Apr 232017
 

Letztlich ist alles Physik. Richten wir den Blick auf die basalen Gegebenheiten in unserer Welt, so landen wir stets auf der physikalischen Ebene. Anthropologie? Beruht auf Biologie einschließlich einer darüber supervenierenden mentalen Ebene. Biologie beruht auf Biochemie und Thermodynamik – plus Emergenz. Chemie insgesamt ist ein ‚emergenter‘ Bereich, der sich auf der Physik aufbaut. Unter allem liegt die Physik mit Raum-Zeit-Punkten und wirkungsvollen Feldern. Darunter gibt es nichts mehr (außer vielleicht strings, aber die sind aus der Mode gekommen). Allerdings ist es schwierig, diese basale Ebene der Physik, nämlich Raumzeit und Felder, genauer zu bestimmen, von Materie und Energie ganz zu schweigen. Was Materie und Energie eigentlich sind, kann man nämlich nicht sagen, sie sind eben wechselseitig da. Felder und die Raumzeit hängen ja auch zusammen, ist die Raumzeit doch ihrerseits ein gravitatives vielfach ‚gekrümmtes‘ Feld. Was ein Feld eigentlich ist, kann man zwar mathematisch formulieren, aber sprachlich kaum beschreiben. Immerhin gilt es für die Naturwissenschaften als ausgemacht, dass man mittels konsequenter Reduktion auf die Physik (top down) und umgekehrt auf physikalischen Prozessen aufbauend (bottom up) mittels Emergenz und Supervenienz ‚alles‘, also die Wirklichkeit, beschreiben und erklären kann. Mit ‚Kausalität‘ ist man inzwischen vorsichtiger geworden, weil es sich wiederum kaum genau sagen lässt, was das eigentlich ist. Soweit die Skizze dessen, was in den Naturwissenschaften (und im angelsächsischen Raum sind nur sie „Wissenschaft“, science) heute materialistisch – physikalistischer mainstream ist.

Higgs Boson

The Higgs Boson (c) CERN

Schauen wir einmal mit ein paar einfachen Überlegungen genauer hin. Wärme, so lernt man, ist die durchschnittliche kinetische Energie der Moleküle und Atome eines Körpers. Dies ist allerdings physikalisch sehr ungenau formuliert, weil ‚Wärme‘ physikalisch keine Zustandsgröße ist, sondern der Energiefluss eines Temperaturunterschieds. Bleiben wir der Einfachheit halber bei den bewegten Molekülen. Sie sind die physische Form dessen, was wir Wärme nennen. Reduktionistisch formuliert empfinde ich zum Beispiel auf der Haut gar nicht ‚Wärme‘, sondern nur die Bewegungen der Moleküle der Luft, die von Rezeptoren in der Haut aufgenommen und über Nervenbahnen weitergeleitet und im Gehirn als „Wärme“ bewertet werden. Aber ‚eigentlich‘ ist da nicht Wärme, sondern nur bewegte Moleküle und Nervenreizung. Denn genau genommen kann ich auch ‚Wärme‘ als ‚Bewertung‘ des Gehirns gar nicht feststellen, sondern nur die Erregung bestimmter Areale innerhalb des Gehirns. Wie man von diesen Potentialen und Erregungszuständen zur Aussage „Mir ist warm“ kommt, ist physikalisch nicht zu erfassen. Physik bleibt auf der Ebene der Beschreibung von physikalischen Prozessen. Sie als mentale Empfindung von Wärme zu bezeichnen, ist eine ganz andere Sache.

Dasselbe gilt für die Farben, deren physikalische Grundlage die unterschiedliche Wellenlänge elektromagnetischer Strahlung ist. Man kann sehr genau beschreiben, wie der Weg des Lichts (em Strahlung bestimmter Wellenlänge) von einem Körper reflektiert wird und zu den optischen Rezeptoren auf unserer Netzhaut gelangt, dort das Erregungspotential erhöht und so als Reiz über die Nervenbahnen zum Gehirn weitergeleitet wird. Da ist dann das Sehzentrum zuständig, die ankommenden Reize zu verarbeiten. Ein heftiger Reiz (=grelles Licht) wird andere Reaktionen auslösen als nur ein geringer Reiz im langwelligen Lichtbereich, empfunden als rötliche Färbung. Aber genau diese letzte Formulierung liegt schon jenseits der physikalischen Beschreibungsebene. Über die em Wellen und Erregungspotentiale im Gehirn kommt man nicht hinaus.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Es ist schönes Frühlingswetter mit Sonnenschein, und ich komme auf die Idee, im Stadtpark einen Spaziergang zu machen und mich an dem schönen Frühling zu erfreuen. Man stelle sich vor, ich wäre dabei voll verkabelt, meine Hirnströme könnten also jederzeit gemessen werden. Außerdem soll es möglich sein, in regelmäßigen Abständen einen Hirnscan durchzuführen und durch bildgebende Verfahren die gerade aktiven Bereich des Gehirns sichtbar zu machen. Zusätzlich soll es möglich sein, alle biochemischen Prozesse instantan zu erfassen und auszuwerten. Ich merke von all dem nichts und mache mich vergnügt auf den Weg. Ich gehe also in den Park, sehe Blumen und grünende Bäume, spielende Kinder, finde eine Bank und genieße die Wärme. Beim Weitergehen sehe ich eine alte Bekannte, die ich lange nicht getroffen habe, begrüße sie erfreut und wechsele mit ihr einige Worte, Sie muss dabei auf ihr Eis aufpassen, damit sie sich beim Reden nicht bekleckert. Wir wollen uns demnächst einmal für einen längeren Schnack verabreden. Ich gehe weiter und mache dann den Umweg an der Eisdiele vorbei. Klar, bei dem Wetter und dem schönen Nachmittag ist ein leckeres Eis die Krönung. Ich genieße das Eis und schlendere gemächlich wieder heimwärts.

Was wird nun auf der physikalischen Ebene zu sehen sein? Klar, wieder jede Menge Erregungspotentiale, Aktivierungen von Hirnregionen, Ausschüttung von Botenstoffen usw. Endorphine werden gewiss zweimal besonders auffällig sein, in der Mitte der Zeit und gegen Ende hin. Insgesamt sind die aktivierten Hirnregionen und die Ausschläge der elektrischen Ströme so vielfältig, dass wohl nur eine aufwendige Computeranalyse den Verlauf einem bestimmten Körpergeschehen zuordnen kann: Arm- und Beinbewegungen beim Gehen, optische Vorgänge mit vielfältigen Sinnesreizungen, Erregung von Tast-, Geruchs- und Geschmacksrezeptoren, vielleicht sogar eine leichte Erhöhung des Testosteronspiegels, Aktivität von ‚Spiegelneuronen‘, auf jeden Fall in den Bildern von den einzelnen Hirnregionen ständige wechselnde und sich vielfach überlappende aktive Hirnregionen, die der Hirnphysiologe bestimmten Verarbeitungsszenarien (Gehen, Sehen, Hören, Schmecken, sexuelle Erregung usw.) zuordnen kann. Dafür hat er allerdings vorgängig in der Wissenschaft auf vielfältige Selbstauskünfte von Testpersonen Bezug genommen, befindet sich also schon bei der Deutung der Hirnregionen nicht mehr auf der rein physikalischen Ebene. Auch hier gibt es bei noch so genauen Daten und umfassenden Computer- und Bildverarbeitungen keinen Weg, der von den physikalischen Vorgängen zu meinem Frühlingsspaziergang führt.

Man könnte sich vorstellen, zusätzlich zu den Datenerfassungen meines Körpers bzw. Gehirns noch die Aufnahmen einer GoPro – Kamera während meines Spazierganges zu nutzen. Doch bringt das auf der physikalischen Ebene keinerlei Vorteil, nur zusätzliche Daten, die im optischen Bereich anfallen und ohne Deutung („Das ist der Parkweg.“ „Da steht eine Bank.“ „Das Eis tropft.“) allenfalls elektromagnetische Muster erzeugt. Ohne den Erzähler des Spaziergangs wird weder seine Freude noch seine Wahrnehmungen im Park noch seine Erregung beim Treffen der alten Freundin noch der Genuss beim Schlecken des Eises sichtbar werden, eben nur Felder, Muster, Potentiale und Differentiale. Nur dann befindet sich die Auswertung auf der Ebene reiner Physik.

Wie kommt man nun von dort zu mir als demjenigen Menschen, der den Spaziergang gemacht hat und dabei unterschiedliche Erlebnisse hatte? Wie kommt man überhaupt von em Mustern zu Bildern, die für menschliche Wahrnehmung einen Gehalt haben? Wie kommt man von bildhaften Darstellungen und enzephalographischen Werten und Kurven zum Verständnis des Geschehens im Gehirn, ganz zu schweigen davon, dass man dann noch längst nicht bei den Erlebnissen des Spaziergängers ist? Inwiefern kann dann die physikalische Ebene als basal und für alle übergeordneten Ebenen als reduktionsfähig verstanden werden? Haben wir anhand der physikalischen Daten überhaupt etwas ‚verstanden‘?

Natürlich weiß auch der Naturwissenschaftler und erst recht die Erkenntnistheoretikerin, dass die Physik alleine nicht ausreicht zur Beschreibung der Wirklichkeit. Darum wird ja auch durch Theoriebildung ein abgestuftes System von Emergenzen und darüber liegenden Supervenienzen anerkannt, das den Zusammenhang zwischen Physik, Biologie und Anthropologie (diese einmal stellvertretend für die ‚Geisteswissenschaften‘, humanities, genommen) herstellen soll. Aber die Grundthese des Physikalismus wird dennoch kaum infrage gestellt, dass eben bei der genauen Analyse der Wirklichkeit ‚letztlich‘ alles Physik sei. Dabei ist es nicht nur das ‚Bindungsproblem‘ (dieses wird unterschiedlich beschrieben), das Schwierigkeiten macht, wenn man von ‚dort‘ nach ‚hier‘ gelangen will, sondern es ist zunehmend auch der Begriff der Kausalität, der die Voraussetzung für das Axiom der ‚kausalen Geschlossenheit‘ des Raumes der Physik ist. Allein auf der basalen Ebene der Wirklichkeit physikalisch zu erklären bzw. zu definieren, was denn genau Kausalität ist, ist schwierig geworden, so schwierig, dass manche auf den Begriff lieber ganz verzichten möchten und nur (in der Tradition Humes) von dem Nebeneinander von Punkten in der Raumzeit sprechen (David Lewis), wobei schon Wirkungen und Kräfte als kontingente Quiddities darüber hinausgehen.

Schwerer wiegt aus meiner Sicht die Frage, wie ich etwas als grundlegenden Bereich der Wirklichkeit annehmen kann, wenn dadurch keinerlei Zugang zu dem ermöglicht wird, was meiner lebensweltlichen Erfahrung entspricht – siehe den Frühlingsspaziergang. Eine Wissenschaft, die wesentliche Erfahrungen des menschlichen Lebens im Blick auf seine ‚Natur‘ und seine ‚Mitwelt‘ ausblenden muss, kann weiterhin von eminenter Bedeutung sein (z.B. Grundlagenforschung usw.), aber sie kann kaum begründet den Anspruch erheben, das Ganze der Wirklichkeit zu erfassen oder abzubilden. Genau das ist der Pferdefuß beim Physikalismus. Man kommt nicht mehr von ‚dort‘ (den bloßen physikalischen Daten) nach ‚hier‘ (zu den lebensweltlichen Erfahrungen und Beschreibungen). Allerdings sind auch die physikalischen Beschreibungen, selbst wenn sie mathematisch gefasst sind, Ergebnisse einer kulturellen Leistung des Menschen, – und schon mit diesen Deutungen und Interpretationen (Feldgleichungen usw.) ist die ‚rein‘ physikalische Ebene verlassen.

