Entelechie

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Nov 132015
 

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu bestimmen. Das naturalistische Weltbild hat mit der Perfektion der kausalistischen Welterkenntnis und Welterklärung in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur durch die konsequente Anwendung  eines naturalistisch-materiellen Begriffs von Ursache und Wirkung und daraus folgend von kausaler Geschlossenheit der Wirklichkeit als ganzer sind die gewaltigen Erfolge und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik möglich und verständlich geworden.

Das, was ist, wird somit als ein bestimmtes Ergebnis einer Kette von Ursachen verstanden. Genaue Aussagen über die Zukunft sind dann und insofern möglich, wenn alle Ursachen, die auf etwas einwirken, bekannt sind. Pierre-Simon Laplace hat dies Prinzip präzise formuliert; es wurde als Metapher vom „Laplaceschen Dämon“ bekannt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ (1814, zitiert nach Wikipedia)

Dass die Kenntnis aller möglichen Ursachen einer Tatsache in offenen Systemen unmöglich ist (volkstümlich veranschaulicht durch den Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Sturm auslöst; den Sack Reis, der in China umfällt usw.), kann das Laplacesche Prinzip nicht widerlegen. Es gilt tatsächlich für alle Labor-Bedingungen und naturwissenschaftlichen Experimente: Die Versuchsanordnung (= geschlossenes System) soll nur exakt bestimmte Bedingungen als Ursachen zulassen und alle Nebenbedingungen (Störungen) möglichst ausschließen oder zumindest mit Hilfe von Durchschnittswerten heraus rechnen. Insofern ist das Kausalitätsprinzip das bestimmende Prinzip aller naturwissenschaftlich begründeten Forschung und Wissenschaft geworden.

Über das Entstehen wird also als Wirkungen infolge von Ursachen etwas ausgesagt. Nicht in gleicher Weise wird jedoch etwas über das Vergehen gesagt oder gewusst. Die Beendigung eines Zustandes aufgrund äußerer Störungen oder aufgrund des Wegfalls konstitutiver Bedingungen und wesentlicher Ursachen ist nicht dasselbe. Der Begriff Vergehen bezeichnet ein Geschehen, das etwas anderes ist als nur Deprivation, also das Fehlen von etwas. Das Sterben ist noch anders zu beschreiben und zu verstehen als nur als das Aufhören von etwas. Der Tod ist zwar das Ende des Lebens, aber das Sterben als Prozess eines Abnehmens und Vergehens hat noch „Aktiva“ in sich, die dann am Ende, im Tod, endgültig aufhören. Auch thermodynamisch ist wachsende Entropie durchaus ein aktiv zu verstehender und nicht bloß ein defizitärer Prozess. Die höchste Form der Entropie kann als Kulminationspunkt größtmöglicher Information verstanden werden (vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker). Interpretiert man Leben als Entropie-Aufschub, so ist Sterben sich wieder durchsetzende Entropie: Auch ‚Abnehmen‘ hat seine Ursachen, die aber umgekehrt zum Prozess des Entstehens verlaufen. Bei biologischen Systemen ist der programmierte Zelltod (Apoptose) konstitutiv. Was aber führt zum Entstehen, was zum Vergehen? Diese Frage berührt nicht nur Lebewesen, sondern ebenso bloße Materie: Was bringt die Sonne zum Erglühen und Verglühen?

