Mai 012014
 

[Philosophie]

Unser Zustand ist bemerkenswert unklar. Welcher Zustand? Damit beginnt es schon. „Geistesgeschichtlich“ hätte man vielleicht früher gesagt, aber das ist viel zu akademisch, positionell und einseitig. „Kulturell“, nun das wäre dann gleich so weit gefasst, dass man darunter alles und nichts verstehen kann. Der „öffentliche Diskurs“ – oje, was ist mit „öffentlich“ gemeint, und wer sollte dort welcher Art Diskurs führen? Was ist überhaupt ein Diskurs? Eine fiktionale, abstrahierte, idealisierte Diskussion, und dann von wem und worüber? Ah, „gesellschaftlich“, jaja, auf die Gesellschaft bezogen soll es natürlich auch sein, was wären wir ohne die Gesellschaft? Und schon wieder die Unklarheit: Welche Gesellschaft ist gemeint, eine theoretische, soziologisch bestimmte, eine irgendwie praktisch vorhandene oder die jeweilige begrenzte „Gesellschaft“, in der ich mich gerade befinde? Und in „schlechter Gesellschaft“ möchte ich auch nicht sein. Also bleibt nur die ganz allgemeine Formulierung „Zustand“ – „How are you?“ – Nein, das ist nur eine Floskel. Wenn „Zustand“ so etwas wie ein andauernder Zeitraum ohne Veränderung sein sollte, trifft es noch nicht einmal dieses Wort, denn ich befinde mich nicht in Ruhe (vielleicht im „Ruhestand“ – oder „Unruhestand“?), sondern ich bewege mich in einer Umwelt, die ständig in Bewegung ist, verändere mich in einem Umfeld, das sich seinerseits andauernd verändert, treffe Menschen, die kommen und gehen, so wie ich selber komme und gehe, denke und verwerfe, beobachte und die Augen verschließe, wahrnehme und ausblende. Also frage ich einfach: Wie bin ich in diesem ständigen Wechsel, der sich „Leben“ nennt, dran? Wie sind die Umstände, wie ist das Umfeld dieses Lebensvollzugs und Lebensbezugs? – Aber nein, das klingt ja fürchterlich – abgehoben.

Fang ich nochmal an. Eigentlich möchte ich nur einen vorübergehend distanzierten Blick werfen auf die Welt, in der ich lebe. Es ist wie eine Momentaufnahme: Sie hat eine bestimmte Perspektive, schneidet aus, blendet aus, fängt etwas Bestimmtes ein. Mehrerer solcher Aufnahmen ergeben unterschiedliche Bilder der „Welten“ um mich herum. Denn genau genommen besteht die Welt, in der ich lebe, aus vielen kleinen Mikro-Welten und aus vielen unterschiedlichen Makro-Perspektiven. Zusammen mit anderen Menschen, mit denen ich kommuniziere, mich austausche in Wort, Bild, Schrift, ergibt sich ein buntes Mosaik ganz verschiedener kleinerer oder größerer Welten. Man mag auch sagen, das wären unterschiedliche Weltbezüge, also Verhaltensweisen zur einen, ganzen Welt. Aber ich glaube, diese eine, umfassende Welt ist selber nur eine Fiktion, eine Konstruktion aus Blickwinkel und Nivellierung. Ich lasse es lieber bei den vielen, fast unsagbar vielfältigen Mikro-, Medio- und Makro-Welten und den Perspektiven, die sie mir erscheinen lassen, und den Bezügen, die mich mit ihnen verbinden. Beides, Perspektive und Bezug, ändert sich fortwährend. Schon die „Festschreibung“ einer Welt ist eine objektivierende Abstraktion. Um mich in der Bewegung und Veränderung des Lebens in und mit meinen „Welten“ zu orientieren, brauche ich so etwas wie Bezugspunkte, Fluchtlinien, Wegmarken. Sie mögen für mich eine Zeit lang gelten und hilfreich sein, dann aber können auch sie wieder verschwinden und durch andere ersetzt werden, wie es in der Bewegung der Zeit und des Lebens eben geschieht. ‚Alles ist in Bewegung‘, „alles ist Veränderung‘ muss nicht heißen, alles sei relativ. Es bedeutet aber zumindest, dass die Welten, in denen ich lebe und mich in Beziehungen setze, für mich keine Konstanten sind. Was sie für sich genommen sind, weiß ich nicht. Offenbar sind Wechsel und Veränderung der Perspektiven, des Denkens und des Lebens der Eigentümlichkeit meiner heutigen Existenz eingeschrieben.

Schaue ich nun auf solche Momentaufnahmen wie auf ein paar perspektivische Standfotos aus einem fortlaufenden Film, dann ergibt sich ein recht merkwürdiger, äußerst vielfältiger, disparater Eindruck. Vieles, von dem ich annahm, es habe Gültigkeit, verliert diese. Viele „Erklärungen“ haben den Charakter von Prophezeiungen, Verheißungen, begründet oder leer. Viel Glanz, wenig Gloria.

