Okt 282015
 

[Anthropologie]

Frühere Kulturen haben in Kreisläufen gedacht, die Moderne aber denke zielstrebig geradeaus, nach vorne. Der Zeitpfeil, die Ausrichtung der Weltgeschichte auf ein endgültiges Ziel sei eine typische Erfindung der christlich-abendländischen Kultur. Die Kulturen des Altertums, aber auch naturverbundene Kulturen der ursprünglich nicht-abendländischen Welt dächten vielmehr in der Wiederkehr des Gleichen, im Rhythmus der Zeiten und Gestirne und darum in Kreisläufen. So haben wir gelernt. Kulturgeschichtlich gesehen mag da etwas dran sein. Der Rhythmus der Jahreszeiten mit Saat und Ernte, der Rhythmus der Gestirne, sei es der Sonne oder des Mondes, mit den jeweiligen Kalendern legten die Vorstellung vom Kreislauf des Lebens nahe. Ebenso einleuchtend mag es sein, dass gerade die Moderne, die so gesehen allerdings bereits in der Renaissance beginnt, mit der Entdeckung des Fortschrittsgedankens aus dem Denken in Kreisläufen ausbrach und, in einer eigenwilligen Säkularisierung, das religiös-christliche Ziel einer Endzeit und göttlichen Vollendung in die Domäne des Menschen verschob und zum Machbarkeitsprogramm umprägte. Inzwischen leben wir aber ganz gut mit beiden Vorstellungen, behalten den Jahresrhythmus in unseren Kalendern, Geburtstagen und Jubiläen und sehen uns genauso engagiert, den Karriereplan oder die zu erreichenden Ziele innerhalb eines Lebensabschnittes, wenn nicht gleich für das gesamte Leben, fest zu legen. Das Leben verläuft rhythmisch im Kreislauf und zugleich zielstrebig geradeaus gerichtet – zwei einander ergänzende und überlappende, komplementäre Sichtweisen.

Genau genommen ist noch eine weitere Sichtweise hinzu zu fügen. Vielleicht ist es sogar eine bessere Näherung als die geometrische Alternative von Gerade und Kreis. Platon und seine Schüler haben eher dreidimensional gedacht in „Platonischen Körpern“ und Kugeln. Die Kugel war für Platon überhaupt das Symbol der Vollkommenheit. Schaut man auf ihren Radius und Durchmesser, finden wir endliche Größen, will man aber Umfang und Volumen bestimmen, so kommt die ‚endlose‘ Zahl Pi dazu. Lange Zeit dienten die Sphären und Himmelsschalen als Sinnbilder und Inbegriff der Welt als geordnetem Kosmos. Nicht erst die Mondraketen haben diese Harmonie durchschnitten. Sie fliegen zwar nicht auf einer Geraden, sondern eher auf Hyperbeln, aber jedenfalls zielgerichtet hin und zurück. Und dann kommt da diese winzige (bei den derzeit möglichen Geschwindigkeiten) Zeitdilatation (Dehnung) dazu, die wir seit Einsteins spezieller Relativitätstheorie zu berücksichtigen haben und die bei der erforderlichen Genauigkeit von Satellitensignalen (z.B. GPS) auch berücksichtigt werden muss. Die kosmischen Sachen laufen also gar nicht ‚rund‘ und sind auch nicht entlang einem absoluten Zeitstrahl geordnet. Beides, der Kreis und die Gerade, sind bezogen auf unseren Kosmos Abstraktionen. Und sie sind es auch hinsichtlich unserer Lebenswelt. „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“, hat Heraklit gesagt. Das ist als Sinnspruch für den Wandel verstanden worden, und das ist sicher auch eine seiner Bedeutungen. Aber es geht zugleich um das Spannungsverhältnis von Beständigkeit und Wandel, von Erneuerung und Wiederkehr. Im Bild gesprochen: Der Fluss bleibt ja da, sein Wasser nur fließt, und an einer ruhigen Stelle kann mir sein Spiegel mein alterndes Gesicht zeigen. Wir steigen sehr wohl in denselben Fluss, tun immer wieder das Gleiche, leben stets im Rhythmus des Wiederkehrenden – und doch ist es von Tag zu Tag ein klein wenig anders, sind wir anders drauf, fühlen uns anders, treffen mal andere Menschen und erleben neue Ereignisse. Wenn unser Leben durch steten Wandel gekennzeichnet ist, dann ist es ein Wandel, der nur innerhalb eines Kontinuums von Beständigem (Arbeitszeiten, Familie, Freunde, Wege, Sport usw.) gelebt und vermutlich auch nur so ertragen werden kann. Zuviel Veränderung tut uns nicht gut wegen der Verunsicherung, und zuviel Beharrung auch nicht wegen der Langeweile. Das lehrt einen die Lebenserfahrung. Die Kunst liegt vielmehr in einem erstrebten Gleichgewicht zwischen Veränderung und Gleichbleibendem, ein Gleichgewicht, das immer wieder neu gefunden und etabliert werden muss. Es handelt sich dabei eher um „Fließgleichgewichte“, wie sie aus der Thermodynamik bekannt sind: Beständigkeit auf einem höchst gefährdeten, sensiblen Punkt möglicher Entscheidung (Bifurkation), an dem Eindeutigkeit entschieden oder Ambivalenz beibehalten wird. Überhaupt sind Eindeutigkeiten, wiewohl uns so vertraut und so beliebt, das eher Seltene im Leben. Leben ist etwas sehr Unbeständiges, Ambivalentes, Mehrdeutiges, dessen Formen sich kaum mit geometrischen Abstraktion fassen lassen. Eine unregelmäßige Spirale kommt als Bild vielleicht der Wirklichkeit am nächsten, wobei nur die Richtung und der Spin festgelegt zu sein scheinen. Eine gegensätzliche Faltung (siehe Prionen) kann alles falsch werden lassen. Nur die Richtung ist eindeutig fest gelegt. Sie wird als unumkehrbarer Pfeil der Zeit durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropie) bestimmt. Dies gilt zu allererst biologisch und systemisch, aber dann auch ganz lebensmäßig praktisch.

