Jan 242016
 

Webers Maxime der strengen Sachlichkeit ist die Voraussetzung für sachlich begründetes Wissen und also Erkenntnis.

In Politik und Öffentlichkeit werden durch Schriften, Diskussionen und Verlautbarungen wiederkehrende Termini und Metaphern vorgetragen, von denen einige bisweilen zur bloßen Phrase herab gesunken sind. Um „Verantwortung und Augenmaß“ geht es, und wenn es schwierig ist, wird darauf verwiesen, dass es in der Politik bekanntlich „um das Bohren dicker Bretter“ geht. Ein wechselseitiger Vorwurf von Diskutanten besteht in der Mahnung zur Sachlichkeit bzw. im Vorhalten vermeintlicher Unsachlichkeit. Bei größeren Auseinandersetzungen, zumal wenn es um Einstellungen und Weltanschauungen geht, wird die humanitäre „Gesinnung“ der „Gutmenschen“ gegen das nüchterne Kalkül („Verantwortung“) der Realisten in Stellung gebracht. Im Feuilleton und in populären historischen und gesellschaftlichen Schriften kann der „Geist des Kapitalismus“ gegeißelt und die verborgene, aber dadurch vermeintlich jede Religion treffende verderbliche Wirkung des irrationalen Fundamentalismus aufgezeigt werden. Dass es nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft insgesamt wesentlich um die „Frage der Macht“ geht, ist nicht erst durch Michel Foucault ein verbreiteter Topos.

Im „Wissenschaftsbetrieb“ ist „strenge Sachlichkeit“ ohnehin verpflichtend, um „voraussetzungslose Wissenschaft“ betreiben zu können. Weltanschauliches gehört da nicht hinein, zumal wenn es um die universellen Gesetzmäßigkeiten in den „objektiven“ Gegenständen der Naturwissenschaften geht. Andererseits ist diese „Wertfreiheit der Wissenschaft“ immer wieder als Ideologie des Bestehenden in Frage gestellt worden, weil sich keine Erkenntnis ohne darin enthaltene gesellschaftliche Interessen vollziehe (Jürgen Habermas). Im „Positivismusstreit“ des Wiener Kreises (Karl Popper) und der Frankfurter Schule (Theodor Adorno) ging es noch einmal begrifflich hart und streng um die Sachlichkeit und „Logik der Sozialwissenschaften“. In einem anderen Feld, dem der Ethik, ist es bis heute strittig, ob eine materiale Ethik voraussetzungslos und also sachlich objektiv möglich sei oder ob es nur um jeweils kulturalistische Ausprägungen gesellschaftlicher Übereinkünfte gehe. Dafür herrscht aber weithin Einigkeit darüber, dass der Prozess der Neuzeit insgesamt in einer Intellektualisierung, Rationalisierung und Technisierung besteht, die mit dem Topos der „Entzauberung der Welt“ durch Berechenbarkeit zutreffend umrissen wird.

All diese politischen, sozialwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Themen und Topoi finden sich in den Schriften und Vorträgen eines Mannes: Max Weber (1864 – 1920), und zwar nicht zufälligerweise en passant, sondern grundlegend erarbeitet und ausgeführt. Ein Blick (vermutlich ein längerer und ausgiebiger) in das Werk Max Webers zeigt ihn als einen erstaunlich klaren und hellsichtigen Vordenker des 20. Jahrhunderts – ich möchte meinen bis in unsere Tage hinein. Zugleich ist Weber ein Denker und (Sozial-) Wissenschaftler, der die Linien der Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert zusammenfassen und auf den Punkt bringen kann. Seine historisch orientierten Arbeiten besonders hinsichtlich der Religionswissenschaft bzw. Religionssoziologie sind grundlegend geworden, weit über das zumindest vom Titel her bekannte Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) hinaus. Seine wissenschaftstheoretischen Beiträge zu den Themen und Begriffen „Objektivität“, „Wertfreiheit“ und historischer „Verursachung“ sind sachlich absolut auf der Höhe unserer Zeit, wenn auch sprachliche Formulierungen und zeitbezogene Aussagen die über einhundert Jahre Abstand nicht verleugnen können. Es ist schade und ein Zeichen öffentlicher Vergessenheit, dass die praktische und preiswerte Reclam-Ausgabe von Max Webers „Schriften zur Wissenschaftslehre“ (1991) vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich ist. (Natürlich gibt es sowohl die Max Weber – Gesamtausgabe als auch eine ausgezeichnete Max Weber – Studienausgabe.) Ich möchte zwei Beispiele nennen, wo Webers Begriffe und Distinktionen gerade heute wieder hilfreich sein können: die „Objektivität“ des naturwissenschaftlichen Weltbildes und Webers Form der „Wertfreiheit“ bzw. „Sachlichkeit“. Da Max Weber sich in der Umbruchszeit am Ende und nach dem ersten Weltkrieg („Revolution“) auch politisch geäußert hat, sind manche Vorträge von ihm auch zugleich historische Zeugnisse. Am besten zusammen gefasst und am leichtesten zugänglich sind Webers wissenschaftliche Anliegen und seine gesellschaftlichen Einschätzungen und Erklärungen in den beiden knappen Schriften „Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“, beide zusammen 1919 veröffentlicht. Sie gehen auf zwei Vorträge zurück, die Weber 1917 und 1919 in München gehalten hat (heute als eigenständiger Band der Studienausgabe).

