wie“, in dem sich unser Erleben ausdrückt? Neurokognitionswissenschaft und philosophischer, d.h. epistemischer und / oder ontologischer Reduktionismus sehen hier allenfalls ein Scheinproblem. Vielleicht ist die Zuspitzung auf die Qualia auch nur ein in der Diskussion immer stärker isolierter Aspekt, der inzwischen das eigentliche Problem verdeckt: Können wir das Bewusstsein in all seinen Funktionen und Phänomenen naturwissenschaftlich erklären?

Neuronen (Wikipedia)

Neuronen (Wikipedia)

Immerhin ist es auch in der Hirnforschung unbestritten, dass trotzt gewaltiger Fortschritte in den letzten Jahren noch sehr Vieles wenn nicht das Meiste der Arbeitsweise des Gehirns terra incognita ist. Wir stehen da erst ganz am Anfang. Dies betont auch immer wieder der analytische Philosoph und Vertreter der „Selbstmodell-Theorie der Subjektivität“, insbesondere des „phänomenalen Selbst-Modells“, Thomas Metzinger. Seine genial klingende Theorie der mehrfach gestuften Selbstmodellierung als der repräsentationalen Arbeitsweise des Geistes bzw. des Bewusstseins fragt immer wieder nach den neuralen Korrelaten dieser Theorie, die es erst noch zu finden gilt. So forderte der finnische Neuro-Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo Ende der neunziger Jahre eine „multidisziplinäre Bewusstseinswissenschaft“ (in „Grundkurs“ Bd. 1, siehe unten). Allein die „systematische Beschreibung des Bewusstsein“, also der phänomenologischen Ebene, sei „vielleicht die größte Herausforderung“. Ohne Zweifel ist man damit inzwischen schon etwas weiter, aber offenbar keineswegs am Ziel. Und das ist ja nur der erste Schritt.

Zu leicht macht es sich auf jeden Fall die populäre Rezeption der Bücher von Antonio Damasio, dass halt „alles“ im Denken und Empfinden „nur“ Prozesse auf der Basis von neuronalen Substraten seien. Der Geist wird rasch durch das elektrische Funken und biochemische Prozesse des Gehirns ersetzt. Das ist dann nichts anderes als die recht vereinfachende These der Reduktionisten. Wie schon vor einhundert Jahren hat der (damals verbreitete) „biologische Mechanismus“ den betörenden Vorteil eines einheitlichen und einfachen Weltmodells, nämlich des materialistischen. Wir werden um die relative Wahrheit dieses Ansatzes nicht herum kommen, aber man sollte den materialistischen Grundsatz auch nicht zum Glaubensbekenntnis der Wissenschaftstheorie hoch stilisieren. Oder ist er etwa nur ein Glaubenssatz, also ein weltanschauliches Axiom?

Abgesehen von der vor einigen Jahren in verschiedenen Feuilletons, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Disputen behandelten Frage nach dem „freien Willen“ – Wirklichkeit oder Illusion – ist das Interesse an den Theorien und Ergebnissen der Neurowissenschaften und der analytischen Kognitionswissenschaften öffentlich kaum vorhanden. Die Aufmerksamkeits-Karawane ist heute woanders hin gezogen. Wen es dennoch interessiert und wer sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren will, der kann zu „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger greifen (Taschenbuch 2009; 5. Auflage 2012): „Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik“. Diesem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Thema, was denn „der Geist“ ist und wie das „Selbst“ zustande kommt, ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Denn die Wissenschaft vom Bewusstsein hat heute mindestens die Explanationsstufe „3.0“ erreicht.

[Die ausführliche Beschäftigung mit der analytisch-philosophischen Fragestellung anhand von zahlreichen klassischen Texten zu unterschiedlichen Positionen, jeweils kurz eingeleitet, ermöglicht  der dreibändige „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger, 2006 – 2009.]