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Vernunft vernünftig denken

Was ist ein Rationalist? Ich bezeichne mich gerne so. Vernünftig zu sein ist eine Lebenseinstellung. Natürlich bin ich nicht immer vernünftig, und meist weiß ich das auch ganz genau – und tue es dann trotzdem. Manchmal bereue ich es, manchmal nicht. Phantasie und verrückte Ideen sind bisweilen viel besser als eine vernünftige Handlung, mag ihre Vernünftigkeit nur scheinbar oder offensichtlich sein. Aber was ist eigentlich „vernünftig“?

Vernunft im Alltag hat etwas mit ruhiger Abwägung zu tun, Vor- und Nachteile auflisten, Begründungen suchen, Motive aufdecken (warum will ich das eigentlich?), Ziele oder Zwecke benennen, Wege und Lösungen abklären. Bei wichtigen Entscheidungen im Leben werden das wohl viele so machen, bei einer größeren Anschaffung zum Beispiel, beim Wechsel des Berufs oder der Arbeitsstelle. Bei einer Partnerwahl oder Heirat geschieht das wohl seltener. Da kommt das Gefühl, Liebe ins Spiel, obwohl in einer festen Partnerschaft bzw. Ehe das meiste aus Gewöhnung, Gewohnheit, Vertrautheit besteht. Vernünftig ist man dann, sagen wir, wenn man den eigenen Verstand zu Rate zieht und arbeiten lässt. Faktisch werden allerdings alle unsere Entscheidungen aus einer Mischung von Vernunft, emotionalen Impulsen, Vorlieben und Voreinstellungen getroffen. Auch wenn also das Unbewusste eine große, vielleicht entscheidende Rolle spielt, entbindet es uns ja nicht von der Verantwortung, uns über die eigenen Absichten und Motive Rechenschaft abzulegen.

Die Vernunft ist diejenige Seite von uns, die eine Sache erklärbar und kommunikabel macht. Die Kommunikation kann im Selbstgespräch oder mit Gesprächspartnern geschehen. Ich kann um Rat fragen, meine Absicht erklären und um weitere Argumente pro oder contra nachsuchen. Vernunft ist dann die Instanz, die uns zu einem Ergebnis, zu einem Urteil führt: Ja, so mache ich das jetzt. Man kennt einige Vor- und Nachteile und entschließt sich dann für eine bestimmte Lösung oder einen bestimmten Weg, wohl wissend, dass es da einige Risiken gibt, die haben sich ja im Contra gezeigt. Eine rationale Lebenseinstellung sucht nach solchen Abwägungen, wo immer es möglich und hilfreich ist. Rationale Entscheidungen sind nicht immer richtig, aber sie machen immerhin Gründe und Ziele geltend, auch wenn man sich über einzelne Voraussetzungen und Ausgangsbedingungen täuschen kann. „Nach bestem Wissen und Gewissen“ heißt es dann, und das ist schon eine ganze Menge.

Aber ist die Vernunft wirklich alles, ist sie wirklich letztentscheidend? Ich wies schon auf die Erkenntnisse der Psychologie hin, die zeigen, wie sehr wir von vielem anderen und eben nicht allein von der Vernunft bewegt werden. Bisweilen erscheint eine vernünftige Begründung wie ein Deckmäntelchen für ganz andere Motive, die unter der Decke bleiben. Dennoch, und das nehme ich für mich als Rationalist in Anspruch, ist vernünftiges Abwägen und Urteilen das einzige Mittel, das wir Menschen haben, um nachvollziehbare und begründete Entscheidungen zu treffen. Natürlich auf dem Hintergrund von Informationen, die ich einholen muss, von Diskussionen, denen ich mich aussetzen muss, von Beweggründen und Einstellungen, die ich nicht immer vollständig erkennen und aufklären kann. Dennoch ist die Vernunft der beste und wichtigste Teil meines erwachsenen Menschseins. Ich sollte sie darum pflegen, üben, ausprobieren, erweitern, auf den Prüfstand stellen, mal einklammern können – alles richtig, aber nichtsdestotrotz ist sie, die Vernunft, ein unverzichtbarer Leitfaden, eine unentbehrliche Grundlage des Lebens.

Der Artikel „Rationalismus“ in der Wikipedia stellt einleitend fest:

Rationalismus (lateinisch ratio Vernunft) bezeichnet philosophische Strömungen und Projekte, die rationales Denken beim Erwerb und bei der Begründung von Wissen für vorrangig oder für allein hinreichend halten. Damit verbunden ist eine Abwertung anderer Erkenntnis­quellen, etwa Sinneserfahrung (Empirie) oder religiöser Offenbarung und Überlieferung. Positionen, die der auf sich gestellten menschlichen Vernunft nur für begrenzte Gegenstandsbereiche oder gar kein objektives Wissen zutrauen, wie etwa die Spielarten des Irrationalismus und der „Vernunftskepsis“, die auch einigen Vertretern der Postmoderne zugeschrieben werden, gelten daher als „anti-rationalistisch“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Rationalismus