Es ist schon wahr: Physik ergibt nur immer wieder ’nichts als Physik‘. Mehr und anderes kann man von ihr nicht erwarten. Die Interpretationen und Deutungen liegen jenseits der ‚reinen Physik‘. Doch ohne diese kommt nicht einmal die Physik aus, sobald sie Theorien bildet – und wie anders sollte selbst die Physik als Wissenschaft vonstatten gehen?

Apr 292016
 
Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit

Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg mehr, der sowohl wissenschaftlich begründet als auch begrifflich – theoretisch konsistent und in seinen Wahrheitsvermutungen gerechtfertigt wäre. Warum ist das so?

1. Seit die neuzeitlichen Wissenschaften wesentlich Naturwissenschaften geworden sind und der Wissenschaftsbegriff mehr oder weniger naturwissenschaftlich geprägt ist, hat ein Axiom nahezu Allgemeingültigkeit gewonnen, nämlich dass der kausal-nomologische Zusammenhang konstitutiv ist für jede Wirklichkeit. Real ist, was in einer Kette von Ursachen und Wirkungen verknüpft und daher in einem bestimmten Rahmen erklärbar und verhersagbar ist. Die notwendige Einschränkung ist deswegen erfoderlich, weil in der tatsächlichen Welt, in der wir leben, jeden Moment eine unüberschaubare Vielzahl von Ursachen wirken, die wiederum eine unübersehbare Vielzahl von Auswirkungen haben. Die von einem Individuum gewollten und geplanten Handlungen sind nur ein winziger Teil aller derzeit an einem Punkt vorhandenen Kräfte und möglichen Auswirkungen. Darum muss die Kausalkette nomologisch geordnet sein, wenn sie für den Beobachter überhaupt einen Wert haben soll. Es müssen Gesetzmäßigkeit und Regularitäten vorhanden sein, die der Kette kausaler Verknüpfungen eine Struktur, eine Ordnung geben. Solche Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund von Theorien und mittels Experimenten innerhalb überprüfbarer, kontrollierter Rahmenbedingungen festgestellt und in die mathematische Form eines Naturgesetzes gebracht. Die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktische Versuchsanordnung („Labor“) sowie das Beobachtungs- und Vollzugsprotokoll sind für das, was dann Naturgesetz genannt wird, konstitutiv. Nur in dieser speziellen Anordnung kommt der kausal-nomologische Zusammenhang der Wirklichkeit hinreichend deutlich zum Ausdruck. Zugleich bestimmt er als axiomatische Grundlage den Rahmen möglicher Ergebnisse und Erkenntnisse. Zeus‘ Donnerkeil gehört definitiv nicht dazu.

2. Es lohnt sich, noch etwas bei dem so mächtigen und wirkungsvollen Begriff des Kausalzusammenhangs zu verweilen. Ist der ‚Kausalnexus‘ selber ein Gesetz? Aber wie wäre er dann unabhängig zu überprüfen? Oder ist Kausalität ein Grundaxiom, das aus der physikalischen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit überhaupt übertragen ist? Was genau wird im Kausalnexus verknüpft? Es sind Tatsachen und Gegebenheiten, Dinge und Kräfte, Beobachter und Rahmenbedingungen, Modelle und mathematische Funktionen bzw. Relationen. Da der Beobachter immer auch Teil der Ausgangsbedingungen ist und damit die jeweilige Theorie (das vorläufige Modell) mit ihren begrifflich-symbolischen Voraussetzungen samt der daraufhin folgenden Auswertung (Interpretation) der erzielten Ergebnisse und ihre Strukturierung in einem mathematischen Formalismus zum Gesamtzusammenhang eines funktionierenden kausalen Nomologismus gehört, kann dieses Vorgehen keineswegs als reine Objektivierung und der Gegenstand der Untersuchung nicht als unabhängiges Objekt angesehen werden. Der kausal-nomologische Zusammenhang entsteht im Zusammenwirken eines intelligenten Subjekts mit bestimmten begrifflich-rationalen Voraussetzungen im Kontakt mit seiner Umwelt und den darin auftauchenden Personen, Gegenständen und Tatsachen, Kräften und Einflüssen. Auch die „Traumzeit“ der Aborigines stiftet einen solchen Zusammenhang, ist aber nicht unbedingt rational-begrifflich motiviert und auch nicht kausal-nomologisch verbunden. Noch einmal: Was ist eigentlich Kausalität? Sie ist wohl weder nur objektiv, auffindbar in der Umwelt, noch nur subjektiv als erdachte Struktur und Gesetzmäßigkeit, sondern eben beides: das Zusammenwirken des Menschen mit den Gegenständen usw. seiner Umwelt auf der Suche nach Zusammenhang, Struktur, Erklärung, Vorhersage und möglichen Handlungsoptionen. Sie ist also beschreibbar als eine differenzierte Wechselwirkung von Mensch und Welt in der Richtung, wie sie schon die vorsokratische Einsicht formuliert: Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt (Empedokles).

Red Rectangle

The star HD 44179 , Hubble, by NASA

3. Wie angedeutet gibt es durchaus Alternativen, das Dasein in der Welt in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nicht-rationale wie die „Traumzeit“ der Aborigines ist eine solche (eigentlich keine Zeit, sondern der präsente Hintergrund der erlebbaren Welt), aber auch die metaphysisch-rationalen Modelle der griechischen oder später der scholastischen Philosophie. Die Voraussetzung der Letzeren war ganz ausdrücklich der Gottesgedanke, weshalb sie sich auch zugleich und vor allem als Theologie verstand. Immerhin galt auch in der Philosophie des Aristoteles schon das Prinzip der Kausalität, nur wurde in der mittelalterlichen Philosophie der „erste Beweger“, also der Anfang der Kausalkette, mit dem christlichen Gottesgedanken identifiziert. In jedem Falle sah man mit Aristoteles eine Notwendigkeit darin, einen ersten Anfang festzusetzen, – die Vorstellung einer unendlichen und unbegrenzten Kette wurde als unvernünftig verworfen. Genau dies gilt aber heute als denkmöglich: die Unendlichkeit der Wirklichkeit ohne Anfang und Ende. Auch der „Urknall“ ist ja nicht wirklich Anfang, sondern allenfalls kosmologischer Beginn unserer aktuellen Raumzeit. Modernes Denken kann die kausal-nomologische Verknüpfung der Wirklichkeit ohne bestimmten Anfang denken, ohne den „Uhrmacher“ (der nach Dawkins eben „blind“ zu sein hat), der den Mechanismus der Welt gestaltet, angestoßen und den zeitlichen Ablauf progammiert hat. Dass dieses Denken dennoch besonders in konservativ-religiösen Kreisen viele Befürworter hat, zeigt die verbreitete Idee des „intelligent design“, noch enger gefasst im Kreationismus. Gleichwohl ist der zeitliche Ablauf in aller Realität kausal und nomologisch verknüpft: An den Naturgesetzen führt kein Weg vorbei. Dabei ist es zumindest verwunderlich, dass rational gesehen das andere Ende der Kausalkette offen und in der Theorie der Evolution (kurz gesagt) dem Zufall überlassen bleibt. So sehr in der Moderne an der „causa efficiens“ (Wirkursache nach Aristoteles) festgehalten wird, sie sogar naturalistisch als „causa materialis“ zur einzig möglichen vernünftigen Ursache erklärt wird, so sehr werden mögliche gestaltende Formen der Kausalität verworfen: keine „causa formalis“, keine „causa finalis“. Warum eigentlich? Hindert es nur der Metaphysik- oder gar Theismus-Verdacht?

4. Teleologie muss keinerlei theistische Verpflichtung einschließen. Es ist durchaus denkbar, eine kausale Verkettung als ein dynamisches System zu verstehen, das einem künftigen Zustandspunkt zustrebt. In der Theorie dynamischer Systeme (einschl. Chaostheorie) nennt man dies einen Attraktor. Thermodynamisch ist der Attraktor so etwas wie ein stabiler Zustand größten Gleichgewichts. Der Begriff Attraktor wäre zu verstehen als eine Finalität, auf die hin sich komplexe dynamische Systeme entwickeln. Kausale Verkettungen in der tatsächlichen Welt bieten schon im Blick auf ihre Herkunft (Vergangenheit) komplex-chaotische Verläufe. Einfache Kausalverbindungen lassen sich nur experimentell, das heißt in begrenzter Zeit mit restringierten Ausgangsbedingungen, eindeutig verfolgen. In der Projektion auf künftige Entwicklung hin nehmen sie die Form von Modellen an, die aufgrund definierter Ausgangsbedingungen und begrenzter zeitlicher Perspektive eine Prognose der Entwicklung errechnen, also einen zeitlich terminierten Attraktor erkennbar werden lassen. Diese Modellierung dynamischer Systeme mit prognostiziertem Attraktor ist weit verbreitet, zum Beispiel in der Klimaforschung, Bevölkerungsentwicklung, in den Gesellschaftswissenschaften usw. Die Attraktoren verändern sich je nach Definition der Ausgangsbedingungen und der Berücksichtigung begrenzter (und darum berechenbarer) Nebenfaktoren. Auch die Evolution ist insgesamt ein solches dynamisches System, allerdings von kaum übersehbarer, wahrscheinlich unendlicher Vielfalt und Komplexität, das einem unbekannten Attraktor zustrebt. Betrachtet man Modelle als einfache Fortschreibung bekannter kausal verknüpfter Ereignisse, bleibt die Prognose weitgehend ‚zufällig‘, also scheinbar ohne bestimmte Richtung. Dynamische Systeme haben aber eine Zielrichtung, die gerade auch unter nichtlinearen, chaotischen Bedingungen angenähert wird. Dreht man die Blickrichtung um, wirkt das erreichte Ziel genau als Attraktor, als Anziehungspunkt der erwarteten Entwicklung. In einer etwas gewagten Übertragung könnte man den Attraktor mit der causa finalis vergleichen. Es kommt da bei Aristoteles noch etwas Wesentliches hinzu: die causa formalis, also die formende Kraft, die eine bestimmte Struktur als Finalität entstehen lässt. Die ‚forma‘ wird meist mit der ‚idea‘  Platons gleichgesetzt, wieweit das zutrifft, sei dahin gestellt. Ich möchte diese platonische Interpretation vermeiden und den Gedanken der ‚Form‘ als eine inhärente Struktur verstehen, physikalisch zum Beispiel die Molekularstruktur, die Wasser zum dem ‚Stoff‘ macht, das es für uns ist. Der Form-Begriff lässt sich nicht nur auf physikalische Strukturen, also Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beziehen (wobei hier die ‚Realität‘ der Elementarteilchen nicht problematisiert wird), sondern auf alle Dinge dieser Welt, die ihre jeweilige Struktur, Eigendynamik und Entwicklungstendenz in sich tragen. Man mag ihre Wechselwirkungen und Zusammenhänge kausal interpretieren, zumindest sind sie dynamisch-chaotisch, was Determinismus nicht ausschließt. Der entscheidende Gedanke aber ist der, inwiefern alle Dinge (!) in ihrer strukturellen Verflechtung (‚Form‘) eine Tendenz in sich tragen, die erst vom Ende als ihr ‚Attraktor‘ erkennbar ist. Man könnte es auch den ‚bias‘ nennen, die Neigung, die auch auf dem Scheitelpunkt einer systemischen Entwicklung eine bestimmte Richtung präferiert. Im Rückblick erscheint der Verlauf stets als eindeutig determiniert. Darum kann auch gelegentlich der evolutionäre Jetzt-Zustand der Welt als ‚zwingend‘ (z.B. durch kosmische Konstanten) auf den Menschen zulaufend verstanden werden. Ob dieses „anthropische Prinzip“ nun eine überzeugende Interpretation des Sachverhalts darstellt, soll hier nicht entschieden werden. Zumindest ist es die Zuspitzung einer bestimmten ‚attraktiven‘ Perspektive. Derselbe Gedanke wird in der Metapher aufgegriffen, die Natur habe im Menschen die Augen aufgeschlagen, sei im Bewusstsein gewissermaßen zu sich selbst gekommen (vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, S. 235, siehe auch den Blog-Beitrag zu Gabriel).

