Jun 102019
 

Träume in der Wirklichkeit

Ich bin es gewohnt, die Welt naturwissenschaftlich zu betrachten. Im Alltag hat mich vieles die Erfahrung gelehrt. Beim philosophischen Nachdenken über den Alltag hinaus öffnen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften Wege, zwischen Realität und Schein, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden und die Welt außerhalb meiner selbst besser und angemessener zu begreifen. So verschmelzen alltägliche Erfahrung und naturwissenschaftliche Erkenntnis zu einem umfassenderen Weltbild, das ich mir angeeignet habe und das meinen Wirklichkeitssinn prägt.

Natürlich liegen die Dinge beim Erkennen der Wirklichkeit sehr viel komplizierter, als es in wenigen Sätzen ausgesagt werden kann. Jedes Nomen in diesem letzten Satz ist ein problematischer Begriff, der allererst genauer bestimmt werden müsste, um den Sinn des Satzes zu erhellen. Was sind überhaupt ‚Dinge‘ außer mir, und was bedeutet ‚Erkennen‘? Über welche ‚Wirklichkeit‘ kann ich Aussagen machen, die zutreffen und darum einen sinnvollen ‚Satz‘ ergeben? Diesen Fragen widmet sich die Erkenntnistheorie, und es ist gut und wichtig, sich damit auseinanderzusetzen und die verschiedenen Positionen der Philosophien in Vergangenheit und Gegenwart kennenzulernen und gegeneinander abzuwägen. Dort, wo es gute und plausible Gründe gibt, können eigene Überzeugungen wachsen.

Von ‚Wahrheit‘ ist bisher nicht die Rede, auch nicht davon, die einzig richtige Erklärung eines Sachverhalts zu finden. Zweieinhalbtausend Jahre Geschichte des geordneten Denkens und Erkennens, also der Philosophiegeschichte, haben nicht zu einer einzigen, sondern zu vielen unterschiedlichen Positionen und Erklärungsweisen geführt. Man sollte dies weniger als einen Missstand denn als einen Reichtum ansehen. Die eine einzige Methode, die eine einzige Wahrheit, die eine einzige Antwort oder Lösung auf die vielen Fragen des Menschen gibt es offenbar nicht. Ich muss sagen, ich finde das sehr gut so.

Nun bleibt allerdings keineswegs nur ein resignierter Relativismus oder Skeptizismus übrig. Es gibt durchaus Erkenntnisse und Aussagen, die plausibler sind als andere. Es gibt besonders im Bereich der Naturwissenschaften einschließlich der Biologie einen Bereich des Wissens, der durch sehr genaue Regeln des Vorgehens und der Theoriekonstruktion geprägt ist. Solche Erkenntnisse gewinnen ihre Plausibilität dadurch, dass sie an der Wirklichkeit überprüft werden können. Sie sind überzeugend, wenn zwei methodische Bedingungen erfüllt sind: a) Die Erkenntnisse (Aussagen, Sätze, Gleichungen) sind ‚allgemein gültig‘, das heißt an allen Orten und zu allen Zeiten von jedermann nachvollziehbar. b) Diese Erkenntnisse lassen begründete Voraussagen zu, die durch Erfahrung (Beobachtung, Messung, Experiment) überprüft werden können. Beides zusammen ergibt eine hohe Verlässlichkeit und Plausibilität. Es ergibt aber keine Wahrheit.

Denn welche Wirklichkeit wird dabei erkannt? Wie verhalten sich Beobachter und Beobachtetes zueinander? Was ist Entdeckung, was Zuschreibung und Interpretation? Inwiefern sind Theorien Modelle, die zwar Wirklichkeit erhellen, aber auch verstellen können? Die Geschichte der Wissenschaft ist voller Wege und Irrwege, die einen davor warnen, allzu vollmundig eine bestimmte Erkenntnis als nun allein- und letzt- gültig zu behaupten. „Bis zum Erweis des Gegenteils“, muss stets hinzugefügt werden. Poppers Methode der Falsifikation beschreibt Wissenschaft überhaupt nur als Eingrenzung bzw. Verringerung des Irrtums. Aber auch positivere Haltungen sind möglich, die davon ausgehen, dass Realität zwar nie vollständig, aber doch zunehmend plausibel und begründet, und sei es auch in komplementären Modellen, beschreibbar ist. Naturgesetze und fundamentale Konstanten gelten dabei als unverrückbare Leuchttürme, die der wissenschaftlichen Erforschung einen festen Rahmen geben.

