Jul 172015
 

[Philosophie, Erkenntnistheorie]

I.

Markus Gabriel hat mit seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ (2013) die Feuilletons bisweilen erheitert und die eigene Zunft gereizt und irritiert. Allzu salopp und unorthodox scheinen hier gewichtige philosophische Fragen aufgetischt zu werden. Andererseits hat die auf jeden Fall anregende Lektüre zu ganz unterschiedlichen Echos geführt. Inzwischen hat eine renommierte Fachzeitschrift, das Philosophische Jahrbuch, das Thema unter der Rubrik „Kontroversen“ aufgegriffen. Ausgangspunkt der Diskussion ist neben dem genannten Buch ein Initiativ-Aufsatz Gabriels unter dem Titel „Neutraler Realismus“ (PhJ II/2014). Im ersten Heft 2015 folgen sieben Beiträge, die darauf reagieren. Eine Antwort Gabriels ist in Aussicht gestellt, die Diskussion wird weiter gehen.

Gabriel stellt seine Position modifiziert und präzisiert dar. Es ist nicht mehr von „Neuem Realismus“, sondern von einem „Neutralen Realismus“ die Rede. Er grenzt das Realismusproblem zum einen gegenüber dem Ausgehen vom „Außenweltproblem“ ab, das die Existenz einer vom „Geist“ unabhängigen „Außenwelt“ diskutiert, zum andern gegenüber einem „methodischen Antirealismus“. Letzteres meint die Auffassung, „dass es eine Pluralität von Gegenstandsbereichen nur deswegen gibt, weil es eine Pluralität von Diskursbereichen gibt“ (352). Gabriels programmatische Absicht ist es, „den Realismusbegriff von vornherein vom Naturbegriff zu unterscheiden und die Realismusdebatte von der Naturalismusdebatte unabhängig zu behandeln“. Darum soll ein „genuin nicht-naturalistischer Realismus“ die Neutralität des Realismusbegriffs gegenüber metaphysischen Festlegungen wahren. Den beiden abgelehnten „Weichenstellungen“ der Realismusdebatte liege ein „unartikulierter metaphysischer Monismus“ zugrunde, nämlich „dass es eine Welt gibt, für deren genuin objektive Beschreibung die Naturwissenschaften zuständig sind“ (356). Sich dagegen begründet zu positionieren ist Gabriels erklärte Absicht.

Sein erstes Argument für einen „Neutralen Realismus“ nennt Gabriel „das Argument aus der Faktizität“. Es soll zeigen, „dass jede Position an irgendeiner Stelle realistische Voraussetzungen treffen muss“ (356). Dies richtet sich insbesondere gegen Spielarten eines epistemischen Antirealismus wie gegen „übergeneralisierten Konstruktivismus“. Auch extreme Positionen wie ein transzendentaler Idealismus (Unzugänglichkeit eines „Ding an sich“ bei Kant) oder eines Solipsismus, der die Wirklichkeit auf die eigenen sensorisch-mentalen „Registraturen“ hin relativiert, müssten letztlich von der Wahrheit des eigenen Ansatzes als „absoluter Tatsache“ ausgehen. Gabriel folgt der Argumentation von Paul Boghossian im Hinblick auf einen „Tatsachenobjektivismus“, dass es „notwendigerweise registrierungsunabhängige Tatsachen gibt, wenn es überhaupt Tatsachen gibt“ (358). Sein neutraler Realismus soll nun aber eine weitere Vorfestlegung auf ein selbstverständlich gegebenes (naturalistisches) „modernes epistemisches System“ vermeiden, durch das bestimmte Tatsachen privilegiert werden.