Bei aller scheinbaren Gleichförmigkeit des Lebens und seiner Vollzüge ist im Grunde nichts wirklich gleich. Das ist die Erkenntnis des alten Satzes von Heraklit. Man sucht einen Rhythmus, eine Art Rückversicherung auf Beständigkeit, ist aber tatsächlich jeweils neu (sagen wir: täglich, nicht gerade stündlich und sekündlich, obwohl…) in den wechselnden und niemals gleichen Situationen des Lebens heraus gefordert. Viele kleine Entscheidungen (was ziehe ich an? wo gehe ich essen?) sind geringfügig, beliebig und bleiben meist ohne irgendwelche Folgen. Aber es gibt durchaus Situationen, da stimmt auch dieses nicht, da ereignet sich gerade dort etwas Besonderes, wo alle Umstände des Moments von Bedeutung sind. Man muss da nicht nur an Amors Pfeile erinnern, sondern an das, was wir „schicksalhafte“ Begegnungen oder Widerfahrnisse nennen. Das Schicksal wird dabei als das Unerklärliche des Zufalls bemüht, es kann dann weiter als Schickung oder göttliche Fügung interpretiert werden, je nach Geschmack. Dennoch wird sich auch durch solche Wendungen so gut wie niemals die Grundrichtung des eigenen Lebens ändern, allenfalls die Umstände, und die können gewichtig genug sein. Die Grundrichtung ist zum einen dadurch bestimmt, dass alles Leben ein Leben zum Tode hin ist. Zum anderen ist es das, was durch Eltern, Geburt, Erziehung, Bildung, Prägungen frühlkindlicher Art usw. fest gelegt ist. Aus diesen „Leitplanken“ jedes einzelnen Lebens gibt es kaum ein Ausbrechen. Es müssen schon gewaltige äußere Unruhen eintreten (Krieg, Vertreibung, Flucht), die sogar die gesamte Lebensrichtung eines Menschen verändern und prägen können. Dennoch bleibt auch darin, in all diesen Veränderungen, der Einzelne der- oder diejenige, die er / sie bis dahin geworden ist. Wir tragen unsere Vergangenheit immer mit uns. Das ist wohl so. Und wir können einmal getroffene Entscheidungen niemals rückgängig machen. Wir können Korrekturen anbringen, sogar etwas scheinbar rückgängig machen, indem wir uns nun anders, entgegengesetzt, alternativ enscheiden. Doch dieses ist eine neue Entscheidung und beruht auf gänzlich anderen Voraussetzungen als die vorige – schon allein, weil es eine vorige Entscheidung als Vorläuferin der neuen Entscheidung gab; man ist nun nicht mehr derselbe, nicht mehr in derselben Situation, im selben „Fluss“.