Kausalität als solche hat noch keine Richtung. Sie konstruiert nur eine Verkettung von Dingen und Ereignissen in der Abfolge von Ursachen und Wirkungen. Eine Richtung kommt erst durch den Gedanken der unumkehrbaren Zeit und der Evolution hinzu. Der Evolutionsgedanke ist geradezu die Verknüpfung von Kausalität mit der gerichteten Zeit. Nun werden auch kausal verknüpfte Dinge und Sachverhalte in einer zeitlich nach „vorne“ offenen Abfolge angeordnet. Nur im Rückblick ergibt sich ein verstehbarer Zusammenhang, der als Entwicklung beschrieben werden kann. Auch diese gilt nicht nur für biologische Gegebenheiten, sondern ebenso für kosmologische Prozesse. Der Evolutionsgedanke ist zum vielleicht mächtigsten Werkzeug des Verstehens in den vergangenen hundert Jahren geworden. Der Kosmos und das Leben entwickeln sich nach allgemein gültigen Naturgesetzen von einem Keim (Urknall, Urzelle) zu hoch komplexen energetisch-materiellen bzw. bio-chemischen Zuständen, die in sich als dynamische Systeme unterschiedlicher Art beschreibbar sind. In der Biologie bestimmen Variation und Selektion den Fortgang der Entwicklung, in der Kosmologie sind es letztlich die Gesetze der Thermodynamik, welche die Richtung vorgeben. Dasjenige, was als Naturgesetz erkannt ist, liefert gewissermaßen die Regeln, nach denen kausal verknüpfte Entwicklung hier wie dort verläuft. Äußere Einflüsse und Zufälle (kontingent: nicht notwendig, aber möglich) bestimmen dabei die Entscheidungspunkte, ab denen eine Entwicklung so oder anders verlaufen kann. Ist Variabilität so etwas wie der bunte und vielfältige Bio-Baukasten der Natur, so bestimmt Selektion die konkrete Auswahl in einer gegebenen Situation. In der Kosmologie muss man dagegen von Wechselwirkungen, Überlagerungen und Potentialen sprechen, welche die (makro-) physikalischen Prozesse beeinflussen. Rückwärts gesehen ist jede Entwicklung kausal mit einem vorhergehenden Zustand verknüpft und also nachvollziehbar, sobald man alle Entwicklungsstufen kennt. Spannend sind dann die kontingenten Ereignisse, die eine Entwicklung bestimmen und in eine neue Richtung lenken. Weiterer Hypothesen bedarf es nicht, um Entwicklungen naturalistisch zu verstehen. Schon der erwähnte Simon-Pierre Laplace erklärt auf die Frage nach Gott: „Eine solche Hypothese brauche ich nicht.“

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KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe's Urworte Orphisch 1912

KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe’s Urworte Orphisch 1912

Aber ist die Geschlossenheit kausaler Verknüpfungen in einer evolutionären Abfolge, die, was die Zukunft angeht, letztlich vom Zufall bestimmt ist, wirklich überzeugend? Auch der Zufall kann immerhin noch deterministisch verstanden werden, das „Zufallsprinzip“ hat sehr unterschiedliche Aspekte. Kausale Nichterklärbarkeit muss sowohl von Unberechenbarkeit wie von Unvorhersagbarkeit begrifflich abgegrenzt werden. Andererseits rechnen Vertreter der Quantenphysik (z.B. Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall) durchaus mit dem „echten“ Zufall (Nichtvorhersagbarkeit) in einer nicht-deterministischen Welt der Quanten. Wie offen ist also die Zukunft und wie zufällig? Reichen zum Begreifen der Wirklichkeit kausale Verknüpfungen in einer evolutionär durch Variation und Selektion bestimmten biologischen Welt aus? Man darf durchaus so fragen, denn auch Theorien wie die Evolutionstheorie, das Kausalitätsprinzip, die deterministischen Naturgesetze beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, die nicht weiter ableitbar, also „axiomatisch“ sind. Diese Voraussetzungen sollen möglichst überzeugend gewählt und vernünftig nachvollziehbar sein, um zu positiven, konsistenten Ergebnissen zu gelangen. Darum noch einmal: Ist das bisherige naturwissenschaftlich begründete kausal geschlossene Weltbild überzeugend?

Der Gedanke der Entelechie kann etwas in die Diskussion einbringen, das im alltäglichen Denken und in den heutigen wissenschaftlichen Kategorien weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist zunächst die einfache Idee, dass der Wirk-Ursache auch eine Zweck-Ursache entsprechen könnte. Anders gesagt: Die Frage, worauf hin etwas geschieht, könnte ebenso erhellend und vernünftig sein wie die Frage danach, wodurch verursacht etwas geschieht. Die philosophische Verunglimpfung dieses teleologischen Gedankens („Es regnet, weil die Wiese nass werden soll – haha!“) sollte nicht davon abhalten, ihn metaphysisch erneut – und neu zu denken. Es geht um das Potential eines teleologischen Denkens, darum, geeignete Denkformen und Begriffe für eine immanente Teleologie zu finden, die neu gewonnen und weiter entwickelt werden müssen. Die Philosophiegeschichte stellt dafür zwar einiges bereit, an das man anknüpfen kann, aber das reicht gewiss nicht aus. Dennoch ist die Idee der Entelechie ein sehr spannender Gedanke. Aristoteles hat ihn gedacht in seiner Metaphysik im Zusammenhang von Akt und Potenz, Form und Substanz. Sein Gedanke spiegelt sich in Goethes „Urworte. Orphisch“: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Eine diesbezügliche Darstellung der Metaphysik des Aristoteles wäre ein eigenes, lohnendes Thema. Hier sei aber nur in einer ersten Annäherung skizziert, was mich an diesen Gedanken fasziniert.