Aber ich muss da aus meiner Sicht gleich einschränken. Alles, was an Erkenntis möglich ist, sind Aussagen / Modelle / Systeme, die jeweils unterschiedliche Beschreibungen eines Sachverhalts darstellen. Manche davon mögen andere auschließen, andere nur ergänzen. Wenn wir Sachverhalte sinnvoll in Sprache fassen – und das müssen wir, wenn überhaupt von Erkenntnis die Rede sein soll, unabhängig davon, wie abstrakt / symbolisch [mathematisch, logisch] oder nahe am alltäglichen Sprachgebrauch die Aussagen formuliert werden – , befinden wir uns stets auf der Ebene der Beschreibung. Man kann dann weiter darüber nachdenken, welche Qualität das Bezeichnende und das Bezeichnete hat, welchen Sinn und Bedeutung einer Sache zukommt, wenn ihr denn überhaupt eine solche zukommt. Das reale ‚Ding‘ hinter der Beschreibung bleibt dem Zugriff des Begreifens letztlich entzogen: Kants „Ding an sich“ ist unerkennbar. Einen Realismus des Erkennens und Beschreibens kann man behaupten, – aber man kann ihn nur behaupten. Insofern sind auch die Naturgesetze, Konstanten und die mathematischen Gleichungen, die sie formulieren, Beschreibungen der Wirklichkeit, wie wir sie methodisch exakt bestenfalls erreichen können. Sie haben höchsten Wert und größte Plausibilität. Aber es sind keine letzten Wahrheiten, keine Enthüllungen der Realität hinter den Beschreibungen.

Gerade so kann ich mich aber an den faszinierenden Ergebnissen und Möglichkeiten der Quantenmechanik, der Genetik und Entwicklungsbiologie, der Kosmologie, des Aufspannens neuer mathematischer Räume und ‚Schäume‘ begeistern. Ich bin fröhlich und zufrieden damit, dass in der Natur, wie wir sie erkennen, alles seine Ursachen und Wirkungen, seine Zusammenhänge und Sprünge hat. Natur außerhalb des Menschen kennt keine Intentionalität, keine Teleologie, kein „intelligent design“, sondern nur Kausalität und Chaos, Determinismus und Fließgleichgewichte, Thermodynamik und einen geheimnisvollen Zeitpfeil, dessen Inhalt die Entropie ist. Oder auch umgekehrt, da streitet die Wissenschaft. Kann ich erkennen, was vor dem Urknall ist, wenn doch mit dem Urknall auch allererst der Lichtkegel unseres Ereignishorizontes entsteht? Fragen darf ich aber schon danach. Kann ich wissen, was jenseits unserer vierdimensionalen Raumzeit existiert – und gibt es da etwas, auf das die Begriffe ‚Existenz‘ und ‚Wissen‘ zutreffen? Ist es plausibel, die Entstehung von Leben als einem allgemeinen Entwicklungsgesetz folgend prinzipiell überall im Kosmos als möglich zu erwarten, oder ist es eine singuläre Erscheinung des Planeten Erde, was anzunehmen der Wissenschaft nicht leicht fiele? Kurzum – auch wenn unser gesichertes Wissen immer begrenzt, möglicherweise widersprüchlich und lückenhaft bleibt, es ist so voller Reichtum und Schönheit, dass man über den forschenden und erkennenden Geist des Menschen nur staunen kann!

St. Petri Soest

Erkenntnis, Wissenschaft ist insofern wie eine unendliche Sinfonie. Sie zeigt Klangfülle, Harmonien, Dissonanzen, aber kein Ende, kein Ziel. Sie lässt Grenzen entdecken – und überschreiten. Aber sie sieht, erkennt, weiß, sagt nie das Ganze. Der erkennende Mensch ist immer ein Teil des zu Erkennenden; es gibt keinen Punkt im Nirgendwo, von wo aus alles ‚einen Sinn‘ ergibt. Vielleicht ist es dies, das mich zu einer anderen, zu einer weiteren Erfahrung führt. Ich kann sie nicht als Konkurrenz, nicht einmal als Ergänzung oder Überhöhung ansehen. Diese Erfahrung ist anders und umfasst und betrifft mich ebenso gänzlich wie mein Streben nach begründeter Erkenntnis. Man kann diese ‚andere‘ Erfahrung gewiss in unterschiedlichen Zusammenhängen machen. Es handelt sich um eine Erfahrung von Ganzheitlichkeit und Vollkommenheit, wie sie mir in der Kunst, in der Musik, in der Religion begegnet.

