Jun 012015
 

[Anthropologie, Erkenntnistheorie]

Wenn wir über die ‚Welt da draußen‘ reden, haben wir die Grenze bereits markiert. Die Welt draußen ist das eine, – ich, der ich über die Welt reden will, das andere. Die Metapher von der ‚Welt da draußen‘, von der ich mich hier drinnen unterscheide, assoziiert den Erkenntnisvorgang mit einer ganz anderen, in gewisser Weise extremen Situation wie der eines einsamen Schiffes auf dem weiten Ozean oder eines Raumschiffes im Weltall. Sie formuliert aber einfach nur die unmittelbare Wahrnehmung meiner selbst im Unterschied zur Wahrnehmung von allem anderen, was nicht Ich ist. Ich kann in mich hinein horchen, mich meiner Gefühle, Gestimmtheit und Gedanken, meines Körpers vergewissern und bleibe doch solange drinnen bei mir, solange ich meinen Gefühlen nicht Aus-druck verleihe, mich nicht sprachlich aus-drücke oder meinen Willen nicht aus-agiere, mich also nicht äußere. Wenn ich mich äußere, bedeutet es das Heraustreten aus dem Innen des Selbst in die Welt draußen.

So oder ähnlich könnte man ganz vorläufig und allgemein das beschreiben, was im unmittelbaren Bewusstsein als Unterschied zwischen mir selbst und allem anderem, was nicht Ich bin, gegeben ist. Dieser Unterschied zwischen dem Bewusstsein meiner selbst und dem Bewusstsein alles anderen scheint fundamental zu sein. Ich bin hier bei mir, und alles andere ist die Welt um mich herum. Das Bild noch schärfer zugespitzt: Ich bin in mir drin wie in einem Gehäuse, in dem ich mich verschließen kann, und draußen ist die Welt, auf die ich reagieren und in der ich agieren kann. Diese Unterscheidung, diese Grenzziehung, konstituiert die eigene Person. Das Recht auf Unantastbarkeit der Person bedeutet ja gerade, dass niemand und nichts das Recht hat, die Grenze meines Selbst zu überschreiten und in mich einzudringen, mich zu zwingen, meine Gefühle und Gedanken bloß zu legen, mich ‚auszuziehen‘ oder mich körperlich zu verletzen. Die Grenze zwischen Drinnen und Draußen konstituiert mich als selbständige Person und schützt mich vor den Zugriffen oder Übergriffen anderer.

Diese im praktischen Alltag so wichtige Grenze und im alltäglichen Bewusstsein anscheinend ebenso selbstverständliche Unterscheidung ist aber in doppelter Hinsicht problematisch: erkenntnistheoretisch und biologisch. Ein dritter Aspekt der Problematisierung betrifft das Soziale; er hängt aber mit den ersten beiden Aspekten zusammen bzw. von ihnen ab.

a) Erkenntnistheoretische Problematisierung

Es ist eine uralte philosophische Frage, wie die Wahrnehmung meiner selbst und der Welt außer mir vonstatten geht. Die realistische Position blickt quasi aus der Beobachterperspektive auf den Menschen (der auch ich selber sein kann) inmitten all der anderen Dinge in der Welt um ihn herum. Die Dinge der Welt sind ebenso als Tatsachen gegeben wie ein x-beliebiger Mensch, der sie wahrnimmt. Der wahrnehmende Mensch hat noch zusätzlich eine subjektive Perspektive auf die Wirklichkeit außer ihm. Die ändert aber nicht die objektive Tatsächlichkeit der gesamten vorfindlichen Wirklichkeit. Der Realismus ist die Arbeitshypothese aller Naturwissenschaften. Die wirkliche Welt kommt in dem Maße zum Vorschein, wie subjektive Faktoren ausgeschaltet werden. Objektivität und zeit- und ortsunabhängige Wiederholbarkeit sind die Bedingung für gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Der Realismus hat den großen Vorteil, mit der Alltagserfahrung und dem Alltagsbewusstsein übereinzustimmen. Der Realismus im Alltag wird gelegentlich als naiver Realismus bezeichnet. Das möchte darauf abheben, dass auch den Wissenschaftler subjektive Faktoren wie die jeweilige Fragestellung oder die Versuchsanordnung eines Experiments beeinflussen, ganz zu schweigen von den theoretischen Voraussetzungen, die den Erkenntnisprozess leiten. Objektivität muss also immer wieder neu und bisweilen sehr aufwändig (CERN!) gesichert werden. Selbst das, was dann als Naturgesetz heraus kommt, beruht auf theoretischen Grundannahmen, die meist in einem mathematischen Modell formuliert sind. Eine wesentliche Bewährung solcher Modelle besteht darin, Naturerscheinungen und Funktionsweisen kausal zu begründen und präzise vorher sagen zu können. Der erkenntnistheoretische Realismus ist ungemein produktiv und effektiv. Unsere gesamte wissenschaftlich-technische Welt beruht darauf.

Näheres Nachfragen nach den theoretischen Voraussetzungen und den subjektiven Bedingungen lässt den Realismus aber keineswegs als selbstverständlich erscheinen. Es stellt sich nämlich die Frage, wie genau denn die Wirklichkeit zum wahrnehmenden Menschen gelangt. Wie kommt es, dass man nicht nur irgendetwas Undefinierbares, sondern konkrete einzelne Dinge erkennen und benennen und sich darüber verständigen kann? Der Idealismus, klassisch entwickelt von Platon, geht darum von Ideen als einer Art Idealvorstellungen aus, die hinter der Wirklichkeit liegen und das konkrete Einzelne als Fall eines Allgemeinen, das vor einem stehende Tier zum Beispiel als ein (bestimmtes) Pferd erkennen lässt. Die idealistische Erkenntnis der Wirklichkeit vollzieht sich in einem Abgleichen der konkreten Einzeldinge, Einzelwesen und Einzelvorstellungen mit den allgemeinen Begriffen, Ideen und Idealen (z.B. des Guten, Wahren, Schönen). Nur wenn ich die Idee eines Baumes oder die Idee der Gerechtigkeit in mir trage, kann ich Einzelnes als diskreten Baum oder als gerecht (wieder- ) erkennen. Die Frage ist dann nur, wie man zu solchen Ideen kommt bzw. wie diese in das menschliche Bewusstsein kommen. Die andere Frage ist die, ob der Vollzug der Identifizierung überhaupt korrekt verläuft, oder ob es eben auch trügerische Ideen gibt, die zu trügerischer Wahrnehmung der Wirklichkeit führen. So kann  der erkenntnishteoretische Idealismus einerseits zum Skeptizismus führen, andererseits, modern gesprochen, zum Konstruktivismus. Letztlich kann ich nur dasjenige als Welt erfassen und als Wirklichkeit erkennen, was der eigene Geist anhand von Vorstellungen und Begriffen konstruiert. Die heutigen Neurowissenschaften würden das sogar noch auf das Gehirn zuspitzen als dasjenige Organ im Menschen, das diese synthetische Leistung in Form von Repräsentationen und Metarepräsentationen vollbringt. Was bleibt da noch von der objektiven Welt abgesehen von diesen mentalen oder neuralen Konstruktionen übrig?

Eine mittlere Position zwischen Realismus und Idealismus nimmt gewissermaßen der kritische Rationalismus ein (Kant). Erkenntnis geschieht im Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und begrifflichen Vorstellungen. „Gedanken ohne Inhalt sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Sinnlichkeit und Verstand zusammen garantieren unter den Bedingungen von Raum und Zeit (die „reinen Formen der Anschauung“) wahre Erkenntnis. Letztlich ist es aber auch hier die Vernunft, welche die Kategorien bestimmt, nach denen überhaupt etwas erkannt werden kann. Wenn man so will konstruiert sich somit die Vernunft (‚ideal‘, transzendental) des Menschen die eigene Wirklichkeit, die überhaupt als Erkenntnisgegenstand zur Verfügung steht. Damit steht man zugleich wieder ganz nahe bei der realistischen naturwissenschaftlichen Position, die Erkenntnis der Wirklichkeit aus mathematischen Modellen und Kalkülen ableitet und kausal verknüpft. Liegen die Naturgesetze tatsächlich in den natürlichen Dingen selber oder legt mein Verstand sie in die Dinge hinein, um eine Ordnung zu schaffen und Strukturen zu entdecken? Findet oder erfindet der Mensch die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Wirklichkeit? Nicht erst für die klassische skeptische Position ist die Wahrheit und Objektivität der Welt außerhalb meiner selbst durchaus zwiespältig, zweifelhaft. Was ist überhaupt hier Wahrheit? Die Übereinstimmung von meiner subjektiven Erkenntnis mit der objektiven Tatsächlichkeit (Korrespondenz)? Oder die Übereinstimmung meiner Begriffe und Vorstellungen mit dem, was ich als Welt außer mir zu konstruieren vermag (Konsistenz)? Beide Fragesätze könnten die zwei Seiten ein und derselben Problematik sein. Wie verhält sich genau das Drinnen und Draußen, das erkennende Subjekt und die erkannte Welt der Dinge und Tatsachen zueinander? Eine eindeutige und in jeder Hinsicht zufrieden stellende Antwort ist bisher nicht gefunden.

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle - Eigenes Werk (own work) - Wkimedia

„Colpoda inflata“ von Dr. Eugen Lehle – Eigenes Werk (own work) – Wkimedia

b) Biologische Problematisierung

Die Frage von Innen und Außen hat einen weiteren recht interessanten biologischen Aspekt. Bislang schien es ziemlich klar zu sein, was ein Lebewesen ausmacht, wie es als solches im Unterschied zu Nicht-Lebendigem zu bestimmen ist. Individuation, Metabolismus und Selbstreproduktion sind dafür wesentliche Bedingungen. Was die Abgegrenztheit zu anderem Lebendigen und Nichtlebendigen betrifft, so scheint die Sache auf der Ebene der Zelle klar zu sein: Die Membrane ist die Grenze zwischen Innen und Außen. Zugleich ist die Zellmembrane die Austauschzone für den Stoffwechsel der Zelle. Die Membrane ist eine durchlässige Grenze zum Zwecke der Lebenserhaltung. Was schon für die einzelne lebende Zelle gilt, trifft in weit größerem Maße für komplexere Lebensformen zu. Bei fast allen Eukaryoten (Lebewesen, deren Zellen einen Kern enthalten) finden sich innerhalb der Zellen Mitochondrien als Organellen, die für die Zufuhr der Energie sorgen („Kraftwerke“). Mitochondrien sind von den Zellen selbst insofern deutlich unterschieden, als sie eine eigene Erbsubstanz besitzen. Man geht heute allgemein davon aus, dass sich die Vorläufer der Eukaryoten mit Bakterien verbunden haben, aus deren Kombination dann die eukaryotischen Zellen als Basis alles höher entwickelten Lebens hervor gegangen sind. Dies scheint ein sehr weit reichendes und erfolgreiches Modell des Lebens zu sein: Lebewesen verbinden sich mit anderen Lebewesen zu einer komplexeren Lebensform, die wiederum eigenständig leben kann. Dies Modell reicht vielleicht noch weiter als bisher gedacht.