Sein zweites Argument ist das des „Ontologischen Pluralismus“. Unter Ontologie versteht Gabriel die Beantwortung der Frage nach der Existenz, unter Metaphysik „eine Theorie der Totalität im maximal unrestringierten Sinn von „alles überhaupt““ (363). Dies wäre eine „Theorie der Welt als Welt“. In diesem Sinne bezeichnet sich Gabriel als „ontologischen Realisten“ und „metametaphysischen Nihilisten“. Damit will er ausdrücken, dass einerseits vieles existiert, auch ohne dass es Begriffsverwender dafür gibt, dass andererseits es eine Welt als unbegrenzte Totalität von allem überhaupt nicht geben kann. Es folgt der aus seinem Buch bereits bekannte Gedanke, dass Gabriel „Existenz als den Umstand versteht, dass etwas in einem Sinnfeld erscheint“ oder anders gesagt, dass etwas in einem bestimmten Seinsbereich vorkommt („Bereichsontologie“, 365). Weil es viele Seinsbereiche gibt, natürliche, wissenschaftliche, fiktionale, künstlerische, religiöse usw., darum nennt er diese Idee „ontologischen Pluralismus“. Er begründet seine Auffassung ausführlich in Abgrenzung zu Putnams „ontologischen Antirealismus“ und zu metaphysischen Positionen, die von der Voraussetzung ausgehen, es müsse eine Wirklichkeit geben, die wir verschieden beschreiben, die an sich selbst aber nichts mit Beschreibungen zu schaffen hat“ (364). Warum, so fragt er gegen Carnap, sollte es nur „ein Gebiet von Gegenständen und daher nur eine Wissenschaft“ geben, die dann naturwissenschaftlich-physikalisch festgelegt wäre. In einem weiteren Argumentationsgang grenzt sich Gabriel gegen die Verknüpfung von Existenz mit mengentheoretischen Quantoren (sein = es existiert mindestens ein ‚x‘ – bzw. ein Bereich ist nicht-leer) (gegen McDaniel und Turner). Gabriel will vermeiden, Existenz an einen zahlenmäßigen Existenzquantor zu binden. Er möchte an einem ontologischen Realismus ohne metaphysische Festlegung, sprich an einem „ontologischen Pluralismus ohne Metaphysik“ als plausiblerem Denkangebot festhalten (370). Sein neutraler Realismus ist in dem Sinne neutral, dass er keine metaphysische Position favorisiert und sich durch Existenzquantoren nicht festlegen lassen will.

Markus Gabriel bezeichnet seine dargelegte Position als „dezidiert nicht-naturalistisch“, indem sie einige „ontologische Dogmen“ vermeidet. Das eigentliche durchaus existentielle Interesse hinter seiner Argumentation und den Bemühungen, Realität neu bzw. neutral zu denken, kommt im letzten Absatz (370) zum Ausdruck:

Der Naturalismus ist in meinen Augen die Alltagsmetaphysik (folk metaphysics) unserer Zeit, jedenfalls in einigen kulturellen Breitengraden oder Soziotopen. Dabei richtet diese Voraussetzung allerdings auch Schaden an, insbesondere, weil im Rahmen des vagen Naturalismus die Religion, aber auch viele andere zentrale Bereiche des menschlichen Lebens (wie die Kunst und unsere angeblich defizitäre Alltagspsychologie, aber auch die Geschichte der Philosophie), meistens nurmehr als unvernünftiger Aberglauben auftreten dürfen. Insofern stimme ich also abschließend dem Existenzialismus zu, der uns darauf hingewiesen hat, dass v. a. unsere Vorstellung dessen, was „Existenz“ bedeutet, damit zusammenhängt, wie wir darüber nachdenken, was es bedeutet, dass wir existieren.

II.

Der Leipziger Philosoph Pirmin Stekeler-Weithofer macht einige sehr interessante „Bemerkungen zu Markus Gabriels Neutralem Realismus“ (PhJ I/2015 S. 177 – 185). Ähnlich wie Volker Gerhardt (im selben Heft) reibt er sich ein wenig an Gabriels selbstsicheren und bekennerhaften Stil. Stekeler macht sogleich deutlich: Es geht in der Philosophie nicht um bekennerhaften Glauben oder um Überzeugungen, sondern um „ein Nachdenken darüber, von welcher Form die philosophischen Explikationen von Rede-, Urteils-, Schluss- und Handlungsformen sind, und welchem Zweck, welcher Art der Problemlösung, sie dienen.“ (177) Man merkt sogleich, es geht Stekeler um exakte und wohlbegründete philosophische Rede. Mit diesem Anspruch wendet er sich dem neutralen Realismus Gabriels zu.

