Feb 222015
 

[Religionsphilosophie]

Was Glaube sei, scheint eine klare Sache zu sein. Um Glauben geht es im Zusammenhang der Religion. Aber auch im verlässlichen Miteinander spielt „Treu‘ und Glauben“ eine wichtige Rolle. Umgangssprachlich steht das Verb „glauben“ für eine nicht ganz sichere Annahme, Vermutung oder Überzeugung. Hier wie auch in anderen Zusammenhängen ist der korrespondierende Gegenbegriff „Wissen“. Was ich weiß, das ist für mich sicher. Was man nicht weiß, sondern nur glaubt, ist unsicher und nur vermutlich oder möglicherweise richtig – oder eben auch falsch. In anderem Zusammenhang spricht man davon, dass Glaube eine Gewissheit sei, eine unausgesprochene Voraussetzung aller sonstigen Erfahrung und Überzeugung. Der „Glaube an das Gute im Menschen“ kann solch eine stillschweigende Voraussetzung sein, aber auch der „Glaube an die Wissenschaft“, womit die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis gemeint ist. Glaube als eine Form „unmittelbarer Gewissheit“ (siehe Moore) zeigt sich also etwas sehr Umfassendes, Grundsätzliches.

Es scheint ein Privileg der Religionen, genauer deren Theologie zu sein, sich mit dem Glauben zu befassen. Dort geht es natürlich nicht um irgendeinen Glauben, sondern um den Glauben an Gott, an seine Macht, an seinen Willen. Insbesondere in der christlichen Theologie ist jahrhundertelang über das Verhältnis von Glauben und Wissen nachgedacht und geschrieben worden. Es ist weniger ein Thema im Judentum oder im Islam und schon gar nicht im Buddhismus, Hinduismus und anderen asiatischen Religionen. Speziell in der abendländischen Tradition aber spielt der Unterschied von Glauben und Wissen eine bedeutende Rolle. Es wäre ein eigenes Thema zu untersuchen, warum das so ist, ob dafür zum Beispiel die spezifisch christlich-römische Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie (Aristoteles, Neuplatonismus) verantwortlich ist. Fakt ist, dass das Thema „Glaube und Wissen“ ein heraus ragendes Thema der Theologie und der Philosophie war und – erstaunlicherweise – wieder ist.

Im mittelalterlichen Denken nötigte die Rezeption vor allem der Schriften des Aristoteles zu einer Auseinandersetzung mit der philosophischen Erkenntnis. Für die scholastischen Theologen war es selbstverständlich, dass der Glaube an den Gott, wie er im römischen Christentum verehrt wurde, die Voraussetzung dafür war, überhaupt zu wahrer Erkenntnis zu gelangen. Wurde Gott als wahrhaftiges Sein und höchstes Gut anerkannt, dann war es nur vernünftig, ausgehend von dieser alles bestimmenden Wirklichkeit die weiteren Dinge der Welt zu erkennen und zu beurteilen. Insofern galt der Glaube an Gott und seine Offenbarung als Voraussetzung alles Wissens. Die Philosophie als Weltwissen war nur im Gefolge der Theologie als Gotteswissen denkbar: Theologiae ancilla philosophia – der Theologie Dienerin ist die Philosophie. Was aus heutiger Sicht vermessen klingt, ist aus früherer Sicht nur vernünftig und logisch. Verschiedene Gottesbeweise sollten diese Vernünftigkeit untermauern. Anselm von Canterbury († 1109) spitzte das Thema zu. Der Glaube sucht nach wahrer Erkenntnis (fides quaerens intellectum), was zweierlei bedeutete: Erst auf der Basis des Glaubens ist wahre Erkenntnis möglich (credo ut intelligam), und zweitens, der Glaube ist nicht blind, sondern sucht seine Grundlagen zu erkennen (intellectus fidei). Daraus folgten die Gottesbeweise, welche die Existenz Gottes aus vernünftigen Gründen (Schlussverfahren) darlegen sollten.

Spätestens mit Immanuel Kant ist die selbstverständliche Vereinbarkeit von Offenbarung und Vernunft, von Glaube und Wissen zerbrochen. Existenz ist keine Eigenschaft, die sich deduzieren lässt, das macht den ontologischen Gottesbeweis unsinnig. Die anderen Formen von Gottesbeweisen werden allein schon durch die strikte Beschränkung dessen, was zu wissen möglich ist, auf Anschauung und Begriffe („Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauung sind leer.“) in Raum und Zeit, die apriori auf den Kategorien des Verstandes beruhen. Die Grenzen der theoretischen Vernunft bestimmen die Grenzen des Wissens. Nur in der praktischen Vernunft, der Ethik, hat der Glaube an Gott noch einen Sinn als regulative Idee. Von diesem Auseinanderfallen von Glauben und Wissen ist das neuzeitliche Denken geprägt. Die moderne Wissenschaft hat es nicht mit Glauben, sondern mit vernünftig möglicher Erkenntnis zu tun. Von diesem Wissensbegriff her hat der Glaube seine Vorrangstellung und seine Gewissheit verloren.

