Okt 022014
 

Rationalität – wider den Hang zum Irrationalen

[Philosophie]

Die Ratio ist der Verstand, bewusst genutzt. Gebräuchlicher ist das Adjektiv rational, das wörtlich „verstandesmäßig“ bedeutet. Wir gebrauchen es aber ähnlich wie das Substantiv Ratio in einem engeren Sinn. Mit rational meinen wir „nach den Regeln der Vernunft“. Auch ein gestresster oder verwirrter Verstand arbeitet ja als solcher, vielleicht sprunghaft, assoziativ oder emotional, aber nach unserem Wortverständnis eben nicht mehr rational, nicht nach den Regeln der Vernunft. Die Regeln rationalen Denkens sind sehr einfach: Klarheit, Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit. Genaueres wird in der Logik erörtert. In ihrer ältesten und bekanntesten Form wurde sie schon von Aristoteles beschrieben: Mit den Sätzen der Identität, der Widerspruchsfreiheit und des ausgeschlossenen Dritten. Rational ist für uns darum das, was logisch klar ist. Bestätigen wir in einer umgangssprachlichen Antwort: „Logisch!“, dann meinen wir, dass sich etwas vorher Gesagtes eindeutig und klar so verhält.

Eine weitere Facette von „rational“ kommt in „sachlich“ zum Ausdruck. Im Gespräch sachlich zu bleiben heißt eben, sich nicht von Emotionen oder Interessen beeinflussen zu lassen, sondern bei der Sache zu bleiben, um die es im Gespräch geht. Dann ist der Gesprächsverlauf rational, das heißt nun sachgerecht, begründet und regelgeleitet. Aussagen bedürfen vernünftiger, nachvollziehbarer Gründe, wenn die Erörterung sinnvoll und zielorientiert verlaufen soll. Ohne Zweifel ist es ein enormer Vorzug, im vernünftigen Gespräch Dinge rational und sachlich zu erörtern. Eine solche Vorgehensweise des Verstandes ist das Ideal beim Meinungsaustausch, bei Problemlösungen und bei der Entscheidungsfindung. Anwendungsfälle finden sich in fast allen Bereichen des Lebens, in denen es um sprachlich-kommunikative Verständigung geht, sei es geschäftlich, politisch, wissenschaftlich, sei es also beruflich oder privat. Besonders innerhalb wissenschaftlicher Diskussionen ist das Gebot rationaler Argumentation von höchstem Wert, sieht sich doch die Wissenschaft selber an die Regeln der Vernunft gebunden. Allgemeingültigkeit, Überzeugungskraft, Plausibilität und Wahrheit ihrer Erkenntnisse und Aussagen kann sie im jeweiligen Fachbereich nur gewinnen, wenn der Gegenstandsbezug klar ist und die Beschreibungen in einer von allen nachvollziehbaren Form erfolgen. Nur dann kann allgemein verständlich und also vernünftig, „rational“, argumentiert, zugestimmt oder mit Gründen widersprochen werden.

Leukipp (Wikimedia)

Leukipp (Wikimedia)

Scheint also die Ratio einen obersten Wert in einem Kommunikationsverlauf zu beanspruchen, so erleben wir das im praktischen Leben doch recht anders. Natürlich verlaufen private Gespräche, wenn sie leidenschaftlich geführt werden, nicht immer rational, sondern sehr emotional. Natürlich werden in Geschäftsgesprächen Interessen offen oder eher verdeckt eingebracht. Natürlich sind politische Diskussionen nie frei von Überzeugungen, Vorurteilen, Interessen und Absichten, also auch emotional, es wäre sonst wirklich zu langweilig. Man kann dann nicht jeden Satz begründen, man wird den Gegner im Gespräch auch nicht unbedingt so verstehen, wie er vielleicht verstanden werden will, sondern wie er gerade auch noch verstanden werden könnte, – ein oft bewusstes, argumentativ-strategisches Missverstehen. Und natürlich sind wissenschaftliche Diskussionen in Zeitschriften, Büchern und auf Kongressen keineswegs frei von Eitelkeiten, Vorurteilen und bisweilen bewussten Verständnisblockaden. Die gehässigsten „Argumente“ findet man oft in den Fußnoten oder Nebenbemerkungen. Rational ist hier wie auch sonst in Gesprächen oft nur die Form und die Fassade.

Mit der Ratio ist es also so eine Sache. Wir schätzen und loben sie, aber wir folgen ihr nicht immer, nicht einmal dort, wo wir der Rationalität in besonderer Weise verpflichtet wären. Emotionen und Interessen (Wünsche, Absichten, Begehren) sind ein integraler Bestandteil der Person, und ohne sie ist auch der Verstand nicht zu haben. Emotionslos sachlich und rational zu argumentieren oder sich so zu verhalten, ist eine Abstraktion, die uns als Menschen, so wie wir von Natur aus sind, ziemlich vollständig abgeht. Die Hirn- und Bewusstseinsforschung zeigt uns sehr deutlich, dass wir mehr von der Amygdala als von der Logik geleitet werden. Emotionslose Logiker gibt es nur in der Sciencefiction (Mr. Spock). Dass wir als Menschen so sind, wie wir sind, also stets emotional und rational zugleich, ist nicht zu ändern und sollte es auch nicht sein: Es gehört zu unserem Personsein unveräußerlich dazu. Werte und Ideale sind ohne Leidenschaft kaum zu verfolgen und kaum zu verstehen. Vertrackt wird es nur dort, wo wir Rationalität beanspruchen und behaupten, ohne uns über die darin eingeflochteten Emotionen und Interessen Rechenschaft abzulegen. Kritische Rationalität beginnt also mit Selbstkritik. Erst so kann die Ratio für uns zum unentbehrlichen und kaum zu überschätzenden Teil des persönlichen Lebens, des Erkennens und Wissens werden.

