Rätsel der Einfachheit

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Aug 282018
 

Im früheren Beitrag Einheit und Vielfalt wurde schon darauf hingewiesen, dass durch eine Theorienreduktion zwar eine Vereinheitlichung der Wissenschaft angestrebt wird, aber der Begriff Reduktion zugleich unscharf und problematisch ist. Erhard Scheibe hat in seinem Buch „Die Reduktion physikalischer Theorien. Ein Beitrag zur Einheit der Physik“ (1997) die vielleicht gründlichste Aufarbeitung des Begriffs Reduktion für den Bereich der Naturwissenschaften am Beispiel der Physik vorgelegt. Zunächst soll daher das Anliegen seines Buches dargestellt werden.

Einige „Rätsel“ der Natur zeigen eine bisher unverstandene Einfachheit, die offenbar der Einheit und Vielfalt der Natur zugrunde liegt. Wie aber kann der Zusammenhang von Einheit und Einfachheit gedacht werden und was verstehen wir eigentlich unter ‚Natur‘?

I.

In seiner Exposition des Problems stellt Erhard Scheibe das Problem der sogenannten „großen“ programmatischen Reduktionen zum Beispiel der Chemie oder der Biologie auf die Physik fest:

Wiederum würde aber eine Resümierung dieser Ergebnisse als einer Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie die Sachlage eher verschleiern als aufklären. Wie schon im Falle der Mechanisierung der Physik würde eine solche Zusammenfassung der mühsam errungenen molekular-biologischen Erfolge deren nun erreichten wissenschaftlichen Standard durch die Heranziehung von noch nicht hinreichend durchdachter reduktionistischer Begrifflichkeit wieder aufs Spiel setzen. Es ist viel zu unklar, welches bei derart unqualifizierten Reduktionsbehauptungen schon die Reduktionspartner sind, ganz zu schweigen, was unter der jeweiligen Reduktion selbst verstanden werden soll. Schon die generalisierende Analyse von Phänomenen – die Theoriebildung – ist eine Art Reduktion der Phänomene auf eine Theorie. Man kann Sprachen auf andere Sprachen reduzieren, Theorien auf andere Theorien, Gegenstände auf andere Gegenstände, aus denen sie bestehen, – all dies fließt unkontrolliert in die allgemeine Diskussion um diese Reduktionen ein und läßt kaum erkennen, worum es überhaupt gehen soll. [Scheibe, S. 2f.]

Darum möchte Scheibe „die grandiosen Perspektiven, wie sie durch eine Reduktion
der Chemie auf die Physik, der Biologie auf die Chemie oder gar der Psychologie
auf die Physik gegeben sind, zunächst einmal ganz auszuklammern.“ Deswegen beschränkt er sich auf den Bereich der Physik und darin auf eine präzise Durchführung einer „rationalen Rekonstruktion“ des Reduktionsbegriffs, ausgeführt also als „Theorienreduktion, … also Reduktionen, durch die Theorien auf andere Theorien reduziert werden.“ [S. 3]

In diesem inhaltlich auf die Physik eingeschränkten und methodisch rekonstruktionistisch eingestellten Rahmen ist das eigentlich Neue, das den Leser in diesem Buch erwartet, zum einen eine in der Literatur bisher nicht nachweisbare Theorie der Reduktion, also genauer eine Metatheorie der Reduktion physikalischer Theorien, und zum anderen eine besonders ausführliche Exemplifikation des Reduktionsproblems. [S. 3]

Das führt Scheibe zu einer Zweiteilung des Buches, wobei der zweite Teil den ausführlichen Beispielen gewidmet ist – mathematisch und physikalisch sehr anspruchsvoll. Nicht weniger anspruchsvoll ist der erste Teil, in dem er seinen Reduktionsbegriff entfaltet und immerhin mit einigen ausgeführten Beispielen erläutert. Für seine theoretische Rekonstruktion stellt er fest:

Ihre Neuheit besteht darin, daß der sonst übliche Versuch, in den Mittelpunkt einer solchen Theorie einen für alle Einzelfälle verbindlichen allgemeinen Begriff der Reduktion zu stellen, ersetzt wird durch die Auffindung unterschiedlicher, möglichst spezieller, nicht mehr echt zerlegbarer Reduktionsarten, durch deren Kombination  (Hintereinanderausführung) dann weitere Reduktionsarten gebildet werden. [S. 3]

Dieser „synthetische (oder: rekursive) Aufbau des Reduktionsbegriffs“ vermeidet einen vorgängigen Allgemeinbegriff von Reduktion, den es dann auf die Einzelfälle und Beispiele herunterzubrechen und abzuwandeln gelte. Sein mehr induktiver Ansatz führt Scheibe von vornherein zu einem mehrfach gegliederten und in sich differenzierten Begriff von Reduktion und verschiedenen Reduktionsarten. Das „Iterative“ zeigt sich darin, dass zur Beschreibung einer bestimmten Theorienreduktion verschiedene reduktive Schritte unterschiedlicher Arten nacheinander unternommen werden müssen, um den exakten Vorgang der Übersetzung einer Ausgangstheorie in ihre Zieltheorie auch mathematisch korrekt zu beschreiben. Es ist der mühsame Weg über das konkrete Einzelne, um der Genauigkeit einer gewissen Verallgemeinerung willen. „Im übrigen erfolgt der hier bevorzugte synthetische Aufbau des Reduktionsbegriffs unbeschadet der allgemeinen Leitidee, daß eine physikalische Theorie durch Reduktion im Prinzip entbehrlich oder überflüssig oder redundant gemacht wird durch eben die Theorie, auf die sie reduziert wird.“ [S. 4]

Zwei weitere Problembereiche werden benannt und in der Durchführung seiner Arbeit zumindest gestreift oder teilweise erfüllt. Zum einen geht es um den Nachweis, dass physikalische Reduktionen auch einem empirischen Fortschritt darstellen und sich dadurch bewähren müssen. Die Schwierigkeiten zu zeigen, dass eine Nachfolgetheorie „vollinhaltlich“ die frühere Theorie ersetzen sollte, haben bereits Feyerabend und Kuhn 1) unter dem Stichwort „semantischer Inkommensurabilität“ beschäftigt. – Zum anderen verweist Scheibe auf den „Typ einer ontologischen Reduktion“, wenn „die Gegenstände der reduzierten Theorie aus den Gegenständen der reduzierenden in irgend einem Sinne bestehen.“ [S.5] Klassischer Fall dafür ist die Tradition des Atomismus, die sich heute in dem Schichtenmodell der Elementarteilchen wiederfindet. Hier will Scheibe im Konkreten nachfragen und dabei auch prüfen, wieweit „andererseits anti-reduktionistische Vorstellungen von Ganzheit und Emergenz zu rechtfertigen sind“. [S. 5]

Die grundlegenden Reduktionsarten nach Scheibe sind die exakten und die approximativen Reduktionen 2). In zusammengesetzten Reduktionen, also dem Normalfall, kommt exakten Reduktionen (Punkt-zu-Punkt-Ersetzung durch Verallgemeinerungen oder Äquivalenzen 3)) eine besondere Bedeutung zu. Ein Reduktionsverfahren ist allerdings insgesamt approximativ, wenn auch nur auf einer Stufe eine approximative Reduktion vorkommt. Insgesamt decken die approximativen Reduktionen den größten Bereich ab. 4) Eine größere Bedeutung kommt in der Praxis der Physik aber einem Bereich zu, den Scheibe gar nicht mehr den eigentlichen Reduktionen und Erklärungen zurechnet, nämlich dem Bereich der „partiellen Reduktionen“. Hier hinein gehören die Grenzfall-Reduktionen (z.B. Newton-Mechanik als Grenzfall der Quantenmechanik) und all diejenigen Fälle, in denen nur teilweise Reduktionen (micro-reductions) möglich sind. „Es kommt hinzu – und hier geht es, wenn überhaupt, nur noch um eine Konzession an das menschliche Erkenntnisvermögen -, daß in der Entwicklung der Physik eine Theorie durch eine andere ersetzt und wirklich verbessert werden könnte, auch ohne daß sich erstere auf letztere total reduzieren läßt.“ [S. 8]

