Aug 152016
 

Ziele werden nicht zufällig erreicht. Das Finale könnte es als notwendig erweisen, das Mögliche anders zu denken. – 

I.

Das Mögliche einmal anders gedacht? Mal sehen. In der physikalischen Welt scheint es recht einfach zu sein. Ereignisse haben Ursachen. Kräfte, Felder, Massen, was auch immer, wechselwirken und verursachen neue Ereignisse und Zustände. Die Gegenwart ist mit der Vergangenheit und mit der Zukunft fest verknüpft durch die Kausalketten. Das Eintreten mancher Ereignisse oder Zustände kann zwar nur mit Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, das ist aber nur eine andere Form des Determinismus. Die physikalische Welt ist demnach kausal geschlossen und deterministisch.

Für die Kosmologie bedeutet das: Aufgrund vorhandener Daten kann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Ursprung und das Zustandsbild des Kosmos zu einem x-beliebigen früheren Zeitpunkt geschlossen werden. Dank der Laufzeit des Lichts können Objekte beobachtet werden, deren Alter Einblick in die Frühzeit des Kosmos geben können. Verlängert man die Entwicklungstendenzen des Kosmos in die Zukunft und berücksichtigt man die bekannten Kräfte, Energien und Massen, dann können Szenarien der Zukunft und des möglichen Endes des Kosmos mit einiger Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Ein Beispiel dafür sind die sehr anregenden und wohl begründeten Überlegungen von Roger Penrose 1) über die „Zyklen der Zeit“. Dass seine Theorien nicht unwidersprochen geblieben sind, zeigt, dass noch zu viele Unbekannte in die jeweilige Prognose für die kosmische Entwicklung eingehen, die durch mehr oder weniger plausible Annahmen ersetzt werden müssen.

Nasa Hubble

NASA’s Hubble Looks to the Final Frontier (c) NASA

Die biologische Welt ist evolutionär bestimmt. Man könnte die Theorie der Evolution als eine Ausweitung der Prinzipien der Kausalität und des Determinismus auf die Entwicklung des Lebendigen ansehen. Die biologische Entwicklung ist demnach durch Mutation und Selektion bestimmt, die eine Anpassung an die jeweils erforderlichen Lebensbedingungen ermöglichen. So ergibt sich ein Verständnis der Evolution als Prinzip des Überlebens der am besten Angepassten (Survival of the Fittest). Die „Synthetische Evolutionstheorie“ erweitert  die klassische Theorie Darwins insbesondere um die Erkenntnisse der Genetik samt aktueller Epigenetik. Durch zufällige Mutation und natürliche Selektion lassen sich kaum Prognosen für zukünftige biologische Zustände treffen, da die Rahmenbedingungen von Umwelt und Populationsentwicklungen allenfalls vage beschrieben werden können. Insgesamt gilt der Prozess der Evolution aber als im Grunde zufällig und schon deswegen im Ergebnis als nicht vorhersehbar, wenngleich er in allen Einzelprozessen (Physik, Chemie, Biologie) als streng deterministisch verstanden werden kann.

In dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften sind die Theorien und Interpretationen ebenso zahlreich, wie die Zahl der Randbedingungen und Einzelgegenstände nahezu unbegrenzt ist. Das Auffinden eindeutiger Ursachen und auch nur ungefährer Voraussagen zukünftiger Verhältnisse und Zustände sind kaum unmöglich. Allenfalls lassen sich Tendenzen aufgrund eines ausgewählten Datenbestandes in Modellen berechnen. Doch wie weit Modell und Wirklichkeit einmal zur Deckung kommen, bleibt unbestimmt und ist eher zufällig. Da sind die kausalen Determinanten der Physik schon sehr viel klarer.

Es wird deutlich, dass in allen angeführten Bereichen der Zufall irgend eine Rolle spielt, wenn nicht eine wesentliche. Der kausalen Geschlossenheit in der Physik scheint eine unvorhersehbare Offenheit tatsächlicher Entwicklungen bei Tier, Mensch und Gesellschaft gegenüberzustehen. Aber ist der Zufall – Zufall? Der Gegensatz zum Zufall ist nicht der Determinismus, weil sich beide durchaus zusammen vertragen. Das Gegenstück ist vielmehr eine zugrunde gelegte Finalität. Dass Kosmos und menschliche Welt auf ein Ziel hin ausgerichtet sein könnten, gilt als ein typisch ideologisches oder religiös bedingtes Produkt des jeweiligen Weltbildes. Das muss nicht so sein. Man muss es nur anders denken.

II.

Bei der Entwicklung von Kultur und Gesellschaft (einschließlich Politik, Technik, Wissenschaft) wird sich kaum eine Zielgerichtetheit ausmachen lassen. Zu sehr ist hier die Handlungsfreiheit des Menschen ausschlaggebend dafür, welche Richtung sich durchsetzen wird. Dabei wirken in einem Beziehungsgeflecht von steigender Komplexität die unterschiedlichsten Motive und Interessen zusammen. Entscheidungen und Handlungen einzelner mögen rational sein, aber immer wirken zugleich irrationale und emotionale Motive mit. Im Gesamtbild global vernetzter Gesellschaften dürften sich immer wieder chaotische Verläufe erkennen lassen. Wer dort bestimmte Tendenzen am Werk sieht, folgt meist einem internalisierten Weltbild oder einer vorgefassten Meinung über den Fortschritt, ‚Höherentwicklung‘ usw. Auch die gegenteilige Auffassung einer Degeneration ist einem Weltbild verhaftet, in diesem Falle einem negativen. Allerdings hat das schiere Wachstum der Größe der Weltbevölkerung tendenziell qualitative Aus- und Rückwirkungen, die hier nicht zu diskutieren sind.

Anders könnte es im Bereich der Biologie, d.h. der Entstehung des Lebens und seiner Formen insgesamt aussehen. Ob die evolutionäre Entwicklung tatsächlich zufällig verläuft und Bewusstsein ein kontingentes Ereignis ist, scheint mehr eine Glaubenssache als eine gesicherte Erkenntnis zu sein. Manche Philosophen wie Thomas Nagel gebrauchen die Metapher, dass das Universum im Menschen die Augen aufgeschlagen hat und so seiner selbst bewusst geworden ist 2). In dieser Sicht wären zwar nach wie vor die Prinzipien der Evolutionstheorie (Mutation & Selektion) gültig, aber darüber legte sich eine Tendenz, ein bias, die Leben als notwendige Voraussetzung für Bewusstsein ansieht und letztlich das Selbst- und Weltbewusstsein intelligenter Wesen als ein Ziel der Evolution erkennt. Leben und Bewusstsein wären dann nicht mehr kontingente Ereignisse, sondern notwendige Formen der Emergenz, die zu einem geistbegabten Kosmos führen. Diese so spekulativ klingenden Ansichten führen unmittelbar zum kosmologischen Problem des „Anthropischen Prinzips“.

Die Vertreter des „Anthropischen Prinzips“ (AP) sehen sich zwar immer wieder dem Ideologieverdacht oder dem Vorwurf religiöser Vereinnahmung ausgesetzt, wenn sie das Anthropische Prinzip teleologisch interpretieren, aber die nicht-teleologische Interpretation ist ebenfalls so voller spekulativer Annahmen, dass sie kaum als beleghaft gesichert gelten kann. Das AP besagt, „besagt, dass das beobachtbare Universum nur deshalb beobachtbar ist, weil es alle Eigenschaften hat, die dem Beobachter ein Leben ermöglichen. Wäre es nicht für die Entwicklung bewusstseinsfähigen Lebens geeignet, so wäre auch niemand da, der es beschreiben könnte.“ 3). Die Argumentation unterscheidet sich bei verschiedenen Vertretern in „schwache“ und „starke“ Versionen des AP, aber sie laufen knapp gesagt darauf hinaus, dass die Rahmenbedingungen von physikalischem Kosmos und biologischer Evolution so angelegt sind, dass intelligentes, bewusstes Leben emergent entstehen konnte (schwaches AP), wenn nicht gar mit Notwendigkeit entstehen musste (starkes AP) – und dass dies eben kein Zufall war. Die Schwierigkeit der Annahme dieses Prinzips ist es, dass hier unzulässigerweise vom Sein auf das Sollen geschlossen wird. Andererseits – wie anders als auf der Basis des tatsächlichen Lebens mit seiner belegbaren Vorgeschichte kann auf eine faktische Entwicklungsrichtung bzw. Teleologie geschlossen werden? Es ist der Zirkel, in dem jede menschliche Erkenntnis steckt: sich selbst in seiner Geschichte zum Gegenstand der Erklärung und der Erkenntnis zu machen.

Noch kritischer ist allerdings die nicht-teleologische Interpretation des AP zu sehen. Ich zitiere den betreffenden Abschnitt aus der Wikipedia:

Die nichtteleologische Interpretation hat die Intention, als Unwahrscheinlichkeiten empfundene Gegebenheiten in der Kosmologie durch Selektionseffekte bei möglichen Beobachtungen zu erklären, welche durch die zur Existenz des Beobachters notwendigen Bedingungen verursacht werden. Insbesondere zusammen mit Viele-Welten-Modellen oder einem als unendlich (oder zumindest hinreichend groß) angenommenen Universum ist das anthropische Prinzip in der Lage, solche scheinbar teleologisch wirkenden Unwahrscheinlichkeiten nichtteleologisch zu erklären, und hat damit einen ausgesprochen antiteleologischen Charakter. Beispielsweise kann in einem unendlichen Universum mit räumlich variierenden physikalischen Konstanten ein Beobachter nur in solchen Bereichen existieren, und deshalb lokal nur solche Bereiche beobachten, in welchen diese Konstanten bewusstes Leben zulassen. Selbst ein Universum, das überwiegend lebensfeindlich ist, könnte so für einen Beobachter wie „gemacht“ für Leben erscheinen. – Der gegenwärtige Entwicklungsstand der Stringtheorie beinhaltet die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit des Nebeneinander-Existierens sehr vieler naturgesetzlich verschiedener Universen (typische Schätzungen nennen die astronomische Zahl von ca. 10500). Sollte sich diese noch spekulative Möglichkeit erhärten, wäre dies ein starkes Argument für die nichtteleologische Interpretation, eine dieser vielen Welten sei zufällig „lebensfreundlich“.

