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Ostern analysiert

Ostern hat in der christlichen Tradition die Auferstehung Jesu Christi zum Inhalt. Analysieren wir diesen Satz.

Ostern ist der Name eines Festes, der in allen christlichen Kirchen und Gemeinden, welcher Ausrichtung und Prägung auch immer, gefeiert wird. Als ein besonderes Fest gehört es zu den Grundgegebenheiten einer religiösen Gemeinschaft von Menschen, die sich als Christen verstehen. Als gemeinsam begangenes Fest ist es ein Ereignis, das einen wesentlichen kommunikativen Akt im religiösen und sozialen Leben einer Kirche / Gemeinde ausmacht, die „christliche Kirche“ ist, – hier und jetzt.

Dies kommunikative Ereignis hat einen religiösen Gehalt. Man kann dabei zunächst an die inhaltlichen Elemente denken, die dieses Ereignis als „Fest“ kennzeichnen und strukturieren. Es könnte dafür eine genauere Analyse der Arten und Formen folgen, in denen „Ostern“ jeweils Gestalt gewinnt, sowohl seiner traditionell vermittelten Herkunft nach als auch in der gegenwärtig vollzogenen kommunikativen Praxis: Um im engeren Sinne gottesdienstliche, „liturgische“ Formen und Prägungen geht es dabei und um eher volkstümliche Sitten und Gebräuche, die sich mit dem Osterfest verbunden haben. Liturgische Formen und volkstümliche Bräuche werden in Beziehungen zu vielerlei ähnlichen, aber unterschiedlichen Inhalten und Bedeutungen gesetzt. Nicht alle werden genuin religiös sein, viele werden nicht genuin „christlich“ sein (wobei zu klären wäre, was das genuin Christliche ist), viele werden regional geprägt und in bestimmter Weise sozial und psychisch konnotiert sein (Tod, Leben). Das Bedeutungsfeld des kommunikativen Ereignisses „Ostern“ ist weitgefasst und ausgreifend, räumlich, zeitlich, symbolisch, dogmatisch, narrativ.

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Mathias Grünewald, Isenheimer Altar 1516 (CC) wikimedia

Beim letzten möchte ich die Analyse fortsetzen: beim Narrativ. Das christliche Osterfest ist mit bestimmten Geschichten verbunden, die als „Ostergeschichten“ zum Kernbestand des neutestamentlichen Teils der Bibel gehören. Ihre Nacherzählung, Wiederholung, symbolisch-liturgische Darstellung, (z.B. Kreuzwege, Feiern der Osternacht usw.), autoritative und performante „Verkündigung“ bestimmen das inhaltliche Zentrum der christlichen Religion, sofern es darin um einen vergegenständlichten Teil eines Glaubens, einer religiösen Überzeugung, einer theologischen und existentiellen „Wahrheit“ geht. Die mit den Ostergeschichten einhergehenden Ansprüche an Glaubwürdigkeit und Wahrheit sind außerordentlich hoch. Sie gilt es zu prüfen.

Der Inhalt und sein Wahrheitsanspruch besteht in der „Auferstehung Jesu Christi“. Was das bedeuten soll, beschreiben und erklären seit zwei Jahrtausenden missionarische „christliche Verkündigungen“, ausgeführt in umfangreichen, ausdifferenzierten Exegesen, Interpretationen, Theologien und Dogmatiken, – zusammen mit Abgrenzungen und Verteidigungen. Da sie für jede Zeit neu formuliert werden, findet der Prozess des Interpretierens und Ausdeutens kein Ende. Der analytische Ansatz hat nun einen ganz bescheidenen Anspruch: Es soll nach dem historischem Rahmen und den faktischen Bedingungen gefragt werden, innerhalb derer das Wort von der „Auferstehung Jesu Christi“ in der hier nicht diskutierten Fortsetzung narrativ, theologisch, dogmatisch, liturgisch, praktisch, sozial, kommunikativ entfaltet wird. Es geht also um die Analyse des Topos „Auferstehung“ und die Art seines Anspruches.