Ein schönes Beispiel für Scheibes Vorgehen ist sein Modell des geschlossenen bzw. offenen Reduktionsquadrates innerhalb des Gebietes der partiellen Reduktionen.

gschlossenes Reduktionsquadrat

Das geschlossene Reduktionsquadrat

Angenommen Σ und Σ‘ sind die Axiome je einer Theorie T bzw. T‘, und es ist Σ auf Σ‘ approximativ (und total) reduzierbar. Wenn nun eine Aussage β aus Σ und eventuellen Zusatzannahmen ableitbar ist, so wird man vermuten, daß es eine in demselben Sinne aus Σ‘ gewinnbare Aussage β‘ gibt, welche im Lichte der (totalen) Reduktion von Σ auf Σ‘ die Verbesserung von β in Σ‘ ist. Sofern β und β‘ ebenfalls als Axiome selbstständiger Theorien gelten können, wird nun auch β auf β‘ approximativ reduzierbar sein. Und insofern dies gilt, wird Σ auch partiell, nämlich eben durch die Reduktion von β auf β‘ reduziert sein. [S. 207]

 

offenes Reduktionsquadrat

Das offene Reduktionsquadrat der ,echten‘ partiellen Reduktionen

Hier fehlt also die Angabe einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘, und wir erfahren nur, daß ein ,Ergebnis‘ β von Σ auf ein ,Ergebnis‘ β‘ von Σ‘ (approximativ) reduzierbar ist – allerdings auch hier in der Weise, daß β‘ das ,Ergebnis‘ von Σ‘ ist, welches β in Σ entspricht und also zugleich die Verbesserung von β in Σ‘. In diesem Sinne wäre hier Σ auf Σ‘ also nur partiell reduziert, nämlich in Gestalt der Reduktion von β auf β‘ in ihrer Rolle innerhalb Σ bzw. Σ‘. Das Offenlassen einer direkten Reduktion von Σ auf Σ‘ kann den Grund haben, daß man keine kennt, möglicherweise auch den, daß es keine gibt. [S. 212]

Dies offene Reduktionsquadrat als Modell einer partiellen Reduktion führt Scheibe am Beispiel der Reduktion der klassischen Mechanik auf die Quantenmechanik durch. Uns genügt an dieser Stelle der bloße Hinweis. Mit diesem ‚Umweg-Modell‘ des offenen Reduktionsquadrates gelingt es Scheibe, die in der Physik häufig vorkommenden teilweisen oder nur näherungsweisen Reduktionen zu fassen. Es sind Erklärungen, die in der einen (alten) Theorie gegeben sind und besseren Erklärungen entsprechen, die zu einer neuen Theorie führen. In jedem Falle muss die Durchführung exakt erfolgen und mathematisch quasi Zeile für Zeile rekonstruiert werden können. Nur auf diesem Wege gelingt es Scheibe, einen präzise bestimmten Begriff von Reduktionen zu gewinnen – ein aufwendiges, aber lohnendes und überzeugendes Programm. Scheibe zeigt sehr detailliert, was der Reduktionsbegriff in der Physik tatsächlich leisten und was er nicht leisten kann: Er leistet eine fundierte Kombination, In-Beziehung-Setzung und ‚Rückführung‘ von einzelnen, grundlegenden Theorien aufeinander und erweitert, verbessert, verfeinert unser Verständnis physikalischer Gegebenheiten und Erklärungsmodelle. Er leistet dagegen nicht, uns eine einfache Super-Theorie an die Hand zu geben, mit der alles erklärt und verstanden werden kann.

II.

Zweifellos führen Reduktionen zu einer Vereinheitlichung und Vereinfachung naturwissenschaftlicher Theorien, auch wenn die Durchführung im Einzelnen zu mehr Komplexität führen mag (z.B. quantenmechanische versus klassisch mechanische Beschreibung). Zusammenhänge und reduktive Interdependenzen aufzuzeigen und zu belegen, ist schon für sich genommen ein Schritt hin auf eine vereinheitlichte Sichtweise natürlicher Gegebenheiten. Genau aus diesem Grunde übt der Physikalismus solch eine Faszination aus. Dennoch macht Scheibes Darstellung physikalischer Reduktionen klar, dass der Traum vieler Wissenschaftsphilosophen und Erkenntnistheoretiker von einer einfachen, begrifflich klaren Theoriebildung über die Wirklichkeit der Natur eben nur ein Traum ist. Jede neue allgemeine Theorie mag zwar auf der mathematischen Ebene der Beschreibung an Abstraktion und insofern an ‚Vereinfachung‘ gewinnen, auf der semantischen Ebene aber und erst recht auf der Ebene experimenteller Überprüfung wird sie komplexer, differenzierter und eben schwieriger sein. Etwas Ähnliches findet sich auch bei den rekursiven Algorithmen des Maschinen-Lernens („KI“), deren Ausführung von äußerster Komplexität ist, so dass sie kaum mehr wirklich nachvollzogen werden kann. Aber bleiben wir bei der Physik: Was bedeutet es, dass die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Vorgänge in der Natur (Physis) zunehmend komplexer und ambivalenter wird (zum Beispiel bei der Quantenthermodynamik; bei Verschränkung und Superposition), wohingegen die Natur doch als solche, also nicht wissenschaftlich analysiert, sondern alltäglich erlebt, ganz einfach ist?

Auch für den Physiker wird die Beschreibung der Natur dann ‚ganz einfach‘, sofern er sich auf die Gegebenheit von Naturkonstanten bezieht. Fundamental sind im Grunde wenige, wenn man die abgeleiteten Fassungen weiterer Konstanten außer Acht lässt, dazu gehören die Lichtgeschwindigkeit, das plancksche Wirkungsquantum, die Gravitationskonstante und die Feinstrukturkonstante. Diese Konstanten sind räumlich und zeitlich unveränderlich und liegen allen Vorgängen in Raum und Zeit zugrunde 5). Zusammen mit der Feinabstimmung (anthopic coincidence) ‚vereinfachen‘ sie die Sicht auf die Vorgänge in unserem Kosmos. Auch das anthropische Prinzip 6) kann zwar als eine erkenntnistheoretische Restriktion verstanden werden, macht aber die Erkenntnis dessen, was in der Natur ist, aus menschlicher Sicht (aus welcher auch sonst?) einfacher. Dennoch aber ist die nicht nur mathematische Abstraktion und Komplexität physikalischer Theorien unermesslich im Vergleich zur alltäglich erlebten und erfahrenen Wirklichkeit der Natur. Man könnte sich fast wundern, dass alles so einfach passiert, was Naturwissenschaftler so umfangreich und kompliziert beschreiben und zu erklären suchen.

Gerade die biologische Natur, die sich als wissenschaftlich äußerst komplex, immer wieder überraschend variationsreich und zum Teil noch unerklärlich erweist, existiert einfach so und hat sich ‚einfach so‘ entwickelt. Zur Bestimmung dessen, was Leben biologisch bedeutet, ist es nötig, von Zellen, Stoffwechsel, Fortpflanzung zu reden. Wir können zwar recht gut beschreiben, was eine Zelle ist und wie sie funktioniert, aber wie es zu dieser Trennung von einem Außen und einem Innen gekommen ist, wissen wir kaum. Man kann den Metabolismus als Etablierung eines Fließgleichgewichtes am entropischen Limit beschreiben (Josef Reichholf) und die Fähigkeit zur Fortpflanzung als evolutionäre Kraft der Veränderung unter den Bedingungen größter genetischer Variabilität und Funktionalität begreifen, – all das steht in keinem Vergleich zur herrlichen Einfachheit der Schlafens und Erwachens, des Essens und Trinkens und der sexuellen Erfüllung. Zum Menschsein gehört gewiss mehr als diese basalen biologischen Grundgegebenheiten, aber ohne sie ist auch alles weitere in der Entwicklung des Geistes und der Kultur nicht möglich. Menschliches Leben ist zunächst einmal von Geburt an das Einfachste, was es gibt – Man lebt, das Baby trinkt an der Brust – , auch wenn die Einbettung in soziale Gegebenheiten sogleich zu etwas Komplexeren gehört: arm oder reich geboren zu sein, krank oder gesund usw. Dass Natur ‚einfach so‘ funktioniert, weckt immer wieder Erstaunen und lässt uns von den „Wundern der Natur“ sprechen. Umgekehrt lässt es erschrecken, wenn durch menschliche Eingriffe scheinbar unbedeutender Art Naturprozesse nachhaltig verändert und uns bedrohlich werden können. Das gilt nicht nur für den Klimawandel. Im Blick auf die gesamte Geschichte der Evolution des Lebens, soweit wir sie überblicken, gilt jedoch zuerst dies: Wäre sie nicht einfach möglich gewesen, gäbe es Natur und Mensch nicht. Uns gibt es aber ganz einfach! Einfach ist hier deswegen das rechte Wort, weil etwas, das faktisch gegeben ist, einfach da ist. Wäre es schwierig oder unmöglich, gäbe es uns nicht oder sogar nichts.