Die Menschheit wächst zusammen, hieß es.

Es entsteht eine Weltgesellschaft aus verschiedenen Kulturen.

Europa einig Vaterland.

Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind auf dem Vormarsch.

Die finsteren Zeiten von Okkultismus und Aberglauben sind vorbei.

 

An die Stelle roher Gewalt tritt der mediatisierende Ausgleich.

Vernunft und Wissenschaft triumphieren.

Die Technik verbessert unser Leben unaufhaltsam.

Es geht immer weiter aufwärts, bis zum Mond und zu den Sternen und weiter.

Die Wissenschaft ist dabei, die letzten Rätsel des Kosmos, des Lebens und des Bewusstseins zu lösen.

 

Die Digitalisierung katapultiert die Menschheit auf eine neue Stufe der kulturellen Evolution.

Mensch und Maschine werden eins.

Nicht Materielles, nicht gegenständliche Güter, sondern Daten und ihre Verknüpfung sind die wichtigsten Ressourcen der Zukunft.

Die Herrschaft über die Algorithmen bildet die neue herrschende Elite.

Die Rationalität selbstlernender Systeme ist so umfassend, dass sich der Mensch ihnen nur noch anpassen, sich ihrer bedienen bzw. von ihnen ‚bedient‘ werden kann.

 

Das Nirwana der Religionen verwandelt sich in die endlosen Weiten des Cyberspace.

Kultur und Geist sind Spielwiesen des neuen Menschen, dem Privatheit fremd sein wird.

Alles wird gut.

Mmh.

 

Doch dann sehe ich etwas ganz anderes, andere Momente tauchen auf, völlig verschiedene Welten präsentieren sich.

Menschen denken und handeln nur sehr begrenzt rational.

Die Sehnsucht nach dem Geheimnis, nach Mystik, nach dem Unerklärlichen, Unendlichen ist riesengroß.

Die Suche nach Sinn und Erfüllung jenseits zweckrationaler Prinzipien ist höchst aktuell.

Selten ist das Angebot der Religionen so groß gewesen, selten das freiwillige Eingehen von letztgültigen Verbindlichkeiten so umfassend.

 

Keine Theorie des Marktes, des Psychologie oder Soziologie hat bisher das Handeln und Verhalten eines einzelnen Menschen auch nur annähernd zutreffend beschreiben können. Nur der Durchschnitt gilt in Gauss’scher Verteilung.

Menschen lieben Emotionalität, Spontaneität, Kreativität, hassen und lieben, sogar grundlos.

Menschen fürchten Andersartigkeit, Fremdheit, Dunkelheit, Einsamkeit.

Die kleine, nahe Gefahr wird wichtig genommen, die große, aber ferne wird ignoriert.

Was die einen als Gängelung und Bevormundung empfinden, betrachten die anderen als Sicherheit und Bequemlichkeit.

 

Androhung oder Ausübung von Gewalt ist nach wie vor das vorherrschende Mittel der Konfliktlösung.

Unser junges Jahrhundert droht das Jahrhundert der größten Flüchtlingsströme aller Zeiten zu werden.

Die digitale Welt ist auch die Welt der „Netwars„.

Kriege, asymmetrisch oder regulär, stellvertretend oder offen, zwischen Bürgern oder Warlords, zwischen Mächtigen und Mächtigen, zwischen Mächtigen und Machtlosen, mit allen Formen der Grausamkeit und des Leids und des Todes, sind tägliches Ereignis, eher zunehmend als abnehmend. Industrien leben davon.

„Failed states“ scheint die am schnellsten wachsende Staatengruppe zu sein.

Das Bedrohliche eines realen Krieges macht auch vor Europa nicht halt; vielleicht geht eine Ausnahmezeit zu Ende. Man wagt es nicht zu denken.

Der Kampf um materielle Ressourcen, um Macht und Raum ist weiterhin der am meisten verbreitete Kampf, die wichtigste Motivation. Das hat sich seit der Steinzeit wenig geändert.

 

Die Philosophen, die versuchen, „ihre Zeit in Gedanken zu fassen“, haben das weithin aufgegeben. Viel Stückwerk, viel Glasperlenspiel in geistreicher Selbstzufriedenheit oder tatsächlicher Irrelevanz.

Postmoderne Pluralität hat man das genannt. Die große Unübersichtlichkeit. Vielleicht auch die ratlose Richtungslosigkeit.

Scharlatane und Glücksapostel haben Konjunktur, auch und gerade in den digitalen Welten.

Es bleibt nichts anderes übrig, als wach zu bleiben und selber zu denken. So lange man kann.

Das Gefühl ständiger Unbeständigkeit gehört einfach zur Postmoderne.

Bild aus. Licht an. Der Film geht weiter.

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