Es ist leicht ersichtlich, dass sich Leben, insbesondere menschliches Leben, sehr konkret als gleichartige Veränderung vollzieht, als ständiger Wechsel von Wiederholung und Neuerung innerhalb eines lebensmäßigen Kontinuums. Das ist auch mit den Metaphern des Kreises und der Geraden oder besser, so mein Vorschlag, der Spirale („Doppelhelix“ – die biologisch-strukturelle Parallele) angedeutet. Es kommen allerdings noch zwei weitere Aspekte hinzu: Der Wechsel von unterschiedlichen Situationen, die eine Person erlebt, ist oft (meist, immer?) nur im bewussten oder gedanklichen Erfassen ein klares, eindeutiges Nacheinander. Näher an der Wirklichkeit des lebensmäßigen Vollzuges liegt die tatsächliche Ambivalenz, also Uneindeutigkeit, bisweilen auch Unentschiedenheit und Gleichzeitigkeit eines Vorganges, Ereignisses, sogar Entschlusses in den Dingen unseres Lebens. – Der andere Aspekt betrifft das „Kontinuum“ genannte, aber bisher noch nicht erklärte Eine, das individuelles Leben konstituiert. Ist die eigene Person dieses Kontinuum, und genau was in unserer Person? Das Bewusstsein, die gefühlte Befindlichkeit, das denkende Ich – oder ist es „nur“ das rein biologische Dasein?

Homo vitruvianus nach Da Vinci - Wikimedia

Homo vitruvianus nach Da Vinci – Wikimedia

Gerade durch die Verbreitung der digitalen Denkweise wird die Illusion befördert, es gäbe jeweils die Alternative von genau 0 oder 1. Die Digitalisierung in der Beschreibung von Gegenständen, Strukturen, Beziehungen und weiten Bereichen der Lebenswelt ist eine geniale Erfindung, aber sie legt das Missverständnis nahe, diese Vereinfachung sei schon die Wirklichkeit. Es ist nichtsdestoweniger eine sehr massive Abstraktion. Sie stimmt schon in der Physik nicht (Quantenphysik), und sie stimmt nicht in der sozialen Welt. Das Analoge, also Gleichartige mit Gleichzeitigkeiten und fließenden Übergängen der Veränderung wird durch das Nacheinander digitaler Rechenoperationen nachgebildet und in eine bestimmte Struktur gebracht, in die Struktur von + und – , 0 und 1. Nicht einmal unser Gehirn funktioniert auf diese Weise. Algorithmen können bestenfalls etwas in einzelne Schritte der Berechnung zerlegen, was tatsächlich ‚analog‘ ganz anders, d.h. mehrschichtig und gleichzeitig verläuft. Das Leben kennt schon biologisch viel weniger Eindeutigkeiten, als uns vielleicht lieb ist und was wir als Strukturprinzipien daran anzulegen gewohnt sind. Was ist Pflanze, was Pilz, was Tier genau? Was ist Gesundheit, was Krankheit; was ist Heilmittel, was ein Gift? Was ist alt, was ist jung? – usw. Unsere abendländische Kultur hat spätestens seit der Aufklärung und dem Rationalismus der Ambivalenz den Kampf angesagt. Eindeutig soll es zugehen, klar definiert und abgegrenzt in Alternativen, wie schon die Bibel sagt: „Eure Rede sei ja ja, nein, nein.“ (Matthäus-Evangelium 5, 37) Uneindeutigkeiten, Doppeldeutigkeiten, Überlagerungen sind nur hinzunehmen, bis die Sachlage eindeutig zu klären ist. Manche Sachlage hört aber dadurch auf, genau das zu sein, was sie vorher war: etwas Uneindeutiges, Ambivalentes. Spätestens seit diese Uneindeutigkeit als Strukturprinzip der Natur selbst in der Quantenphysik wieder neu entdeckt wurde (man nennt es dort die Zustände der Überlagerung oder „Hyperposition“ vgl. N. Gisin, Der unbegreifliche Zufall, 2014), sollte auch das ’normale‘ Denken und insbesondere das Denken der Philosophen Abschied nehmen vom rationalistischen Eindeutigkeitswahn. Die Natur und das Leben sind nicht nur komplexer, als immer wieder vereinfachend angenommen wird und in wissenschaftlicher Abstraktion praktiziert werden muss, sondern sie tragen eine Unschärfe strukturell in sich: Zweideutigkeiten, Mehrdeutigkeiten zuzulassen, mit Ambivalenzen zurecht zu kommen, mit einem graduellen Mehr oder Weniger besser beschreibbar zu sein als mit einem harten Ja oder Nein, Entweder – Oder. So wie sich die Spirale des Lebens – biologisch und sozial – immer wieder neu ‚erfindet‘ und sich mehr in Schleifen verwirklicht, die aber jeweils einen veränderten Ausgangspunkt haben und nie in sich selber zurückkehren, so könnte und sollte auch das philosophische Denken neben der rationalen Logik auf der einen Seite die andere Seite der Kunst als ihrem Wesen zugehörig betrachten. Vielleicht vermag es die Kunst am besten, Uneindeutigkeiten und In-der-Schwebe-Lassen darzustellen, sachgemäßer als inferentielles Denken es je kann.

