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Ethik Gesellschaft

Ethik Dilemma

Falsche Alternativen führen zu falschen Schlüssen

In der gegenwärtigen Situation der Coronakrise wird die öffentliche Diskussion oftmals von Alternativen geprägt, die ethische Grundfragen berühren und zu scheinbar unausweichlichen Gegensätzen führen. Je grundsätzlicher es klingt, desto unauflösbarer scheint der Gegensatz zum Beispiel zwischen „Freiheit“ oder „Leben“. Also ein echtes Dilemma? Noch komplizierter wird es, wenn ethische ‚Werte‘ mit grundgesetzlich garantierten Rechten verbunden oder in eins gesetzt werden. Da werden ‚Würde des Menschen‘, ‚Leben‘, ‚freie Entfaltung der Persönlichkeit‘ und ‚körperliche Unversehrtheit‘ gegeneinander gehalten. Meist noch einmal vereinfacht zu dem Gegensatz ‚Freiheit oder Leben‘. Dies wird dann womöglich als ein ethisches Dilemma bezeichnet. Klärungen sind nötig.

Ethische Fragen sind Wertfragen; sie beruhen auf Werturteilen. In der klassischen Form nach Immanuel Kant geht es dabei um Maximen, die das Handeln leiten, von allen als verbindlich anerkannt werden und Menschen niemals als ‚Mittel zum Zweck‘ behandeln. Die in einer Gesellschaft konkret anerkannten Werte finden ihren Niederschlag in der Verfassung, hierzulande in den unveränderlichen Grundrechten unseres Grundgesetzes. Darüber hinaus gibt es weitere ‚Werte‘, die ihren Ausdruck in Sitten und Gebräuchen finden, die kulturell und regional verschieden sein können und stärker dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Zwar ist der Begriff des ‚Wertes‘ in der wissenschaftlichen Ethik selber umstritten – wie praktisch alles, was mit dem menschlichen Handeln und seinen Normen zu tun hat. Ethisch vertretbare Handlungen sind dabei mit Verantwortung verbunden für das, was man tut, im Hinblick auf die Wirkungen, die diese Handlungen bei anderen erzeugen. – Maßgeblich ist also nicht die ‚reine Gesinnung‘, die den Handelnden leiten mögen. Abseits dieser grundsätzlichen Fragen geht es hier um die praktischen Aspekte ethischer Verantwortung auf dem Hintergrund der Coronakrise.


Wenn es um konkrete Handlungen geht, um ihre Planung und Ausführung, dann kommt stets ein Prozess des Abwägens in Gang darüber, welche Absichten vorliegen, welche Ziele verfolgt werden, welche Mittel zur Verfügung stehen, welche Rücksichten zu nehmen sind, welche Möglichkeiten der Überprüfung und Korrektur bedacht werden usw.. Dieses Abwägen wird bei grundsätzlichen Fragen immer auf dem Hintergrund von Wertvorstellungen als normierendem Orientierungsrahmen stattfinden, mal bewusst, mal unbewusst. Wenn die anstehenden Fragen im besonderen öffentlichen Interesse liegen, werden die Wertvorstellungen der unterschiedlichen Akteure sogar erhebliche Bedeutung haben. Der Streit um den zu wählenden Weg kann dann vordergründig um die ‚Werte‘ geführt werden, mehr als um die konkret zu lösenden Probleme. Solche Diskussionen heben alsbald von der pragmatischen Ebene ab und verwandeln sich in ideologische Meinungskämpfe. Genau das ist derzeit wieder zu beobachten.