Der aristotelische Form-Begriff wäre heute vielleicht am besten mit Struktur oder sogar System zu übersetzen, je nach Zusammenhang. Im Unterschied zur Substanz, modern gesprochen im Unterschied zum Ausgang vom Subjekt und vom Einzelding, kann der Gedanke der Form als dasjenige verstanden werden, dass etwas von vornherein nur im Zusammenhang mit anderem, nur innerhalb einer Struktur, nur aufgrund der Konstitutionsbedingungen eines Systems, womöglich sozial bestimmt innerhalb eines autopoietischen Systems (Luhmann), verstanden werden kann. Dieser Denkansatz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann, siehe Autopoiesis) ist über den Ausgangspunkt bei der „Substanz“ (dem Subjekt, dem Individuum, dem Einzelding) hinaus gegangen und ordnet das konkrete Einzelne gewissermaßen als nachrangig innerhalb der „Form“, d.h. der konstitutiven Systembeziehungen oder der Verflechtung innerhalb einer bestimmten Struktur bzw. eines Netzwerks (nodes, hubs) ein. In diesem Sinne bringt erst die „Form“ zum Vorschein, was der Gehalt, die Funktion, das Potential (idealistisch „das Wesen“) eines Etwas ist, das sich nur dem Zusammenhang des Systems, anders gesagt den strukturellen Konstitutionsbedingungen verdankt. Warum sollen solche Systeme und Strukturen, Netzwerke und Überlagerungen nur innerhalb geschlossener Kausalität denkbar sein? Vielleicht enthält das strukturierte System mit seinen Rand- und Konstitutionsbedingungen, mit seinen Verschränkungen und Überlagerungen, darum auch mit seinen Ambiguitäten und Bifurkationen selbst etwas teleologisches, also eine Art Ziel, das der Struktur inhärent ist. Hier greift kein „Geist“ von außen ein, sondern jenseits der Schranke geschlossener Kausalität öffnen sich Möglichkeiten, dass sich systemimmanente Tendenzen und Neigungen (bias) eben nicht zu jeder beliebigen, sondern zu ganz bestimmten neuen Formen weiter entwickeln. So hatten die Quantenfluktuationen unmittelbar nach dem „Urknall“ einen seltsamen Hang (Symmetriebrechung) zu einem Überwiegen der Materie vor der Antimaterie, so dass allein die Materie vorherrschend wurde.  In der biologischen Evolution finden sich viele Beispiele dafür, dass, metaphorisch gesprochen, ‚die Natur bestimmte Entwicklungen bevorzugt‘, sprich dass sich bestimmte biologische Formen (z.B. Auge) mehrfach und mit fast identischem Ergebnis heraus bildeten. Dieses sind nur Hinweise darauf, dass sich ein teleologisches Denkmodell durchaus anbieten würde, um natürliche Phänomene besser, das heißt angemessener im Blick auf die in ihnen selbst liegenden Potentiale und Wirkmöglichkeiten (wem der Begriff Zweck-Ursache zu sperrig ist) zu sehen, die zur Verwirklichung kommen / drängen? Genau darum geht es: Ob sich in der vorhandenen Wirklichkeit statt zufälliger Entwicklungen und kontingenter Entscheidungen auch eine strukturelle Zielstrebigkeit finden und denken ließe, die eben eine bestimmte Entwicklung bevorzugt oder als sachlich, d.h. der ‚Form‘ angemessenes Potential umsetzen kann. Der Begriff der Entelechie betont die Immanenz einer solchen Zielführung: Die „Form“ trägt die Gestalt der Verwirklichungen fortwährend in sich und lässt das konkrete Einzelne als eine verwirklichte Möglichkeit an der Tendenz, dem Gefälle, der Zielrichtung des gesamten Systems / der Struktur / des Netzwerkes teilhaben. Die Autopoiesis muss nicht ziellos und rekursiv gedacht werden, sondern kann durchaus auch zielgerichtet und tendenziös verstanden werden. Das Wort „Ziel“ sollte dabei mit aller Vorsicht gebraucht werden, denn es suggeriert ein klar bestimmtes ‚Endprodukt‘, wohingegen das ‚telos‘ der Entelechie selbst noch einmal als offen, als bestenfalls erkennbare Tendenz begriffen werden sollte.