5. Man sieht, es geht hier um ein heikles Thema, das heute wissenschaftlich recht verpönt ist. Das Thema „Panpsychismus“ wird allenfalls mit Fingerspitzen angefasst, wenn nicht überhaupt als verschrobener Spiritismus abgelehnt. Dass er in vielen Kulturen auch heute in der einen oder anderen Form verbreitet ist, könnte allenfalls zu denken geben. Der Begriff selber ist aus meiner Sicht unglücklich, suggeriert einen irrationalen Dualismus, den er doch gerade vermeiden will. Aber auch nur von Teleologie oder einer dynamischen Finalität zu reden, gilt nicht als wissenschaftlich ernsthaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (bekannt von „What is it like to be a bat?“; siehe auch hier im Blog) genau dieses Thema aufgreift und und sich sowohl zum Panpsychismus (ablehnend, Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 93 – 97) als auch zur Teleologie (zustimmend, a.a.O. S. 173 – 180 und öfter) äußert – mit guten Gründen. Es erscheint angezeigt, sowohl die Begriffe nomologische Kausalität als auch Teleologie und Finalität genauer zu bestimmen und konsistent zu denken. ‚Kausalität‘ ist beim näheren Zusehen ein durchaus problematischer Begriff, und formbestimmte (teleologische) Finalität ist weit weniger unvernünftig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Das soll ein weiterer Blog-Beitrag zeigen. Hier sei am Ende ein Absatz von Thomas Nagel zitiert:

Eine Form natürlicher Teleologie, ein Erklärungstyp, dessen Intelligibilität ich im vorangegangenen Kapitel kurz verteidigt habe, wäre eine Alternative zu einem Wunder – entweder im Sinne eines höchst unwahrscheinlichen Glücksfalls oder im Sinne eines göttlichen Eingreifens in die Naturordnung. Die Tendenz, dass sich Leben bildet, könnte ein Grundzug der Naturordnung sein, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird. In Anbetracht der verfügbaren Beweislage erscheint dies als eine zulässige Vermutung. Und sobald es Wesen gibt, die auf Werte reagieren können, wird die ganz andere Teleologie des intentionalen Handelns zu einem Bestandteil des geschichtlichen Bildes und führt zur Erzeugung von neuen Werten. Das Universum ist sich seiner selbst nicht nur bewusst geworden und zu sich selbst gekommen, sondern in manchen Hinsichten fähig, seinen Weg in die Zukunft zu wählen – obgleich alle drei, das Bewusstsein, das Wissen und die Wahl, über eine riesige Menge von Wesen verteilt sind, die sowohl individuell als auch kollektiv handeln. [Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 178]

 

Feb 262016
 

Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie des Geistes bekommt neue Aktualität aus einer veränderten Perspektive. Es ist die Perspektive einer Philosophie der Mathematik. Die ontologische Frage, was Natur und Zahl eigentlich verbindet, erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ.

Manch einer, der des Streites über ‚Materie‘ und ‚Geist‘, über analytische oder hermeneutische ‚Metaphysik‘, über Naturalismus und / oder Idealismus überdrüssig ist, könnte versucht sein, seine Zuflucht in der Mathematik zu suchen. Die Mathematik steht bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles, Pythagoras) ebenso hoch im Kurs wie bei Naturalisten und analytischen Philosophen, und uneinig ist man sich bei Letzteren allenfalls in der Bewertung der Logik bezogen auf die Mathematik: ob etwa alle Mathematik in der Logik ihre Basis habe oder ob die theoretische Mathematik ein eigenständiges ontologisches Feld bearbeitet, – aber welches? Es geht in ihr um Zahlen, um Messen, um Mengen. Was sind eigentlich Zahlen? Wie verhalten sich Zählen (Analysis) und Messen (Geometrie) zueinander? Und was tragen dann noch die Mengen aus, vor allem, wenn es interessant werden soll, die unendlichen Mengen? Wieweit ist die Mathematik überhaupt auf Anschaulichkeit und natürliche Referenzen angewiesen, also auf „Konstruierbarkeit“ ihrer Theoreme? Wie steht es mit der Axiomatik, ohne die keine mathematische Theoriebildung möglich ist? Und die letzte, vielleicht wichtigste Frage: Wie verhalten sich Mathematik und Empirie zueinander, wie ‚Zahl‘ und ‚Natur‘? Immerhin, so lesen wir bei Galileo Galilei, sei das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben, und die Ergebnisse der experimentellen Physik lassen sich ohne die mathematischen Kalküle gar nicht beschreiben geschweige denn verstehen. Ein Naturgesetz wird durch eine Gleichung, einen Algorithmus fassbar. Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft unerlässlich – gilt dasselbe auch umgekehrt? Oder reichen mathematische Gegenstände und Begriffe womöglich weit über den Bereich materieller Referenzen hinaus? Wir befinden uns damit bei den Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik. Man darf vermuten, dass es darin nicht gerade einfacher wird.

Es ist das Verdienst von Bernulf Kanitscheider, umfassend in die aktuellen Fragestellungen der Philosophie der Mathematik einzuführen: Natur und Zahl. Die Mathematisierbarkeit der Welt, 2013. Kanitscheider ist ‚bekennender‘ analytischer Philosoph, und jede Metaphysik, erst recht eine idealistische wie die Hegels, ist ihm ein Gräuel. Metaphysische ebenso wie theologische Aussagen sind für ihn, wissenschaftlich betrachtet, reine Phantasma über einen „gespensterhaften“ Gegenstandsbereich. Gelegentlich erinnern seine polemischen Bemerkungen an Richard Dawkins. Man sollte sich nicht daran stören, denn er bietet eine sehr breit ausgeführte Darstellung der Diskussion um die Hintergründe und ‚Randbedingungen‘ mathematischer Entwürfe. Sein Ansatz in der Antike bewährt sich in erstaunlichen Aktualisierungen in der Gegenwart. Er stimmt dem analytisch-philosophischen Programm einer durchgängigen Naturalisierung der wissenschaftlichen Welt uneingeschränkt zu. Sein Wunsch wäre es, auch die Mathematik, ihre Gegenstände und Theoreme, physisch zu ’naturalisieren‘. Wenn Kanitscheider dann aber die erheblichen Probleme benennt, die einem solchen Vorhaben entgegen stehen, und sich selber auf einer gemäßigt aristotelischen Position wiederfindet, deren Abgrenzung zu einem platonisierenden ‚Realismus‘ der Mathematik ihm sichtlich schwer fällt, dann ist das für die Sache der philosophischen Mathematik überaus aufschlussreich.

Die immer wiederkehrende und in unterschiedlichen Entwürfen hin und her gewendete Frage lautet: Sind Zahlen etwas ontologisch Reales, oder sind es nur Zeichen, Benennungen für physisch reale Gegenstände? Sind also bei dem Satz: „Das sind 3 Äpfel.“ nur die Äpfel real und die „3“ eine rein gedankliche Benennung, oder ist die Zahl 3 eine eigenständige Entität? Wir sehen sofort, dies ist die alte Streitfrage zwischen Realismus und Nominalismus (übrigens ein metaphysisches Problem). Es kehren noch sehr viele andere alte Fragen wieder: Ist die Zahlenwelt ein eigenes Reich wie das Reich der platonischen Ideen, oder sind die Zahlen bzw. die mathematischen Relationen so etwas wie die der Materie aufgeprägten Strukturen, also das, was Aristoteles die Form nannte, die der Substanz erst konkrete Gegenständlichkeit verleiht? Im Hintergrund steht die bereits bei den Vorsokratikern gestellte Frage, wie es kommt, das die erkennbare Welt irgendwie ‚zahlenförmig‘ ist, oder neuzeitlicher gefragt, woher es kommt, dass sich die Phänomene der Natur nicht nur erstaunlich gut mit mathematischen Formeln beschreiben lassen, sondern dass mittels mathematisch formulierter Naturgesetze genaue Voraussagen über physische Prozesse möglich sind? Warum passen ‚Zahl‘ und ‚Natur‘ so gut zusammen, so dass Galilei die Mathematik als die „Sprache der Natur“ bezeichnet hat?

Galileis Beschreibung der Jupiter-Monde By Sage Ross - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8619404

Galileis Arbeits-Instrumente By Sage Ross – Own work, CC BY-SA 3.0

Man hat das Problem noch nicht ganz erfasst, so lange man meint, dies sei doch eigentlich ganz klar, die Mathematik habe sich eben als abstrakte Sprachform zur Beschreibung natürlicher Prozesse bewährt, und wer mehr daraus mache, betreibe halt unnütze Spekulation, – eine praktisch-nominalistische Position. Der Punkt ist aber der, dass mathematische Axiomatiken eine eigene Welt darstellen mit eigenen Regeln und Randbedingungen, mit Schlussfolgerungen und Auswirkungen, die zwar Entsprechungen in der physischen Welt haben können, aber es nicht haben müssen. Im Streit um Cantors Unendlichkeiten wird gerade von Empiristen auf der Unsinnigkeit des physisch Unendlichen bestanden, und darum werden mathematisch unendliche Extensionen verworfen, mit scherwiegenden Folgen für das Verständnis empirischer Daten. Bei der Frage der Stetigkeit diskreter Entitäten und ihrem Verhältnis zum Kontinuum kehrt dieselbe Frage in anderer Form wieder: Was hat es mit der Eigendynamik (um nicht zu sagen Eigenlogik) mathematischer Theoriebildung auf sich, die eben nicht nur subjektiv-mentalistisch aufgeklärt, sondern als objektive abstrakte Gegebenheit kommuniziert werden kann? Völlig abstrakte mathematische Formen und Strukturen haben zwar immer wieder dazu verholfen, physikalische Prozesse zu verstehen und aus Ableitungen heraus Neues zu entdecken (z.B. Higgs-Boson), aber diese mathematischen Strukturen und Axiomatiken gelten als „wahr“, wenn sie widerspruchsfrei und schlüssig sind unabhängig davon, ob das physikalisch nützlich und verifizierbar ist oder nicht. Offenbar ist der Bereich mathematischer Gegenstände noch weiter und offener und vielgestaltiger, als es bezüglich physischer Realisierungen jemals vorstellbar ist. Diese ‚Eigengesetzlichkeit‘ der Mathematik, die ungeheure Produktivität ihrer Axiomatiken und die Eigendynamik der abstrakten Gegenstände und ‚Gebilde‘ (Mandelbrot!) ist vielleicht das stärkste Argument gegen den in der sinnlichen Erfahrung gründenden Nominalismus, der weder mit unendlichen Mengen noch mit unendlichen Reihen, noch überhaupt mit dem aktual Unendlichen ontologisch etwas anzufangen weiß.