Ich sitze in einem Kirchenraum. In meiner Vorstellung und auch tatsächlich ist es eine sehr alte Kirche mit den verschiedensten Stilelementen, angefangen bei der Romanik über die Gotik hin zu einer neuzeitlichen (Nachkriegs-) Rekonstruktion, die einen zufriedenstellenden architektonischen Gesamteindruck vermittelt. Ich bin christlich – evangelisch sozialisiert und durchaus religiös ‚musikalisch‘. Ich mag wieder einen schönen Gottesdienst. Ich spreche das Glaubensbekenntnis und stoße mich überhaupt nicht am „Schöpfer des Himmels und der Erde“, auch an der „Jungfrau Maria“ nicht. Lieder und Gebete, Lesungen und Klänge erfüllen den Raum, durch dessen bunte Glasfenster die Morgensonne Bilder leuchten lässt. Ich fühle mich gut aufgehoben und wohl, vielleicht weil ich überhaupt nicht nachdenken muss und will. „Erhebet eure Herzen“ – nein, wir erheben sie nicht, wir werden erhoben zum ‚Herrn‘. Ich habe lange gebraucht, einen Gottesdienst wieder so fröhlich und unbeschwert feiern zu können mit all den Menschen (erstaunlich viel Mittelalter) neben mir und mit mir beim Mahl am Altar. Ich genieße die wundervolle Orgel. Erstaunlicherweise finde ich auch Predigten oft bewegend und gut. Was ist es, das diesen angenehmen Wärmestrom hervorbringt?

Man kann es sehr schnell psychologisch und vielleicht sogar gerontologisch erklären. Kindheitserinnerungen, Gefühl der Geborgenheit, Altwerden. Dieses und noch mehr Erklärliches mag zutreffen, aber es trifft mich nicht wirklich. Es ist tatsächlich eine andere Art Erfahrung des Wirklichen und des Lebens. Ich möchte diese Erfahrung „Gottessehnsucht“ nennen. An klassischen Theologen hat sie vielleicht am deutlichsten Friedrich Schleiermacher formuliert. In diesen religiösen oder musikalischen Erfahrungen werden andere ‚Welten‘ spürbar, Gefühle und innere Bewegungen, die durchaus ‚real‘ sind. Es spielt dafür zunächst überhaupt keine Rolle, ob diesem Gefühl eine äußere Realität entspricht, ob also das geheimnisvolle Ganze, das ich als ‚Gott‘ erfahre, ein Produkt meiner Phantasie oder ein Ergebnis meiner Träumereien ist. Es ist jedenfalls eine Art Sehnsucht nach Ganzheit, Heilsein, Geborgenheit, Versöhntsein mit all dem Übrigen in der Welt. Das Widerwärtige und Widerspenstige bleibt hier draußen, außen vor, und nur so ‚erhoben‘ und getröstet fühle ich mich bereit, all den anderen Erfahrungen von Rationalität und Realität wieder zu begegnen. Vielleicht gibt diese Sehnsucht, die einen Moment lang als gestillt erfahrbar wird, auch die Kraft, die vielen Widerwärtigkeiten und Grausamkeiten, die Hast, Gier, Niederträchtigkeit in der alltäglichen Welt auszuhalten.

Gottessehnsucht ist wie ein Korrektiv. Sie weist auf Fülle und Ganzheit, die sonst nirgendwo zu finden ist. Sie ist eine andere ‚Sinfonie‘ als die ‚Sinfonie‘ der Wissenschaft. Beide stehen in keiner Konkurrenz, weil sie auf ganz verschiedenen Ebenen des Menschseins zu Hause sind. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht, vielleicht lege ich mir das nur passend zurecht. Was wäre daran verkehrt? Die Wirklichkeiten der Welt, die Erkenntnisse und Erfahrungen in Wissenschaft, Philosophie, Religion, Kunst sind alles nur unterschiedliche Weisen des Menschen, ‚das Universum‘ anzuschauen. –
Und vielleicht ist die ‚Gottessehnsucht‘ doch so etwas wie der Cantus firmus. Es ist nur eine Vermutung – aber was können wir schon mehr?