Diese Tendenz aber ist mehr und anderes als Zufall, als deterministisch bestimmt und kausal begrenzt. Es kann das durchaus auch sein, aber die Möglichkeiten, die Potentiale gehen darüber hinaus. Nur an den Kipppunkten kann es deutlich werden, wo statt Zufall eine bestimmte Tendenz, eine Orientierung am Telos, wirksam und sichtbar wird. Es ist das Telos, das dem System usw. selber eigen ist, das darin nur seine Möglichkeiten realisiert und in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Eigentlich wird auch die Evolution des Lebens so viel besser verständlich, weil Variation und Selektion geradezu Paradebeispiele sein könnten dafür, wie sich Tendenzen in Alternativen und Ambiguitäten durchsetzen, als zielgerichtete Selbstorganisation der ‚Form‘ ihre ‚Substanz‘ geben. „Entstehen und Vergehen“ wird unter teleologischen Gesichtspunkten im Zusammenhang verständlich: Apoptose als gezielte Programmierung, Chancen auf systemische Erneuerung, Ermöglichung alternativer Systeme, Rekombination globaler Systeme und Strukturen usw. Zum Beispiel das nahezu vollständige Erlöschen des Lebens auf der Erde vor 485 Mio Jahren („Eisball-Erde“) und weitere nachgewiesene Massensterben während der Erdgeschichte sind dann nicht nur als deterministischer Unfall zu verstehen.  Ich finde es überraschend, wie sehr sich der Gedanke der Entelechie als anschlussfähig heraus stellt hinsichtlich heutiger philosophischer, kosmologischer, evolutionsbiologicher, systemtheoretischer und netzwerkorientierter Denkmodelle. Es scheint sich in jedem Falle zu lohnen, den Begriffen der Teleologie und Entelechie weiter nach zu spüren, um die Sache, die in diesen alten Begriffen enthalten ist, neu zu fassen und sinnvoll zum Leuchten zu bringen. Es wird ein längerer Weg sein, denn er schließt ein, einige Dogmen der bisherigen materialistisch-kausalistischen Weltanschauung über Bord zu werfen. Die Zeit könnte dafür reif sein.

Phantasien des Denkens

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Feb 162014
 

[Anthropologie]

Gelegentlich habe ich zwei Phantasien. Die eine: Was geschieht eigentlich, wenn es mit der Menschheit einmal aus und vorbei ist? Die andere hängt damit zusammen: Welche neue Verzweigung der Evolution ist vorstellbar?

Die erste Phantasie ist kein Szenario des Weltuntergangs. Ich denke da eher an Ereignisse, die sich im Verlauf der Erdgeschichte schon einige Male ereignet haben. Meteoriteneinschläge haben das Gesicht der Erde entscheidend verändert. Wir können heute einige solcher Riesenereignisse recht genau lokalisieren und datieren. Einer der größten ist der Vredefort-Krater in Südafrika, vor ca. 3 Milliarden Jahren entstanden mit mehr als 200 km Durchmesser. Die Wucht kann nicht mehr angegeben werden, doch das Ausmaß des Kraters macht eine globale Veränderung wahrscheinlich. Genaueres wissen wir vom Chicxulub-Krater in Yucatán, dessen Impact die Erde vor 65 Millionen Jahren traf. Dieser Einschlag wird mit dem Aussterben eines Großteils der Lebensformen auf der Erde, unter anderem der Dinosaurier, in Zusammenhang gebracht.

Während des Auftretens des homo sapiens hat es mehrere größere Einschläge gegeben, wie der Barringer Krater in Arizona (vor 50.000 Jahren) und der Kamil-Krater in Ägypten (vor 5000 Jahren, also in geschichtlicher Zeit) zeigen. Gut bekannt sind die Auswirkungen des vergleichsweise kleinen Tswaing-Kraters in Südafrika, dessen Einschlag zwar nur einen Durchmesser von gut 1 km hinterließ, dessen Wucht aber 1000 Hiroshima-Bomben entsprach. Dass es Meteoriteneinschläge auch in unserer Region gab, zeigt das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken. Einige Rätsel gab eine Zeit lang das Tunguska-Ereignis auf, das auf 1908 datiert wird und vermutlich den Einschlag eines mittelgroßen Asteroiden dokumentiert. Bislang ist eine Abwehr allenfalls kleinerer Asteroiden denkbar. Gegenüber größeren Meteoriten und anderen planetarischen Ereignissen dagegen sind wir auf absehbare Zeit hin hilflos.

Auf ganz andere umwälzende Ereignisse der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebens weist die „Kambrische Explosion“ vor 540 Millionen Jahren hin. Damals entstanden die Grundformen des höher entwickelten Lebens, wie es sie bis heute gibt. Die Auslöser für diese Entwicklung sind unbekannt, aber es werden globale Ereignisse vermutet wie eine plötzliche Erwärmung, nachdem für Jahrmillionen die Erde durch eine veränderte Umlaufbahn fast komplett vereist war (Theorie der „Schneeball-Erde“). Es gibt noch mehr solcher Großereignisse, die die Entwicklung der Erde und des Lebens ermöglicht, verändert und umgelenkt haben. Man kann das alles ausgiebig nachlesen, Wikipedia bietet einen guten Einstieg dafür. Es sind Tatsachen, die geschehen sind.

