Nov 132015
 

Dinge entstehen. Gegenstände und Verhältnisse, Personen und Sachen, Beziehungen und Systeme, Gedanken und Vorstellungen, alles entsteht – und vergeht (würde der Dichter hinzu fügen). Mit dem Vergehen ist das so eine Sache, darüber wissen wir so wenig. Die Wissenschaft kümmert sich mehr um das Entstehen, also um die Ursachen und Wirkungen, die etwas begründen und zustande bringen. Dass etwas Entstandenes wieder aufhört zu bestehen, also vergeht, ist dann allenfalls als Wegfall der Ursachen oder als durch eine Störung verursacht zu beschreiben. Dass alles, was ist, verursacht und bewirkt ist, nennen wir das Prinzip der Kausalität. Alles hat einen Grund, eine Ursache, eine „causa“. Grund bezeichnet dabei die vernünftige Erkenntnis, Ursache die unmittelbar wirkende vorhergehende Sache, die wiederum verursacht ist, darum die Ur-Sache. Das Wechselspiel von Ursache und Wirkung, die wiederum zur Ursache neuer Wirkungen wird, bestimmt nach dieser Weltsicht die gesamte erkennbare Wirklichkeit. Die Wirklichkeit einer Sache zu erkennne, heißt genau, ihre Ursachen und Wirkungen zu bestimmen. Das naturalistische Weltbild hat mit der Perfektion der kausalistischen Welterkenntnis und Welterklärung in den vergangenen zwei Jahrhunderten einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur durch die konsequente Anwendung  eines naturalistisch-materiellen Begriffs von Ursache und Wirkung und daraus folgend von kausaler Geschlossenheit der Wirklichkeit als ganzer sind die gewaltigen Erfolge und Ergebnisse der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik möglich und verständlich geworden.

Das, was ist, wird somit als ein bestimmtes Ergebnis einer Kette von Ursachen verstanden. Genaue Aussagen über die Zukunft sind dann und insofern möglich, wenn alle Ursachen, die auf etwas einwirken, bekannt sind. Pierre-Simon Laplace hat dies Prinzip präzise formuliert; es wurde als Metapher vom „Laplaceschen Dämon“ bekannt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als Folge eines früheren Zustandes ansehen und als Ursache des Zustandes, der danach kommt. Eine Intelligenz, die in einem gegebenen Augenblick alle Kräfte kennt, mit denen die Welt begabt ist, und die gegenwärtige Lage der Gebilde, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, diese Kenntnisse der Analyse zu unterwerfen, würde in der gleichen Formel die Bewegungen der größten Himmelskörper und die des leichtesten Atoms einbegreifen. Nichts wäre für sie ungewiss, Zukunft und Vergangenheit lägen klar vor ihren Augen.“ (1814, zitiert nach Wikipedia)

Dass die Kenntnis aller möglichen Ursachen einer Tatsache in offenen Systemen unmöglich ist (volkstümlich veranschaulicht durch den Flügelschlag des Schmetterlings, der einen Sturm auslöst; den Sack Reis, der in China umfällt usw.), kann das Laplacesche Prinzip nicht widerlegen. Es gilt tatsächlich für alle Labor-Bedingungen und naturwissenschaftlichen Experimente: Die Versuchsanordnung (= geschlossenes System) soll nur exakt bestimmte Bedingungen als Ursachen zulassen und alle Nebenbedingungen (Störungen) möglichst ausschließen oder zumindest mit Hilfe von Durchschnittswerten heraus rechnen. Insofern ist das Kausalitätsprinzip das bestimmende Prinzip aller naturwissenschaftlich begründeten Forschung und Wissenschaft geworden.

