Dez 092013
 

[Philosophie]

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich das physikalistische Weltbild zur vorherrschenden Weltsicht geworden ist. Das gilt nicht nur für Naturwissenschaftler und Techniker – da könnte man es noch als berufsbedingte Arbeitshypothese verstehen – , sondern auch für viele Bereiche öffentlicher Diskussionen und Meinungen. Als Standard der Vernunft gilt der Materialismus. Bestenfalls erkennt man noch die Religion als etwas Tatsächliches, aber mit der Moderne schwer zu Vereinbarendes an. Wenn sich Jürgen Habermas im Anschluss an Max Weber als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet hat, dann bedeutet dies eine Bezugnahme auf eine gänzlich andere Ebene, die mit dem vernünftigen Denken nichts zu tun hat. Was man für die Religion akzeptieren mag, gilt für die Philosophie ganz und gar nicht. Da geht es um das Denken selbst, um die Grundlagen der Vernunft und ihrer Wahrheit. Wird Metaphysik in diesem Zusammenhang als obsolet verdächtigt und aus dem rationalen Diskurs ausgeschlossen, dann ist genau dies eine Folge der Eindimensionalität des physikalistischen Weltbildes.

Weltbilder sind Mittel, die Welt zu erschließen. Es sind gewissermaßen Rahmen und Bedingungen für das, was insgesamt als Wirklichkeit erkennbar ist. Wird ein Weltbild aber für die Wirklichkeit überhaupt genommen, findet eine Hypostasierung statt: Ein Ausschnitt wird als Ganzes gesetzt. Wird diese kontingente Setzung als Setzung vergessen, das heißt als allgemein gültiger Normalfall genommen, dann wird ein Weltbild zur Ideologie, zum „falschen Wissen“. Hingegen behält ein Weltbild seine erkenntnisleitende, erklärende Kraft, wenn es als ein Rahmen für einen begrenzten Gegenstandsbereich angewandt wird. Weltbilder sind stetem Wandel unterworfen und verändern sich im Laufe der Geschichte bis hin zu einem völligen Wechsel im Weltbild: Dann ändert sich das „Paradigma“.

Das physikalistische Weltbild erhellt die Welt der Physik. Daneben könnte man ein biologisches, künstlerisches, metaphysisches Weltbild nennen. Dabei wird aber der Gebrauch des Begriffes Weltbild schwierig, sofern wir darunter ein einziges, allein gültiges verstehen wollen. In diesem exklusiven Sinne wird „Weltbild“ bedeutungsgleich mit „Weltanschauung“. Dann müssten wir besser formulieren: Die Wissenschaft der Physik erhellt die Welt, sofern sie mit physikalischen Gesetzen beschreibbar ist. Die Wissenschaft der Biologie erhellt die Welt, sofern sie sich als belebte Natur zeigt. Die Kunst erhellt die Welt, soweit sie sich der Imagination, der Phantasie, den Klängen, Bildern und Symbolen erschließt. Die Metaphysik erhellt die Welt, sofern es um die Beschreibung der Möglichkeit unserer Erkenntnis überhaupt geht. Und so fort.

Wir reden dann von unterschiedlichen Gegenstandsbereichen, in denen uns die Welt erscheint. Die Welt im Singular ist als das Ganze aller möglichen Gegenstandsbereiche gedacht. Markus Gabriel weist mit guten Gründen darauf hin, dass wir die Welt als Ganze nicht wiederum zu einem eigenen Gegenstand machen können; wir sind in unserer Erkenntnis immer Teil von ihr. Zutreffender ist es, von vielen verschiedenen Welten zu sprechen, wie wir es umgangssprachlich tun: die Welt der Musik, die Welt der Technik, sogar Wohnwelten werden uns angepriesen. Es sind Ausschnitte der Welt als ganzer, die neben ihrem eigentümlichen Gegenstandsbereich auch eigene Regeln der Erkenntnis ihrer jeweiligen Wirklichkeit haben. Für die Welt der Mathematik ist das leicht einsehbar, ebenso für die Welt der Kunst, der Poesie, der Musik usw. Umso auffälliger ist es, wenn nun in anderer Redeweise die Welt der Physik zur Wirklichkeit schlechthin erklärt wird.