Kurzes Fazit: Es kann jederzeit wieder passieren. Dass während der vergleichsweise kurzen Periode des Auftretens des modernen Menschen (homo sapiens) vor rund 2 Millionen Jahren kein planetarisches Großereignis aufgetreten ist, will nichts heißen; es ist Zufall. Erst aus menschlicher Sicht kann man solche Ereignisse auch Katastrophen nennen, ebenso wie die Erdbeben und Vulkanausbrüche, weil sie für den Menschen katastrophale Auswirkungen haben. Das muss nicht im selben Sinne für andere Lebensformen und für die Erde als Ganzes gelten. Wie heißt es bezüglich des Kapitalismus? „Destruktive Kraft der Erneuerung“ oder „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter) – genau so darf man sich auch globale Naturereignisse aus neutraler Warte vorstellen. Hinzu kommt, dass eine solche Riesenkatastrophe die Welt in einer sehr ungünstigen Lage treffen würde, nämlich einer solchen, die man beim Ackerbau „Monokultur“ nennt. Die globale Welt der Wirtschaft und der Technik ist tatsächlich eine einzige anthropozentrische Monokultur geworden mit entsprechender Einseitigkeit, Verletzlichkeit und begrenzter Fähigkeit, sich biologisch aus sich selbst heraus durch alternative Entwicklungen erneuern zu können. Um den Menschen herum ist es einsam geworden, wie das Artensterben belegt. Es gibt neben dem Menschen keine Alternativen des höher entwickelten Lebens.

Oder doch? Das führt mich zu der zweiten Phantasie. Was wäre, wenn wir etwas weniger anthropozentrisch denken und etwas mehr die alternativen Potentiale intelligenter Entwicklungen auf der Erde beachten und erforschen würden? Zumindest die Tierwelt hat da einiges an Überraschungen bereit – und was wissen wir schon von der Welt der Pflanzen und ihrer Überlebensstrategien? Während langer Epochen der Kulturgeschichte waren die Tiere zwar als andere und eigentümliche, aber nicht unbedingt als geringer wertige Lebewesen gegenüber dem Menschen anerkannt und darum auch natürlich (!) als beseelt gedacht (Aristoteles). Das änderte sich spätestens in der abendländischen Neuzeit. Jetzt wurde tierisches Leben allenfalls als mechanischer Automatismus erkannt, weil ihnen ja der Geist fehle. Darum konnte Descartes Tiere auch als biologische Maschinen auf die Seite der „ausgedehnten Sachen“ stellen, was bis heute Auswirkungen auf Tierhaltung, Tierversuche und auf die Rechtsprechnung hat. Erst sehr allmählich führt eine Diskussion über die Ethik der Tiere zu einem vorsichtigen Umdenken, das den Tieren eigene Würde und eigenes kreatürliches Recht zubilligen möchte. Von einer Würdigung der Tiere als gleichwertige hoch entwickelte Lebewesen sind wir noch weit entfernt. Gleichwertigkeit schließt übrigens Tötung und Verzehr nicht aus, wie die Jagdkultur vieler alter Völker beweist. [Nebenbemerkung: gerade Vegetarier und vor allem Veganer („alles was ein Gesicht hat“) vermenschlichen Tiere und vereinnahmen sie damit für die eigene Ideologie.] Es schlösse aber wohl fabrikmäßige Zucht und Schlachtung aus. Ethik der Tiere – in eigenes wichtiges Thema.

Die Verhaltensforschung, Neurobiologie und Intelligenzforschung haben in den vergangenen Jahrzehnten immer öfter Entdeckungen bei Tieren gemacht, die unser bisheriges Urteil über fehlende Intelligenz bei vielen Tierarten erheblich infrage stellen. Abgesehen davon, dass der Maßstab „Intelligenz“ durch und durch anthropogen definiert ist, findet man heute bei Walen, Delfinen, Kraken, einigen Primaten und verschiedenen Vögeln (Raben, Papageien) eine ausgeprägte Intelligenz vor, die zwar verschieden von unserer eigenen Intelligenz ist, aber ihr durchaus evolutionär nahe kommt. Sogar die Frage des Selbstbewusstseins lässt sich bei bestimmten Tieren nicht mehr ohne Weiteres verneinen. Verhaltensexperimente beweisen, dass einzelne Schimpansen und übrigens auch Rabenvögel ein intelligentes ’selbstbewusstes‘ Verhalten zeigen, das dem von 3 – 4 jährigen Kindern gleicht (z. B. Täuschen, sich in den anderen Hineinversetzen, Strategien entwickeln). Auch die Frage nach der Sprachfähigkeit der Tiere (Wale, bestimmte Affenarten) muss neu gestellt werden, nachdem tierische Laute bei einigen Arten als differenzierte Mitteilungen und soziale Verständigungsmuster erkannt wurden. Wenn Sprache als Voraussetzung des Denkens betrachtet wird (Lingualismus), dann müsste man einigen Tieren bzw. Tierarten eine begrenzte Denkfähigkeit bescheinigen, die strukturell und potentiell der menschlichen Denkfähigkeit nahe steht.

