Aug 172013
 

Um die Evolution und die Evolutionsbiologie ist es derzeit etwas ruhiger geworden. Das gibt Gelegenheit nachzufragen, wie der Stand aus erkenntnistheoretischer beziehungsweise wissenschaftstheoretischer Sicht ist.

Ich unterscheide Evolutionstheorie und Evolution. Während der biologische Begriff Evolution ganz allgemein den Vorgang der Entstehung von Arten (Spezies) aus jeweiligen Vorläufern bezeichnet, ist die Evolutionstheorie ein methodisches Instrumentarium mit bestimmten Grundannahmen, Vorgehensweisen und Erklärungsmustern zum Verständnis und zur Erklärung des Entstehungs- und Veränderungsprozesses von Lebewesen. Während der Vorgang der Entstehung der Arten als solcher als eine Tatsache kaum bezweifelt werden kann, sind kritische Nachfragen zur jeweiligen Evolutionstheorie und ihren erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und Implikationen durchaus erlaubt und geboten.

Diese Unterscheidung soll kategorial falsche Alternativen ausschließen. Gegen die Evolution kann man nur sein, indem man die Augen vor Tatsachen verschließt. Gegen die Evolutionstheorie in ihrer gegenwärtigen Form kann mit guten Gründen argumentiert werden. Die Gegenposition ist darum weder der Kreationismus noch die Propagierung eines „intelligent design“. Der Kreationismus ist eine religiöse Glaubenslehre, die den Vorgang der Evolution als solchen bezweifelt, aber gar keine wissenschaftliche Begründung anstrebt und darum auch kategorial keine Gegenposition ist. Man kann es glauben oder nicht. Die Rede vom „intelligent design“ ist eine bestimmte, keineswegs zwangsläufige Deutung der Evolutionstheorie. Diese Hypothese argumentiert zwar auf der wissenschaftlichen Ebene, nimmt aber Schlussfolgerungen und Interpretationen in Anspruch, die durchaus bezweifelbar sind. Einige Kritiker bemängeln, dass mit dieser Interpretation bereits die wissenschaftliche Ebene verlassen sei. Auch das gilt es zu überprüfen.

Die Evolutionstheorie in der Form, wie heute allgemein auch in der philosophischen Diskussion auf sie Bezug genommen wird, erklärt die Entstehung des Lebens aus biochemischen Prozessen und beschreibt die Entwicklung (lat. evolutio) der Arten durch Mutation, Variation und Selektion (Anpassung). Dieser Vorgang ist sowohl kausal geschlossen als auch zufällig. Es gibt im Rückblick auf die einzelnen Stadien der Entwicklung also eine geschlossene Kausalkette, wiewohl konkrete Einzelergebnisse der Anpassung als zufällig entstanden gelten. Denn als wesentliche Voraussetzung der physikalischen Geschlossenheit der Evolutionstheorie gilt, dass die Evolution keine Ziele und Zwecke kennt.

Unter diesen Voraussetzungen aber gilt: „Durch ihre deskriptiven und kausalen Aussagen wurde diese Theorie zum zentralen organisierenden Prinzip der modernen Biologie und liefert eine fundierte Erklärung für die Vielfalt des Lebens auf der Erde.“ (Wikipedia; eine gute Übersicht über die evolutionstheoretische Debatte, ihre Positionen und Probleme, gibt Anna Ignatius.)

Gleichwohl wird in der allgemeinen Diskussion oft davon gesprochen, „die Evolution“ habe dies und jenes vollbracht / bewirkt / hervor gebracht. Diese Rede von der Evolution gleichsam als Akteur ist allenfalls metaphorisch zu nehmen, ähnlich wie in verbreiteter Redeweise „das Gehirn“ zum personifizierten Akteur wird. Die Prozesse der Entwicklung des Lebens und der Arten sind aber, so die Grundvoraussetzung der Theorie, kausal geschlossen und in sich ziel- und zwecklos. Einzelne Resultate entstehen zufällig, und diejenigen, die in die jeweilige Umwelt am besten passen, setzen sich durch (survival of the fittest). Einen der Evolution immanenten Sinn gibt es danach nicht.