Max Weber 1917 - Von http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html , Gemeinfrei

Max Weber 1917 – Von http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html , Gemeinfrei

1. Webers Begriff der „Wertfreiheit“ korrespondiert der Anforderung der „Sachlichkeit“. Aufgabe insbesondere des Wissenschaftlers ist es, einen Gegenstand möglichst genau von seinen Ursachen her und auf seine Wirkungen hin zu untersuchen und die eingesetzten Mittel mit den erstrebten Zwecken zu vergleichen. Dies gilt nicht nur für die Naturwissenschaften, denen Weber das Prinzip der Kausalität als ganz selbstverständlich gültig zuordnet, sondern gerade auch für die historischen und sozialen Gegenstände der „Kulturwissenschaften“. Dabei gehört es nach Weber zur geforderten Sachlichkeit, möglichst umfassend die menschlichen Absichten, Überzeugungen und Vorlieben zu berücksichtigen, die zu einem bestimmten Sachverhalt geführt haben. Webers „Sachlichkeit“ ist also fern davon, die subjektiv interessierte Seite geschichtlicher und sozialer Prozesse zu ignorieren oder auszublenden, vielmehr muss diese Seite ausdrücklich in den sachorientierten Prozess der Forschung und Untersuchung aufgenommen werden. Für Weber gehört es zu der Aufgabe des Historikers, sich verstehend einzufühlen, also ein brutum factum so weit wie möglich aus seinem sozialen und individuellen Kontext heraus zu verstehen. Verstehen meint für ihn immer zugleich „deuten“ (Hermeneutik), aber eben aus der Perspektive dessen, der Urheber eines Sachverhaltes bzw. für seinen Verlauf verantwortlich ist. Die „Wertfreiheit“ bezieht sich dabei auf die eigene Überzeugung des Historikers oder Sozialwissenschaftlers. Weber bringt wiederholt Beispiele dafür, dass eine streng sachliche Untersuchung durchaus auch die Motive und Absichten bzw. weltanschaulichen Hintergründe der Handelnden einzubeziehen hat, ohne dabei aus Sicht des Wissenschaftlers zu werten. Die Handlungen eines brutalen Diktators oder eines religiösen Fundamentalisten können sehr wohl auf dem Hintergrund seiner „Wertordnung“ bzw. seiner subjektiven Motivation verständlich und „stimmig“ sein, ohne dass der Forscher diese teilen oder gar als seine eigenen Weltsicht annehmen müsste. „Erkenntnis und Interesse“ gehören also auch für Weber unbedingt zusammen, allerdings unterschieden nach dem Interesse der Akteure und dem Interesse des distanzierten Beobachters. Letzterer hat, wenn er einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, strikt darauf zu achten, dass für ihn die Sache oder der Sachverhalt im Mittelpunkt seines Interesses steht und nicht etwa seine eigenen z.B. legitimatorischen Wünsche. Das Interesse des Wissenschaftlers sei eben – die strenge Sachlichkeit. Aber auch Weber weiß, dass dies ein anzustrebendes und vollständig nie erreichbares Ideal im Sinne seines Begriffes des „Idealtypus“ ist: Denn auch das Gebot der Sachlichkeit ist an Voraussetzungen gebunden.

2. Diese Voraussetzung besteht darin, dass auch die Entscheidung für Sachlichkeit und Rationalität der Wissenschaften bereits eine Wertentscheidung eben dafür voraussetzt. Gegenüber der Theologie zum Beispiel führt er aus, dass ein sachlich-wissenschaftlicher Umgang mit religiösen Themen eben auf der Grundlage empirischer natürlicher Befunde und Erklärungen als ihrer alleinigen Voraussetzung aufbaut – was immer der religiös „musikalische“ Mensch (auch diese Metapher stammt von Weber) aus seiner religiösen Weltsicht noch an übernatürlichen Wirkungen annehmen mag. Letztlich beruht auch die Wahl wissenschaftlicher, rationaler Begriffe und Methoden auf einer vorausgehenden Entscheidung, dass dies sinnvoll und richtig ist. Den letzten „Kampf der Wertordnungen“ aber könne man eben nicht mehr mit den Mitteln der Wissenschaft entscheiden, sondern hier gilt es zu wählen und unter dieser Voraussetzung zu arbeiten und nach Sachlichkeit und Wahrheit zu streben.