Darum neigen viele bekannte Mathematiker (Gödel, Cantor, Russell, sogar Quine mit einem „conditional platonism“) zum mathematischen Platonismus. Die Mathematik befasst sich demnach mit einem eigenständigen Seinsbereich abstrakter Entitäten. Dann taucht sofort die Frage nach der Verbindung dieser ontologischen Ebene mit der ontisch-physikalischen Welt auf (Übergangs- oder Verknüpfungsproblem): Wie können ‚ideale‘ Gegenstände einer mathematischen Ontologie Auswirkungen auf physikalisch- ‚reale‘ Prozesse haben, wie können sie damit überhaupt zusammen hängen, wenn eine kausal-materielle Verknüpfung per definitionem ausscheidet? Radikale Positionen lösen das Übergangsproblem mit einem radikalen Platonismus: Nur die abstrakte Welt der Formen und Strukturen ist wirklich, diese produziert aus sich heraus den Schein einer physikalischen Realität (M. Tegmark, siehe Kanitscheider a.a.O.), und solange wir uns nicht zum Licht der Mathematik erheben, starren wir nur auf die Schatten an der Wand dessen, was für den Alltagsmenschen die physische Welt ist. Hier trifft sich der konsequente Platonismus mit einem ‚virtuellen Realismus‘ oder Fiktionalismus, der unsere konkrete Welt als eine von vielen möglichen Simulationswelten innerhalb digital-ontologischer Theorien begreift. Dann taucht aber die Frage auf, wie man eine „Rettung der Phänomene“ ins Werk setzen kann, ob und wie man den Schein der Simulation durchbrechen kann – Hillary Putnams „brain in a vat“ lässt grüßen.

Wem das zu weit geht und wem angesichts der Viele-Welten-Theorien schwindelig wird (obwohl die Multiversen-Theorie die einzig plausible Erklärung für die Unableitbarkeit der Naturkonstanten liefert), findet dann, wie auch Kanitscheider es tut, einen gemäßigten Aristotelismus für nahe liegend und praktikabel. Die mathematischen Strukturen liegen als untrennbar prägende Formen den physisch-materiellen Gegenständen zugrunde. Die pure Substanz ist ein nicht existentes metaphysisches Unding. Das Elektron ist ohne seine es bestimmende Struktur (Masse, Ladung, Spin) – nichts. Gemäßigt ist dieser aristotelische Realismus deswegen zu nennen, weil er durchaus Raum lassen will für die mathematischen Formen, die ’noch‘ keine physische Realisierung gefunden haben, es aber der Möglichkeit nach könnten. Dieser modale Vorbehalt soll die produktive Weiterarbeit der theoretischen Mathematiker ermöglichen, die zum Beispiel noch den „Cantor der kleinsten Zahl“ hervorbringen müssten, also eine Theorie über die Unendlichkeiten im Kleinsten, die gewissermaßen den Gegenpol zu den überabzählbaren Unendlichkeiten im Größten bilden sollen (Kanitscheider). Überhaupt ist das Feld der mathematischen ‚Gebilde‘ nicht auszumessen und offenbar ebenfalls unendlich groß. Der menschliche Geist ist noch längst nicht an seine Grenzen gestoßen, durch neue mathematische Räume (Axiomatiken) hindurch zu neuen Strukturen und Welten vorzustoßen. Man sieht: Der Übergang von Aristoteles zum Platonismus in der Mathematik ist nur ein kleiner Schritt.

Noch ein anderer Schritt bietet sich freilich an. Wenn man all die referierten und wiederholt breit dargestellten Positionen und die Abwägungen von Für und Wider liest und nachvollzieht, fühlt man sich unmittelbar in den Diskussionen, Alternativen und Aporien der jahrzehntelangen Diskussion um die ‚philosophy of mind‘, die Philosophie des Geistes aus analytischer und nicht-analytischer Sicht, hinein versetzt. Das Problem der Emergenz und der Supervenienz, der Identität und Differenz physischer und mentaler Gegebenheiten, des Übergangs bzw. der Naturalisierung mentaler in neurologische Prozesse, der Reduzierbarkeit und der ontologischen Valenz begrifflicher Extensionen usw. – alles kehrt hier in leicht verändertem Gewand wieder. So scheinen die Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik in einem besonderen Bereich der abstrakten Strukturen die Probleme der Philosophie des Geistes erneut zu thematisieren. Auch die Antworten der klassischen Philosophen sind wieder da in erstaunlicher ‚alter‘ Frische. Aber etwas ist doch anders: Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie bekommt wieder neues Leben aus einer veränderten Perspektive – und diese Perspektive der Mathematik erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ, – das zeigen die vielen neueren Veröffentlichungen zum Thema. Klarer als in vielen Verästelungen der mentalen Philosophie des Geistes werden hier Grundfragen und Probleme der Erkenntnistheorie erkennbar und benennbar, die wohl noch lange virulent und nicht ohne weiteres lösbar sind. Am Beispiel der Mathematik und der ihr eigenen ‚Welten‘ und Axiomatiken, gerade auch ihrer immer wieder Staunen erregenden Fähigkeit, physikalische Gegebenheiten und Prozesse zu verstehen und aufzuklären, zeigt sich die produktive Weite und irgendwie auch die ‚Inkommensurabilität‘ des menschlichen Geistes. Selber durchaus mit einem endlichen Gehirn verbunden ist er in der Lage, Unendliches konsistent zu denken und Beziehungen und Strukturen zwischen abstrakten Entitäten in Gestalt mathematischer Formen und naturalistischen Wirklichkeitsbereichen herzustellen dergestalt, dass nicht einmal der Gedanke, diese abstrakte Welt bringe die konkrete erst hervor, als völlig abwegig erscheint. Zum Glück kann auch Kanitscheider seine metaphysische Aversion nicht durchhalten – er gibt sie quasi an der Haustür beim Betreten der philosophischen Mathematik ab. Die offene und neugierige Nachfrage nach den ontologischen Qualitäten, nach kreativer Produktivität, nach der realen Verankerung der ‚virtuellen‘ Strukturen in den Gebäuden der Mathematik macht dieses Nachdenken ungemein spannend und anregend. Die „geprägte Form“ (Goethe), die sich sowohl biologisch als auch algorithmisch weiter entwickelt, hat etwas Faszinierendes, auch wenn der Zusammenhang von Natur und Zahl letztlich rätselhaft bleibt. VielIeicht sollte auch Aristoteles‘ Gedanke einer Teleologie (causa finalis) nicht gleich als theistisch desavouiert abgetan werden, sondern als ‚bias‘, als innere Tendenz der Strukturen und Energien erneut bedacht werden. Es könnte sich als produktive Intuition erweisen, auch hier dem Anstoß der alten Philosophen aktuell nachzugehen. Es geht um mehr als nur um Zahlenspiele.

Jul 242014
 

Naturwissenschaft auf dem philosophischen Prüfstand (7)

[PhilosophieNaturwissenschaft]

Zusammenhangslosigkeit ist schwer zu ertragen. So lautet ein Zitat von Michael Hampe im vorigen Beitrag. Das ist vielleicht noch zu schwach ausgedrückt. In völliger Zusammenhangslosigkeit kann der Mensch nicht leben. Das gilt für jegliche sinnliche Wahrnehmung. Sie erfasst Konturen und Strukturen, ohne die Dinge und Abläufe gar nicht erkennbar, nicht als abgegrenzt und besonders erfassbar wären. Erst recht ist die Sozialität des Menschen auf Verbindung und Zusammenhang hin angelegt. Volker Gerhardt spricht vom Bewusstsein als sozialem Organ, „als individuelle Instanz des Universellen“. 1) Dies reziproke Verhältnis von Mensch und Welt, die insofern Mitwelt, Umwelt ist, drückt sich in aller menschlichen Erfahrung aus. Erfahrung ist die besondere Weise, in welcher der Mensch seine Welt und sich selbst „erfährt“, d.h. wie er auf Impulse und Aktivitäten der auf ihn einwirkenden Welt reagiert, wie er sie versteht und seine eigene Reaktion darauf abstimmt. In dieser Wechselbeziehung bildet sich die eigene Person erst heran. Wahrnehmen bedeutet also Strukturen erkennen, und Person bedeutet, in sozialen Systemen zu leben, die sowohl Orientierung als auch Stabilität gewähren. Solche Ordnungen und Strukturen für sich als Einzelnen zu entdecken und sich in besonderer Weise anzueignen, heißt Sinn erfahren. Menschliches Leben spielt sich nahezu gänzlich in bestimmten Strukturen und sozialen Bezügen ab, die das eigene Personsein konstituieren und sinnvolles Dasein herstellen. Völlige Zusammenhangslosigkeit bedeutet Tod, wenn sich sogar die Körperlichkeit in die umgebende Materialität auflöst.

Auf einer anderen Ebene trifft dies auch auf die Wissenschaft, auf das gesellschaftlich organisierte Wissen, zu. Hier werden ganz ausdrücklich Zusammenhänge gesucht und gefunden, Muster und Strukturen aufgedeckt und systematische Verbindungen hergestellt und in einer Theorie zusammenfasst. Die vollendete Form strukturierter und systematisierter Ordnung ist das mathematische Axiomensystem. Alle Formen, Sätze und Symbole sollen darin auf möglichst einfache Grundlagen zurück geführt werden. Trotz der Abstraktheit und des geradezu kunstvollen Symbolsystems ist auch die Mathematik mit ihren diversen Spezialisierungen eine Aktionsweise der menschlichen Vernunft, der Welt verstehend gegenüber zu treten und Strukturen und Verknüpfungen herzustellen. Wird die mathematische Sprache dazu benutzt, beobachtete Erscheinungen und experimentell hervor gerufene Ereignisse auf eine Formel zu bringen, so zeigt sich darin zumindest eine Korrespondenz zwischen beobachtetem Verhalten und mathematischem Ausdruck (Gleichung) – wenn nicht mehr. Denn diese Symbolsprache ist wie jede Sprache schon eine Form der Deutung, der Interpretation durch die Herstellung von Beziehung.

Damit ist ein weiterer wesentlicher Gesichtspunkt berührt, der Wissen überhaupt und insbesondere wissenschaftliche Theoriebildung kennzeichnet. Der Erfahrungen machende und Erkenntnis suchende Mensch ist, indem er auf Muster und Strukturen aus ist, immer schon mit Deutung, mit Interpretation dessen beschäftigt, was er gerade erfährt oder erkennt. Deuten und Interpretieren aber liefert genau das, was man einen Sinnzusammenhang nennt. Erfahren, Erkennen und Wissen ist also von vornherein eine Form der Sinnstiftung, nämlich Zusammenhänge in der Zusammenhangslosigkeit aufscheinen zu lassen. Man könnte dies auch als den Grundantrieb jeglicher kultureller Leistung ansehen. Das unzusammenhängende, zufällig erscheinende Chaos in der Natur bekommt durch Erkenntnis und Wissen eine Struktur und damit einen Sinn. Wenn der Mensch sich diese erfahrenen und erkannten Zusammenhänge für ein bestimmtes Verhalten oder im Blick auf bestimmte Techniken nutzbar macht, sein Wissen also „anwendet“, dann entsteht gestiftete, praktizierte Ordnung, Kultur. Wissenschaft in diesem umfassenden Sinn gehört in ganz besonderer Weise zu dem, was Kultur ermöglicht. Sie gehört, das dürfte schon klar geworden sein, zugleich zu dem, was im Zusammenhang von Personsein, Erfahrung, Erkenntnis, Wissen den Menschen ausmacht. In der Wissenschaft reagiert der Mensch in ganz eigentümlicher Weise auf seine Welt, indem er sie verstehend deutet (Erfahrung), in einem Sinnzusammenhang interpretiert (Theorie) und zu seinem Nutzen manipuliert (Experiment, Technik).

"Galileo facing the Roman Inquisition" by Cristiano Banti - Wikimedia

„Galileo facing the Roman Inquisition“ by Cristiano Banti – Wikimedia

Was aber hat es dann mit der Wahrheit auf sich? Wenn wissenschaftliche Durchdringung der Welt als eine besondere, erkennende und deutende Reaktion des Menschen auf seine ihm begegnende und widerfahrende Welt verstanden wird, wenn Theoriebildung eine Form ist, Zusammenhang und Sinn zu stiften, wenn Muster und Strukturen die Mittel des Verstandes sind, Ordnungen zu verknüpfen und Regularitäten (Naturgesetze) zu entdecken und in Analogien zu beschreiben, was bedeutet dann noch Wahrheit? Ist Wahrheit anderes und mehr als Richtigkeit (Übereinstimmung des Gesagten mit dem Gemeinten), anderes auch als ein „kulturalistisches“ Mittel des Menschen, „sich in der Welt einzurichten und zurechtzufinden“ (Peter Janich) 2)?