Reinhart Gruhn, zu Pfingsten

Das Maß der Vernunft

 Kunst, Philosophie, Religion, Vernunft, Wissenschaft  Kommentare deaktiviert für Das Maß der Vernunft
Dez 072017
 
Über das Maß der Vernunft zu sprechen bedeutet, dass Vernunft nicht maßlos ist. Ein Maß ist eine Begrenzung, in diesem Fall eine begriffliche Bestimmung. Vernunft ist nicht alles und jedes, was denkt, weil nicht alles Denken und nicht alle Welt vernünftig ist. Man kann Unsinniges denken, man kann sich etwas ausdenken, man kann sich selbst etwas denken. Denken scheint als Tätigkeit des menschlichen Geistes umfassender zu sein als das, was unter Vernunft verstanden wird. Vernunft ist regelgeleitetes Denken, das Denken aufgrund von Prinzipien und Kategorien (Kant). Man kann mit Kant davon den Verstand unterscheiden als praktische Tätigkeit des Unterscheidens und Urteilens, aber das ist in unserem Zusammenhang nicht wichtig. Einverständnis herrscht darüber, dass die Betätigung des menschlichen Geistes nicht ohne die funktionale Ebene der physischen Basis (Gehirn) geschehen kann. Auch diese Unterscheidung wird jetzt nicht weiter verfolgt. Eine dritte Unterscheidung interessiert mich hier, die zwischen Vernunft und Wirklichkeit. Auch wenn diese mit den vorigen beiden Unterscheidungen zusammenhängt, kann sie zunächst für sich betrachtet werden.

Abgesehen vom alten und neuen Skeptizismus besteht in der heutigen Philosophie, vor allem in ihrer „analytischen“ Ausprägung, Einigkeit darüber, dass sich die Vernunft auf die Wirklichkeit der Welt bezieht. Wirklichkeit wird vor allem auf naturwissenschaftlicher Basis definiert und entsprechend naturalistisch verstanden. Auch dies sei hier zunächst einmal nicht weiter hinterfragt. Die Aufgabe der Vernunft ist es dann, sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten, sie zu erkennen, zu durchdringen, Regeln und Muster zu finden und diese in einer möglichst klaren und eindeutigen Sprache (Mathematik) zu beschreiben, zu „formulieren“. Ferner ist es Aufgabe der Vernunft, über ihre eigenen Verfahren und Regeln (Logik, Sprache) Rechenschaft abzulegen. Wenn man will, kann man auch über die Bedingungen der Möglichkeit des angemessenen Vernunftgebrauchs nachdenken, also über das, was man heute die Metaebene nennen würde und was bei Kant die Bestimmung des Transzendentalen ist. Diese Art einer klar begrenzten Metaphysik ist gerade noch gelitten. Kurz gesagt ist die Vernunft die Basis des wissenschaftlichen Umgangs mit der Welt. Die Frage ist aber, ob die Vernunft der ausschließliche Umgang mit Wirklichkeit ist, ob also ein bestimmter vernünftiger Kanon von Denkweisen und Methoden, wie er in den Wissenschaften verwirklicht ist, auch das Ganze der Wirklichkeit bestimmt, die uns überhaupt irgendwie zugänglich ist.

Man wird schnell einsehen, dass dies nicht der Fall ist. Es gibt viele andere Wege zur Wirklichkeit, beispielsweise über die Emotionen, das „Bauchgefühl“, über Stimmungen, Töne, Tanzen, alle weiteren Sinneswahrnehmungen wie z. B. Düfte, über willkürliche Aneignung von Wirklichkeit, wie sie subjektiven Vorstellungen entspricht (Schopenhauer). Die Kunst, also die Gesamtheit der künstlerischen Tätigkeiten und Gestaltungen der Wirklichkeit, ebenso wie die Religion und ihr transzendenter Weg zur Wirklichkeit und schließlich der Politik mit Erwerb und Verlust von Macht als entscheidender Einwirkungsweise auf die Wirklichkeit sind als wichtigste Bereiche neben der Vernunft zu nennen. Diese Bereiche sind nicht per se unvernünftig, aber jedenfalls eigenständig und folgen nicht in erster Linie den Regeln und Methoden der Vernunft. Die Wirklichkeit, wie sie uns zugänglich ist, reicht also weiter als das, was mit dem Begriff Vernunft begrenzt und bestimmt ist. Man könnte darüber hinaus auch noch an Wirklichkeiten denken, die uns nicht zugänglich sind, über die sich darum auch nichts sagen lässt, die es aber geben kann, die man darum als Grenzmöglichkeiten stehen lassen muss.