Blumen

Bauerngarten (c) R. Gruhn

Die Einfachheit natürlicher Gegebenheiten von Sonne, Mond und Sternen, Blume, Tier und Mensch hat die Romantiker beflügelt. Das Ideal des „einfachen Lebens“ lässt sich von den Vorsokratikern über die Stoiker bis hin zu den Bio-Anhängern eines ’natürlichen ländlichen Lebens‘ verfolgen. Unsere eigene Erinnerung an die Kindheit mag da, wo sie heil und gut gewesen ist, eben auch die Erinnerung an ein einfaches, unbelastetes und unkompliziertes Leben sein. Dunkle Seiten werden zum Glück leichter vergessen, solange sie nicht traumatisch waren. Der Hinweis auf die Romantik oder auf bestimmte Ideale zeigt aber schon, dass die Wirklichkeit des erlebten Lebens meist gar nicht mehr einfach ist. Individualgeschichtliche Prägungen und soziale Zusammenhänge stellen uns in ein Leben voller komplizierter Verhältnisse und Herausforderungen. Das Einfache wird oft zum reinen Wunschtraum. Das ‚Einfach leben‘ ist überhaupt nicht einfach, wenn man es auf seine Ursachen, Zusammenhänge und naturgegebenen Bedingungen hin untersucht, wie es die Naturwissenschaften umfassend, gründlich und erkenntnisreich tun, und es ist ebensowenig einfach, wenn man es in seinen kulturellen und sozialen Zusammenhängen und Interaktionen betrachtet, immer wieder infrage gestellt von einer ungewissen Zukunft.

III.

In beiden Blickrichtungen erscheint das zunächst Einfache als sachlich komplex bzw. faktisch kompliziert. Die Natur selbst erweist sich bei näherer Betrachtung als äußerst ambivalent. Natur als das dem menschlichen Bereich der Gestaltung Gegenüber- und Entgegenstehende gibt es gar nicht (oder kaum) mehr. Alles, was wir als Natur bezeichnen, ist im Grunde schon kulturell geprägt oder irgendwie anthropoid infiziert. Das gibt dem Ausdruck „Anthropozän“ für unser Zeitalter einiges an Berechtigung. Nur Vulkanismus (und damit verbundene Beben) sowie der weitere extraplanetare Raum sind noch Natur im Sinne von: existieren unabhängig von menschlicher Beeinflussung. Abgesehen davon ist unsere vorfindliche Natur weitgehend Kultur-Natur. Selbst auf Abraumhalden und in Wüsten und an den Polen zeigt sich die Prägekraft des Menschen. Im Klimawandel scheint sich zum ersten Mal eine menschlich verursachte Veränderung global zu manifestieren und global zurückzuschlagen. Die Natur, die wir lieben und gerne aufsuchen, ist der Garten, der Park, der Wald (Forst), in dem es kleine Räume als „Urwald“ geben mag, und auch Präsident Putin präsentiert sich in der sibirischen Taiga nicht mehr im Raum unberührter Natur.

Gerade im Bereich der Forschungen zum Klimawandel zeigt sich die Komplexität der zu untersuchenden Phänomene und der Daten über lange Zeitreihen hin, die insgesamt nur mit Superrechnern simuliert und in Szenarien dargestellt werden können. Naturphänomene wissenschaftlich zu erforschen, bedeutet die Konfrontation mit dieser doppelten Komplexität: komplexe Grundlagen in der theoretischen Basis, komplexe Auswirkungen und Verknüpfungen in dem zu erhebenden Datenbestand. Hier stellt sich das Problem der natürlichen und kulturellen Komplexität in besonderer Weise, sofern für die notwendigen Computersimulationen sowohl hinsichtlich der Ausgangsdaten als auch hinsichtlich der Anwendung der Algorithmen Reduktionen und Eingrenzungen erfolgen müssen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Die Ergebnisse müssen dann erst aufgearbeitet, interpretiert und in einem bestimmten Rahmen dargestellt werden, um verstanden zu werden und an die Öffentlichkeit gelangen zu können. Eine ziemlich radikale Vereinfachung ist nötig, sollen die Forschungsergebnisse für den einzelnen Bürger fassbar und für sein Verhalten relevant erscheinen und für die Politiker instrumentalisierbar umgeformt und als Motivation zum Handeln eingesetzt werden. Wieviel Bohren dicker Bretter hierbei erforderlich ist, zeigt die öffentliche Diskussion fast täglich.

Unser Ausgang war die Frage nach dem Zusammenhang von Einfachheit und Vielfalt. Zugespitzt auf das Verhältnis von Einfachheit und Komplexität finden wir als Ergebnis, dass es im Grunde komplementäre Perspektiven sind. Wir leben in relativ ‚einfachen‘, will sagen überschaubaren Verhältnissen und Bezügen, weil wir das Leben sonst gar nicht bewältigen könnten. Die Frage nach Ursachen, Zusammenhängen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten führt sofort in ein Feld von äußerster Komplexität hinsichtlich der theoretischen Voraussetzungen und der faktischen Möglichkeiten. Dabei ist ein Rückbezug auf das Einfache, Vereinfachte unabdingbar, soll es zu Verständnis sowie Vernunft und Interessen abwägendem Verhalten kommen. Wenn ein Sachverhalt nicht einfach dargestellt werden kann, ist noch nicht verstanden; wenn eine Handlungsmöglichkeit nicht in einzelnen Schritten operationalisiert werden kann, wird es nie zur beabsichtigen Handlung kommen. Dieses Verhältnis von Einfachheit und Komplexität ist nicht neu und im Grunde auch nicht sonderlich interessant.

Anders sieht es aus, wenn nicht nach Komplexität, sondern nach Vielfalt gefragt wird. Das Vielfältige ist sowohl im Bereich der Theorien und Gründe als auch im Bereich der Ursachen und Praktiken zu finden. Wieviel ‚Einfältiges‘ das Vielfältige beinhaltet, wäre noch einmal eine weitere Frage. Hier reicht die Aussage, dass das Vielfältige das Eine und eben Vieles enthält und Vielfalt ebenso die Voraussetzung wie die Folge von Einheit ist. Leben ist nicht eindimensional, und erst Vielfalt der Lebensmöglichkeiten macht uns als Einzelne zu lebendigen und aktiven Personen. Ebenso ist unser Wissen vielfältig, und jede Wissenschaft lebt davon, viele unterschiedliche Ideen, Anstöße, Modelle, Theorien einzusetzen und zu überprüfen. Wird unser Wissen einfach im Sinne von einfältig, eindimensional, dann ist das Ergebnis Dogmatismus und Stillstand. Ist unser Leben einsam und einfältig, dann verkümmern wir, isolieren uns vielleicht stattdessen in einer Gruppe gleich Einfältiger zu einer Gemeinschaft der Verschworenen: gegen die anderen, gegen die Offenheit, Neuem zu begegnen und Vielfältiges zu lernen. Viele ultrarechte und identitäre 7) Denk- und Verhaltensweisen scheinen mir an dieser einseitigen Einfalt und Angst, an einer ideologischen Vereinsamung und Vereinfachung zu liegen. Dabei ist der Mensch schon in sich selber vielfältig, existiert er doch von Anfang an als soziales, auf andere hin sich orientierendes und erst darin sich selbst konstituierendes Lebewesen (vgl. Volker Gerhard). Darüber hinaus besteht persönliches Leben nur als Leben in fortwährender Veränderung, sowohl für sich selbst als auch in den eigenen sozialen Bezügen. Man lebt verschiedene Leben, sowohl in zeitlicher (diachron) als auch in rollenmäßiger (synchron) Verschiedenheit und Vielfalt. „Wer bin ich und wenn ja wie viele“ (Richard David Precht) hat das in seinem Buchtitel populär auf den Begriff gebracht. Vielfalt ist offenbar die Bedingung dafür, dass sich der Mensch als Person und soziales Subjekt konstituiert und weiterentwickelt. Die Einheit und Einfachheit gilt es immer neu zu gewinnen. Sie ist nicht ‚einfach‘ vorhanden. Vorhanden ist das Viele, die Vielfalt, manchmal auch das Durcheinander. Erst Orientierung im Leben und Ordnung im Wissen, gerade auch durch Reduktionen, bringt in der unübersehbaren Vielfalt der Wirklichkeit das Einfache zutage.

