Nov 142013
 

Im Allgemeinbewusstsein wird Säkularisierung gerne mit Religionslosigkeit gleichgesetzt. Wenn dann noch Religion mit (katholischer) Kirche identifiziert und dieser Vorgang als Folge der Aufklärung dargestellt wird, scheint eine einleuchtende Erklärung für den heutigen Schwund von Kirchlichkeit und den Rückzug der Kirchen aus der Öffentlichkeit gegeben zu sein. Beim näheren Hinsehen ist diese Erklärung aber fragwürdig.

Schon der Begriff „Säkularisierung“ ist nicht eindeutig. Wenn man sich mit Böckenförde darauf verständigt, Säkularisierung als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“ (nach Wikipedia, leider ohne genaue Fundstelle), hat man zumindest einen staatsphilosophisch klaren Begriff. Allerdings lässt diese Definition den gesellschaftlichen Aspekt der Säkularisierung außer Acht. Würde man darauf hin analog formulieren, Säkularisierung sei ebenso die „Ablösung gesellschaftlicher Werte und Normen von ihrer kirchlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“, so käme man der gemeinten Sache schon recht nahe. Dieser neuzeitliche Vorgang wird gemeinhin als gesellschaftliche Lösung von christlich-kirchlicher Bevormundung verstanden. Säkularisierung wird dann faktisch als Entkirchlichung interpretiert.

Stadion

EM Stadion Charkov

Religionsphilosophisch müsste man noch einmal ganz anders an die Betrachtung des Begriffs Säkularisierung heran gehen. Dabei wird deutlich, dass Säkularisierung nicht Religionslosigkeit meinen kann. Religion ist immer zugleich eine Sache der Welt, schon der vermeintliche Gegensatz von „Religion“ und „Welt“ ist künstlich. Religion kann als Teil kultureller Lebensäußerungen angesehen werden. Religion ist Teil der Welt und hat insofern immer auch eine säkulare Gestalt. Säkulares und religiöses Verhalten durchdringen sich gegenseitig. Dass Religionen in konkreter geschichtlicher Ausprägung auch ihr konstitutives Eigenleben führen, ist davon unabhängig.

Wesentlich für das Verständnis von Religion sind die Elemente Kultus und Ritus. Ein „Kult“ ist etwas symbolisch Aufgeladenes, in bestimmte Handlungs- oder Anschauungsformen Geprägtes. Rituale bestimmen religiöse Handlungs- und Verhaltensweisen, äußern sich aber ebenso auch im alltäglichen Verhalten. Jeder hat sein Morgenritual, sagen wir und meinen damit eine stetige Wiederholung derselben Handlungsmuster. Kultische Handlungen, Zeremonien und Rituale, alles Begriffe aus der religiösen Welt, sind aber in der ’säkularen‘ Welt ebenso fest verwurzelt. Die fälschliche Ineinssetzung von Säkularisierung und Religionslosigkeit verdeckt dies nur.

Der Sport hatte immer schon eine Nähe zur Religion, man denke nur an den Ursprung der „olympischen“ Spiele als religiöse Kulthandlungen. Heute finden sich im Ablauf sportlicher Veranstaltungen ein Vielzahl von Ritualen, die wir ansonsten nur im religiösen Bereich zu finden meinen. Fußball ist dafür ein heraus ragendes Beispiel. Der Ablauf eines Fußballspiels im Stadion, sei es bei der Europameisterschaft, Weltmeisterschaft oder Champions League, aber immer öfter auch bei Bundesligaspielen, hat durchweg zeremoniellen Charakter. Der heilige Rasen, die Flaggen auf dem Platz (ich meine nicht die Fähnchen, die kommen als Zuschauer-Echo noch dazu), die rituelle Kleidung (Trikots), der Einzug der Mannschaften als durchgeformte Prozession unter Beteiligung von Kindern, der feierliche Einzug der Schiedsrichter als „Hohepriester“ in schwarzer Kluft, neuerdings den Ball vom Sockel (Altar) nehmend und wie eine Monstranz vor sich her tragend, die Begleitmusik mit Fanfaren und Hymnen, der Jubel der Zuschauer bis zur Stille beim Anpfiff, das Stadion als Tempel, – all dies ist eine Choreographie, wie sie sonst nur im religiösen Bereich zu Hause ist: Sport als säkulares Ritual zur festen Zeit an besonders bestimmten Ort, Sport als quasi-religiöser, eben säkularer Kult.