Nun kann man begründet fragen, ob dies durch die Tatsachen gedeckt und plausibel ist. Dabei ist fest zu halten, dass bislang keine eindeutige und allgemein anerkannte Erklärung gefunden ist, wie das Leben entstanden ist. Es gibt eine Vielzahl von Theorien, zum Beispiel über die Rolle der Uratmosphäre aus Methan oder des chemoautotrophen Lebens auf Schwefelbasis ohne Sonnenenergie an den sog. Schwarzen Rauchern, aber es handelt sich dabei um mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen. Auch die Möglichkeit der Entstehung von biologischen Makromolekülen meint man einigermaßen nachgewiesen zu haben, ohne dass es dafür eine allgemein gültige Theorie gäbe. Schließlich gibt es aus Sicht der Statistiker bzw. Mathematiker bislang keine Grundlage dafür, dass es eine berechenbare Möglichkeit für den statistischen Zufall sowohl der Entstehung von Leben als auch der Realisierung mannigfaltiger Mutationen und Variationen mit dem tatsächlich vorliegenden Ergebnis gibt. Auch Milliarden und Millionen von Jahren reichen dafür nicht aus.

Fossile Hominiden

Fossile Hominiden – The Museum of Osteology (Wikimedia)

Zwar weiß man heute mehr über das Wechselverhältnis zwischen Umwelt und genetischen Schaltern (Epigenetik) und erkennt auch, dass die lange Zeit übliche Rede von „Junk-DNA“ fragwürdig ist. Dies zeigt aber nur, dass die tatsächlichen Prozesse der genetischen Prädispositionen und auf äußeren Druck hin veranlassten Veränderungen bisher nur unvollständig bekannt und verstanden sind. Der fortgehende Prozess der Evolution enthält offenbar noch viel mehr Unbekannte, als bislang angenommen und theoretisch verarbeitet wurde.

Ein wirkliches Problem ist die Funktion des Zufalls (von Mutation und Variation) und die physikalische Geschlossenheit (Kausalitätskette) der Theorie, die keine Zweckrichtung (telos) anerkennen kann. Es gibt eine Vielzahl von Erscheinungen innerhalb der Evolution, die eine solche Zweckmäßigkeit, sogar eine Ausrichtung auf ein Ziel hin plausibel machen. Zumindest kann man umgekehrt sagen, dass die zufallsbedingte Sinn- und Zwecklosigkeit der Evolution alles andere als einleuchtend und augenfällig ist. Die Rede davon, dass „die Evolution“ dieses oder jenes so eingerichtet habe, ist schon etwas verräterisch, suggeriert sie doch ein zielgerichtetes Agens.

Es sind vor allem zwei Gruppen von Phänomenen, auf die sich das Argument der Zielgerichtetheit stützen kann: Evolutionäre Konvergenz und der physikalische Ermöglichungsrahmen (z.B. Wasser, Kohlenstoff, planetarische „Lebenszone“, physikalische Konstanten). Konvergenz meint die zeitlich und räumlich von einander unabhängige Entwicklung bestimmter Fähigkeiten und Ausstattung von Lebewesen (z.B. das Auge). Stichworte dazu: Adaptionen, Attraktoren. Andere Anpassungen (z.B. Federn aus Schuppen oder Flughäute bei Säugern und Fischen) sind so verblüffend, dass es schwer fällt, hier an puren Zufall (Variation durch Mutation) zu glauben. Wissenschaftler wie der Paläobiologe Simon Conway Morris halten die Konvergenz als das treibende Prinzip der Evolution (Jenseits des Zufalls, 2008). Andere Wissenschaftler sprechen vom anthropischen Prinzip. Es wird in zwei Formen vertreten, erkenntnistheoretisch und kosmologisch. Kosmologisch wird zwischen dem schwachen (unsere Welt ist als mögliche Welt unter vielen so beschaffen, dass sie menschliches Leben möglich macht) und dem starken (für unser Universum ist die Entwicklung des Lebens bis hin zum Menschen zwangsläufig) anthropischen Prinzip unterschieden. Besonders letzteres ist äußerst umstritten, zumal es gerne von Kreationisten in Anspruch genommen wird.