Die andere Überlegung bezieht sich auf das Kontinuum, das den Prozessen des Lebens, unseres Lebens und unserer Erfahrung, zugrunde liegt. Dies scheinbar so selbstverständliche Eine oder Etwas oder Was-auch-immer ist nämlich keineswegs so klar und deutlich zu benennen, wie es auf den ersten Anblick scheint. Für Descartes war es klar, es ist das denkende Ich, und wir folgen ihm unausgesprochen noch heute darin. Wir mögen es nun differenzieren in ein Ich (transitiv) und ein Selbst (reflexiv), mögen es als Bewusstsein oder Denkvermögen fest machen (wobei die Hirnforschung beim Kontinuum eher an das biologisch-materielle Substrat denkt, das Gehirn) oder in die Person als soziales Wesen verlegen, – immer suchen wir ein Etwas zu begreifen, das ‚da‘ ist und für die Dauer eines Lebens möglichst unveränderlich bleibt. Denn molekularbiologisch haben wir längst erkannt, dass die Grenzen zwischen Konstanz und Variation fließend sind, dass der Mensch bezogen auf die Gesamtzahl seiner Körperzellen sich ungefähr alle sieben Jahre komplett erneuert, also regelmäßig zellulär ein runderneuertes Lebewesen geworden ist. Inzwischen ist es auch fraglich geworden, ob sich denn das Selbstbewusstsein kontinuierlich durchhält, also fortwährend ein und dasselbe Ich konstituiert, oder ob nicht auch die Arbeitsweise des Bewusstseins so beschaffen ist, das es seine Gegenwart ständig neu aus den Erfahrungen der Vergangenheit hervorbringt und an den Erwartungen oder Befürchtungen für die Zukunft ausrichtet. Das Bewusstsein könnte sich ständig aus dem Echo seiner Erinnerung und den Responsorien der sozialen Umwelt neu etablieren und sich dann als beständiges Selbst im Rückblick auf die eigene Vergangenheit jeweils in veränderlicher Weise konstruieren. Man baut sich zu unterschiedlichen Zeiten und aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen eine unterschiedliche Geschichte seiner selbst, schafft immer wieder andere „Selbstmodelle“ (Metzinger), die eine Kontinuität des Selbst nur suggerieren. Was also bleibt als Kontinuum meiner Selbst? Was ist das Ich als Intregral eines biologischen, psychischen, geistigen Wesens? So viel ist sicher: Was es denn ist bzw. als was man es am sachgemäßesten bestimmt, das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit – und keine einfache Aufgabe. Denn bei der Suche nach der Identität müsste auch der Aspekt der Ambivalenzen und Uneindeutigkeiten mit einfließen, wobei der Zirkelschluss des sich selbst denkenden Menschen vielleicht noch die einfachste Weise des Vorgehens ist.

Kreis und Linie, Kugel und Spirale, geometrische Metaphern und Modelle für Natur, Leben, Mensch, Dasein, Welt, weisen darauf hin, dass ein Nachdenken über den Menschen und das Leben so etwas ist, wie den Vogel im Fluge zu zeichnen. Ich benutze damit ein Bild aus der Sprache der Dialektischen Theologie aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Man braucht keine Theologie und man muss kein Theologe sein, um dieses Bild als ein Sinnbild des Bemühens anzusehen, sich selbst als lebendiges Wesen und Teil der Natur und zugleich als ein einmaliges, unverwechselbares Individuum, als Person zu verstehen. Das kann wohl nur als ein circulus vitiosus, nein viel besser als ein circulus virtuosus angegangen werden, so dass der wirklich lebende Mensch der Lebens-Künstler ist.