Ähnliches könnte man beim „Star-Kult“ aufzeigen. Große Ereignisse im Showbiz haben immer schon von der Dramaturgie religiöser Zeremonien gelernt. Der Ablauf des Eurovision Song Contest weist eine Vielzahl von rituellen Elementen auf, die im Starkult (übrigens wie im Fußball) gipfeln. Kleidungsstücke der Stars, sogar Rasenstücke beim Fußball können be- und gehandelt werden wie Reliquien. „Das ist doch alles nur Show.“ Klar, aber jede Show folgt einem rituellen Muster, und die ältesten Shows sind tatsächlich die religiösen Zeremonien. (Historische Nebenbemerkung: Wer Zeremonien beseitigt wie einst beim „Bildersturm“, nimmt ein Stück vom Wesen der Religion.) Man könnte außerdem auf den kultischen Charakter kultureller Events wie der Wagner-Festspiele in Bayreuth verweisen. – Schließlich ist da der gesamte Bereich der Politik, der ohne Zeremonien und Rituale, ohne Kult und Akklamation überhaupt nicht auskommt. Das gilt nicht nur für die internationale Diplomatie mit ihren Gepflogenheiten, sondern bis in den Alltag eines Parlaments. Vielleicht ist es allerdings im britischen Unterhaus besser zu beobachten als im vergleichsweise nüchternen und bilderarmen Bundestag.

Kulte und Rituale bringen Stetigkeit und Verlässlichkeit in den ansonsten so ungewissen Alltag. Sie geben Vergewisserung über das, was immer schon so war und so auch bleiben soll. Außerdem appellieren Rituale an ein überindividuelles Ganzes, das auch ein Höheres sein kann, und stellen damit einen Bezug her, der den Einzelnen und sein kleines, bruchstückhaftes Leben umgreift und ihm Ganzheit verleihen kann. Damit eng verbunden ist es, dass Rituale, kultische Handlungen und Zeremonien Sinn stiften. Sie inaugurieren und bekräftigen eine Ordnung, die anderen, eher zufälligen Lebenssituationen allererst Halt und Orientierung gibt. Diese Strukturelemente gelten für alle Rituale, keineswegs nur für die im engeren Sinne religiösen. Sie nehmen in der Alltagswelt Funktionen wahr, die im religiösen Bereich die Religionsgemeinschaften für sich reklamieren. Religionen gehen zwar über Kulte und Rituale hinaus, aber in ihnen vollzieht sich doch für Religion Wesentliches. Solche Rituale sind das Bindeglied zwischen Alltagswelt und expliziter religiöser Erfahrungswelt.

Vielleicht ist hiermit schon deutlich geworden, dass aus meiner Sicht der Begriff der Säkularisierung vielleicht für den staatsphilosophischen Bereich sinnvoll und aussagekräftig ist, für den religionsphilosophischen und allgemein religionswissenschaftliche Bereich aber nur sehr unzureichend und ungenau ist. Der Sport, insbesondere der Fußball, hat eben nicht die Religion beerbt, der Starkult ist keine Ersatzreligion. Beide Beispiele, Sport und Showbiz, zeigen nur die Bedeutung und die wichtige Funktion von Kult und Ritual in der gesamten Lebenswelt, weit über die Religionen hinaus. Es sind Strukturelemente, die Religion und Welt, den Einzelnen und das große Ganze miteinander verbinden und Sinn vermitteln. Insofern könnte man sagen, dass viele Bereiche unserer Alltagswelt überraschend von vermeintlich religiösen Strukturelementen geprägt sind. Es bestätigt sich auch, dass Kult und Ritual als „implizite Religion“ Teil der Alltagswelt sind.

Dies gilt ganz unabhängig davon, wie sehr man die Entkirchlichung in Europa als einen welt- und kulturgeschichtlichen Sonderfall betrachtet. Explizite Religion ist eher weltweit auf dem Vormarsch. Traditionell religiös geprägte Familien haben mehr Kinder, also spricht schon die Demographie für die Religion. Das ist aber ein anderes, nicht minder interessantes Thema. Mir ging es hier nur darum, die Alltagsformen impliziter Religion in den Blick zu rücken und gewissermaßen das Säkulare religionsphilosophisch aufzuwerten. Religion ist mehr als das, was üblicherweise danach aussieht.

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