Aug 062013
 

In einer Diskussionsrunde über Emergenz (Begriff, Geschichte), ergab sich ein kurzer Wortwechsel: „Gibt es Emergenz?“ – „Kommt darauf an, wie man sie definiert.“ – „Ist eine Welt ohne Emergenz nicht arm?“ – „Das ist eine Frage des Weltbildes.“ – „Die Frage ist doch, was wahr ist.“ – „Wahrheit, welche Wahrheit, wessen Wahrheit, inwiefern Wahrheit?“

Offenbar ist die Frage nach der Wahrheit ‚einfach so‘ dumm gestellt. Zu unscharf, unklar, nebulös. Schaut man bei Wikipedia nach, so findet man dort einen langen Artikel über den Begriff Wahrheit in den verschiedenen Disziplinen: Alltagssprache, Philosophie, Religion, Recht, Literatur usw. Für die Philosophie ist die Wahrheitsfrage zwar ein zentrales Problem, aber die Philosophie ist eben nur ein Gegenstandsbereich unter vielen, die sich mit der Frage nach der Wahrheit beschäftigen. Philosophisch gesehen stößt man auf ganz unterschiedliche Definitionen und Richtungen: geschichtlich, logisch, sprachanalytisch, pragmatisch usw. Also kein Wunder, dass der Hinweis darauf, was denn wahr ist, als unklar, unscharf oder gar spekulativ zunächst einmal abgewiesen wird.

Plato - Aristoteles - Avicenna (Wikimedia)

Plato – Aristoteles – Avicenna (Wikimedia)

Mit der berühmten Pilatusfrage „Was ist Wahrheit“ holt man sich nicht nur den ganzen Ballast der Philosophiegeschichte ins Boot, sondern stößt auch in ein Wespennest gegenwärtiger Auseinandersetzungen. Allerdings machen diese einen erstaunlichen Bogen um diese ‚einfache‘ Frage als solche, im allgemeinen. Nur mit langen Fingern einer definitorischen Eingrenzung zum Beispiel durch die Begriffe Plausibilität, Kohärenz, Performanz, Korrespondenz, Äquivalenz u. ä. vermag man die Wahrheitsfrage anzugehen, mit aller gebotenen Vorsicht, um klar zu bleiben und nicht metaphysischer ‚Spekulation‘ zu verfallen. Das liegt zum einen daran, dass auch der benachbarte Begriff Wirklichkeit (was ist wahr, was ist wirklich?) ähnliche Probleme macht. Scheinbar klar entpuppt er sich, gerade weil er so allumfassend ist, als schwer hantierbar und definierbar. Da ist es schon einfacher, wenigstens fest zu stellen, was denn Dinge, Gegenstände und Tatsachen sind. Ludwig Wittgenstein ist gewiss der bedeutendste und einflussreichste Philosoph der jüngeren Vergangenheit, der hier für begriffliche Klarheit und Distinktheit sorgen wollte: „1. Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.“ Wegen dieser schönen Klarheit ist sein Tractatus logico-philosophicus (1921) weltberühmt geworden.

Das enthebt uns aber keineswegs der Frage, wie wir es denn selbst heute mit der Wahrheit und der Wirklichkeit halten. Wie stellt sich uns die Welt spät-analytisch, post-strukturalistisch, post-modern, un-systemtheoretisch in Gedanken dar? Haben wir uns mit all den geistesgeschichtlichen, sozialphilosophischen, analytischen, physikalistischen, systemtheoretischen, kontruktivistischen, chaotischen Richtungen vielleicht in Abgründen und Schluchten verirrt, die zwar zu immer weiterer Erkundung und Ausdifferenzierung Gelegenheit bieten, aber nicht mehr zu einem wirklichen Fortschritt geschweige denn Überblick führen? Bei allem Einverständnis vieler Philosophen darin, dass die Zeit der traditionellen Metaphysik endgültig vorbei sei, verästeln sich die Erörterungen philosophischer Themen oft genug in einer Weise, dass die alten Scholastiker demgegenüber geradezu spannend und locker wirken. Vielfach sieht es aus wie ein (universitäres) Glasperlenspiel, das seinen Sinn nur noch in sich selber findet.

Man könnte schlicht vermuten: Vieles, was bisher wichtige / richtige Lösungen versprach, hat sich als trügerisch erwiesen und nur neue Probleme bzw. Problemverlagerungen zuwege gebracht. Es ist nicht nur ein Gefühl, das ein distanzierter Beobachter formulieren könnte, sondern dieser Eindruck ergibt sich aus der Lage der Philosophie selbst: Ihren gegenwärtigen Zustand zu beschreiben ergibt nicht nur ein buntes, sondern eben auch ein sehr widersprüchliches Bild. Was die einen als gesichertes Ergebnis fest halten („Physikalismus, was denn sonst?“), ist für die anderen nahe am Dogmatismus; ist für die einen die Systemtheorie (bzw. eine ihrer Spielarten) der Universalschlüssel, so suchen andere ihr Heil im radikalen Konstruktivismus. Da bietet dann für manche allenfalls Jaques Derrida einen dekonstruktivistischen Ausweg an. Aber kann es das schon sein.?

Der junge Bonner Philosoph Markus Gabriel wagt einen Neuansatz des Philosophierens. „Neuen Realismus“ nennt er es. Seine Schrift „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013) findet nicht nur rasche und breite Aufnahme, sie lockt auch zum erfrischend direkten Mitdenken, Neu-Denken, Neuanfang. (Ein andermal mehr dazu.) Hier soll sie als Beispiel dafür dienen, dass sich die bisherigen Linien und Zuspitzungen philosophischer Arbeit in weiten Teilen der heutigen Philosophie erschöpft haben. Philosophie ist entweder zum reinen Spezialistentum geworden – l’art pour l’art –, oder eben zum festgefahrenen Weltbild geronnen, das keine Alternativen zum eigenen Theorieansatz und Denkgebäude mehr zulässt. Ein Neubeginn jenseits der Strömungen, Richtungen, Schulen der vergangenen 60 Jahre täte wirklich gut. Frischer Wind des Denkens kann manche Gespenster der bornierten Alternativlosigkeit, der philosophischen Orthodoxie und der selbst gewissen -Ismen vertreiben und Philosophie neu beleben.

Genau dazu gehört auch die philosophische Frage nach der Wahrheit, nach der Wirklichkeit, nach der Welt und unserer Erkenntnis: Alte Fragen neu stellen und neue Antworten suchen; Wege mit Denkern gehen, die hierzu Anstöße geben; alte Voraussetzungen verlassen; selbständig denken und andere Lösungen finden. Die Chancen stehen heute gut. Es wird wieder spannend in der Philosophie.