… das Leben, solange es in sich selbst beruht und aus sich selbst verstanden wird, nur den ewigen Kampf jener Götter miteinander kennt, unbildlich gesprochen: die Unvereinbarkeit und also die Unaustragbarkeit des Kampfes der letzten überhaupt möglichen Standpunkte zum Leben, die Notwendigkeit also: zwischen ihnen sich zu entscheiden. Ob unter solchen Verhältnissen die Wissenschaft wert ist, für jemanden ein »Beruf“ zu werden und ob sie selbst einen objektiv wertvollen „Beruf“ hat – das ist wieder ein Werturteil, über welches im Hörsaal nichts auszusagen ist. Denn für die Lehre dort ist die Bejahung Voraussetzung…

Daß Wissenschaft heute ein fachlich betriebener „Beruf“ ist im Dienst der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern, Propheten, oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philosophen über den Sinn der Welt – das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation …
Es ist das Schicksal unserer Zeit, mit der ihr eigenen Rationalisierung und Intellektualisierung, vor allem: Entzauberung der Welt, daß gerade die letzten und sublimsten Werte zurückgetreten sind aus der Öffentlichkeit, entweder in das hinterweltliche Reich mystischen Lebens oder in die Brüderlichkeit unmittelbarer Beziehungen der Einzelnen zueinander. [aus: Wissenschaft als Beruf]

Selbst die transzendentale Philosophie Immanuel Kants beruht für Weber noch auf der Voraussetzung und Entscheidung, dass rational zu argumentieren und also rationale Logik und Methodik sinnvoll und sachgemäß sei. Für den Mystiker müsse das nicht ebenso gelten. Dasselbe gilt für den Anspruch der Naturwissenschaften, die „Welt der Physik und der Chemie“ (und, und, und, wie wir heute ergänzen müssen) auf dem Prinzip der Kausalität beruhende Zusammenhänge und Wirkungen verständlich aufzuklären. Dies Kausalitätsprinzip könne aber nicht im selben Maße für die Kulturwissenschaften gelten, da eben dort Mittel und Zwecke nur ungefähr und unscharf zusammen passten, weil menschliche Neigungen und Werturteile, auch wenn sie irrational und nicht zweckdienlich sind, in politischen, sozialen, religiösen usw. Fragen oft den Ausschlag geben. Man könnte diesen Gedankengang Webers ohne weiteres auf die heutige Dominanz des naturalistisch-materialistischen Weltbildes beziehen, das die Gesetze und Methoden der Naturwissenschaften auf die Erklärung der Wirklichkeit als Ganzer anwenden und auf die Welt des Geistes und der Kultur ausdehnen möchte. Das kann, wer will, so halten, er sollte sich aber bewusst sein (was weithin unterbleibt), dass es sich auch hierbei um ein vorgängiges „Werturteil“, sprich um eine allein auf Wahl und Entscheidung beruhende Voraussetzung handelt, die selber nicht mehr wissenschaftlich oder rational auflösbar ist (nicht mehr „austragbar“, würde Weber sagen, s.o.). Auch gegenüber dem „Neurozentrismus“ ließe es sich sehr viel einfacher und weniger mühsam argumentieren, als Markus Gabriel es tut (Markus Gabriel, Ich ist nicht Gehirn, 2015). Im Grunde liefert Weber ein Argumentationsmodell, das sich, begrifflich überarbeitet, auf eine Reihe gegenwärtig aktueller wissenschaftstheoretischer und kulturpolitischer Diskussionen erfolgreich anwenden ließe. Es geht um die Anerkennung dessen, dass es im Bemühen des Menschen um Wahrheit, Sachlichkeit, Objektivität immer schon um seine jeweils unterschiedlichen „Weltbilder“ geht, mit denen Tatsachen und Sachverhalte eingeordnet, untersucht, festgestellt und interpretiert werden. Nicht einmal die Teilchenphysik ist heute davon ausgenommen, wie zuletzt der Physiker Nicolas Gisin erhellend dargelegt hat (Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall, 2014).

Erkenntnis und Interesse, Wahrnehmung und Deutung, Weltbilder und Selbstbilder sind bei jeder menschlichen Aktivität, insbesondere beim Streben nach Erkenntnis und Wissen so in einander verwoben, dass sie nur mit größtmöglicher logischer Klarheit und methodischer Genauigkeit, ebenso wie mit Sorgfalt und Selbstkontrolle (Weber nennt es „Ehrlichkeit“ und „Selbstbesinnung“) im Erkenntnisprozess differenziert, bedacht und reflektiert werden können. Nur so und insofern gilt Webers Maxime: strenge Sachlichkeit – und nur so gibt es sachlich begründetes Wissen und also Erkenntnis.