Zahlen – Spiele

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Feb 262016
 

Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie des Geistes bekommt neue Aktualität aus einer veränderten Perspektive. Es ist die Perspektive einer Philosophie der Mathematik. Die ontologische Frage, was Natur und Zahl eigentlich verbindet, erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ.

Manch einer, der des Streites über ‚Materie‘ und ‚Geist‘, über analytische oder hermeneutische ‚Metaphysik‘, über Naturalismus und / oder Idealismus überdrüssig ist, könnte versucht sein, seine Zuflucht in der Mathematik zu suchen. Die Mathematik steht bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles, Pythagoras) ebenso hoch im Kurs wie bei Naturalisten und analytischen Philosophen, und uneinig ist man sich bei Letzteren allenfalls in der Bewertung der Logik bezogen auf die Mathematik: ob etwa alle Mathematik in der Logik ihre Basis habe oder ob die theoretische Mathematik ein eigenständiges ontologisches Feld bearbeitet, – aber welches? Es geht in ihr um Zahlen, um Messen, um Mengen. Was sind eigentlich Zahlen? Wie verhalten sich Zählen (Analysis) und Messen (Geometrie) zueinander? Und was tragen dann noch die Mengen aus, vor allem, wenn es interessant werden soll, die unendlichen Mengen? Wieweit ist die Mathematik überhaupt auf Anschaulichkeit und natürliche Referenzen angewiesen, also auf „Konstruierbarkeit“ ihrer Theoreme? Wie steht es mit der Axiomatik, ohne die keine mathematische Theoriebildung möglich ist? Und die letzte, vielleicht wichtigste Frage: Wie verhalten sich Mathematik und Empirie zueinander, wie ‚Zahl‘ und ‚Natur‘? Immerhin, so lesen wir bei Galileo Galilei, sei das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben, und die Ergebnisse der experimentellen Physik lassen sich ohne die mathematischen Kalküle gar nicht beschreiben geschweige denn verstehen. Ein Naturgesetz wird durch eine Gleichung, einen Algorithmus fassbar. Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft unerlässlich – gilt dasselbe auch umgekehrt? Oder reichen mathematische Gegenstände und Begriffe womöglich weit über den Bereich materieller Referenzen hinaus? Wir befinden uns damit bei den Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik. Man darf vermuten, dass es darin nicht gerade einfacher wird.

Es ist das Verdienst von Bernulf Kanitscheider, umfassend in die aktuellen Fragestellungen der Philosophie der Mathematik einzuführen: Natur und Zahl. Die Mathematisierbarkeit der Welt, 2013. Kanitscheider ist ‚bekennender‘ analytischer Philosoph, und jede Metaphysik, erst recht eine idealistische wie die Hegels, ist ihm ein Gräuel. Metaphysische ebenso wie theologische Aussagen sind für ihn, wissenschaftlich betrachtet, reine Phantasma über einen „gespensterhaften“ Gegenstandsbereich. Gelegentlich erinnern seine polemischen Bemerkungen an Richard Dawkins. Man sollte sich nicht daran stören, denn er bietet eine sehr breit ausgeführte Darstellung der Diskussion um die Hintergründe und ‚Randbedingungen‘ mathematischer Entwürfe. Sein Ansatz in der Antike bewährt sich in erstaunlichen Aktualisierungen in der Gegenwart. Er stimmt dem analytisch-philosophischen Programm einer durchgängigen Naturalisierung der wissenschaftlichen Welt uneingeschränkt zu. Sein Wunsch wäre es, auch die Mathematik, ihre Gegenstände und Theoreme, physisch zu ’naturalisieren‘. Wenn Kanitscheider dann aber die erheblichen Probleme benennt, die einem solchen Vorhaben entgegen stehen, und sich selber auf einer gemäßigt aristotelischen Position wiederfindet, deren Abgrenzung zu einem platonisierenden ‚Realismus‘ der Mathematik ihm sichtlich schwer fällt, dann ist das für die Sache der philosophischen Mathematik überaus aufschlussreich.