Es ist ein verführerischer Weg, die Vernunft, wie sie sich in den Wissenschaften verwirklicht, von vornherein als beschränkt und eingegrenzt anzusehen. Sie droht dann bald in der Beliebigkeit unterschiedlicher Zugänge zur Wirklichkeit zu versinken. So behauptet es die Redeweise vom postfaktischen Zeitalter, als wäre nun, da die Vernunft selbst als korrumpierbar erscheint, alles gleich möglich, wirklich, richtig. Das verkennt die ausgezeichnete Stellung, die der menschlichen Vernunft in Kultur- und Geistesgeschichte zugewachsen ist. Die Vernunft ist das einzige Mittel, das Menschen haben, um ihre Welt und Umwelt methodisch zu erkennen und intersubjektiv zu vermitteln, das heißt, eigene Erkenntnis mitzuteilen und  durch andere infrage stellen zu lassen, und zwar auf dem Boden gemeinsamer, anerkannter Wege und Verfahrensweisen. Dieses aufzugeben kann mit guten Gründen niemand wollen. Bloßer Wille und eigenes Interesse, Machtgewinn und -durchsetzung existieren sehr wohl weithin, ohne auf vernünftige Begründung und Rechtfertigung angewiesen zu sein. Umso mehr ist zur Begrenzung von Macht und Willkür vernünftiges Denken und Argumentieren unerlässlich, wenn der Primat einer humanitären Orientierung der Wirklichkeit (gleiche Würde und Rechte des Menschlichen) bestehen bleiben soll. Wissenschaft ist nicht eine beliebige Option unter vielen gleichwertigen, sondern eine ausgezeichnete, weil die Vernunft selbst zu den ausgezeichneten Eigenschaften des Menschen gehört. Über die Art, die Grundlagen und die Grenzen der jeweiligen Wissenschaft lässt sich dennoch sehr wohl streiten, aber eben als Auseinandersetzung um den besten, weil angemessensten und sachgerechtesten Weg, Erkenntnis zu gewinnen, auf der Basis gleicher Regeln und Verfahren des Vernunftgebrauchs.

Himmel

Die ausgezeichnete Stellung der Vernunft nachdrücklich zu behaupten und zu verteidigen, heißt aber nicht, die Vernunft als den einzigen und allein gültigen Zugang zur Wirklichkeit zu definieren. Das hieße, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es gibt andere Wege, weniger objektivierbare und regelgeleitete, aber oft ebenso intersubjektiv vermittelbar, bisweilen sogar deutlich weitreichender kommunizierbar als der Weg über die Vernunft, Wissenschaft und Sprache. „Musik kennt keine Grenzen“, sagt man, und meint damit genau dies, dass die „Sprache“ der bildenden Kunst oder eben der Musik eine unmittelbare Verbindung der teilnehmenden Menschen in und mit ihrer Wirklichkeit bewirkt. Darüber hinaus kann auf den Wegen der künstlerischen Weltdarstellung mehr und anderes erschlossen werden, als es der wissenschaftliche Zugang zulässt. Intuition, Kreativität, Ahnung, unklare Gedanken und gemischte Seelen- und Gemütszustände können sich hier Ausdruck verschaffen und so auf die Vieldeutigkeit und Ambiguität der Wirklichkeit angemessen Antwort geben. Das meint auch das heute gebrauchte Wort der Resonanz: auf Wirklichkeit und Umwelt anders antworten und eingehen als objektiv, vernünftig, regulär und analytisch. Die für alle Wissenschaft nötige Objektivierung kann in anderen Bereichen und Zugängen der Wirklichkeit gerade hinderlich sein. Gerade nicht erst dann, wenn ich ein Musikstück analysiere, habe ich es genossen, sondern es ist eher umgekehrt: Weil es mich anspricht, mich bewegt, mir eine neue Welt erschließt, kann ich auch das Interesse aufbringen, es weiter zu untersuchen und in seinen besonderen Strukturen zu verstehen und schätzen zu lernen. Dieser zweite Schritt kann sein, muss es aber nicht. Kunst spricht aus sich selber, und für ihre Kommunikation gibt es keine vernünftigen Regeln und Grenzen.