Reinhart Gruhn

 

Anmerkungen

  1. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 1976; Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1973 [zurück]
  2. „Reduktion wörtlich verstanden im Sinne von ,Zurückführung'“ Scheibe S. 38 [zurück]
  3. siehe Scheibe Kapitel IV [zurück]
  4. siehe Scheibe Kapitel V [zurück]
  5. siehe dazu die Diskussion über mögliche Veränderungen dieser Konstanten und über die sog. Feinabstimmung, zum Beispiel bei Wikipedia. [zurück]
  6. „Das anthropische Prinzip besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ Wikipedia [zurück]
  7. Die Bezeichnung „Identitäre“ deckt zwar je nach Ländern unterschiedliche politische Erscheinungen ab, hat aber generell den Selbstbezug des Einzelnen auf sich und das eigene ‚Volk‘ als unveränderbar zum Inhalt. Wikipedia [zurück]
Jun 022016
 

Wie kann der naturwissenschaftliche Wissensbegriff für die zukünftige Philosophie aufgebrochen und auf eine interkulturelle Philosophie des Geistes hin ausgeweitet werden? Skizzen philosophischer Fragen und Aufgaben.

Nach den aktuellen Fragestellungen und daraus erkennbaren Aufgaben heutiger Philosophie zu fragen, scheint ein kaum lösbares und vermessenes Unterfangen zu sein. Allein die Bestimmung dessen, was denn „Philosophie heute“ sei, führte in umfangreiche Erörterungen. Man kann unterscheiden zwischen dem, was in der allgemeinen Öffentlichkeit unter Philosophie verstanden und verhandelt wird, und dem, was die akademische Philosophie ihrem Selbstverständnis und den Themen ihrer Beschäftigung nach darstellt. Dies nicht nur in einem nationalen oder auf einen Sprachraum bezogenen Kontext zu tun, sondern im Hinblick auf eine internationale Leser- und Wissenschaftsgemeinde, bringt eine weitere Fülle von Material und Perspektiven mit sich. Die Sichtung verschiedener philosophischer Fachzeitungen und mehr feuilletonistischer Artikel und Zeitschriften lässt eine solche Vielfalt von Einzelthemen und Fragestellungen entdecken, dass es schier unmöglich erscheint, hier zu einem einigermaßen vollständigen oder wenigstens befriedigenden Überblick zu gelangen. Wie immer im Wissenschaftsbetrieb und noch stärker in der öffentlichen Diskussion sind aber Tendenzen und Strömungen zu erkennen, Fragestellungen, die gerade besonders häufig und wiederkehrend auftauchen. Befassen sich aktuelle Bücher, die man im weitesten Sinne philosophisch nennen könnte, mit Fragen des Glücks und nach dem Sinn des Lebens, so sind die Fachdisziplinen der wissenschaftlichen Philosophie seit einigen Jahrzehnten auf die Erkenntnisse in den Neuro- und Kognitionswissenschaften fokussiert. Kein Wunder, dass sich philosophisches Nachdenken hierdurch herausgefordert sieht, denn dies sind Bereiche, in denen sich derzeit vielleicht der größte Zuwachs an Erkenntnissen verbunden mit einem noch nicht abzuschätzenden Wandel des Welt- und Menschenbildes vollzieht.

Der Anspruch der hier angestellten Überlegungen ist sehr viel bescheidener (1). Ich möchte aus subjektiver Sicht und auf der Basis begrenzter Lektüre diejenigen Fragen stellen und daraus folgende Aufgaben beschreiben, die mir im Blick auf eine zukünftige (theoretische (2)) Philosophie wichtig erscheinen und die von einem allgemeinen Interesse geleitet sind. Die Auswahl ist knapp, wirkt vielleicht willkürlich und entbehrt jedes Anspruches auf Vollständigkeit. Ich nenne einfach einige Punkte.

1. Philosophy of Mind oder Philosophie des Geistes

Da ist zuerst und immer wieder die Philosophie des Geistes. Inwiefern ist sie auch (oder exklusiv)  ‚philosophy of mind‘, also eine Theorie mentaler Zustände und Wirkungen, also Bewusstseinsphilosophie, und was unterscheidet beides voneinander? Lässt sich ‚Geist‘ auf neuronale Prozesse reduzieren, oder allgemeiner, geht die Bedeutung des Begriffes ‚Geist‘ über das hinaus, was unter mentalen Zuständen (und ihren Korrelaten) verstanden werden kann? Ist das, was man bisher unter ‚Geist‘ verstand, funktional, computational, neuronal erschöpfend zu beschreiben und dahingehend aufzulösen? Was ist das überhaupt, was man ‚bisher‘ oder ’sonst‘ unter ‚Geist‘ versteht? Wenn der Begriff ‚Geist‘ noch mehr und anderes enthalten sollte als das, was in einem breiten Strom der analytischen Philosophie während der letzten Jahrzehnte ausgearbeitet worden ist, wie ist dieses ‚andere‘ konsistent bestimmbar, abgrenzbar, in seiner Relevanz beschreibbar? Wie kann das berechtigte Interesse, den ‚missing link‘ zu finden zwischen ‚Neuro‘ und ‚Nous‘, in eine fruchtbare Aufgabenstellung überführt werden? Korrelation, Supervenienz, Parallelismus usw., all das, was gerne mit Formulierungen wie „beruht auf“ und „ist verbunden mit“ umschrieben wird, ist zu wenig, bringt sicher noch nicht die gesuchten Antworten. Wie kann man aus einer möglichen naturalistisch-materialistischen Sackgasse heraus finden, ohne den Bezug zu den Natur- und Gesellschaftswissenschaften zu verlieren? Oder finden sich gerade von den Naturwissenschaften her neue Fragestellungen, die das bisher gültige, fast noch mechanistische Weltbild des Determinismus und der kausalen Geschlossenheit zumindest ergänzen, vielleicht revidieren könnten (3)? Vielleicht gehen ja die Vertreter eines „Neuen Realismus“ in diese Richtung weiter (siehe „Wir brauchen mehr Philosophie“ von Markus Gabriel).

2. Linguistik – Sprache – Öffentlichkeit

Seit dem ‚linguistic turn‘ in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist sehr intensiv über das Verhältnis von Sprache – Erkenntnis – Wirklichkeit geforscht worden mit einer Fülle unschätzbar wichtiger Ergebnisse. Soziolinguistik, Sprachphilosophie, Psycholinguistik usw. sind nur einige der fachlichen Verzweigungen, die daraus folgen und die sich auch philosophisch und soziologisch widerspiegeln. Im Laufe der Diskussion hat sich ein Schwerpunkt gebildet in der Sprachlogik bzw. der Logik der Sprache und der Logik des Mentalen überhaupt. Die Frage nach ‚Bedeutung‘, nach Extension, Intension, Referenz usw. hat sich fast zu einer eigenen Sphäre entwickelt, die bisweilen wie ein Glasperlenspiel anmuten kann. Jedenfalls haben Formalisierung, formale Logiken und Symbolsysteme ein Gegenüber bzw. eine Entsprechung gefunden in Computerwissenschaften und Informatik. Ist dabei vielleicht die soziale Dimension, die gesellschaftliche Einbettung und Verankerung von Sprache, Bewusstsein und Wirklichkeitsbezug aus dem Blick geraten? Die Resonanz auf die gründliche und spannende Ausarbeitung von Volker Gerhardt, ‚Öffentlichkeit‘ als die soziale Existenzweise des Bewusstseins und kommunikative, ‚politische‘ Seinsform des Geistes zu verstehen, ist bisher doch recht überschaubar geblieben. Wie kann die sprachliche Erfassung der Wirklichkeit so beschrieben werden, dass dabei die wirkliche Lebenswelt, also Zeit-, Orts- und Personbezug sprachlicher Kommunikation, als konstitutiv berücksichtigt wird? Anders gefragt, welche Wege könnte es aus einer sprach-logischen Engführung heraus geben, die zugleich Pfade zu einer interkulturellen Philosophie zeigen könnten? Sprache als kommunikative Form der Wahrnehmung könnte in einer philosophischen Ästhetik eine neue Darstellung finden, welche die Sicht der Kunst bzw. des Künstlers in die Beschreibung des Sprachvollzuges aufnimmt. Sprachphilosophie ohne Poesie, Dramatik, Emotion und Pragmatik ist eigentlich ein Unding.