Die immer wiederkehrende und in unterschiedlichen Entwürfen hin und her gewendete Frage lautet: Sind Zahlen etwas ontologisch Reales, oder sind es nur Zeichen, Benennungen für physisch reale Gegenstände? Sind also bei dem Satz: „Das sind 3 Äpfel.“ nur die Äpfel real und die „3“ eine rein gedankliche Benennung, oder ist die Zahl 3 eine eigenständige Entität? Wir sehen sofort, dies ist die alte Streitfrage zwischen Realismus und Nominalismus (übrigens ein metaphysisches Problem). Es kehren noch sehr viele andere alte Fragen wieder: Ist die Zahlenwelt ein eigenes Reich wie das Reich der platonischen Ideen, oder sind die Zahlen bzw. die mathematischen Relationen so etwas wie die der Materie aufgeprägten Strukturen, also das, was Aristoteles die Form nannte, die der Substanz erst konkrete Gegenständlichkeit verleiht? Im Hintergrund steht die bereits bei den Vorsokratikern gestellte Frage, wie es kommt, das die erkennbare Welt irgendwie ‚zahlenförmig‘ ist, oder neuzeitlicher gefragt, woher es kommt, dass sich die Phänomene der Natur nicht nur erstaunlich gut mit mathematischen Formeln beschreiben lassen, sondern dass mittels mathematisch formulierter Naturgesetze genaue Voraussagen über physische Prozesse möglich sind? Warum passen ‚Zahl‘ und ‚Natur‘ so gut zusammen, so dass Galilei die Mathematik als die „Sprache der Natur“ bezeichnet hat?

Galileis Beschreibung der Jupiter-Monde By Sage Ross - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8619404

Galileis Arbeits-Instrumente By Sage Ross – Own work, CC BY-SA 3.0

Man hat das Problem noch nicht ganz erfasst, so lange man meint, dies sei doch eigentlich ganz klar, die Mathematik habe sich eben als abstrakte Sprachform zur Beschreibung natürlicher Prozesse bewährt, und wer mehr daraus mache, betreibe halt unnütze Spekulation, – eine praktisch-nominalistische Position. Der Punkt ist aber der, dass mathematische Axiomatiken eine eigene Welt darstellen mit eigenen Regeln und Randbedingungen, mit Schlussfolgerungen und Auswirkungen, die zwar Entsprechungen in der physischen Welt haben können, aber es nicht haben müssen. Im Streit um Cantors Unendlichkeiten wird gerade von Empiristen auf der Unsinnigkeit des physisch Unendlichen bestanden, und darum werden mathematisch unendliche Extensionen verworfen, mit scherwiegenden Folgen für das Verständnis empirischer Daten. Bei der Frage der Stetigkeit diskreter Entitäten und ihrem Verhältnis zum Kontinuum kehrt dieselbe Frage in anderer Form wieder: Was hat es mit der Eigendynamik (um nicht zu sagen Eigenlogik) mathematischer Theoriebildung auf sich, die eben nicht nur subjektiv-mentalistisch aufgeklärt, sondern als objektive abstrakte Gegebenheit kommuniziert werden kann? Völlig abstrakte mathematische Formen und Strukturen haben zwar immer wieder dazu verholfen, physikalische Prozesse zu verstehen und aus Ableitungen heraus Neues zu entdecken (z.B. Higgs-Boson), aber diese mathematischen Strukturen und Axiomatiken gelten als „wahr“, wenn sie widerspruchsfrei und schlüssig sind unabhängig davon, ob das physikalisch nützlich und verifizierbar ist oder nicht. Offenbar ist der Bereich mathematischer Gegenstände noch weiter und offener und vielgestaltiger, als es bezüglich physischer Realisierungen jemals vorstellbar ist. Diese ‚Eigengesetzlichkeit‘ der Mathematik, die ungeheure Produktivität ihrer Axiomatiken und die Eigendynamik der abstrakten Gegenstände und ‚Gebilde‘ (Mandelbrot!) ist vielleicht das stärkste Argument gegen den in der sinnlichen Erfahrung gründenden Nominalismus, der weder mit unendlichen Mengen noch mit unendlichen Reihen, noch überhaupt mit dem aktual Unendlichen ontologisch etwas anzufangen weiß.