Die Vorstellung, das Leben auf der Erde bestehe aus einer Ansammlung wohldefinierter und abgegrenzter Individuen – die allerdings höchst komplex vernetzt interagieren –, ist ein grundlegendes Konzept der Biologie. [Bernhard] Kegels zeigt nun, gestützt auf neueste Erkenntnisse im Schnittbereich von Ökologie, Medizin, Mikrobiologie und Molekularbiologie, dass die geläufigen Vorstellungen von organismischer Individualität überprüft werden müssen. … Was also üblicherweise als Individuum bezeichnet wird, ist eigentlich eine ineinander verschachtelte Struktur verschiedener Lebewesen: Menschen beherbergen zahllose Mikroben im Darm, in der Mundhöhle oder auf der Haut, und diese Mikroben sind wiederum Wirte für Unmengen von Viren, die im Genom von Mikroben und Mensch deutliche Spuren hinterlassen. Wo setzt Evolution nun an? Sind etwa Holobionten, und nicht Gene, Einheiten der Evolution? Solche Fragen werden noch heftig erörtert, und ein Konsens scheint noch in weiter Ferne.“ (Thomas Weber in einer Rezension von Bernhard Kegel, Die Herrscher der Welt: Wie Mikroben unser Leben bestimmen, FAZ 20. Mai 2015)

Auch weniger dramatisch formuliert weist der neue Begriff der „Holobionten“ (Lynn Margulies) darauf hin, dass Lebensformen und Lebewesen in noch ganz anderer Weise für einander durchlässig und konstitutiv sind, als bisher gedacht und wie es durch ‚Netzwerke‘ oder ‚Biotope‘ gekennzeichnet wird. Hier scheint sehr viel mehr Zusammenhang, Interaktion und Durchlässigkeit vorzuliegen. Diese Entdeckungen und Beschreibungen machen die Grenzziehung zwischen lebendigen Individuen zum einen, aber auch zwischen Innen und Außen zum anderen flüssiger. Schon der Stoffwechsel (Metabolismus), der sowohl auf organische als auch auf nichtorganische, mineralische Stoffe angewiesen ist, zeigt die lebensnotwendige Verbindung, sogar Verschränkung (siehe z.B. die Mitochondrien; ganz anders und besonders auch die Korallen) von Lebensformen und Lebewesen miteinander. Im Prozess der Photosynthese werden energiearme anorganische Stoffe zu energiereichen organischen Verbindungen angereichert und zu Bestandteilen des Lebewesens (Assimilation). Nirgendwo sonst im Bereich des Lebendigen wird der Zusammenhang zwischen Lebendigem und Nichtlebendigem so unmittelbar sichtbar. Beide Prozesse zusammen genommen (Fremdstoffwechsel; Assimilation) lassen Lebewesen als holobiontische Systeme entstehen, die sich im engsten Austausch miteinander und mit ihrer Umgebung befinden. Wo ist da drinnen, wo draußen? Im großen menschlichen Organismus ist die Haut die körperliche Schnittstelle zur Außenwelt. Die Haut erfüllt ihre Funktion aber nur, indem sie Kontakt und Austausch mit dem Bereich außerhalb ermöglicht. Auch hier ist das Drinnen und das Draußen keineswegs so klar geschieden, wie es beim ersten Blick den Anschein hat. Vielmehr geht es um einen geregelten ‚atmenden‘ Austausch, um eine bestimmte Wechselfunktion, damit Leben sich vollziehen kann, gerade auch als individuiertes, beim Menschen dann individualisiertes Leben.

c) Die Vermutung dynamischer Komplexität

Die biologische Wirklichkeit scheint von der erkenntnistheoretischen Problemstellung gar nicht weit entfernt zu sein. Das Innen und Außen ist nur auf den ersten Blick eine klare Trennlinie. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und eine Vermutung formulieren, wie der Zusammenhang zwischen beiden Problematisierungen, der erkenntnistheoretischen und der biologischen, aussehen könnte.

Erkenntnis als ein Prozess, Zusammenhänge zu finden, Verbindungen und Unterscheidungen zu markieren und in solch ‚kritischer‘ (lat. discernere = unterscheiden) Weise Wahrnehmung und Bewusstsein zu konstituieren, ist immer zugleich Entdeckung und Stiftung. Im Vollzug der Wahrnehmung und bewussten Verarbeitung von Welt ist das seiner selbst bewusste, körperlich denkende Ich elementar bei sich selber: „Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte.“ (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft). Schon die Unterscheidung von ‚Ich‘ und ‚Welt‘, von Bewusstsein meiner selbst und Bewusstsein alles anderen ist eine recht theoretische, abstrakte. Sie sieht davon ab, dass Erkenntnis ein einheitlicher, vereinheitlichender und verbindender Prozess des Bewusstseins ist, in welchem ein Einzelnes sich auf die Welt = das um, mit und in ihm Existierende bezieht und zugleich durch diese Beziehungnahme selber allererst als individuelle Einheit konstituiert wird. Kant nennt es die „transzendentale Einheit der Apperzeption“, aber abgesehen von diesem Ungetüm an Begriffen ist der Sinn dieser Aussage nicht nur auf die Logik des Denkens und Erkennens zu beziehen, sondern auf die tatsächliche körperlich gegebene und (zum Teil) bewusste Einheit der Existenz des konkreten Lebewesens Mensch. Der Mensch lebt in der Welt und erkennt sich darin als ein Lebewesen, dessen innere Strukturen und Prozesse körperlicher und organischer Art zugleich die basale  Existenzform seiner ‚geistigen‘ Fähigkeiten sind – als Bedingung und Grundlage, eben auf seine Art wahrzunehmen, zu fühlen, zu denken, zu erkennen, sich zu äußern, zu leben. Dies ist eher eine integrale Verschränkung, eine verflüssigte dynamische Durchdringung in einer komplex strukturierten Welt-Ich-Existenzform als bloß eine lose Wechselwirkung (Supervenienz) zweier an sich getrennter Gegebenheiten. Hier sind der erkenntnistheoretische und der biologische Aspekt zwei integral differenzierte Seiten eines komplementären Zusammenhangs. Versteht man unter wissenschaftlicher Erkenntnis die Fähigkeit, Formen und Muster zu entdecken, Regularitäten aufzufinden, Kontinuitäten und Diskontinuitäten festzustellen und allgemeine Gesetze mathematisch zu formulieren (vgl. früheren Blogbeitrag), so ist die menschliche Vernunft gerade deswegen dazu fähig und in der Lage, weil sie sich selber in bestimmten Formen und Mustern, Vorstellungen und Empfindungen, Kategorien, Sätzen und Begriffen konstituiert. Dies alles geschieht auf der Basis der Funktionsweise der eigenen Körperlichkeit, insbesondere des Gehirns, das sich seinerseits in dynamischen Mustern und Prozessen organisiert und fortwährend aktualisiert und immer komplexer weiter entwickelt, auch wenn darüber längst noch nicht alles bekannt und verstanden ist. Innen und Außen sind so gesehen tatsächlich ein verschränkter, abgegrenzt-durchlässiger Komplex einer differenzierten Einheit unterschiedlicher Aspekte, sowohl erkenntnistheoretischer als auch biologischer.

Meine Vermutung tut sich sprachlich schwer, weil in jedem Falle ein Gleichgewicht („Fließgleichgewicht“) beider Bezugspunkte von Innenaspekt und Außenaspekt, von Innenwelt und Außenwelt, von Individualität und Sozialität gewahrt sein soll. Wie bereits angedeutet, findet in einer solchen Beschreibung auch der Zusammenhang des Einzelnen in seinem sozialen Umfeld und in den personalen Bezügen eine sinnvolle Erklärung. Ich verweise dabei auf die exzellente Ausarbeitung der sozialen Grundierung des individuellen Bewusstseins in der kommunikativen „Öffentlichkeit“, wie es Volker Gerhardt in angemessener Ausführlichkeit dargestellt hat. Ihm kommt es dabei insbesondere auf die enge wechselseitige Verflechtung des Individuums innerhalb seiner Gesellschaft an im Prozess des Konstituierung von Bewusstsein überhaupt (siehe in seinem Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ Kap. 5: Bewusstsein als soziales Organ). Das trifft sich mit meiner Intention, Innen- und Außenaspekt eines personalen, bewussten Lebewesens, wie es der Mensch ist, als komplementäre Seiten einer komplex-dynamischen Gesamtstruktur von ‚Welt und Bewusstsein‘ zu beschreiben. Meine Vermutung führt diesen Gedanken weiter hin auf eine strukturelle Gleichartigkeit der Beziehungen von Innenwelt und Außenwelt bei einem holobiontischen Lebewesen, wie es der Mensch ist. Bewusstsein und Erkenntnis strukturieren sich womöglich in derselben Weise, wie auch die biologischen Systeme und Prozesse hoch entwickelter Lebewesen Komplementaritäten und Fließgleichgewichte (→ Thermodynamik) erfordern. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Muster gleichen sich.

Jedenfalls dürfte immer klarer werden, dass erkenntnistheoretische Einseitigkeiten und Verabsolutierungen (Idealismus – Realismus – Strukturalismus usw.) ebenso wenig weiter führen wie eine dualistisch-antithetische Behauptung eines Gegensatzes von Natur und Geist. Vielleicht bietet dafür die Herangehensweise über das Verhältnis von Innen und Außen, wie hier versucht, eine bessere Denkmöglichkeit.

Apr 262015
 

[Religionsphilosophie]

Rezension von: Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie, 2015

Um die Philosophie wird es erst dann wieder besser bestellt sein als gegenwärtig, wenn Philosophen mindestens so gründlich, so hartnäckig und so scharfsinnig über den Satz »Wir Menschen sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will« und seine Konsequenzen nachdenken, wie Philosophen zur Zeit pausenlos über den Satz »Wir Menschen sind nichts anderes als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt« und seine Konsequenzen nachzudenken bereit sind.

