Feb 072014
 

[Anthropologie]

Eigentlich wissen wir es ja heute ganz genau. Alles begann mit dem Urknall, dem Big Bang, vor 13,7 Milliarden Jahren. Seitdem dehnt sich das Universum, zumindest innerhalb unseres Ereignishorizontes, stetig aus, lässt Galaxien, Sterne, Planeten entstehen, so auch die Erde vor 4,6 Milliarden Jahren. Auf der Erde entwickelte sich vor 3,5 Mrd. Jahren Leben, das sich aus einfachen Formen in immer komplexere Gestalten differenzierte. Seit Darwin nennen wir diesen Vorgang Evolution, wie sich durch Mutation, Selektion und Adaption die jeweils am besten an ihre Umwelt angepassten Lebensformen behaupten und durchsetzen. „Survival of the fittest“, „struggle for life“, „Kampf ums Überleben“ (schlecht übersetzt) sind die bekannten Schlagworte dafür.

Es gibt eigentlich nur ein paar kleine, unwesentliche Dinge, die wir noch nicht so genau wissen. Obwohl die Astrophysiker das Alter des Universums bis hinters Komma genau bestimmen können, ist doch der Vorgang des „Urknalls“ selber recht vage und im Dunkeln. Was da genau und wie es passierte, wissen wir nicht so bestimmt, wiewohl das Standardmodell das Geschehen auf Bruchteile von Sekunden nach dem Knall angibt. Man spricht deswegen lieber von einer „Singularität“, einem aus der Mathematik der Stetigkeit entlehnten Begriff, der in diesem Zusammenhang eine irgendwie irreguläre, nicht weiter zu erkennende und zu beschreibende Stelle im Kosmos anzeigt. „Schwarze Löcher“ sind auch solche Singularitäten, weil in ihnen das Raumzeit-Kontinuum endet.

Viel einfacher liegt die Sache bei der Entstehung des Lebens. Seit vor 35 Jahren die „Schwarzen Raucher“ entdeckt wurden, sind sie der plausibelste Kandidat für den Ort, an dem das Leben aus Wasserstoff, Schwefel und Kohlenstoff als organischen Urprodukten entstand. Dann kamen Darwin und Wallace, danach Ernst Mayr und Julian Huxley, ergänzten die Theorie um das inzwischen bekannte Wissen über Genetik und Populationsbiologie und schufen damit das, was heute als „Synthetische Evolutionstheorie“ bezeichnet wird. Der britische Evolutionsbiologe Wallace Arthur klagt 2004 zwar: „Die Synthese hat sich gänzlich entfernt von Darwins wundervollem Buch. Sein Pluralismus ging verloren, die natürliche Selektion trug den Sieg davon.“ – Fakt ist, dass heute die um ein wenig Epigenetik u.a. erweiterte Synthetische Evolutionstheorie das Standardmodell ist, das die Entstehung und Entwicklung des Lebens streng naturwissenschaftlich kausal beschreibt und „den Wirkungsmechanismus Mutation/Rekombination-Selektion-Adaption stringent anwendet“ (beides zitiert nach Wikipedia). Wir wissen also Bescheid.

Die Kleinigkeit, die dabei oft übersehen wird, ist allerdings: Es handelt sich bei fast all diesen Beschreibungen von Vorgängen, die sich lange vor unserer menschlichen Zeit abgespielt haben, um Theorien, um Modelle, um möglichst ‚plausible‘ Erklärungen, die sich auf ein sehr begrenztes Faktenmaterial stützen müssen. Nicht allein dass man aus aktuell erhobenen Daten und Beobachtungen auf Vorgänge vor Milliarden von Jahren schließen muss (für Historiker ist es ja schon ein Problem, Vorgänge zum Beispiel in der Römischen Republik plausibel zu erklären, und das war nur vor 2000 Jahren), auch die Aussagefähigkeit und das Erklärungspotential der jeweiligen Theorien ist der Sache nach begrenzt und in sich nie lückenlos und widerspruchsfrei. Man muss hier nicht an Gödels Unvollständigkeitsbeweis denken, denn der gilt ja nur für die Mathematik. Aber Vergleichbares kann man durchaus in der Kosmologie und Evolutionsbiologie vermerken. Nichts ist so einfach oder auch nur einfach so, wie es „theoretisch“ aussieht.

Schon der Begriff „Urknall“, Big Bang, scheint eher aus Hollywood als aus exakter Naturwissenschaft zu stammen. Da ist nichts ‚explodiert‘, wir wissen im Grunde überhaupt nicht, was die Tatsache hinter dem phantasievollen Begriff sein könnte. Denn eigentlich müsste sich nach der uranfänglichen Expansion theoriegemäß alles wieder in Wohlgefallen aufgelöst haben, da sich Materie und Antimaterie zu gleichen Teilen annihilieren (sic!). Da das nicht passiert ist, sondern „etwas“ entstand, müssen Dichteschwankungen her, die das eigentlich unerklärliche Überwiegen der Materie gegenüber der Antimaterie erklären sollen. Und dann die dunkle Materie und dunkle Energie, diese unerklärlich vorhandenen Konstanten… Nun ja, Genaues weiß man nicht, es war ja auch keiner dabei, – aber einige Theorien hat man. Und ob es wirklich „plausibel“ ist, aus Experimenten unter heutigen Bedingungen (CERN, Large Hadron Collider) Rückschlüsse auf die Entstehung des Universums zu ziehen, sei dahin gestellt. Die beteiligten Physiker jedenfalls sind da sehr viel vorsichtiger und sprechen allenfalls von annähernd vergleichbaren Bedingungen wie kurz nach dem Big Bang – so es diesen denn in der Form überhaupt gab, wie er heute gerne in populärer Naturwissenschaft dargestellt wird.