Darum neigen viele bekannte Mathematiker (Gödel, Cantor, Russell, sogar Quine mit einem „conditional platonism“) zum mathematischen Platonismus. Die Mathematik befasst sich demnach mit einem eigenständigen Seinsbereich abstrakter Entitäten. Dann taucht sofort die Frage nach der Verbindung dieser ontologischen Ebene mit der ontisch-physikalischen Welt auf (Übergangs- oder Verknüpfungsproblem): Wie können ‚ideale‘ Gegenstände einer mathematischen Ontologie Auswirkungen auf physikalisch- ‚reale‘ Prozesse haben, wie können sie damit überhaupt zusammen hängen, wenn eine kausal-materielle Verknüpfung per definitionem ausscheidet? Radikale Positionen lösen das Übergangsproblem mit einem radikalen Platonismus: Nur die abstrakte Welt der Formen und Strukturen ist wirklich, diese produziert aus sich heraus den Schein einer physikalischen Realität (M. Tegmark, siehe Kanitscheider a.a.O.), und solange wir uns nicht zum Licht der Mathematik erheben, starren wir nur auf die Schatten an der Wand dessen, was für den Alltagsmenschen die physische Welt ist. Hier trifft sich der konsequente Platonismus mit einem ‚virtuellen Realismus‘ oder Fiktionalismus, der unsere konkrete Welt als eine von vielen möglichen Simulationswelten innerhalb digital-ontologischer Theorien begreift. Dann taucht aber die Frage auf, wie man eine „Rettung der Phänomene“ ins Werk setzen kann, ob und wie man den Schein der Simulation durchbrechen kann – Hillary Putnams „brain in a vat“ lässt grüßen.

Wem das zu weit geht und wem angesichts der Viele-Welten-Theorien schwindelig wird (obwohl die Multiversen-Theorie die einzig plausible Erklärung für die Unableitbarkeit der Naturkonstanten liefert), findet dann, wie auch Kanitscheider es tut, einen gemäßigten Aristotelismus für nahe liegend und praktikabel. Die mathematischen Strukturen liegen als untrennbar prägende Formen den physisch-materiellen Gegenständen zugrunde. Die pure Substanz ist ein nicht existentes metaphysisches Unding. Das Elektron ist ohne seine es bestimmende Struktur (Masse, Ladung, Spin) – nichts. Gemäßigt ist dieser aristotelische Realismus deswegen zu nennen, weil er durchaus Raum lassen will für die mathematischen Formen, die ’noch‘ keine physische Realisierung gefunden haben, es aber der Möglichkeit nach könnten. Dieser modale Vorbehalt soll die produktive Weiterarbeit der theoretischen Mathematiker ermöglichen, die zum Beispiel noch den „Cantor der kleinsten Zahl“ hervorbringen müssten, also eine Theorie über die Unendlichkeiten im Kleinsten, die gewissermaßen den Gegenpol zu den überabzählbaren Unendlichkeiten im Größten bilden sollen (Kanitscheider). Überhaupt ist das Feld der mathematischen ‚Gebilde‘ nicht auszumessen und offenbar ebenfalls unendlich groß. Der menschliche Geist ist noch längst nicht an seine Grenzen gestoßen, durch neue mathematische Räume (Axiomatiken) hindurch zu neuen Strukturen und Welten vorzustoßen. Man sieht: Der Übergang von Aristoteles zum Platonismus in der Mathematik ist nur ein kleiner Schritt.