Schnell ist man da, wo es grundsätzlich wird, mit einander ausschließenden Positionen bei der Hand, sei es dass man sie selber mit Absolutheitsanspruch vertritt, sei es dass man es dem Meinungsgegner vorwirft und ihn unter Ideologieverdacht stellt. Unversöhnliche Positionen werden eilig zum Dilemma erklärt, dabei geht es ’nur‘ um Grundsätze, die einander zu widerstreiten scheinen, die aber bei näherem Hinsehen selten wirklich unlösbar sind. Ein ethisches Dilemma ist aber eine praktische Unausweichlichkeit, nämlich wenn durch eigenes Handeln so oder so eine Norm verletzt oder ein Gut ‚geopfert‘ wird. Beispiele für solche Dilemmata sind meist theoretisch konstruiert, weil sie praktisch zum Glück selten vorkommen, wie es bei der Abwägung oder Aufrechnung von Leben gegen Leben (Beispiel: Flugzeuginsassen gegen Stadionbesucher) der Fall ist. Im Kontext der Coronakrise ist tatsächlich ein, wirklich nur ein einziges, echtes Dilemma aufgetaucht, das der Triage, also der Priorisierung medizinischer Hilfeleistung bei objektiv unzureichenden Ressourcen. Der Deutsche Ethikrat hat hier die Empfehlung ausgesprochen, im Corona-Triage-Fall einzig nach den „klinischen Erfolgsaussichten“ zu entscheiden – unabhängig von persönlichen Merkmalen. Wie immer bei der Auflösung eines Dilemmas gibt es auch andere Vorschläge und denkbare Optionen.

Was heute aber als das ‚Dilemma‘ zwischen ‚Recht auf Leben‘ und ‚Recht auf Freiheit‘ demonstrativ öffentlich verhandelt wird, hat mit einem wirklichen Dilemma nichts zu tun. Es geht dabei allein um die Entscheidungen auf dem Hintergrund unterschiedlicher Wertvorstellungen und / oder Interessen. Das Grundgesetz wird dabei mehr als Vehikel benutzt, die eigene Meinung zuzuspitzen, und weniger als möglicher Maßstab für die Werturteile politischen Handelns.


Die Logik der Artikel 1 und 2 des GG ist dabei ziemlich einfach und klar: Die oberste Norm aller Grundrechte und Freiheiten ist die Unantastbarkeit der Würde des Menschen (Art. 1). Was diese Norm aber zum Inhalt hat, was also ‚Würde‘ bedeutet, wird in den folgenden Artikeln ausgeführt, zuerst im Artikel 2. Dort werden das „Recht [eines jeden] auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“ und „das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ zueinander ins Verhältnis gesetzt und mit der normativen Feststellung „Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ abgeschlossen. Persönliche Freiheit und das Recht auf unversehrtes Leben werden hier nicht irgendwie priorisiert, sondern als gleichermaßen gültig festgestellt. Allerdings ist eine jede Freiheit wie überhaupt ein jedes Recht nur dann wirksam, wenn die Person, der es gilt, auch lebt. Dieser natürliche Vorrang des Lebens muss dann im Blick auf den Einzelnen in seinem Verhältnis zu den Vielen gewürdigt werden. Im Blick auf das politische Handeln ist das aber eine pragmatische und keine grundsätzliche, schon gar nicht ausweglose Entscheidungsfrage. Sie lässt sich fast immer abgestuft in einem Kompromiss aushandeln.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Der hohe Wert des Schutzes des Lebens und der hohe Wert persönlicher Freiheiten sind keineswegs alternativ oder gegensätzlich, sondern auf einander bezogen; sie bestimmen sich wechselseitig. Konkrete politische und gesellschaftliche Fragen werden hier einen Ausgleich herzustellen suchen, um möglichst beiden hohen Werten gleichermaßen zu entsprechen – und den Einzelnen in der Gesellschaft zu schützen und die Gesellschaft als Ganzes zu erhalten. Das kann in dem Maße gelingen, wie ein großer Problemkomplex in konkrete einzelne Teilaspekte gegliedert wird, um jeweils das Bestmögliche für den Einzelnen wie für alle Schritt für Schritt zu realisieren.

In den derzeit zur Diskussionen stehenden Strategien für eine Wiederaufnahme wirtschaftlicher Tätigkeiten, Berufsausübungen, persönlicher Kontakte und Nutzung von Bildungsangeboten (Kita, Schule usw.) bedeutet das: ein Höchstmaß an effektiven Maßnahmen zur Eindämmung und Kontrolle der Ausbreitung des Coronavirus zu etablieren (Tests, Tracing, Isolierung Infizierter) und zugleich mit dem notwendigen Maß von Kontakteinschränkungen zu verbinden, um auf diese Weise ein wünschenswertes Maß an freier Entfaltung des Lebens zu ermöglichen. Dies wird immer eine Gratwanderung sein, solange kein Impfstoff oder ein wirksames Medikament gegen das SARS 2 – Virus zum endgültigen Stopp der Pandemie zur Verfügung steht. Der konkrete Ausgleich von einschränkenden und befreienden Maßnahmen muss abhängig von der jeweiligen Entwicklung der Pandemie politisch justiert und pragmatisch evaluiert werden.


Nun findet dieser Prozess der Bewertung und des Abwägens nicht unverbindlich im offenen Raum der Gesellschaft statt. Hier sind natürlich massive Interessen im Spiel, die bisweilen offensichtlich, meist aber verdeckt und altruistisch getarnt am Werke sind. So kann man im Namen berechtigter gleicher Bildungschancen und damit der Forderung nach unverzüglicher Öffnung des Schulbetriebs im Grunde nur die breite und freie Verfügbarkeit der Arbeitskräfte meinen, um das wirtschaftliche Leben wieder ungehindert aufnehmen zu können. Natürlich sind auch direkte hedonistische Interessen aktiv, deren berechtigte Verfolgung den Einzelnen zum Beispiel bei der Ausübung von Sport erfüllen, die andererseits aber als im Grunde wirtschaftliches Argument für die Wiedereröffnung des Spielbetriebs in der Fußball Bundesliga eingesetzt werden. Beispiele gibt es viele, denn die Vermischung und Überschneidung von persönlichen Motiven, wirtschaftlichen Interessen und zweckdienlichen Argumenten zur Beeinflussung der Politik ist ja im gesellschaftlichen Meinungsstreit das Normale. Man sollte aber als Beobachter und erst recht als politisch Verantwortlicher sehr wohl zu unterscheiden wissen zwischen dem, was ethisch und rechtlich geboten ist und was den Grundwerten unserer Gesellschaft entspricht, – und dem, was ins Gemeinwohl gekleidete partikulare Interessen sind, die sich einen Vorsprung oder auch nur eine zusätzliche Chance verschaffen wollen. Die Zeit, in der das Staatssäckel weit geöffnet ist, lädt dazu geradeswegs ein.

Auch diese Beobachtung ist weit davon entfernt, auf ein ‚Dilemma‘ hinzuweisen. Der Wettstreit der Interessen und Meinungen gehört zu einer pluralistischen offenen Gesellschaft dazu. Verantwortungsvolle Politik hat sich aber immer, vor allem in solch außergewöhnlichen Zeiten wie diesen, an grundsätzliche Wertvorgaben und bestmöglichem Gemeinwohl ihrer konkreten politischen Maßnahmen zu orientieren. Eine Sache vom Ende zu denken ist dabei bestimmt kein schlechter Ansatz, um gewünschte Wirkungen zu erzielen und unerwünschte Auswirkungen gering zu halten. Ein pragmatisches Vorgehen, das sich auf wissenschaftliche Expertise stützt, ist dabei in Zeiten einer Pandemie sicher der am besten geeignete Weg, um gar nicht erst in ein wirkliches ethisches Dilemma zu geraten, sondern um ethisch und politisch verantwortlich und zum Guten des Ganzen zu handeln.


Zum Weiterlesen: Die Politik im Corona-Dilemma. Eine Naturgewalt schert sich nicht um unsere Gerechtigkeit, von Robert Birnbaum, Tagesspiegel vom 30.04.2020

Christina Berndt, Kein Leben ist weniger wert, Süddeutsche Zeitung

Der Beitrag „Langzeit – Virus“ im Blog publicopinia.

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