Dieser Schlussabschnitt des Reclam-Bändchens „Gott denken“ ist eröffnende Formulierung des Programms und Zusammenfassung zugleich. Holm Tetens, Professor em. für theoretische Philosophie (Logik und Erkenntnistheorie) an der FU Berlin, skizziert das Programm einer „rationalen Theologie“, nämlich den Gedanken Gottes mit dem Nachdenken über Sinn, Heil und Gerechtigkeit in der Welt zu verbinden. Mit dem voran gestellten Zitat von Max Horkheimer, dass der Gedanke, unschuldiges Leiden bleibe ewig ohne Antwort, sei „ungeheuerlich“, lässt ein zutiefst ethisches Interesse an der scheinbar abstrakt erkenntnistheoretischen Fragestellung erkennen. Denn es geht Tetens nicht nur darum, einen rationalen Gottesbegriff zu entwickeln, sondern um die Frage: „Auf Gott hoffen – Wie vernünftig ist das?“ Das klingt in der Tat schon sehr theologisch im Sinne von Anselms „fides quaerens intellectum“.

„Theologie verdient nur dann rational genannt zu werden, vermag sie die „Sache mit Gott“ (Zahrnt) mit vernünftigen Überlegungen auszufechten.“ Tetens nennt dafür drei Bedingungen: 1. Von der Erfahrungswelt so auszugehen, wie es die anerkannten Ergebnisse der Wissenschaften beschreiben; 2. keine Ausnahmen und Widersprüche zu den anerkannten Naturgesetzen zuzulassen (kein Wunderglaube); 3. die Prinzipien des rationalen Denkens anzuwenden (Logik, Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch usw.). Zusätzlich nennt er zwei weitere „Anforderungen“: 4. den dialektischen Bezug auf die Ungereimtheiten des Naturalismus; 5. das Ergebnis der Geschichte der Gottesbeweise mit der Unmöglichkeit („Traum“), den Naturalismus definitv zu widerlegen und den Theismus definitv zu beweisen.

Mit „Naturalismus“ bezeichnet Tetens den naturwissenschaftlichen und daraufhin philosophischen mainstream der Wissenschaften mit ihrer Überzeugung, dass die gesamte Realität aus natürlichen Dingen besteht, die naturgesetzlich kausal interagieren. Die so bestimmte Wissenschaft entscheidet allein darüber, was es in der Welt gibt und wie die Welt beschaffen ist (Beckermann). Alles darüber hinaus gehende (Götter, Geister, Seelen: Übernatürliches) wird ebenso abgelehnt wie die Metaphysik, die sich für das „Jenseits der Physik“ zuständig hält. Doch das naturalistische Weltbild geht seinerseits von metaphysischen Grundannahmen aus, die Tetens als naturalistische Aprioris benennt, und zwar zwei Verbote und ein Gebot: a) „In den empirischen Wissenschaften soll … nichts mit der Wirksamkeit von Zwecken und Zielen erklärt werden.“ b) „Nichts darf mit dem Wirken und den Absichten einer erfahrungstranszendenten Intelligenz erklärt werden.“ (Laplace: Die Hypothese Gott braucht die Wissenschaft nicht.) (12)
c) „Außerhalb des Kontextes menschlicher Handlungen ist alles letzten Endes und auf lange Sicht naturgesetzlich zu erklären.“ (13) Tetens erkennt ausdrücklich an, dass diese methodologischen Maximen legitim sind. Es sind aber erkenntnistheoretische Grundannahmen, die selber nicht mehr bewiesen werden können. Diese Angewiesenheit auf Aprioris, d.h. auf transzendentale Prinzipien, teilen alle rationalen Ansätze des Denkens. Insofern, so Tetens Schlussfolgerung, „ist der Naturalismus selber eine metaphysische Position, indem er die Wissenschaft zur Metaphysik erhebt.“ (15) Und metaphysische Grundannahmen sind als transzendentale Sätze empirisch weder zu beweisen noch zu widerlegen.

Sofern der Naturalismus „wie jede Metaphysik Auskunft über das Ganze der Wirklichkeit und die Stellung des Menschen in ihr“ gibt, muss er sowohl alle materiellen Dinge und Prozesse objektiv beschreiben und erklären als auch die subjektive Seite menschlicher Erlebnisse. Tetens beschreibt in dieser Hinsicht den Menschen als „erlebnisfähige selbstreflexive Ich-Subjekte“ (21). Diese Definition ist Tetens Form der Aussage, dass Menschen Selbstbewusstsein haben und eine unvertretbare Sicht auf ihr eigenes subjektives Erleben und Empfinden. Seine Definition wird weit reichende Folgen haben. Zunächst ist damit das gemeint, was Thomas Nagel seiner Zeit (1974) in seinem Aufsatz „What is it like to be a bat?“ beschrieben hat: Keine Beobachter-Perspektive kann die je eigene Erlebnis-Perspektive ersetzen. Die Frage, ‚wie es sich anfühlt‘, ein anderes Lebewesen oder auch nur ein anderer Mensch zu sein oder bestimmte Empfindungen zu haben (rot, bitter usw.), hat in der analytischen Philosophie des Geistes zur sehr ausgedehnten Diskussion über „Qualia“ geführt. Tetens zielt aber weiter auf die ‚mentalen Phänomene‘ insgesamt. Er referiert knapp die Positionen der Supervenienz und der schwachen bzw. starken Emergenz, um dann genau den Punkt zu benennen, der aus seiner Sicht für die „Stagnation“ des Naturalismus verantwortlich ist: „Erfahrungswissenschaftliche Beschreibungen von Personen [sind] unvollständig“, solange kein hinreichend eindeutiges Brückengesetz gefunden ist, das en detail bestimmte physikalische Sachverhalte oder Prozesse mit ebenso bestimmten psychischen Sachverhalten bzw. mentalen Eigenschaften verbindet (Korrelation). Solange also der physikalische Sachverhalt nicht mit dem mentalen Sachverhalt identisch ist bzw. logisch-begrifflich aus ihm folgt, bleibt die naturalistische Beschreibung des Mentalen unvollständig. Werden alle physischen Prozesse im Vokabular der Naturwissenschaften beschrieben und lässt diese naturwissenschaftliche Beschreibung keinen begrifflich-logischen Schluss auf dedizierte geistige Eigenschaften zu, dann sind diese mentalen Eigenschaften letztlich nicht bestimmt und erklärt. Die Aussage, dass psychische Eigenschaften über physischen supervenieren, verdeckt dann eigentlich den fehlenden Zusammenhang, die genaue Bestimmung der Korrelation. Es entsteht eine wesentliche „Erklärungslücke“ (26) [2]. Der Ausweg der „starken Emergenz“ sei dagegen letztlich schon dualistisch.

Damit scheitert der Anspruch des Naturalismus, das Geistige aus dem Materiellen hinreichend überzeugend erklären zu können. Tetens räumt aber bezüglich dieses übrigens vielfach diskutierten Erklärungsdefizits ein: „Vielleicht versorgt uns die empirische Forschung ja doch eines Tages mit hinreichenden empirischen Evidenzen für echte Korrelationen zwischen mentalen und physischen Eigenschaften. Wer will definitiv ausschließen, dass sich unser Verständnis der fundamentalen Naturgesetze noch so ändern könnte, dass möglicherweise sogar naturgesetzliche Supervenienz des Mentalen über dem Physischen gut begründet erscheint.“ (28) So ganz ist der erkenntnistheoretisch-realistische Saulus also doch nicht zum metaphysisch-theologischen Paulus geworden.

„Hagia Sophia mosaics“, Wikimedia

„Hagia Sophia mosaics“, Wikimedia

Im Fortgang seiner Gedanken nimmt Tetens nun ausdrücklich den Faden der metaphysisch-dualistischen Philosophie auf mit dem Versuch, „Gott“ ebenso vernünftig zu denken wie das, was in den klassischen theologischen Begriffen „Freiheit“, „Sünde“, „Erlösung“ und „Gericht“ rational enthalten ist. Ausgangspunkt seiner Überlegungen sind die Menschen als endliche selbstbewusste Ich-Subjekte, die nur dadurch unterscheidbar und jeweils objektiv erfassbar sind, dass sie für einander körperlich (Tetens formuliert gerne „verkörpert“) existieren. Das Ich erkennt und bestimmt sich nur am Nicht-Ich (Hegel). Die objektive Gegebenheit des Anderen, Nicht-Ich erzwingt seine und meine materielle Existenz, oder anders gesagt: Nur materiell verkörperte Personen können sich als unterschiedliche Ich-Subjekte begegnen. Dafür sei, so Tetens, nur die Annahme einer „schwachen Supervenienz“ notwendig. Um sich selber bestimmte Bewusstseinszustände zuschreiben und andere Personen aus der Beobachterperspektive wahrnehmen zu können, sind „gewisse physische Bedingungen notwendig“. „Materie erklärt nicht das Mentale. Materie ist Bedingung der Möglichkeit intersubjektiver Begegnung von uns Menschen als endlichen Ich-Subjekten.“ (32) Dies bedeutet eine denkbar schwache Korrelation zwischen Geistigem und Materiellem, die sogleich in das Grundproblem eines jeden Dualismus führt: Wie nämlich diese „gewissen Bedingungen“ überhaupt aussehen, wie denn nun genau Geist und Materie verbunden sind und interagieren. Hier bietet der Hinweis auf „schwache Supervenienz“ ebenso wenig eine überzeugende Erklärung des Geist-Materie-Zusammenhangs, wie es die starke Supervenienz für den Naturalismus tat. Auf dieses bekannte dualistische „Bindungsproblem“ geht Tetens allerdings nicht ein; er erwähnt es nicht einmal [3].

Denkbar und „begrifflich-logisch widerspruchsfrei“ (34) möglich ist nun für Tetens neben den endlichen Ich-Subjekten das unendliche Ich-Subjekt. Da es nichts außer sich hat, kann es nur eines geben – Gott. Für dieses unendliche Ich-Subjekt gelte Berkleys Identität von Gedachtwerden und Sein. Diese gültige Äquivalenz bedeutet, dass „alles Wirkliche im Denken Gottes seinen Grund hat“ (35). Insofern ist alles Wirkliche im unendlichen Sein Gottes enthalten, „pan-en-theistisch“. „Alles in der Welt ist in Gott in dem Sinne, dass es Inhalt vernünftiger Gedanken Gottes ist.“ (36).