3. Naturwissenschaft – Weltbild – Metaphysik: ’noëtic turn‘

Nach einer Phase der Dominanz des Materialismus und Physikalismus, meist gepaart mit einem methodischen Reduktionismus, kommen die ungelösten Fragen der Metaphysik wieder zum Vorschein: Worin besteht Erkenntnis? Was ist der Bereich des Wissens? Auf welchen Voraussetzungen beruhen unsere Wissenschaften? Was ist Sein? Wird Wissenschaft mit Naturwissenschaft gleich gesetzt, so ist bereits eine weitreichende Vorentscheidung über Gegenstandsbereich und Methodik getroffen. Eine ‚voraussetzungslose‘, pragmatische (Natur-)Wissenschaft ist sich bestenfalls nicht klar über ihre Voraussetzungen und schlimmstenfalls dogmatisch. Dies gilt umso mehr, wenn kausale Geschlossenheit im Sinne des Physikalismus als rational alternativlos behauptet wird. Wissenschaft sollte, und das wäre eine klare Aufgabe, ihre Voraussetzungen und Grundannahmen vorgängig klären bzw. klären lassen. Es ist dies die klassische Aufgabe der Metaphysik, heute der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie. Physikalische Rahmenbedingungen können durchaus den legitimen Bereich einer Wissenschaft bestimmen, die durch ein eigenes Weltbild heuristisch und prognostisch äußerst erfolgreich ist. Aber das Weltbild, das heißt die Summe der Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Methoden, darf nicht zur Weltanschauung werden. Hier gilt es wieder ein Stück wissenschaftliche Weite und Offenheit zurück zu gewinnen. Logische und mathematische Symbolsprachen können auch im Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sinnvolle Hilfsmittel sein. Ein Logizismus muss damit nicht verbunden werden. Die Aufgabe besteht darin, sich nicht von den technischen Errungenschaften als erfolgreichen Nachweis der Tauglichkeit des naturwissenschaftlichen Weltbildes blenden zu lassen, ganz abgesehen von den hohen ‚Nebenkosten‘ der technischen Weltbewältigung, – sondern neben Rationalität und Kausalität auch Kreativität und Spontaneität in den Begriff von Wissenschaft mit einzubeziehen und zum Beispiel die Formen der Kunst als die ‚andere‘ Weise des Wissens zu begreifen. Nach dem ‚linguistic turn‘ könnte man vor Aufgabe eines ’noëtic turn‘ sprechen: Wissenschaft, Philosophie und Metaphysik haben es nicht nur mit technischer oder logischer Ratio, sondern mit dem ‚Geist‘ zu tun, das heißt mit dem, was im Griechischen recht umfassend als nous bezeichnet wird: Geist – Vernunft – Erkenntnis – Wissen – Weisheit – Einheit, um das Feld der Begriffe zu skizzieren. In Zukunft sollte es darum gehen, den Fehler eines Dualismus zu vermeiden, der viele Jahrhunderte das philosophische Denken bestimmt – und belastet hat. Die ‚Einheit der Wissenschaft‘ ist ein hohes Gut, die ihren Grund hat in der einen Welt, die es als den Wirklichkeits- und Lebensbereich des Menschen zu entdecken und zu verstehen gilt. Darin sind unterschiedliche Seinsbereiche zu bestimmen, die zu differenzierten Ontologien führen können. Insofern besteht die weitere Aufgabe darin, einen solchen ’noëtic turn‘ nicht als Kehrtwende und Abkehr von der bisherigen z.B. analytischen Philosophie zu sehen, sondern als Ausweitung und Neubestimmung, die eine dogmatische Engführung, wie sie in der physikalistisch – materialistischen Weltanschauung und im szientifischen Wissenschaftsbegriff vorliegt, hinter sich lässt. Es gibt ja genügend „postmoderne“(4) phantasie- und verheißungsvolle Ansätze und Denkmodelle, die nur vom philosophischen  Rand in die Mitte gerückt werden müssen, – von denen aus man weiter denken kann.

Synagoge Berlin

Synagoge Berlin (c) Wikimedia

4. Wissenschaft und die Frage nach Gott

Der Berliner Philosoph Holm Tetens hat in einigen Aufsätzen und in seinem aufsehenerregenden Büchlein „Gott denken“ den Versuch unternommen, in heutiger Zeit (2015) eine „rationale Theologie“ im Rahmen der Philosophie zu skizzieren (siehe meine Rezension). Damit ist ein Thema angesprochen, das philosophisch als längst überwunden und neuzeitlich obsolet galt. Allerdings dürfte das religionsgeschichtliche bzw. religionssoziologische Phänomen einer „Rückkehr der Religion“ , einer „Rückkehr des Religiösen“ (Detlef Pollack) oder der „Wiederkehr der Götter“ (Friedrich Wilhelm Graf) auch philosophisch nicht unbeantwortet bleiben. Die Debatte dazu ist inzwischen uferlos, insbesondere im Zusammenhang der Diskussion über Religion und Fundamentalismus. Immerhin zeigt sich auf diese Weise, dass die neuzeitliche Religionskritik (Feuerbach – Nietzsche – Marx – Freud) und der gesellschaftliche Prozess der Säkularisierung wohl Kirchen, aber nicht Religion als solche wirklich getroffen hat. Es besteht darum aller Anlass, auch in der Philosophie das ‚religiöse Phänomen‘ anzugehen, und zwar nicht nur widerwillig und mit Fingerspitzen, sondern als eine offenbar vorhandene Lücke philosophischer Arbeit an der Erkenntnis des Menschen. Damit ist in jedem Falle die Religionsphilosophie und die philosophische Anthropologie gefordert, aber nicht nur diese. Die ‚Gottesfrage‘ als eine metaphysische Grundfrage kann ja nur solange berechtigterweise ausgeblendet werden, als Einigkeit darüber besteht, dass dafür im Wissenschaftsbegriff und im Wissenschaftsbetrieb kein Platz sein kann. Aber die Rückgewinnung eines erweiterten, nicht-naturalistischen und nicht-materialistischen Wissens- und Wissenschaftsbegriffs kann auch die Frage nach den Grenzen der Endlichkeit, nach dem Unendlichen, nach einem unendlichen Geist, aber auch auf der anderen Seite nach dem Nichts und dem schlechthin ‚Bösen‘ durchaus begründet stellen. Rückgewinnung kann niemals Rückkehr zu vormodernen Überzeugungen bedeuten, aber es kann, und darin besteht die Aufgabe, eine Erweiterung des Feldes der Wissenschaft und dann auch eine Neubestimmung des Wissensbegriffs erfolgen, die Erkenntnisse aus vor- und nicht-technischer Welt aufnehmen und sie im Kontext einer interkulturellen Philosophie des Geistes und des Menschen im Hinblick auf sein endliches Sein und unendliches Denken (Denken des Unendlichen, personal oder apersonal) auf dem Hintergrund des Nichts ausweiten und neu erarbeiten könnte (5). Hier werden Perspektiven sichtbar, die noch einmal von einer anderen Warte aus die naturwissenschaftlich-technische Engführung der Wissenschaft und mit ihr der wissenschaftlichen Philosophie aufsprengen und neu ausrichten können. Holm Tetens‘ Ansatz reicht dafür sicher nicht aus, es ist aber ein hilfreicher Anstoß.