Eine andere Singularität wackelt jedenfalls schon beträchtlich, nachdem nun auch Stephen Hawking jüngst seine früheren Theorien über die Schwarzen Löcher widerrufen hat (Information Preservation and Weather Forecasting for Black Holes, August 2013). Offenbar kann man über und womöglich aus Schwarzen Löchern doch mehr heraus lesen als gedacht – womit sie keine Singularitäten mehr wären.

Tja, und so geht das bei der Evolutionstheorie weiter. Sie erklärt so vieles ganz genau, nur nicht, wie es wirklich zur Entstehung von Leben hat kommen können, wir haben kein nachvollziehbares Experiment, nichts außer Theorien, die in diesem Falle mehr Spekulationen sind darüber, wie aus vororganischen Molekülketten sich selber reproduzierende RNA / DNA entstehen konnte, – wirklich no idea. Man muss schon hart nachfragen, um dieses Eingeständnis zu erhalten. Wie sich das Leben und seine vielfältigen Formen kausal lückenlos determiniert entwickelt haben, kann man zwar im Nachhinein recht gut nachvollziehen, die Redundanzen und Konvergenzen aber als puren Zufall zu deklarieren fällt selbst den Evolutionsbiologen schwer. Abgesehen davon, dass es strittig ist, ob die Wahrscheinlichkeitsrechnung (anders gesagt trial and error) als Erklärung für die tatsächliche anscheinend geradlinige Entwicklung des Lebens ausreichend ist, so fällt es immer schwerer, von der Ziellosigkeit des reinen Zufalls auszugehen, wo doch ‚intuitiv‘ alles auf Zielgerichtetheit hinzuweisen scheint. Um dies zuzugeben, muss man übrigens nicht gottgläubig oder Kreationist sein.

Schließlich ist da noch die Sache mit dem Geist. Während die einen ihn nur noch als sprachliche Altertümlichkeit gegenüber seinen exakteren neuronalen Korrelaten ansehen können, behauptet er sich doch mit unveräußerlicher Innerlichkeit (!), Spontaneität und Phantasie (analytisch diskutiert anhand der Qualia und Intentionalität) dem materialistischen oder auch nur sprach-logischen Zugriff. Dem liegen unausgesprochen bereits ontologische Vorentscheidungen zugrunde über das, was Wirklichkeit und Bedeutungsgehalt einzig sein können. Geistvoll wird also darüber seit Jahrzehnten diskutiert, ob und was überhaupt noch der Geist neben dem Gehirn zu schaffen hat. Auch die Geist – Gehirn – Debatte zeigt diesen etwas merkwürdigen Befund: Auf den ersten Blick scheint wissenschaftlich (fast) alles geklärt zu sein, erst bei Nachfragen aber erhält man eine klare Antwort: „Wir haben keine Ahnung, wie unser Gehirn Gedanken und Gefühle produziert.“ (Kári Stefansson, Neurologe und Genetiker).

Was wir also haben ist eine exponential wachsende Menge naturwissenschaftlicher Daten und Befunde und eine sehr begrenzte Auswahl an Modellen und Theorien, diese Fakten zu interpretieren – und die Konzeptionen, Modelle und Theorien sind in ihrem Aussagewert wiederum eng begrenzt aufgrund der gewählten Anfangsbedingungen. Daraus ein Weltmodell oder gar eine Weltanschauung zu machen, ist reichlich verwegen. Genau das geschieht aber. In unserer Zeit ist die herrschende Weltanschauung naturalistisch-materialistisch. Sie ist so gut und so schlecht begründet wie andere Weltanschauungen auch. Vor allem ist sie eines nicht: eine exakte Beschreibung der Wirklichkeit, nicht einmal ein annähernd wissenschaftlich konsistentes Gesamtbild, allenfalls der naturwissenschaftliche Ausschnitt. Was auch sonst. Und: Bisher stellt sich das Leben als eine einzige große „Singularität“ dar, trotz aller YETI-Suche.

Somit landen wir dort, wo Philosophie bei ihren Grundfragen immer wieder landet: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? – Wir fangen damit immer wieder neu an – wie jede Generation, die danach fragt. Inwiefern ist der Mensch einerseits eine Erscheinung der Naturgeschichte mit Evolution, Genetik, Neuralsystem usw., wenn auch als Spezies eine spezielle, wenn andererseits das Leben eine Art natürlicher „Singularität “ zu sein scheint ebenso wie die schöpferische Fähigkeit des Geistes. Wohin der uns treibt und ob auch der Natur ein Ziel innewohnt, sind berechtigte Fragen – und ein neues Thema.

Ein Lektüre-Hinweis: Sehr gut zu lesen ist Thomas Nagel, Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, 2013. Er stellt eine Menge schwieriger kritischer Fragen, ohne eine Antwort zu wissen. Genau so steht es auch mit der philosophischen Anthropologie …

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