Wenn Gott, wie wir ihn definiert haben, ist, dann existiert unsere Welt im Einklang mit zwei Bestimmungen: (1) Was immer in der Welt der Fall ist, Gott erkennt es vernünftig denkend. Wenn Gott vernünftig denkend glaubt, dass etwas der Fall ist, so ist es auch der Fall. … (2) Nichts, was in der Welt der Fall ist, vermag Gottes Souveränität anzutasten und Gottes Denken und Wollen Beschränkungen aufzuerlegen. (36)

Diese Bestimmungen Gottes sind denkmöglich und bedeuten, sofern man Gottes Dasein unterstellt, dass über die Existenz von Mensch und Welt nur noch so geredet werden darf, dass beiden Bestimmungen logisch-begrifflich nicht widersprochen wird. Damit ist das Tableau eines „objektiven Idealismus“ bereitet: Die Welt und uns Menschen als in Materie verkörperte Ich-Subjekte gibt es nur, „falls zugleich Gott die Welt und uns vernünftig denkt“. Der Welt und dem Menschen liegt „ein unendlicher vernünftiger Geist („absoluter Geist“) zugrunde.“ (37) Diese „Kernthese des objektiven Idealismus“ ist nicht neu; es kommt einem alles von Spinoza angefangen bis Hegel und Schelling sehr bekannt vor. Neu ist Tetens Zuspitzung auf einen „theistischen Idealismus“, und dies in Frontstellung und als Alternative zum herrschenden Naturalismus – ein ambitioniertes und wagemutiges Projekt. [4]

In dem nun folgenden Gedankengang behandelt Tetens entsprechend seinen begrifflichen Voraussetzungen Gott als Schöpfer, d.h. als „denkschaffenden“ unendlichen Geist (39), der neben der Ineinssetzung von Denken – Sein – Wollen auch die Möglichkeit, etwas nicht zu wollen, zulässt. Gott als das absolut Gute, Wahre, Schöne muss die Welt mit Natur und uns Menschen zwar gewollt haben und zeitlos – ewig wollen (anthropisches Prinzip, 42) aber er kann auch die Möglichkeit realisieren, dem Menschen Freiheit zu gewähren, so dass geschehen kann, was ursprünglich von ihm nicht gewollt ist: das Böse. Freiheit nutzt die Möglichkeiten, die Gott zulässt. [5] „Eine Welt, die Gott so eingerichtet hätte, dass wir uns immer nur für das Gute entscheiden und niemals gegen das Gute handeln können, wäre eine Welt, in der wir nur fehlerfreie Automaten wären.“ (47) Die Freiheit Gottes wiederum erlaubt es ihm, „jederzeit die bereits etablierten Naturgesetze um passende Emergenz- und Supervenienzgesetze zu ergänzen, die logisch-begrifflich nicht aus den bisher geltenden Naturgesetzen folgen.“ (48) Das ist natürlich ein argumentativer Joker, der spekulativ schlechterdings alles möglich macht und keinerlei Bestimmungen mehr unterliegt. Ich weiß nicht, wie dieses noch „rational“ genannt werden kann.

Für Tetens setzt der so gedachte „philosophische Gott“ eine Natur- und Kulturgeschichte in Gang, die auf Zukunft hin „radikal offen“ und am Ende gut sein kann. „Ein Gott, der über starke Emergenzen mit dem Menschen interagiert, … ist ein Gott schöpferischer Zukunft.“ (51) Starke Emergenzen? Früher nannte man das Wunder. In einem Vergleich mit dem Naturalismus, so schließt Tetens diesen „kosmologischen“ Gedankengang ab, schneide die theistisch-idealistische Argumentation überzeugender ab, weil er Mensch und Natur in ihren empirischen Befunden erklären könne ohne „explanatorische Lücke“. (53) Er schlussfolgert: „Die theistische Kernthese stellt mit Blick auf das Verhältnis des Geistigen zum Materiellen und angesichts der faktischen empirischen Resultate eine stärkere Möglichkeit dar als die naturalistische Kernthese.“ (54) [6]

Im dritten Abschnitt seines Buches befasst sich Tetens mit der Frage nach der Erlösung und Theodizee. Es ist dies eigentlich ein Übergang zu einem im engeren Sinne theologischen Gedankengang. Die Notwendigkeit dafür begründet Tetens mit dem existenziellen Versagen des Naturalismus: „Der Mensch ist [im weltanschaulichen Materialismus] sowohl als Individuum als auch als Gattung eine zufällige, randständige und temporäre Episode in einem sinnleeren, unermesslichen, weitläufigen und fast überall extrem lebensfeindlichen Universum. Das Glück und die Moralität der Menschen sind diesem Universum vollständig gleichgültig.“ (55) Freud nannte dies eine der drei neuzeitlichen „Kränkungen“, wenn der Mensch erkennt, nicht der Nabel der Welt zu sein. Für Tetens, das zeigt er mit einem ausführlichen, grausamen Zitat aus einem nordkoreanischen KZ, ist es schlicht existenziell unerträglich, die zahllosen Leiden dieser Welt einfach hinzunehmen und zu vergessen, wie alle Vergangenheit einmal vergessen wird. Er insistiert mit Walter Benjamin darauf, „niemanden endgültig verloren“ zu geben (58). Jeder, auch der religiös Unmusikalische (Habermas) müsse erkennen, wie sehr jeder Mensch der Erlösung und des Trostes bedarf. Darum sind für ihn die Erlösungshoffnungen der Hochreligionen rational begründet und vernünftig zu entfalten. So beschreibt er mit der Offenbarungsreligion Gott als Erlösergott, entwirft eine „rationale Eschatologie“ und wendet sich schließlich der Theodizeefrage zu, gewissermaßen dem entscheidenden Knackpunkt jeder Gotteslehre. Tetens bemüht sich auch hier, entsprechend seiner Begrifflichkeit und seinen Definitionen des Gottesbegriffs „vernünftig“ zu argumentieren. Es ist aber in klassischer theologischer Weise das schon von Anselm und von Thomas von Aquin angewandte Verfahren, dem, was die Offenbarung autoritativ enthüllt, im nachdenkenden Glauben und im glaubenden Nachdenken zu entsprechen [7]. Es fällt schwer, diesen Gedankengang, in dem Tetens konsequenterweise von der Notwendigkeit des Glaubens an eine „transempirischen Macht“ (60) zur Rechtfertigung und Erlösung spricht, noch philosophisch-metaphysisch zu nennen. Es ist ein theologischer Gedankengang, der auf dem Glauben aufsetzt. Das kann man tun und verdient allen Respekt, aber es sprengt dennoch die Grenzen dessen, was rational begründet und philosophisch plausibel gedacht und gesagt werden kann.

Was Tetens nun also theologisch ausführt und erörtert, gerade auch hinsichtlich der endlichen Erlösung der Welt (Eschatologie) und der im letzten Gericht zu vollziehenden Versöhnung von Täter und Opfer, die eine personale Fortexistenz des menschlichen Ich-Subjektes nach dem Tod voraussetzt (Als „in erster Linie geistige Wesen … sind wir nicht intrinsisch an Materie gebunden, und wir müssen auch nicht unbedingt in Materie von der Art verkörpert sein, aus der ein menschlicher Organismus in dieser empirischen Welt besteht.“ 67), ist zwar moralisch gut gemeint, aber selbst theologisch äußerst fragwürdig. Es führt ihn letztlich zu den konservativsten ’scholastischen‘ Ausprägungen eines metaphysisch-theologischen Denkens, das selbst innerhalb der neuzeitlichen Theologie aus gutem Grund weitgehend obsolet geworden ist. Mit der Ambivalenz und Vieldeutigkeit religiöser Symbolsprachen und den Chiffren innerweltlicher Transzendenz (vgl. z.B. Friedrich Wilhelm Graf) kann Tetens offenbar nichts anfangen. Selbst für Hegel ist die Welt der Vorstellungen der Religion diejenige, die in der Philosophie des aboluten Geistes aufgehoben werden muss.

Innerhalb seines theologisch-metaphysischen Gedankengangs sehe ich vor allem drei gravierende Kritikpunkte. 1. Tetens kann den Tod nicht mehr realistisch als wirkliches Ende denken und anerkennen. Kontrafaktisch erfindet er eine immaterielle Ich-Subjektivität, die den Tod person-identisch „in Gottes Denken“ (67/68) überdauert – was soll überhaupt „intrinsisch nicht an Materie gebunden“ bedeuten? Dies ist nur denkmöglich, weil so ziemlich alles, was der Verstand erfindet, denkmöglich ist. Bleibt man Kantisch an den Erfahrungsraum und die Zeit gebunden, sind solche Aussagen rein spekulativ und nicht mehr rational zu rechtfertigen. Hier kann der Glaube einsetzen, wenn man will, aber die Philosophie sollte sich davor hüten und sich vernünftig bescheiden. Auferstehung als „Wiederverkörperung“ (67), Gericht und ewige Seligkeit sprich: die neue Welt Gottes („stark emergent“, 72) mit neuer Materie unter neuen Naturgesetzen (70) bleiben eben doch besser eine Sache des Glaubens. Nicht erst darüber hinaus, sondern bereits hier, muss man mit Tetens‘ Formulierung gegen ihn argumentieren, „sind die Grenzen rationaler Theologie … eklatant verletzt.“ (71)

2. Tetens erkennt zwar an, dass das Theodizee-Problem einen bleibenden Stachel darstellt, und spricht hier von einem „Patt zwischen Naturalismus und Theismus“, einem „Patt tiefer Ratlosigkeit“ (79). Es ist aber nicht nur die unbeantwortbare Frage, warum Gott soviel Leiden in der Welt „zulässt“, die zu der Ratlosigkeit führt. Auch sein Entwurf eines „rationalen“ Denkens der Eschatologie mit einer Aussöhnung von Täter und Opfer löst hier gar nichts, denn auch eine im jüngsten Gericht / im Gedanken Gottes gedachte Aussöhnung macht erlittenes Leid nie ungeschehen. Die Zeitstruktur der Vergangenheit und ihrer Tatsachen bleibt. Es ist dies trotz der Proteste von Horkheimer und Benjamin der eigentliche Stachel, dass alle Qualen und alles Leiden einzelner Menschen und Lebewesen unabänderlich geschehen ist und in der Vergangenheit als Faktum bestehen bleibt, ob man seiner nun gedenkt oder nicht. An dieser absoluten Trostlosigkeit führt kein Weg vorbei.

3. Tetens denkt letztlich cartesiansich, menschenzentriert auf die endlichen, selbstreflexiven Ich-Subjekte hin. Tiere und anderes Leben werden nicht thematisiert. Es kommt in dieser metaphysischen Philosophie nicht vor, dass alles Leben auf dem „Verbrauch“ anderen Lebens beruht, dass Leben nicht nur Werden und Vergehen, sondern Leiden und Tod der Kreatur einschließt, dass dieses kreatürliche Leiden weit über das Leiden der Menschen hinaus geht, sowohl zeitlich als auch quantitativ. Wieweit Lebewesen abgesehen vom Menschen mit Bewusstsein, sogar Selbstbewusstsein ausgestattet sein können, kommt hier überhaupt nicht in den Blick. Das Erleiden von kreatürlichen Schmerzen, Angst und Tod ist in der natürlichen Umwelt auch völlig unabhängig vom Menschen und lange vor seiner Zeit existent, gehört zum Dasein des Lebens, in welchen Formen auch immer, dazu. Ich habe noch keine Philosophie und erst recht keine Theologie gefunden, die dies als entscheidend mit bedenkt [8] und darauf eine Antwort formulieren könnte. Demgegenüber klingt Tetens vollmundige Metaphysik als rationale Theologie extrem anthropozentrisch, geistig überheblich und – antiquiert.