Das „allein hinreichend“ habe ich schon eingeschränkt, darum bin ich sicher kein Rationalist im Sinne dieser Definition einer Denkrichtung der Philosophiegeschichte. Die Festlegung des Rationalismus auf den „Erwerb und die Begründung von Wissen“ halte ich ebenfalls für eine Einschränkung, die erweitert werden muss: Lebenseinstellung ist mehr als nur Wissen, und Intuition und Phantasie müssen kein Widerspruch sein zu einer vernünftigen Argumentation und Haltung. Ein begnadeter Schachspieler braucht immer neben genauester Kenntnis bewährter Kombinationen Phantasie und Weitblick, wenn etwas Neues herauskommen soll. Zur kreativen Vernunft gehört also sicher auch Phantasie, Einfühlungsvermögen, Grenzüberschreitung. Genau dies gehört sogar in ganz besonderer Weise zur Vernunft und Vernünftigkeit hinzu. Das zeigen schon die alten Philosophen, allen voran die großen Griechen, Platon und Aristoteles. Sie waren zu einer geistigen Weitsicht, zu einer methodisch kontrollierten Begrifflichkeit und zu einem Darüber-hinaus-Denken in der Lage, das die Denk-Geschichte des abendländischen Menschen über Jahrhunderte, Jahrtausende geprägt hat. Schon bei ihnen wird ein weiterer Punkt der Wikipedia-Definition fraglich: dass Vernünftigkeit mit der „Abwertung anderer Erkenntnis­quellen, etwa Sinneserfahrung (Empirie) oder religiöser Offenbarung“ verbunden ist. Das ist mitnichten so, wie uns nicht zuletzt Willard Van Orman Quine mit seinem ‚Netz des Vertrauens‘ (Holismus) deutlich gemacht hat. Denn es verhält sich so noch sehr viel grundsätzlicher.

Was die alten Philosophen mit (griechisch) Nous bezeichneten, war mehr als das, was dann die Lateiner mit ratio übersetzten. Vielleicht kommt die Unterscheidung Immanuel Kants zwischen Verstand und Vernunft dem etwas näher. Ist bei ihm der Verstand an die Sinneseindrücke gebunden und insofern aposteriorisch, so gilt für die Vernunft ein Apriori:

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“

 Vorrede zur 1. Auflage der Kritik der reinen Vernunft

Der (altgriechische) Nous umfasst Denken, Vernunft, Geist, Seele, alles zusammen. Für Aristoteles ist der Nous der oberste Teil der menschlichen Seele, zur Erkenntnis bestimmt und von göttlicher Qualität. Man kann einmal offen lassen, ob Aristoteles ‚göttlich‘ als reines Prädikat verstanden hat im Sinne höchster Auszeichnung, oder ob er es als ‚dem Gott eigentümlich‘ verstanden wissen wollte. Vielleicht ist schon diese Frage falsch gestellt: Der Nous als Vernunft an sich ist ‚göttlich‘, weil er definiert, was eigentlich göttlich bedeutet: Einsicht, Wissen, Erkenntnis. Das hat natürlich etwas mit dem verstandesmäßig korrekten Denken zu tun (Aristoteles legte die Grundlagen der abendländischen philosophischen Logik), geht aber darüber hinaus und umfasst mit ‚Wissen‘ auch das, was man Weisheit nennt. In diesem umfassenden Sinn ist der Nous etwas Subjektives, dem Menschen angehörende Vernunft, und zugleich etwas Objektives, über den einzelnen Menschen hinausgehende, intersubjektive Vernunft, ja Weltvernunft. In seiner, Aristoteles‘, Kosmologie nimmt der Nous die Spitze ein.

Wir unterscheiden Wissenschaften nach Fächern und Disziplinen, und die Ausdifferenzierung ist in der Neuzeit bis heute immer mehr fortgeschritten und geht noch weiter. Dennoch tut die Erinnerung daran gut, dass alle Wissenschaft und alles Wissen, alle Erkenntnis und alles Streben nach Weisheit, alle Vernunft und Rationalität doch etwas gemeinsam haben, das das Denken eines Einzelnen umgreift und übersteigt. Wir haben als Lebewesen aus der Klasse der Säugetiere (und Aristoteles wusste eine Menge über Lebewesen und Gattungen) Vernunft und Verstand, vielleicht auch das, was man eine inkorporierte Seele nennen könnte, – aber ebenso gilt: Umfassende Vernunft, Nous, ist uns zugleich äußerlich, affiziert uns, reicht über uns hinaus, bezieht sich intersubjektiv auf andere Vernunftwesen in Vergangenheit und Gegenwart und erstreckt sich sogar auf die gesamte Welt, den Kosmos. Mit meiner Rationalität habe ich Anteil an dieser umfassenden Vernunft. Sie ermöglicht mir und jedem Menschen überhaupt erst Erkenntnis, Wissen, Einsicht, die immer auf einen Gegenstand oder Sachverhalt außerhalb meiner selbst verweist und bezogen ist. Ich habe Vernunft, und Vernunft hat mich.