Der Text spricht für sich: Er enthält pure Spekulation. Das ist als solches nicht zu verurteilen, nur ist eine solche Auffassung um keinen Deut besser oder überzeugender oder beleghaft abgesicherter als die angegriffene teleologische Interpretation. Selbst hartgesottene Materialisten unter den Naturalisten können sich über die Plausibilität von Viele-Welten-Theorien und diverser String-Theorien kaum einigen. Es sind faszinierende (mathematische) Modelle – aber eben Modelle mit spekulativen, d.h. nicht belegbaren Grundannahmen, die ‚idealistischer‘ sind, als ihre Vertreter wahrhaben wollen. Was also spricht sonst noch gegen eine teleologische Interpretation?

Es ist im Grunde die Gleichsetzung einer teleologischen Interpretation mit einem religiösem Weltbild und der These vom „intelligent design“. Hinter dem Telos vermutet man sogleich den göttlichen Schöpfer, und die Lehre (als solche müsste man sie bezeichnen) vom intelligent design gilt als eine pseudowissenschaftliche Theorie des Kreationismus. Nur – wer legt hier fest, was genau ‚wissenschaftlich‘ heißt 4)? Auch die Viele-Welten-Theorie kann man nur ‚glauben‘, auch wenn sie manchen Kosmologen mathematisch plausibel erscheinen sollte. Vielleicht kann aber noch eine andere Ansicht Plausibilität gewinnen. Eine teleologische Interpretation des AP muss nicht zwingend religiös oder kreationistisch sein, – und das AP für sich genommen hat eine Menge Plausibilität, wenn man sich die Details hinsichtlich der Feinabstimmung der Naturkonstanten 5) und der als kontingent schwer verständlichen Entstehung von Leben und Bewusstsein ansieht. Es wäre eine Teleologie zu denken, die nicht von außen als „fremder“, göttlicher Wille übergestülpt erscheint, sondern als eine Finalität, die in der unbelebten und belebten Natur selber enthalten ist.

Aristoteles hat in dieser Richtung gedacht. Er unterschied zwischen Wirkursache (causa efficiens) und Zweckursache (causa finalis), wobei sich Wirkursachen auf Handlungen und Zweckursachen auf Ereignisse beziehen, Man kann die causa finalis auch als Funktion natürlicher Gegebenheiten interpretieren. Aristoteles verankert seine Lehre von den verschiedenen Ursachen ontologisch in seiner Lehre von Substanz und Form. Daraus konnte später eine komplexe theistische Theorie der zielbestimmten Form werden, in der sich der Wille Gottes verwirklicht (→ Scholastik) oder ein lebensphilosophischer Ansatz, wie J.W. v. Goethe ihn formuliert: „Geprägte Form, die lebend sich entwickelt“ (Urworte Orphisch). So weit muss man nicht folgen, wie es auch mehr darum gehen sollte, Gedanken des Aristoteles als Denkanstöße aufzunehmen.

Man kann es so denken, dass die Entwicklung von Kosmos und Mensch, vom Materie und Energie, Kräften und Feldern ebenso wie von Lebensformen pflanzlicher, pilzlicher und tierischer Art bis hin zur Entwicklung von Bewusstsein (nicht nur, aber vor allem) beim Menschen einem von Anfang an bestehenden Gefälle folgt, einer Drift, einem bias, der in entgegengesetzter Richtung auch als Attraktor gelesen werden kann. Eine solche Drift muss auch nicht panpsychistisch aufgelöst werden – eine weitere vermeidbare Spekulation. Die Wirklichkeit kann durchaus in verschiedenen Seinsbereichen („Sinnfeldern“ bei Markus Gabriel) interpretiert werden, die nicht monistisch, dualistisch oder universalistisch in einer „GUT“, einer Grand Unifying Theory, zu vereinheitlichen sind. Dennoch könnte man eine solche Drift in verschiedensten Formen in den jeweiligen Seinsbereichen entdecken: energetisch in der asymmetrischen Richtung des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik ebenso wie in der Ausbildung eines hochentwickelten reflexiven Bewusstsein aus früheren Stufen der anfänglichen Bewusstheit. Auch die Entstehung des Lebens wäre in dieser Sichtweise nicht einem kontingenten Ereignis des Eintrags kosmischer „Bausteine des Lebens“ und / oder einer zufälligen Emergenz zu verdanken, sondern einer Tendenz von Molekülen und Makromolekülen, sich zu eben diesen Bausteinen des Lebens aus den verschiedensten Eiweißen zusammen zu fügen. Das Datenmaterial, auf das sich die Interpretation stützt, bleibt dasselbe. Der Unterschied zur Ansicht einer zufälligen, willkürlichen Entwicklung besteht darin, dass nun dem Kosmos insgesamt eine Tendenz und Richtung zugesprochen wird, die aus den in ihm enthaltenen Möglichkeiten Notwendigkeiten werden lässt. Leben und Bewusstsein, Quantentheorie und Geistesentwicklung usw. folgen einer gemeinsamen Richtung und Linie, die zu intelligentem Leben in einer intelligiblen Welt führt.

Was nun das angestrebte Ziel betrifft, wenn von einer teleologischen Interpretation mit einer zu entfaltenden teleologischen Ontologie die Rede ist, dann wird man sehr zurückhaltend sein müssen. Nichts ist so unbekannt wie die Zukunft. Ob der Mensch in der jetzigen Form, der Kosmos in seiner heute wahrnehmbaren Gestalt und die Erkenntnis gemäß ihrer heutigen Fähigkeit und Möglichkeit bereits das Ende der Leiter sind, – ob es weitere Leitern gibt oder wir schon dabei sind, auf unserer Leiter abzustürzen, um anderen Lebensformen einen Aufstieg zu ermöglichen, ist unergründlich. Das Telos ist etwas, dem sich eine Entwicklung allenfalls asymptotisch anlehnt, vielleicht tatsächlich, ohne es je zu erreichen. Vielleicht zielt aber „alles“ auch auf das Finale, was auch immer das sein mag und das uns ebenso wenig und genau bekannt ist, wie das, was wir mit dem „Big Bang“ umschreiben. Jedenfalls bleibt eine solche teleologische Interpretation auf dem Boden des naturwissenschaftlichen Datenmaterials, ohne sich dadurch apriori auf „Zufall“ oder „Materialismus“ festlegen zu lassen. Eine teleologische Beschreibung von Mensch und Kosmos ist zudem wahrscheinlich dem Alltagsverstand viel näher, als es die Abstraktion auf die Wirkung des Zufalls zum Beispiel in der Evolution verlangt.

Wer mag, kann diesen Ansatz, Wirklichkeit anders zu denken, nämlich in einer teleologischen Dynamik als notwendige Realisierung angelegter Möglichkeiten, auch als eine Wiederaufnahme Hegels verstehen. Man kann sie auch theistisch beerben und religiös weiterführen. Diese Interpretation ist in verschiedenen Hinsichten und in unterschiedlichen Richtungen anschlussfähig. Das macht aus meiner Sicht ihre Stärke aus. Ihre Plausibilität gewinnt sie allerdings nur dann, wenn einen die nicht- oder antiteleologischen Verbote nicht schrecken. 6)

 


Anmerkungen

1) Roger Penrose, Zyklen der Zeit. Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums, 2011 [zurück]

2) Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2013, S. 125: „Jedes einzelne Leben bei uns ist ein Teil des langwierigen Prozesses, in dem das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird.“ [zurück]

3) zitiert nach Wikipedia, Anthropisches Prinzip (Fassung 08-2016); vgl. dazu insgesamt Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls, 2008 [zurück]

4) vgl. dazu sehr erhellend Andreas Hergovich, Zum Verhältnis von Lebenswelt und Wissenschaft. Eine späte Erwiderung auf Ansgar Beckermann, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2016 / 64(1) S. 20 – 44 „Es ist also nicht so, dass keine empirischen Daten für übernatürliche Phänomene vorlägen, und daher angenommen würde, es gäbe nur „Natürliches“, sondern tatsächlich so, dass Naturalisten aufgrund ihres methodischen Apriori auf natürliche Entitäten und naturwissenschaftliche Erklärungen festgelegt sind.“ S. 26 [zurück]

5) Im Einzelnen zählen hierzu unter anderen die weder mathematisch noch physikalisch in ihren konkreten Werten abzuleitenden Größen der Lichtgeschwindigkeit, des Planckschen Wirkungsquantums und der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante 1/137, ferner das Zusammenspiel der Naturkonstanten in der sogenannten Feinabstimmung. [zurück]

6) Es wäre noch einiges Genauere zu den Modalverhältnissen zu sagen, ebenso bleiben reflexive (sog. „selbstlernende“) und fraktale Systeme unerwähnt, – vielleicht einmal an anderer Stelle. [zurück]

Apr 292016
 
Realität, Kausalität, Finalität und andere Aspekte der Wirklichkeit

Ob es „die Welt“ nur als physikalische Wirklichkeit gibt oder ob es die Welt als ganze überhaupt nicht gibt, darüber kann man trefflich streiten. Besonders die Analytische Philosophie ist auf eine naturalistische Weltsicht festgelegt, nenne man sie nun physikalistisch oder materialistisch, auf jeden Fall nicht dualistisch und schon gar nicht metaphysisch. Für die Konstruktivisten wird die Welt dann zu derjenigen Wirklichkeit, die soziale und kulturelle Umstände und Herrschaftsinteressen aus ihr gemacht haben. Systemanalytisch geht es in der Welt um die Ausdifferenzierung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme und Teilsysteme, die ihren eigenen  Sinn entwickelt haben. Und schließlich tritt ein Neuer Realismus an, die Welt aus einer offenen Vielzahl von Sinnfeldern mit jeweils eigenen ontologischen Verpflichtungen ausgestaltet zu sehen. Auch in diesen philosophischen Entwürfen geht man stets von einer naturalistischen Grundierung aus, die man allenfalls weniger strikt interpretiert. Ein klassischer Dualismus (Materie – Geist) und eine traditionelle Metyphysik ist kein gangbarer Weg mehr, der sowohl wissenschaftlich begründet als auch begrifflich – theoretisch konsistent und in seinen Wahrheitsvermutungen gerechtfertigt wäre. Warum ist das so?

