Mai 242015
 

[Philosophie]

Die Philosophie befindet sich in einer fragwürdigen Situation. Vielleicht war das schon immer so, aber heute ist es besonders auffällig. Es gibt keine dominierende Richtung (mainstream), es gibt keine ausgeprägten Schulen, es gibt keine übergreifende Gemeinsamkeit der Grundannahmen, es gibt noch nicht einmal eine Übereinstimmung in der Methodik. Von daher könnte es schwierig sein, überhaupt den Gegenstand von Philosophie zu bezeichnen. Eben so wenig ist eine klar gestellte Aufgabe oder ein zu erreichendes Ziel benennbar. Es gibt vielerlei Ansätze, es gibt die unterschiedlichsten Anknüpfungen, es gibt sehr verschiedenartige Aufgabenstellungen. Würde man Philosophen innerhalb unseres Wissenschaftsbetriebes nach ihrem Selbstverständnis fragen, so erhielte man vermutlich eben so viele Standpunkte und Einschätzungen wie diejenigen, die Auskunft geben.

Das schien vor einigen Jahren noch anders zu sein. Philosophie konnte sich in weiten Teilen als Sprachphilosophie verstehen. Ihre Methodik war analytisch, und ihr Ziel war es, gewissermaßen eine Hintergrundtheorie zu liefern für die erfolgreichen Erkenntnisse der Naturwissen­schaften. Auch Philosophie sollte sich formal, mathematisch und logisch am Erfolgsmodell der Naturwissenschaften orientieren. Metaphysik wurde obsolet, Wahrheit entsprach mehr empirischer Überprüfbarkeit bzw. Widerspruchsfreiheit. Das nun zugrunde gelegte Weltbild war materialistisch und physikalistisch, der Mainstream hieß Naturalismus. Wenn ich in der Beschreibung die Vergangenheit verwende, so soll damit nicht gesagt werden, dass diese grob umrissenen Positionen nicht mehr aktuell wären – sie sind es immer noch -, sondern dass sie an Überzeugungskraft und damit an Bedeutung verloren haben. Vielfältige andere Positionen, Weiterentwicklungen, Abwandlungen und Mischformen bisheriger Theoriekonzepte sind aufgetreten, dezidiert metaphysische Konzepte werden erneuert und modifiziert. Sogar die Frage nach „der Wahrheit“, nach dem Absoluten, ist wieder möglich.

Dass die Situation der Philosophie dennoch fragwürdig bleibt, wird auch daran deutlich, dass es eine Vielzahl von Segmenten, akademisch gesehen von Fachgebieten gibt, in die sich heute Philosophie auffächert. Erkenntnistheorie, Epistemologie, Wissenschaftstheorie, Pragmatik, Ethik, Sprachphilosophie, dann die Vielzahl der „Philosophien der …“ (Geschichte, Mathematik, Kunst, Religion, Musik, Politik) weisen auf die unterschiedlichen Sparten hin, in denen sich Philosophie ausdifferenziert hat. Hinzu kommen Typisierungen und Schablonen, die auf unterschiedliche theoretische Rahmenbedingungen und Grundannahmen verweisen wie Konstruktivismus, Positivismus, Empirismus, Realismus, Idealismus, Monismus, Dualismus, Funktionalismus, Computationalismus, Systemtheorie usw.. Die Liste ist nicht vollständig, zeigt aber die kaum übersehbare Breite und Differenzierung philosophischer Ansätze und Thematiken, die dem hohen Grad der Individualisierung der Vertreter philosophischer Meinungen zu entsprechen scheint. Gemeinsam ist vielen Positionen nur die Behauptung, dass der / die andere falsch liegt.

Man könnte weiter fragen, wer denn zu den repräsentativen Philosophen gehört: Die an den Universitäten und anderen Forschungsstätten angestellten Wissenschaftler des Fachbereichs Philosophie? Oder sind auch Soziologen, Psychologen, Historiker, Religionswissenschaftler, Informationstechnologen, Kunstgeschichtler, Literaturwissenschaftler hinzuzurechnen? Was ist darüber hinaus mit den „freien Geistern“ nicht institutionalisierter Wissenschaft und Philosophie, die sich in Büchern, Vorträgen, Publikationen im Internet usw. zu Wort melden? Was mit Feuilletonisten und an philosophischen Dingen interessierten Journalisten und Publizisten? Fragt man nach der Philosophie, wie sie in der Öffentlichkeit vorkommt und wahrgenommen wird, wie sie sich dann auch zum Teil als öffentliche Meinung bildet und Grundauffassungen einer Zeit widerspiegelt, dann wird das Bild noch viel bunter und bewegter, von den ausufernden Rändern lebenskundlicher Ratgeber, esoterischer und mystischer Schriften und Praktiken ganz zu schweigen. Man mag darin manche Strömungen eines Zeitgeistes erkennen, einer Modeerscheinung oder eines Hypes wie bei bestimmten Verschwörungstheorien. Tut man dies als „nicht ernsthaft“ ab, blendet man vieles aus, was die Meinungen der Menschen unserer Zeit dennoch prägt und bildet. Philosophie ist zum einen wissenschaftlich-elitär, zum anderen breit gestreut als Sache und „Ding“ eines jeden, der sich dafür interessiert.