Auf wissenschaftliche Theoriebildung gemünzt ist das sicher genau richtig formuliert. Zusammenhänge zu finden und Sinn zu stiften, welcher der Orientierung des Menschen in seiner Welt dient, geschieht in unterschiedlichen Kulturen gewiss in ganz verschiedener Weise. Es geschieht auch zu unterschiedlichen Zeiten und Epochen in ganz verschiedener Weise. Was vor 500 Jahren als vernünftige Form des Wissens galt und was als ganz und gar unsinnig angesehen wurde (zum Beispiel dass die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt sein sollte), kann heute nicht mehr als Wissen gelten. Wissen verändert sich, Wissenschaft wandelt sich. Ob dies nun „Fortschritt“ zu immer mehr und besserem Wissen genannt werden kann, ist wieder eine eigens zu diskutierende Theorie kulturgeschichtlicher Interpretation. In jedem Falle ist Wissen, und zwar alles Wissen, auch das „sicherste“ wissenschaftliche Wissen, zeitbedingt, weil abhängig vom Fragen, Suchen, Erfahren und Antworten bzw. Reagieren des Menschen, der in seiner Zeit und seiner Welt zusammenhängende Orientierung braucht. Der Szientismus und der materialistische Naturalismus sind nur Spielarten eines heute verbreiteten und in Naturwissenschaft und Technik vorherrschenden Wissenschaftstyps, der trotz anderer Behauptung und unbeirrtem Selbstbewusstseins keinerlei absolute Geltung für sich beanspruchen kann – wie überhaupt keine Wissenschaft, kein menschliches Wissen sich zu absoluter Unfehlbarkeit erheben kann. Eben hier kommt die Wahrheit ins Spiel.

Der Begriff der Wahrheit trägt etwas Absolutes in sich. Wahrheit ist wahr oder sie ist nicht Wahrheit. Die Philosophen in der Tradition Platons haben sie als eine Idee, ein Ideal genannt. Ohne hier in den Streit um Idealismus oder Realismus / Naturalismus eintreten zu wollen, kann doch so viel gesagt werden, dass der Begriff der Wahrheit etwas beansprucht, was der Mensch ansonsten nirgendwo und niemals erlangen kann: absolutes Wissen, absolute Geltung, absolute Gewissheit. Wo es um das Absolute geht, beginnt der Glaube. Das ist das Feld der Religion. Aber ebenso wenig wie der vernünftige Kritiker Immanuel Kant auf die Idee Gottes und der Unsterblichkeit verzichten wollte (aus Gründen der praktischen Vernunft und der Moral – das kann und wird man heute anders sehen), ebenso wenig sollte auf den Begriff der Wahrheit verzichtet werden, und zwar auf einen Begriff, der über den kulturalistischen Relativismus hinaus geht.

Man kann den Wahrheitsbegriff als eine regulative Idee betrachten, die vielleicht ein unerkennbares und unbestimmbares Ziel in der Unendlichkeit angibt, die also nicht als Wissen oder Erfahrung unmittelbar zur Verfügung steht, die aber die Funktion hat, vor die Klammer allen Wissens und Erkennens und aller Vernunft und Struktur ein Fragezeichen oder ein Plusminus zu setzen. Wahrheit wäre in etwas schiefer Analogie zur Mathematik allenfalls als ein Grenzwert zu verstehen, den man allerdings niemals durch eine finite Größe ersetzen kann. Man kann es auch ganz einfach so formulieren: Eine Wahrheit als Grenze allen Wissens und Erkennens hindert den Menschen daran, sich selbst, seine Vernunft und sein Können absolut zu setzen. Wahrheit als regulative Idee vertritt die Selbstbegrenzung des Menschen, der sich bewusst ist, dass seine Erfahrung und sein Wissen von sich und seiner Welt stets zirkulär, bedingt, immer unvollständig und relativ (zu seiner Kultur usw.) ist. Weise Wissenschaft war sich zu allen Zeiten dieser Begrenztheit bewusst.

Philosophie als fortwährende Erinnerung an die Wahrheit könnte gegenüber aller anderen Wissenschaft auch diese Selbstbeschränkung darstellen und anmahnen. Die Selbstbeschränkung liegt in der Sache begründet. Denn die Sache, um die es allem Erfahren, Erkennen, Wissen geht, ist die Wechselwirkung von Mensch und Welt, von Struktur und Muster, von Erkenntnis und Deutung. Erst diese Grenze schützt Wissenschaft davor, zur Weltanschauung zu werden und sich an die Stelle einer Ideologie oder Religion zu setzen. Andererseits macht diese Grenze das Erkenntnisstreben, das Wissen und die Wissenschaft frei, auch frei zur spielerischen Entdeckung der Dinge und Gegebenheiten unserer Welt, die so, aber auch oft genug ganz anders ans Licht kommen können.

 Anmerkungen

1) Volker Gerhardt, Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins, 2012, S. 369 – 436

2) Peter Janich, Was ist Wahrheit? Eine philosophische Einführung, 1996

Jul 222014
 

Naturwissenschaft auf dem philosophischen Prüfstand (6)

[PhilosophieNaturwissenschaft]

Wissenschaft ist die Organisation von Wissen. Organisation will sagen: Es geht darin um einen methodisch kontrollierten Weg des Erwerbs von Wissen. Um die Verbindung und Unterscheidung, Verknüpfung und Spezialisierung von Wissensbereichen. Um Erkenntnis von Zusammenhängen und Zusammenhangslosigkeiten in der Vielfalt der Dinge und Prozesse. Um Deutung und Interpretation von Einzelergebnissen und Einzelfragen im Kontext eines größeren Ganzen. Es geht um das Auffinden von Regularitäten, Mustern, Modellen in einer uferlosen Vielfalt von Geschehnissen und Ereignissen. Insofern geht es auch um den Sinn dessen, was wir als Welt um uns und in uns vorfinden. Organisation ist aber auch eine Bezeichnung für etwas Institutionelles, für eine Einrichtung, einen Betrieb. All dies gilt in unserem kulturellen Umfeld auch für das Wissen. Organisiertes Wissen ist auch ein Wissenschaftsbetrieb, ein organisatorisches, gegliedertes, mal mehr, mal weniger divergentes Ensemble von Geldmitteln, Vorgaben, Zielen, Interessen. Wissen in der Form von Wissenschaft ist etwas stark Strukturiertes innerhalb der vielfältigen Strukturen einer Gesellschaft, die sie betreibt. Schließlich steckt in Organisation auch noch das Organische, einmal in Gestalt der Menschen, die als Wissenschaftler tätig sind, zum anderen als mögliches Idealbild einer kooperativen Ganzheit und zuletzt auch schlicht als Werkzeug (Organon), mittels dessen Wissen erworben, verwaltet und gestaltet wird.

Wissen beruht auf Erkenntnis und führt zu neuer Erkenntnis. Das, was man erkannt hat, ist bekannt, vertraut, eingeordnet, hinlänglich verstanden. Im normalen Alltag ist es die Erfahrung, die einem Kenntnisse und dann auch Wissen vermittelt. Dies Alltagswissen ist wohl das umfänglichste und wesentlichste Wissen, das Menschen während ihres Lebens erwerben und besitzen. Es ermöglicht allererst Leben, Sozialität und Orientierung. Erfahrungswissen wird ständig neu erworben, angereichert, verändert, bisweilen sogar in einzelnen Teilen gänzlich über Bord geworfen. Man denke an Menschen, die aus fernen Krisengebieten nach Deutschland geflüchtet sind. Um in unserer Gesellschaft leben zu können, nützt ihnen ihr altes Wissen wenig. Sie müssen völlig neu Erfahrungswissen erwerben. Insofern sind Menschen je nach Situation auf ständige Bereitschaft zum Lernen angewiesen. Dieses Alltagswissen wird unstrukturiert, beiläufig erworben; vieles spielt sich dabei quasi automatisch und im Unbewussten ab. Die gesamte Kindheit und Jugendzeit ist eine stetige Aneignung von Fertigkeiten, Kenntnissen und Wissen. Solche lebenspraktische „Wissenschaft“ ist jedem bestens vertraut.

Die organisierte Wissenschaft dagegen ist etwas recht Eigentümliches, etwas sehr „Spezielles“, um es mal schweizerisch zu sagen. Sie beschäftigt sich mit Dingen, die nur selten etwas direkt mit dem Alltag zu tun haben. In ihr geht es nicht um möglichst zweckmäßige Kenntnisse und Fertigkeiten zum alltäglichen Leben, sondern etwas „tiefer“ um das, was in, hinter, unter, über (oder wie immer man die räumliche Analogie wählen will) den Dingen und Prozessen liegt, wie sie uns vordergründig erscheinen. Unser Verstand lässt uns im Alltag spontan begreifen, wie Dinge und Ereignisse, denen wir begegnen, behandelt, „einsortiert“ und verarbeitet werden sollen. Das eben hat uns die Erfahrung gelehrt, und die jeweilige Deutung von Verhältnissen, in die man gerät, wird aus lebenspraktischem Wissen geschöpft, das den wachsenden Erfahrungsschatz bereit stellt. Was es aber mit den Dingen und Begebenheiten, mit räumlichen und zeitlichen Veränderungen eigentlich auf sich hat, was also dahinter steckt, hinter den Dingen, Verhältnissen, Bewegungen, Veränderungen, verlangt nach einem anderen Vorgehen, nach einer andersartigen Form der Erkenntnis und des Wissens.

In der menschlichen Kulturgeschichte gaben wahrscheinlich bestimmte Anforderungen des Alltags den Anlass dazu, sich eingehender mit bestimmten Dingen und Verhältnissen zu beschäftigen. Für die frühen Ackerbauern waren Kenntnisse der Saat, der Bewässerung, der Ernte und der Behandlung des Bodens nützlich. Für die Seefahrer waren zur zeitlichen und räumlichen Orientierung die Gestirne des Himmels wichtig, für die kultischen Anlässe die genaue Kenntnis von wiederkehrenden Zeiten und Konstellationen am Himmel. Für all dies, um nur Beispiele zu nennen, war zu allererst gute Beobachtung nötig, auch Merkzeichen für bestimmte Situationen und Konstellationen (Kalender). Doch Beobachtung von einzelnen Dingen und Gegebenheiten allein reicht nicht aus. Es sind ja gerade die Zusammenhänge wichtig, die rechte Ordnung, in der Behandlung des Bodens, Saat, Bewässerung und Ernte erfolgen müssen. Von der Beobachtung des Einzelnen führt der nächste Schritt unweigerlich zum Erkennen und Erproben von Zusammenhängen (welcher Boden ist gut, welcher nicht, was befördert Wachstum, was nicht, usw.). Je mehr aber Dinge in einen Zusammenhang gebracht werden, umso mehr spielt auch die erklärende Deutung dieses Zusammenhangs eine Rolle, bietet sie doch möglicherweise ein Muster, auch andere Zusammenhänge und Abfolgen in gleicher Weise zu deuten und zu verstehen 1). Wenn schließlich griechische „Philosophen“ danach fragten, was überhaupt „alles“ begründet und zusammenhält, sei es das Wasser oder das Feuer, sei es der Fluss der Veränderung oder das gleichbleibende Sein, dann ist der Schritt vom alltäglichen Umgangswissen zum systematisch erfassten Hintergrundwissen, also zu dem, was wir heute Wissenschaft nennen, getan.