1. Seit die neuzeitlichen Wissenschaften wesentlich Naturwissenschaften geworden sind und der Wissenschaftsbegriff mehr oder weniger naturwissenschaftlich geprägt ist, hat ein Axiom nahezu Allgemeingültigkeit gewonnen, nämlich dass der kausal-nomologische Zusammenhang konstitutiv ist für jede Wirklichkeit. Real ist, was in einer Kette von Ursachen und Wirkungen verknüpft und daher in einem bestimmten Rahmen erklärbar und verhersagbar ist. Die notwendige Einschränkung ist deswegen erfoderlich, weil in der tatsächlichen Welt, in der wir leben, jeden Moment eine unüberschaubare Vielzahl von Ursachen wirken, die wiederum eine unübersehbare Vielzahl von Auswirkungen haben. Die von einem Individuum gewollten und geplanten Handlungen sind nur ein winziger Teil aller derzeit an einem Punkt vorhandenen Kräfte und möglichen Auswirkungen. Darum muss die Kausalkette nomologisch geordnet sein, wenn sie für den Beobachter überhaupt einen Wert haben soll. Es müssen Gesetzmäßigkeit und Regularitäten vorhanden sein, die der Kette kausaler Verknüpfungen eine Struktur, eine Ordnung geben. Solche Gesetzmäßigkeiten werden aufgrund von Theorien und mittels Experimenten innerhalb überprüfbarer, kontrollierter Rahmenbedingungen festgestellt und in die mathematische Form eines Naturgesetzes gebracht. Die theoretischen Voraussetzungen sowie die praktische Versuchsanordnung („Labor“) sowie das Beobachtungs- und Vollzugsprotokoll sind für das, was dann Naturgesetz genannt wird, konstitutiv. Nur in dieser speziellen Anordnung kommt der kausal-nomologische Zusammenhang der Wirklichkeit hinreichend deutlich zum Ausdruck. Zugleich bestimmt er als axiomatische Grundlage den Rahmen möglicher Ergebnisse und Erkenntnisse. Zeus‘ Donnerkeil gehört definitiv nicht dazu.

2. Es lohnt sich, noch etwas bei dem so mächtigen und wirkungsvollen Begriff des Kausalzusammenhangs zu verweilen. Ist der ‚Kausalnexus‘ selber ein Gesetz? Aber wie wäre er dann unabhängig zu überprüfen? Oder ist Kausalität ein Grundaxiom, das aus der physikalischen Wirklichkeit auf die Wirklichkeit überhaupt übertragen ist? Was genau wird im Kausalnexus verknüpft? Es sind Tatsachen und Gegebenheiten, Dinge und Kräfte, Beobachter und Rahmenbedingungen, Modelle und mathematische Funktionen bzw. Relationen. Da der Beobachter immer auch Teil der Ausgangsbedingungen ist und damit die jeweilige Theorie (das vorläufige Modell) mit ihren begrifflich-symbolischen Voraussetzungen samt der daraufhin folgenden Auswertung (Interpretation) der erzielten Ergebnisse und ihre Strukturierung in einem mathematischen Formalismus zum Gesamtzusammenhang eines funktionierenden kausalen Nomologismus gehört, kann dieses Vorgehen keineswegs als reine Objektivierung und der Gegenstand der Untersuchung nicht als unabhängiges Objekt angesehen werden. Der kausal-nomologische Zusammenhang entsteht im Zusammenwirken eines intelligenten Subjekts mit bestimmten begrifflich-rationalen Voraussetzungen im Kontakt mit seiner Umwelt und den darin auftauchenden Personen, Gegenständen und Tatsachen, Kräften und Einflüssen. Auch die „Traumzeit“ der Aborigines stiftet einen solchen Zusammenhang, ist aber nicht unbedingt rational-begrifflich motiviert und auch nicht kausal-nomologisch verbunden. Noch einmal: Was ist eigentlich Kausalität? Sie ist wohl weder nur objektiv, auffindbar in der Umwelt, noch nur subjektiv als erdachte Struktur und Gesetzmäßigkeit, sondern eben beides: das Zusammenwirken des Menschen mit den Gegenständen usw. seiner Umwelt auf der Suche nach Zusammenhang, Struktur, Erklärung, Vorhersage und möglichen Handlungsoptionen. Sie ist also beschreibbar als eine differenzierte Wechselwirkung von Mensch und Welt in der Richtung, wie sie schon die vorsokratische Einsicht formuliert: Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt (Empedokles).

Red Rectangle

The star HD 44179 , Hubble, by NASA

3. Wie angedeutet gibt es durchaus Alternativen, das Dasein in der Welt in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nicht-rationale wie die „Traumzeit“ der Aborigines ist eine solche (eigentlich keine Zeit, sondern der präsente Hintergrund der erlebbaren Welt), aber auch die metaphysisch-rationalen Modelle der griechischen oder später der scholastischen Philosophie. Die Voraussetzung der Letzeren war ganz ausdrücklich der Gottesgedanke, weshalb sie sich auch zugleich und vor allem als Theologie verstand. Immerhin galt auch in der Philosophie des Aristoteles schon das Prinzip der Kausalität, nur wurde in der mittelalterlichen Philosophie der „erste Beweger“, also der Anfang der Kausalkette, mit dem christlichen Gottesgedanken identifiziert. In jedem Falle sah man mit Aristoteles eine Notwendigkeit darin, einen ersten Anfang festzusetzen, – die Vorstellung einer unendlichen und unbegrenzten Kette wurde als unvernünftig verworfen. Genau dies gilt aber heute als denkmöglich: die Unendlichkeit der Wirklichkeit ohne Anfang und Ende. Auch der „Urknall“ ist ja nicht wirklich Anfang, sondern allenfalls kosmologischer Beginn unserer aktuellen Raumzeit. Modernes Denken kann die kausal-nomologische Verknüpfung der Wirklichkeit ohne bestimmten Anfang denken, ohne den „Uhrmacher“ (der nach Dawkins eben „blind“ zu sein hat), der den Mechanismus der Welt gestaltet, angestoßen und den zeitlichen Ablauf progammiert hat. Dass dieses Denken dennoch besonders in konservativ-religiösen Kreisen viele Befürworter hat, zeigt die verbreitete Idee des „intelligent design“, noch enger gefasst im Kreationismus. Gleichwohl ist der zeitliche Ablauf in aller Realität kausal und nomologisch verknüpft: An den Naturgesetzen führt kein Weg vorbei. Dabei ist es zumindest verwunderlich, dass rational gesehen das andere Ende der Kausalkette offen und in der Theorie der Evolution (kurz gesagt) dem Zufall überlassen bleibt. So sehr in der Moderne an der „causa efficiens“ (Wirkursache nach Aristoteles) festgehalten wird, sie sogar naturalistisch als „causa materialis“ zur einzig möglichen vernünftigen Ursache erklärt wird, so sehr werden mögliche gestaltende Formen der Kausalität verworfen: keine „causa formalis“, keine „causa finalis“. Warum eigentlich? Hindert es nur der Metaphysik- oder gar Theismus-Verdacht?

4. Teleologie muss keinerlei theistische Verpflichtung einschließen. Es ist durchaus denkbar, eine kausale Verkettung als ein dynamisches System zu verstehen, das einem künftigen Zustandspunkt zustrebt. In der Theorie dynamischer Systeme (einschl. Chaostheorie) nennt man dies einen Attraktor. Thermodynamisch ist der Attraktor so etwas wie ein stabiler Zustand größten Gleichgewichts. Der Begriff Attraktor wäre zu verstehen als eine Finalität, auf die hin sich komplexe dynamische Systeme entwickeln. Kausale Verkettungen in der tatsächlichen Welt bieten schon im Blick auf ihre Herkunft (Vergangenheit) komplex-chaotische Verläufe. Einfache Kausalverbindungen lassen sich nur experimentell, das heißt in begrenzter Zeit mit restringierten Ausgangsbedingungen, eindeutig verfolgen. In der Projektion auf künftige Entwicklung hin nehmen sie die Form von Modellen an, die aufgrund definierter Ausgangsbedingungen und begrenzter zeitlicher Perspektive eine Prognose der Entwicklung errechnen, also einen zeitlich terminierten Attraktor erkennbar werden lassen. Diese Modellierung dynamischer Systeme mit prognostiziertem Attraktor ist weit verbreitet, zum Beispiel in der Klimaforschung, Bevölkerungsentwicklung, in den Gesellschaftswissenschaften usw. Die Attraktoren verändern sich je nach Definition der Ausgangsbedingungen und der Berücksichtigung begrenzter (und darum berechenbarer) Nebenfaktoren. Auch die Evolution ist insgesamt ein solches dynamisches System, allerdings von kaum übersehbarer, wahrscheinlich unendlicher Vielfalt und Komplexität, das einem unbekannten Attraktor zustrebt. Betrachtet man Modelle als einfache Fortschreibung bekannter kausal verknüpfter Ereignisse, bleibt die Prognose weitgehend ‚zufällig‘, also scheinbar ohne bestimmte Richtung. Dynamische Systeme haben aber eine Zielrichtung, die gerade auch unter nichtlinearen, chaotischen Bedingungen angenähert wird. Dreht man die Blickrichtung um, wirkt das erreichte Ziel genau als Attraktor, als Anziehungspunkt der erwarteten Entwicklung. In einer etwas gewagten Übertragung könnte man den Attraktor mit der causa finalis vergleichen. Es kommt da bei Aristoteles noch etwas Wesentliches hinzu: die causa formalis, also die formende Kraft, die eine bestimmte Struktur als Finalität entstehen lässt. Die ‚forma‘ wird meist mit der ‚idea‘  Platons gleichgesetzt, wieweit das zutrifft, sei dahin gestellt. Ich möchte diese platonische Interpretation vermeiden und den Gedanken der ‚Form‘ als eine inhärente Struktur verstehen, physikalisch zum Beispiel die Molekularstruktur, die Wasser zum dem ‚Stoff‘ macht, das es für uns ist. Der Form-Begriff lässt sich nicht nur auf physikalische Strukturen, also Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen beziehen (wobei hier die ‚Realität‘ der Elementarteilchen nicht problematisiert wird), sondern auf alle Dinge dieser Welt, die ihre jeweilige Struktur, Eigendynamik und Entwicklungstendenz in sich tragen. Man mag ihre Wechselwirkungen und Zusammenhänge kausal interpretieren, zumindest sind sie dynamisch-chaotisch, was Determinismus nicht ausschließt. Der entscheidende Gedanke aber ist der, inwiefern alle Dinge (!) in ihrer strukturellen Verflechtung (‚Form‘) eine Tendenz in sich tragen, die erst vom Ende als ihr ‚Attraktor‘ erkennbar ist. Man könnte es auch den ‚bias‘ nennen, die Neigung, die auch auf dem Scheitelpunkt einer systemischen Entwicklung eine bestimmte Richtung präferiert. Im Rückblick erscheint der Verlauf stets als eindeutig determiniert. Darum kann auch gelegentlich der evolutionäre Jetzt-Zustand der Welt als ‚zwingend‘ (z.B. durch kosmische Konstanten) auf den Menschen zulaufend verstanden werden. Ob dieses „anthropische Prinzip“ nun eine überzeugende Interpretation des Sachverhalts darstellt, soll hier nicht entschieden werden. Zumindest ist es die Zuspitzung einer bestimmten ‚attraktiven‘ Perspektive. Derselbe Gedanke wird in der Metapher aufgegriffen, die Natur habe im Menschen die Augen aufgeschlagen, sei im Bewusstsein gewissermaßen zu sich selbst gekommen (vgl. M. Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, S. 235, siehe auch den Blog-Beitrag zu Gabriel).