Nun gibt es allerdings Bereiche des Lebens und der Wirklichkeit, die sich der Ratio entziehen, oder sagen wir besser, die sich der Ratio nie ganz erschließen: Liebe und Leidenschaft im persönlichen Bereich, Kunst, Religion und Tradition im öffentlichen, sozialen Bereich. Damit soll nicht gesagt sein, dass zum Beispiel die Kunst per se irrational ist, keineswegs. Der Zugang zu einem Kunstwerk wird aber nie nur rational sein können. Die Ratio als etwas Normierendes kann das Kreative, das Künstlerische nie ganz erfassen und erklären, bisweilen wird sie es sogar völlig verfehlen. Selbst etwas so Künstlerisch-Rationales wie eine Bach-Fuge erschließt sich nicht in ihrem formstrengen Aufbau, sondern erst im Klangerlebnis. Ähnliches gilt für die Religion, die das, was „höher ist als alle Vernunft“, bewusst und mit Absicht thematisiert. Ähnliches gilt auch für den Lebensbereich, den ich Tradition genannt habe. Damit meine ich ein vertrautes Umfeld, eine Einbettung des eigenen Lebens in bestimmte soziale Zusammenhänge und Bräuche, in Familienstrukturen und Erwartungen bei Freunden und Bekannten, die stets auch das eigene Verhalten beeinflussen, bisweilen prägen und bestimmen können. Sie müssen nicht vernünftig begründet werden, sie sind gegeben und werden vorgefunden. Das Unhinterfragte ist ja gerade das Vertraute. Vertrauen kann verloren gehen, wenn Unsicherheit und Fragen auftauchen. Dann beginnt eine neue Orientierung, manchmal eine neuer, eigenständiger Weg. Aber auch Tradition erfüllt neben der Kunst und der Religion Funktionen, die mit rationalen Maßstäben allein nicht erfasst und aufgeklärt werden können, ja die ausdrücklich eine Eigenständigkeit und ein Eigenrecht neben aller Vernünftigkeit und Sachlichkeit fordern. Sie formen uns oft in unserer Persönlichkeit mehr als alle vorgebliche Rationalität.

Dies ist alles gewiss richtig, – das Leben wäre arm, wenns nur vernünftig wäre, und wie heißt es so schön? Man muss auch einmal fünfe gerade sein lassen – gegen alle Vernunft. Aber dass wir so sind und auch so unüberlegt spontan, emotional geborgen und kreativ begeistert leben möchten, ändert nichts an dem hohen Wert der Ratio. Manch spontaner Entschluss wird später bereut, manche Ausgelassenheit ist einem später nur noch peinlich. Rationaltät verhindert Fehler nicht, aber sie kann mir die Risiken meines Verhaltens und Entscheidens bewusst machen. Und das ist schon eine Menge, Dinge vernünftig abzuwägen, selbst wenn am Ende ein unbewusster Impuls (die Amygdala!) den Ausschlag gibt. Noch mehr gilt das Gebot der Rationalität im sozialen und öffentlichen Leben. Überall da, wo es um Entscheidungen geht, die viele und vielleicht auch mich betreffen, muss ich nach Gründen fragen, nach Zusammenhängen, nach Interessen, nach Information und möglicher Desinformation. Erst recht gilt dort, wo es um die Erfassung und Erklärung, um die Behandlung und technische Bewältigung von Mensch und Welt geht, die Pflicht zur Offenlegung verantwortlicher Rationalität. Dies mag im Politischen besonders schwierig sein, aber in der Wissenschaft, bei der Erkenntnis der Wirklichkeit, gilt das Gebot der Rationalität in ganz hervorgehobener Weise. Dass es mehr Dinge gibt, als unser Verstand erfasst, bedeutet nicht, dass also doch die Nacht herrsche, in der alle Katzen grau sind. Vorurteile, Scharlatanerie, ideologische Scheuklappen sind eben wahrhaftig kein Ersatz für Wissenschaftlichkeit, auch wenn diese immer wieder Mängel haben mag. Redliche Sachlichkeit, eine Ratio, die Gründe und Regeln fordert und nur Argumente gelten lässt, schützt gegen den Einfall eines neuen Hangs zur Irrationalität. Wer Wissen und Wissenschaft als „Schulwissen“ verunglimpft, öffnet den Ideologien und Rattenfängern Tor und Tür.

Die Ratio ist nicht alles, aber sie ist das Höchste und Beste, was wir Menschen besitzen. Nützen und schützen wir sie!