Im ersten Abschnitt „Das Reale und der Ismus“ kritisiert Stekeler die unterstellte Selbstverständlichkeit, mit der von Realismus, Idealismus, Naturalismus usw. gesprochen wird. Dies sind vielmehr „bloße Glaubensphilosophien“, solange nicht definiert ist, woran genau zu glauben ist, welches die Geltungsbedingungen der in diesen Überzeugungen vertretenen Sätze oder Thesen sind. Diese Unklarheit bei den allgemeinen Ismen macht die Auseinandersetzung schwer, „es ist die allgemeine Attitüde, welche hier ein Problem macht“. Statt über Titelworte und Meinungssyteme zu streiten, muss es darauf ankommen, „das Reale in glückenden Unterscheidungen“ ans Licht zu bringen. Er verweist als Beispiel auf die Farben, die von normalsinnigen Gesprächspartnern übereinstimmend und erfolgreich unterschieden werden in einer gemeinsamen „Praxis der Unterscheidungen“ (179). Ein Streit über den Realismus kann erst dort entstehen, wo einzelne die Existenz von Farben bestreiten, da es ‚in Wirklichkeit‘ nur elektromagnetische Wellen seien. Stekeler fragt, ob solche Dinge wie Teilchen und Wellen anderes sind als „reine Allgemeinheiten und Abstrakta“, deren Existenz wir uns mittels Formulierungen wie „in Wirklichkeit“, „in Wahrheit“ als „Ersatzkonstruktionen“ versichern. Sie sind hilfreich, weil wir uns mit ihnen im Bereich der Physik als dem „Reich der empirischen Erscheinungen“ gut orientieren können. Nichtsdestoweniger gilt es unschwer zu erkennen, „dass gerade die angeblich wirklichsten aller wirklichen Dinge theoretische Entitäten sind“. Sie teilen das Theoretisch-Ideale mit geometrischen Formen, Zahlen, Mengen. Es gibt sie nicht als „unmittelbar empirisch wahrnehmbare und erfahrbare Unterscheidungen“, also als Tatsachen, Phänomene innerhalb konkreter Raumzeit, sondern nur als zeitallgemeine Aussagen und damit als „geistige Konstruktionen“. Von den besten Theorien wird dann gerne gesagt, sie beschrieben die Wirklichkeit, wie sie ist, – so dass, so Stekeler, das auf diese Weise gewonnene wahrhaft ‚Wirkliche‘ zugleich ‚ideal‘ ist, „denn es ist ein Produkt unserer wissenschaftlichen Vernunft“ (180). Es handelt sich dabei um eine Form des ‚Idealismus‘, der ein ‚Realismus‘ ist in Bezug auf die reale Konstitution der theoretischen Gegenstände und Entitäten, mit denen Ereignisabläufe erklärt werden. – Wir sehen schon: Beim Versuch möglichst genauer und klarer philosophischer Rede in Bezug auf Gegenstand und Geltungsbereich geraten unserer Begriffe von ‚Realismus‘ und ‚Idealismus‘ schnell durcheinander, und genau das will Stekeler hier offenbar demonstrieren – nicht ganz einfach, aber nachvollziehbar.