5. Man sieht, es geht hier um ein heikles Thema, das heute wissenschaftlich recht verpönt ist. Das Thema „Panpsychismus“ wird allenfalls mit Fingerspitzen angefasst, wenn nicht überhaupt als verschrobener Spiritismus abgelehnt. Dass er in vielen Kulturen auch heute in der einen oder anderen Form verbreitet ist, könnte allenfalls zu denken geben. Der Begriff selber ist aus meiner Sicht unglücklich, suggeriert einen irrationalen Dualismus, den er doch gerade vermeiden will. Aber auch nur von Teleologie oder einer dynamischen Finalität zu reden, gilt nicht als wissenschaftlich ernsthaft. Umso bemerkenswerter ist es, dass der US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel (bekannt von „What is it like to be a bat?“; siehe auch hier im Blog) genau dieses Thema aufgreift und und sich sowohl zum Panpsychismus (ablehnend, Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 93 – 97) als auch zur Teleologie (zustimmend, a.a.O. S. 173 – 180 und öfter) äußert – mit guten Gründen. Es erscheint angezeigt, sowohl die Begriffe nomologische Kausalität als auch Teleologie und Finalität genauer zu bestimmen und konsistent zu denken. ‚Kausalität‘ ist beim näheren Zusehen ein durchaus problematischer Begriff, und formbestimmte (teleologische) Finalität ist weit weniger unvernünftig, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Das soll ein weiterer Blog-Beitrag zeigen. Hier sei am Ende ein Absatz von Thomas Nagel zitiert:

Eine Form natürlicher Teleologie, ein Erklärungstyp, dessen Intelligibilität ich im vorangegangenen Kapitel kurz verteidigt habe, wäre eine Alternative zu einem Wunder – entweder im Sinne eines höchst unwahrscheinlichen Glücksfalls oder im Sinne eines göttlichen Eingreifens in die Naturordnung. Die Tendenz, dass sich Leben bildet, könnte ein Grundzug der Naturordnung sein, der von den nichtteleologischen Gesetzen der Physik und Chemie nicht erklärt wird. In Anbetracht der verfügbaren Beweislage erscheint dies als eine zulässige Vermutung. Und sobald es Wesen gibt, die auf Werte reagieren können, wird die ganz andere Teleologie des intentionalen Handelns zu einem Bestandteil des geschichtlichen Bildes und führt zur Erzeugung von neuen Werten. Das Universum ist sich seiner selbst nicht nur bewusst geworden und zu sich selbst gekommen, sondern in manchen Hinsichten fähig, seinen Weg in die Zukunft zu wählen – obgleich alle drei, das Bewusstsein, das Wissen und die Wahl, über eine riesige Menge von Wesen verteilt sind, die sowohl individuell als auch kollektiv handeln. [Th. Nagel, Geist und Kosmos, S. 178]

 

Zahlen – Spiele

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Feb 262016
 

Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie des Geistes bekommt neue Aktualität aus einer veränderten Perspektive. Es ist die Perspektive einer Philosophie der Mathematik. Die ontologische Frage, was Natur und Zahl eigentlich verbindet, erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ.

Manch einer, der des Streites über ‚Materie‘ und ‚Geist‘, über analytische oder hermeneutische ‚Metaphysik‘, über Naturalismus und / oder Idealismus überdrüssig ist, könnte versucht sein, seine Zuflucht in der Mathematik zu suchen. Die Mathematik steht bei den klassischen Philosophen (Platon, Aristoteles, Pythagoras) ebenso hoch im Kurs wie bei Naturalisten und analytischen Philosophen, und uneinig ist man sich bei Letzteren allenfalls in der Bewertung der Logik bezogen auf die Mathematik: ob etwa alle Mathematik in der Logik ihre Basis habe oder ob die theoretische Mathematik ein eigenständiges ontologisches Feld bearbeitet, – aber welches? Es geht in ihr um Zahlen, um Messen, um Mengen. Was sind eigentlich Zahlen? Wie verhalten sich Zählen (Analysis) und Messen (Geometrie) zueinander? Und was tragen dann noch die Mengen aus, vor allem, wenn es interessant werden soll, die unendlichen Mengen? Wieweit ist die Mathematik überhaupt auf Anschaulichkeit und natürliche Referenzen angewiesen, also auf „Konstruierbarkeit“ ihrer Theoreme? Wie steht es mit der Axiomatik, ohne die keine mathematische Theoriebildung möglich ist? Und die letzte, vielleicht wichtigste Frage: Wie verhalten sich Mathematik und Empirie zueinander, wie ‚Zahl‘ und ‚Natur‘? Immerhin, so lesen wir bei Galileo Galilei, sei das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben, und die Ergebnisse der experimentellen Physik lassen sich ohne die mathematischen Kalküle gar nicht beschreiben geschweige denn verstehen. Ein Naturgesetz wird durch eine Gleichung, einen Algorithmus fassbar. Die Mathematik ist für die Naturwissenschaft unerlässlich – gilt dasselbe auch umgekehrt? Oder reichen mathematische Gegenstände und Begriffe womöglich weit über den Bereich materieller Referenzen hinaus? Wir befinden uns damit bei den Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik. Man darf vermuten, dass es darin nicht gerade einfacher wird.

Es ist das Verdienst von Bernulf Kanitscheider, umfassend in die aktuellen Fragestellungen der Philosophie der Mathematik einzuführen: Natur und Zahl. Die Mathematisierbarkeit der Welt, 2013. Kanitscheider ist ‚bekennender‘ analytischer Philosoph, und jede Metaphysik, erst recht eine idealistische wie die Hegels, ist ihm ein Gräuel. Metaphysische ebenso wie theologische Aussagen sind für ihn, wissenschaftlich betrachtet, reine Phantasma über einen „gespensterhaften“ Gegenstandsbereich. Gelegentlich erinnern seine polemischen Bemerkungen an Richard Dawkins. Man sollte sich nicht daran stören, denn er bietet eine sehr breit ausgeführte Darstellung der Diskussion um die Hintergründe und ‚Randbedingungen‘ mathematischer Entwürfe. Sein Ansatz in der Antike bewährt sich in erstaunlichen Aktualisierungen in der Gegenwart. Er stimmt dem analytisch-philosophischen Programm einer durchgängigen Naturalisierung der wissenschaftlichen Welt uneingeschränkt zu. Sein Wunsch wäre es, auch die Mathematik, ihre Gegenstände und Theoreme, physisch zu ’naturalisieren‘. Wenn Kanitscheider dann aber die erheblichen Probleme benennt, die einem solchen Vorhaben entgegen stehen, und sich selber auf einer gemäßigt aristotelischen Position wiederfindet, deren Abgrenzung zu einem platonisierenden ‚Realismus‘ der Mathematik ihm sichtlich schwer fällt, dann ist das für die Sache der philosophischen Mathematik überaus aufschlussreich.

Die immer wiederkehrende und in unterschiedlichen Entwürfen hin und her gewendete Frage lautet: Sind Zahlen etwas ontologisch Reales, oder sind es nur Zeichen, Benennungen für physisch reale Gegenstände? Sind also bei dem Satz: „Das sind 3 Äpfel.“ nur die Äpfel real und die „3“ eine rein gedankliche Benennung, oder ist die Zahl 3 eine eigenständige Entität? Wir sehen sofort, dies ist die alte Streitfrage zwischen Realismus und Nominalismus (übrigens ein metaphysisches Problem). Es kehren noch sehr viele andere alte Fragen wieder: Ist die Zahlenwelt ein eigenes Reich wie das Reich der platonischen Ideen, oder sind die Zahlen bzw. die mathematischen Relationen so etwas wie die der Materie aufgeprägten Strukturen, also das, was Aristoteles die Form nannte, die der Substanz erst konkrete Gegenständlichkeit verleiht? Im Hintergrund steht die bereits bei den Vorsokratikern gestellte Frage, wie es kommt, das die erkennbare Welt irgendwie ‚zahlenförmig‘ ist, oder neuzeitlicher gefragt, woher es kommt, dass sich die Phänomene der Natur nicht nur erstaunlich gut mit mathematischen Formeln beschreiben lassen, sondern dass mittels mathematisch formulierter Naturgesetze genaue Voraussagen über physische Prozesse möglich sind? Warum passen ‚Zahl‘ und ‚Natur‘ so gut zusammen, so dass Galilei die Mathematik als die „Sprache der Natur“ bezeichnet hat?