Die sogenannten Vorsokratiker (dies ist ja nur eine zeitliche Abgrenzung), also die griechischen „Wissensmenschen“, die wir als frühe Naturphilosophen bezeichnen, dokumentieren für uns, soweit wir von ihnen wissen, das Entstehen der sehr umfassenden Frage: „Was bedeutet das alles?“ Thomas Nagel hat vor einigen Jahren (1990; 2012) in einem kleinen Bändchen mit eben diesem Titel dies als die Anfangs- und Grundfrage allen Wissens bezeichnet. Innerhalb des heutigen Kanons der Wissenschaften ist es aber allenfalls noch die Frage der Philosophie als der Wissenschaft vom Wissen, vom „Ganzen“. Darin steckt immer schon die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach dem Sinn in allem Sein, in allen Dingen. Also nicht mehr nur „Was ist …?“ wird gefragt, sondern dann weiter „Warum ist…? und „Wozu ist…?“ oder etwas banaler „Was soll das Ganze?“ 2). Der entstehenden Wissenschaft, also der in bestimmten Bahnen und mit bestimmten Methoden verfolgten Organisation des Wissens, stellt sich sowohl die Frage nach dem Einzelnen, was es denn für sich genommen eigentlich ist, wie es sich verhält, woraus es besteht, was es bewirkt usw., als auch die Frage nach dem Zusammenhang, nach den Verknüpfungen, den Strukturen und Mustern, die sich in der Verbindung  vieler Einzeldinge zeigen. Gerade sie reizen die Erkenntnis in besonderer Weise, weil durch solche möglichen Zusammenhänge übertragbare Muster und Dynamiken sichtbar werden können, die dann zu Regularien und Regularitäten, zu den sogenannten Naturgesetzen, vereinheitlicht werden können. Dem ersten Typus Fragen, den analytischen, folgt also der zweite Typus von Fragen, den synthetischen, die nach dem Zusammenhang, nach Bedeutung und womöglich Sinn fragen. Jetzt sind es Theorien, die sprachlich entwickelt werden, um sodann in symbolischen Formulierungen von Zusammenhängen in der abstrakten Kunst der mathematischen Sprache präzisiert zu werden. Eigentlich geht es der gesamten Wissenschaft vor allem um diese Frage: Das Einzelne im Zusammenhang eines größeren Ganzen, man würde heute sagen, von System, Struktur und Prozess zu betrachten, es darin in den Wechselwirkungen und Veränderungsprozessen zu erkennen und als bestimmte Form von Etwas zu deuten.

Erkenntnis von Zusammenhang, wie auch immer, ist stets sowohl Entdeckung wie Stiftung: Aufgrund der konkreten Untersuchung von Einzelheiten kann der, der sehen und kombinieren gelernt hat, Strukturen, Muster, gar Systeme und Dynamiken finden. Was ist da Entdeckung, was Erfindung? Der müßige Streit um Nominalismus oder Realismus oder Idealismus führt deswegen zu nichts, weil es in aller Wissenschaft immer zugleich die Verschränkung von Erkennendem und zu Erkennendem gibt. Da der forschende, fragende, Erkenntnis suchende und wissende Mensch immer zugleich Teil der „Welt“ ist, also Teil des Bereichs, den er erforscht, erkennt, weiß, kann hier nur von Wechselwirkung gesprochen werden. Der Suchende und Wissende findet etwas vor, aber er muss die Fähigkeit mitbringen, Formen und Muster zu „entdecken“, Regularitäten aufzufinden, Gesetze zu formulieren. Diese Fähigkeit, Formen und Muster zu finden, ist vielleicht dasjenige, was unsere Vernunft überhaupt ausmacht. Die menschliche Vernunft ist dazu fähig, weil sie sich selber in bestimmten Formen und Mustern konstituiert – und das gilt gleichfalls für das Gehirn, das sich in dynamischen Mustern und Prozessen organisiert. Der alte Satz, dass Gleiches von Gleichem erkannt wird (Empedokles), hat hierin seine Wahrheit und Bestätigung.

Planck, ESA

Plancks CMB – Credits: ESA and the Planck Collaboration

Insofern befindet sich der Mensch in der Wissenschaft in gar keiner grundlegend verschiedenen Situation als der vom Erfahrungswissens geleitete Mensch. Er steht in seiner Welt einer Wirklichkeit gegenüber, die ohne synthetische Aktion in eine unendliche Vielzahl von Einzelheiten und Einzelteilen zerfällt. Allein schon die Wahrnehmung schafft eine Synthese: Man nimmt mit dem Auge keine einzelnen Photonen wahr, nicht die in Brown’scher Bewegung zitternden Atome der Luft und des Tisches, sondern wir nehmen diese verwirrende Flut von Informationen materieller und energetischer Art in klaren Mustern (das Buch, die Schrift) und scharfen Begrenzungen (die Tischkante) wahr. Wir nehmen unsere Umwelt von vornherein in gegebenen Strukturen, festen Formen oder fließenden Bewegungen wahr, können sie darum allererst erkennen und von ihrem Vorhandensein wissen. Das, was uns heute die Kognitionswissenschaften an Detailkenntnissen über die Art unserer Wahrnehmung und das Erwerben von ‚Wissen‘ vermitteln, wiederholt sich auf einer anderen Stufe in der organisierten Form wissenschaftlicher Erkenntnis. Denn auch dort geht es vornehmlich um das Entdecken und Konstruieren von Strukturen, die uns die Muster liefern, nach denen wir die Dynamiken der Welt noch genauer, detaillierter, zusammenhängender oder auch abrupt springend (Quanten!) so zusammenfügen, dass Regularitäten sichtbar werden, Ordnungen und Systeme, die uns sogar fehlende Elemente entdecken helfen (Higgs-Teilchen). Noch einmal zur Verdeutlichung: Was in den Naturwissenschaften einschließlich der Humanwissenschaften geschieht, ist die Entdeckung und möglichst präzise Beschreibung und mathematische Ausformulierung von Mustern und Strukturen, Dynamiken und Prozessen, die uns die Wirklichkeit in und hinter der Alltagswirklichkeit erkennen und als sinnvoll verstehen lassen. Genau dies geschieht klassisch in Theoriebildung und Experiment: Zusammenhang entdecken und Sinn stiften.

Es ist wohl so: Ohne unser im Alltäglichen vorstrukturiertes Suchen, Fragen, Mustererkennen, vernünftiges und abstraktes Strukturieren wäre die Welt nur eine verwirrende, weil unendliche Vielfalt von Einzelheiten, die zwar irgendwie interagieren und reagieren, aber die von sich aus keine Struktur, kein Muster und keinerlei Sinn ergäben. Michael Hampe formuliert es ähnlich so:

Vielmehr finden wir uns in einer Welt, die nur bedingt für uns Zusammenhänge aufweist, deren Zusammenhangslosigkeit wir jedoch nur schwer ertragen, so dass wir versuchen, Zusammenhänge zu schaffen. Wenn uns das gelingt und wir eine Fülle von ehemals zusammenhangslosen Wahrnehmungen und Situationen jetzt als Varianten einer einzigen von uns herstellbaren Situation beschreiben können, dann sagen wir, dass wir Gesetze kennen oder in den exemplarischen Situationen Gesetze gefunden haben. Zwar erzeugen wir die Experimentalsituationen und die Theorie, in deren Rahmen dann das Gesetzeswissen als Resultante auftritt, selbst. Doch die Probleme der Zusammenhangslosigkeit relativ zu einer bestimmten Theorie finden wir vor. (Hampe, Naturgesetzbegriff, S. 152)

Mir fällt als Bild dazu die Entdeckung des kosmischen Hintergrundrauschens ein. Eigentlich ist dort erst einmal gar nichts zu sehen. Selbst auf den immer stärker auflösenden Bildern vom Hubble-Teleskop (NSA COBE) bis hin zu den bislang stärksten Auflösungen der ESA PLANCK – Mission (siehe Foto) ist nur ein kaum strukturiertes Durcheinander von Flecken und Farben zu erkennen, nicht mehr ganz ein „Brei“, aber beim ersten Anschauen doch reichlich durcheinander. Genau dieses Bild aber enthält erste Strukturen („Dichteschwankungen“) in der kosmischen Hintergrundstrahlung, die den Wissenschaftlern eine ganze Reihe von Auskünften (siehe Andreas Müller in Scilog) über den Ursprung des Weltalls geben. Die Strukturen aber machen erst das Weltall zum „Kosmos“, schaffen Wissen über das, was vor Milliarden von Jahren entstanden ist. Die Welt hat sich für den Menschen ein Stückchen mehr strukturiert und erhellt, neue Erkenntnis wurde erworben und das Wissen erweitert.

Was also geschieht in der Naturwissenschaft wirklich? Wie wahr ist eine Theorie, die auf einer Experimentalsituation beruht, ein strukturiertes Muster findet / schafft, eine zum Gesetz erklärte Regularität entdeckt? Was kann hier überhaupt mit Wahrheit gemeint sein und was bedeutet in diesem Zusammenhang Sinn? Wie weit trägt dazu die Deutung und Interpretation, also auch die Konstruktion des menschlichen Verstandes bei? Dazu, was die Wissenschaft leisten kann und was nicht, im folgenden und letzten Beitrag dieser Themenreihe.

Anmerkungen:

1) Dies muss noch keine in unserem heutigen Sinne naturwissenschaftliche Verknüpfung (Kausalität) begründen. Das Erfahrungswissen kann auch lauten: Wenn das kultische Opfer recht erbracht wird, gelingt die Ernte, wenn nicht, missrät sie.

2) Dies nennt Markus Gabriel „die philosophische Grundfrage schlechthin“ in: M. Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt, 2013, S. 27

Mrz 292014
 

[Philosophie]

„Was ist Wahrheit?“ fragte einst Pilatus als Richter zwischen Anklägern und Anhängern. „Was ist schon Wahrheit!“ bekam ich als Antwort in einer philosophischen Seminardiskussion. „Meine Wahrheit, deine Wahrheit, welche Wahrheit meinst du überhaupt?“ – „Ich dachte, in der Philosophie dächte man auch über die Wahrheit nach.“ – „Wahrheit als solche ist nicht hantierbar.“ Ich lasse mir erklären, dass der Begriff Wahrheit, sofern er überhaupt sinnvoll gebraucht werde, nur auf ein anzugebendes Bezugssystem definierbar sei. Also „wahr – relativ wozu?“

Das leuchtet zunächst einmal ein. Es trifft sich mit der Erfahrung, dass für unterschiedliche Menschen in verschiedenen Situationen offenbar ganz verschiedene Dinge wahr sind. Es ist eine Frage des Standpunktes. Das meint der Hinweis auf das Bezugssystem. Die eigene Überzeugung (belief) begründet das, was für mich „wahr“ ist. Diese Auffassung bewährt sich allzu oft in politischen oder historischen Zusammenhängen. Was ist wahr hinsichtlich der Ukraine? Kann ein Hinwies auf objektive, „einfache“ Tatsachen den Streit der divergierenden Ansichten zwischen Russland und dem Westen entscheiden? Manche Beiträge in sozialen Foren lassen das vermuten. Aber das ist leider allzu simpel und naiv gedacht. In Konfliktfällen sind ja gerade die „Tatsachen“ strittig. Das lehrt schon der Blick auf die Tatsachenfeststellung zum Beispiel bei Verkehrsunfällen. Umso strittiger sind die Tatsachen bei heißen politischen Konflikten wie dem in der Ukraine. Der eigene Standpunkt und das eigene Interesse prägen da bereits die Wahrnehmung und begründen Meinungen. Die streitenden Parteien nehmen bereits das, was sich ereignet, unterschiedlich wahr und bewerten entsprechend. Was also ist da die Wahrheit der eigenen bzw. der anderen Meinung, was genau ist Tatsache?