Die Situation der Philosophie bleibt also fragwürdig in dem Sinne, dass man immer wieder mit der Frage anheben muss, was denn Philosophie überhaupt sei, womit sie sich beschäftige, was ihr Gegenstand und ihre Aufgabe sei. Es gilt also, das philosophische Fragen und Denken einzugrenzen, damit es überhaupt mit einer gewissen Strenge und Konsistenz betrieben werden kann und nicht der Beliebigkeit verfällt. Mir scheinen dafür zwei Grundanliegen wesentlich zu sein.

1. Philosophisches Denken und Arbeiten hat nach rationalen Regeln zu verfahren. Das ist schon allein der Verständlichkeit, der Nachvollziehbarkeit, der Überprüfbarkeit auf Konsistenz und Plausibilität geschuldet. In philosophischer Argumentation wird es um Gründe gehen, die gerechtfertigt und auf ihre Konsequenzen hin ausformuliert werden müssen. Voraussetzungen, Grundannahmen („Aprioris“) ebenso wie Intuitionen und Vermutungen gilt es als solche zu benennen. Auch wenn ein neuer Gedanke erst einmal nur so, vorläufig und ungesichert geäußert wird und natürlich so ungeschützt vorgetragen werden kann, weil er sich einfach in einer bestimmten Diskurs- oder Problemsituation aufdrängt, dann muss er sich daraufhin doch der kritischen Prüfung, der Rückfragen nach Begründungen und Zusammenhängen stellen. Nur so kann sich im Prozess der Diskussion herausstellen, was möglicherweise daran ist, wieweit ein neuer Gedanke tragen könnte usw.. Rationalität im Verfahren ist deswegen unverzichtbar, um Kommunikationsfähigkeit zu erhalten und Begründungen und Rechtfertigungen geben zu können. Dies gilt generell, umso mehr dann, wenn bisherige Fragerichtungen verändert und Rahmenannahmen neu bestimmt werden. Der klügste Gedanke ist wenig wert, wenn er nicht nachvollziehbar ist. Das betrifft dann auch eine verständliche Sprache mit hinreichender Klarheit der verwendeten Begriffe. Zu einem fruchtbaren Gespräch zwischen unterschiedlichen philosophischen Positionen und Meinungen kann es nur dann kommen, wenn die Basis vernünftigen Denkens und Argumentierens in sachdienlicher Strenge nicht verlassen wird.

Mr. Spock - flickr

Mr. Spock – flickr

2. Rationalität ist nicht alles. Die „andere“ Seite kommt nicht erst als ein Zweites dazu, wenn man an die subjektiven Bedingungen des Arbeitens, der Befindlichkeit, des Geschmacks, der Gewohnheit usw. denkt. Das Nicht-Rationale, Emotionale, Spontane, Kreative, Intuitive, das Körperliche, das Gerade-so-Dransein gehört von Anfang an dazu, wenn gedacht, argumentiert, philosophiert wird. Es geht also nicht nur um das, was in einem Teil der heutigen Diskussion als Verkörperlichung, Embodyment, betont wird als eine besondere Charakterisierung psychischer Zustände, sondern um das offenkundige und ausdrückliche Geltenlassen und Berücksichtigen trans-rationaler Motive, Stimmungen und Vorstellungen, die ständig im – ja, was nun eigentlich? – Hintergrund, Vordergrund, Untergrund … des Denkens aktiv sind. Dies ist ein wesentlicher Aspekt, auf den vielleicht auch der Pragmatismus und interne Realismus bei Hillary Putnam zielt. Für rational geprägtes Argumentieren gilt dasselbe wie in der Psychologie des Lernens: Wenn man Signal-Lernen, Lernen durch Erfahrung, Modell-Lernen und Lernen durch Einsicht (Giesekus) unterscheidet, so wird sich im Konfliktfall verschiedener Anwendungssituationen stets die einfachste, basale Lernform durchsetzen – und das ist nicht die Einsicht, nicht die rationale Erkenntnis. Ganz einfach und zugespitzt könnte man sagen, dass das Gefühl beim Denken immer eine wesentliche Rolle spielt, und dies eben der Natur der Sache nach unbewusst. Ein rationaler Prozess der Diskussion sollte auch diese besondere Art von „Randbedingungen“ ins Bewusstsein heben und berücksichtigen. Insofern ist es durchaus gerechtfertigt, wenn einem gefühlsmäßig eine bestimmte philosophische Argumentation oder Position zunächst einfach mehr zusagt als eine andere – und man sich erst im zweiten Schritt um die Gründe und Plausibilität dafür bemüht.

Menschen sind eben nicht Mr. Spock. Es tritt auch nicht nur etwas Emotionales, Impulsives hinzu wie in der Filmfigur des Capitain Kirk. Der rational argumentierende Mensch ist zugleich und in einem der emotionale, durch Vor-Bilder geprägte, lebensweltlich und situativ bestimmte Mensch. So, als solcher kann er auch darüber nachdenken und wissenschaftlich Rechenschaft ablegen, was ihm als das Wichtigste seiner Lebenswelt in der Philosophie Gegenstand der Beschäftigung wird. Denkformen sind verbunden mit Sprachwelten, Lebensweisen und Leidensgeschichten. Erst sie bringen manche Theorie recht zum Leuchten.