Galileis Beschreibung der Jupiter-Monde By Sage Ross - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8619404

Galileis Arbeits-Instrumente By Sage Ross – Own work, CC BY-SA 3.0

Man hat das Problem noch nicht ganz erfasst, so lange man meint, dies sei doch eigentlich ganz klar, die Mathematik habe sich eben als abstrakte Sprachform zur Beschreibung natürlicher Prozesse bewährt, und wer mehr daraus mache, betreibe halt unnütze Spekulation, – eine praktisch-nominalistische Position. Der Punkt ist aber der, dass mathematische Axiomatiken eine eigene Welt darstellen mit eigenen Regeln und Randbedingungen, mit Schlussfolgerungen und Auswirkungen, die zwar Entsprechungen in der physischen Welt haben können, aber es nicht haben müssen. Im Streit um Cantors Unendlichkeiten wird gerade von Empiristen auf der Unsinnigkeit des physisch Unendlichen bestanden, und darum werden mathematisch unendliche Extensionen verworfen, mit scherwiegenden Folgen für das Verständnis empirischer Daten. Bei der Frage der Stetigkeit diskreter Entitäten und ihrem Verhältnis zum Kontinuum kehrt dieselbe Frage in anderer Form wieder: Was hat es mit der Eigendynamik (um nicht zu sagen Eigenlogik) mathematischer Theoriebildung auf sich, die eben nicht nur subjektiv-mentalistisch aufgeklärt, sondern als objektive abstrakte Gegebenheit kommuniziert werden kann? Völlig abstrakte mathematische Formen und Strukturen haben zwar immer wieder dazu verholfen, physikalische Prozesse zu verstehen und aus Ableitungen heraus Neues zu entdecken (z.B. Higgs-Boson), aber diese mathematischen Strukturen und Axiomatiken gelten als „wahr“, wenn sie widerspruchsfrei und schlüssig sind unabhängig davon, ob das physikalisch nützlich und verifizierbar ist oder nicht. Offenbar ist der Bereich mathematischer Gegenstände noch weiter und offener und vielgestaltiger, als es bezüglich physischer Realisierungen jemals vorstellbar ist. Diese ‚Eigengesetzlichkeit‘ der Mathematik, die ungeheure Produktivität ihrer Axiomatiken und die Eigendynamik der abstrakten Gegenstände und ‚Gebilde‘ (Mandelbrot!) ist vielleicht das stärkste Argument gegen den in der sinnlichen Erfahrung gründenden Nominalismus, der weder mit unendlichen Mengen noch mit unendlichen Reihen, noch überhaupt mit dem aktual Unendlichen ontologisch etwas anzufangen weiß.

Darum neigen viele bekannte Mathematiker (Gödel, Cantor, Russell, sogar Quine mit einem „conditional platonism“) zum mathematischen Platonismus. Die Mathematik befasst sich demnach mit einem eigenständigen Seinsbereich abstrakter Entitäten. Dann taucht sofort die Frage nach der Verbindung dieser ontologischen Ebene mit der ontisch-physikalischen Welt auf (Übergangs- oder Verknüpfungsproblem): Wie können ‚ideale‘ Gegenstände einer mathematischen Ontologie Auswirkungen auf physikalisch- ‚reale‘ Prozesse haben, wie können sie damit überhaupt zusammen hängen, wenn eine kausal-materielle Verknüpfung per definitionem ausscheidet? Radikale Positionen lösen das Übergangsproblem mit einem radikalen Platonismus: Nur die abstrakte Welt der Formen und Strukturen ist wirklich, diese produziert aus sich heraus den Schein einer physikalischen Realität (M. Tegmark, siehe Kanitscheider a.a.O.), und solange wir uns nicht zum Licht der Mathematik erheben, starren wir nur auf die Schatten an der Wand dessen, was für den Alltagsmenschen die physische Welt ist. Hier trifft sich der konsequente Platonismus mit einem ‚virtuellen Realismus‘ oder Fiktionalismus, der unsere konkrete Welt als eine von vielen möglichen Simulationswelten innerhalb digital-ontologischer Theorien begreift. Dann taucht aber die Frage auf, wie man eine „Rettung der Phänomene“ ins Werk setzen kann, ob und wie man den Schein der Simulation durchbrechen kann – Hillary Putnams „brain in a vat“ lässt grüßen.

Wem das zu weit geht und wem angesichts der Viele-Welten-Theorien schwindelig wird (obwohl die Multiversen-Theorie die einzig plausible Erklärung für die Unableitbarkeit der Naturkonstanten liefert), findet dann, wie auch Kanitscheider es tut, einen gemäßigten Aristotelismus für nahe liegend und praktikabel. Die mathematischen Strukturen liegen als untrennbar prägende Formen den physisch-materiellen Gegenständen zugrunde. Die pure Substanz ist ein nicht existentes metaphysisches Unding. Das Elektron ist ohne seine es bestimmende Struktur (Masse, Ladung, Spin) – nichts. Gemäßigt ist dieser aristotelische Realismus deswegen zu nennen, weil er durchaus Raum lassen will für die mathematischen Formen, die ’noch‘ keine physische Realisierung gefunden haben, es aber der Möglichkeit nach könnten. Dieser modale Vorbehalt soll die produktive Weiterarbeit der theoretischen Mathematiker ermöglichen, die zum Beispiel noch den „Cantor der kleinsten Zahl“ hervorbringen müssten, also eine Theorie über die Unendlichkeiten im Kleinsten, die gewissermaßen den Gegenpol zu den überabzählbaren Unendlichkeiten im Größten bilden sollen (Kanitscheider). Überhaupt ist das Feld der mathematischen ‚Gebilde‘ nicht auszumessen und offenbar ebenfalls unendlich groß. Der menschliche Geist ist noch längst nicht an seine Grenzen gestoßen, durch neue mathematische Räume (Axiomatiken) hindurch zu neuen Strukturen und Welten vorzustoßen. Man sieht: Der Übergang von Aristoteles zum Platonismus in der Mathematik ist nur ein kleiner Schritt.

Noch ein anderer Schritt bietet sich freilich an. Wenn man all die referierten und wiederholt breit dargestellten Positionen und die Abwägungen von Für und Wider liest und nachvollzieht, fühlt man sich unmittelbar in den Diskussionen, Alternativen und Aporien der jahrzehntelangen Diskussion um die ‚philosophy of mind‘, die Philosophie des Geistes aus analytischer und nicht-analytischer Sicht, hinein versetzt. Das Problem der Emergenz und der Supervenienz, der Identität und Differenz physischer und mentaler Gegebenheiten, des Übergangs bzw. der Naturalisierung mentaler in neurologische Prozesse, der Reduzierbarkeit und der ontologischen Valenz begrifflicher Extensionen usw. – alles kehrt hier in leicht verändertem Gewand wieder. So scheinen die Fragestellungen einer Philosophie der Mathematik in einem besonderen Bereich der abstrakten Strukturen die Probleme der Philosophie des Geistes erneut zu thematisieren. Auch die Antworten der klassischen Philosophen sind wieder da in erstaunlicher ‚alter‘ Frische. Aber etwas ist doch anders: Die steril gewordene Diskussion um die Analytische Philosophie bekommt wieder neues Leben aus einer veränderten Perspektive – und diese Perspektive der Mathematik erweist sich als äußerst fruchtbar und kreativ, – das zeigen die vielen neueren Veröffentlichungen zum Thema. Klarer als in vielen Verästelungen der mentalen Philosophie des Geistes werden hier Grundfragen und Probleme der Erkenntnistheorie erkennbar und benennbar, die wohl noch lange virulent und nicht ohne weiteres lösbar sind. Am Beispiel der Mathematik und der ihr eigenen ‚Welten‘ und Axiomatiken, gerade auch ihrer immer wieder Staunen erregenden Fähigkeit, physikalische Gegebenheiten und Prozesse zu verstehen und aufzuklären, zeigt sich die produktive Weite und irgendwie auch die ‚Inkommensurabilität‘ des menschlichen Geistes. Selber durchaus mit einem endlichen Gehirn verbunden ist er in der Lage, Unendliches konsistent zu denken und Beziehungen und Strukturen zwischen abstrakten Entitäten in Gestalt mathematischer Formen und naturalistischen Wirklichkeitsbereichen herzustellen dergestalt, dass nicht einmal der Gedanke, diese abstrakte Welt bringe die konkrete erst hervor, als völlig abwegig erscheint. Zum Glück kann auch Kanitscheider seine metaphysische Aversion nicht durchhalten – er gibt sie quasi an der Haustür beim Betreten der philosophischen Mathematik ab. Die offene und neugierige Nachfrage nach den ontologischen Qualitäten, nach kreativer Produktivität, nach der realen Verankerung der ‚virtuellen‘ Strukturen in den Gebäuden der Mathematik macht dieses Nachdenken ungemein spannend und anregend. Die „geprägte Form“ (Goethe), die sich sowohl biologisch als auch algorithmisch weiter entwickelt, hat etwas Faszinierendes, auch wenn der Zusammenhang von Natur und Zahl letztlich rätselhaft bleibt. VielIeicht sollte auch Aristoteles‘ Gedanke einer Teleologie (causa finalis) nicht gleich als theistisch desavouiert abgetan werden, sondern als ‚bias‘, als innere Tendenz der Strukturen und Energien erneut bedacht werden. Es könnte sich als produktive Intuition erweisen, auch hier dem Anstoß der alten Philosophen aktuell nachzugehen. Es geht um mehr als nur um Zahlenspiele.

Teleologie der Natur

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Feb 092014
 

[Philosophie]

Im vorigen Beitrag habe ich die Frage nach Mensch und Kosmos im Blick auf ihre Herkunft beschrieben. Jetzt möchte ich den Blick vom Gewordensein aufs Werden hin lenken, also auf Welt und Wirklichkeit hinsichtlich ihrer Möglichkeiten. Hierfür ist man noch stärker auf ein strukturierendes Modell angewiesen als bei der Interpretation der Fakten ihrer Entstehung. Ich unterscheide zwischen einem Weltbild als einem hypothetischen Gesamtmodell der Theoriebildung („Paradigma“) und einer Weltanschauung, die eine Gesamtschau von Welt und Mensch als Überzeugungen verinnerlicht. Weltanschauungen beruhen auf Glauben und Überzeugung und sind den Religionen verwandt, ein Weltbild hingegen ist eine notwendige Voraussetzung sinnvoller Theoriebildung mit dem Ziel der Erklärung vorhandener Tatsachen. Man sollte das eine nicht mit dem anderen verwechseln, um Dogmatismus zu vermeiden.

Das kopernikanische Weltbild hat das ptolemäische abgelöst, so wie das relativistische und quantendynamische Weltbild nach Planck und Einstein das mechanistische Weltbild Galileis und Newtons abgelöst hat. Vielleicht wird ein neuro- und kognitionswissenschaftliches Weltbild das dualistisch-cartesianische Weltbild ablösen. Physikalistisch anzusetzen und von einem materialistisch-monistischen Weltbild auszugehen kann als Arbeitshypothese sinnvoll und ergiebig sein. Man muss nur zusehen, wie weit die darauf aufbauende Theoriebildung trägt und wo sie an ihre Grenzen stößt. Die Frage ist dann im konkreten Fall, ob die jeweilige Theorie bzw. das jeweilige Modell falsch ist oder das zugrunde liegende Weltbild. Wir sind heute, so meine These, in den Naturwissenschaften, in den Kognitionswissenschaften und in der philosophischen Anthropologie in einer Situation, nicht mehr nur unterschiedliche Theorieansätze und Arbeitsweisen gegeneinander abzuwägen, sondern das der heutigen Wissenschaft oft unausgesprochen zugrunde liegende Weltbild anzuzweifeln. Diese Fragestellung geht philosophisch über die Alternativen Analytische Philosophie, Strukturalismus oder Systemtheorie bzw. ihre Mischformen hinaus.