Als außenstehender Dritter ist man bei Konflikten dieser Art gut beraten, sich um Sachlichkeit zu bemühen und die unterschiedlichen Standpunkte anzuhören, zu überprüfen (soweit das möglich ist) und dann im eigenen Urteil abzuwägen. Dabei spielt dann auch die Berücksichtigung der Interessen (cui bono?) und parteilichen Sichtweisen sowie ihrer Motive eine Rolle. Auf jeden Fall ein schwieriges Geschäft, bei dem man die Frage nach der „Wahrheit“ oder auch nur nach den „bloßen Tatsachen“ besser außen vor lässt, vielleicht in der Hoffnung, es später einmal, wenn die Lage abgekühlt ist und mehr Quellen zur Verfügung stehen, besser und angemessener beurteilen zu können. (Übrigens: In dem Beispiel ist Deutschland gewiss kein „außenstehender Dritter“.)

Da ist ein Stichwort gefallen, das auch bei der philosophischen Diskussion über den Wahrheitsbegriff eine Rolle spielt: Angemessenheit. Das Urteil soll dem Gegenstand angemessen sein. Die nächste Frage ist sogleich: Inwiefern? Bedeutet es, dass die Aussage über einen Begriff und eine Eigenschaft dann wahr ist, wenn die Aussage mit dem Gegenstand übereinstimmt? „Der Apfel ist rot“ ist genau dann wahr, wenn der Apfel tatsächlich rot ist. Wahrheit als Korrespondenz wird das genannt. Aber wie prüfe ich diese Tatsache? Ist mir der eventuell rote Apfel denn anders zugänglich als durch ein Urteil über die eigene Wahrnehmung? Also etwa als „Ding an sich“, wie Kant sagte? Aber weder für Kant noch für Theorien der sozialen oder epistemischen Konstruktion ist das Ding an sich oder das brutum factum überhaupt erkennbar und darum auch nicht relevant. Mit Kant ist man auf die Erscheinungen verwiesen, als die man ein Ding durch die Wahrnehmung vorstellt. Die Übereinstimmung zwischen Urteil und Gegenstand wäre zwar das Kriterium der Wahrheit, aber diese Übereinstimmung ist objektiv nicht zu verifizieren. Bleibt die Korrelation mit der logischen Struktur von Aussagen innerhalb eines gegebenen Systems, also das, was man die Kohärenz von Aussagen nennt. Die Wahrheit bewahrheitet sich im rationalen Verfahren der Erkenntnis – also eine Art erkenntnistheoretischer „Legitimität durch Verfahren“ . Aber das ist eigentlich nicht das, wonach wir fragten, eher so etwas wie die sachliche Form der Richtigkeit oder Angemessenheit einer Feststellung. Vielleicht ist das ja tatsächlich schon das Äußerste, was wir über die Wahrheit eines Sachverhaltes aussagen können.

Übertragen auf den konkreten politischen Fall hieße das (idealtypisch), dass Putin dann recht hat, wenn er die aus seiner Sicht und für seine Lebenswelt relevanten Fakten berücksichtigt und daraufhin zu dem gerechtfertigten Urteil kommt „Die Krim ist urrussisch.“ – und dass der Westen dann recht hat, wenn er die aus seiner Sicht und in seinem Kontext relevanten Fakten berücksichtigt und daraufhin zu dem gerechtfertigten Urteil kommt „Die Krim wurde annektiert.“ Die Lösung dieses Dilemmas besteht bekanntlich darin, durch Verhandlungen und Kompromisse einen Weg zu einem neuen Sachverhalt zu finden, der die Anliegen beider Seiten berücksichtigt und ausreichend erfüllt – die klassische Aufgabe der Diplomatie. Die Lösung besteht eben nicht darin, eine (postulierte, fiktive) „objektive Wahrheit“ heraus zu finden und durchzusetzen. Dies Verfahren wird auch bei vielen anderen, rechtlich zu klärenden Konflikten angewandt und kann dort lebenspraktisch, politisch, kulturell usw. erfolgreich sein. Aber dieses Vorgehen ist nicht die Beantwortung der Frage nach der Wahrheit, es ist vielmehr der ausdrückliche Verzicht darauf.

Können, sollten wir in der Philosophie, genauer in der Erkenntnistheorie ebenfalls so „diplomatisch“ vorgehen und auf die Frage nach der Wahrheit verzichten und besser jeweils nach gerechtfertigten Gründen einer Aussage oder eines Sachverhalts suchen? Wahrheit – das scheint ein Begriff aus metaphysischen Zeiten mit einer unausrottbar idealistischen Normativität. Mag schon sein. Aber darin, dass sich in diesem Begriff „Wahrheit“ etwas dagegen sperrt, einfach in „Richtigkeit“, „Stimmigkeit“, „Verfahren“, „Angemessenheit“ übersetzt zu werden, könnte sich ein Verlust an Bedeutung zeigen, den wir nicht mehr gehaltvoll fassen können. Kommen dann noch Begriffe wie „das Gute“, „das Schöne“ hinzu, haben wir das idealistische Super-Trio beisammen. Den modernen Analytiker und Konstruktivisten graust es, durchaus zurecht. Die Theorie der soziokulturellen Konstruktion dessen, was als „wahr“ gilt, relativiert und nivelliert so schön, macht die Sache rund und kantenlos. Damit will ich mich aber nicht zufrieden geben.

Apropos Kant. Bis heute fragt man sich, wie bei ihm die Spannung zwischen begrifflicher Erkenntnis aufgrund von Erscheinungen, die uns die Wahrnehmung zur Vorstellung bringt, und dem bloßen „Ding an sich“, das selbst unerkennbar bleibt, aber die Wahrnehmung „affiziert“, hervor ruft, durch gehalten werden kann, ohne in einen prinzipiellen epistemischen Skeptizismus zu geraten. Der Schritt zur bloß inneren, subjektiven Wahrheit oder zur sozial kommunizierten und kulturell bedingten Wahrheit ist nicht weit. Dieser Relativismus ist uns recht vertraut, scheint er uns doch vor der Verabsolutierung eigener Standpunkthaftigkeit zu bewahren und „kulturelle Vielfalt“ und Harmonie zu garantieren. Ich möchte dagegen (mit einer bestimmten Kant-Rezeption) auf dem Korrespondenzbegriff der Wahrheit beharren: Wahrheit als Übereinstimmung von Gegenstand und Aussage / Begriff. Eine weitere Frage ist die, ob diese Wahrheit immer entscheidbar ist. Hier muss es kein Alles-oder-Nichts geben. Es gibt Erkenntnisse, die offenkundig, d. h. für alle ersichtlich und nachprüfbar, so sind, wie sie erscheinen: „Der Apfel ist rot“ ist genau dann wahr, wenn der Apfel unbestritten rot ist. Wenn man so will, ist dies eine vorläufige, keine letztgültige Wahrheit – bis zum Beispiel einer daher kommt, der uns alle für farbenblind erklärt. Dieser Wahrheitsbegriff reicht aber durchaus dafür, zu richtigen und sinnvollen Sätzen von allgemeiner Gültigkeit für Dritte zu gelangen. Damit wäre gegenüber dem gegenwärtigen Relativismus ebenso viel gewonnen, wie eine absolute Herrschaft angeblich einfacher oder objektiver „Tatsachen“ abgewehrt würde.

Denn letztgültige, absolute Wahrheit ist, wie Kants „Ding an sich“, allenfalls ein Grenzbegriff: nicht erreichbar, nicht definierbar, schon gar nicht instrumentalisierbar. Aber sich an der Wahrheit zu orientieren und sie zu suchen (als Punkt in der Unendlichkeit?), das möchte ich der Philosophie schon weiterhin aufgegeben wissen. Als ein solcher absoluter, „idealer“ Grenzbegriff kann der Begriff der Wahrheit vor der Hypostasierung von Weltbildern zu Ideologien ebenso schützen wie vor einem Relativismus der Erkenntnis, die nur noch Zwecke und Nutzen kennt.

Aug 062013
 

In einer Diskussionsrunde über Emergenz (Begriff, Geschichte), ergab sich ein kurzer Wortwechsel: „Gibt es Emergenz?“ – „Kommt darauf an, wie man sie definiert.“ – „Ist eine Welt ohne Emergenz nicht arm?“ – „Das ist eine Frage des Weltbildes.“ – „Die Frage ist doch, was wahr ist.“ – „Wahrheit, welche Wahrheit, wessen Wahrheit, inwiefern Wahrheit?“

Offenbar ist die Frage nach der Wahrheit ‚einfach so‘ dumm gestellt. Zu unscharf, unklar, nebulös. Schaut man bei Wikipedia nach, so findet man dort einen langen Artikel über den Begriff Wahrheit in den verschiedenen Disziplinen: Alltagssprache, Philosophie, Religion, Recht, Literatur usw. Für die Philosophie ist die Wahrheitsfrage zwar ein zentrales Problem, aber die Philosophie ist eben nur ein Gegenstandsbereich unter vielen, die sich mit der Frage nach der Wahrheit beschäftigen. Philosophisch gesehen stößt man auf ganz unterschiedliche Definitionen und Richtungen: geschichtlich, logisch, sprachanalytisch, pragmatisch usw. Also kein Wunder, dass der Hinweis darauf, was denn wahr ist, als unklar, unscharf oder gar spekulativ zunächst einmal abgewiesen wird.

Plato - Aristoteles - Avicenna (Wikimedia)

Plato – Aristoteles – Avicenna (Wikimedia)

Mit der berühmten Pilatusfrage „Was ist Wahrheit“ holt man sich nicht nur den ganzen Ballast der Philosophiegeschichte ins Boot, sondern stößt auch in ein Wespennest gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Allerdings machen diese einen erstaunlichen Bogen um diese ‚einfache‘ Frage als solche, im allgemeinen. Nur mit langen Fingern einer definitorischen Eingrenzung zum Beispiel durch die Begriffe Plausibilität, Kohärenz, Performanz, Korrespondenz, Äquivalenz u. ä. vermag man die Wahrheitsfrage anzugehen, mit aller gebotenen Vorsicht, um klar zu bleiben und nicht metaphysischer ‚Spekulation‘ zu verfallen. Das liegt zum einen daran, dass auch der benachbarte Begriff Wirklichkeit (was ist wahr, was ist wirklich?) ähnliche Probleme macht. Scheinbar klar entpuppt er sich, gerade weil er so allumfassend ist, als schwer hantierbar und definierbar. Da ist es schon einfacher, wenigstens fest zu stellen, was denn Dinge, Gegenstände und Tatsachen sind. Ludwig Wittgenstein ist gewiss der bedeutendste und einflussreichste Philosoph der jüngeren Vergangenheit, der hier für begriffliche Klarheit und Distinktheit sorgen wollte: „1. Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ Wegen dieser schönen Klarheit ist sein Tractatus logico-philosophicus (1921) weltberühmt geworden.

Das enthebt uns aber keineswegs der Frage, wie wir es denn selbst heute mit der Wahrheit und der Wirklichkeit halten. Wie stellt sich uns die Welt spät-analytisch, post-strukturalistisch, post-modern, un-systemtheoretisch in Gedanken dar? Haben wir uns mit all den geistesgeschichtlichen, sozialphilosophischen, analytischen, physikalistischen, systemtheoretischen, kontruktivistischen, chaotischen Richtungen vielleicht in Abgründen und Schluchten verirrt, die zwar zu immer weiterer Erkundung und Ausdifferenzierung Gelegenheit bieten, aber nicht mehr zu einem wirklichen Fortschritt geschweige denn Überblick führen? Bei allem Einverständnis vieler Philosophen darin, dass die Zeit der traditionellen Metaphysik endgültig vorbei sei, verästeln sich die Erörterungen philosophischer Themen oft genug in einer Weise, dass die alten Scholastiker demgegenüber geradezu spannend und locker wirken. Vielfach sieht es aus wie ein (universitäres) Glasperlenspiel, das seinen Sinn nur noch in sich selber findet.