5. Interkulturelle Philosophie der Zukunft

Eine solche interkulturell ausgerichtete Philosophie der Zukunft könnte auch den Graben zwischen Lebensweisheit, Lebenserfahrung und geschichtlich überliefertem Wissen auf der einen Seite und einer rationalistischen, logisch und empirisch-analytisch verfahrenden ’science‘ (Natur-Wissenschaft) schließen. Dieser Graben prägt das neuzeitliche Gebäude der Wissenschaft, die sich auf der anderen Seite zugute hält, die dualistische Zweiteilung der Wirklichkeit überwunden zu haben. So einfach war das offenbar nicht verlustfrei möglich. Die neue Aufgabe besteht genau darin, eine nach-neuzeitliche Philosophie zu entwerfen, die auch Religion und das Anliegen religiöser Erfahrung in ihren Wissensbegriff einbeziehen kann. Dies wird nur in kritischer Distanz von allen Fundamentalismen und Dogmatismen möglich sein, – aber Kritik des Dogmatismus ist der ‚modernen‘ Naturwissenschaft ja ebenfalls nicht fremd. Insofern geht es auch um eine neue Grenzbestimmung dessen, was Wissen wissen und was Wissenschaft erkennen und erklären kann. Ein Abschied von der Rationalität ist jedenfalls nicht damit gemeint, eher eine Thematisierung der Selbstbegrenzung. Hier hat eine künftige Philosophie einiges zu leisten, kann dabei auch einiges vom Wissen und von Vorstellungen anderer Kulturen ebenso wie von wissenschaftlichen Theologen zu lernen, insbesondere im Hinblick auf das (ontologisch) radikal Nichtige und Böse (6). Hybris ist auf keiner Seite angebracht. Es kann in jedem Falle spannend sein, manche philosophischen Traditionen und Themen durch das neuzeitlich-naturalistische Bad hindurch geläutert zu erleben, in ihrer Aktualität zu erkennen und für das Verstehen von Mensch und Welt in all seinen Facetten und Ambivalenzen neu zu gewinnen.

 

Anmerkungen

(1) Fast ein kleiner Lichtblick ist der Artikel von Julian Nida-Rümelin über das neue Buch von Willy Hochkeppel, Philosophische Traktate abseits des Geläufigen in der Süddeutschen Zeitung. [zurück]

(2) Ich beschränke mich in meinen Überlegungen auf den Bereich der sogenannten theoretischen Philosophie, lasse also den vielleicht größeren und wichtigeren Bereich der philosophischen Ethik außer Betracht. [zurück]

(3) vgl. zum Beispiel die sehr präzise Darstellung des quantenmechanischen Zufallsprinzips und des darin enthaltenen bias bei Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall, Nichtlokalität, Teleportation und weitere Seltsamkeiten der Quantenphysik, 2014 [zurück]

(4) Hierbei ist eben nicht nur an die philosophische ‚Opposition‘ eines Jacques Derrida oder Michel Foucault zu denken, sondern an die vielen Anregungen und Entwürfe der nicht nur angelsächsisch bestimmten Philosophie (siehe zum Beispiel Michael Hampe). [zurück]

(5) Es sei auf das sehr informative Buch eines US-Wissenschaftsjournalisten zu diesem Thema verwiesen: Jim Holt, Gibt es Alles oder Nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte, 2012 / 2014. Holt gelingt es vorbildlich, philosophische und naturwissenschaftliche Meinungen ins Gespräch zu bringen. [zurück]

(6) Es geht um die säkularisierte Form des Theodizeeproblems. Nicht: Wie kann Gott das Böse zulassen?, sondern: Wie kommt das radikal Böse, Vernichtende in die Welt? Dies ist zuerst eine ontologische und sodann eine ethische Frage. [zurück]

Der Anfang der Naturwissenschaft

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Jun 092014
 

Über Wirklichkeit, Weltanschauung und andere Möglichkeiten

[Philosophie]

Naturwissenschaft ist Wissenschaft schlechthin. So stellt es sich für uns heute dar. Im Englischen wird dieser Anspruch durch den exklusiven Begriff „science“ ausgedrückt. Dem entspricht das weithin geteilte Selbstverständnis, der Mensch habe mit der Naturwissenschaft ein zuverlässiges, allgemein gültiges Instrument zur Erfassung, Beschreibung und Erklärung der Wirklichkeit gewonnen. Was immer „wirklich“ zu sein beansprucht, muss sich am naturwissenschaftlichen Anspruch messen lassen. Gelingt dies, kann es als Tatsache anerkannt werden.

Die klassischen Werkzeuge der Naturwissenschaft sind Theorie und Experiment. Die Theorie muss in einer exakten Sprache verfasst sein, die allgemein gültig, d.h. regelgeleitet und für jedermann rational nachprüfbar ist. Diese Sprache ist die Mathematik. Im Experiment werden postulierte Zusammenhänge oder Wirkungen in einer bestimmten, genau dokumentierten Versuchsanordnung verifiziert. Auch hier gilt das Prinzip der Allgemeingültigkeit, dass unter den gegebenen Ausgangsbedingungen dieselben Ergebnisse an jedem Ort zu jeder Zeit erzielt werden können. Ein Verhalten von Dingen, das nicht im Labor nachgestellt werden kann, muss durch genaue Beobachtung beschrieben werden. Für das Beobachtungsverfahren wird wiederum strikte Rationalität und Nachvollziehbarkeit verlangt..

testing tube, flickr

testing tube – photo by wader on Flickr

Diese wenigen Regeln klingen sehr einfach. Sie sind nicht zuletzt deswegen so überzeugend, weil durch sie eine überwältigende Menge an wissenschaftlichen Ergebnissen und Befunden zu Tage gefördert wurde. Auf diese Weise hat die Naturwissenschaft sehr erfolgreich den Rahmen (die Norm) dafür gesetzt, dass unser Wissen über die Natur und also über die Wirklichkeit exponential gestiegen ist und weiterhin steigt. Dieser unglaubliche Erfolg lässt jede Kritik an diesem Wissensmodell als naiv, vorwissenschaftlich, irrational und darum letztlich als dumm erscheinen. Andererseits ist gerade der universelle Totalitätsanspruch der modernen Naturwissenschaft verdächtig. Menschliches Wissen ist begrenzt und irrtumsfähig. Der Verdacht der Ideologie und des Dogmatismus liegt durchaus nicht fern. Aber rational nachvollziehbar und allgemein verständlich muss auch eine solche Kritik formuliert sein.

Auch wenn die moderne Wissenschaft ihren Anspruch und ihre Gültigkeit gemäß natürlicher Vernunft als selbstverständlich setzt, so hat sie doch auch ihre eigene Geschichte. Wissenschaft = Naturwissenschaft, das war nicht immer so. Es ist eine „Erfindung“ der Neuzeit. Zwar wird oft auf die Vorläufer in der frühen griechischen Naturphilosophie verwiesen wie auch auf die genauen astronomischen Kenntnisse der Babylonier und – sehr viel später – der arabisch-persischen Wissenschaftler. Doch das waren methodisch ganz andere Herangehensweisen, die meist sehr konkrete lebensweltliche Anlässe hatten (Bewässerung, Steuern, Kalender, Schifffahrt) und von einer allgemeinen Theorie weit entfernt waren. Dies gilt sogar noch für das mittelalterliche Wissen im christlich-katholischen Kulturraum. Man wusste durch Aristoteles vieles über die Natur, ohne allgemein gültige Regeln des Wissenserwerbs zu formulieren und daraus eine umfassende Theorie abzuleiten, das ein neues „Paradigma“ (Kuhn), ein neues Weltbild bedeutet hätte.