Der Ermöglichungsrahmen meint die physikalisch-kosmologischen Voraussetzungen, die für die Entstehung von Leben auf der Erde gegeben sind. Das beginnt schon bei der bisher unerklärlichen geringfügigen Asymmetrie zwischen positiver und negativer Materie. Wie sagen die Kosmologen? Geringfügige „Dichteschwankungen“ nach dem Big Bang (auch so eine Metapher) sind dafür verantwortlich, das sich nicht alles in einem einzigen Akt der Annihilation wieder in Energie aufgelöst hat. Daran fügen sich eine Vielzahl weiterer eigentümlicher Bedingungen und Konstanten an, die Leben, wie wir es kennen, auf der Erde ermöglicht haben. Ob es nicht-kohlenstoffbasiertes Leben ohne Wasser geben könnte, ist eine spekulative Frage.

Noch einmal, um jedes Missverständnis auszuschließen: Die Gerichtetheit der Evolution bedeutet weder die Annahme eines ‚höheren Wesens‘ (Schöpfergottes) noch überhaupt die Annahme eines transzendenten, übernatürlichen „Designers“. Vielmehr ist in diesem Falle zu klären, wie sich eine plausible Zweckhaftigkeit und Zielgerichtetheit der evolutionären Entwicklung immanent, also in den Dingen selbst, denken lässt. Der strikte Physikalismus führt hier offenbar schon aufgrund der geforderten kausalen Geschlossenheit nicht weiter. An dieser Stelle sind wir bei einer eminent philosophischen, erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fragestellung angelangt.

Eine mögliche Weiterführung könnte in der Denkfigur von Form und Substanz liegen, wie sie von Aristoteles formuliert worden ist. Es geht beileibe nicht darum, zu einer aristotelischen Konzeption zurück zu kehren, sondern die Fruchtbarkeit einer Denkweise zu prüfen und den heutigen Erkenntnissen anzupassen, die ohne theistische oder sonst wie übernatürliche Transzendenz Ziele und Zwecke natürlicher (evolutionärer) Phänomene sachgemäß beschreiben kann. Aristoteles kann durchaus als Denker der Immanenz rezipiert werden. Sein Begriff der Entelechie, also der Zielbestimmung und Zweckerfüllung eines Gegenstandes oder Sachverhaltes, sein Begriffspaar von Akt und Potenz (energeia, dynamis) sind Denkfiguren, die aus meiner Sicht in der heutigen Philosophie nichtdualistisch möglich und darum anschluss- und ausbaufähig sind. Man müsste den aristotelischen Form-Begriff (forma) zunächst von seinem scholastischen Ballast befreien und ihn für die Gegenwart neu gewinnen und bestimmen. Ansätze dazu gibt es (z.B. Tobias Kläden). So viel kann hier nur angedeutet werden.

Es zeigt sich, dass der andauernde Prozess der Evolution offenbar sehr viel verwickelter und differenzierter verläuft, als es Charles Darwin vermutet hat. Er hat Grundelemente entdeckt und beschrieben. Die heutige synthetische Evolutionstheorie erfasst das, was Evolution bedeutet, immer noch unvollkommen. Das gilt sowohl für die empirischen Befunde als auch für das erkenntnistheoretische Rüstzeug. Es gibt hier auch für die Philosophie reichlich Denkarbeit.