Noch ein anderer Schritt bietet sich freilich an. Wenn man all die referierten und wiederholt breit dargestellten Positionen und die Abwägungen von Für und Wider liest und nachvollzieht, fühlt man sich unmittelbar in den Diskussionen, Alternativen und Aporien der jahrzehntelangen Diskussion um die ‚philosophy of mind‘, die Philosophie des Geistes aus analytischer und nicht-analytischer Sicht, hinein versetzt. Das Problem der Emergenz und der Supervenienz, der Identität und Differenz physischer und mentaler Gegebenheiten, des Übergangs bzw. der Naturalisierung mentaler in neurologische Prozesse, der Reduzierbarkeit und der ontologischen Valenz begrifflicher Extensionen usw. – alles kehrt hier in leicht verändertem Gewand wieder. So scheinen die Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik in einem besonderen Bereich der abstrakten Strukturen die Probleme der Philosophie des Geistes erneut zu thematisieren. Auch die Antworten der klassischen Philosophen sind wieder da in erstaunlicher ‚alter‘ Frische. Aber etwas ist doch anders: Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie bekommt wieder neues Leben aus einer veränderten Perspektive – und diese Perspektive der Mathematik erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ, – das zeigen die vielen neueren Veröffentlichungen zum Thema. Klarer als in vielen Verästelungen der mentalen Philosophie des Geistes werden hier Grundfragen und Probleme der Erkenntnistheorie erkennbar und benennbar, die wohl noch lange virulent und nicht ohne weiteres lösbar sind. Am Beispiel der Mathematik und der ihr eigenen ‚Welten‘ und Axiomatiken, gerade auch ihrer immer wieder Staunen erregenden Fähigkeit, physikalische Gegebenheiten und Prozesse zu verstehen und aufzuklären, zeigt sich die produktive Weite und irgendwie auch die ‚Inkommensurabilität‘ des menschlichen Geistes. Selber durchaus mit einem endlichen Gehirn verbunden ist er in der Lage, Unendliches konsistent zu denken und Beziehungen und Strukturen zwischen abstrakten Entitäten in Gestalt mathematischer Formen und naturalistischen Wirklichkeitsbereichen herzustellen dergestalt, dass nicht einmal der Gedanke, diese abstrakte Welt bringe die konkrete erst hervor, als völlig abwegig erscheint. Zum Glück kann auch Kanitscheider seine metaphysische Aversion nicht durchhalten – er gibt sie quasi an der Haustür beim Betreten der philosophischen Mathematik ab. Die offene und neugierige Nachfrage nach den ontologischen Qualitäten, nach kreativer Produktivität, nach der realen Verankerung der ‚virtuellen‘ Strukturen in den Gebäuden der Mathematik macht dieses Nachdenken ungemein spannend und anregend. Die „geprägte Form“ (Goethe), die sich sowohl biologisch als auch algorithmisch weiter entwickelt, hat etwas Faszinierendes, auch wenn der Zusammenhang von Natur und Zahl letztlich rätselhaft bleibt. VielIeicht sollte auch Aristoteles‘ Gedanke einer Teleologie (causa finalis) nicht gleich als theistisch desavouiert abgetan werden, sondern als ‚bias‘, als innere Tendenz der Strukturen und Energien erneut bedacht werden. Es könnte sich als produktive Intuition erweisen, auch hier dem Anstoß der alten Philosophen aktuell nachzugehen. Es geht um mehr als nur um Zahlenspiele.

Geist und Natur

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Aug 222013
 

Schon die Begrifflichkeit ist schwierig. Ist mit Natur die uns umgebende Welt schlechthin gemeint oder die grüne Romantik im Garten oder das Urlaubsparadies? Ist Geist der kopflastige Gegenstand der Philosophen, die Würze des Alkohols oder irgend ein Gespenst? Könnte das Gegensatzpaar nicht auch Materie  – Geist lauten? oder Physis – Psyche? oder physikalisch – mental? oder Leib – Seele? oder Körper – Geist? oder „science“ – „humanities“, oder (nach Schröder) Wissenschaft – Gedöns?

Ich gehe von den Begriffen Natur und Geist aus. Natur ist der weite Bereich der Welt, wie sie uns naturwissenschaftlich, physikalisch erschlossen wird. Dass das Wort Natur darüber hinaus ein noch viel weiteres Bedeutungsfeld umschreibt, sollte dabei durchaus mitklingen. Der Begriff Geist ist nicht ein aufs Mentale reduziertes inkommensurables Relikt, sondern bezeichnet den weiten Bereich des Denkens, Fühlens, Empfindens, der Vernunft und der Intuition, der Kunst und der Kultur.

Ist der Begriff Natur, Physis, und ihr Wissenschaftsbereich, die Physik, scheinbar eindeutig bestimmt, so ist der (griechische) Begriff des Nous = Geist ungleich vielschichtiger, vielleicht sogar diffuser, unbestimmter. Ihm entspricht kein eindeutiger Wissenschaftsbereich. Die englische Bezeichnung „humanities“ für das, was bei uns Geisteswissenschaften heißt, enthüllt aber einen besonderen Sinn. Der Geist wird offenbar als etwas spezifisch Menschliches angesehen. Dem stand früher der Begriff Seele (anima, psyche) zur Seite als dasjenige, was alle Lebewesen gleichermaßen erfüllt. Den vielleicht umfassendsten Begriff des Geistes hat die griechische Philosophie entwickelt, die sich ihrerseits von persischen und indischen Denkweisen anregen ließ.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci, Embryo (Wikimedia)