In einer weiteren Überlegung wendet sich Stekeler den Seinsbereichen zu. Er spricht von „sortalen Gegenstandsbereichen“, in denen Quantifizierung sinnvoll möglich ist. Reine sortale Bereiche enthalten Gegenstände, die zeitallgemein bestimmt sind. Insofern sind diese Bereiche vollständig „theoretisch konstituiert“ (z.B. in der Arithmetik). Dinge in der empirisch erfahrbaren Welt können nicht Elemente eines rein sortalen Bereichs sein, da sie nur zeitabhängig bestimmbar sind. Dennoch können sie über ihre Eigenschaften als bestimmten Bereichen (Sorten) zugehörig in theoretisch geformten Aussagen erfasst werden. Dies geschieht nach sprachlogischen Regeln und ist „keine Sache des Glaubens mehr“. Existenzaussagen über Gegenstände in solchen Gegenstandsbereichen sind daher ebenso ‚geistig‘ wie ‚materiell‘, ebenso ‚ideell‘ wie ‚real‘.“ (180) Nimmt man die Reflexion auf das transzendentale Apriori (Kant) hinzu, dass alle empirischen Unterscheidbarkeiten immer schon begrifflich vermittelt sind, so wird die Unterscheidung zwischen ‚real‘ und ‚bloß Schein‘ zu einem reinen „Wertungskontrast“. Im Blick auf Markus Gabriel stimmt er zwar der „trivialen Einsicht“ zu, dass ein „Existenzquantor … nur in einem begrenzten wohldefinierten sortalen Gegenstandsbereich“ sinnvoll ist (181), dass dies aber streng genommen nur für mathematische Gegenstandsbereiche zutrifft, eben weil es „in der realen Welt keine zeitallgemeinen sortalen Gegenstände“ gibt. Über die sprachlogisch verfasste Rede von der Existenz von Gegenständen in genau definierten ’sortalen‘ Gegenstandsbereichen hinaus gibt es nur die Möglichkeit, in „totalitätslogischen“ oder „spekulativen Ausdrucksformen“ eine sinnvolle Praxis des Redens und Unterscheidens zu vollziehen. Sofern Gabriel nur das als existent ansieht, was es ‚in der Welt gibt‘, dann ‚gibt‘ es die Welt nicht, weil sie kein Gegenstand in der Welt ist. „Die Welt aber gibt es in einer anderen Redeform dann doch, und zwar gerade weil sie ‚der Inbegriff aller Existenzen und Realitäten‘ ist.“ (182) Die sei „als Kommentar zur gesamten Verfassung derartiger Aussagen“ (183) zu verstehen. Was Stekeler damit genau meint, ob zum Beispiel alltägliche Redeweisen über Erfahrungen von unabgeschlossener Ganzheit, wird hier nicht ganz klar. Zumindest in einem anderen Punkt ist er sich mit Gabriel einig: Wenn nämlich wie im physikalischen Naturalismus ‚Welt‘ mit Weltall, Kosmos oder Universum identifiziert werde als einem „übergroßen Ding …, das sich entwickelt“, dann müsste erst recht unterschieden werden zwischen diesem naturwissenschaftlich begrenzten Gegenstand und einer ‚Welt‘ als „Gesamtbereich aller unserer Unterscheidungen, konkreter wie abstrakter Art“ und damit auch aller unserer „Unterscheidungsbereiche“. Stekeler gebraucht das Bild „nach Art einer alles umfassenden Handbewegung“ (ebd.), um auf den gleichwohl empirisch-deiktischen Aspekt dieses Totalitätsbegriffs hinzuweisen. „Dass es diese Welt gibt, ist dann wiederum nicht als Existenzquantifikation zu lesen“. (183) Die physikalische Welt hingegen wäre als ein solcher Unterscheidungsbereich konstruiert, wie es auch mögliche andere (fiktionale) Alternativwelten sind, die man als Bereiche unterscheiden könnte.

Immanuel Kant (Wikimedia)

Immanuel Kant (Wikimedia)