Physikalisch gesehen stehen wir heute immer noch unter dem prägenden Einfluss Newtons, ontologisch und erkenntnistheoretisch unter dem Einfluss Descartes. Die Relativitätstheorie und die Quantentheorie (man müsste besser von einem weit gefassten und differenzierten mathematisch-physikalischen Theoriesystem sprechen) haben zwar einerseits die Gravitationstheorie und Mechanik Newtons abgelöst, aber nur insofern, als sie eine sehr viel speziellere Erklärung und Präzisierung in mikrophysikalischen und kosmologischen Dimensionen bieten. Newtons Gesetze behalten allesamt Gültigkeit und kommen als Grenzfälle in unseren normalen Größenordnungen vor, wo relativistische und quantenmechanische Effekte so winzig sind, dass sie vernachlässigt werden können. Allerdings hat sich Newtons absoluter Raum relativiert: Die black box „leerer Raum“ ist zur gekrümmten Raumzeit geworden, die in direkter Abhängigkeit zur Gravitation steht, von gravitativen Objekten geradezu erzeugt wird. Die newtonsche Objektivität von Raum und Zeit ist dadurch aber keineswegs verloren gegangen. Sie findet sich in relativistisch exakt beschreibbaren Verhältnissen und quantendynamisch berechenbaren Prozessen als äußere, gegenständliche Wirklichkeit wieder. Das Bohrsche Atommodell spiegelt diese Mechanik genau wider, auch wenn dieses frühe Standardmodell der „Atomphysik“ in der heutigen Teilchenphysik kaum mehr zu gebrauchen ist. Von einer erkenntnistheoretischen Skepsis eines Kant, der Raum und Zeit genau als „reine Formen der Anschauung“ definierte und sie damit in den Bereich der erkenntnismäßigen Aprioris verwies, findet sich in der physikalischen Theorie keine Spur.

Das führt zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Neuzeit, wie sie Descartes geprägt hat. Es steht hier der cartesianische Dualismus in Rede. Seine Unterscheidung (die eigentlich eine strikte Trennung ist) von res cogitans und res extensa, also von erkennendem, selbstbewussten Ich und den äußeren, eben nur ausgedehnten Gegenständen der Welt ist die moderne Grundform des heute oft beklagten Dualismus. Gemeinhin wird dafür ja Platon verantwortlich gemacht – ein keineswegs zwingendes Ergebnis einer neuplatonischen und erst recht cartesianischen Interpretation, die man im Idealismus wieder findet. Erst durch Descartes‘ Trennung gibt es überhaupt ein zugespitztes Leib-Seele-Problem, denn die Frage ist ja schon, wie sich das selbstbewusste Ich rein denkend überhaupt zu seinem Körper als ausgedehnter Sache verhält. Für die Einheit beider res brauchte Descartes (verkürzt gesagt) Gott als Garanten. Wenn aber der Theismus weg fällt, bleibt entweder das pure gegenstandslose Ich – oder die reine ausgedehnte Materie als einzige Substanz. Genau da sieht sich die moderne Wissenschaft. Der physikalistische Materialismus ist ein einseitiges, aber legitimes Kind Descartes, und die Ablehnung des dualistischen Denkens ist letztlich die Kritik des cartesianischen Dualismus. Das heutige materialistische Weltbild ist aber keineswegs zwingend, und der Dualismus Descartes‘ nicht die einzige Alternative.

Es gibt in der neueren Philosophie des Geistes zahlreiche Versuche, zwischen Dualismus und Monismus durch bestimmte Differenzierungen und Definitionen irgendwie hindurch zu kommen wie zwischen Skylla und Charybdis. David Chalmers zum Beispiel hat die verschiedenen möglichen Positionen wunderschön dargestellt. Aus meiner Sicht kranken all diese Versionen (Substanzdualismus, Eigenschaftsdualismus, Epiphänomenalismus, materialistischer Monismus usw.) daran, fast verbissen an der dualistisch verstandenen Alternative Materie – Geist festzuhalten bzw. sie einseitig aufzulösen. Der Gegensatz ist bis zum Ermüden ausdiskutiert und endet letztlich im Behaupten eines Standpunktes. Ich möchte dagegen ein anderes Denkmodell vorschlagen jenseits der fruchtlosen Alternativen. Ein solches Denkmodell muss die starre cartesianische Ausgangsposition verlassen. Man braucht dazu das Rad nicht neu zu erfinden. Man kann auf Denkansätze zurück greifen, deren ganz andere Begrifflichkeit und Teleologie für die heutigen Fragestellungen und Diskussionen zu übersetzen und fruchtbar zu machen wären. Ich denke an Aristoteles.

Wenn man sich Aristoteles neu nähert und dabei versucht, den scholastisch-metaphysischen Ballast abzustreifen und die neuplatonisch-theistische Interpretation nicht als die einzig wahre und mögliche Aristoteles-Rezeption gelten zu lassen, dann begegnet einem ein ungemein modern anmutender Denker. In seiner Begrifflichkeit hinsichtlich Erkenntnistheorie und Ontologie steckt enormes Potential (! siehe unten). Aristoteles hat ein Denkmodell vorgelegt, das vom konkreten Einzelding ausgeht und nach seinen Relationen und Möglichkeiten fragt. Eine moderne Aristoteles-Rezeption *) könnte an der Relation von Substanz und Form (ousia und eidos) ansetzen und die Form als Strukturprinzip der Materie verstehen. Zusammen mit dem Begriffspaar Potenz und Akt (dynamis – energeia / entelechia) lässt sich eine dynamische Ontologie entwerfen, die in der konkreten Realisation eines Gegenstandes zum einen realisierte Möglichkeit (Potentialität) erkennt, aber zugleich der aktualen Verwirklichung neue Potentiale zur Veränderung und Weiterentwicklung zuspricht. Die Dynamisierung dieses Denkmodells findet sich schon in den Begriffen. Das deutsche „Potenz“ und „Akt“ für griechisch dynamis und energeia klingt viel zu statisch, um einer Wirklichkeit im Wandel, in der Veränderung, begrifflich gerecht zu werden. Das Strukturprinzip („Form“) der Wirklichkeit („Substanz“) ist an sich selber bereits „Dynamik“, also Kraft, Werden, Veränderung (energeia), das zur Verwirklichung, Umsetzung, Ausprägung strebt. Dieser Prozess kann  mit dem Begriff Entelechie zusammengefasst werden: Die prägende Struktur („Idee“) des Seins (Seienden) trägt das Potential zur Verwirklichung neuer Seinsstrukturen bereits in sich. Diese dynamische Ontologie ist von Anfang an, also prinzipiell „gerichtet“ (telos), ohne dass ein Ziel von vornherein bestimmt und gar bekannt sein muss. Teleologisch zu denken heißt dann nicht, auf ein bestimmtes Endziel hin zu denken (was sollte das auch sein?), sondern in Entwicklungsmöglichkeiten zu denken, das heißt der in der materiellen Struktur bereits inne wohnenden Tendenz (bias) zu folgen und die Wirklichkeit als Verwirklichung konkreter möglicher Formen zu begreifen. Evolution wäre nur der biologische Aspekt einer solchen Prozess-Ontologie (Whitehead). Das statische Paradigma eines materialistischen Physikalismus wäre aufgebrochen zugunsten eines dynamischen Wirklichkeits-Paradigmas, das Potentialität, Zielgerichtetheit, Dynamik, Veränderung / Entwicklung bereits ontologisch eingeholt hat.

Diese Andeutungen reichen knapp für eine Skizze, aber nicht als Thesis eines umfassenden Programms. Das wäre erst noch zu entwickeln. Es könnte eine spannende Sache sein. Dabei fallen einem auch noch die begrifflichen Parallelen ins Gesicht, die als „Materie“, „Energie“ und „Dynamik“ in der heutigen Physik eine grundlegende Rolle spielen. Und was „Energie“ oder „Materie“ eigentlich ist, darf man den Physiker nicht fragen, der beschreibt Wirkungen und Wechselwirkungen. Diese ontologische Frage führt durchaus zu neuen Konkretionen. Wer weiß denn schon, was das „Telos“ feuernder C-Fasern ist! Der große Gewinn eines solchen Ansatzes liegt darin, das er näher bei der Intuition wäre, dass Wirklichkeit nicht nur aus kausal verkettetem Zufall besteht. Noch einmal verweise ich gerne auf Thomas Nagel (siehe voriger Beitrag), der ebenfalls ein teleologisches Denkmodell anvisiert, das noch zu entwickeln wäre. Ob man dabei auf der Basis des bisherigen Physikalismus verbleiben kann, wage ich allerdings zu bezweifeln – oder: meinetwegen ‚Physikalismus‘, aber mit der Physik und Biologie und Neurologie einer dynamisierten, teleologisch interpretierten Struktur der Natur, die ihre Potentiale („Mächtigkeiten“) sogar in Form des Geistes in sich trägt.

*) „Im Übrigen ist wohl noch nie so vielfältig und weltweit über Aristoteles gearbeitet worden wie gegenwärtig“, Flashar (2004) zit. nach Wikipedia, Aristoteles.

Geist und Natur

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Aug 222013
 

Schon die Begrifflichkeit ist schwierig. Ist mit Natur die uns umgebende Welt schlechthin gemeint oder die grüne Romantik im Garten oder das Urlaubsparadies? Ist Geist der kopflastige Gegenstand der Philosophen, die Würze des Alkohols oder irgend ein Gespenst? Könnte das Gegensatzpaar nicht auch Materie  – Geist lauten? oder Physis – Psyche? oder physikalisch – mental? oder Leib – Seele? oder Körper – Geist? oder „science“ – „humanities“, oder (nach Schröder) Wissenschaft – Gedöns?

