Kategorien
Anthropologie Philosophie

Anthropologische Aspekte der Technik

[Anthropologie]

Eine kleine Überlegung zu der Frage: Welche anthropologische Möglichkeit steckt in technischen Instrumenten? Diese Frage schließt an einen Gedanken an, den ich im Beitrag „Obszöne Technik“ erwähnt habe. Unter „technisch“ möchte ich hier „nicht naturgegeben“ und „von Menschen gemacht“ verstehen.

Einerseits sind technische Instrumente Artefakte, also auf irgendeine Weise hergestellte Gegenstände oder Dinge, die einem Zweck dienen. Dieser Zweck kann mehr oder weniger bestimmt sein. Mit einem Hammer kann ich Nägel einschlagen, eine Fensterscheibe einschlagen oder mir auf den Daumen hauen. Ich kann ihn als Stütze oder Unterlage benutzen, auch als Ersatz für ein Stemmeisen und vieles mehr. Es gibt andere Instrumente, die nur für sehr wenige Zwecke einsetzbar sind. Mit einem Kugelschreiber kann ich eigentlich nur schreiben oder malen; damit ein Loch zu bohren wird nur schwer oder gar nicht gelingen. Ein Einmal-Spritzenset kann ich tatsächlich nur ein einziges Mal gebrauchen, danach ist es nutzlos, Müll. Eine zweckwidrige Wiederverwendung wäre gesundheitsgefährlich.

Man kann sagen, dass die Gebrauchs- und Einsatzmöglichkeiten eines technisches Instruments umso größer und weiter sind, je allgemeiner und unspezifischer das Gerät ist. Ein langer Stock kann für alles Mögliche verwandt werden, vom Angeln bis zur Bohnenstange. Umgekehrt engt ein spezieller Zweck, auf den hin ein Gerät konstruiert ist, seine Einsatzmöglichkeiten ein, im Extremfall auf eine einzige. Dieser Extremfall ist dann zugleich der Optimalfall, weil nichts einen Zweck so gut erfüllen kann wie etwas, das speziell für diesen hergestellt ist. Natürlich kann es andere Instrumente geben, die den erstrebten Zweck noch besser erfüllen, aber aus der möglichen Menge der Zwecke kann das Spezialgerät seinen Einzelfall am besten.

Die Aussage, dass technische Mittel an sich weder gut noch böse sind, sondern nur ihr jeweiliger Gebrauch sie „gut“ oder „schlecht“ macht, muss also differenziert werden. Jedes technische Instrument wird, da es nicht natürlich vorgegeben ist, für Zwecke hergestellt. Jeder Zweck, so allgemein er auch formuliert sein mag („Hammer“ – „Schlagen“), impliziert beim herstellenden Menschen eine Absicht. Ein zweckfreies Instrument ist ein Widerspruch in sich, denn wenn es zwecklos wäre, ist es zu nichts nutze und auch kein technisches Mittel mehr (Mittel wofür?), nur irgend ein Ding, allenfalls von historischem Interesse. Dies gilt auch für künstlerische Instrumente. Der Bereich ihrer Zwecke liegt nur in einem etwas anderen Feld als bei Dingen für den alltäglichen Gebrauch.

Mit den Zwecken kommen die Absichten, mit den Absichten die Intentionen, die den Gebrauch bestimmen, mit den Intentionen die möglichen menschlichen Verhaltensweisen. Und damit finden wir schon beim technischen Instrument selber die absichtlichen, möglicherweise äußerst eingeschränkten, spezialisierten Einsatzmöglichkeiten. Eine Atombombe kann tatsächlich nur als Atombombe eingesetzt werden. Ob testweise über der Wüste oder im Kriegsfalle über einer Stadt, das ändert nichts an ihrem einmaligen, hoch spezialisierten Zweck. Sprengstoff als solcher, zumindest sofern es sich um TNT handelt, kann so oder so eingesetzt werden, in Bomben und im Bergbau. Solche Zwecke sind vielseitiger und damit vieldeutiger. Offen bleibt allerdings, ob und wann ich überhaupt ein solches Mittel einsetze.

Noch von einer anderen Seite her gelangt man zu der Einsicht, dass technische Mittel kein „an sich“ haben. Sie werden nicht „nur so“ hergestellt. Sie dienen immer in irgend einer Weise der „Verlängerung“ bzw. Vergrößerung des menschlichen Aktionsradius, körperlich wie geistig. Komme ich mit dem Arm nicht an einen Ast heran, brauche ich einen gekrümmten Stock, mit dem ich den Ast zu mir herunter ziehen kann. Beim beobachteten Werkzeuggebrauch von Tieren findet man diesen unmittelbaren Zusammenhang sehr deutlich. Der Stock wird zum verlängerten Arm. Interessant sind dabei die Versuche und Beobachtungen der Neuropsychologie, über die Thomas Metzinger berichtet (Der Ego-Tunnel, S. 113 ff.): Das „Körperbild“ der verlängerten oder „fremden Hand“. Insofern lässt sich vermuten, dass alle technischen Artefakte, künstlichen Mittel immer „Hilfsmittel“ sind: vom Menschen erdachte (mit dem Geist) und geschaffene (mit den Händen) Mittel, die bei der Lösung von Problemen „helfen“ sollen. Ein vielseitig verwendbares Hilfsmittel kann bei vielen Problemen helfen, ein spezielles Instrument nur bei wenigen oder einem, dafür dort besonders gut.

Wenn es stimmt, dass technische Instrumente niemals zweckfrei sind und stets Mittel zu einer engeren oder weiteren Problemlösung bereit stellen, dann sind sie viel direkter und unmittelbarer mit menschlichem Handeln und mit Intentionalität verbunden, als es der Blick auf die reine Gegenständlichkeit erscheinen lässt. Ein einfach gegebenes, „an sich“ nutzloses Hilfsmittel verliert seinen Sinn als Werkzeug. Umgekehrt hat jedes technische Mittel bestimmte Möglichkeiten zur Umsetzung von Absichten, zur Erfüllung von Zwecken und zur Lösung von Aufgaben (Problemen). Technische Mittel gehören dann immer schon in den erweiterten Bereich menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten, menschlichen Planens und Handelns. Technik wird so gesehen zu einer anthropologischen Größe. Der „homo faber“, der herstellende Mensch, ist eine gewiss zutreffende, wenngleich nicht ausreichende anthropologische Kategorie. Technik-Philosophie gehört damit zu den Humanwissenschaften.

Keine Frage, dass diese Überlegungen im Blick auf digitale Programme, Programmierung und Netzwerke noch einmal ein ganz eigenes, anthropologisches und kulturelles Gewicht bekommen. Technikkultur ist Kultur, und Mensch und Maschine gehören offenbar zusammen. Auf das Wie und Inwiefern, auf die Auswirkungen und Valenzen kommt es dann an.