In einer letzten Überlegung geht es Stekeler um die „Abwehr eines subjektiven Idealismus“ (z.B. Berkeley), „die Vorstellung nämlich, dass es nur das gebe, was wahrnehmend erfahren werde“. Nun können aber „theoretische Entitäten“ empirisch niemals wahrgenommen werden, und das betrifft auch Dinge der Vergangenheit ebenso wie subatomare Phänomene. Dennoch aber möchte Stekeler mit Gabriel Dinge aus der Vergangenheit, die „keinem Wesen in der wahrnehmbaren Anschauung gegeben waren“ als wirklich, real gegeben ansehen. Hier erkennt er in Gabriels „neutralen Realismus“ die positive Idee, im Interesse der Unterscheidung von wahrhaft Wirklichem und Irrtümlichem die Kanonisierung einer allein anerkannten Sichtweise zu verhindern. Gabriel wolle „neutral bleiben im Blick auf Glaubensphilosophien transzendenter Art“ (184). Das ist Stekeler aber „allzu harmlos“ gedacht, weil damit der „kritische Impuls“ der Moderne, wie er im Empirismus und Kantianismus formuliert ist, eingeebnet oder ignoriert werde. „Es geht hier doch darum, das Primat der realen Erfahrung und des realen Denkens, der Phänomene, vor allen unserer Theoriekonstruktionen und tentativen Glaubenshaltungen zu begreifen. Dieses Primat ist gegen jeden Willkürglauben etwa an einen Materialismus oder Physikalismus zu verteidigen…“ (184) Er insistiert darauf, dass unsere Unterscheidungen und unser Wissen ‚wirklich‘ sind und dass es hier ein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ im Vorgehen und in der Sache gibt, so „wie man richtig oder falsch rechnen kann“. Gabriels Neutralität gibt für Stekeler schon zu viel Raum preis an „metaphysischen Willkürglauben“, dessen Spielarten man ’neutral‘ irgendwie gleichartig nebeneinander stehen lässt. Auch wenn er Gabriel einräumt, mit seinem „metametaphysischen Nihilismus“ der „frommen“ (auch als Materialismus verkleideten) Metaphysik vielleicht eine völlige Absage erteilen zu wollen, wittert Stekeler auch in der „pluralistischen Neutralität“ noch zu viel Achtung vor den quasi-religiösen modernen Ismen, die er als „scholastische Glaubenssysteme“ endgültig überwinden möchte. „Philosophie wird aus einem solchen neutralen Pluralismus niemals.“ (184).

III.

Was trägt nun Stekelers Replik auf Gabriels Thesen aus? Der Sache nach teilt Stekeler eine in Gabriels Verständnis ‚realistische‘ Position, auch wenn er den „Ismus“ ‚Realismus‘ (wie jeden anderen Ismus) hinreichend deutlich problematisiert (in welchem Geltungsbereich? realistisch / idealistisch im Blick auf was?) und die Argumentation einer immer schon implizierten realistischen Grundannahme auch bei antirealistischen Positionen (so Gabriel) nicht erwähnt. Er teilt ferner Gabriels These, dass es „die Welt nicht gibt“, sofern diese Welt als sortaler, quantifikatorischer Gegenstandsbereich verstanden werden soll. Gabriel wehrt ausdrücklich das Argument ab, den Existenzquantor im Blick auf die Welt als „alles überhaupt“ in Anschlag zu bringen. Allerdings hält Stekeler gegen Gabriel an einem „totalitätslogischen“ spekulativen Allgemeinbegriff von Welt fest, den er „nach Art einer umfassenden Handbewegung“ symbolisch verortet. Einen solchen Begriff von  Welt als „Inbegriff aller Existenzen und Realitäten“ gebe es durchaus. Er führt den Gedanken eines „spekulativen, hochstufig-logischen Titels „Welt““ zwar nicht weiter aus, aber es klingt spannend, und davon würde man gerne mehr hören. Zumindest hält dieser Welt- „Titel“ (warum nicht Begriff?) als „Gesamtbereich aller Unterscheidungsbereiche“ etwas fest, was Gabriels These, „dass es die Welt nicht gibt“, verliert: nämlich philosophisch ‚das Ganze‘, wenn auch unabgeschlossen, zeitallgemein und unabzählbar denken zu wollen, also Hegels Gedanken des Absoluten als Inbegriff aller Begriffe nicht aufzugeben. Hier vermute ich bei Stekeler ein: ‚Mut zur Spekulation – an ihrem Platz‘. Aber selbst wenn man diesen Schritt nicht gehen möchte, bleibt es dennoch Aufgabe der Philosophie, das umfassende ‚Ganze und Allgemeine‘ zu denken und insofern auch eine Welt als „alles überhaupt“, allein schon weil wir sonst auch umgangssprachlich ganz schön arm da stehen. Hier wäre Gabriel eine weitere Präzisierung seines Weltgedankens im Sinne der von Stekeler skizzierten Hinweise zu wünschen *).