Potentiell – damit meine ich: Was wäre da evolutionär alles vorstellbar, wenn man einmal vom Menschen absieht? Welche Tierarten könnten das Erbe der Menschheit in der Geschichte der Evolution antreten, wenn es den Menschen zum Beispiel durch eigenes Zutun (Seuchen, Klimaveränderung, Gen-Unfälle) eines Tages nicht mehr oder nur noch in marginalen Restpopulationen gibt? Auch Technik könnte dann verloren und Wissen untergegangen sein. „Schöpferische Zerstörung“ könnte eine andere Spezies zur Blüte bringen, die Erde also einen weiteren Anlauf für die Entwicklung neuer Lebens- und Organisationsformen nehmen. Es ist vorstellbar, man kann darüber phantasieren. Zumindest veranlasst mich ein solches Überlegen, sehr viel stärker nach den bisher unentdeckten und nicht wahrgenommenen, geschweige denn gewürdigten Möglichkeiten (Potentialen) der jetzt schon gegebenen und vorhandenen Lebensformen, Arten und Anlagen zu suchen. Es wäre ein Konzept des Fragens und Forschens, das den anthropozentrischen Rahmen als zu eng verlässt. Vielleicht liegt es ja schon in der Natur der Dinge, immer wieder andere Möglichkeiten in sich zu tragen, die entfaltet werden können, also schon an sich selber ein Potential zu besitzen, das Weiterentwicklungen und Alternativen bereit hält. Konvergenzen hat es in der Evolution immer gegeben, und Umformungen und neue Ausprägungen ebenfalls. Der Gedanke der ontologischen Teleologie (Prozess-Ontologie) macht es mir leichter, solche Phantasien durchaus als Denk-Alternativen zu begreifen. Vielleicht bringt einen ja doch unsere Phantasie weiter als die naturgegebene „schöpferische Zerstörung“.

Aug 172013
 

Um die Evolution und die Evolutionsbiologie ist es derzeit etwas ruhiger geworden. Das gibt Gelegenheit nachzufragen, wie der Stand aus erkenntnistheoretischer beziehungsweise wissenschaftstheoretischer Sicht ist.

Ich unterscheide Evolutionstheorie und Evolution. Während der biologische Begriff Evolution ganz allgemein den Vorgang der Entstehung von Arten (Spezies) aus jeweiligen Vorläufern bezeichnet, ist die Evolutionstheorie ein methodisches Instrumentarium mit bestimmten Grundannahmen, Vorgehensweisen und Erklärungsmustern zum Verständnis und zur Erklärung des Entstehungs- und Veränderungsprozesses von Lebewesen. Während der Vorgang der Entstehung der Arten als solcher als eine Tatsache kaum bezweifelt werden kann, sind kritische Nachfragen zur jeweiligen Evolutionstheorie und ihren erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen durchaus erlaubt und geboten.

Diese Unterscheidung soll kategorial falsche Alternativen ausschließen. Gegen die Evolution kann man nur sein, indem man die Augen vor Tatsachen verschließt. Gegen die Evolutionstheorie in ihrer gegenwärtigen Form kann mit guten Gründen argumentiert werden. Die Gegenposition ist darum weder der Kreationismus noch die Propagierung eines „intelligent design“. Der Kreationismus ist eine religiöse Glaubenslehre, die den Vorgang der Evolution als solchen bezweifelt, aber gar keine wissenschaftliche Begründung anstrebt und darum auch kategorial keine Gegenposition ist. Man kann es glauben oder nicht. Die Rede vom „intelligent design“ ist eine bestimmte, keineswegs zwangsläufige Deutung der Evolutionstheorie. Diese Hypothese argumentiert zwar auf der wissenschaftlichen Ebene, nimmt aber Schlussfolgerungen und Interpretationen in Anspruch, die durchaus bezweifelbar sind. Einige Kritiker bemängeln, dass mit dieser Interpretation bereits die wissenschaftliche Ebene verlassen sei. Auch das gilt es zu überprüfen.