Das änderte sich offenkundig erst mit Galileo Galilei (†1642). Trotz des Inquisitionsverfahrens, eigentlich gerade durch die Art und Argumente in diesem Verfahren zeigte sich, dass die Zeit für eine neue Sicht der Naturdinge reif war. Kopernikus` ideales Bild heliozentrischer Kreisbahnen war mehr durch eine metaphysische Sicht der Welt als durch genaue Beobachtung begründet. Seine Berechnungen galten so lange als willkommen, als sie eine bessere Berechnung des kirchlichen Kalenders ermöglichten – und das war keineswegs immer der Fall. Sein Weltbild mit der Sonne in der Mitte galt nicht als Ketzerei, sondern schlicht als Unsinn. Im Übrigen war Kopernikus ein äußerst frommer, von himmlischen Harmonien träumender Theologe. Erst mit Tycho Brahe und vor allem durch Johannes Kepler wurden die Beobachtungen genauer und die Berechnungen (Ellipse statt Kreis) exakter. Auch diese beiden früh-modernen „Naturwissenschaftler“ waren noch weit entfernt davon, ihre Sicht der Astronomie zu einem Weltbild auszubauen. Kepler war ein überzeugte Anhänger der hermetischen Weisheit und der religiösen Lehren der Pythagoräer. Aus heutiger Sicht war sein Weltbild alles andere als „naturwissenschaftlich“. Das gilt übrigens auch noch für Isaac Newton, der lebenslang der Alchemie und der Zahlenmystik  anhing.

Bei Galilei aber kündigt sich offen etwas Neues an. Das kommt in einem berühmten Zitat zum Ausdruck:

„Die Philosophie steht in diesem großen Buch geschrieben, dem Universum, das unserem Blick ständig offen liegt. Aber das Buch ist nicht zu verstehen, wenn man nicht zuvor die Sprache erlernt und sich mit den Buchstaben vertraut gemacht hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in der Sprache der Mathematik geschrieben, und deren Buchstaben sind Kreise, Dreiecke und andere geometrische Figuren, ohne die es dem Menschen unmöglich ist, ein einziges Wort davon zu verstehen; ohne diese irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“ (aus: Il Saggiatore, zit. nach Wikipedia)

Die Mathematik als die einzig mögliche Sprache, die Wirklichkeit der Natur zu „entziffern“, also sie zu verstehen und zu beschreiben, das war keine Nebenbemerkung, das war ein rationelles Programm. Und ein Zweites leistete Galilei: Neben die Mathematik zur Beschreibung natürlicher Gegebenheiten stellte er das Experiment, durch das sich Naturgesetze formulieren und beweisen ließen (siehe Galileis schiefe Ebene und die Analyse der Fallgesetze). Damit waren die Grundprinzipien der modernen Wissenschaft ausgesprochen. Auch Galilei blieb ein frommer Mann, wollte er doch, wie er im Prozess ausdrückte, die heilige Kirche nur von einem Irrtum bewahren, der sich verhängnisvoll auswirken könnte. Allerdings prallten zwischen Galilei und seinem Gegner, dem Kardinal Bellarmin, zwei grundlegend verschiedene „Weltanschauungen“ aufeinander. Für Bellarmin stand die Wahrheit der Kirche und die Freiheit Gottes über allem. Ihn überzeugte zudem nicht, welchen Vorteil eine einfachere Berechnung haben sollte, wenn doch eine kompliziertere (die „Schleifen“ der Planeten) auch zu guten Ergebnissen führte. Im Übrigen war auch für Bellarmin alles solange denkmöglich, wie es als bloße Hypothese galt. Noch deutlicher trat der Unterschied im „Dialog über die zwei Weltsysteme“ hervor, in dem Galilei es nur noch als Narretei („Simplicio“) darstellen kann, wenn man bestreitet, dass Experimente eine Theorie bewahrheiten. Genau diese Meinung vertrat Papst Urban VIII: Gott könne jeden Effekt auf alle möglichen anderen Weisen hervorbringen als nur in einem beliebigen Experiment. Die klare Stellungnahme Galileis in dieser Frage (experimenteller Beweis der Wahrheit, nicht mehr nur Hypothese über die Wirklichkeit) machte ihn zum ersten öffentlichen Vertreter der neuen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Die Welt sollte beobachtet, gemessen und berechnet werden, nicht mehr von religiösen oder metaphysischen Einsichten überformt sein.

Im gleichen Zeitraum trat Galilei ein ganz anderer Philosoph zur Seite, der auf seine Weise einem neuen Weltbild Raum schuf: René Descartes. Durch seine strikte Trennung des Geistes (res cogitans) von allen anderen räumlichen Dingen (res extensa) stellte er die gesamte „ausgedehnte“ natürliche Welt der Dinge und Tatsachen dem forschenden und Erkenntnis suchenden Geist als Objekt zur Verfügung. Erst seit Descartes gibt es eine vom Subjekt getrennte Sachlichkeit, die sich zur allumfassenden Wirklichkeit aufschwingt. Das weite Feld der neu formulierten Wissenschaft ist Brachland, das es aufzubrechen und zu nutzen galt. Kein Wunder also, dass einer neuen Weltsicht eine neue Ökonomie entsprach – und umgekehrt. In der Folgezeit verbreiterten die englischen Empiristen (John Locke, David Hume) die Basis der neuen, nun allein als Wissenschaft geltenden Entdeckung der Wirklichkeit. Die Rationalisten, insbesondere in ihrer kritischen Gestalt (Immanuel Kant), brachten den Verstand als ein dem Menschen gemäßes, zur bedingungslosen Verfügung stehendes und alles bestimmendes Werkzeug zur Geltung. Selbst Raum und Zeit waren nun nicht mehr der metaphysische Rahmen alles Seins, sondern selber als „reine Formen der Anschauung“ Produkt und Grundlage der menschlichen Vernunft in einem. Der Mensch als rationales Subjekt konnte sich nun der Welt als Begriff und als Wert (Ware) bemächtigen. Denn die Wissenschaft selber begründet und definiert, was wirklich und wertvoll ist: das, was berechnet, gemessen und als Tatsache fest gestellt werden kann.

Noch stand der naturwissenschaftlich erfassten Welt der forschende Geist gegenüber. Was aber würde geschehen, wenn der menschliche Geist selber zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Forschung würde? Nun, das war abzusehen, und es geschah und geschieht in der Hirn- und Bewusstseinsforschung nichts anderes, als was in aller wissenschaftlichen Forschung geschieht. Jetzt wird die menschliche Subjektivität selber zum Objekt des mathematischen Kalküls und der physiologischen und psychologischen Analyse, der Daten und der Algorithmen. Man könnte sich fragen oder auch vermuten, dass diese Wendung eine Veränderung der bisherigen wissenschaftlich Weltanschauung einleiten könnte. Wir werden das hier nicht weiter verfolgen, aber es bleibt auf dem Schirm: man wird sehen.

Denn eines dürfte klar sein: Das gegenwärtig herrschende naturwissenschaftliche Denk- und Weltmodell beruht auf Voraussetzungen, die geprüft werden müssen, und zwar umso genauer, je umfassender der Anspruch der Wissenschaft auf ein allein zuverlässiges und darum zulässiges Weltverständnisses erhoben wird. Die Voraussetzungen sind weder selbstverständlich noch unmittelbar gegeben oder trivial. Es sind sehr bedeutende und weitreichende Voraussetzungen, deren Gültigkeit oder auch nur Praktikabilität sich ständig neu bewähren muss, sollen sie sich nicht in Dogmatismus verwandeln. Darüber hinaus stehen uns nun, nach einigen Jahrhunderten „Wissenschaft und Technik“ eine Menge Erfahrungen zur Verfügung, welche die Begründer dieses Weltbildes noch nicht hatten, nicht haben konnten. In wenigen Jahrzehnten (rund zwei Dutzend) hat die Menschheit, ausgestattet mit dem neuen Modell des Wissens, mit der Macht der Technik und dem Schmiermittel des Geldes, den Planeten Erde und die darauf und davon lebenden Gesellschaften mehr umgestaltet und beeinflusst als alle menschlichen Generationen vorher. Wir müssen also sowohl auf die Voraussetzungen als auch auf die Auswirkungen schauen, die die wissenschaftliche Welterklärung und die darauf fußende technische Weltgestaltung bewirkt haben. Dann darf man nach genauer Prüfung, auch Selbstprüfung, mit Berechtigung fragen: Ist es gut so? Haben wir das so gewollt? Wer sind die Nutznießer, wer die Verlierer? Wollen wir dies Modell unverändert beibehalten?

So wird Erkenntnistheorie im Handumdrehen zur Ethik.