Über das Entstehen wird also als Wirkungen infolge von Ursachen etwas ausgesagt. Nicht in gleicher Weise wird jedoch etwas über das Vergehen gesagt oder gewusst. Die Beendigung eines Zustandes aufgrund äußerer Störungen oder aufgrund des Wegfalls konstitutiver Bedingungen und wesentlicher Ursachen ist nicht dasselbe. Der Begriff Vergehen bezeichnet ein Geschehen, das etwas anderes ist als nur Deprivation, also das Fehlen von etwas. Das Sterben ist noch anders zu beschreiben und zu verstehen als nur als das Aufhören von etwas. Der Tod ist zwar das Ende des Lebens, aber das Sterben als Prozess eines Abnehmens und Vergehens hat noch „Aktiva“ in sich, die dann am Ende, im Tod, endgültig aufhören. Auch thermodynamisch ist wachsende Entropie durchaus ein aktiv zu verstehender und nicht bloß ein defizitärer Prozess. Die höchste Form der Entropie kann als Kulminationspunkt größtmöglicher Information verstanden werden (vgl. Carl Friedrich von Weizsäcker). Interpretiert man Leben als Entropie-Aufschub, so ist Sterben sich wieder durchsetzende Entropie: Auch ‚Abnehmen‘ hat seine Ursachen, die aber umgekehrt zum Prozess des Entstehens verlaufen. Bei biologischen Systemen ist der programmierte Zelltod (Apoptose) konstitutiv. Was aber führt zum Entstehen, was zum Vergehen? Diese Frage berührt nicht nur Lebewesen, sondern ebenso bloße Materie: Was bringt die Sonne zum Erglühen und Verglühen?

Kausalität als solche hat noch keine Richtung. Sie konstruiert nur eine Verkettung von Dingen und Ereignissen in der Abfolge von Ursachen und Wirkungen. Eine Richtung kommt erst durch den Gedanken der unumkehrbaren Zeit und der Evolution hinzu. Der Evolutionsgedanke ist geradezu die Verknüpfung von Kausalität mit der gerichteten Zeit. Nun werden auch kausal verknüpfte Dinge und Sachverhalte in einer zeitlich nach „vorne“ offenen Abfolge angeordnet. Nur im Rückblick ergibt sich ein verstehbarer Zusammenhang, der als Entwicklung beschrieben werden kann. Auch diese gilt nicht nur für biologische Gegebenheiten, sondern ebenso für kosmologische Prozesse. Der Evolutionsgedanke ist zum vielleicht mächtigsten Werkzeug des Verstehens in den vergangenen hundert Jahren geworden. Der Kosmos und das Leben entwickeln sich nach allgemein gültigen Naturgesetzen von einem Keim (Urknall, Urzelle) zu hoch komplexen energetisch-materiellen bzw. bio-chemischen Zuständen, die in sich als dynamische Systeme unterschiedlicher Art beschreibbar sind. In der Biologie bestimmen Variation und Selektion den Fortgang der Entwicklung, in der Kosmologie sind es letztlich die Gesetze der Thermodynamik, welche die Richtung vorgeben. Dasjenige, was als Naturgesetz erkannt ist, liefert gewissermaßen die Regeln, nach denen kausal verknüpfte Entwicklung hier wie dort verläuft. Äußere Einflüsse und Zufälle (kontingent: nicht notwendig, aber möglich) bestimmen dabei die Entscheidungspunkte, ab denen eine Entwicklung so oder anders verlaufen kann. Ist Variabilität so etwas wie der bunte und vielfältige Bio-Baukasten der Natur, so bestimmt Selektion die konkrete Auswahl in einer gegebenen Situation. In der Kosmologie muss man dagegen von Wechselwirkungen, Überlagerungen und Potentialen sprechen, welche die (makro-) physikalischen Prozesse beeinflussen. Rückwärts gesehen ist jede Entwicklung kausal mit einem vorhergehenden Zustand verknüpft und also nachvollziehbar, sobald man alle Entwicklungsstufen kennt. Spannend sind dann die kontingenten Ereignisse, die eine Entwicklung bestimmen und in eine neue Richtung lenken. Weiterer Hypothesen bedarf es nicht, um Entwicklungen naturalistisch zu verstehen. Schon der erwähnte Simon-Pierre Laplace erklärt auf die Frage nach Gott: „Eine solche Hypothese brauche ich nicht.“

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KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe's Urworte Orphisch 1912