Die Evolutionstheorie in der Form, wie heute allgemein auch in der philosophischen Diskussion auf sie Bezug genommen wird, erklärt die Entstehung des Lebens aus biochemischen Prozessen und beschreibt die Entwicklung (lat. evolutio) der Arten durch Mutation, Variation und Selektion (Anpassung). Dieser Vorgang ist sowohl kausal geschlossen als auch zufällig. Es gibt im Rückblick auf die einzelnen Stadien der Entwicklung also eine geschlossene Kausalkette, wiewohl konkrete Einzelergebnisse der Anpassung als zufällig entstanden gelten. Denn als wesentliche Voraussetzung der physikalischen Geschlossenheit der Evolutionstheorie gilt, dass die Evolution keine Ziele und Zwecke kennt.

Unter diesen Voraussetzungen aber gilt: „Durch ihre deskriptiven und kausalen Aussagen wurde diese Theorie zum zentralen organisierenden Prinzip der modernen Biologie und liefert eine fundierte Erklärung für die Vielfalt des Lebens auf der Erde.“ (Wikipedia; eine gute Übersicht über die evolutionstheoretische Debatte, ihre Positionen und Probleme, gibt Anna Ignatius.)

Gleichwohl wird in der allgemeinen Diskussion oft davon gesprochen, „die Evolution“ habe dies und jenes vollbracht / bewirkt / hervor gebracht. Diese Rede von der Evolution gleichsam als Akteur ist allenfalls metaphorisch zu nehmen, ähnlich wie in verbreiteter Redeweise „das Gehirn“ zum personifizierten Akteur wird. Die Prozesse der Entwicklung des Lebens und der Arten sind aber, so die Grundvoraussetzung der Theorie, kausal geschlossen und in sich ziel- und zwecklos. Einzelne Resultate entstehen zufällig, und diejenigen, die in die jeweilige Umwelt am besten passen, setzen sich durch (survival of the fittest). Einen der Evolution immanenten Sinn gibt es danach nicht.

Nun kann man begründet fragen, ob dies durch die Tatsachen gedeckt und plausibel ist. Dabei ist fest zu halten, dass bislang keine eindeutige und allgemein anerkannte Erklärung gefunden ist, wie das Leben entstanden ist. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, zum Beispiel über die Rolle der Uratmosphäre aus Methan oder des chemoautotrophen Lebens auf Schwefelbasis ohne Sonnenenergie an den sog. Schwarzen Rauchern, aber es handelt sich dabei um mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen. Auch die Möglichkeit der Entstehung von biologischen Makromolekülen meint man einigermaßen nachgewiesen zu haben, ohne dass es dafür eine allgemein gültige Theorie gäbe. Schließlich gibt es aus Sicht der Statistiker bzw. Mathematiker bislang keine Grundlage dafür, dass es eine berechenbare Möglichkeit für den statistischen Zufall sowohl der Entstehung von Leben als auch der Realisierung mannigfaltiger Mutationen und Variationen mit dem tatsächlich vorliegenden Ergebnis gibt. Auch Milliarden und Millionen von Jahren reichen dafür nicht aus.

Fossile Hominiden

Fossile Hominiden – The Museum of Osteology (Wikimedia)

Zwar weiß man heute mehr über das Wechselverhältnis zwischen Umwelt und genetischen Schaltern (Epigenetik) und erkennt auch, dass die lange Zeit übliche Rede von „Junk-DNA“ fragwürdig ist. Dies zeigt aber nur, dass die tatsächlichen Prozesse der genetischen Prädispositionen und auf äußeren Druck hin veranlassten Veränderungen bisher nur unvollständig bekannt und verstanden sind. Der fortgehende Prozess der Evolution enthält offenbar noch viel mehr Unbekannte, als bislang angenommen und theoretisch verarbeitet wurde.

Ein wirkliches Problem ist die Funktion des Zufalls (von Mutation und Variation) und die physikalische Geschlossenheit (Kausalitätskette) der Theorie, die keine Zweckrichtung (telos) anerkennen kann. Es gibt eine Vielzahl von Erscheinungen innerhalb der Evolution, die eine solche Zweckmäßigkeit, sogar eine Ausrichtung auf ein Ziel hin plausibel machen. Zumindest kann man umgekehrt sagen, dass die zufallsbedingte Sinn- und Zwecklosigkeit der Evolution alles andere als einleuchtend und augenfällig ist. Die Rede davon, dass „die Evolution“ dieses oder jenes so eingerichtet habe, ist schon etwas verräterisch, suggeriert sie doch ein zielgerichtetes Agens.