Ich gehe von den Begriffen Natur und Geist aus. Natur ist der weite Bereich der Welt, wie sie uns naturwissenschaftlich, physikalisch erschlossen wird. Dass das Wort Natur darüber hinaus ein noch viel weiteres Bedeutungsfeld umschreibt, sollte dabei durchaus mitklingen. Der Begriff Geist ist nicht ein aufs Mentale reduziertes inkommensurables Relikt, sondern bezeichnet den weiten Bereich des Denkens, Fühlens, Empfindens, der Vernunft und der Intuition, der Kunst und der Kultur.

Ist der Begriff Natur, Physis, und ihr Wissenschaftsbereich, die Physik, scheinbar eindeutig bestimmt, so ist der (griechische) Begriff des Nous = Geist ungleich vielschichtiger, vielleicht sogar diffuser, unbestimmter. Ihm entspricht kein eindeutiger Wissenschaftsbereich. Die englische Bezeichnung „humanities“ für das, was bei uns Geisteswissenschaften heißt, enthüllt aber einen besonderen Sinn. Der Geist wird offenbar als etwas spezifisch Menschliches angesehen. Dem stand früher der Begriff Seele (anima, psyche) zur Seite als dasjenige, was alle Lebewesen gleichermaßen erfüllt. Den vielleicht umfassendsten Begriff des Geistes hat die griechische Philosophie entwickelt, die sich ihrerseits von persischen und indischen Denkweisen anregen ließ.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci, Embryo (Wikimedia)

Ich versuche entgegen der heute verbreiteten szientistischen, speziell physikalistischen Tendenz ein Denken zu finden, das Natur und Geist zusammen erfasst. In dieser Skizze halte ich mich nicht mit der Kritik des einseitig physikalischen Wissenschaftsbegriff auf, dem ein physikalistisches Weltbild zugrunde liegt, betrachte auch nicht die lange philosophische Vorgeschichte, die insbesondere den wirksamen Dualismus Descartes (res extensa – res cogitans) bedenken müsste, lasse mich auch nicht von den erwartbaren Vorwürfen des metaphysischen Dualismus oder eines überholten Idealismus irritieren, sondern fange einfach mal so an, ganz vorläufig.

Ich möchte meine Position (wenn es denn überhaupt schon eine solche ist) als „physikoidealistisch“ bezeichnen. Ich versuche dabei zusammen zu denken, was beim metaphysischen Dualismus auseinander fällt und was beim physikalischen Monismus einseitig verkürzt, „reduziert“ wird: die umfassend verstandene Natur (Physis) und den gestaltenden Geist, d. h. das von der Möglichkeit zur Wirklichkeit strebende Prinzip der „Idee“ (griech. idea, lat. forma). Wie im vorigen Beitrag angedeutet, lehne ich mich dabei mangels besserer Begriffe an Aristoteles an.

Zugleich habe ich ein Unwohlsein beim Begriff des Panpsychismus, wie er neuerdings von Patrick Spät (Panpsychismus – ein Lösungsvorschlag zum Leib – Seele – Problem, 2010) vertreten wird. Auch Thomas Nagel (Der Blick von nirgendwo, 1986, dt. 2012) geht mit seinem Perspektivismus in diese Richtung. Der Panspychismus will den Fehler vermeiden, erst physikalisch anzufangen und dann das Problem zu haben, wie man das Geistige („Mentale“) widerspruchslos „hinein“ bekommt. Die analytische Philosophie des Geistes hat zumindest dies eine erbracht: Das funktioniert nicht. Supervenienz ist zwar ein analytisch beliebter Terminus, beim näheren Hinsehen bezeichnet er aber etwas kausal Überflüssiges („überdeterminiert“). Also, so die Schlussfolgerung des Panpsychismus, sollte das Geistige von Anfang an zum Materiellen hinzu gedacht werden. Alles, auch das kleinste Elementarteilchen, hat dann einen psychischen „Pol“ (Metapher aus dem Magnetismus). „Protopsychismus“ nennt es Nagel. Das könnte recht verstanden durchaus verheißungsvoll sein. Aber der Begriff Panpsychismus weckt doch die Vorstellung, alles (griech. pan) sei beseelt, der Stein, der Tisch usw. Er wird dann leicht mit einem naiven Animismus verwechselt. Außerdem versucht er den Physikalismus auf seinem eigenen Feld zu begegnen. Er fügt dem Physikalisch-Materiellen ’nur‘ einen zweiten Pol hinzu, dessen Sinn sich im Mikrophysikalischen allerdings nicht erschließt. Der psychische Pol muss deswegen von Anfang an da sein, weil er ja nicht später hinzu kommen kann, wenn denn von seiner gleich ursprünglichen physischen Realität ausgegangen werden soll. Diesen Ansatz halte ich nicht für überzeugend und verheißungsvoll. Die Zielrichtung allerdings teile ich.

Das, was ich als „physikoidealistisch“ bezeichne, geht davon aus, dass es nicht nur eine, sondern viele Wirklichkeiten in der Welt gibt. Ob es überhaupt erlaubt und sinnvoll ist, von der einen Welt zu reden (Einwand Markus Gabriel), lasse ich vorerst dahin gestellt. Viele Wirklichkeiten sind etwas anderes als nur verschiedene Perspektiven auf die eine Wirklichkeit. Viele Wirklichkeiten sind tatsächlich verschiedene Wirklichkeiten, die sich überlagern und durchdringen können und das auch weithin tun, die aber auch in Teilen für sich bestehen können. Eine Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, eigene Begriffe, eigene Regeln, eigene Bedeutungs- und Sinnzusammenhänge zu etablieren. Die Kunst ist eine solche eigene Wirklichkeit. Sie besteht nicht einfach neben der Alltagswirklichkeit, sondern bezieht sich auf sie, nimmt Gegenstände aus ihr heraus, schafft ihren Raum und ihren Sinn aus sich selbst. Würde sich die Kunst nicht mit dem Alltag irgendwie überlappen, hätten wir normalerweise gar keinen Zugang zu ihr. – Die Religion ist eine weitere, recht eigentümliche Wirklichkeit neben und in unserer sonstigen Wirklichkeit, usw. Es sind eigenständige „Sinnfelder“ (Gabriel).

Die Wirklichkeit des Geistigen ist von besonderer Art. Sie scheint die einzige Wirklichkeit zu sein, die nicht nur neben der Physik besteht, sondern welche die Wirklichkeit der Natur stets und ständig überlagert und durchdringt. Man könnte es eine Dimension der natürlichen Wirklichkeit nennen, wenn bewusst bleibt, dass es sich dabei um eine Metapher handelt. Die geistige Wirklichkeit tritt zwar einerseits als unsere subjektive Perspektive zum Vorschein, ist aber durchaus etwas Objektives, an den Dingen selbst Haftendes. Man könnte es als das Strukturprinzip, als das Verwirklichungsziel und darüber hinaus als die unausgeschöpften Möglichkeiten dessen bezeichnen, was in natürlich-dinglicher Wirklichkeit aktuell gegeben ist. Jedenfalls wäre dieses Geistige in und an den Dingen der Natur als ihre „Idee“, ihre „Form“, zu bestimmen, die allem, was ist, Richtung und Ziel, kurz Sinn verleiht.

Im Blick auf die lebendige Wirklichkeit ist der Geist das, was die Natur belebt. Unser Begriff von Geist sollte also Elemente des traditionellen Seelen-Begriffs (lat. anima) integrieren können. Unabhängig davon, was die Paläobiologen über die Entstehung von Makromolekülen, die Bausteine lebendiger Organismen sind, heraus gefunden haben und noch heraus finden werden, was über Selbstorganisation durch Hyperzyklen (Manfred Eigen) theoretisch modelliert wird oder auf welche Weise Leben mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Einklang gebracht wird (I. Prigogine, „dissipative Systeme“), indem Lebensprozesse als ‚geliehene‘ (negative) Entropie interpretiert werden, – unabhängig von all diesen wahrlich schwierigen und bislang noch keineswegs befriedigend geklärten physikalischen Verhältnissen gerät auf der Ebene des Geistes das Leben als ein höher wertiger, d. h. Sinn suchender und Sinn stiftender Prozess des Seins  in den Blick (-> Prozess-Ontologie, Alfred N. Whitehead lässt grüßen).

Das Lebendige ohne die Ebene des Geistes zu betrachten ist nicht nur stark anti-intuitiv, sondern blendet schlicht entscheidende Bereiche der Wirklichkeit aus. Leben, unser menschliches eingeschlossen, ist eben wesentlich keineswegs nur „Sternenstaub“. Der Mensch begreift sich in seiner Wirklichkeit stets als sinnvoll oder aber bedroht vom Verlust des Sinnes. Letzteres ist oft genug (wörtlich) lebensbedrohlich. Um in der philosophischen Betrachtung der Welt näher an der Wirklichkeit bzw. den Wirklichkeiten zu sein, in denen wir tatsächlich leben, und die unterschiedlichen Aspekte des Lebens (natürlich, sozial, kulturell) in die ontologische Theorie mit aufzunehmen, ist ein Denken erforderlich, das diese unterschiedlichen Ebenen des Wirklichen ontologisch abbildet. Das physikalistische Weltbild ist dagegen nur eine Abstraktion.

Genau um dies zu tun, um Geist und Natur, Natur und Kultur, Kunst und Leben usw. zusammen denken zu können, ist ein Denkansatz nötig, den ich hier einmal „physikoidealistisch“ genannt habe. Auch das ist missverständlich und vor allem vorläufig und skizzenhaft. Jedenfalls möchte ich damit auch die Anregung von Markus Gabriel aufgreifen, in der Philosophie zu einem „neuen Realismus“ zu finden.

Aug 172013
 

Um die Evolution und die Evolutionsbiologie ist es derzeit etwas ruhiger geworden. Das gibt Gelegenheit nachzufragen, wie der Stand aus erkenntnistheoretischer beziehungsweise wissenschaftstheoretischer Sicht ist.

Ich unterscheide Evolutionstheorie und Evolution. Während der biologische Begriff Evolution ganz allgemein den Vorgang der Entstehung von Arten (Spezies) aus jeweiligen Vorläufern bezeichnet, ist die Evolutionstheorie ein methodisches Instrumentarium mit bestimmten Grundannahmen, Vorgehensweisen und Erklärungsmustern zum Verständnis und zur Erklärung des Entstehungs- und Veränderungsprozesses von Lebewesen. Während der Vorgang der Entstehung der Arten als solcher als eine Tatsache kaum bezweifelt werden kann, sind kritische Nachfragen zur jeweiligen Evolutionstheorie und ihren erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen durchaus erlaubt und geboten.