Ein besonderes Erlebnis war ein Konzert von Musikern und Musikerinnen der Musikhochschule Münster. Zu hören, zu sehen und zu erleben, wie sich junge Menschen Musikwerke aneignen, sie umformen und ihren eigenen Ausdruck finden hinsichtlich dessen, was ein Musikstück ausstrahlt, ist eindrucksvoll und schafft eine neue musikalische Wirklichkeit.

In anderer Weise gilt das auch für die Religion. Sie ist mitnichten als ein gesellschaftliches System (Niklas Luhmann) angemessen beschrieben. Religion als derjenige Bereich des Menschlichen, der es mit dem Göttlichen zu tun bekommt, ist ein so wesentlicher eigenständiger Bereich, dass er nicht in der Antithese von Immanenz und Transzendenz erfasst werden kann. In den Religionen vollzieht sich auf sehr unterschiedliche Weise durch Meditation, Tanz, Ritual usw. eine Selbstbeziehung, Selbstbegrenzung und Selbsttranszendierung auf etwas, das den Menschen sowohl einzeln als auch innerhalb einer Gemeinschaft übersteigt. Der Mensch sieht sich konfrontiert mit einer Wirklichkeit, die sein natürliches Dasein begründen, begleiten und ausrichten kann und die ihn unter, inmitten und jenseits der natürlichen Welt umgibt. Diese vagen Formulierungen deuten an, dass Religion in ihrer jeweiligen kulturellen Ausprägung sowohl innerweltlich (Schamanen, Ahnen) als auch vorweltlich (Traumzeit) und jenseitig (das Göttliche, Gott) und zugleich als Verschränkung dieser drei Dimensionen beschreibbar ist. Jenseitige-Welt-Vorstellungen, wie sie dem christlich-jüdisch- islamischen Religionskreis zugeschrieben werden, sind, falls sie zutreffen, kein exklusives Muster, das als Maßstab dienen kann. Religionen als kulturelle Gegebenheiten sind so vielfältig, dass es schwerfällt, das darin sich äußernde Welt- und Lebensgefühl auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Vielleicht ist es dies, dass sich der Mensch innerhalb seiner natürlichen Welt von einer darüber hinausgehenden Wirklichkeit umgeben und durchdrungen sieht, die sich dem zweckrational-technischen, nur verstandesmäßigen Zugriff entzieht. Als gesellschaftlich geronnene Form mag Religion dann auch soziologisch als System beschreibbar sein und theologisch rational gestaltet werden.

Wie immer man sich selbst gegenüber der Welt der Kunst oder gegenüber der Wirklichkeit der Religion verortet und verhält, positiv, negativ oder indifferent, muss jeder einzelne mit sich ausmachen. Es gibt das bekannte Bonmot, man sei „religiös unmusikalisch“ (Max Weber; Jürgen Habermas, siehe dazu Dirk Kaesler), um eine distanzierte Nähe oder Ambivalenz auszudrücken. Es ist kein Zufall, dass diese Metapher Kunst und Religion verbindet, als sei die Religion mit der Musik und diese mit der Religion vergleichbar oder zusammengehörig. Vielleicht drückt sich darin sehr prägnant aus, wie ‚Vernunftmenschen‘ und ausgewiesene Wissenschaftler bei aller notwendigen rationalen Verpflichtung ihrer Arbeiten doch um eine Grenze wissen, um ein Anderes gegenüber der Vernunft, dessen man teilhaftig sein kann oder nicht, dessen Kraft und Wirklichkeit aber für diejenigen, die religiös oder musikalisch oder beides sind, unzweifelhaft gegeben ist. Genau so verstanden ist Vernunft maßvoll und wirksam, ausgezeichnet als eine der besten Fähigkeiten des Menschen, aber doch nur als eine der vielfältigen Lebensäußerungen, die Kultur und Welt prägen, die den Menschen zugleich einbetten in eine umfassendere Wirklichkeit, die nicht auszumessen und letztlich nicht zu ergründen ist.

Reinhart Gruhn