Letztlich ist für Tetens der Unterschied zwischen „trostloser und tröstlicher Metaphysik“ ausschlaggebend. Das macht seinen Denkansatz immerhin ethisch sympathisch. Und trotz mancher Übertreibungen dessen, was noch rational aussagbar ist, bleibt er letztlich selbstkritisch genug, um die Grenzen seines Denkangebotes zu sehen. Denn Tetens verweist am Ende auf ein großes Fragezeichen, dass seine metaphysische Theologie doch wieder zu einer klassischen und in der neueren Geschichte wenig erfolgreichen „Lückenbüßerin“ macht, solange eben diese Lücke noch wissenschaftlich und empirisch besteht und nicht theologisch erneut ein Rückzug angetreten werden muss:

Wir haben zwei miteinander verbundene Argumente vorgetragen, nämlich die kosmologische Argumentation und das moralische Argument. Die kosmologische Argumentation gründet wesentlich auf der Tatsache, dass sich in der Natur und in der Kultur immer neue Phänomene starker Emergenz entdecken lassen und das Mentale nicht stark aus dem Physischen emergiert, sondern nur notwendige physische Bedingungen seiner intersubjektiven Mitteilbarkeit hat. Sollte sich wenigstens starke Emergenz in Zukunft doch erfahrungswissenschaftlich solide nachweisen lassen, ließe sich die in diesem Buch vorgetragene kosmologische Argumentation und damit auch das moralische Argument zugunsten des Theismus nicht mehr aufrechterhalten. Zwar wäre der Theismus damit nicht definitiv widerlegt, aber er wäre erheblich geschwächt, und der Naturalismus wäre erheblich gestärkt. Aus meiner Sicht wäre der Theismus sogar so geschwächt, dass ich Partei für den Naturalismus oder zumindest für den naturalistischen Dualismus ergreifen würde. Das unterstreicht einmal mehr, dass man für und gegen metaphysische Positionen argumentieren kann. Im Reich der Metaphysik sind keineswegs alle Katzen grau. (85)

Am Schluss bleibt auch für Holm Tetens das Eingeständnis, dass der Naturalismus zwar „unbewiesen und unbeweisbar, existentziell betrachtet absurd“ ist, aber der naturalistische Kernsatz, der Mensch sei nur komplex organisierte Materie, – „der Satz könnte am Ende trotz allem wahr sein.“ Andererseits könnte von der theistischen Auffassung von einem heilenden, erlösenden und endlich alles zum Guten führenden Gott trotz aller Hoffnung gelten: „Zugegeben, der Satz könnte am Ende trotz allem falsch sein.“ (90) So bleibt vielleicht auch Tetens und, wer ihm zu folgen vermag, nur die „Pascalsche Wette“ [9] übrig: Wenn man an Gott glaubt und es ihn gibt, hat man viel gewonnen; wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn nicht, hat man nichts verloren. Aber vielleicht kommt es ihm ja doch auf etwas anderes an: nämlich ernsthaft die Alternativen des gegenwärtig herrschenden naturalistischen Weltbildes zu bedenken und zu durchdenken. Damit sind wir beim eingangs zitierten Textabschnitt (siehe oben), der Tetens Büchlein abschließt. Nein, sein letzter Satz – und dem ist zuzustimmen, auch wenn er in der heutigen Welt vielleicht nicht mehr ausreicht – lautet wie folgt:

Es gab schon einmal Zeiten, da hat Metaphysik die Denkenden getröstet. Es waren beileibe nicht die schlechtesten und wahrheitsfernsten Zeiten der Philosophie.“ (90)

Anmerkungen

* [1] Alle Zahlen in runden Klammern sind Seitenangaben in dem angegebenen Reclam-Bändchen.

[2] Ausführlich haben sich Joseph Levine (1983) und David Chalmers (1999) mit dem explanatory gap beschäftigt. – Die These der Identität (anstelle von Korrelation oder Supervenienz) physischer und psychischer Prozesse vertreten unter dem Stichwort „eliminativer Materialismus“ nachdrücklich Paul und Patricia Churchland (2001 / 2002).

[3] Die Probleme des „interaktionistischen Dualismus“ (z.B. in Gestalt des Parallelismus und des Epiphänomenalismus) stellt Ansgar Beckermann knapp dar in seinem Buch „Das Leib-Seele-Problem“ (2008) und verweist dort auf die ausführliche Erörterung des cartesianischen Bindungsproblems bei Peter Strawson (1959).

[4] An anderer Stelle schreibt Tetens noch pointierter: „Man muss das Wort „spekulative Metaphysik“ nur aussprechen, um bei hinreichend vielen Philosophen Entsetzen auszulösen. Entwöhnt sind wir deshalb, weil unter Philosophen ein weit verbreitetes, hegemoniales weltanschauliches Vorurteil zugunsten des Naturalismus grassiert. Aus meiner Sicht sollten wir jedoch unsere einseitige Fixierung auf den Naturalismus aktiv bekämpfen und aufzulösen versuchen. Um diese These soll es in den folgenden Überlegungen gehen.“ Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit? In: Information Philosophie 3/2013 S. 8 – 17

[5] „Will der Theismus mit menschlicher Freiheit vereinbar sein, muss er behaupten, dass das Mentale nicht über dem Physischen superveniert, in welcher Form auch immer, sondern dass nur jeder mentale Zustand immer auch notwendige physische Bedingungen der Möglichkeit seiner intersubjektiven Mitteilung hat. Aus dem Theismus folgt also genau das, was – bisher jedenfalls – auch die (natur)wissenschaftliche Erforschung des Mentalen allein ans Tageslicht gefördert hat.“ (46)

[6] Damit hat Tetens sich klar gegen die Argumentation positioniert, die Ansgar Beckermann in seinem Buch „Glaube“, 2013, vertritt, ohne ihn hier ausdrücklich zu erwähnen.

[7] Die theologischen Loci dazu sind fides quaerens intellectum und die analogia fidei.

[8] Die theologische Erörterung der berühmten Bibelstelle Römer 8, 22 – 25 über das Seufzen der Kreatur ist doch systematisch weitgehend peripher geblieben.

[9] Eine gute Darstellung und Analyse der Pascalschen Wette findet sich auf einer Webseite von derprotestant.de.

 HINWEIS:

Der Text dieses Blogbeitrages steht auch als eBook (PDF) zur Verfügung.

Teleologie der Natur

 Anthropologie, Philosophie, Weltbild  Kommentare deaktiviert für Teleologie der Natur
Feb 092014
 

[Philosophie]

Im vorigen Beitrag habe ich die Frage nach Mensch und Kosmos im Blick auf ihre Herkunft beschrieben. Jetzt möchte ich den Blick vom Gewordensein aufs Werden hin lenken, also auf Welt und Wirklichkeit hinsichtlich ihrer Möglichkeiten. Hierfür ist man noch stärker auf ein strukturierendes Modell angewiesen als bei der Interpretation der Fakten ihrer Entstehung. Ich unterscheide zwischen einem Weltbild als einem hypothetischen Gesamtmodell der Theoriebildung („Paradigma“) und einer Weltanschauung, die eine Gesamtschau von Welt und Mensch als Überzeugungen verinnerlicht. Weltanschauungen beruhen auf Glauben und Überzeugung und sind den Religionen verwandt, ein Weltbild hingegen ist eine notwendige Voraussetzung sinnvoller Theoriebildung mit dem Ziel der Erklärung vorhandener Tatsachen. Man sollte das eine nicht mit dem anderen verwechseln, um Dogmatismus zu vermeiden.

Das kopernikanische Weltbild hat das ptolemäische abgelöst, so wie das relativistische und quantendynamische Weltbild nach Planck und Einstein das mechanistische Weltbild Galileis und Newtons abgelöst hat. Vielleicht wird ein neuro- und kognitionswissenschaftliches Weltbild das dualistisch-cartesianische Weltbild ablösen. Physikalistisch anzusetzen und von einem materialistisch-monistischen Weltbild auszugehen kann als Arbeitshypothese sinnvoll und ergiebig sein. Man muss nur zusehen, wie weit die darauf aufbauende Theoriebildung trägt und wo sie an ihre Grenzen stößt. Die Frage ist dann im konkreten Fall, ob die jeweilige Theorie bzw. das jeweilige Modell falsch ist oder das zugrunde liegende Weltbild. Wir sind heute, so meine These, in den Naturwissenschaften, in den Kognitionswissenschaften und in der philosophischen Anthropologie in einer Situation, nicht mehr nur unterschiedliche Theorieansätze und Arbeitsweisen gegeneinander abzuwägen, sondern das der heutigen Wissenschaft oft unausgesprochen zugrunde liegende Weltbild anzuzweifeln. Diese Fragestellung geht philosophisch über die Alternativen Analytische Philosophie, Strukturalismus oder Systemtheorie bzw. ihre Mischformen hinaus.

Physikalisch gesehen stehen wir heute immer noch unter dem prägenden Einfluss Newtons, ontologisch und erkenntnistheoretisch unter dem Einfluss Descartes. Die Relativitätstheorie und die Quantentheorie (man müsste besser von einem weit gefassten und differenzierten mathematisch-physikalischen Theoriesystem sprechen) haben zwar einerseits die Gravitationstheorie und Mechanik Newtons abgelöst, aber nur insofern, als sie eine sehr viel speziellere Erklärung und Präzisierung in mikrophysikalischen und kosmologischen Dimensionen bieten. Newtons Gesetze behalten allesamt Gültigkeit und kommen als Grenzfälle in unseren normalen Größenordnungen vor, wo relativistische und quantenmechanische Effekte so winzig sind, dass sie vernachlässigt werden können. Allerdings hat sich Newtons absoluter Raum relativiert: Die black box „leerer Raum“ ist zur gekrümmten Raumzeit geworden, die in direkter Abhängigkeit zur Gravitation steht, von gravitativen Objekten geradezu erzeugt wird. Die newtonsche Objektivität von Raum und Zeit ist dadurch aber keineswegs verloren gegangen. Sie findet sich in relativistisch exakt beschreibbaren Verhältnissen und quantendynamisch berechenbaren Prozessen als äußere, gegenständliche Wirklichkeit wieder. Das Bohrsche Atommodell spiegelt diese Mechanik genau wider, auch wenn dieses frühe Standardmodell der „Atomphysik“ in der heutigen Teilchenphysik kaum mehr zu gebrauchen ist. Von einer erkenntnistheoretischen Skepsis eines Kant, der Raum und Zeit genau als „reine Formen der Anschauung“ definierte und sie damit in den Bereich der erkenntnismäßigen Aprioris verwies, findet sich in der physikalischen Theorie keine Spur.