Diese Unterscheidung soll kategorial falsche Alternativen ausschließen. Gegen die Evolution kann man nur sein, indem man die Augen vor Tatsachen verschließt. Gegen die Evolutionstheorie in ihrer gegenwärtigen Form kann mit guten Gründen argumentiert werden. Die Gegenposition ist darum weder der Kreationismus noch die Propagierung eines „intelligent design“. Der Kreationismus ist eine religiöse Glaubenslehre, die den Vorgang der Evolution als solchen bezweifelt, aber gar keine wissenschaftliche Begründung anstrebt und darum auch kategorial keine Gegenposition ist. Man kann es glauben oder nicht. Die Rede vom „intelligent design“ ist eine bestimmte, keineswegs zwangsläufige Deutung der Evolutionstheorie. Diese Hypothese argumentiert zwar auf der wissenschaftlichen Ebene, nimmt aber Schlussfolgerungen und Interpretationen in Anspruch, die durchaus bezweifelbar sind. Einige Kritiker bemängeln, dass mit dieser Interpretation bereits die wissenschaftliche Ebene verlassen sei. Auch das gilt es zu überprüfen.

Die Evolutionstheorie in der Form, wie heute allgemein auch in der philosophischen Diskussion auf sie Bezug genommen wird, erklärt die Entstehung des Lebens aus biochemischen Prozessen und beschreibt die Entwicklung (lat. evolutio) der Arten durch Mutation, Variation und Selektion (Anpassung). Dieser Vorgang ist sowohl kausal geschlossen als auch zufällig. Es gibt im Rückblick auf die einzelnen Stadien der Entwicklung also eine geschlossene Kausalkette, wiewohl konkrete Einzelergebnisse der Anpassung als zufällig entstanden gelten. Denn als wesentliche Voraussetzung der physikalischen Geschlossenheit der Evolutionstheorie gilt, dass die Evolution keine Ziele und Zwecke kennt.

Unter diesen Voraussetzungen aber gilt: „Durch ihre deskriptiven und kausalen Aussagen wurde diese Theorie zum zentralen organisierenden Prinzip der modernen Biologie und liefert eine fundierte Erklärung für die Vielfalt des Lebens auf der Erde.“ (Wikipedia; eine gute Übersicht über die evolutionstheoretische Debatte, ihre Positionen und Probleme, gibt Anna Ignatius.)

Gleichwohl wird in der allgemeinen Diskussion oft davon gesprochen, „die Evolution“ habe dies und jenes vollbracht / bewirkt / hervor gebracht. Diese Rede von der Evolution gleichsam als Akteur ist allenfalls metaphorisch zu nehmen, ähnlich wie in verbreiteter Redeweise „das Gehirn“ zum personifizierten Akteur wird. Die Prozesse der Entwicklung des Lebens und der Arten sind aber, so die Grundvoraussetzung der Theorie, kausal geschlossen und in sich ziel- und zwecklos. Einzelne Resultate entstehen zufällig, und diejenigen, die in die jeweilige Umwelt am besten passen, setzen sich durch (survival of the fittest). Einen der Evolution immanenten Sinn gibt es danach nicht.

Nun kann man begründet fragen, ob dies durch die Tatsachen gedeckt und plausibel ist. Dabei ist fest zu halten, dass bislang keine eindeutige und allgemein anerkannte Erklärung gefunden ist, wie das Leben entstanden ist. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, zum Beispiel über die Rolle der Uratmosphäre aus Methan oder des chemoautotrophen Lebens auf Schwefelbasis ohne Sonnenenergie an den sog. Schwarzen Rauchern, aber es handelt sich dabei um mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen. Auch die Möglichkeit der Entstehung von biologischen Makromolekülen meint man einigermaßen nachgewiesen zu haben, ohne dass es dafür eine allgemein gültige Theorie gäbe. Schließlich gibt es aus Sicht der Statistiker bzw. Mathematiker bislang keine Grundlage dafür, dass es eine berechenbare Möglichkeit für den statistischen Zufall sowohl der Entstehung von Leben als auch der Realisierung mannigfaltiger Mutationen und Variationen mit dem tatsächlich vorliegenden Ergebnis gibt. Auch Milliarden und Millionen von Jahren reichen dafür nicht aus.

Fossile Hominiden

Fossile Hominiden – The Museum of Osteology (Wikimedia)

Zwar weiß man heute mehr über das Wechselverhältnis zwischen Umwelt und genetischen Schaltern (Epigenetik) und erkennt auch, dass die lange Zeit übliche Rede von „Junk-DNA“ fragwürdig ist. Dies zeigt aber nur, dass die tatsächlichen Prozesse der genetischen Prädispositionen und auf äußeren Druck hin veranlassten Veränderungen bisher nur unvollständig bekannt und verstanden sind. Der fortgehende Prozess der Evolution enthält offenbar noch viel mehr Unbekannte, als bislang angenommen und theoretisch verarbeitet wurde.

Ein wirkliches Problem ist die Funktion des Zufalls (von Mutation und Variation) und die physikalische Geschlossenheit (Kausalitätskette) der Theorie, die keine Zweckrichtung (telos) anerkennen kann. Es gibt eine Vielzahl von Erscheinungen innerhalb der Evolution, die eine solche Zweckmäßigkeit, sogar eine Ausrichtung auf ein Ziel hin plausibel machen. Zumindest kann man umgekehrt sagen, dass die zufallsbedingte Sinn- und Zwecklosigkeit der Evolution alles andere als einleuchtend und augenfällig ist. Die Rede davon, dass „die Evolution“ dieses oder jenes so eingerichtet habe, ist schon etwas verräterisch, suggeriert sie doch ein zielgerichtetes Agens.

Es sind vor allem zwei Gruppen von Phänomenen, auf die sich das Argument der Zielgerichtetheit stützen kann: Evolutionäre Konvergenz und der physikalische Ermöglichungsrahmen (z.B. Wasser, Kohlenstoff, planetarische „Lebenszone“, physikalische Konstanten). Konvergenz meint die zeitlich und räumlich von einander unabhängige Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Ausstattung von Lebewesen (z.B. das Auge). Stichworte dazu: Adaptionen, Attraktoren. Andere Anpassungen (z.B. Federn aus Schuppen oder Flughäute bei Säugern und Fischen) sind so verblüffend, dass es schwer fällt, hier an puren Zufall (Variation durch Mutation) zu glauben. Wissenschaftler wie der Paläobiologe Simon Conway Morris halten die Konvergenz als das treibende Prinzip der Evolution (Jenseits des Zufalls, 2008). Andere Wissenschaftler sprechen vom anthropischen Prinzip. Es wird in zwei Formen vertreten, erkenntnistheoretisch und kosmologisch. Kosmologisch wird zwischen dem schwachen (unsere Welt ist als mögliche Welt unter vielen so beschaffen, dass sie menschliches Leben möglich macht) und dem starken (für unser Universum ist die Entwicklung des Lebens bis hin zum Menschen zwangsläufig) anthropischen Prinzip unterschieden. Besonders letzteres ist äußerst umstritten, zumal es gerne von Kreationisten in Anspruch genommen wird.

Der Ermöglichungsrahmen meint die physikalisch-kosmologischen Voraussetzungen, die für die Entstehung von Leben auf der Erde gegeben sind. Das beginnt schon bei der bisher unerklärlichen geringfügigen Asymmetrie zwischen positiver und negativer Materie. Wie sagen die Kosmologen? Geringfügige „Dichteschwankungen“ nach dem Big Bang (auch so eine Metapher) sind dafür verantwortlich, das sich nicht alles in einem einzigen Akt der Annihilation wieder in Energie aufgelöst hat. Daran fügen sich eine Vielzahl weiterer eigentümlicher Bedingungen und Konstanten an, die Leben, wie wir es kennen, auf der Erde ermöglicht haben. Ob es nicht-kohlenstoffbasiertes Leben ohne Wasser geben könnte, ist eine spekulative Frage.

Noch einmal, um jedes Missverständnis auszuschließen: Die Gerichtetheit der Evolution bedeutet weder die Annahme eines ‚höheren Wesens‘ (Schöpfergottes) noch überhaupt die Annahme eines transzendenten, übernatürlichen „Designers“. Vielmehr ist in diesem Falle zu klären, wie sich eine plausible Zweckhaftigkeit und Zielgerichtetheit der evolutionären Entwicklung immanent, also in den Dingen selbst, denken lässt. Der strikte Physikalismus führt hier offenbar schon aufgrund der geforderten kausalen Geschlossenheit nicht weiter. An dieser Stelle sind wir bei einer eminent philosophischen, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fragestellung angelangt.

Eine mögliche Weiterführung könnte in der Denkfigur von Form und Substanz liegen, wie sie von Aristoteles formuliert worden ist. Es geht beileibe nicht darum, zu einer aristotelischen Konzeption zurück zu kehren, sondern die Fruchtbarkeit einer Denkweise zu prüfen und den heutigen Erkenntnissen anzupassen, die ohne theistische oder sonst wie übernatürliche Transzendenz Ziele und Zwecke natürlicher (evolutionärer) Phänomene sachgemäß beschreiben kann. Aristoteles kann durchaus als Denker der Immanenz rezipiert werden. Sein Begriff der Entelechie, also der Zielbestimmung und Zweckerfüllung eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, sein Begriffspaar von Akt und Potenz (energeia, dynamis) sind Denkfiguren, die aus meiner Sicht in der heutigen Philosophie nichtdualistisch möglich und darum anschluss- und ausbaufähig sind. Man müsste den aristotelischen Form-Begriff (forma) zunächst von seinem scholastischen Ballast befreien und ihn für die Gegenwart neu gewinnen und bestimmen. Ansätze dazu gibt es (z.B. Tobias Kläden). So viel kann hier nur angedeutet werden.

Es zeigt sich, dass der andauernde Prozess der Evolution offenbar sehr viel verwickelter und differenzierter verläuft, als es Charles Darwin vermutet hat. Er hat Grundelemente entdeckt und beschrieben. Die heutige synthetische Evolutionstheorie erfasst das, was Evolution bedeutet, immer noch unvollkommen. Das gilt sowohl für die empirischen Befunde als auch für das erkenntnistheoretische Rüstzeug. Es gibt hier auch für die Philosophie reichlich Denkarbeit.