Umso bemerkenswerter ist es, dass in letzter Zeit das Thema Glaube und Metaphysik auch in der Philosophie wieder aktuell ist. Nach einer längeren Phase der Dominanz der Analytischen Philosophie und einer szientistisch orientierten Erkenntnistheorie scheinen doch bestimmte Fragestellungen, die bisher der angeblich überholten Metaphysik zugeordnet wurden, keineswegs erledigt zu sein. Die Fragen nach „dem Sein“ (Ontologie), nach „der Welt“ (neuer Realismus), nach ungeklärten Voraussetzungen des Wissens (Epistemologie) und nach dem „Sinn des Ganzen“ (Teleologie) stehen erneut auf der Tagesordnung der Philosophie. Das muss nicht in der Form der Zustimmung geschehen. Aber auch die Kritik will begründet sein. Das Buch von Ansgar Beckermann, Glaube (2013) fragt ausdrücklich nach den epistemischen Gründe für den Glauben an Gott. Seine Position, dass es keine vernünftigen Gründe dafür gibt, an die Existenz Gottes zu glauben, ist eine wohl begründete These – aber gerade kein selbstverständlicher common sense. Dagegen skizziert Thomas Buchheim (LMU München) in einem Aufsatz, inwiefern das Thema „Philosophie und die Frage nach Gott“ durchaus vernünftige und offene Fragestellungen für philosophisches Denken enthält.

„Näher betrachtet, sind es drei rationale Leitfäden, die die Philosophie von Beginn an auf die Frage nach Gott gelenkt haben: (1) die Selbstkontrastierung des Sterblichen gegenüber dem Unsterblichen; (2) der Versuch einer zureichenden Begründung des Begründungsbedürftigen; (3) Gott als spekulativer Konjunktiv philosophischer Betrachtung.“ (Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie 2013 Bd. 55/2 S. 121). Als Ergebnis formuliert Buchheim: „Es sage also keiner, dass die Philosophie, recht und modern verstanden und nach heutigen Standards des Vernünftigen, die Frage nach Gott endlich als eine vorgestrige sich selbst überlassen sollte. Ließe sich die Philosophie dazu überreden, hieße das, so meine ich, dass sie sich, als eminent ein Unternehmen der Vernunft, selbst aufgeben würde.“ (a.a.O. S. 135)

Damit geraten auch die religionsphilosophischen Konzepte von Alvin Plantinga wieder stärker in den Fokus der Diskussion, wie die zunehmende Häufigkeit seiner Zitation zeigt. Der medial allgegenwärtige Peter Sloterdijk hat das Thema schon längst wieder entdeckt (u.a. in Gespräche über Gott, Geist und Geld, 2014). Das sind immerhin Anzeichen für einen Wandel in der Einstellung der heutigen Philosophie. Und das Plädoyer für eine neue metaphysische Diskussion kommt nicht nur von der Seite der Religionsphilosophie. Ein Kritiker der „dogmatischen“ Methoden der physikalistischen Wissenschaft einschließlich der analytischen Philosophie ist der Zürcher Philosoph Michael Hampe in seinem Buch Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik (2014). Hier geht es letztlich darum, dass auch der Wissenschafts- und Wirklichkeitsbegriff der heutigen Naturwissenschaften keineswegs voraussetzungslos ist. Die ihnen zugrunde liegenden „Gewissheiten“ werden nur nicht ausdrücklich thematisiert. Genau dies aber ist die Aufgabe kritischer Erkenntnistheorie und der Philosophie insgesamt. Der „Glaube an die Wissenschaft“ ist mehr als nur ein Schlagwort.

Um Wissenschaft und Vernunft nicht als dogmatisch und borniert diskreditieren zu lassen, sind hier gründliches Denken und Kritik absolut vonnöten. Nur ein Wissen, das sich seiner Voraussetzungen, seiner Grenzen und seiner Methoden bewusst ist und sich darüber auch Rechenschaft ablegt, ist vernünftig. Beckermanns Nachfrage nach der „epistemischen Vernünftigkeit“ des Glaubens an Gott setzt daher durchaus richtig an. Die Frage muss nur auch in die andere Richtung gestellt werden, inwiefern sich die Vernunft ihrer selbst sicher und gewiss sein kann. Jedenfalls ist diese Aufgabe der heutigen philosophischen Diskussion umso wichtiger, als es der Verunglimpfung und Diffamierung des „Schulwissens“ entschieden entgegen zu treten gilt. Obskurantismus gibt es schon genug in der Welt. Wir haben nur unsere Vernunft, um Wissen und Gewissheit (Glauben) zu erlangen. Wir sollten sie vielleicht auch spekulativ, in jedem Falle aber (selbst-) kritisch einsetzen und sie nicht dogmatisch missbrauchen.

Feb 142015
 
Die Welt

[Philosophie] Die Welt ist alles, was es gibt. Aber was gibt es alles? Ist die Welt der Globus, der Kosmos, das Universum? Bedeutet „es gibt“ dasselbe wie „es existiert“, „es ist vorhanden“, „es ist real“? Ist „real“ dasselbe wie „wirklich“und „wahr“? Was meint „alles“? Wirklich alles, allumfassend? Und wenn ich mir nun noch irgend etwas hinzu denke, formal ausgedrückt „n+1“? Dann wäre doch dies erst alles. Aber ich kann mir immer wieder „eins“ oder „etwas“ hinzu denken. „Alles“ ist niemals abgeschlossen. Wenn die Welt alles ist, was es gibt, dann ist sie niemals abgeschlossen, dann ist die Welt auch nicht alles, was es gibt. Aber schon in der Mathematik kann man lernen, dass zum Beispiel die Menge der rationalen Zahlen zwischen 0 und 1 unendlich ist. Auf „die Welt“ übertragen hieße das, dass unendlich viele Elemente (Dinge, Tatsachen, Ereignisse) ein allumfassendes Ganzes nicht ausschließen. Die Welt wäre dann eben „alles, was es gibt“ innerhalb eines […]