Das führt zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Neuzeit, wie sie Descartes geprägt hat. Es steht hier der cartesianische Dualismus in Rede. Seine Unterscheidung (die eigentlich eine strikte Trennung ist) von res cogitans und res extensa, also von erkennendem, selbstbewussten Ich und den äußeren, eben nur ausgedehnten Gegenständen der Welt ist die moderne Grundform des heute oft beklagten Dualismus. Gemeinhin wird dafür ja Platon verantwortlich gemacht – ein keineswegs zwingendes Ergebnis einer neuplatonischen und erst recht cartesianischen Interpretation, die man im Idealismus wieder findet. Erst durch Descartes‘ Trennung gibt es überhaupt ein zugespitztes Leib-Seele-Problem, denn die Frage ist ja schon, wie sich das selbstbewusste Ich rein denkend überhaupt zu seinem Körper als ausgedehnter Sache verhält. Für die Einheit beider res brauchte Descartes (verkürzt gesagt) Gott als Garanten. Wenn aber der Theismus weg fällt, bleibt entweder das pure gegenstandslose Ich – oder die reine ausgedehnte Materie als einzige Substanz. Genau da sieht sich die moderne Wissenschaft. Der physikalistische Materialismus ist ein einseitiges, aber legitimes Kind Descartes, und die Ablehnung des dualistischen Denkens ist letztlich die Kritik des cartesianischen Dualismus. Das heutige materialistische Weltbild ist aber keineswegs zwingend, und der Dualismus Descartes‘ nicht die einzige Alternative.

Es gibt in der neueren Philosophie des Geistes zahlreiche Versuche, zwischen Dualismus und Monismus durch bestimmte Differenzierungen und Definitionen irgendwie hindurch zu kommen wie zwischen Skylla und Charybdis. David Chalmers zum Beispiel hat die verschiedenen möglichen Positionen wunderschön dargestellt. Aus meiner Sicht kranken all diese Versionen (Substanzdualismus, Eigenschaftsdualismus, Epiphänomenalismus, materialistischer Monismus usw.) daran, fast verbissen an der dualistisch verstandenen Alternative Materie – Geist festzuhalten bzw. sie einseitig aufzulösen. Der Gegensatz ist bis zum Ermüden ausdiskutiert und endet letztlich im Behaupten eines Standpunktes. Ich möchte dagegen ein anderes Denkmodell vorschlagen jenseits der fruchtlosen Alternativen. Ein solches Denkmodell muss die starre cartesianische Ausgangsposition verlassen. Man braucht dazu das Rad nicht neu zu erfinden. Man kann auf Denkansätze zurück greifen, deren ganz andere Begrifflichkeit und Teleologie für die heutigen Fragestellungen und Diskussionen zu übersetzen und fruchtbar zu machen wären. Ich denke an Aristoteles.

Wenn man sich Aristoteles neu nähert und dabei versucht, den scholastisch-metaphysischen Ballast abzustreifen und die neuplatonisch-theistische Interpretation nicht als die einzig wahre und mögliche Aristoteles-Rezeption gelten zu lassen, dann begegnet einem ein ungemein modern anmutender Denker. In seiner Begrifflichkeit hinsichtlich Erkenntnistheorie und Ontologie steckt enormes Potential (! siehe unten). Aristoteles hat ein Denkmodell vorgelegt, das vom konkreten Einzelding ausgeht und nach seinen Relationen und Möglichkeiten fragt. Eine moderne Aristoteles-Rezeption *) könnte an der Relation von Substanz und Form (ousia und eidos) ansetzen und die Form als Strukturprinzip der Materie verstehen. Zusammen mit dem Begriffspaar Potenz und Akt (dynamis – energeia / entelechia) lässt sich eine dynamische Ontologie entwerfen, die in der konkreten Realisation eines Gegenstandes zum einen realisierte Möglichkeit (Potentialität) erkennt, aber zugleich der aktualen Verwirklichung neue Potentiale zur Veränderung und Weiterentwicklung zuspricht. Die Dynamisierung dieses Denkmodells findet sich schon in den Begriffen. Das deutsche „Potenz“ und „Akt“ für griechisch dynamis und energeia klingt viel zu statisch, um einer Wirklichkeit im Wandel, in der Veränderung, begrifflich gerecht zu werden. Das Strukturprinzip („Form“) der Wirklichkeit („Substanz“) ist an sich selber bereits „Dynamik“, also Kraft, Werden, Veränderung (energeia), das zur Verwirklichung, Umsetzung, Ausprägung strebt. Dieser Prozess kann  mit dem Begriff Entelechie zusammengefasst werden: Die prägende Struktur („Idee“) des Seins (Seienden) trägt das Potential zur Verwirklichung neuer Seinsstrukturen bereits in sich. Diese dynamische Ontologie ist von Anfang an, also prinzipiell „gerichtet“ (telos), ohne dass ein Ziel von vornherein bestimmt und gar bekannt sein muss. Teleologisch zu denken heißt dann nicht, auf ein bestimmtes Endziel hin zu denken (was sollte das auch sein?), sondern in Entwicklungsmöglichkeiten zu denken, das heißt der in der materiellen Struktur bereits inne wohnenden Tendenz (bias) zu folgen und die Wirklichkeit als Verwirklichung konkreter möglicher Formen zu begreifen. Evolution wäre nur der biologische Aspekt einer solchen Prozess-Ontologie (Whitehead). Das statische Paradigma eines materialistischen Physikalismus wäre aufgebrochen zugunsten eines dynamischen Wirklichkeits-Paradigmas, das Potentialität, Zielgerichtetheit, Dynamik, Veränderung / Entwicklung bereits ontologisch eingeholt hat.

Diese Andeutungen reichen knapp für eine Skizze, aber nicht als Thesis eines umfassenden Programms. Das wäre erst noch zu entwickeln. Es könnte eine spannende Sache sein. Dabei fallen einem auch noch die begrifflichen Parallelen ins Gesicht, die als „Materie“, „Energie“ und „Dynamik“ in der heutigen Physik eine grundlegende Rolle spielen. Und was „Energie“ oder „Materie“ eigentlich ist, darf man den Physiker nicht fragen, der beschreibt Wirkungen und Wechselwirkungen. Diese ontologische Frage führt durchaus zu neuen Konkretionen. Wer weiß denn schon, was das „Telos“ feuernder C-Fasern ist! Der große Gewinn eines solchen Ansatzes liegt darin, das er näher bei der Intuition wäre, dass Wirklichkeit nicht nur aus kausal verkettetem Zufall besteht. Noch einmal verweise ich gerne auf Thomas Nagel (siehe voriger Beitrag), der ebenfalls ein teleologisches Denkmodell anvisiert, das noch zu entwickeln wäre. Ob man dabei auf der Basis des bisherigen Physikalismus verbleiben kann, wage ich allerdings zu bezweifeln – oder: meinetwegen ‚Physikalismus‘, aber mit der Physik und Biologie und Neurologie einer dynamisierten, teleologisch interpretierten Struktur der Natur, die ihre Potentiale („Mächtigkeiten“) sogar in Form des Geistes in sich trägt.

*) „Im Übrigen ist wohl noch nie so vielfältig und weltweit über Aristoteles gearbeitet worden wie gegenwärtig“, Flashar (2004) zit. nach Wikipedia, Aristoteles.

Festlegungen Analytischer Philosophie des Geistes

 Philosophie, Wissenschaftstheorie  Kommentare deaktiviert für Festlegungen Analytischer Philosophie des Geistes
Jul 282013
 

Einige Bemerkungen zum Studienbuch von Ansgar Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, 3. Aufl. 2008

Beckermanns „Einführung“ kann als ein Standard-Studienbuch gelten, das innerhalb weniger Jahre in dritter Auflage vorliegt. Für Studierende der Philosophie ist es nach wie vor unentbehrlich, wenn ein deutschsprachiger Einstieg und Überblick in die Analytische Philosophie des Geistes gesucht wird. Wie Beckermann die heute verbreitete analytische Philosophie darstellt und welche Vorentscheidungen und Schwerpunkte er dabei setzt, bestimmt das Bild einer ganzen Generation von Philosophiestudenten. Genug Anlass näher hin zu schauen, welche Weichenstellungen Beckermann für seine Analytik der „Philosophie des Geistes“ vornimmt.

In Fortentwicklung des sprachanalytischen Ansatzes der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts („linguistic turn“) nennt Beckermann drei „Merkmale“ des besonderen analytischen „Stils des Philosophierens“:  1. Die Argumentationskultur logischer Verknüpfungen und begrifflicher Implikationen (Carnap, Quine). 2. Die Annahme der Zeitunabhängigkeit philosophischer Probleme und ihrer Argumente. 3. Die Überzeugung, dass philosophische Schulen überholt sind, da es nur unterschiedliche, arbeitsteilig zu behandelnde Argumentationslinien gebe. Allen drei Merkmalen liegt die Hoffnung zu Grunde, „dass es möglich sei, philosophische Probleme ein für allemal zu lösen“. Diese Hoffnung, so Beckermann, werde zwar heute nicht mehr uneingeschränkt geteilt, aber doch die Zuversicht, dass es einen „wesentlichen Fortschritt“ gibt: „Fortschritt in der Philosophie bedeutet im allgemeinen nicht die Lösung, sondern die Klärung von Problemen.“ (S. IX)

Insofern geht es in der Philosophie des Geistes nicht um einen speziellen Blick auf den jeweiligen Inhalt (Perspektive, Hermeneutik), sondern um die „Analytische Einstellung“. Darum behandelt das Buch 1. die „zentralen Fragen“ des Bereiches der Philosophie des Geistes, 2. die Darstellung der Hauptpositionen zu diesen Fragen, 3. die Argumente Pro und Contra einzelner Positionen. Dabei gibt Beckermann zu, dass er eine Auswahl treffe, die insofern zeitgebunden sei, als sie sich aus dem gegenwärtigen Stand der Diskussion ergebe. Aber immerhin, so die Absicht, vermitteln die Grundfragen und Hauptprobleme dieser Philosophie in analytischem Stil ein „Basiswissen“, das mehr oder weniger zeitlos gültig ist und die „solide Grundlage“ liefert, neue Positionen „richtig einzuordnen“. Gerechtfertigt sieht sich Beckermann gegenüber anderen Einführungen dadurch, dass eben jeder Autor doch „erhebliche Unterschiede“ in der Einteilung und Problemdarstellung des Gebietes aufweise, weil „der persönliche Standpunkt nicht ausgeblendet werden kann“.