Es sind vor allem zwei Gruppen von Phänomenen, auf die sich das Argument der Zielgerichtetheit stützen kann: Evolutionäre Konvergenz und der physikalische Ermöglichungsrahmen (z.B. Wasser, Kohlenstoff, planetarische „Lebenszone“, physikalische Konstanten). Konvergenz meint die zeitlich und räumlich von einander unabhängige Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Ausstattung von Lebewesen (z.B. das Auge). Stichworte dazu: Adaptionen, Attraktoren. Andere Anpassungen (z.B. Federn aus Schuppen oder Flughäute bei Säugern und Fischen) sind so verblüffend, dass es schwer fällt, hier an puren Zufall (Variation durch Mutation) zu glauben. Wissenschaftler wie der Paläobiologe Simon Conway Morris halten die Konvergenz als das treibende Prinzip der Evolution (Jenseits des Zufalls, 2008). Andere Wissenschaftler sprechen vom anthropischen Prinzip. Es wird in zwei Formen vertreten, erkenntnistheoretisch und kosmologisch. Kosmologisch wird zwischen dem schwachen (unsere Welt ist als mögliche Welt unter vielen so beschaffen, dass sie menschliches Leben möglich macht) und dem starken (für unser Universum ist die Entwicklung des Lebens bis hin zum Menschen zwangsläufig) anthropischen Prinzip unterschieden. Besonders letzteres ist äußerst umstritten, zumal es gerne von Kreationisten in Anspruch genommen wird.

Der Ermöglichungsrahmen meint die physikalisch-kosmologischen Voraussetzungen, die für die Entstehung von Leben auf der Erde gegeben sind. Das beginnt schon bei der bisher unerklärlichen geringfügigen Asymmetrie zwischen positiver und negativer Materie. Wie sagen die Kosmologen? Geringfügige „Dichteschwankungen“ nach dem Big Bang (auch so eine Metapher) sind dafür verantwortlich, das sich nicht alles in einem einzigen Akt der Annihilation wieder in Energie aufgelöst hat. Daran fügen sich eine Vielzahl weiterer eigentümlicher Bedingungen und Konstanten an, die Leben, wie wir es kennen, auf der Erde ermöglicht haben. Ob es nicht-kohlenstoffbasiertes Leben ohne Wasser geben könnte, ist eine spekulative Frage.

Noch einmal, um jedes Missverständnis auszuschließen: Die Gerichtetheit der Evolution bedeutet weder die Annahme eines ‚höheren Wesens‘ (Schöpfergottes) noch überhaupt die Annahme eines transzendenten, übernatürlichen „Designers“. Vielmehr ist in diesem Falle zu klären, wie sich eine plausible Zweckhaftigkeit und Zielgerichtetheit der evolutionären Entwicklung immanent, also in den Dingen selbst, denken lässt. Der strikte Physikalismus führt hier offenbar schon aufgrund der geforderten kausalen Geschlossenheit nicht weiter. An dieser Stelle sind wir bei einer eminent philosophischen, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fragestellung angelangt.

Eine mögliche Weiterführung könnte in der Denkfigur von Form und Substanz liegen, wie sie von Aristoteles formuliert worden ist. Es geht beileibe nicht darum, zu einer aristotelischen Konzeption zurück zu kehren, sondern die Fruchtbarkeit einer Denkweise zu prüfen und den heutigen Erkenntnissen anzupassen, die ohne theistische oder sonst wie übernatürliche Transzendenz Ziele und Zwecke natürlicher (evolutionärer) Phänomene sachgemäß beschreiben kann. Aristoteles kann durchaus als Denker der Immanenz rezipiert werden. Sein Begriff der Entelechie, also der Zielbestimmung und Zweckerfüllung eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, sein Begriffspaar von Akt und Potenz (energeia, dynamis) sind Denkfiguren, die aus meiner Sicht in der heutigen Philosophie nichtdualistisch möglich und darum anschluss- und ausbaufähig sind. Man müsste den aristotelischen Form-Begriff (forma) zunächst von seinem scholastischen Ballast befreien und ihn für die Gegenwart neu gewinnen und bestimmen. Ansätze dazu gibt es (z.B. Tobias Kläden). So viel kann hier nur angedeutet werden.

Es zeigt sich, dass der andauernde Prozess der Evolution offenbar sehr viel verwickelter und differenzierter verläuft, als es Charles Darwin vermutet hat. Er hat Grundelemente entdeckt und beschrieben. Die heutige synthetische Evolutionstheorie erfasst das, was Evolution bedeutet, immer noch unvollkommen. Das gilt sowohl für die empirischen Befunde als auch für das erkenntnistheoretische Rüstzeug. Es gibt hier auch für die Philosophie reichlich Denkarbeit.