Ich versuche entgegen der heute verbreiteten szientistischen, speziell physikalistischen Tendenz ein Denken zu finden, das Natur und Geist zusammen erfasst. In dieser Skizze halte ich mich nicht mit der Kritik des einseitig physikalischen Wissenschaftsbegriff auf, dem ein physikalistisches Weltbild zugrunde liegt, betrachte auch nicht die lange philosophische Vorgeschichte, die insbesondere den wirksamen Dualismus Descartes (res extensa – res cogitans) bedenken müsste, lasse mich auch nicht von den erwartbaren Vorwürfen des metaphysischen Dualismus oder eines überholten Idealismus irritieren, sondern fange einfach mal so an, ganz vorläufig.

Ich möchte meine Position (wenn es denn überhaupt schon eine solche ist) als „physikoidealistisch“ bezeichnen. Ich versuche dabei zusammen zu denken, was beim metaphysischen Dualismus auseinander fällt und was beim physikalischen Monismus einseitig verkürzt, „reduziert“ wird: die umfassend verstandene Natur (Physis) und den gestaltenden Geist, d. h. das von der Möglichkeit zur Wirklichkeit strebende Prinzip der „Idee“ (griech. idea, lat. forma). Wie im vorigen Beitrag angedeutet, lehne ich mich dabei mangels besserer Begriffe an Aristoteles an.

Zugleich habe ich ein Unwohlsein beim Begriff des Panpsychismus, wie er neuerdings von Patrick Spät (Panpsychismus – ein Lösungsvorschlag zum Leib – Seele – Problem, 2010) vertreten wird. Auch Thomas Nagel (Der Blick von nirgendwo, 1986, dt. 2012) geht mit seinem Perspektivismus in diese Richtung. Der Panspychismus will den Fehler vermeiden, erst physikalisch anzufangen und dann das Problem zu haben, wie man das Geistige („Mentale“) widerspruchslos „hinein“ bekommt. Die analytische Philosophie des Geistes hat zumindest dies eine erbracht: Das funktioniert nicht. Supervenienz ist zwar ein analytisch beliebter Terminus, beim näheren Hinsehen bezeichnet er aber etwas kausal Überflüssiges („überdeterminiert“). Also, so die Schlussfolgerung des Panpsychismus, sollte das Geistige von Anfang an zum Materiellen hinzu gedacht werden. Alles, auch das kleinste Elementarteilchen, hat dann einen psychischen „Pol“ (Metapher aus dem Magnetismus). „Protopsychismus“ nennt es Nagel. Das könnte recht verstanden durchaus verheißungsvoll sein. Aber der Begriff Panpsychismus weckt doch die Vorstellung, alles (griech. pan) sei beseelt, der Stein, der Tisch usw. Er wird dann leicht mit einem naiven Animismus verwechselt. Außerdem versucht er den Physikalismus auf seinem eigenen Feld zu begegnen. Er fügt dem Physikalisch-Materiellen ’nur‘ einen zweiten Pol hinzu, dessen Sinn sich im Mikrophysikalischen allerdings nicht erschließt. Der psychische Pol muss deswegen von Anfang an da sein, weil er ja nicht später hinzu kommen kann, wenn denn von seiner gleich ursprünglichen physischen Realität ausgegangen werden soll. Diesen Ansatz halte ich nicht für überzeugend und verheißungsvoll. Die Zielrichtung allerdings teile ich.