Jaques Droz Automates (Wikimedia Commons)

Jaques Droz Automates (Wikimedia Commons)

Schon diese Vorklärungen werfen einige Fragen auf. Es ist zuerst die dezidierte Geschichtslosigkeit, die hier zum philosophischen Programm erhoben wird. Es gibt prinzipiell nur Grundfragen, Argumente, Widerlegungen, die, wenn sie einmal behandelt und ausreichend geklärt sind, ein Thema erschöpfen; es kann ein für allemal als ‚erledigt‘ gelten. Die wachsende Menge der analytisch geklärten (wenn nicht gelösten) Themen stellt dann den Fortschritt der philosophischen Arbeit dar. Die Parallele der Naturwissenschaft ist unverkennbar. Auch dort erhoffte man sich im vorigen Jahrhundert und zum Teil noch immer, dass eine abschließende TOE, „Theory of everything“, zumindest aber eine GUT, eine „Great Unified Theory“, die abschließende Lösung aller Rätsel zu Tage fördert. So ist die aufwändige Suche nach dem Higgs-Teilchen auch dadurch motiviert, eine „letzte“ Lücke in der allgemeinen Theorie der Elementarteilchen und der universellen Kraftfelder zu schließen. Bisher hat sich allerdings gerade auch in der Teilchenphysik immer wieder gezeigt, dass die gezielten Experimente neben den gesuchten Antworten auch viele neue Fragen aufwerfen. Die String-Theorie oder die Theorien zur Supersymmetrie bleiben zunächst einmal das, was ihr Name besagt: Theorien, Gedankenmodelle, Fragerichtungen in mathematischer Sprache.

In der Analytischen Methodik der Philosophie scheint genau dasselbe vorzuliegen. Angestrebt, sozusagen axiomatisch begründet ist die ‚Große Allgemeingültigkeit‘ der thematische Fragen und ihrer argumentativen Klärungen. De facto gibt es aber ebenso viele Klärungen und Argumente wie analytische Philosophen. Und natürlich gibt es dort auch die Anhänger (warum nicht „Schulen“?) ganz bestimmter Richtungen, je nach dem ob sie sich zum Beispiel mehr sprachanalytisch, strukturalistisch oder systemtheoretisch orientieren. Das in den Auflagen stetig gewachsene Studienbuch Beckermanns legt davon selber Zeugnis ab. Die Positionen und ihre Unterschiede und Differenzierungen nehmen zu, nur die aktuellen Namen ihrer Vertreter wechseln. (Kleine Nebenbemerkung: Ich brauche hier nicht korrekterweise von „Vertreterinnen“ zu schreiben, weil es Professorinnen in der Analytischen Philosophie kaum gibt. Das bedeutet…?)

Allein ein Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt einen schnell die Hoffnung preisgeben, hier würde endlich eine Philosophie aus einem Guss geliefert, die die Menschheitsfragen eindeutig und abschließend lösen könnten. Auch in der Analytischen Philosophie gibt es so viele verschiedene Ansätze wie Protagonisten, und selbst die Themen werden unterschiedlich gesetzt, von dem angewandten theoretischen Rahmen und Begrifflichkeiten ganz zu schweigen. So bleibt letztlich nur ein bei den Naturwissenschaften, insbesondere der Logik, ausgeliehenes formales Instrumentarium bei der Formulierung von Argumenten, das gelegentlich hilft, aber ebenso oft als unangemessen bezeichnet werden muss. Jedenfalls wird das Programm, Philosophie „zeitlos“ und allgemein „problembezogen“ zu betreiben, sehr schnell als leere Hülse sichtbar, die nur den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit und Unbezweifelbarkeit verdeckt. Schon vom Ansatz her wird, das macht das Vorwort Beckermanns deutlich, ist auch dieser philosophische Ansatz eben nur ein zeitverhaftetes Denkmodell, das je nach Gusto und Denkrahmen mal mehr, mal auch weniger überzeugen kann.

Werfen wir noch einen Blick auf Beckermanns Einleitung zu den Problemen und Fragen der Philosophie des Geistes. Auffallend ist es, wie grundsätzliche  Vorentscheidungen begrifflicher und methodischer Art eher beiläufig genannt werden. So identifiziert er gleich zu Beginn den Gegenstandsbereich der Philosophie des Geistes mit der „mentalen Seite des menschlichen Lebens“ im Unterschied zur „biologischen“ Seite (er nennt physiologische Funktionen wie Fortpflanzung, Stoffwechsel usw.) und ordnet diesen „mentalen Bereich“ dann weiteren „vier Problembereichen“ zu (Ontologie, Epistemologie, Semantik, Methodologie). Dabei ist schon eine erste Vorentscheidung gefallen, die nicht weiter geklärt wird: Den Menschen als zweigeteiltes Objekt in den Blick zu nehmen, nämlich einerseits biologisch-physikalisch, andererseits „mental“, was immer das genauer bedeuten soll. Denn darum geht nun in der Folge der Streit: Was das Mentale denn eigentlich ist: „Gibt es Mentales? – Was ist die Natur des Mentalen?“ Die allererste, vorgängige Unterscheidung in biologisch und / oder mental wird aber vorausgesetzt und nicht weiter hinterfragt. Sie ergibt sich für Beckermann offenbar intuitiv, aber auf dem Hintergrund welchen Weltbildes?

„Den Kern des ontologischen [gemeint ist metaphysischen] Teilproblems bildet das klassische Leib-Seele-Problem“, fährt Beckermann fort. Jetzt tauchen mentale und physische Phänomene auf, deren Zuordnung problematisch wird. Beim näheren Eingehen auf das „ontologische Teilproblem“ wechselt er sogleich auf eine andere Begrifflichkeit. Statt „Leib-Seele-Problem“ sollte man besser sagen „Körper-Geist-Problem“. Immerhin verwendet Beckermann eine Fußnote, um diesen gravierenden Austausch der Begriffe zu erläutern. „Leib“ und „Seele“ trügen zu viele unklare Konnotationen mit sich, die man mit den neuen Begriffen vermeiden könne, „denn schließlich geht es um den Zusammenhang zwischen seelischen Phänomenen und physiologischen Prozessen in unserem Körper“. Das ist alles an ‚Begründung‘. In der Fußnote wird dann noch auf die unterschiedliche Bedeutung der Begrifflichkeit englisch „mind“ und deutsch „Geist“, Gefühl, Intuition, aufmerksam gemacht. Wiederum ist eine grundlegende Vorentscheidung so nebenher vollzogen. Natürlich spiegelt sich hierin die cartesianische Zweiteilung von res cogitans und res extensa, zwischen Denkendem und Ausgedehntem, wider. Außer Platon ist dann auch Descartes der einzige, der in dem sehr knappen philosophiegeschichtlichen Rückblick ausführlicher erwähnt wird. Platon dient mehr als Negativfolie für metaphysischen „Substanz-Dualismus“ (auch solch ein ungeklärter Begriff, eigentlich eher ein Etikett), dem er eine „begriffliche Konfusion“ (27) attestiert. Den „Substanz-Dualismus“ behandelt Beckermann deswegen nur noch am Rande, weil „er in der gegenwärtigen Philosophie … kaum noch eine Rolle“ spielt und weil diese Position angesichts ihrer Widersprüche und Probleme (obwohl intuitiv zugänglich) „den meisten zeitgenössischen Philosophen schier unglaublich scheint“ (8). Nun gut, wenn man das für ein „Argument“ hält…

Es rächt sich also sehr bald, in der Darstellung der Grundprobleme der Philosophie des Geistes auf eine vorgängige Klärung der eigenen Voraussetzungen, Denkrahmen und Kategorien zu verzichten. Es rächt sich ebenso, Philosophie als zeitlos im ungeschichtlichen Raum abstrakter ‚Grundfragen‘ zu verorten. Die geschichtlich-hermeneutische Bedingtheit der eigenen Position kommt nur noch als zufällige Auswahl unterschiedlicher Meinungen und Argumente in den Blick. Und was dem naturalistisch geprägten Weltbild des analytischen Philosophen „unglaublich“ erscheint, mag einem anderen Philosophen durchaus als plausibel gelten. Auch der andere Philosoph wird eigene Voraussetzungen und Vorstellungen / Weltbilder mit bringen. Aber er sollte und müsste sie genau so vorgängig offen legen und abklären, wie es vom analytisch verfahrenden Philosophen zu fordern ist. Aber dagegen hat sich dieser offenbar schon durch die als naturwissenschaftlich unbezweifelbare vorausgesetzte Methodik und formale Begrifflichkeit bzw. Argumentationsstruktur immun gemacht. Wahr ist (wenn man denn überhaupt noch so fragen darf), was „richtig“ ist. Richtig aber ist die logische Struktur und das naturalistische, neopositivistische Weltbild.

In der Tat, dagegen gäbe es einiges zu fragen und zu sagen. Allerdings zeigt allein die Menge der Widersprüche und Probleme innerhalb der analytisch verfahrenden Philosophie des Geistes heutzutage (fünf Jahre später) deutlich, dass hier offenbar auch nur mit Wasser theoretischer Modelle gekocht wird und „Lösungen“ und „Klärungen“ weit entfernt sind von einer allgemeinen Plausibilität. Die Hochphase der Analytischen Philosophie scheint sich auch dem Ende zuzuneigen. Sie erstickt womöglich an ihrer eigenen Vollmundigkeit, an ihren eigenen ungeklärten Voraussetzungen.

Ein zweibeinig federlos Geschöpf

 Anthropologie, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Ein zweibeinig federlos Geschöpf
Apr 272013
 

Der Mensch sei „ein zweibeiniges, federloses Geschöpf“, so habe Platon gesagt. Diogenes habe ihm daraufhin einen gerupften Hahn vorgehalten, das sei also Platons Mensch. Dieser habe dann ergänzt, „mit platten Nägeln“, was aber auch nicht ganz überzeugte, zumal in dieser Ergänzung ein Wortspiel mit dem Namen Platons enthalten war. Also wurde korrigierend noch einmal erweitert „der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“ – und damit haben wir den Salat. Auch wenn dieser aus kynischer Tradition überlieferte Wortwechsel zwischen Platon und Diogenes wohl nur legendarischen Charakter hat (eine entsprechende ‚Definition‘ findet sich nirgendwo in den Werken Platons, 1), so ist sie zumindest gut erfunden, macht sie doch genau das Problem deutlich: Was zeichnet den Menschen gegenüber den übrigen Lebewesen, insbesondere den Tieren, aus?