Man könnte schlicht vermuten: Vieles, was bisher wichtige / richtige Lösungen versprach, hat sich als trügerisch erwiesen und nur neue Probleme bzw. Problemverlagerungen zuwege gebracht. Es ist nicht nur ein Gefühl, das ein distanzierter Beobachter formulieren könnte, sondern dieser Eindruck ergibt sich aus der Lage der Philosophie selbst: Ihren gegenwärtigen Zustand zu beschreiben ergibt nicht nur ein buntes, sondern eben auch ein sehr widersprüchliches Bild. Was die einen als gesichertes Ergebnis fest halten („Physikalismus, was denn sonst?“), ist für die anderen nahe am Dogmatismus; ist für die einen die Systemtheorie (bzw. eine ihrer Spielarten) der Universalschlüssel, so suchen andere ihr Heil im radikalen Konstruktivismus. Da bietet dann für manche allenfalls Jaques Derrida einen dekonstruktivistischen Ausweg an. Aber kann es das schon sein.?

Der junge Bonner Philosoph Markus Gabriel wagt einen Neuansatz des Philosophierens. „Neuen Realismus“ nennt er es. Seine Schrift „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013) findet nicht nur rasche und breite Aufnahme, sie lockt auch zum erfrischend direkten Mitdenken, Neu-Denken, Neuanfang. (Ein andermal mehr dazu.) Hier soll sie als Beispiel dafür dienen, dass sich die bisherigen Linien und Zuspitzungen philosophischer Arbeit in weiten Teilen der heutigen Philosophie erschöpft haben. Philosophie ist entweder zum reinen Spezialistentum geworden – l’art pour l’art –, oder eben zum festgefahrenen Weltbild geronnen, das keine Alternativen zum eigenen Theorieansatz und Denkgebäude mehr zulässt. Ein Neubeginn jenseits der Strömungen, Richtungen, Schulen der vergangenen 60 Jahre täte wirklich gut. Frischer Wind des Denkens kann manche Gespenster der bornierten Alternativlosigkeit, der philosophischen Orthodoxie und der selbst gewissen -Ismen vertreiben und Philosophie neu beleben.

Genau dazu gehört auch die philosophische Frage nach der Wahrheit, nach der Wirklichkeit, nach der Welt und unserer Erkenntnis: Alte Fragen neu stellen und neue Antworten suchen; Wege mit Denkern gehen, die hierzu Anstöße geben; alte Voraussetzungen verlassen; selbständig denken und andere Lösungen finden. Die Chancen stehen heute gut. Es wird wieder spannend in der Philosophie.

Jun 292013
 

Die Wirklichkeit ist nicht so unzweifelhaft wirklich, wie sie auf den ersten Blick scheint – und wie sie von den „naiven“ Realisten voraus gesetzt wird. Es ist erstaunlich, wie alte philosophische Traditionen wie der antike erkenntnistheoretische Skeptizismus eines Sextus Empiricus plötzlich wieder ganz aktuell erscheinen. Natürlich muss ein neuer Name her, „eliminativer Phänomenalismus“ klingt auch gleich viel wissenschaftlicher. Die dahinter stehende Sache ist aber alt und durchaus ernst zu nehmen. Es ist erst recht bemerkenswert, dass diese radikale Position auf dem Hintergrund der Hirnforschung und der modernen Phänomenologie des Bewusstseins auftaucht. Thomas Metzinger, analytischer Philosoph und Bewusstseinsforscher, entwickelt eine hoch interessante, wenn auch im Blick auf die verfügbare empirische Datenbasis noch hoch spekulative Theorie des Ich und des Bewusstseins; auf sein anregendes Buch „Der Ego-Tunnel“ habe ich wiederholt hingewiesen. Mittels des Begriffs des „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM) versucht Metzinger, auf der Höhe der empirischen Befunde der Neurowissenschaften eine evolutionär-funktionale Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Der Titel seines populärwissenschaftlichen Buches deutet schon das Ergebnis an: Wir leben in einem unbewusst selbst entworfenen „Ego-Tunnel“, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der aus dem Gehirn evolutionär entspringende Geist hat eine unglaublich komplexe und effektive Weise der Aneignung der Welt hervor gebracht mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei wird „die Welt“ aber allererst in einem Modell konstruiert, das durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung im Gehirn transparent zur Verfügung gestellt wird. „Welt“, also äußere Realität, ist das, was mir zuhanden ist. Das „virtuelle“ Selbst erstellt eine virtuelle Welt, um darin als absichtsvoller Agent auftreten zu können. In einer wissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins kann diese Funktionalität entdeckt und bewusst gemacht werden. Es bleibt aber ein Zirkel, denn das Bewusstsein spiegelt sich hierbei nur in sich selbst. Offenbar hat sich dieses Modell aber als Überlebensstrategie bestens bewährt. Es ist allerdings nur ein Modell.

Dass der Wirklichkeitsbezug erkenntnistheorerisch zweifelhaft bleibt, verdeutlicht eine zunächst recht exaltiert erscheinende Position. Metzinger beschreibt sie in einem fiktiven Gespräch so:

Das merkwürdige philosophische Konzept, das diese Traumgemeinschaft aus Naturwissenschaftlern entwickelt und zu ihrer Prämisse gemacht hat, ist unter dem Namen »eliminativer Phänomenalismus« bekannt. Wie der etwas übereifrige Doktorand Ihnen erklärt: »Eliminativer Phänomenalismus ist durch die These charakterisiert, dass die Physik und das neurowissenschaftliche Menschenbild eine radikal falsche Theorie sind; eine Theorie, die so fundamentale Defekte aufweist, dass sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Ontologie irgendwann schließlich durch eine vollständig entwickelte Wissenschaft des reinen Bewusstseins ersetzt werden, statt problemlos auf diese reduziert zu werden.« Die gesamte Wirklichkeit ist demzufolge eine phänomenale Wirklichkeit. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Wirklichkeit herauszufallen, besteht darin, die grandiose (aber fundamental falsche) Annahme zu machen, dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt (ein Wurmloch, wie die Forscher im Traum-Tunnel es ironisch nennen) und dass es Ihr eigener Tunnel ist. Indem Sie sich diese Überzeugung ernsthaft zu eigen machen, würden Sie jedoch plötzlich unwirklich werden und sich selbst in etwas noch Geringeres als eine bloße Traumfigur verwandeln: in eine mögliche Person – genau das, was Ihr Kontrahent am Anfang der Diskussion behauptet hat. (Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, S. 213f.)

Der „Ego-Tunnel-Blick“ ist also durchaus nicht nur erhellend. Aber richten wir unsere Überlegung auf etwas Anderes. Weniger bezweifelbar ist es, dass wir die Welt außerhalb nur vermittels unserer Sinne durch unsere geistige Aktivität wahrnehmen können. Dabei geschieht eine Interpretation der Sinneserfahrung, die uns das, was der Sinn vermittelt, allererst zugänglich und begreifbar macht. Das Auge gibt uns ein „Bild“ von etwas, das elektromagnetische Strahlung im „sichtbaren“ Bereich, also zwischen 380 nm und 780 nm Wellenlänge, reflektiert. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung, wie ein Schaubild (Wikipedia) verdeutlicht. Für akustische Sinneswahrnehmung gilt dasselbe, auch da steht unseren Sinnen nur ein kleiner Ausschnitt zur Verfügung, den wir als Töne und Klang wahrnehmen. Ein bestimmter Wellenbereich wird von unserem Tastsinn als Wärme empfunden. Auch dies ist eine Interpretation, denn das Gefühl von Wärme ist keine physikalische Eigenschaft. Wärme ist „thermische Energie, die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeichert ist.“ Gegenständlichkeit ist eine bestimmte Anordnung oder Struktur eines atomaren oder molekularen Verbandes, dessen Energie- und Masseeigenschaften von unseren Sinnen (Auge, Tastsinn) in ganz bestimmter Weise wahrgenommen und durch das Gehirn interpretiert werden können. Physikalisch gibt es allenfalls „Körper“, das heißt molekulare Strukturen mit bestimmten Eigenschaften. Auch hier gilt wiederum, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt vorhandener Körper wahrnehmen können, die von Größe und Ausdehnung her unseren lebensweltlichen Anforderungen entsprechen. Was zu klein oder zu groß, zu langsam oder zu schnell, zu nah oder zu fern ist oder wofür wir überhaupt keinen Sinn haben, das nehmen wir nicht wahr, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Was wir auf keinerlei Art wahrnehmen können, ist für unsere „naives“ Realitätsempfinden nicht vorhanden. Für Radarimpulse oder Radioaktivität haben wir kein Sensorium, darum nehmen wir diese Strahlung und damit diese mögliche Gefahr unmittelbar nicht wahr. Das Zeitempfinden schließlich ist ebenfalls durch unseren Organismus bestimmt, indem unser Leben im Rhythmus des Herzschlages entlang des Rhythmus‘ von Tag und Nacht verläuft. Zeit „an sich“, also physikalisch, ist nur als Veränderung im Raum relativ zu anderen Systemen bestimmbar. Sie ist allerdings „gerichtet“, d.h.  unumkehrbar aufgrund des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre (Entropie).

Molekülbewegung (Wikipedia)

Molekülbewegung (Wikipedia)

Über das „Gesetz“ der steten Zunahme der Entropie ließe sich genüsslich philosophieren, insbesondere was Entropie genau bedeutet. „Unordnung“ ist nur eine sehr ungenaue Interpretation, „Zunahme von Information“ (von Weizsäcker) schon eine sehr viel genauere. Hier sei nur fest gehalten, dass grob gesprochen die Welt der Physik (als Basiswissenschaft unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes) von der Welt, wie wir sie wahrnehmen, erfahren und interpretieren, grundverschieden ist. Alles, was wir als inner- und alltagsweltliche Gegebenheiten kennen, kommt dort „nur“ als abstrakte Beschreibung von Massen und Energien, von Kräften und Wechselwirkungen, von Feldern und Konstanten vor. Beide Welten passen schon „irgendwie“ zusammen, aber sind ihrer Art nach doch völlig verschieden: In den Gesetzen der Physik findet sich nämlich überhaupt keine unsrer Empfindungen und mentalen Metaphern, Modelle, Bilder wieder.

Was ist nun wirklich: die Welt der Physik oder die Welt unserer Alltagserfahrung? Oder ist auch die Welt der Physik „nur“ ein Modell, ein sehr viel abstrakteres, genaueres, aber eben auch nur ein eben mathematisches Modell unseres Geistes, um all das („Welt“) zu erfassen und zu bestimmen („Erkenntnis“) und in seiner Funktionsweise („Gesetze“) zu erklären, was uns zunächst unsere Sinne naiv-real als zuhanden und darum vorhanden vermitteln? Zumindest machen diese Überlegungen deutlich, dass die Auffassung der alten Skeptiker bis hin zu den Geist-Theorien der Neuplatoniker (Welt als Emanation unseres Nous / Geistes) gar nicht so weit von dem entfernt sind, was auch heute zugespitzt formuliert wird wie oben zitiert: Dass sich die „reale“ Welt als reines Phänomen, als fiktives Modell, als mentale Repräsentanz des Bewusstseins eliminativ auflöst oder zumindest infrage gestellt sieht. „Darum soll es auch erst mal genug sein mit der Tunnel-Erkenntnistheorie“, beschließt Metzinger seinen Abschnitt. Wohl wahr, es ist verwirrend, aber eben auch spannend und nachdenkenswert. Die allzu forschen Realisten und physikalischen Materialisten sollten sich jedenfalls nicht allzu sicher wähnen. Der Hauptgegner des Skeptizismus von ehedem war der von ihnen so benannte und bekämpfte Dogmatismus. Das könnte zu denken geben.