Leibniz-Denkmal in Hannover. Unten rechts die Rückseite der Skulptur mit der Darstellung des binären Zahlensystems (c) wikimedia

Nur so wird wirkliche Erkenntnis der Welt außer mir möglich. Schauen wir auf die Naturwissenschaft, was sie alles entdeckt hat an Einzeldingen und an Ordnungen, und auch dieses hat schon mit Aristoteles begonnen in seiner „Physik“ und weiteren Naturschriften, welche die abendländische Naturerkenntnis und das Weltbild Jahrhunderte lang beeinflusst haben. In der modernen Naturwissenschaft seit Galilei werden mit genauer Beobachtung, mit Experiment und mathematischer Formalisierung ‚Gesetze‘ gefunden oder aufgestellt, Regularitäten entdeckt und mathematische Zusammenhänge erfasst und formalisiert, die sich so gut zusammen fügen, dass man kaum mehr an Zufall denken mag. Es hat Wissenschaftler und Philosophen der Neuzeit immer wieder fasziniert, wieviel „prästabilierte Harmonie“ in der Welt als Ganzer zu finden ist (Leibniz). Letztlich ist auch der bekannte Ausspruch von Albert Einstein, „Gott würfelt nicht“ (gesagt im Blick auf die stochastische Quantentheorie im Verhältnis zur diskreten Relativitätstheorie), das Bekenntnis zu einer klar erkennbaren und mathematisch eindeutig identifizierbaren Ordnung im Mikro- ebenso wie im Makrokosmos. Selbst wenn Einstein über die Implikationen der Quantentheorie erschrocken war und sie ablehnte, so erkennen Physiker doch heute, dass auch in einem quantentheoretisch fundierten Weltbild inklusive echtem Zufall alles ‚wohlgeordnet‘ ist und ein erstaunliches Maß an Symmetrie aufweist. Eine vermutete oder entdeckte Symmetrieverletzung ist immer ein ernster Hinweis, dass da etwas nicht stimmen könnte in den Theorien und Modellen über das universale Naturgeschehen. Jedenfalls ist es ein Anlass, noch einmal genauer auf die Mathematik schauen, zu beobachten und zu experimentieren, ob da in der verletzten Symmetrie nicht doch noch etwas anderes, bisher Unbekanntes, verborgen ist.

Für mich als einen naturwissenschaftlich vorgebildeten Menschen sind Kosmos und Nous, Kosmologie, Astrophysik, Teilchenphysik, Quantenphysik und vieles mehr einschließlich moderner Evolutions- und Molekularbiologie und so fort – , für mich sind all diese Bereiche unserer besten naturwissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen und tatsächlichen Erkenntnisse ein sehr klarer Hinweis auf eine Vernunft, die der Welt insgesamt innewohnt, wieviel Anteile an ‚Zuschreibungen‘ des modellierenden und begrifflich definierenden Verstandes es auch immer geben mag. Es scheinen mir zwei Seiten derselben Medaille zu sein: Unser subjektives begrifflich-mathematisches Bemühen mit Theorien und Zuschreibungen – und ihre objektiven Entsprechungen, Analogien, in der uns umgebenden und durchdringenden Welt und Natur. Der Nous, diese umfassende Vernunft, ist das Prinzip (die „arché“, würde Aristoteles sagen), die alles begründet und fortführt, vielleicht zu einem Ziel, das wir nicht zu erkennen vermögen.

Als Rationalist muss ich nicht automatisch ein areligiöser Mensch sein. Man muss aber auch nicht religiös sein, um sich mit dem Nous, dem Kosmos, der Vernunft im Ganzen ernsthaft zu beschäftigen, aber es steht einer vernunftgeleiteten Lebenseinstellung auch nicht entgegen. Sicher keine Religion als dogmatisches Lehrgebäude oder als kultische Weltanschauung, aber doch als eine Haltung, die dem, was mich einzelnen Menschen ebenso wie die gesamte Menschheit umfasst und übersteigt, einen Raum gibt, der auch der Vernunft zugehört, ohne dass mein Verstand das immer gleich begreifen kann. Insofern ist der Weg der Wissenschaft ein kritischer: prüfend, tastend, irrend und auch wieder wahrhaftig erkennend, ein Weg, der sich von der Vernunft leiten lässt. Man kann dies auch einen Glauben nennen, einen Glauben an die Vernunft, die alles erkennt und gestaltet, aber vielleicht sollte man es auch Vertrauen nennen: Das Vertrauen darauf, dass die Rätsel der Welt, des Menschen und meines einzelnen Lebens eine Bedeutung im Ganzen haben, – einen wenn auch noch so winzigen Funken Sinn. Und dass es die Vernunft ist, die uns Gegenstände und Sachverhalte, Sinn und Bedeutung der Welt und unserer selbst erkennen und erschließen lässt. Das heißt es, die Vernunft vernünftig zu denken.


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