Das, was ich als „physikoidealistisch“ bezeichne, geht davon aus, dass es nicht nur eine, sondern viele Wirklichkeiten in der Welt gibt. Ob es überhaupt erlaubt und sinnvoll ist, von der einen Welt zu reden (Einwand Markus Gabriel), lasse ich vorerst dahin gestellt. Viele Wirklichkeiten sind etwas anderes als nur verschiedene Perspektiven auf die eine Wirklichkeit. Viele Wirklichkeiten sind tatsächlich verschiedene Wirklichkeiten, die sich überlagern und durchdringen können und das auch weithin tun, die aber auch in Teilen für sich bestehen können. Eine Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, eigene Begriffe, eigene Regeln, eigene Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge zu etablieren. Die Kunst ist eine solche eigene Wirklichkeit. Sie besteht nicht einfach neben der Alltagswirklichkeit, sondern bezieht sich auf sie, nimmt Gegenstände aus ihr heraus, schafft ihren Raum und ihren Sinn aus sich selbst. Würde sich die Kunst nicht mit dem Alltag irgendwie überlappen, hätten wir normalerweise gar keinen Zugang zu ihr. – Die Religion ist eine weitere, recht eigentümliche Wirklichkeit neben und in unserer sonstigen Wirklichkeit, usw. Es sind eigenständige „Sinnfelder“ (Gabriel).

Die Wirklichkeit des Geistigen ist von besonderer Art. Sie scheint die einzige Wirklichkeit zu sein, die nicht nur neben der Physik besteht, sondern welche die Wirklichkeit der Natur stets und ständig überlagert und durchdringt. Man könnte es eine Dimension der natürlichen Wirklichkeit nennen, wenn bewusst bleibt, dass es sich dabei um eine Metapher handelt. Die geistige Wirklichkeit tritt zwar einerseits als unsere subjektive Perspektive zum Vorschein, ist aber durchaus etwas Objektives, an den Dingen selbst Haftendes. Man könnte es als das Strukturprinzip, als das Verwirklichungsziel und darüber hinaus als die unausgeschöpften Möglichkeiten dessen bezeichnen, was in natürlich-dinglicher Wirklichkeit aktuell gegeben ist. Jedenfalls wäre dieses Geistige in und an den Dingen der Natur als ihre „Idee“, ihre „Form“, zu bestimmen, die allem, was ist, Richtung und Ziel, kurz Sinn verleiht.

Im Blick auf die lebendige Wirklichkeit ist der Geist das, was die Natur belebt. Unser Begriff von Geist sollte also Elemente des traditionellen Seelen-Begriffs (lat. anima) integrieren können. Unabhängig davon, was die Paläobiologen über die Entstehung von Makromolekülen, die Bausteine lebendiger Organismen sind, heraus gefunden haben und noch heraus finden werden, was über Selbstorganisation durch Hyperzyklen (Manfred Eigen) theoretisch modelliert wird oder auf welche Weise Leben mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Einklang gebracht wird (I. Prigogine, „dissipative Systeme“), indem Lebensprozesse als ‚geliehene‘ (negative) Entropie interpretiert werden, – unabhängig von all diesen wahrlich schwierigen und bislang noch keineswegs befriedigend geklärten physikalischen Verhältnissen gerät auf der Ebene des Geistes das Leben als ein höher wertiger, d. h. Sinn suchender und Sinn stiftender Prozess des Seins  in den Blick (-> Prozess-Ontologie, Alfred N. Whitehead lässt grüßen).

Das Lebendige ohne die Ebene des Geistes zu betrachten ist nicht nur stark anti-intuitiv, sondern blendet schlicht entscheidende Bereiche der Wirklichkeit aus. Leben, unser menschliches eingeschlossen, ist eben wesentlich keineswegs nur „Sternenstaub“. Der Mensch begreift sich in seiner Wirklichkeit stets als sinnvoll oder aber bedroht vom Verlust des Sinnes. Letzteres ist oft genug (wörtlich) lebensbedrohlich. Um in der philosophischen Betrachtung der Welt näher an der Wirklichkeit bzw. den Wirklichkeiten zu sein, in denen wir tatsächlich leben, und die unterschiedlichen Aspekte des Lebens (natürlich, sozial, kulturell) in die ontologische Theorie mit aufzunehmen, ist ein Denken erforderlich, das diese unterschiedlichen Ebenen des Wirklichen ontologisch abbildet. Das physikalistische Weltbild ist dagegen nur eine Abstraktion.

Genau um dies zu tun, um Geist und Natur, Natur und Kultur, Kunst und Leben usw. zusammen denken zu können, ist ein Denkansatz nötig, den ich hier einmal „physikoidealistisch“ genannt habe. Auch das ist missverständlich und vor allem vorläufig und skizzenhaft. Jedenfalls möchte ich damit auch die Anregung von Markus Gabriel aufgreifen, in der Philosophie zu einem „neuen Realismus“ zu finden.