„Was ist der Mensch?“ Diese Grundfrage hat insbesondere die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt. Sie liegt aber auch aller Wissenschaft unausgesprochen zugrunde, wenn man durch Forschung und Wissen Aufschluss zu erhalten sucht über das, was einen selbst und die gesamte „Welt im Innersten zusammen hält“. Nun gut, könnte man meinen, da haben doch Biologie, Chemie, Physik, Medizin, aber auch Metaphysik, Anthropologie und nicht zuletzt die Überlieferung der Religionen einiges zusammengetragen. Besonders die neuzeitlichen Naturwissenschaften (science) haben inzwischen recht genau analysiert, wie sich der Mensch evolutionär entwickelt hat und wie er daraufhin physiologisch zu beschreiben ist. Die Neurowissenschaften bemächtigen sich derzeit mit erstaunlichen Fortschritten des menschlichen Gehirns, um seine basalen Zustände und Funktionsweisen zu erklären. Wenn auch längst noch nicht alles an und in unserem Gehirn verstanden ist, so kann man doch getrost davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die letzten Lücken geschlossen und neurophysiologisch und kognitionswissenschaftlich erkannt und verstanden sein werden. Die Frage ist nur: Hat man dann auch „automatisch“ die Frage beantwortet, was der Mensch eigentlich als besonderes Wesen ist? Wie steht es mit dem erklärenden Zusatz „der Vernunft teilhaftig“? Kurz – was hat es mit dem Geist des Menschen auf sich?

Da haben wir den Salat deswegen, weil über die Beantwortung der Frage nach dem Geist, nach den mentalen Fähigkeiten und „mentalen Phänomenen“, unter den Wissenschaftlern und Philosophen allergrößte Uneinigkeit besteht. Und es kann hierbei auch keineswegs die Zuversicht geben, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch darüber Einvernehmen hergestellt ist. Das Problem beginnt schon bei der näheren Bestimmung des zu untersuchenden Gegenstandes „Geist“. Ist das Denkvermögen gemeint, der Verstand, die Vernunft, die Urteilskraft, die Logik? Ist das alles ein und dasselbe oder wodurch unterschieden? Ist es mehr die Fähigkeit, sich zu erinnern, sich etwas vorzustellen, zu planen, absichtsvoll zu handeln? Und wie verhält sich das Bewusstsein, zumal das „phänomenale Bewusstsein“, zum Bereich des Geistigen, insbesondere das Selbstbewusstsein? Oder ist es nur so etwas wie ein „Aggregatzustand“ des Gehirns? Was ist mit Phantasie, Imagination, Intuition, und dann erst mit Empfindungen, Ahnungen, Gefühlen, die wir kennen und benennen? Was ist im Bereich des Geistigen das Objektive, was das Subjektive, oder ist schon diese Unterscheidung falsch? Was geschieht, wenn man die Frage „Was ist der Mensch“ umformuliert zu der Frage „Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein?“

Menschen - Bilder (Vancouver)

Menschen – Bilder (Vancouver)

Diese letzte Frage nimmt das etwas provokante Thema des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel auf, der 1974 in einem berühmten Aufsatz fragte „What is it like to be a bat?“, was man übersetzen muss mit „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“ Damit wurde mit einem Paukenschlag die bis heute andauernde Diskussion um die „Qualia“ eröffnet, die, wie die einen meinen, sich jedem pysikalischen Reduktionismus entziehen, was die „Reduktionisten“ oder „Emergentisten“ energisch bestreiten – mit einer Vielzahl an differenzierenden Zwischenpositionen. Qualia (Plural, Singular: Quale, abgekürzt für „mentale Qualitäten“ bzw. Qualitäten des phänomenalen Bewusstseins), scheinen sich einer biophysischen oder neurologischen Erklärung zu entziehen. Zwar kann man exakt angeben, was es elektrodynamisch und neurophysiologisch bedeutet, die Farbe Rot zu sehen, also zu beschreiben, welcher Vorgang beim Auftreffen des Lichtes auf die Zäpfchen in der Retina ausgelöst wird und schließlich an einer bestimmten Stelle optischer Wahrnehmung im Gehirn ankommt und „verarbeitet“ wird, man kann also erklären, was passiert, wenn man Rot sieht, aber damit, so die entscheidende Zuspitzung, ist noch längst nicht gesagt, wie es sich im Innern des Sehenden anfühlt, rot zu sehen. Ebenso kann man alle Funktionen und Eigenschaften einer Fledermaus genauestens beschreiben bis hin zu einem denkbaren molekularen Nachbau (Kopie) eines solchen Tieres, ohne je zu wissen, wie es sich als Fledermaus anfühlt, eben eine Fledermaus und nicht ein Mensch oder sonst ein anderes Lebewesen zu sein. Wenn man sich in dieses Problem vertiefen will, tun sich einem Bücherschränke an Literatur aus den jüngst vergangenen Jahrzehnten auf. An der Charakterisierung dieser Qualia scheint so viel zu hängen, weil man darin einen irreduziblen „Rest“ einer rein mentalen Fähigkeit erkennen will, die nicht von einem physikalischen Zustand verursacht ist. Hier scheinen also die hehren Retter der Unabhängigkeit des Geistes gegen die plumpen Naturwissenschaftler und Physikalisten zu stehen.

Ich betone „scheinen“, denn beim näheren Hinsehen sind auch die monistischen Positionen (im Gegensatz zu den Dualisten) weder plump noch geistesfremd. Es ist doch in der Tat die Frage, ob wir bei der Beschreibung dessen, was uns wissenschaftlich erkennbar ist, von einem einheitlichen, in sich kausal geschlossenen Weltbild ausgehen wollen, oder ob wir zwei verschiedene Ontologien, eine physikalische und eine geistige, meta-physische (darum Dualismus) behaupten wollen. Fragt man sich nun, warum der ganze Terz, ist das denn so wichtig? Kann man nicht einfach von zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten (Ontologie = Seinslehre) ausgehen, wenn  einem eine einzige „rein“ physikalische nicht auszureichen scheint? Das Problem ist dann nur anzugeben, wie sich diese beiden Seinsweisen denn aufeinander beziehen, da sie doch im Menschen offenkundig gemeinsam versammelt sind. Damit sind wir flugs bei Platon, Aristoteteles, und und und. Will man aber ein einheitliches „konsistentes“ Weltbild zugrunde legen, wie es die naturwissenschaftliche Forschung de facto tut, dann bekommt man spätestens dann Schwierigkeiten, wenn  man die besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten beschreiben (um nicht zu sagen erklären) will, die für unverwechselbare Kennzeichen des Geistigen gehalten werden: Selbstbewusstsein, Erleben, Empfindung, Intuition, – von all dem, was man unter „Mystik“ zusammen fasst, einmal ganz zu schweigen. Woher kommt „Neues“ in die Welt? Was ist (nicht nur künstlerische) Kreativität? Wie verhält sich die Sprache zu unserer Erkenntnisfähigkeit? Wie soll man denjenigen Bereich des menschlichen Daseins verstehen, den Karl Popper so schön als „Welt 3“ kategorisiert, womit er die Welt geistiger „Gegenstände“ (Gedanken, Ideen, Kultur) meint? Kann ich das alles im Ursprung „reduktionistisch“ auf biophysische Vorgänge zurück führen, und wenn ja, was würde das genau bedeuten? Reduktion heißt ja nicht, verschwinden lassen, es bedeutet vielmehr eine Rückführung oder besser Verknüpfung der Erklärung und des Verstehens auf basale oder wenigstens vorgängige Strukturen und Funktionen, die unsere Welt, belebt und unbelebt, im Ganzen bestimmen und die wir unter anderem als Naturgesetze kennen. Dem unterliegt der Mensch doch auch sonst. Da kommen dann Begriffe wie Emergenz, Supervenienz und Epiphänomenalismus zur Geltung, die genau einen positiv gefüllten Begriff einer physikalistischen, monistischen Ontologie entfalten und erweitern wollen. Allein diese drei Begriffe zu erklären würde schon wieder einen längeren Aufsatz erfordern. Der Hinweis auf sie mag hier anzeigen, dass auch auf der Basis eines nicht-dualistischen Weltbildes die Dinge keineswegs einfacher liegen, als sie sich vermeintlich aus dualistischer Perspektive ergeben.

Eines allerdings, und darin sind sich fast alle Gegenwartsphilosophen einig, ist ‚verbotenes Land‘, zumindest vermintes Gebiete: die Metaphysik, gerne mit dem Adjektiv „traditionell“ versehen. Alle bisher beschriebenen Bemühungen sind in dem Bereich der Philosophie angesiedelt, den man als „analytisch“ bezeichnet, mit oder ohne  „linguistic turn“. Die analytische Philosophie wollte und will sich als Alternative zu metaphysischen Spekulationen anbieten, die man zum Beispiel im Deutschen Idealismus kulminieren und zu überwinden sieht. Ganz klar, zu Hegel & Co. gibt es kein zurück, und das ist auch gut so – aus meiner Sicht. Aber die Verheißungen der analytischen Philosophie, die Phänomene von Geist und ‚Sinn‘ einfacher, klarer und konsistenter zu beschreiben und zu verstehen, haben sich definitiv nicht erfüllt, fast möchte man sagen: eher im Gegenteil. Aber wenn auch neben vielen sehr guten Ergebnissen (wie die genauere Bestimmung von Qualia, Emergenz, Supervenienz, epistemischer oder nomologischer Ontologie und vielem anderen mehr) auch Abwege und Sackgassen deutlich werden, so ist damit auch viel gewonnen. Mir scheint besonders die extensive Diskussion der Qualia inzwischen in einem unergiebigen Abseits gelandet zu sein. In der Verlagsbeschreibung eines neueren Buches von Michael Pauen zum Thema Qualia heißt es sehr schön:

Wie kann das phänomenale Bewusstsein in unser naturwissenschaftliches Weltbild integriert werden, wenn doch, wie viele Philosophen des Geistes heute glauben, auch seine Abwesenheit mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen logisch vereinbar ist? Hier haben sich in der jüngsten Diskussion zwei Strategien heraus kristallisiert: Erstens die Strategie der phänomenalen Begriffe, derzufolge die explanatorischen Rätsel des phänomenalen Bewusstseins nichts mit einer ontologischen Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu tun haben, sondern sich allein aus den Besonderheiten unserer phänomenalen Begriffe ergeben. Zweitens die Strategie des verfehlten Erklärungsmodells, derzufolge die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit reduktiven Erklärungen phänomenaler Eigenschaften nichts mit unerklärbaren Besonderheiten des Bewusstseins zu tun haben, sondern einfach mit falschen Vorstellungen darüber, wie reduktive Erklärungen funktionieren.

Ja, an „verfehlten Erklärungsmodellen“ könnten viele der genannten Probleme wirklich liegen. Es geht also wieder einmal darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dazu war in der Philosophie oft genug Anlass und ist immer eine besondere Anstrengung nötig.

Was also ist der Mensch, dieses „zweibeinig federlos Geschöpf, plattnägelig, der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“? Spannende Frage. Wir werden dran bleiben müssen.

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1) siehe in Margaret Billerbeck (Hrg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, 1991, den Beitrag von C.W. Goettling, Diogenes der Kyniker, S. 43 (Google books)