Jul 162013
 

In einigen Blog-Beiträgen haben ich empfehlend auf das Buch „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger hin gewiesen. Es ist äußerst anregend zu lesen und enthält eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde und analytisch-philosophischer Überlegungen. Sein Phänomenales Selbst-Modell (PSM) ist eine hoch interessante Theorie einer Bewusstseinsphilosophie. Die in diesem Buch populärwissenschaftlich aufbereiteten Arbeiten Metzingers (ausführlich in „Being No One. The Self-Model Theory of Sujectivity, 2003) lohnen die geistige Auseinandersetzung mit dieser Theorie. Vieles klingt sehr überzeugend, ja faszinierend. Aber es ist bisher eine bloße Theorie, ein Denkmodell, das der neurologischen Begründung noch weitgehend entbehrt. Metzinger merkt bisweilen an, hierzu würden sich „gewiss“ bald die empirischen Nachweise finden lassen. Auf einige Phänomene und empirischen Befunde kann er verweisen (Out of Body Experience, Wachtraum), die aber doch eher randständig und vielleicht sogar pathologisch sind. Ob sie sich zur Verallgemeinerung eignen, sei dahin gestellt.

Grundsätzlicher ist die Kritik eines recht unbekümmerten Dogmatismus. Sein Modell wird unter der Hand zur gegebenen Faktizität, seine Theorie zur gewissen Beschreibung der Wirklichkeit, sogar zur einzig wahren und zutreffenden. Denn nur so lassen sich die letzten Kapitel erklären, in denen Metzinger eine recht eigenwillige Ethik des Mentalen, eine Bewusstseinsethik, skizziert. Er fordert eine Art „mentaler Hygiene“ und als Mittel dazu „flächendeckenden Meditationsunterricht“. Die Freigabe bewusstseineserweiternder Drogen und Praktiken gehört ebenso zu seinem Forderungskatalog wie die Kontrolle und Bekämpfung eines aus seiner Sicht überholten, falschen und darum gefährlichen Selbstverständnisses, wie es die Religionen auf „obskure“ Weise und oft gewalttätig anbieten. Hier berühren sich Metzingers Ansichten eng mit dem militanten Atheismus eines Richard Dawkins. Auch bei Metzinger ist die Selbstgewissheit bezüglicher der eigenen Theoriemodelle und die Selbstverliebtheit in die eigene ‘Wahrheit’ zum bestimmenden Interesse geworden. Was er aus vermeintlicher Sorge um die ethische Verantwortung der Neuro-Anthropologie fordert, läuft letztlich auf die Abschaffung einer philosophischen Anthropologie hinaus zugunsten einer neurotechnischen Bewusstseinsmanipulation.

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Man mag bei manchen seiner Ausführungen den Kopf schütteln, aber man sollte sie ernst nehmen. So wie Metzinger es offen ausformuliert, denken offenbar manche, wenn nicht viele der Neuro- und Kognitionswissenschaftler sowie derjenigen Philosophen, die sich der analytischen Philosophie als Weltanschauung verschrieben haben. Wenn eine Methode der Theoriebildung ihre Vorläufigkeit vergisst und sich zum umfassenden, einzig gültigen Weltbild erhebt, dann ist das klassischer Dogmatismus. Die eigenen Voraussetzungen und Beschränktheiten werden nicht mehr reflektiert. Gegner der neuropsychologischen Theoriebildung und ihrer analytisch-philosophischen Weiterführung sind dann entweder dumm oder borniert, weil alten „falschen“ Vorstellungen vom Menschen verhaftet. Diese Strategie der Selbstimmunisierung gegenüber grundsätzlicher Kritik ist ein deutliches Zeichen des Dogmatismus: Neurowissenschaft als Ideologie. Leider ist Thomas Metzinger hierfür ein typisches Beispiel. Seine Theorien sind Denkmodelle und als solche interessant und hilfreich. Wie weit sie bei kritischer Sichtung und Diskussion Bestand haben können, muss sich erst noch zeigen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Selbstverständnis der heute herrschenden Naturwissenschaft, wenn sie sich auf einen grundsätzlichen und unanfechtbaren Physikalismus (in unterschiedlichen Schattierungen, gute Übersicht bei Patrick Spaet) als Weltbild stützt. Denn es ist klar, der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit und der Reduzierbarkeit aller Weltphänomene auf die physische Basis lässt nur dieses eine und kein anderes Weltbild neben sich zu. Der Physikalismus oder, wie er auch genannt wird, der physikalische Naturalismus, beschreibt die Weltwirklichkeit mit all ihren Elementen, Strukturen, Relationen in einem mathematischen Modell. Die Ergebnisse und daraus abgeleiteten technischen Umsetzungen sind beeindruckend. Aber es bleibt ein Denkmodell: „Nach dieser Auffassung ist eine wissenschaftliche Theorie ein mathematisches Modell, das unsere Beobachtungen beschreibt und kodifiziert.“ Und weiter: „Aus positivistischer Sicht lässt sich jedoch nicht bestimmen, was real ist. Wir können lediglich nach den mathematischen Modellen suchen, die das Universum beschreiben, in dem wir leben.“ (Stephen Hawking, zit. nach P. Spaet) Denkmodelle aber sind per se beschränkt und vorläufig. Sie sind nur innerhalb ihrer Grenzen aussagekräftig und erkenntnisleitend. Hypostasiere ich den Physikalismus zur allein möglichen „wahren“ Theorie, dann habe ich keine wissenschaftliche Theorie mehr, sondern eine dogmatische Weltanschauung. Viele Naturwissenschaftler scheinen sich das heute nicht mehr mehr bewusst zu machen. Wie Hawking und andere zeigen, gibt es aber durchaus heraus ragende Naturwissenschaftler, die auf die Grenzen der eigenen Theoriebildung hinweisen. Es wäre gut, wenn dies auch unter den Neurowissenschaften, insbesondere auch der sich ihnen andienenden analytischen Philosophie des Geistes bewusst bliebe und beachtet würde.

Denn es gibt genug Argumente, welche die Grenzen, Unstimmigkeiten und Unvollständigkeit des Physikalismus zeigen. Das am meisten verbreitete Denkmodell eines reduktiven Realismus krankt an dem bleibenden Dilemma, etwas Nicht-Physikalisches aus dem Rein-Physikalischen herleiten zu wollen, sei es in Form emergenten Verhaltens oder in der Relation der Supervenienz. Die vielstimmige und durchaus widersprüchliche Diskussion der letzten Jahrzehnte allein um diese Begriffe (Emergenz, Supervenienz) zeigt, wie unzureichend und im Grunde unbefriedigend diese „Lösung“ ist.

Oft wird darauf hingewiesen, das neue physikalische Weltbild und die nun erfolgende neuro-anthropologische Zuspitzung sei so etwas wie die Kopernikanische Wende dieses Jahrtausends. Das mag sein. Doch man beachte, dass auch das Weltbild des Kopernikus (in dem zum Beispiel Religion einen sicheren Platz hatte, Kopernikus war ein äußerst frommer Mensch) eigentlich „nur“ ein Wechsel der Perspektive war. Denn das geozentrische Weltbild entsprach und entspricht bis heute der alltäglichen Erfahrung: Wir sprechen nach wie vor von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und lesen die Zeiten im Kalender. Erst der Wechsel des Standpunktes zum Fixsternhimmel zeigt, dass unsere planetarische Welt heliozentrisch ist. Alltäglich und geozentrisch gesehen bleibt der Sonnenaufgang und das Wandern der Sonne über den Himmel von Ost nach West also „richtig“. Nicht diese Perspektive war falsch, sondern die Dogmatisierung zum einzig möglich und anerkannten Standpunkt aller Wissenschaft. Erst ein Standpunkt außerhalb vermittelte das neue Wissen und die neue Weltsicht, das Weltbild der Kopernikanischen Wende.

Es ist zu wünschen, dass die Naturwissenschaft heute nicht erneut dem Dogmatismus verfällt und ihren physikalisch-kausalen Standpunkt zum allein möglichen und gültigen erklärt. Die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist reicher und vielfältiger als die mathematische Abstraktion des naturwissenschaftlichen Denkens. Diese ist wichtig und hat uns ungeheure Fortschritte der Erkenntnis beschert. Aber der Physikalismus der Naturwissenschaft ist nicht der einzig mögliche Standpunkt für menschliche Erkenntnis. Er ist schon gar nicht das einzige Vorbild einer bedeutungsvollen Philosophie. Es ist schon erstaunlich, darauf besonders hinweisen zu müssen.