KARL THYLMANN, Five Woodcuts to Goethe’s Urworte Orphisch 1912

Aber ist die Geschlossenheit kausaler Verknüpfungen in einer evolutionären Abfolge, die, was die Zukunft angeht, letztlich vom Zufall bestimmt ist, wirklich überzeugend? Auch der Zufall kann immerhin noch deterministisch verstanden werden, das „Zufallsprinzip“ hat sehr unterschiedliche Aspekte. Kausale Nichterklärbarkeit muss sowohl von Unberechenbarkeit wie von Unvorhersagbarkeit begrifflich abgegrenzt werden. Andererseits rechnen Vertreter der Quantenphysik (z.B. Nicolas Gisin, Der unbegreifliche Zufall) durchaus mit dem „echten“ Zufall (Nichtvorhersagbarkeit) in einer nicht-deterministischen Welt der Quanten. Wie offen ist also die Zukunft und wie zufällig? Reichen zum Begreifen der Wirklichkeit kausale Verknüpfungen in einer evolutionär durch Variation und Selektion bestimmten biologischen Welt aus? Man darf durchaus so fragen, denn auch Theorien wie die Evolutionstheorie, das Kausalitätsprinzip, die deterministischen Naturgesetze beruhen auf Annahmen und Voraussetzungen, die nicht weiter ableitbar, also „axiomatisch“ sind. Diese Voraussetzungen sollen möglichst überzeugend gewählt und vernünftig nachvollziehbar sein, um zu positiven, konsistenten Ergebnissen zu gelangen. Darum noch einmal: Ist das bisherige naturwissenschaftlich begründete kausal geschlossene Weltbild überzeugend?

Der Gedanke der Entelechie kann etwas in die Diskussion einbringen, das im alltäglichen Denken und in den heutigen wissenschaftlichen Kategorien weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Es ist zunächst die einfache Idee, dass der Wirk-Ursache auch eine Zweck-Ursache entsprechen könnte. Anders gesagt: Die Frage, worauf hin etwas geschieht, könnte ebenso erhellend und vernünftig sein wie die Frage danach, wodurch verursacht etwas geschieht. Die philosophische Verunglimpfung dieses teleologischen Gedankens („Es regnet, weil die Wiese nass werden soll – haha!“) sollte nicht davon abhalten, ihn metaphysisch erneut – und neu zu denken. Es geht um das Potential eines teleologischen Denkens, darum, geeignete Denkformen und Begriffe für eine immanente Teleologie zu finden, die neu gewonnen und weiter entwickelt werden müssen. Die Philosophiegeschichte stellt dafür zwar einiges bereit, an das man anknüpfen kann, aber das reicht gewiss nicht aus. Dennoch ist die Idee der Entelechie ein sehr spannender Gedanke. Aristoteles hat ihn gedacht in seiner Metaphysik im Zusammenhang von Akt und Potenz, Form und Substanz. Sein Gedanke spiegelt sich in Goethes „Urworte. Orphisch“: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Eine diesbezügliche Darstellung der Metaphysik des Aristoteles wäre ein eigenes, lohnendes Thema. Hier sei aber nur in einer ersten Annäherung skizziert, was mich an diesen Gedanken fasziniert.