Christen verstehen ihr Erzählen der Ostergeschichten als „Verkündigung“, Kerygma, Predigt: Einige Mitglieder jüdischer Gruppen in römischer Zeit „verkündigen“ die Bedeutung eines Juden mit Namen Jesus (mit der Beifügung „von Nazareth“), seines Todes, Lebens und Wirkens sowie die Besonderheit seines Daseins. Das Wort „verkündigen“ (griech. kerysso = öffentlich bekanntmachen, proklamieren) hat einen quasi offiziellen Unterton. Es geht um ‚etwas verkünden‘, ankündigen, ausrufen mit einer beanspruchten Autorität und behaupteten Vollmacht, die als performative Rede zu verstehen ist: Die „Verkündigung“ verwirklicht und beglaubigt das Verkündigte, sei es Sache oder Person. Dieser eigentümlich Anspruch steht hinter jeder biblischen „Ostergeschichte“, hinter der christlichen „Verkündigung“ = Predigt insgesamt. Sie ist Proklamation und Anrede. Das Narrativ der „Auferstehung Jesu“ ist also kein Bericht, kein amtlicher Report, keine historische Mitteilung, sondern autoritativer Anspruch, der Zustimmung, Einstimmung erheischt. Wir fragen aber nach dem historischen Rahmen und den faktischen Bedingungen dieser Art zu reden.

Der historische Rahmen ist das Judentum im frühen ersten Jahrhundert unter römischer Oberherrschaft. Um diese Zeit, und was sie in jener Region konkret bewegte, erfassen zu können, müssten wir historisches Material aus hellenistischen, römischen, jüdischen Quellen und etwaigen archäologischen Funden (zum Beispiel Qumran) heranziehen, wie es der Methodik und der Arbeitsweise historischer Forschung entspricht. Quellen wollen gesichtet und bewertet, Texte analysiert und verglichen und Fakten soweit möglich erhoben und gesichert werden. Die biblisch-neutestamentlichen Texte können nur in begrenzter Weise als Quellenmaterial verwertet werden aufgrund ihres eigentümlichen Charakters; es ist quasi ‚Werbematerial‘. Das Ziel der Werbung (Anspruch, Zustimmung) steht allemal über Historizität und Faktentreue. Aber auch durch diese christlich-religiöse ‚Verkleidung‘ hindurch geben die „Ostergeschichten“ der „Evangelien“ einiges preis, was historisch und faktiv verwertbar ist.

  1. Ostergeschichten sind ihrem Anspruch nach das Verkünden einer „frohen Botschaft“ (so wörtlich euangelion) von Jesus als von Gott gesandtem „Christus“ (ursprünglich ein Titel), dessen vergangenes Leben durch seinen Tod nicht beendet sei, sondern als „Auferstandener“ / „Auferweckter“ ins rechte Licht und in „ewiges Leben“ versetzt werde.
  2. Alle neutestamentlichen „Zeugnisse“ (sic! sie wollen nichts erklären, sondern etwas bezeugen) gehen von dieser Osterverkündigung aus, setzen sie voraus. Die Proklamation einiger jüdischer Gruppen „christos aneste“ – „Christus ist auferstanden“ ist das Urdatum, das aller christlichen „Verkündigung“ zugrunde liegt.
  3. Diese Verkündigung einer sozial und kulturell aus dem Judentum und seinen Schriften und Traditionen stammenden Menschengruppe, die sich später „Christen“ nannten, ist das konkret historisch Greifbare. Es ist die Faktizität kleiner Gruppen von Menschen, die sich als Anhänger dieses Jesus outeten, durch ihre Verkündigung zu Wort meldeten und in ihren Zusammenkünften historische Realität wurden.
  4. Ein Prozess der wechselseitigen Abgrenzung, deren Spuren man in den biblischen Texten finden kann, führte zur Trennung von der jüdischen Kultusgemeinde und zu eigenständigen „christlichen Gemeinden“ (Selbstbezeichnung), die in den römischen Provinzen Judäa und Syria angesiedelt waren.
  5. Was von Jesus überliefert wird, wissen wir nahezu ausschließlich aus dieser gemeindlichen Verkündigung (wenige außerchristliche Quellen aus dieser frühen Zeit sind kaum unbeeinflusst von der christlichen Propaganda) eine volle Generation nach dem Tod dieses Jesus. Es ist eine absichtsvolle, tendenziöse Botschaft, die sich aus verschiedenen kleineren Formen und Quellen zusammensetzt und schließlich als ein bestimmtes Narrativ „Evangelium“ geschaffen und durchgesetzt wurde.
  6. Zu diesem „christlichen“ Narrativ gehört, dass auch das, was diese Späteren, die kaum mehr Zeitgenossen und Augenzeugen der Lebzeiten Jesu waren, über das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth erzählten, aus der Perspektive der Osterverkündigung gesehen und gestaltet wurde. Es begann damit der Prozess einer Historisierung einer bestimmten Bedeutung. Zuerst war da die Überzeugung (Bekenntnis, Glaube), danach folgte deren quasi ‚historische‘ Verortung und situative Vergegenständlichung.
  7. Der Tod Jesu, über den wir im Einzelnen historisch kaum etwas Verlässliches wissen, wird von der Osterverkündigung her neu interpretiert und mit bestimmten Interpretationsmustern und narrativen Abläufen versehen (Selbstopfer; Sühnetod) und in diesen neuen Bedeutungen als tatsächliche Geschichte verkündet.
  8. Dasselbe gilt für das „Leben Jesu“; wir wissen davon nichts als das, was in der Verkündigung der Evangelien als seine Besonderheit und seine Bedeutung ausgesagt und theologisch gestaltet wird. Das Markus-Evangelium wurde in der theologischen Forschung als „Passionsgeschichte mit ausführlicher Einleitung“ erkannt (Martin Kähler, 1892). Die „Evangelien“ erweisen sich als gestaltete „Geschichte“ aus dem Osterbekenntnis / Osterglauben heraus.
  9. Die Analyse der Historizität und Faktizität ergibt nicht, dass in der christlichen Verkündigung „alles nur Mythos“ sei. Die Forschungsgeschichte der exegetischen Textwissenschaft mit ihrer „historisch-kritischen Methode“ hat längst zu trennen und unterscheiden gelernt zwischen historisch verlässlichen Elementen und religiösen Erzählungen mit eindeutig kerygmatischen Absichten und entsprechenden ideologischen Ausformulierungen. Über den jeweiligen Befund ist man sich nur selten einig geworden.
  10. Immerhin scheint es frühe Traditionen zu geben, die einerseits mit Frauen am Grab in Jerusalem verbunden waren (welcher Art auch immer), andererseits Traditionen aus dem syrischen Raum, die mit ekstatischen Erlebnissen und „Erscheinungen“ zusammenhingen (Paulus). Daran knüpften dann Verkündigungs – Narrative an, bis auf diesen Tag. Das Narrativ der Ostergeschichten will möglichst klar eines sagen: Dieser Jesus gehört als Christus auf die Seite Gottes und ist insofern „Kyrios“: Weltenherr.
  11. Im Fortgang der Zeit wurde damit vieles weitere verbunden, zum Teil recht Disparates aus unterschiedlichen religiösen Traditionen und kulturellen Quellen zusammengefügt. In historisierender Fortschreibung wurde ein umfassendes Narrativ gestaltet, eine „Kultgeschichte“ entworfen und symbolisch vergegenständlicht. Die ursprüngliche „Osterverkündigung“ wurde in einem fortlaufenden Prozess erweitert, neue Elemente wurden integriert, anderes abgestoßen, das Ganze systematisch konzentriert und schließlich zu dem ausgeformt, was wir als die religiöse Form des „christlichen Glaubens“ in unterschiedlichen Ausprägungen vorfinden.