Denn was ist Wirklichkeit? Das, was es gibt. Für den Naturwissenschaftler gibt es alles, was er im Rahmen und mit den Regeln der Wissenschaft Physik erkennt – und das ist beeindruckend viel. Seine Wirklichkeit ist die Welt der Physik. Was der Ingenieur davon umsetzt, bringt die Wunderwelt der Technik hervor. Aber warum sollte die Physik die Wirklichkeit der Welt überhaupt oder auch anderer Welten begründen? In der Kunst „gibt es“ ganz andere Dinge, die anderen Regeln folgen. In der Metaphysik geht es um noch einmal andere Dinge, sofern ihr Gegenstandsbereich möglichst konsistente Aussagen über die Möglichkeit von Wissen und Erkenntnis sind. Ihre Wirklichkeit sind wahrheitsfähige Sätze, Gründe und Schlüsse, wiewohl sich Metaphysik nicht in Logik auflösen lässt. Die Wirklichkeit ist vielfältig, so vielfältig wie die Welt, in der wir existieren. Dabei ist „unsere“ Welt ebenfalls eine eigene Welt, eben diejenige, die in unserem jeweiligen Blickwinkel erscheint.

Wie kommt es zur Verabsolutierung der physikalischen Welt als Wirklichkeit schlechthin? Dass die Dingwelt als exklusiver Bereich aller äußeren, das heißt ausgedehnten Dinge anzusehen ist im Unterschied zum betrachtenden Ich, das ist typisch neuzeitlich und geht auf René Descartes zurück. Er unterschied grundsätzlich zwischen denkendem Ich und äußeren Dingen. Unbezweifelbar bleib ihm nach skeptischen Überlegungen nur das reine Ich, das denkt: Cogito, ergo sum. Das Reich der (äußeren) Dinge bleibt dabei schwer zugänglich, wenn man alle möglichen Täuschungen ausschließen wollte. Die nachfolgenden Denkwege haben entweder vom allein gewissen Ich her gedacht (solipsistisch, subjetivistisch, konstruktivistisch) oder vom allein wirklichen äußeren Ding. Da wird das Ich im Gehirn lokalisiert und somit selbst zum Ding gemacht. Es wird auf den Bereich der res extensa „reduziert“. Die wirkliche Welt ist die Wirklichkeit der in Raum und Zeit ausgedehnten Dinge. Anderes gibt es für das erkennende Subjekt nicht. Der Physikalismus befindet sich in einer andauernden cartesianischen Schleife. Das ist erstaunlich angesichts der vielfachen begründeten Kritik an Descartes im Allgemeinen und an seiner Zweiteilung der Welt im Besonderen. Sein Denken der Wirklichkeit als einerseits subjektives Bewusstsein und andererseits objektiv raumzeitliche Welt der Physik prägt und bestimmt unser Weltwissen, unser Weltbild bis auf diesen Tag. Die vielfältigen Vorentscheidungen, die dafür erforderlich sind, werden nur nicht mehr explizit gemacht.

Für die sozialen Netzmedien wurde von Eli Pariser der schöne Begriff der filter bubble geprägt. Der Begriff beschreibt, wie man durch algorithmische Auswertung von Web-Besuchen und entsprechende Vorschläge von „Freunden“ stets nur Gleiche oder Gleiches zu Gesicht bekommt. Die „Informationsblase“ verhindert den Blick über den Tellerrand. Trotz scheinbar unbegrenzter Kontaktmöglichkeiten und Informationen dringen zum Einzelnen letztlich nur diejenigen durch, die den eigenen Vorlieben und dem jeweiligen Vorurteil entsprechen. Solange einem das bewusst ist, kann man der Blase durch neue Fragen und neue Suche entkommen, und sei es durch Wechsel des Mediums.

Einen ähnlichen Effekt könnte man für die Selbstverständlichkeit und quasi Standardisierung des physikalistischen Weltbildes geltend machen. Es handelt sich dabei um eine Denk-Blase („mind bubble“), die sich durch ständiges Berufen auf die eigene Selbstverständlichkeit und Evidenz selbst legitimiert. Anderes, außerhalb dieser physikalistischen Denk-Blase Liegendes kommt nicht mehr als Wirklichkeit in Betracht. Als Welt gilt nur das, was die Physik als wirklich erkennt. In früherer Begrifflichkeit nannte man es ideologisch, wenn man den falschen Schein zum wahren Sein erklärt. Vielleicht ist heute die Beschreibung als Blase des (cartesianischen) Denkens deutlicher. Dann wäre die naturwissenschaftliche Weltanschauung nur etwas „Aufgeblasenes“. Es würde helfen, die Blase platzen zu lassen und sich die Beschränkung des Gegenstandsbereiches jeder Wissenschaft ins Gedächtnis zu rufen. Der Blick der Erkenntnis verlangt Offenheit und Begrenzung, und schon erscheinen viele andere Welten und Wirklichkeiten. Dann macht auch das Ganze wieder Sinn.

[Als Nachtrag ein Lektüre-Hinweis:
Hans Ulrich Gumbrecht über Thomas Nagel, Geist und Kosmos]

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