Der aristotelische Form-Begriff wäre heute vielleicht am besten mit Struktur oder sogar System zu übersetzen, je nach Zusammenhang. Im Unterschied zur Substanz, modern gesprochen im Unterschied zum Ausgang vom Subjekt und vom Einzelding, kann der Gedanke der Form als dasjenige verstanden werden, dass etwas von vornherein nur im Zusammenhang mit anderem, nur innerhalb einer Struktur, nur aufgrund der Konstitutionsbedingungen eines Systems, womöglich sozial bestimmt innerhalb eines autopoietischen Systems (Luhmann), verstanden werden kann. Dieser Denkansatz (z.B. Maturana, Varela, Luhmann, siehe Autopoiesis) ist über den Ausgangspunkt bei der „Substanz“ (dem Subjekt, dem Individuum, dem Einzelding) hinaus gegangen und ordnet das konkrete Einzelne gewissermaßen als nachrangig innerhalb der „Form“, d.h. der konstitutiven Systembeziehungen oder der Verflechtung innerhalb einer bestimmten Struktur bzw. eines Netzwerks (nodes, hubs) ein. In diesem Sinne bringt erst die „Form“ zum Vorschein, was der Gehalt, die Funktion, das Potential (idealistisch „das Wesen“) eines Etwas ist, das sich nur dem Zusammenhang des Systems, anders gesagt den strukturellen Konstitutionsbedingungen verdankt. Warum sollen solche Systeme und Strukturen, Netzwerke und Überlagerungen nur innerhalb geschlossener Kausalität denkbar sein? Vielleicht enthält das strukturierte System mit seinen Rand- und Konstitutionsbedingungen, mit seinen Verschränkungen und Überlagerungen, darum auch mit seinen Ambiguitäten und Bifurkationen selbst etwas teleologisches, also eine Art Ziel, das der Struktur inhärent ist. Hier greift kein „Geist“ von außen ein, sondern jenseits der Schranke geschlossener Kausalität öffnen sich Möglichkeiten, dass sich systemimmanente Tendenzen und Neigungen (bias) eben nicht zu jeder beliebigen, sondern zu ganz bestimmten neuen Formen weiter entwickeln. So hatten die Quantenfluktuationen unmittelbar nach dem „Urknall“ einen seltsamen Hang (Symmetriebrechung) zu einem Überwiegen der Materie vor der Antimaterie, so dass allein die Materie vorherrschend wurde.  In der biologischen Evolution finden sich viele Beispiele dafür, dass, metaphorisch gesprochen, ‚die Natur bestimmte Entwicklungen bevorzugt‘, sprich dass sich bestimmte biologische Formen (z.B. Auge) mehrfach und mit fast identischem Ergebnis heraus bildeten. Dieses sind nur Hinweise darauf, dass sich ein teleologisches Denkmodell durchaus anbieten würde, um natürliche Phänomene besser, das heißt angemessener im Blick auf die in ihnen selbst liegenden Potentiale und Wirkmöglichkeiten (wem der Begriff Zweck-Ursache zu sperrig ist) zu sehen, die zur Verwirklichung kommen / drängen? Genau darum geht es: Ob sich in der vorhandenen Wirklichkeit statt zufälliger Entwicklungen und kontingenter Entscheidungen auch eine strukturelle Zielstrebigkeit finden und denken ließe, die eben eine bestimmte Entwicklung bevorzugt oder als sachlich, d.h. der ‚Form‘ angemessenes Potential umsetzen kann. Der Begriff der Entelechie betont die Immanenz einer solchen Zielführung: Die „Form“ trägt die Gestalt der Verwirklichungen fortwährend in sich und lässt das konkrete Einzelne als eine verwirklichte Möglichkeit an der Tendenz, dem Gefälle, der Zielrichtung des gesamten Systems / der Struktur / des Netzwerkes teilhaben. Die Autopoiesis muss nicht ziellos und rekursiv gedacht werden, sondern kann durchaus auch zielgerichtet und tendenziös verstanden werden. Das Wort „Ziel“ sollte dabei mit aller Vorsicht gebraucht werden, denn es suggeriert ein klar bestimmtes ‚Endprodukt‘, wohingegen das ‚telos‘ der Entelechie selbst noch einmal als offen, als bestenfalls erkennbare Tendenz begriffen werden sollte.

Diese Tendenz aber ist mehr und anderes als Zufall, als deterministisch bestimmt und kausal begrenzt. Es kann das durchaus auch sein, aber die Möglichkeiten, die Potentiale gehen darüber hinaus. Nur an den Kipppunkten kann es deutlich werden, wo statt Zufall eine bestimmte Tendenz, eine Orientierung am Telos, wirksam und sichtbar wird. Es ist das Telos, das dem System usw. selber eigen ist, das darin nur seine Möglichkeiten realisiert und in eine bestimmte Richtung weiter entwickelt. Eigentlich wird auch die Evolution des Lebens so viel besser verständlich, weil Variation und Selektion geradezu Paradebeispiele sein könnten dafür, wie sich Tendenzen in Alternativen und Ambiguitäten durchsetzen, als zielgerichtete Selbstorganisation der ‚Form‘ ihre ‚Substanz‘ geben. „Entstehen und Vergehen“ wird unter teleologischen Gesichtspunkten im Zusammenhang verständlich: Apoptose als gezielte Programmierung, Chancen auf systemische Erneuerung, Ermöglichung alternativer Systeme, Rekombination globaler Systeme und Strukturen usw. Zum Beispiel das nahezu vollständige Erlöschen des Lebens auf der Erde vor 485 Mio Jahren („Eisball-Erde“) und weitere nachgewiesene Massensterben während der Erdgeschichte sind dann nicht nur als deterministischer Unfall zu verstehen.  Ich finde es überraschend, wie sehr sich der Gedanke der Entelechie als anschlussfähig heraus stellt hinsichtlich heutiger philosophischer, kosmologischer, evolutionsbiologicher, systemtheoretischer und netzwerkorientierter Denkmodelle. Es scheint sich in jedem Falle zu lohnen, den Begriffen der Teleologie und Entelechie weiter nach zu spüren, um die Sache, die in diesen alten Begriffen enthalten ist, neu zu fassen und sinnvoll zum Leuchten zu bringen. Es wird ein längerer Weg sein, denn er schließt ein, einige Dogmen der bisherigen materialistisch-kausalistischen Weltanschauung über Bord zu werfen. Die Zeit könnte dafür reif sein.