Schließlich sind beide darin einig, dem naturwissenschaftlichen Materialismus oder dem physikalischen Naturalismus als Allerweltsphilosophie nicht das Feld unwidersprochen zu überlassen. Beide hier besprochenen Philosophen werden in ihren Formulierungen geradezu emphatisch, gegen diesen „Willkürglauben“ (Stekeler) oder „folk metaphysics“ (Gabriel) anzugehen. Stekeler bezieht sich dabei ausdrücklich auf die neuzeitlichen ideologiekritischen Grundgedanken, wie sie im Empirismus und bei Kant (transzendentales Apriori) unaufgebbar formuliert sind. Diesen kritischen Impuls gegen alle pseudo-religiöse Metaphysik, auch im Gewande des Naturalismus, bringt Stekeler auch gegen Gabriels ontologischen Pluralismus oder metametaphysischen Nihilismus in Anschlag: Der sich letztlich doch metaphysisch auswirkende Pluralismus des „Neutralen Realismus“ (gegen Gabriels erklärter Absicht) wird von Stekeler kritisiert als zu schwach, zu harmlos, zu wenig der darin eingeschlossenen Problemgeschichte bewusst. Man möchte dem kritischen Impuls wohl folgen, wüsste dann aber doch gerne genauer, wie Stekeler die spekulative Idee wieder empirisch- transzendental einholen will, was er also mit der etwas kryptischen Formulierung des „Kommentars zur gesamten Verfassung derartiger Aussagen“ (= Welt als Inbegriff usw.) eigentlich meint. Vielleicht wird aus einem metaphysisch neutralen Pluralismus keine (gute) Philosophie, wie Stekeler in seinem letzten Satz feststellt, aber ganz sicher wird aus einem weiter gehenden Gespräch beider Philosophen, das den jeweils anderen in seinen Intentionen und Argumenten ernst nimmt, ein spannender und fruchtbarer Dialog, der gute Philosophie weiter bringt.

Anmerkung

*) In ähnlicher Weise kritisiert Volker Gerhardt in seinem gedanklich und stilistisch gut zu lesenden Diskussionsbeitrag (PhJ I/2015, 153 – 162), dass Gabriel mit seinem Verzicht auf einen umfassenden Weltbegriff das Kind mit dem Bade ausschüttet: „Zwar böte es sich [für Gabriel] an zu sagen, dass die Welt das Sinnfeld ist, das alle anderen Sinnfelder (ohne raumzeitliche Konnotation) in sich schließt. Aber damit fiele ausgerechnet das Sinnfeld heraus, das die Welt selbst zu Bewusstsein bringt, und damit fehlte ausgerechnet der Welt das alles umfassende Sinnfeld, das in einer Welt, die ihren Begriff verdient, nun einmal nicht fehlen darf. … Dieses gedanklich jederzeit bereits theoretisch wie praktisch angenommene Ganze wird seit ältesten Zeiten Welt genannt, und wir setzen es als wirksam und wirklich voraus, sobald wir uns auch nur das Geringste denken. Dieses Ganze muss es allein deshalb geben, weil wir uns anders für uns selbst und in ihr selbst gar nicht als Ganzheit, nämlich als Individuum oder Person, verstehen könnten. Um es mit dem Wort eines Denkers zu sagen, den Gabriel offenbar versteht: Nimmt man dem Menschen das „In-der-Welt-sein“, nimmt man ihm jede Bedeutung.“ (162) – Gerhardt bezieht sich in seinem Beitrag ausschließlich auf Gabriels Buch „Warum es die Welt nicht gibt“. Er hält dagegen: „Und es gibt sie doch“: