Feb 142015
 

[Philosophie]

Die Welt ist alles, was es gibt. Aber was gibt es alles? Ist die Welt der Globus, der Kosmos, das Universum? Bedeutet „es gibt“ dasselbe wie „es existiert“, „es ist vorhanden“, „es ist real“? Ist „real“ dasselbe wie „wirklich“und „wahr“? Was meint „alles“? Wirklich alles, allumfassend? Und wenn ich mir nun noch irgend etwas hinzu denke, formal ausgedrückt „n+1“? Dann wäre doch dies erst alles. Aber ich kann mir immer wieder „eins“ oder „etwas“ hinzu denken. „Alles“ ist niemals abgeschlossen. Wenn die Welt alles ist, was es gibt, dann ist sie niemals abgeschlossen, dann ist die Welt auch nicht alles, was es gibt.

Aber schon in der Mathematik kann man lernen, dass zum Beispiel die Menge der rationalen Zahlen zwischen 0 und 1 unendlich ist. Auf „die Welt“ übertragen hieße das, dass unendlich viele Elemente (Dinge, Tatsachen, Ereignisse) ein allumfassendes Ganzes nicht ausschließen. Die Welt wäre dann eben „alles, was es gibt“ innerhalb eines umschlossenen Ganzen. Aber das kann nicht richtig sein, denn die Welt ist niemals abgeschlossen, niemals ein Ganzes, und das aus zwei Gründen: 1. Weil es eine offene Zukunft gibt und 2. weil ich, der ich „die Welt“ denke, Teil dieser Welt bin.

Betrachten wir zunächst den zweiten Punkt. Wenn ich „die Welt“ denke, mache ich sie zum Objekt wie jeden anderen Gegenstand, über den ich nachdenke. In einer Meta-Reflexion betrachte ich also „die Welt“ plus „Ich“, der ich über die Welt nachdenke. Also ist nicht allein „die Welt“ schon alles, was es gibt, sondern erst „die Welt + Ich“. Aber auch dies kann ich wiederum zum Gegenstand meines Denkens machen, dann habe ich „die Welt“ = „die Welt + Ich“ plus „Ich“ und so fort. Ich kann immer auf einer weitere Metaebene einen Betrachter hinzu fügen und komme niemals an ein Ende damit, „die Welt“ zum Gegenstand zu machen. Also ist die Welt nicht einfach „alles, was es gibt“. [So ähnlich funktioniert übrigens die Argumentation von Markus Gabriel in seinem Buch mit dem Titel „Warum es die Welt nicht gibt.“ 2013]

Der erste Punkt nennt die Zukunft als Grund der Unabgeschlossenheit und darum Un-Definierbarkeit der Welt. Selbst wenn Naturwissenschaftler die Welt als „kausal geschlossen“ bezeichnen, so ist erstens unklar, ob sie damit nicht eher die Natur als Gegenstand ihrer Wissenschaft meinen, und zweitens, dass kausale Geschlossenheit gleichbedeutend ist mit deterministisch: Wüssten wir alle Ursachen, könnten wir auch alle Wirkungen bestimmen und vorher sagen. Kausalität muss aber keineswegs deterministisch sein, wie die Quantenmechanik oder die Chaostheorien zeigen (auch wenn manche selbst diese noch als „deterministisch“ ansehen). Ganz abgesehen davon ist es fraglich, sogar eher unwahrscheinlich, dass es bezogen auf „die Welt“ als alles, was es gibt und ehemals gegeben hat und jemals geben könnte, ein striktes Kausalitätsprinzip gibt. Es existiert nur in der Welt der Naturwissenschaft. Wir kennen aber weder das, was vor dem Urknall war, noch das, was morgen geschieht. Selbst wann man die Zeit als erst mit dem Urknall entstanden denkt (siehe Stephen Hawking), ist eine zeitlose Zeit „davor“ zumindest nicht widerspruchsfrei denkbar – aber ein „Davor“ ist vorstellbar, was auch immer es war. Und für jedes „morgen“ ist alles mögliche vorstellbar, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich auch immer. Die Welt ist mehr als „alles, was es gibt“.

Berlin from Sentinel  Copernicus data/ESA (2014)

Berlin from Sentinel ©  Copernicus data/ESA (2014)

Das hat bei den „exakten“ (Natur-) Wissenschaften zu Unbehagen geführt. So unscharfe, unbestimmte Begriffe wie der Begriff Welt sind dort wenig brauchbar. Darum sprechen sie lieber von unserem Globus bzw. Planeten, wenn man an die Welt als unseren Lebensraum denkt, von der Natur und vom Kosmos oder noch besser vom Universum, wenn man an alles andere denkt, was es sonst noch „da draußen“ gibt. Für diese naturwissenschaftliche Welt gibt es verschiedene weit gehend plausible und akzeptierte Theorien und Modelle, um „das Ganze“ zu verstehen: Die Theorie vom Urknall, von der Expansion des Weltalls (noch ein Wort für „Welt“ in einem bestimmten Sinn), von Schwarzen Löchern oder Dunkler Materie bzw. Energie gehören dazu. Alles schön und gut. Gehen wir einmal davon aus, all dies gibt es, all dies ist wirklich und wahr. Aber es ist nicht alles, schon gar nicht alles das, was wir unter „Welt“ verstehen, wenn wir uns über sie alltäglich unterhalten.

Die Welt, das ist auch der Bereich, in dem wir leben, arbeiten, Familie und Freunde haben, etwas unternehmen, Urlaub machen, ein Hobby pflegen oder krank sind. Das ist eben „unsere Welt“, wie wir sagen. Daneben gibt es noch viele andere Welten, sogar eben so viele, wie es Menschen gibt: Jeder und jede hat eine etwas andere, eigene kleine Welt mit sozialen Bezügen. Ohne Zweifel gibt es auch die Welt des Sports, die Welt der Politik, die Welt der Religion, die Welt der Wissenschaft, die Welt der Medizin, die Welt der Kunst, die Welt der Oper, die Welt der Literatur, der Malerei usw. Natürlich ist da auch noch die Welt der Phantasie, der Märchen, der Legenden, der Mythen und Geschichten. All das „gibt es“. Und ebenso viele Welten gibt es auch – mehr, als ich mir jemals ausdenken kann. All diese verschiedenen Welten machen unsere Wirklichkeit aus, sie existieren wirklich („in einem Sinnfeld erscheinen“ nennt es Markus Gabriel).

Und weil es tatsächlich so ist, dass „die Welt“ immer mehr ist als alles, was da ist, was wir antreffen und erleben, denken und vorstellen können, darum gibt es streng genommen „die Welt“ nicht – nicht als die eine, von außen betrachtbare Ganzheit. Was wir jeweils als unsere Welt erleben, ist insbesondere eine Größe mit Bezügen und Intentionen. Es sind nicht nur Dinge und Tatsachen in der Welt, sondern auch das, was die Dinge und Tatsachen normalerweise (best use) bewirken („Normalfallinferenzen“ nennt es Pirmin Weithofer-Stekeler). Dazu kommen Gedanken, Vorstellungen, Absichten und deren Inhalte, die zur jeweiligen Welt gehören. Die vielen Welten (weit mehr als nur die drei Welten bei Karl Popper) sind also keineswegs bloß subjektive Konstruktionen. Es sind die vielfältigen Gegebenheiten (Dinge, Tatsachen, Ereignisse, Vorstellungen) in unterschiedlichen Sinnzusammenhängen, die auf uns wirken und auf die wir einwirken. Insofern ist „Welt“ so etwas wie ein vieldimensionales Geflecht von „Dingen in Beziehung“, das sich dynamisch und geschichtlich verändert und nie fest steht und dessen Elemente und Grenzen nicht vollständig bestimmbar sind. Auch insofern ist „die Welt“ kein abgeschlossenes Ganzes, sondern eine bunte, bewegte, offene Vielfalt von Wirklichkeiten.

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