So ergibt die Analyse des historischen Rahmens und der faktischen Bedingungen dies: Eine Klärung und Beschreibung der Bedeutung der Ostergeschichten führt als letztem ‚Datum‘ zur „Verkündigung“ früher jüdischer Gruppen, die sich als eigenständige „communio“, Gemeinschaft und Gemeinde konstituierten. Es gibt keinen Schritt über die Grenze der gemeindlichen Interpretation und ihres religiösen Selbstverständnisses hinaus. Ostern als „Ereignis“ bleibt das Narrativ christlicher Gruppen, deren Hoffnung über den Tod triumphiert. Sie „bezeugen“ darum Jesus Christus als ihren auferstandenen Herrn. Sie werben um einen Glauben, dessen Vertrauenswürdigkeit jeder einzelne Mensch für sich entscheiden muss, wenn er denn will. Die Analyse der Historizität und Faktivität gibt für mehr keinen Raum.


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Eine Antwort auf „Ostern analysiert“

Josef N.: Erkenne vieles wieder. Stimme Dir der Tendenz nach zu. Hätte an einigen Details Kritik. Etwa, daß die Galiläa-Tradition der Erscheinungen, möglicherweise älter als die populäre Frauen-Tradition ist. Aber das sind nur Details.

art: Das ist kein Widerspruch. Ich habe ja gar keine zeitliche Priorisierung vorgenommen. Wichtig ist mir, dass wir historisch und faktisch nichts anderes haben als die Verkündigungs – Aussagen einer späteren Generation. Also voreingenommen. Alles andere ist vage Spekulation.

Im Grunde aktualisiere ich Positionen der früheren Bultmann- Schule. Ostern ist aus meiner Sicht vor allem als sozial – kommunikatives Ereignis von Menschen mit irgendeiner Beziehung zu diesem Jesus und seinem Umfeld zu verstehen. Das Religiöse ist der narrativ gestaltete „Überbau“. Was das genauer heißt, wäre noch auszuführen.

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